weg!«
Aber Friederike stellte sich breitbeinig an den Zaun und meckerte laut und
zornig. Da schlich sich Mariele beschämt an das Schotenbeet und begann
seufzend jedes Unkräutchen auszuziehen. Einigemal warf sie einen scheuen
Blick nach dem Zaun, da stand Friederike immer noch und sagte jedesmal
mahnend: »Meckmeck, meckmeck!« Und Mariele wagte es nicht, ihre Arbeit im
Stich zu lassen, sondern jätete so fleißig wie noch nie.
Eines schönen Tages spazierte die brave, gebildete Friederike wieder im
Dorf umher. Es war recht warm und sonnig, obgleich der September gerade
dabei war, sich wieder einmal für ein Jahr aus dem Staube zu machen. Am
Tag vorher war das Erntedankfest in Oberheudorf gewesen, bei dem es
recht lustig zugegangen war. Alle Leute waren noch müde von dem Festtag,
und so war es stiller als sonst im Dorf. Außer dem Gackern einiger
Hühner hörte man kaum einen Laut. Bedachtsam wandelte Friederike ihres
Weges. Das Hoftor des Wirtshauses stand weit offen, aber auf dem Hofe
war kein Mensch zu sehen. Kastor, der Hüter des Hauses, blinzelte nur
ein wenig, als Friederike den Hof betrat. Diese guckte in die Scheune,
in den Stall, sah sich eine Weile tiefsinnig den Düngerhaufen an und
wandelte dann um das Haus herum bis an die Tür, die in den Garten führte.
Dort standen zwei leere Bierfässer und daneben in einer großen, braunen
Schüssel abgestandenes Bier. Es waren Reste aus den Fässern, die für
Hans Rumps aufgehoben wurden. Der Nachtwächter aß nämlich für sein Leben
gern Biersuppe, und dazu, meinte er, sei das abgestandene Bier ganz gut,
frisches Bier sei zu teuer.
»Was ist denn das?« dachte Friederike und sog den Bierdunst ein. Es
ist nicht zu glauben, aber die tugendsame Friederike war so neugierig,
daß sie an dem Bier zu lecken begann. Sie leckte erst zaghaft, dann
immer mehr und mehr, denn sie hatte Durst, und das Bier schmeckte ihr
vortrefflich. Hätte die Ziege gewußt, was für ein gefährliches Ding
Bier ist, sie hätte sich wohl gehütet, davon zu trinken, aber Muhme
Lenelis hatte nie Bier im Hause, woher sollte es Friederike da wohl
kennen? Sie trank und trank, und auf einmal war die Schüssel leer. »Das
hat gut geschmeckt!« dachte Friederike und trat den Rückweg an.
Aber was war denn das? Kastor sah die gebildete Friederike ganz erstaunt
an: die hopste ja kreuz und quer, taumelte bald nach rechts, bald nach
links, einmal stieß sie an die Pumpe an, einmal an das Scheunentor, und
pardauz lag sie in einer großen Pfütze.
Es dauerte lange, bis Friederike wieder hoch kam. Endlich aber gelang es
ihr, sich aufzuraffen, und sie wankte und schwankte nun zum Hoftor hinaus.
Bald rechts, bald links an einen Baum oder einen Zaun anstoßend, geriet
die Ziege auf ihrer seltsamen Wanderung an des blauen Friedes elterlichen
Hof. Die Bäuerin hatte mal wieder gefärbt, und über den Zaun waren nasse
Stoffstücke gehängt. Bums! torkelte Friederike daran. Der Stoff war naß
und kühl, und der Ziege war es furchtbar heiß. Sie rieb sich also eine
Weile an dem nassen Zeug und taumelte dann mit einem großen blitzblauen
Fleck auf dem weißen Fell weiter.
Beim Schnipfelbauer lehnte an der Hausmauer ein schön rot und grün
gestrichenes Blumenbrett, und die unglückselige Friederike, die gerade
nach links schwankte, plumpste an das frisch gestrichene Brett. Nun
hatte sie grüne und rote Streifen auf der andern Seite, und was sonst
noch von ihrem weißen Fell übrig war, sah schmutzig aus.
Vor dem Schulzenhof stand Jakob mit Heine Peterle, Annchen Amsee und
Röse.
»Seht doch mal, was kommt denn da?« rief Annchen plötzlich.
»Das ist 'ne Ziege,« brummte Jakob.
»Ja, aber wie sie aussieht!« schrie Annchen verwundert.
»Die ist ja blau!« rief Heine Peterle.
»Nein, grün!« -- »Nein, rot!« schrien Annchen und Jakob, die gerade die
andere Seite erblickten.
Mit offenem Munde starrten die Kinder auf das seltsame Tier, das näher
gewackelt kam und schauerliche, heisere Töne ausstieß.
»Das ist mir graulich,« quiekte Röse plötzlich und rannte in das Haus,
um die Großmutter herbeizurufen.
Arm in Arm kamen gerade die einstigen Feinde, der blaue Friede und der
dicke Friede, die Dorfstraße entlang. Beide blieben verdutzt stehen,
als sie die Ziege erblickten. »Das ist ja eine Kasperleziege!« schrie
der dicke Friede erstaunt.
»Ich hol' Schuster Pechdraht, der wird wissen, was das ist,« sagte
Heine Peterle und lief in das Schusterhaus.
Es dauerte nicht lange, so verbreitete sich die Nachricht von dem
schrecklichen Tier im ganzen Dorf, und natürlich kamen zu allererst
sämtliche Kinder mit großem Geschrei an. Die Ziege lehnte mit verglasten
Augen an einem Zaun und meckerte kläglich, und die Kinder standen alle um
sie herum. Auf einmal rief Anton Friedlich: »Das ist doch Friederike! Ich
kenn' sie doch am Halsband!«
»Friederike?« schrien die Kinder wie aus einem Munde. »Wirklich, es ist
Friederike! Aber Friederike, was hast du denn gemacht?«
»Sie stirbt,« jammerten Röse und Annchen.
»Ihr wird schlecht,« murmelte der dicke Friede, und der blaue Friede
und Schnipfelbauers Fritz liefen, was sie konnten, um Muhme Lenelis
herbeizuholen.
Die alte Frau schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und die hellen
Tränen rannen ihr über das gute Gesicht, als sie ihre Ziege in dem
Zustand erblickte. »Sie ist krank, sie stirbt!« schluchzte sie.
»Sie hat sich vergiftet,« sagte der Schulze mit bedenklicher Miene,
»sie sieht ja ganz blau aus.«
»Nein, grün und rot, wie mein Blumenbrett,« rief die Schnipfelbäuerin.
»So was kommt doch nicht vom Vergiften.«
»Aber krank ist sie,« sagten alle, nur Mine, die Wirtsmagd, sagte plötzlich
kichernd. »Ich glaube, sie ist betrunken. Ich habe gesehen, wie sie bei uns
Bier gesoffen hat; wie ich dann nachsah, war die Schüssel leer.«
Betrunken? Friederike sollte betrunken sein?
Sprachlos sahen sich alle an, nur Schuster Pechdraht lachte und meinte.
»Mine kann schon recht haben!«
Und sie hatte auch recht: die tugendhafte, kluge Friederike hatte sich
wirklich betrunken. Sie wurde in den Stall getragen, und Muhme Lenelis
legte ihr ein kaltes Tuch auf den Kopf. Und Friederike schlief ein und
schlief vierundzwanzig Stunden lang. Immer wieder kamen die Kinder fragen.
»Schläft sie noch?« und immer wieder antwortete dann Muhme Lenelis traurig
»Ja, sie schläft noch.«
Anton Friedlich meinte: »Ich glaube, Muhme Lenelis, sie tut nur so,
weil sie sich schämt!«
Es war wirklich eine schreckliche Geschichte. In Oberheudorf kannte
man glücklicherweise keine betrunkenen Menschen, von einer betrunkenen
Ziege aber hatte man noch nie etwas gehört. Jeder war entrüstet über
Friederikes Benehmen, und die Kinder hatten allen Respekt verloren.
Wenn sie Friederike mit ihren roten, blauen und grünen Flecken, die
gar nicht abgehen wollten, sahen, lachten sie sie aus. Darüber kränkte
sich Traumfriede sehr, und er sagte immer: »Friederike kann doch nichts
dafür! Sie hat doch nicht gewußt, daß Bier so schlimm ist!«
»Aber sie hat genascht,« sagte Anton Friedlich und dachte dabei an die
Butterbirnen.
Das war nun wahr, dafür mußte die arme Friederike jetzt ihre Strafe
leiden. Die Kinder aber lachten nicht lange mehr, denn Friederike
zeigte bald, daß sie wirklich gebildet war.
An einem Oktobertag nämlich lag der Knecht des Waldbauern auf dem
Grasberg am Hause und schlief, statt im Stall nach dem Rechten zu
sehen. Der Bauer war fortgegangen, und der Knecht dachte, wie auch oft
faule Kinder denken: »Es sieht's ja niemand!«
Oben am Berg suchte Friederike einsam nach Gräsern, als sie den schlafenden
Knecht erblickte. Sie kam näher, und plötzlich sprang sie ihm mit einem
kühnen Sprung so heftig auf den Leib, daß der Knecht erwachte. »Wart, du
abscheuliches Tier!« rief er empört und wollte die Ziege fangen, aber diese
rannte eilig davon. Da der Knecht nun einmal munter war, ging er brummend
auf den Hof. Da kam er aber gerade zur rechten Zeit, um ein braunes Tier im
Hühnerstall verschwinden zu sehen -- es war ein Marder. Heisa, da rannte
aber der Knecht, so schnell er konnte, dem gefährlichen Räuber nach und
trieb ihn aus dem Hühnerstall heraus. Am nächsten Tag wurde der Marder dann
in einer Falle gefangen.
»Potzwetter nochmal,« sagte der Knecht, »Friederike ist aber wirklich
gebildet. Denn warum ist sie mir auf den Leib gesprungen? Doch nur, weil
sie den Marder gesehen hatte.«
»Friederike ist wirklich sehr klug,« sagten auch alle Leute im Dorf.
»Das mit dem Bier war eben mal ein dummer Streich, aber sonst ist sie
doch anders als andere Ziegen!«
Seitdem hatten die Kinder wieder Respekt vor Friederike, die übrigens nie
mehr eine Dummheit gemacht hat.
[Illustration: Mann und Ziege]
[Illustration: Dekoration]
Das Ständchen.
Daß die Oberheudorfer Buben und Mädel den Herrn Lehrer manchmal weidlich
ärgerten und ihm das Leben recht schwer machten, wird jeder glauben, der
es hört. Jeder darf es aber auch getrost glauben, daß die Oberheudorfer
Kinder ihren Lehrer herzlich lieb hatten, wenn es auch manchmal nicht sehr
zu spüren war. Es kann wenigstens niemand denken, daß es Liebe ist, wenn
die Buben während der Stunde mit Papierballen schnipsen oder sich unter
dem Tische knuffen und puffen, oder wenn die Mädel schwatzen, als wären
sie Gänslein, die auf der Weide herumspazieren. Für Liebe läßt es sich
auch schwer halten, wenn die Kinder handgroße Kleckse in die Schreibhefte
machen und für die Lesestunde ihre Rechenbücher mitbringen oder aus
Versehen (so haben sie wenigstens gesagt) ihre Honigbrote verkehrt auf
den Stuhl des Herrn Lehrers legen, daß der Honig auf dem Stuhl kleben
bleibt und der Lehrer dann auch festklebt. Daß es gerade Liebe war, als
Schnipfelbauers Fritz einen Kasten voll Maikäfer mitbrachte, die er in
der Geographiestunde fliegen ließ, und Anton Friedlich eine Maus ins Pult
steckte, die dem Herrn Lehrer beinahe an die Nase sprang, wird niemand
denken. Und ähnliche Liebesbeweise gab es öfter in der Oberheudorfer
Schule, und doch liebten die Buben und Mädel ihren Lehrer wirklich
aufrichtig. Sagten die Niederheudorfer Kinder: »Unser Lehrer ist gut,«
dann schrien die Oberheudorfer sicher, so laut sie konnten: »Unser Lehrer
ist viel, viel besser!«
Der Herr Lehrer selbst war von dieser großen Liebe nicht sehr überzeugt,
und als man ihm eines Tages eine Stelle in der Stadt anbot, sagte er,
er wolle sich die Sache überlegen. Noch ehe er aber ja oder nein gesagt
hatte, erfuhren die Oberheudorfer davon, und die Kinder erschraken heftig.
Standen zwei in diesen Tagen zusammen, so sagten sie sicher zueinander:
»Glaubst du, daß er geht?«
Es war so gerade um die Frühlingswende. Der Schnee begann Abschied von der
Erde zu nehmen, und die Kinder, die im Winter sein Erscheinen mit Jubel
begrüßt hatten, klagten: »Wenn er doch erst weg wäre!«
Friede Hopserling, der Müllerknecht, der noch immer Heine Peterles
besonderer Freund war, stand auf dem Mühlenhof und strich den Mehlwagen
von oben bis unten mit himmelblauer Farbe an. Heine Peterle, Schulzens
Jakob und noch etliche andere Buben kamen gerade an der Mühle vorbei, und
als sie Friede Hopserling sahen, liefen sie rasch auf ihn zu und begrüßten
ihn sehr lebhaft und freudig.
»Hm,« sagte Friede Hopserling, der nicht gern viel sprach, aber gern
Gesellschaft um sich hatte.
»Weißt du schon, Friede, daß der Herr Lehrer weggeht?« begann Schulzens
Jakob die Unterhaltung.
»Nä!« sagte Friede und schwenkte eine Weile vor Erstaunen seinen Pinsel
in der Luft herum. Beinahe wäre er Anton Friedlich damit ins Gesicht
gefahren, der flüchtete aber gerade noch zur rechten Zeit.
»Du weißt das nicht?« rief Heine Peterle überrascht.
»Nä!« brummte Friede Hopserling und strich weiter.
»Er geht in die Stadt,« schrien die Buben auf einmal.
»Na so!« sagte Friede.
»Ja, in die Stadt,« klagte Heine Peterle. »Er soll doch lieber hierbleiben.
Meinste nicht auch, Friede?«
»Nä!« brummte der.
»Na nu,« schrien sämtliche Buben überrascht, »warum denn nicht?«
Friede Hopserling grinste höhnisch und fuchtelte mit seinem Pinsel in der
Luft herum. »Weil ihr nischt taugt, die Stadtkinder sind besser!«
»Pfui, Friede!« Ein Schrei der Empörung durchgellte die Luft. »Das ist
frech!« schrie Anton Friedlich und schnappte vor Wut nach Luft wie ein
Frosch, der Fliegen fangen will. Die andern echoten: »Ja, das ist frech!«
»Na so!« sagte der Knecht kaltblütig und strich weiter, auf seinem
Gesicht aber lag ein verschmitztes Lachen, daß die Buben merkten, er
habe sie nur zum besten gehabt.
»Pfui, Friede, das war schlecht!« sagte Heine Peterle, schon wieder
versöhnt. »Sag doch, womit können wir dem Herrn Lehrer eine Freude
machen? Weißt du, wenn er sich sehr freut, bleibt er vielleicht.«
»Aber 's darf nichts kosten,« rief Schnipfelbauers Fritz vorsichtig. Er
besaß nämlich nur fünf Pfennig, und dafür wollte er sich beim Krämer
einen Kreisel kaufen.
»Hm,« machte Friede Hopserling und versank in tiefes Nachdenken. Die
Buben standen still und andächtig um ihn herum, denn wenn Friede
nachdachte, durfte er nicht gestört werden, er konnte dann fuchswild
werden.
»Bringt doch ein Ständchen!« sagte er nach einer Weile und sah sich
stolz im Kreise um.
»'n Ständchen? Was ist denn das?« riefen alle Buben erstaunt.
»'n Ständchen,« sprach Friede Hopserling langsam und bedächtig, »das
ist, nu das ist eben -- hm -- das ist -- ein Ständchen!«
Verdutzt sahen die Buben einander an. Recht verständlich war ihnen
diese Erklärung nicht, und Schnipfelbauers Fritz rief naseweis wie
immer: »Aber sag doch nur, was ist ein Ständchen?«
Friede Hopserling sah den Buben strafend an und erhob drohend seinen
Pinsel. Da verkroch sich der Naseweis hinter Schulzens Jakob und hielt
seinen Mund; wenn Friede ein solches Gesicht machte, war nicht gut
Kirschen essen mit ihm.
»Hm, na so, ein Ständchen, hm, da wird Musik gemacht,« erklärte Friede
Hopserling weiter. »Bei den Soldaten, da hab'n wir ein Ständchen gebracht,
hm, ich hab' aber nur zugehört, unser Oberst wollte auch abgehen.«
»Ist er dann geblieben?« riefen drei Buben hoffnungsfreudig.
»Nä,« sagte Friede Hopserling etwas verwirrt, »hm, nu so, aber fein war's.«
Fein war's! Das Wort machte die Buben noch neugieriger, als sie ohnehin
waren. Sie bettelten so lange, bis Friede Hopserling sich stöhnend zu
einer näheren Erklärung entschloß. Ja, schließlich versprach er noch,
er wolle die Leitung des Ganzen übernehmen. Sehr musikalisch waren die
Oberheudorfer Buben gerade nicht, aber Anton Friedlich fragte doch, ob
man nicht ein besonderes Stück spielen müsse.
»Nä,« sagte Friede gelassen, der von Musik so viel verstand wie ein
Essenkehrer von der Feinplätterei. »'n Stück ist nicht nötig, nur recht
laut muß es sein, und 'ne Trommel und 'ne Trompete gehören dazu, dann
wird's fein.«
Schulzens Jakob besaß zwar eine Trommel, aber die hatte schon ein Loch,
und die Trompete vom blauen Friede hatte das Mundstück verloren. Woher
also die Instrumente nehmen?
Doch Friede Hopserling erwies sich als Retter. Sein Schwager in
Niederheudorf besaß eine Trommel, die wollte er borgen, und der
Oberheudorfer Küster hatte eine Trompete und ein Waldhorn.
»Das haben wir auch,« rief Heine Peterle.
»Na so,« sagte der Knecht, »zwei sind besser als eins! Kasper auf dem
Berge hat 'ne Geige, die wird auch geholt, na, und wer nischt hat, der
kann pfeifen oder singen.«
»Ich kann singen,« schrie der blaue Friede und stimmte mit krähender
Stimme an: »Heil dir im Siegerkranz!«
Aber Anton Friedlich sagte noch einmal: »Wenn wir ein Stück hätten,
wär's doch besser!«
»Nä,« schrie Friede Hopserling empört, und diesmal schwang er seinen
Pinsel so heftig, daß Anton einen großen blauen Fleck auf die linke
Backe bekam. »Wenn du's besser wissen willst, denn man los! Was ich
weiß, weiß ich; beim Ständchen kommt's nur auf den Lärm an, nu so!«
Da wagte auch Anton keinen Widerspruch mehr und fügte sich in Friede
Hopferlings Vorschlag »Sollen die Mädel mittun?« fragte Schulzens
Jakob, der an seine Schwester dachte.
»Nä,« beschied der Müllersknecht, »Mädel haben bei so was nichts zu
tun, die dürfen nur zuhören.«
»Das ist fein,« lobte Schnipfelbauers Fritz, »wir Buben machen's
alleine!« Und dabei blieb es.
Von diesem Tage an flüsterten und wisperten die Oberheudorfer Buben
zusammen, wo sie sich nur trafen. Begegneten sich zwei unversehens,
dann rief der eine »traratrara«, und der andere antwortete »bumbum«,
denn in Gedanken spielten sie schon die Instrumente, die Friede
Hopserling ihnen zuerteilt hatte.
Schuster Pechdraht, der das Bumbum und Traratrara einmal hörte, sagte:
»Da wird eine rechte Dummheit zusammengeschustert. Ich seh's den Buben
an den Nasenspitzen an, daß sie was vorhaben!«
Es mußte auch jeder merken, daß sie ein Geheimnis hatten. Am
allergeheimnisvollsten aber taten die Buben, wenn die Mädel in der Nähe
waren. Da wisperten und tuschelten sie, pfiffen, summten und lachten.
Sie zwinkerten sich zu und riefen laut und protzig: »Uh je, wird das
fein werden!«
Fragte ein Mädelchen, was fein werden würde, dann lachten die Buben
noch mehr und riefen alle zusammen: »St! St!« Das sollte Ständchen
heißen, was die Mädel freilich nicht wissen konnten. Natürlich wurden
diese ganz gewaltig neugierig, und sie gaben sich die größte Mühe, das
sorgsam gehütete Geheimnis herauszubekommen. Doch alles Forschen und
Fragen half nichts. Selbst Annchen Amsee, die sonst alles wußte und
überall ihre kleine Nase hineinsteckte, konnte nichts erfahren. Sie
wurde darüber so böse, daß sie ihren Freundinnen erklärte, sie würde
nie wieder mit einem Buben sprechen. Eine halbe Stunde später aber
schwatzte sie schon wieder mit Heine Peterle.
Es war an einem Märztage. Da sagte Muhme Lenelis: »Es riecht nach
Frühling!« Sie guckte zu ihrem Fenster heraus und ließ sich behaglich
den sanften warmen Wind um die Ohren wehen und dachte an Sommerwärme,
Sonnenschein und blühende Gartenbeete. Der Schnipfelbauer dachte an
seine neue Scheune, die er bauen lassen wollte; die Hausfrauen sprachen
von dem großen Frühjahrsreinemachen; die Mädel überlegten, ob sie
Schneeglöckchen suchen sollten, und die Buben -- ja, die waren an
diesem warmen Märztage auf einmal spurlos verschwunden. Als hätte der
Tauwind sie aufgeleckt, wie er es mit den letzten Schneefleckchen getan
hatte, so unsichtbar waren sie geworden. Die Dorfstraße, die sonst
von ihrem Geschrei widerhallte, war einsam und still, und Schuster
Pechdraht schüttelte verwundert den Kopf: »Wo mögen sie nur sein?«
Die Mädel saßen allesamt im Schulzimmer. Sie hatten Handarbeitsstunde bei
der Frau Lehrer, die es auf sich genommen hatte, ihnen das Nähen, Stricken
und Sticken beizubringen. Sonst tobten um diese Zeit die Buben draußen
gewaltig um das Schulhaus herum, und ihr lustiges Spiel entlockte den
armen Mädeln manch tiefen Seufzer. Bäckermeisters Mariele, die ohnehin
mit Nadel, Zwirn und Fingerhut auf Kriegsfuß stand, machte dann stets
ellenlange Stiche, ihr riß der Faden, oder sie schnitt unversehens ein
Loch in ihre Arbeit. Trotzdem heute nun kein Bube draußen lärmte, hatte
Mariele doch wieder Pech mit ihrer Arbeit gehabt, sie hatte das Hemd, das
sie nähte, unten zusammengenäht statt an der Seite, und die Frau Lehrer
hielt ihr gerade eine Strafrede, als ein seltsam dumpfes, verworrenes
Geräusch in das Schulzimmer hineindrang.
Alle horchten auf.
Die Mädel rückten ängstlich zusammen, und die Frau Lehrer machte ein
nachdenkliches Gesicht. »Klingt das nicht wie Feuerlärm?« fragte sie
plötzlich.
Ein wahres Zetergeschrei erhob sich. »Feuer, Feuer!« quietschten die Mädel,
und einige kletterten gleich auf die Tische, als käme das Feuer schon zur
Türe hereinspaziert und sagte guten Tag. Der Lärm hielt an, und die Frau
Lehrer dachte voll Angst an ihre beiden kleinen Kinder, die sie unter der
Obhut eines Dienstmädchens zurückgelassen hatte. »Wir wollen aufhören,«
rief sie rasch. Im Nu waren alle Arbeiten in die Beutel versenkt, und die
Mädel liefen schreiend auf die Straße: »Es brennt, es brennt!«
Die Erwachsenen hatten auch das Getöse gehört, und einer fragte den andern:
»Wo brennt es denn?«
Der Schulze ließ eilfertig das Spritzenhaus aufschließen und rief: »Sagt
nur, wo's raucht!«
Rauchen tat es aber eigentlich überall, es war gerade Zeit, den
Nachmittagskaffee zu kochen, und so stieg beinahe aus jedem Schornstein
lustig ein blaues Rauchwölkchen in die Luft.
»Wo brennt's denn nur?« schrie der Schulze aufgeregt. Da kam der
Nachtwächter, der Feuerlärm blasen mußte, an und sagte ruhig: »'s
brennt nirgends, und überhaupt hat Friede Hopserling mein Horn geholt,
ich kann nicht blasen!«
»Dummkopf!« schrie der Schulze. »Aber sagt doch, woher kommt der Lärm?«
Alle lauschten. Immer fürchterlicher wurde das Getöse, aber wo es herkam,
konnte niemand recht sagen, denn der Wind blies die Töne bald hierhin,
bald dorthin.
»Ich denk', das ist gar Krieg, uh je, und nun ist mein Horn weg!« schrie
der Nachtwächter Hans Rumps, der nicht gerade zu den klügsten Leuten
gehörte, ratlos.
»Unsinn,« rief der Schulze, »das sind Zigeuner!«
»Ja, sicher sind's Zigeuner,« meinten alle und blieben stehen, um die
Ankömmlinge zu erwarten. Aber niemand ließ sich blicken, die Hunde
heulten, und das Getöse hielt an.
»Ich weiß, wo's lärmt,« schrie Annchen Amsee plötzlich, die atemlos
angelaufen kam und ihre Schürze wie eine Siegesfahne schwenkte. »In
des Müllers Scheune ist's, man hört es von draußen.«
Die Scheune des Müllers lag am Eingang des Dorfes; sie war alt und
baufällig und sollte bald abgerissen werden. Dach und Gemäuer hatten so
viele Löcher wie ein Schweizerkäse, sie wurde darum auch nicht benutzt. Je
näher die Dorfbewohner der Scheune kamen, desto lauter wurde das Getöse.
Zuletzt meinten alle, einen so erschrecklichen Lärm hätten sie noch nie
gehört.
»Das sind gewiß Zigeuner,« schrie der Schulze wütend, Hans Rumps, der
Nachtwächter, aber seufzte: »Feinde sind's, nu gibt's Krieg!« Und weil
er nicht die geringste Sehnsucht nach diesen Feinden hatte, blieb er
vorsichtig etwas zurück, um ja so schnell wie möglich ausreißen zu können.
Der Schulze aber war nicht so zaghaft. Tapfer schritt er auf die Scheune
zu und riß so heftig die Türe auf, daß diese gleich aus den Angeln fiel
und beinahe auf den Schulzen gefallen wäre.
»Bumbum, traratrara, dudeldududldi, dudeldudeldei!« so tönte es den
Eintretenden entgegen, die ganz verdutzt stehen blieben.
Auf einer Tonne inmitten der Scheune stand Friede Hopserling und fuchtelte
mit einem Stock so wild in der Luft herum, als säße er mitten in einem
Schwarm Wespen, die ihn alle stechen wollten. Um Friede herum aber standen
die Oberheudorfer Buben und trompeteten, geigten, trommelten und sangen,
was sie nur konnten, und es war ein solches Getöse, als sollten die
Scheunenmauern umgeblasen werden wie einst die Mauern von Jericho.
»Alle Wetter, was ist das?« schrie der Schulze.
Doch niemand hörte ihn. Die andern Dorfbewohner kamen ihrem Schulzen
in die Scheune nach, und alle starrten verblüfft auf die eifrigen
Musikanten. Die drehten dem Eingange den Rücken zu und sahen die
unerwarteten Zuschauer nicht, nur Friede Hopserling erblickte plötzlich
den Schulzen und die andern Leute.
Als sähe er Gespenster, so starrte er sie eine Weile an, dann sprang er
plötzlich mit einem kühnen Satz von seiner Tonne herunter und -- bumbum,
gab es einen fürchterlichen Krach. Es tönte dumpf und schauerlich, und
sämtliche Buben brachen in ein wildes Angstgeheul aus und flüchteten sich
in die Ecken.
Die Dorfleute aber sahen voll Entsetzen zwei in blauen Hosen steckende
Beine in der Luft herumzappeln -- Friede Hopserling war in die große
Trommel gefallen.
Das Trommelfell war geplatzt, und der arme Friede steckte in der Trommel
wie eine Maus in der Falle. Zwei Bauern zogen ihn heraus, weil er aber so
heftig auf den Kopf gefallen war, dauerte es eine ganze Weile, ehe er auf
alle Fragen, die man an ihn richtete, antworten konnte. Er stöhnte nur
immer: »Das verflixte Ständchen!«