mit kläglichen Mienen ihren Kapellmeister. Streng fragte der Schulze
nach der Ursache der sonderbaren Musik, und der Lehrer, der auch
herbeigekommen war, schüttelte erst ernsthaft den Kopf. »Ihr seid doch
heillose Buben!« sagte er seufzend.
Da faßte sich Schnipfelbauers Fritz ein Herz und erzählte die ganze
Geschichte, und als er fertig war, rief Friede Hopserling: »Fein wär's
schon geworden, 's klang zu scheene!«
Der Lehrer fing auf einmal an zu lachen, er lachte so herzlich, wie
ihn seine Buben noch niemals hatten lachen sehen, und sie hielten es
für das vergnüglichste mitzulachen. Auch der Schulze lachte und alle
andern Leute; selbst der Gedanke an die zerstörte Trommel konnte die
Heiterkeit nicht trüben. Die Buben nahmen ihre Instrumente, einige
schleppten die Trommel, und so zogen alle in das Dorf zurück.
Hans Rumpf, der draußen gewartet hatte, schrie, als er die Geschichte
erfuhr, hurra! und sagte nachher: »Wenn es doch Feinde gewesen wären,
so hätte ich sie alle allein verjagt, ganz gewiß, das hätte ich getan!«
Es glaubte ihm aber leider niemand.
Der Herr Lehrer ging nach Hause und erzählte seiner Frau die Geschichte,
und die Frau Lehrer lachte und sagte: »Gut sind sie halt doch die Buben,
wenn's auch manchmal verkehrt herauskommt!«
»Ja, gut sind sie halt doch,« murmelte der Herr Lehrer und ging in sein
Arbeitszimmer. Da brannte schon die Lampe auf dem Schreibtisch, aber
draußen war es noch ziemlich hell. Sinnend sah der Herr Lehrer in die
Dämmerung hinaus; er konnte noch wie eine dunkle Wand den Wald sehen,
und darüber stand blaß und licht der Himmel. Frei und schön war der
Blick von dem Fenster aus, und der Herr Lehrer dachte plötzlich an die
hohen, grauen Häuser der Stadt. Wie gut gefiel es ihm doch eigentlich
in Oberheudorf, alles darin -- auch die Kinder! Plötzlich mußte der
Herr Lehrer lachen, so herzlich wie in der Scheune, und diesmal lachte
er über sich selbst. Er wußte es mit einem Male, die Kinder gefielen
ihm am allerbesten. »Sie sind halt gut, wenn's auch mal verkehrt
rauskommt,« sagte er wie seine Frau. Er stand auf und ging zu dieser,
und dann sprachen beide ernst und fröhlich zusammen und sagten zuletzt:
»So soll es sein!« --
Als der Herr Lehrer am andern Morgen die Schule betrat, staunten die
Kinder ihn alle an. Er machte ein so frohes Gesicht, als hätte er sich
flugs etwas mit dem blanken Sonnenschein eingerieben, der ganz Oberheudorf
überstrahlte. Der Herr Lehrer klappte auch nicht wie sonst sein Buch auf
und sagte: »Wir wollen beginnen!« sondern stellte sich vor die Kinder hin
und sah sie prüfend an. »Kinder,« fragte er, »seid ihr wirklich traurig,
wenn ich fortgehe?«
Da blieben alle stumm, und all die blonden und schwarzen Kinderköpfe
senkten sich traurig.
Das Gesicht des Lehrers wurde noch fröhlicher, und er fragte weiter:
»Kinder, soll ich lieber bei euch bleiben? Wollt ihr mich behalten?«
Im Nu hoben sich alle Köpfe empor, blaue und braune Augen blitzten, und
in hellem Jubel erklang es: »Ach ja!«
»Nun gut, dann will ich bleiben,« sagte der Herr Lehrer. »Aus eurem
Ständchen, Buben, ist zwar nichts geworden, es hat mir aber doch gezeigt,
daß ihr mich lieb habt, darum will ich bleiben. Seid ihr zufrieden?«
»Ja, ja,« jauchzten die Kinder, und am allerlautesten schrien die
Buben, sie kamen sich ungeheuer wichtig vor. Sie redeten dann vier
Wochen lang nur von dem Ständchen, und daß es wundervoll geworden
wäre, -- wenn es nur stattgefunden hätte.
Die Bauern zahlten die zerrissene Trommel, und der Herr Lehrer blieb
zur allgemeinen Freude in Oberheudorf. Er ist noch da und wird wohl
auch dableiben, und die Oberheudorfer Buben und Mädel lieben ihn sehr.
Dummheiten machen sie freilich trotzdem, ja, und -- faul sind sie
mitunter auch, und der Herr Lehrer muß trotz aller Liebe oft genug
schelten. Hinterher aber, wenn der Ärger vorbei ist, denkt er dann wohl
an das Ständchen und sagt lächelnd: »Gut sind sie halt doch, wenn's
auch mal verkehrt herauskommt!«
[Illustration: Junge wird aus Trommel befreit]
[Illustration: Dekoration]
Es brennt überall.
Es war am Tage vor Weihnachten. Ganz Oberheudorf roch von einem Ende bis
zum andern nach Weihnachtsstollen und Tannenbäumen, nach Pfefferkuchen und
frisch gescheuerten Stuben. Wenn die Kinder über die Dorfstraße gingen,
dann schnupperten sie wie Mäuschen, wenn sie Speck riechen, und der dicke
Friede sagte: »Es riecht zum hungrig werden!«
Und so festlich weiß war alles! Auf den Dächern und Bäumen, auf den
Gartenzäunen, der Kirchturmspitze, ja selbst auf dem Brunnenschwengel
lag Schnee. Und so viel Schneemänner standen auf der Dorfstraße wie
Schutzmänner in einer großen Stadt. Es war so weihnachtlich weiß
und geheimnisvoll, als wäre Oberheudorf des Herrn Weihnachtsmannes
hochberühmte Residenzstadt. »Es kann wohl nirgends in der Welt schöner
sein,« sagte Traumfriede, der zum erstenmal Weihnachten bei Muhme Lenelis
feierte. Die Kinder träumten nur von Zinnsoldaten, Puppen, Baukasten und
Märchenbüchern, von flimmernden Tannenbäumen und süßen Pfefferkuchen. So
viel Tand und Spielzeug wie die Stadtkinder bekamen die Oberheudorfer
Buben und Mädel zwar nicht zu sehen, geschweige denn beschert, sie waren
aber darum nicht minder glücklich.
Am 23. Dezember sollte wie alljährlich in der Schule eine große
Weihnachtsfeier stattfinden. Der Herr Lehrer wußte die Feier immer
so besonders schön einzurichten, daß der Ruhm der Oberheudorfer
Weihnachtsfeier sogar bis nach Niederheudorf gedrungen war und von
dort immer etliche Leute heraufkamen, um dem Fest beizuwohnen. Die
Oberheudorfer Buben und Mädel waren auch gehörig stolz auf ihre
Weihnachtsfeier, bei der die beiden großen Schulstuben so geschmückt
waren, daß kein Mensch sie mehr für Schulstuben halten konnte. Um vier Uhr
begann die Feier, aber schon um drei Uhr tummelten sich Buben und Mädchen
im höchsten Staat auf der Dorfstraße herum, denn das »Feinmachen« gehörte
zu der Feier, wie der Kuchen zum Festtagskaffee gehört.
Trotz dieser seligen Weihnachtsfreude saß Waldbauers Mariandel am
Nachmittag dieses Tages in der Wohnstube ihres elterlichen Hauses und
weinte herzbrechend. Sie war ganz allein, die Waldbäuerin war mit dem
Festkuchen beim Bäcker, und der Bauer arbeitete im Stall. Mariandel
saß auf einer Bank in der Fensterecke und schluchzte bald laut, bald
leise. Da klopfte es, und gleich darauf öffnete sich die Tür, und der
dicke Friede guckte herein.
»Na, kommst du?« rief er.
»Huhu, huhu!« heulte Mariandel nun wieder ganz laut.
»Warum weinst du denn?« fragte Friede verdutzt. »Bist du hungrig?«
Hinter Friede kam noch jemand ins Zimmer: es war Annchen Amsee. Die
braunen Schelmenaugen blitzten übermütig, der rote Mund lachte, die
Bäckchen waren so rot wie ein roter Gummiball, das ganze Annchen sah
aus wie ein kleiner lustiger, pausbäckiger Weihnachtsengel.
»Sie heult,« sagte der dicke Friede verwirrt und deutete auf das
weinende Mariandel.
»Aber warum denn?« schrie Annchen Amsee erschrocken.
»Huhu, huhuhu!« schluchzte Mariandel, es klang jammervoll.
Da klopfte es wieder an der Tür, und herein kamen Schulzens Jakob und
seine Schwester Röse. Sie riefen schon an der Türe: »Kommt doch nur
schnell, sonst wird es zu spät!«
»Sie heult,« riefen Annchen Amsee und der dicke Friede und deuteten auf
Mariandel, die immer lauter weinte.
»Was fehlt dir denn?« riefen die vier Kinder, und Annchen setzte sich
neben die Freundin auf die Bank und tröstete sie so freundlich, daß
Mariandel endlich sprechen konnte. »Ich -- ich ha--habe ein Loch im
Kleid!« jammerte sie.
»Wo denn?« fragten die andern Kinder mitleidig.
»Zeig doch her!« rief Annchen Amsee. »Vielleicht kann es Muhme Lenelis
stopfen.«
Mariandel schüttelte traurig den Kopf. »Das geht nicht mehr!« Sie stand
auf und zeigte den Freunden ihre Rückseite, und ein vierstimmiger
Schreckensschrei ertönte.
»Das ist ja 'n Loch wie 'n Teller!« schrie Annchen Amsee und schlug die
Hände zusammen.
»Wie haste denn das gemacht?« fragte der dicke Friede und setzte sich
vor lauter Erstaunen und Verwunderung auf einen Stuhl. Da erzählte denn
Mariandel, immer von Schluchzen unterbrochen, wie das Unglück geschehen
sei. Am Ofen hatte sie sich das Kleidchen verbrannt, als sie für den
Vater Kaffee wärmen wollte; beinahe wäre das ganze Mariandel dabei in
Flammen aufgegangen.
»Uh je,« rief Schulzens Jakob entsetzt, »sieh mal nach, vielleicht
brennst du noch!«
»Nein,« sagte Mariandel, »jetzt brenn' ich nicht mehr, aber ich -- ich
hab' doch -- kein -- Kleid -- zur Feier!« Sie brach von neuem in heftiges
Weinen aus, und die andern Kinder sahen sich ratlos an. Kein gutes
Kleid zur Feier zu haben, wo doch die Niederheudorfer dazukamen, das
war schrecklich. Der Waldbauer war kein wohlhabender Mann, und viel
Geld durfte nicht im Hause ausgegeben werden, Mariandel hatte daher
nur ein altes Schulröckchen und ein Sonntagskleidchen. Als die Kleine
daran dachte, wie betrübt die Mutter sein würde, wenn sie das verbrannte
Kleidchen sah, wurde ihr Weinen noch schmerzlicher.
»Ich weiß was!« rief Annchen Amsee freudig. »Du drehst deinen Rock um,
da kommt das Loch nach vorn, und du bindest dir eine Schürze über, dann
sieht es niemand.«
»Das ist fein!« sagte der dicke Friede und sah seine Freundin
bewundernd an.
Mariandel hob das verweinte Gesichtel empor. »Ich kann doch nicht mit
einer Schürze zur Feier gehen, so geht doch niemand!«
Das war wahr. Zur Weihnachtsfeier trugen die Mädel nie Schürzen. Was
war da zu machen?
Annchen Amsee stürzte plötzlich auf Schulzens Röse los und tuschelte
dieser geheimnisvoll etwas ins Ohr. Und Röse nickte und tuschelte
wieder, und nach einem Weilchen sagte Annchen: »Röse und ich binden
auch Schürzen um, dann sind wir drei, und wer uns auslacht, den müssen
die Jungen verhauen, daß ihm das Lachen vergeht.«
»Bravo!« schrien Friede und Jakob begeistert, und Mariandels Gesicht
hellte sich auf, doch nur einen Augenblick; gleich wurde sie wieder
betrübt und klagte: »Ja, aber das Loch bleibt doch!«
»Ach laß nur!« sagte Annchen Amsee. »Muhme Lenelis wird nachher schon
helfen. Spute dich nur! Wir helfen dir. Die Jungen laufen rasch und
holen uns Schürzen.«
Damit erklärten sich die Buben einverstanden, und während Mariandel ihr
Röckchen umdrehte, rasten die beiden davon, um die Schürzen zu holen.
Unterwegs trafen sie Heine Peterle, dem sie die Geschichte erzählten,
und Heine Peterle sagte gleich: »Ich haue mit, wenn einer lacht.«
Die Schürze verdeckte wirklich das tellergroße Loch, und Mariandel ging
ganz vergnügt zwischen Annchen und Röse in die Schule. Friede, Jakob
und Heine Peterle gingen feierlich hinter ihnen her, und jedesmal,
wenn sie jemand begegneten, riefen sie laut: »Fein sehen die Mädel aus
mit den Schürzen!«
In der Schule guckten alle Kinder, als die drei mit ihren weißen Schürzen
daherkamen. Die Frau Lehrer, die am Eingang stand, lobte: »Ei, wie sauber
ihr drei ausseht, das gefällt mir!«
Niemand lachte, so drohend sich auch die Buben umsahen, und diese waren
beinahe ein bißchen ärgerlich darüber. Aber es war doch besser so, denn
eine Weihnachtsfeier und eine Prügelei passen nun einmal nicht zusammen.
Die Kinder vergaßen auch rasch alle streitlustigen Gedanken, als sie
die festlich geschmückten Schulzimmer betraten. Da standen zwei große
Tannenbäume, an denen unzählige Kerzen brannten. Dazwischen war eine
Krippe aufgestellt, und ein rotes Lämpchen erhellte den Stall, in dem
das Jesuskind in der Krippe lag. Jubelhell erklangen die lieben, alten
Weihnachtslieder, und dann gab es auch eine Bescherung.
Jedes Kind erhielt ein kleines Buch oder ein Bild, dazu bekam jedes
noch ein großes, rotes Pfefferkuchenherz. Die Gräfin Dachhausen
schickte alljährlich Bücher, Bilder und Pfefferkuchenherzen für die
Kinder, und die schöne Krippe hatte sie auch einmal geschenkt.
Muhme Lenelis war auch in der Feier gewesen, und gleich nach dem Schluß
liefen Röse, Annchen und Mariandel zu ihr und zeigten ihr das verbrannte
Kleid. Tellergroße Löcher konnte Muhme Lenelis aber nicht stopfen, so gern
sie es auch getan hätte. Sie meinte, da müßte die Bechern, das war die
Dorfschneiderin, ein großes Stück Stoff einsetzen. Die Mädel sahen sich
betrübt an. Die Schneiderin war nicht sehr freundlich zu den Kindern.
Zerrissene Kleider mochte sie gar nicht leiden, und am Tag vor Weihnachten
hatte sie immer so viel zu tun, daß sie sicher erst recht nicht helfen
würde.
»Dann mußt du eben in den Feiertagen immer eine Schürze vorbinden, auch
in der Kirche. Röse und ich binden auch wieder eine um, und die Jungens
müssen aufpassen, daß niemand lacht.«
Mariandel seufzte schwer, aber es half doch nichts, sie dachte nur immer:
»Wenn ich's nur erst der Mutter gesagt hätte!«
Annchen Amsee hatte ein gutes, hilfsbereites Herzchen, und die Freundin
tat ihr leid. Sie stand mit Röse und den drei Buben noch eine Weile auf
der Dorfstraße, und alle fünf überlegten, wie sie helfen könnten.
»Aber jetzt weiß ich was!« sagte der dicke Friede stolz. »Meine Pate in
Niederheudorf ist auch Schneiderin, die macht sicher das Kleid, die sagt
immer ja, wenn ich was haben will.«
»Wir gehen nach Niederheudorf und tragen den Rock hin,« rief Heine Peterle.
»Ganz heimlich,« schrie Schulzens Jakob, und seine Schwester hielt ihm
erschrocken den Mund zu und flüsterte: »Schrei doch nicht so, sonst hört
es jemand!«
»Ja, ganz heimlich, auch Mariandel darf nichts merken,« sagten die andern.
»Ich hol' den Rock,« wisperte Annchen Amsee, »ich weiß, wo er hängt.«
»Dann gehen wir alle zusammen nach Niederheudorf. Uh je, wird das fein!«
jubelte Heine Peterle.
»Wird's nicht 'n bißchen graulich!« fragte Röse ängstlich.
»Alte Furchttrine,« rief ihr Bruder empört. »Wo drei Buben dabei sind,
gibt's nichts zu fürchten.«
Sie steckten alle fünf die Köpfe zusammen und tuschelten, wisperten und
lachten, dann sprangen sie nach Hause, und ihre Augen strahlten so, daß
die Mütter ganz erstaunt fragten: »Was, heute wollt ihr so zeitig ins
Bett gehen? Es sind doch morgen Ferien!«
Aber die fünf Kinder gingen wirklich schon um sieben Uhr in ihre Betten,
eine halbe Stunde später trafen sie sich freilich am Schulzenhof. Niemand
durfte von ihrem Weg wissen; die Heimlichkeit ist nun mal das Schönste
bei Weihnachtsüberraschungen. Und während Mariandel unter heißen Tränen
einschlief, wanderten ihre fünf Freunde schwatzend und vergnügt nach
Niederheudorf. Sehr kalt war es nicht, und da der Mond auf das weiße Land
schien, lag der wohlbekannte Weg klar und hell vor den Kindern. Sie hatten
einen kleinen Schlitten mitgenommen und fuhren einander immer abwechselnd
darin. Sie kamen auf ihrem Weg am Forsthaus Weidmannsheil vorbei, dort
leuchteten zwei helle Fenster in den Winterabend hinein.
»Ich seh' einen Christbaum,« flüsterte Annchen Amsee, als sie vorbeigingen,
und neugierig blieben alle stehen. In der Wohnstube stand die Försterin
und putzte den Baum an, der, wie es in der Gegend Sitte war, von der Decke
herabhing. Leise schwebte er hin und her, und all die glitzernden Sterne,
Kugeln und Ketten, die die Försterin darangehängt hatte, blitzten aus dem
grünen Gezweig heraus.
»Wie schön!« flüsterten die Kinder atemlos und stellten sich auf die
Fußspitzen, um besser sehen zu können. Auf einmal nahm die Försterin die
Lampe und verließ das Zimmer, und der schwebende Tannenbaum entschwand
den Blicken der Kinder. Vergnügt liefen die Buben und Mädel weiter und
plapperten so viel von Weihnachten, daß ihnen die Zeit wie im Fluge
verging und sie in Niederheudorf waren, sie wußten nicht wie.
Friedes Pate, ein altes, freundliches Frauchen, war sehr erstaunt über
den späten Besuch. »Aber Kinder, Kinder,« sagte sie, »wenn eure Eltern
wüßten, daß ihr so bei Nacht herumlauft!«
Die fünf sahen sich verlegen an. »Es ist doch Weihnachten,« sagten sie
kleinlaut, »da darf man doch Heimlichkeiten haben!«
»Na, es kommt darauf an, was für Heimlichkeiten es sind,« sagte die Pate.
Aber sie schalt nicht weiter, sondern holte einen großen Topf Kaffee, der
in der Röhre des grünen Kachelofens stand, schnitt für jedes Kind ein
tüchtiges Stück Festkuchen ab und bewirtete so die unerwarteten Gäste.
Das schmeckte! Die Kinder wurden immer vergnügter, sie lachten und
plapperten so viel, daß die Pate bei sich dachte: »Es ist gerade, als
wäre heute schon Weihnachten bei mir.« Sie hatte das Röckchen angesehen
und versprach, es bis morgen früh zu nähen; so gut sollte es werden,
daß niemand den Schaden mehr sehen sollte.
Es war schon gegen zehn Uhr, als die Kinder endlich aufbrachen. In
Niederheudorf schliefen schon alle Menschen, denn auf dem Lande geht
man zeitig zu Bett. Die alte Frau ermahnte die Kinder noch, so schnell
wie möglich nach Hause zu laufen. »Wartet nur, wenn euch Hans Rumps
erwischt!« drohte sie. Doch vor dem hatten die Buben und Mädel keine
Angst. Selbst Röse war nicht ein bißchen graulich mehr, und vergnügt
trollten die fünf von dannen.
Als sie aus Niederheudorf hinaus waren, sangen sie mit hellen Stimmen: »O
du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!« Wieder, wie
auf dem Hinweg, kamen sie am Forsthaus vorbei, das am Waldrande lag. Wie
eine dunkle, hohe Mauer lag der Wald hinter dem Hause, und vor dem Walde
dehnten sich weit die verschneiten Felder.
Plötzlich blieb Röse stehen und faßte Annchen Amsee an der Hand. »Da,
dort oben,« flüsterte sie angstvoll, »was ist denn das?«
Unwillkürlich waren alle Kinder stehen geblieben und sahen nach dem
Forsthaus, auf das Röse zeigte.
Die Fenster waren nicht mehr hell, alles war dunkel und still. Über dem
Hause aber stand gegen den hellen Nachthimmel eine schwere, schwarze
Wolke, und aus dieser Wolke stieg kerzengerade eine kleine Flamme zum
Himmel empor.
Die Kinder standen wie erstarrt. Und die Flamme wuchs und wurde
zusehends breiter.
»Es brennt!« rief Annchen Amsee zitternd. Keines der Kinder wagte sich
zu rühren, wie gebannt sahen sie auf die züngelnde Flamme über dem Haus.
Der dicke Friede, der nie leicht die Fassung verlor, war der erste, der
zu sich kam. »Wir müssen es sagen,« schrie er und rannte nach dem Hause
hin.
Da kam auch Leben in die andern Kinder. Schreiend stürzten sie auf das
Haus zu, und fünf Paar kleine Fäuste donnerten an die verschlossene
Tür, und gellend drang der Ruf: »Feuer, Feuer!« in die Nacht hinaus.
Der Förster erwachte zuerst von dem Ruf. Er sprang aus dem Bett und
öffnete die Türe seines Schlafzimmers. Ein scharfer Brandgeruch drang
ihm entgegen, und von draußen tönten immer gellender die Schreie der
Kinder: »Feuer, Feuer!«
In wenigen Minuten waren alle im Hause wach.
»Erst die Kinder retten!« rief der Förster, und seine Frau und er trugen
die blonden, rosigen Kinder, die gerade so schön von Weihnachten träumten,
samt den Betten ins Freie.
»Jemand muß ins Dorf laufen und Hilfe holen,« rief der Jägerbursche.
»Mädel, lauft ihr,« sagte Schulzens Jakob wichtig, »wir Buben helfen
hier.«
Und Annchen und Röse liefen auch wirklich. Sie rannten den einsamen Weg
entlang und dachten gar nicht daran sich zu fürchten. Nicht lange dauerte
es, da klang durch Oberheudorf ihr angstvoller Ruf: »Feuer, Feuer!« Hans
Rumps, der gerade in einem Holzstall ein kleines Schläfchen machte, wurde
zuerst munter. Er tutete in sein Horn und schrie dazwischen immer: »Wo
brennt es denn nur? Ich sehe ja nichts!«
Die Dorfbewohner wurden munter, und bald rasselten die Spritze und einige
Wagen dem Forsthause zu.
»Ja zum Donnerwetter, Mädel, wo kommst du denn her?« fragte der Schulze,
als er seine Röse erblickte, erstaunt.
»Ich erzähl's gleich,« erwiderte Röse und kletterte mit Annchen zu ihrem
Vater auf den Wagen, und unterwegs erzählten ihm die beiden Mädel alles.
Das Forsthaus brannte vollständig nieder. Die Förstersleute aber hatten
noch ihre Kinder und die meiste Habe in Sicherheit bringen können. Da
das Haus selbst baufällig war und dem reichen Grafen Dachhausen gehörte,
war es nicht so schlimm, daß es niedergebrannt war. Die Oberheudorfer
fuhren die Obdachlosen ins Dorf. Der Schulze riet, die Förstersfamilie
im Schulhaus einzuquartieren; da Ferien seien, könnten sie vorläufig mit
allen ihren Sachen in den Schulzimmern wohnen.
Da fanden sich denn rasch hilfsbereite Hände. Jeder faßte an und half,
und als der Morgen des Weihnachtstages heraufdämmerte, war aus den
Schulzimmern eine gemütliche Wohnung geworden, und die Förstersleute
sprachen ein stilles Dankgebet, daß alles so gut geendet hatte.
Froh und stolz zugleich waren die fünf Buben und Mädel. Jeder sagte es,
daß es gut gewesen sei, daß die fünf gerade am Forsthaus vorbeigekommen,
sonst wären vielleicht alle Bewohner des Hauses verbrannt.
»Und brav und verständig sind sie gewesen, die Kinder,« lobte der Schulze,
und das fanden auch die andern Leute.
Und Mariandels Röckchen wurde fertig; so fein sah es aus wie nie zuvor. Mit
lauter Samtstreifen hatte es die gute Pate besetzt, ordentlich eine Pracht
war es.
Es war ein frohes Weihnachtsfest. Jubelnd hell klangen am heiligen Abend
die seligen Kinderstimmen in die stille Winternacht hinaus, heller denn je
brannten die Weihnachtsbäume, und die Kinder waren zum Purzelbaumschlagen
vergnügt.
Traumfriede saß neben Muhme Lenelis am warmen Ofen und sah auf den leise
schwingenden Tannenbaum, an dem die Lichter langsam verglühten. Fest
schmiegte sich der Bube an die Muhme und sagte mit strahlenden Augen:
»Schöner als in Oberheudorf kann es doch nirgends sein!«
[Illustration: Szene am Tannenbaum]
Anmerkungen zur Transkription:
Das Original ist in Fraktur gesetzt.
Im Original =gesperrt= gesetzter Text wurde mit = markiert.
Im Original _fett_ gesetzter Text wurde mit _ markiert.
Doppelte Anführungsstriche wurden durch » (unten) und « (oben) ersetzt.
Einfache Anführungsstriche wurden durch > (unten) und < (oben) ersetzt.
Abbildungen wurden aus der Mitte von Absätzen zum Ende derselben
verschoben.
Das Format der Abbildungsunterschriften wurde vereinheitlicht.
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
Beibehalten wurde:
Einige Ausdrücke wurden in beiden Schreibweisen übernommen:
Dankrede (Seite 139) und Dankesrede (Seite 139)
drauf (Seiten 47 und 70) und darauf (15fach verschiedene Seiten)
Himmelbett (Seite 151) und Himmelbette (Seite 147)
Kasperletheater (Seite 109) und Kasperle-Theater (Seite 114)
Maientag (Seite 145) und Maitag (Seite 190)
Uf (Seite 17) und Uff (Seiten 112 und 165)
vor dem Schulhaus (Seiten 5 und 34) und vor dem Schulhause (Seite 30)
Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:
geändert wurde "eine 5 hat 's Haus, soviel"
in "eine 5 hat's Haus, soviel"
(Seite 10)
geändert wurde "»Aber kommt doch nur! Komm, Blauer! Komm Dicker!«"
in "»Aber kommt doch nur! Komm, Blauer! Komm, Dicker!«"
(Seite 41)
geändert wurde "kamen nur stoßweiße unter"
in "kamen nur stoßweise unter"
(Seite 56)
geändert wurde "mit der kaputen Feder aber"
in "mit der kaputten Feder aber"
(Seite 110)
geändert wurde "»Schlampampes Geschwister hatten alle"
in "Schlampampes Geschwister hatten alle"
(Seite 145)
geändert wurde "in dem sich Fischkasten befanden, in"
in "in dem sich Fischkästen befanden, in"
(Seite 163)
geändert wurde "zu tönen. Uber ganz Oberheudorf"
in "zu tönen. Über ganz Oberheudorf"
(Seite 177)
geändert wurde "Friedrikes Abenteuer."
in "Friederikes Abenteuer."
(Seite 188)
geändert wurde "wo es herkam, konnnte niemand recht"
in "wo es herkam, konnte niemand recht"
(Seite 208)
geändert wurde "Getöse, als sollten die Scheunemauern umgeblasen"
in "Getöse, als sollten die Scheunenmauern umgeblasen"
(Seite 210)