Als die Niederheudorfer die Gänsegeschichte erfuhren, da lachten sie,

daß das Dorf wackelte. In der ganzen Gegend aber heißt es jetzt: »Die

Gänse von Oberheudorf sind klug, aber --«, doch was die Leute weiter

sagen, soll nicht aufgeschrieben werden, die Mädel könnten sich sonst

ärgern.

[Illustration: Gänse]

[Illustration: Dekoration]

Das Glück im Suppentopf.

»Bäh, bäh!« sagte die Ziege Friederike an einem Sonntagmorgen im

November, an dem der Himmel so blau war, als hätte ihn die Mutter

vom blauen Friede angestrichen. Friederike war nämlich schrecklich

verwundert, darum sagte sie eine Viertelstunde lang »bäh«. Ihre

Verwunderung galt vier Buben, die auf dem Berg an Muhme Lenelis' Haus

herumkletterten und einen Drachen fliegen ließen. Die gute Ziege hatte

auch vollständig recht, »bäh« zu sagen, denn im November läßt sonst

niemand Drachen fliegen. Um diese Zeit sind sie gewöhnlich schon

zerrissen, denn jeder Bube, der einen Drachen hat, rennt damit im

September auf die Felder.

Heine Peterle aber hatte nun mal im November Geburtstag, und dazu hatte

er sich einen Drachen gewünscht. Gerade als er ihn bekam, regnete es

Strippen, wie die Oberheudorfer sagen, und Heine Peterle hätte am liebsten

das Wasser vermehrt und geheult, wenn er sich nicht vor seinen Kameraden

geschämt hätte. Aber nun hatte der Regen aufgehört, und es war richtiges

Drachenwetter, hell und etwas windig. Mit Schulzens Jakob, dem blauen

Friede und Schnipfelbauers Fritz war Heine Peterle darum ausgezogen, um

endlich den Drachen fliegen zu lassen. Der war rosenrot und hatte einen

schier endlosen Schwanz; sämtliche Buben fanden ihn über die Maßen schön.

Eine halbe Stunde war noch Zeit, ehe die Kirche anfing, und alle vier

Buben waren bereits in ihren Sonntagsanzügen, sahen also blitzsauber

aus. Da Mütter nun einmal nicht Schmutzflecke an Sonntagsanzügen leiden

mögen, hatten auch alle vier Mütter die Buben sehr nachdrücklich

ermahnt, sauber zu bleiben. Leicht war das nicht, denn von dem starken

Regen war der Boden aufgeweicht, und die vier stöhnten denn auch

weidlich über die guten Anzüge.

Der Drachen flog wundervoll; wie ein großer, bunter Vogel schwebte er in

der blauen Luft, und die vier Buben sahen ihm stolz nach. Noch jemand

außer ihnen aber sah den Drachen steigen, das war Traumfriede. Er stand

etwas abseits an einen Baum gelehnt, und sehnsüchtig folgten seine Blicke

dem bunten Gesellen, der so keck zum Himmel emporflog. »Könnt' ich mit

fliegen,« dachte der Bube, »dann brauchte ich nicht mehr beim Kohlbauern

zu bleiben.«

Traumfriede brauchte seinen Sonntagsanzug nicht zu hüten, denn er hatte

keinen an, weil er überhaupt keinen besaß. Er sah zerlumpter denn je

aus, und scheu verkroch er sich darum auch vor den Blicken der andern

Buben, so gern er auch mit ihnen gespielt hätte.

Die jubelten und klatschten in die Hände vor Vergnügen, als der Drachen

immer höher stieg. »Er fliegt wie 'ne Krähe,« sagte der blaue Friede.

»Nä, wie 'n Adler,« rief Heine Peterle gekränkt, obgleich er in seinem

Leben noch nie einen Adler hatte fliegen sehen. »Wenn nur der Bindfaden

länger wär'!« brummte er dann, er hätte gar zu gern seinen Drachen noch

höher steigen lassen.

»Ich habe noch welchen,« sagte Schulzens Jakob und holte aus der Tiefe

seiner Tasche allerlei Gegenstände hervor, darunter auch ein Stück

Bindfaden.

Alle vier bemühten sich eifrig, damit die Drachenschnur zu verlängern.

Jeder behauptete, er könne den schönsten Knoten knüpfen, und so

ausgezeichnet machten sie ihre Sache, daß auf einmal -- heidi! -- der

Drachen auf und davon flog.

Ein gellendes Zetergeschrei erhob sich, und Friederike sagte erschrocken

»bäh, bäh«, und kehrte in den Stall zurück; die Drachengeschichte war ihr

langweilig geworden.

Verzweifelt sahen die Buben dem Drachen nach, der bald höher stieg, bald

sich wieder senkte; die Schnur zu fassen aber war keine Aussicht. Was tun?

Die Zeit verging, die Stunde zum Kirchgang rückte heran, noch eine Weile,

und die Buben mußten gehen und den entflohenen Drachen seinem Schicksal

überlassen.

Doch da, jetzt senkte sich der Drachen tiefer, ein Windstoß kam und trieb

ihn auf Muhme Lenelis' Häuschen zu.

Er wackelte hin und her, und die Buben stürmten schreiend den Berg

hinunter. Und gerade als sie unten ankamen, ging der Drachen wieder in die

Höhe.

Heine Peterle konnte nicht mehr an sich halten, er heulte laut los vor

Ärger und Herzeleid.

»Halt 'n Schnabel!« brummte Schulzens Jakob und puffte den Freund. Das

sollte nämlich ein Trost sein.

»Jetzt hängt er!« rief plötzlich Traumfriede, den das schreckliche

Ereignis aus seinem Versteck gelockt hatte. Er deutete auf Muhme

Lenelis' Esse. Und richtig, oben an der Esse hing der Drachen, wie ein

gefangener Vogel zappelte er hin und her.

»Wir müssen aufs Dach klettern,« sagten die vier, und dabei sah einer den

andern an, und jeder dachte: »So was darf man doch nicht in Sonntagshosen!«

Traumfriede hatte die Verlegenheit der Schulkameraden gemerkt, er

überwand seine Scheu und kam hilfsbereit näher: »Ich steige auf den

Apfelbaum,« sagte er, »und von da aufs Dach und hole den Drachen.«

Ehe noch einer der Buben antworten konnte, begann Traumfriede schon, den

Baum zu ersteigen, und in wenigen Minuten stand er auf Muhme Lenelis'

Dach. Scheu sahen die andern nach den Fenstern des Häuschens; sie wußten,

daß die Muhme es nicht leiden konnte, wenn ihr jemand aufs Dach stieg.

»Leicht kann man einbrechen,« meinte sie. Sie mochte wohl recht haben,

denn das Dach war morsch und schadhaft wie das ganze Häuschen.

Aber die Muhme merkte nichts. Sie stand, angetan mit ihrem steifen,

schwarzen Sonntagsrock, mitten in der Stube und schlug gerade ein blendend

weißes Taschentuch um das abgegriffene Gesangbuch. Auf dem Herd stand ein

großer Topf voll Wasser, in dem ein winziges Stückchen Fleisch schwamm.

Das sollte das Sonntagsessen der alten Frau werden, sie hatte es gerade

zugesetzt. Sie trat noch einmal an den Ofen, um noch ein Stückchen Torf

auf die glimmende Glut zu legen, als sie auf einmal erschrocken emporsah.

Oben an der Esse war es dunkel geworden, da hing ein seltsames Ding. »Du

meine Güte,« rief die Muhme erschrocken, »was ist denn das für 'n Vogel?«

Das Ding wackelte hin und her, und der Muhme wurde es ganz unheimlich

zumute. »Was is'n nur das? Nä, wie sonderbar!« murmelte sie und trat einen

Schritt zurück.

[Illustration: Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten. Seite 175.]

Da fiel ihr ihr Suppentopf ein. »Wenn da was rein fällt!« dachte sie

und trat wieder an den Herd, um einen Deckel auf den Topf zu stülpen.

In diesem Augenblick aber geschah etwas Furchtbares. Es rasselte und

polterte, schrie und purzelte, sauste durch den Schornstein herab, und

plötzlich saß ein kohlschwarzes, brüllendes Etwas auf Muhme Lenelis'

Suppentopf.

»Alle guten Geister!« schrie die Muhme und setzte sich vor Schreck platt

auf die Erde und starrte das schwarze Ding auf ihrem Herde an.

Vier runde, rote Bubengesichter wurden an einem der Fenster sichtbar, vier

Nasen drückten sich an den kleinen Scheiben fast platt, und angstvoll

starrten vier Augenpaare in die Stube. Und als die vier Lauscher Muhme

Lenelis auf der Erde sitzen sahen, bekamen sie einen heillosen Schrecken.

Aber schon richtete sich die alte Frau wieder auf. Sie hatte nämlich

gesehen, daß das schwarze Etwas auf ihrem Suppentopf zwei schöne, blaue

Augen hatte, in denen große Tränen standen, und da war es gleich mit

ihrer Angst vorbei. Sie packte den seltsamen Gast mit starkem Griff,

hob ihn vom Herd herunter und sagte kurz: »Du verbrennst dir noch die

Hosen!«

Aber die waren nicht verbrannt, sondern klatschnaß, und mit kläglicher

Miene schaute Traumfriede, denn er war der seltsame Gast, zur Muhme auf.

Die legte ihr Gesicht in strenge Falten, während ein heimliches Lachen in

ihren Augen lag, und sagte: »Warum biste denn durch'n Schornstein gekommen

und nicht durch die Türe?«

In diesem Augenblick bemerkte die Muhme die vier Bubengesichter am Fenster

und rief: »Ei, ihr freches Gesindel, was macht ihr denn da?«

Die vier wußten ganz genau, wie der Muhme strenge Worte gemeint waren.

Flugs kamen sie in die Stube, da sie sahen, daß Traumfriede unversehrt auf

seinen beiden Beinen stand. Die vier erzählten der Muhme gleich mit einem

so stürmischen Eifer die Drachengeschichte, daß diese von allem Geschwätz

kein Wort verstand und schließlich gebot: »Drei halten den Schnabel, und

einer soll reden.» Weil jeder der eine sein wollte, plapperten sie wieder

untereinander; zuletzt erfuhr aber die Muhme doch die Geschichte. Der

Drachen hing noch immer oben an der Esse. Traumfriede war bei dem Bemühen,

ihn loszulösen, in den Schornstein gefallen. »Wie 'n Essenkehrer sieht er

aus,« sagte Schnipfelbauers Fritz voll Bewunderung und sah den Buben, der

so ein seltsames Abenteuer erlebt hatte, ordentlich ehrfurchtsvoll an.

Durch diesen Essensturz war Traumfriede sehr in der Achtung seiner

Mitschüler gestiegen. Das war doch noch mal was! Von einem Baume konnte

jeder herunterfallen, aber in einen Schornstein und in einen Suppentopf

hineinzufallen, war etwas Besonderes.

Bimbam, bimbam! begannen draußen die Glocken zu tönen. Über ganz

Oberheudorf schallte die eherne Stimme und rief die Dorfleute in die

kleine weiße Kirche, die ein wenig höher als alle Häuser lag.

Muhme Lenelis und die Buben horchten auf. »Ihr müßt gehen!« sagte die

alte Frau. »Marsch, sputet euch, seid fein andächtig! Der Drachen mag

jetzt hängen bleiben, nachher bitte ich den Nachbar Töpfel, daß er ihn

herunterholt, der hat 'ne lange Leiter.«

Die Buben trollten sich, und auch Traumfriede wollte die Stube verlassen,

aber Muhme Lenelis ergriff ihn gerade noch am Jackenzipfel. »Bleib hier!«

gebot sie kurz. »So'n Schmierpeter kann nicht in die Kirche gehen. Komm,

ich putz dich erst ab.«

Traumfriede blieb mit gesenktem Kopfe stehen, und als die vier Buben das

Zimmer verlassen hatten, sagte Muhme Lenelis mild und mitleidig: »Armer

Kerl du, hast gewiß keine andern Sachen!«

Traumfriede nickte stumm. In dem blitzsauberen Stübchen der Muhme

empfand er erst so recht die schmutzige Armseligkeit seiner Kleidung.

Muhme Lenelis war allzeit mehr für das rasche Zugreifen als für das lange

Besinnen. Sie legte daher auch kurz entschlossen ihre Sonntagshaube

und ihr Kirchentuch sorgfältig ab, holte eine braune Decke herbei und

gebot Traumfriede, er solle seine Sachen ausziehen und sich in die Decke

wickeln. Während der Bube das tat, setzte sie eilig frisches Wasser auf

den Ofen, stellte eine Blechschüssel zurecht, in der Traumfriede sich

waschen sollte, und wirtschaftete so herum, während die Kirchenglocken

draußen allmählich verklangen. Jemand in einer Not beizustehen, war in

Muhme Lenelis' Augen auch ein Kirchgang, darum gab sie auch unbedenklich

ihren Vorsatz auf und wusch und flickte Traumfriedes Sachen.

Es war so gemütlich und traulich in dem Stübchen, die Sonne schien so hell

durch die blitzblank geputzten Scheiben, als sei es Sommertag. Schnurpsel

schnurrte, und Mimi dachte bei dem Sonnenschein an blühende Obstbäume und

Rosenhecken und stimmte ein fröhliches Lied an. Traumfriede verlor all

seine Schüchternheit und antwortete freimütig auf alle Fragen, die Muhme

Lenelis an ihn richtete. Viel Gutes bekam die Muhme da freilich nicht zu

hören, und manchmal wischte sie sich verstohlen die Tränen aus den Augen

und murmelte leise: »Armer Bube!«

Und ein armer Bube war Traumfriede wirklich. Er mußte hart und schwer

arbeiten, bekam bei seinem Pflegevater kein freundliches Wort zu hören

und nicht satt zu essen, aber desto mehr Prügel. Niemand kümmerte sich um

den Waisenjungen, und niemand hatte ihn mehr lieb, seit das besinnliche

Trinchen tot war. Die Müllerin hatte ihn zwar nach dem Tode ihres Kindes

aufgefordert, er solle sie besuchen, aber dazu war er zu schüchtern

gewesen.

Muhme Lenelis dachte, während der Knabe erzählte, an einen kleinen Strauß

aus blassen Glockenblumen, roten Brombeerblättern und Kleeblüten, der auf

Trinchens Totenbett gelegen hatte. Der Strauß hatte ihr gezeigt, was für

ein gutes, treues Herz der arme Waisenknabe besaß. Sie hielt plötzlich im

Flicken inne und dachte seufzend an ihre Armut. »'s geht nicht!« murmelte

sie, und dann wurde sie ganz still und nähte nur um so eifriger.

Als sie endlich fertig war, war auch die Suppe fertig gekocht, aber Muhme

Lenelis behauptete auf einmal, sie habe kein bißchen Hunger, und so mußte

Traumfriede alles aufessen. Ja ein Stück Apfelkuchen, das die Schulzenfrau

der Muhme zum Sonntag geschickt hatte, bekam der Bube auch noch. Der hatte

zum erstenmal in seinem Leben das Gefühl, ordentlich satt zu sein. Dann

ging er mit treuherzigem Danke weg, und Muhme Lenelis sah ihm traurig

nach. »Wenn ich nur ein bißchen mehr zu verzehren hätte,« dachte sie,

»gleich würde ich den Buben ins Haus nehmen.«

Am nächsten Tage war der schöne Sonnenschein zu Ende. Kalter, feuchter

Nebel rieselte leise herab, und Heine Peterle machte ein wütendes Gesicht,

weil er den Drachen, den Nachbar Töpfel wirklich vom Dach geholt hatte,

wieder nicht fliegen lassen konnte. Das trübe Wetter hielt an, und die

Kinder begannen von Weihnachten und von Muhme Lenelis' Bratäpfelfest zu

reden.

Muhme Lenelis saß gegen Abend in ihrem Stübchen dicht am Ofen, strickte

und dachte an allerlei, auch an Traumfriede. Ein leises Rascheln und

Knittern an ihrer Türe ließ sie aufsehen; es mochte wohl eins der

Dorfkinder sein, das sie besuchen wollte. »'s findet die Klinke nicht,«

dachte die Muhme, stand auf und öffnete die Türe.

Husch verschwand da jemand in der Dunkelheit, aber obgleich die Muhme

Lenelis siebenmal so alt als Schulzens Jakob und noch etwas drüber

war, konnte sie doch noch sehr schnell laufen. Eins, zwei, drei hatte

sie den Flüchtling gepackt und zog ihn in den Lichtstrom, der zur

Türe heraus in die Dunkelheit floß. »Na nu, was machst denn du hier

draußen?« fragte die Muhme und sah den Buben an, den sie festhielt. Es

war Traumfriede.

Verlegen sah er auf die Muhme und dann auf ein mächtiges Reisigbündel,

das die alte Frau jetzt erst bemerkte. »Hast du das gebracht?« fragte

sie freundlich.

Traumfriede nickte. »Der Herr Förster hat's erlaubt. Ich mußte nach

Niederheudorf gehen, da hab' ich's auf dem Weg gesammelt, weil -- weil's

doch so kalt ist.«

»Guter Kerl du!« sagte die Muhme gerührt und zog den Buben in ihre Stube

und streichelte ihm das blasse Gesicht. »Komm, setz dich her, da auf

dem roten Polsterstuhl darfst du sitzen, ich koch' dir rasch eine Tasse

Kaffee.«

Traumfriede schüttelte den Kopf und sagte ängstlich: »Ich muß fort, sonst

krieg' ich wieder Haue wie neulich.«

»Hast du am Sonntag Haue bekommen?« fragte die Muhme erschrocken.

Der Bube nickte, aber über sein blasses Gesicht flog dabei ein heller

Schein. »'s schadet nichts,« sagte er geduldig, »'s war doch schön hier.«

Muhme Lenelis sah ihn eine Weile starr an und murmelte: »'s muß gehen,

's muß gehen! -- Wo ist denn jetzt der Kohlbauer?« fragte sie plötzlich.

»In der Schenke,« stammelte der Bube und wurde puterrot, als er an den

Pflegevater dachte.

»So ist's recht!« sagte Muhme Lenelis, nahm sich ein Tuch um, steckte ein

winziges Laternchen an, das sie in die Hand nahm, dann löschte sie ihr

Lämpchen aus, ermahnte Friederike, Schnurpsel und Mimi, sie möchten artig

sein, und sagte zum Traumfriede: »Komm mal mit mir!«

Der Bube folgte ihr willig, und die beiden schritten stumm nebeneinander

durch die dunkle, stille Dorfstraße bis zum Pfarrhaus.

»Muhme Lenelis ist weich wie Käsekuchen, aber sie kann grob wie

Kieselsteine sein,« hatte die Schulzenfrau einmal gesagt, die große

Stücke auf die Muhme hielt und ihr manches zuliebe tat. Als Muhme Lenelis

nun an diesem Novemberabend vor den Pfarrer trat, da war sie weich wie

Käsekuchen. Sie sagte dem Pfarrer, sie sei zwar eine blutarme Frau, aber

der Traumfriede gefalle ihr so gut, daß sie den Buben gern zu sich nehmen

möchte, der Herr Pfarrer solle ihr dazu helfen.

Aber das konnte der Pfarrer nicht. Die Gemeinde hatte dem Kohlbauern den

Buben in Pflege gegeben und bezahlte das Kostgeld; er konnte weiter nichts

tun, als dem Schulzen die Sache ans Herz legen, und das wollte er sehr

gern tun.

»Das dauert zu lange,« sagte Muhme Lenelis entschlossen, »gleich auf

der Stelle muß ich den Buben haben. Ich geh' ins Wirtshaus, da sitzen

sie alle zusammen, und ich gebe nicht eher nach, als bis ich den Buben

zugesprochen krieg'!«

Damit ging sie hinaus. Auf der Straße traf sie die Schulzenfrau. Der

erzählte sie alles, und die Schulzenfrau sagte. »Ich will auch mitgehen!

Wir wollen noch die Schnipfelbäuerin holen, die kann noch besser reden

als ich!« Damit war die Muhme wohl einverstanden. Sie holten die

Schnipfelbäuerin, und so zogen alle nach dem Wirtshaus, wo der Kohlbauer

mit dem Schulzen und etlichen andern Bauern an einem Tische saß.

Traumfriede war das Herz zentnerschwer, als er in das Gastzimmer trat,

und hätte die Muhme ihn nicht gar so fest gehalten, dann wäre er sicher

ausgerissen. Muhme Lenelis hatte einen alten Groll auf den Kohlbauern,

der seines Geizes und seiner Roheit wegen in der ganzen Gegend berüchtigt

war; nur weil er so reich war, wagten die andern Bauern nicht recht ihm

entgegenzutreten, so feige das auch war. Wohl wußten sie es alle, daß es

Traumfriede schlecht bei dem Kohlbauern hatte, aber sie ließen die Sache

gehen und beschwerten ihr Herz nicht mit der Sorge um ein armes Waisenkind.

Weich wie Käsekuchen war Muhme Lenelis hier nicht, sondern noch gröber

als Kieselsteine. Kein Mensch hätte je der kleinen, freundlichen Muhme

zugetraut, daß sie so viel und so grob reden könne. Sie hielt dem

Kohlbauern seine Sünden so eindringlich vor, daß der reiche Bauer nicht

wußte, wo er vor Verlegenheit hinsehen sollte. Aufstehen und ausreißen

konnte er auch nicht, denn die Schulzenfrau und die Schnipfelbäuerin, zu

denen sich noch die Wirtsfrau gesellt hatte, versperrten den Weg, und

allemal wenn Muhme Lenelis eine neue Schandtat des Bauern aufzählte,

riefen die drei: »So ist's, das stimmt, gebt's ihm nur ordentlich!«

Die andern Bauern hörten Muhme Lenelis' Strafrede so lange mit heimlichem

Frohlocken an, bis die alte Frau sich zu ihnen wandte und ihnen sagte,

wie bitter unrecht es sei, sich so wenig um eines armen Waisenkindes

Ergehen zu kümmern.

»Das stimmt!« schrien die drei Frauen. Jede nahm sich im stillen vor,

gleich morgen etwas für Traumfriede herzugeben, denn alle drei hatten

ein schlechtes Gewissen, weil sie nie an den armen Knaben gedacht hatten.

»Sie kann ja den Bengel selbst behalten! Nicht mehr ins Haus darf er mir!«

schrie endlich der Kohlbauer und entwischte, indem er sich an den Frauen

vorbeidrängte.

Muhme Lenelis frohlockte, aber sie ging nicht eher, bis sie nicht den

andern Bauern die Sache noch einmal dringend ans Herz gelegt und diese

ihr mit Handschlag versprochen hatten, Traumfriede dürfe bei ihr bleiben.

Da zogen die Frauen endlich zufrieden von dannen. Die Schulzenfrau, die

Wirtin und die Schnipfelbäuerin aber trugen allerlei Eßwaren herbei. Die

eine schenkte noch ein Kopfkissen, die andere eine Decke und die dritte

versprach einen Anzug.

Muhme Lenelis nahm alles mit Dank an. Sie war sonst trotz aller Armut

stets sehr stolz gewesen und hatte nie gern etwas angenommen, höchstens

mal ein Stück Kuchen, jetzt aber dachte sie: »Es ist für den Buben. Dem

lieben Gott sei Dank, nun kann er sich satt essen!«

Das tat Traumfriede an diesem Abend auch redlich. Es war ein vergnügtes

Mahl, das die alte Frau und der arme Waisenknabe in dem freundlichen

Stübchen hielten. Friederike, Mimi und Schnurpsel nahmen auch daran teil

und schlossen gleich Freundschaft mit dem neuen Hausgenossen.

Als Traumfriede dann auf seinem Lager lag und zum erstenmal in seinem

Leben fühlte, daß er eine Heimat hatte, da strich ihm Muhme Lenelis

lind über das Gesicht und sagte: »'s war doch gut, daß du mir in meinen

Suppentopf gefallen bist, gelle mein Söhnchen?«

Oh, der Suppentopf und Heine Peterles rosenroter Drachen! Wie oft dachte

Traumfriede voll Dankbarkeit daran. Wenn einer plötzlich über Nacht ein

Prinz wird und immer mit einer Krone auf dem Kopf herumlaufen darf, der

kann nicht glücklicher sein als der arme Waisenknabe bei Muhme Lenelis.

In dem kleinen Häuschen wurde er ein lustiger, fröhlicher Bube, da verlor

er seine Schüchternheit und lernte es, den Menschen frei und zutraulich in

die Augen zu sehen. Es wurde so mit ihm, daß der Herr Lehrer in der Schule

oft sagte: »Die beste Arbeit hat wieder Friede gemacht,« und er meinte

damit Traumfriede.

Die Gemeinde zahlte Muhme Lenelis ein Kostgeld für den Buben, und weil

die Bauern sich schämten und der Herr Pfarrer ihnen zuredete, wurde das

Kostgeld reichlich. Auch die Schulzenfrau, die Schnipfelbäuerin und die

Wirtin vergaßen nicht, was sie versprochen hatten, und die Muhme sagte

manchmal: »Bube, Bube, seit du mir in den Suppentopf gefallen bist,

wird der nicht mehr leer!«

Schulzens Jakob, der das einmal hörte, fragte nachdenklich: »Ob unser

Pflaumenmustopf auch immer vollbleibt, wenn ich mal reinfalle?«

»Studier 's lieber nicht,« sagte Muhme Lenelis lachend, »es könnte dir

schlecht bekommen, weißt du, so wie mit der Roggenmuhme!«

Da ließ es Schulzens Jakob, und das war auch besser. Es findet nicht jeder

im Suppentopf das Glück wie Traumfriede.

[Illustration: Jakob]

[Illustration: Dekoration]

Friederikes Abenteuer.

Daß Muhme Lenelis' Ziege Friederike ein ausnehmend kluges Tier sei, fand

jeder Mensch in Oberheudorf. Hans Rumps sagte: »Sie ist gebildet!« Das war

eine große Schmeichelei, denn der Nachtwächter sagte das nur von Menschen,

Tieren und Dingen, die ihm besonders gefielen, er sagte das übrigens

ebensogut vom Herrn Lehrer wie von der neuen Feuerspritze.

Die Kinder begegneten Friederike mit großem Respekt. Wenn sie die weiße

Ziege auf der Dorfstraße trafen, sagten selbst die unnützesten Buben,

wie zum Beispiel Anton Friedlich, sehr höflich: »Guten Tag, Friederike!«

Friederike blieb nämlich nicht wie andere Ziegen daheim in ihrem Stall

oder auf der Weide, sie liebte es vielmehr, im Dorf herumzuspazieren. Bald

guckte sie in den Schulzenhof hinein, bald ging sie vor dem Wirtshaus

auf und ab, als sollte sie Gäste erwarten. Als einmal die Frau Gräfin

Dachhausen wieder im Frühling ihren ersten Besuch in Oberheudorf machte,

war es Friederike, die den vornehmen Gast zuerst mit ihrem »Meckmeck,

meckmeck« begrüßte.

Ja, Friederike war klug. Einmal saß Anton Friedlich allein in der

Wohnstube seines Elternhauses und sollte seine Schularbeiten machen. Mehr

als seine Rechenaufgabe aber gefielen ihm die großen Butterbirnen, die

seine Mutter am Morgen vom Baum genommen hatte, und die sie nach der Stadt

zum Verkauf schicken wollte. Er schielte eine Weile danach hin, seufzte,

guckte wieder auf das Buch, dann wieder auf die Birnen, und endlich stand

er auf und ging bis an den Korb heran. »Ach was,« dachte er leichtsinnig,

»eine kann ich schon nehmen, die Mutter wird es gar nicht merken.« Schon

streckte er die Hand aus, da hörte er plötzlich ein lautes »Meckmeck,

meckmeck« erklingen. Erschrocken ließ er die Birne wieder in den Korb

fallen und sah sich um: Friederike guckte zum offenen Fenster herein.

Ordentlich böse sah sie aus, dachte Anton. »Meckmeck, meckmeck,« rief sie

noch einmal drohend, dann spazierte sie weiter.

Anton Friedlich nahm keine Birne, ja er wagte nicht einmal mehr hinzusehen,

sondern steckte eifrig die Nase in sein Buch und rechnete vor lauter Angst

so gut, daß der Herr Lehrer ordentlich verwundert darüber war.

Wirklich, Friederike war ausnehmend klug. Als Bäckermeisters Mariele

einmal an einem heißen Maitag im Garten Unkraut jäten sollte, da dachte

der kleine Faulpelz: »Ach was, das Unkraut kommt noch früh genug heraus,

ich lege mich hintern Gartenzaun auf die Wiese und schlafe ein bißchen.«

Hopla! wollte sie über den Zaun klettern, um ihren Vorsatz auszuführen,

da stand aber plötzlich wie aus der Erde gewachsen Friederike vor ihr

und sagte vorwurfsvoll: »Meckmeck, meckmeck!«

Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten: Sechszehn heitere Erzählungen · 第 8 / 10 段