»Ei, so nenne ich dich Namenlos,« rief die Bäuerin und führte die

Prinzessin in ein kleines, sauberes Zimmer.

Schlampampe gefiel es gut in dem Bauernhaus, und sie blieb etliche Tage.

Es tat ihr so wohl, daß niemand ihren Namen wußte und darüber lachte.

Eines Morgens aber, als sie aus ihrer Kammer trat, hörte sie die Bäuerin

rufen: »Ei du alte Schlampampe, wie unordentlich hast du wieder gefegt!«

Da erschrak die Prinzessin sehr. Wohl merkte sie bald, daß die Bäuerin

die Magd gemeint hatte, aber es litt sie nicht länger in dem Hause, und

sie zog weiter. Wohin sie auch kam auf ihrer Reise, überall wurde sie

»Namenlos« genannt, weil sie ihren Namen nicht nennen wollte.

Nach etlichen Wochen kam sie zu einem Könige, der ein großes, schönes

Schloß bewohnte, und der drei Söhne hatte. Die Prinzessin nahm aus ihrem

Koffer ein Kleid, das blau wie ein Strauß Vergißmeinnicht war und silberne

Borten hatte, zog es an und ritt in den Schloßhof hinein.

»Das ist eine Prinzessin,« riefen alle Diener und Mägde und purzelten

gleich vor lauter Eifer übereinander. Auch der König kam herbei, begrüßte

seinen schönen Gast und wollte ihren Namen wissen, aber Schlampampe

seufzte tief und sagte, sie könne ihren Namen nicht sagen.

»Also sind Sie Prinzessin Namenlos, mein schönes Kind?« sagte der König

und führte sie ins Schloß und stellte ihr dort seine drei Söhne vor.

Die drei Prinzen hatten nur einen Fehler, sie waren schrecklich dumm.

Der älteste sagte immer: »Aha!«, der zweite: »Oho!« und der dritte:

»Hmhm!« Das war ein bißchen langweilig. Sagte die Prinzessin: »Heute

ist aber schönes Frühlingswetter!« dann lachten die drei Prinzen und

riefen: »Aha!« -- »Oho!« -- »Hmhm!«

Lobte bei Tisch die Prinzessin die Pastete, so klopften sich die drei

Prinzen auf den Magen und riefen vergnügt: »Aha!« -- »Oho!« -- »Hmhm!«

»Das ist mir aber doch zu dumm,« dachte Schlampampe. »Lieber behalte ich

meinen Namen, als daß ich einen heirate, der immer nur aha, oho oder hmhm

sagt.« Sie nahm daher Abschied und dankte dem alten König herzlich für

seine Aufnahme. Die drei Prinzen wurden sehr traurig und riefen klagend:

»Aha!« -- »Oho!« -- aber der dritte konnte nicht mehr »Hmhm« sagen,

weil ihm ein großes Stück Pastete in die Kehle gekommen war. Er mußte

schrecklich husten, und als er aufhörte, war die Prinzessin schon längst

fortgeritten, da rief er noch hinterher: »Hmhm!«

Schlampampe ritt weiter durch fruchtbare Täler und stille Wälder und kam

endlich an einem schönen Sommerabend an ein großes, weißes Schloß, das

goldene Türme und ein goldenes Dach hatte. Es funkelte im Sonnenschein so,

daß Schlampampe fast geblendet wurde. Da zog die Prinzessin ein Kleid an,

das rosenrot war wie ein Strauß Centifolien und goldene Borten hatte, und

so geschmückt ritt sie in den Schloßhof ein.

»Das ist sicher eine Prinzessin!« schrie der Torwächter, und Diener und

Mägde liefen wieder eilfertig herbei und hoben Schlampampe vom Pferde

herunter.

Da der König gerade regierte, kam die Königin herbei und begrüßte die

Prinzessin und rief: »Ei, wie heißt du denn, schönes Kind?«

Schlampampe seufzte und sagte: »Ach, ich kann meinen Namen nicht sagen!«

und die Königin erwiderte freundlich: »Nun, so nenne ich dich Prinzessin

Namenlos.« Sie führte die Prinzessin in einen hohen Saal und stellte ihr

dort Söhne und Töchter vor. Es waren drei Prinzen und vier Prinzessinnen,

als sie sich aber alle an die Tafel setzten, sah Schlampampe, daß zwischen

den Prinzen ein Stuhl leer blieb.

Sie fragte die Prinzessin Hildegund, die an ihrer linken Seite saß:

»Hast du noch einen Bruder? Drüben ist noch ein Stuhl leer.«

Da fing das Prinzeßchen an bitterlich zu weinen und rief: »Ach, frage

nicht, schöne Namenlos, mein armer Bruder hat ein großes Unglück zu

tragen!«

Schlampampe schwieg, aber sie mußte immer an den Prinzen denken, von dem

niemand sprach, und dessen Stuhl leer stand. Die Prinzessin bekam ein

großes, schönes Zimmer mit einem Himmelbett aus rosenroter Seide darin.

Trotzdem sie sehr gut in dem prächtigen Bett lag, wachte sie doch am

nächsten Morgen sehr zeitig auf. Sie zog ihr Vergißmeinnichtkleid an und

ging durch das Schloß, in dem noch alle Bewohner schliefen, und gelangte

in einen schönen Garten, in dem die wunderbarsten Blumen blühten.

Die Sonne war gerade am Aufgehen, und eine Nachtigall sang noch in den

Büschen. Wie Schlampampe so durch den Garten schritt, vernahm sie auf

einmal einen köstlichen Gesang. Es war ein Mensch, der sang, und so schön

war die Stimme, daß die Prinzessin tief ergriffen wurde. Die hellen Tränen

rollten ihr aus den Augen, und unwillkürlich ging sie den Tönen nach. Sie

gelangte in eine Geißblattlaube, darin saß ein schöner Jüngling, der die

Laute spielte und sang. Als die holde Prinzessin, die aussah, als hätte

sie ein Stück Himmelsblau angezogen, plötzlich vor ihm stand, ließ er die

Laute sinken und sah Schlampampe unverwandt an.

Endlich rief er: »Wie schön bist du!« und Schlampampe erwiderte: »Du

bist noch schöner!«

Sie gaben einander die Hand und gingen miteinander durch den Garten.

»Wer bist du?« fragte der Jüngling, und Schlampampe seufzte tief und

erzählte ihm, daß sie eine Prinzessin sei und einen schrecklichen Namen

habe.

»Oh,« rief der Jüngling, »das ist auch mein Unglück. Ich bin der Sohn

des Königs, dem dieses Schloß gehört. Auch ich habe einen entsetzlichen

Namen und werde immer ausgelacht.«

Die beiden sahen sich an, und plötzlich riefen sie wie aus einem Munde:

»Wie heißt du?«

Aber keiner wollte den Namen zuerst nennen. Da sagte endlich der Prinz:

»Hörst du die Schloßuhr schlagen? Drei Schläge wollen wir zählen, beim

dritten nennen wir unsere Namen. Da zählten sie eins -- zwei --«

»Friederike,« schrie Heine Peterle erschrocken und purzelte samt seinem

Holzeimer um, denn Friederike hatte ihm unvermutet einen sehr derben

Stoß versetzt.

»Das ist frech!« riefen die Kinder empört, die so unsanft aus ihren

Märchenträumen gerissen waren. Auch Muhme Lenelis war ärgerlich, und

die sonst so kluge Friederike wurde angebunden, weil sie diesmal so gar

nicht wußte, wie sie sich in Gegenwart von Prinzen und Prinzessinnen zu

benehmen hatte.

»Die Uhr muß nochmal schlagen,« bat Annchen Amsee, und Muhme Lenelis nickte

und erzählte weiter. »Die beiden zählten also eins -- zwei -- drei -- und

riefen dann mit lauter Stimme: »Schlampampe!« -- »Schlampamperich!«

»Schlampamperich heißt du?« rief die Prinzessin erstaunt.

»Und du Schlampampe?« rief der Prinz nicht minder verwundert.

Plötzlich lachten sie beide hell auf und riefen einmal über das andere:

»Schlampampe! -- Schlampamperich!« Dann fielen sie sich in die Arme und

küßten sich und sagten, sie wollten sich heiraten. Sie liefen schnell

in das Schloß, und die Diener, die gerade aufgestanden waren, mußten

rasch den König, die Königin, die Prinzen und die Prinzessinnen wecken.

Die freuten sich ungeheuer, als sie die Sache erfuhren, und die Königin

sagte: »Gut, daß ich gestern einen Kuchen habe backen lassen, da können

wir jetzt gleich Verlobung feiern!«

So geschah es auch, und Hochzeit wurde auch bald gemacht. Dazu wurden

Schlampampes Eltern und Geschwister eingeladen; es sollte eine große

Hochzeit werden. Die alte Königin sagte zu Schlampampe, sie möge am

Hochzeitsmorgen ihren Bräutigam nur mit einem andern Namen rufen, den

dürfe er dann für immer behalten.

Das Gleiche sagte Schlampampes Mutter zu dem Prinzen, und Braut und

Bräutigam dachten sich wunderschöne Namen aus, mit denen sie einander

rufen wollten. Schlampampe wollte ihren Prinzen »Friedhold« nennen, und

dieser wollte seiner Braut den Namen »Morgenrot« geben, weil er sie

beim Morgenrot zuerst gesehen hatte.

Schlampampe stickte auf ein großes rotseidenes Schlummerkissen den

Namen Friedhold, und der Prinz machte ein schrecklich langes Gedicht,

in dem er seine holde Frau Morgenrot besang.

So kam denn der Hochzeitstag heran. Wie sich das für einen richtigen

Hochzeitstag schickt, schien die Sonne blitzblank, und alle Menschen im

Königsschloß und im ganzen Lande machten vergnügte Gesichter. Die kleinen

Mädchen hatten alle weiße Kleider an und die Buben neue Hosen. In jedem

Hause war Kuchen gebacken worden, und zu Mittag gab es Kalbsbraten und

hinterher noch eine süße Speise.

Es war wirklich wunderschön, und am allervergnügtesten waren der Prinz

und die Prinzessin. Letztere konnte es kaum erwarten, ihr weißes, ganz

und gar mit Edelsteinen besticktes Brautkleid anzuziehen. Das Kleid

hatte eine so lange Schleppe, daß, wenn man am Ende der Schleppe stand,

man kaum erkennen konnte, wer das Kleid eigentlich anhatte. Als die

Prinzessin in ihrem schönen Kleide die Treppe hinunterstieg, an deren

Fuße ihr Bräutigam stand und auf sie wartete, wollte sie in der Freude

ihres Herzens ein bißchen rasch laufen. Dabei verwickelte sie sich in

die lange Schleppe, verlor das Gleichgewicht und fiel die Treppe hinab.

Der Prinz sah es unten und erschrak sehr. »Schlampampe,« schrie er

entsetzt und fing seine Braut in seinen Armen auf.

»Schlampamperich,« schrie die Prinzessin verwirrt, »wie bin ich denn

die Treppe herunter gekommen?«

Plötzlich aber sahen sich beide an und schrien kläglich: »Oh weh, nun

haben wir unsere Namen genannt!«

»Das ist schrecklich!« jammerte Schlampampe, der Prinz aber lachte und

rief: »Wenn du auch Schlampampe heißt, lieb habe ich dich doch!«

»Und ich dich,« rief die Prinzessin, »und wenn du einen noch viel

schrecklicheren Namen hättest. Nein, weißt du, eigentlich ist

Schlampamperich ein ganz schöner Name, er klingt so besonders. Überhaupt

hat die Tanne gesagt, das Herz sei die Hauptsache. Ich glaube, du hast

ein sehr gutes Herz.«

»Und du auch,« sagte der Prinz, »also wollen wir zufrieden sein.«

Da lachten sie beide und gingen vergnügt in den Saal, wo die

Hochzeitsgäste versammelt waren. Sie blieben nun für immer Schlampampe

und Schlampamperich. Der Prinz verbrannte sein Gedicht und die Prinzessin

trennte die Stickerei auf dem rotseidenen Kissen wieder auf. Weil aber

Schlampampe und Schlampamperich so herzensgut waren und allen Menschen

nur Liebes erwiesen, lachte bald niemand mehr über die Namen. Ja in dem

Königreiche, in dem sie wohnten, wurde eine Straße Schlampamperichstraße

genannt, und einen Schlampampeplatz gab es auch bald.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]

Die klugen Gänse von Oberheudorf.

Sagt einer in Oberheudorf: »Ja, die Gänse, die sind schon klug!« dann

lachen die Buben, aber die Mädel ärgern sich, und Krämers Trude und

Bäckermeisters Mariele, die halten sich gleich die Schürze vor die Augen.

Na, man muß schon sagen, unrecht haben die beiden nicht, wenn sie sich

schämen. Sie haben einen Streich ausgeführt, der ihnen viel Spott seitens

der Buben eintrug und zeigte, daß auch gescheite Mädel einmal dumm sein

können. Die Geschichte ist nämlich so.

Einmal, es war in dem Jahre, in dem Heine Peterle seine Stadtfahrt machte

und Schulzens Jakob die schreckliche Geschichte mit der Roggenmuhme

erlebte, war der Oberheudorfer Gänsejunge auf und davon gegangen. Er

meinte, er sei plötzlich so klug geworden, daß er fortan Schafhirt sein

wolle; für einen fünfzehnjährigen Buben sei Gänsehüten keine Arbeit,

er wollte Schafe haben. Da die Oberheudorfer Bauern aber keine Schafe

hatten, zog der Gänsejunge von dannen, und die Gänse hatten auf einmal

keinen Hirten.

Da nun gerade Sommerferien waren, in denen Landkinder keine Badereisen

machen, sondern fleißig in Haus und Hof helfen müssen, sagten die Bauern:

»Die Mädel mögen halt die Gänse hüten!« Zwei Mädel zusammen mußten also

immer eine Woche lang die Gänse auf die Weide führen, und wenn die Woche

vorbei war, dann kamen zwei andere dran.

Den Mädeln gefiel das ganz gut, und die Buben waren wütend; sie meinten,

Gänsehüten sei leichter als Korn aufladen. Und schwer hatten es die

Hüterinnen auch wirklich nicht; sie konnten im Schatten eines Baumes

sitzen, schwätzen, mit Blumen spielen oder stricken. Die Gänse waren sehr

gut erzogen und watschelten nicht weg.

An Oberheudorf vorbei fließt ein Bächlein durch ein schmales Wiesental.

Das ist ein Gänsetummelplatz, wie er nicht schöner zu finden ist.

An einem sehr warmen Sommertag saßen Krämers Trude und Bäckermeisters

Mariele dort unter einer großen Traueresche und walteten ihres Amtes als

Gänsehüterinnen. Faul, nur manchmal leise schnatternd, lagen die Gänse

auf der Wiese, und die beiden Mädel machten es ihnen nach. Sie lagen am

Bachrand und guckten in die Luft. Sie hatten weder Lust zu spielen noch zu

stricken, denn es war sehr schwül, und den beiden fielen schon bald die

Augen zu.

»Mariele, schlaf doch nicht!« murmelte Trude und puffte die Freundin in

die Seite.

»Ich schlaf' ja nicht,« lallte Mariele, riß die Augen weit auf und schloß

sie gleich wieder.

»Faulpelz« brummte Trude und drehte sich auf die andere Seite. Sie

blinzelte nach den Gänsen hin, die ruhig im Grase lagen, dann nahm

sie ihre Schürze und deckte sie sich über das Gesicht, denn die Sonne

schien durch das Blättergewirr hindurch gerade auf ihre kleine, dicke

Nase. Und auf einmal schritt das Trudelchen unversehens durch einen

Garten voll lustiger Träume, und das Mariele an ihrer Seite spazierte

ebenso vergnügt im Traumland herum. Mariele träumte etwas so überaus

Lustiges, daß sie im Schlaf hell auflachte, von dem Lachen aber wurde

Krämers Trude munter, und erschrocken richtete sie sich auf. Sie sah

sich verschlafen um. Wo war sie denn eigentlich? Sie saß auf der Wiese

dicht am Bach, -- aber wo waren denn die Gänse?

Trude riß ihre Augen auf, soweit sie nur konnte, aber die Gänse

erblickte sie nicht.

»Mariele,« schrie sie ängstlich, »wach auf, die Gänse sind weg!«

Wenn das Mariele aber schlief, dann schlief es. Ein Murmeltierchen war

leichter munter zu bekommen als das kleine, dicke Mädel.

»Aufstehen sollst!« schrie Trude und puffte und schubste die Kameradin.

Diese knurrte nur behaglich und schlief weiter. Da nahm Krämers Trude

kurz entschlossen ihren braunen Henkelbecher aus dem Korb, schöpfte ihn

voll Wasser und goß ihn der Freundin über den Kopf.

Das half. Mariele fuhr auf, wie von einer Tarantel gestochen, und begann

fürchterlich zu schreien, daß es ihrer Kameradin himmelangst wurde.

Schließlich wußte diese kein anderes Mittel, als Mariele rasch den Mund

zuzuhalten und ihr zuzurufen: »Die Gänse sind weg!«

Da verstummte auch Mariele und sah sich verwirrt um. Wirklich, die Gänse

waren weg.

»Komm, komm,« drängte Krämers Trude, »wir müssen sie suchen. Paß auf, die

sind nur ein Stück im Bach weitergeschwommen!«

»Es wird so dunkel,« jammerte Mariele ängstlich, »es kommt gewiß ein

Gewitter.«

Auch Trude warf einen ängstlichen Blick auf den Himmel, der sich verdüstert

hatte. Sie ergriff die Hand der Freundin, und beide rannten den Bach

entlang und schrien von Zeit zu Zeit. »Wule, wule, wule!«

Aber keine Gänse gaben schnatternd Antwort, so dringend die beiden

Hirtinnen auch lockten.

Den beiden Mädeln wurde das Herz immer schwerer.

»Wo sie nur sein mögen?« rief Mariele klagend.

»Komm nur um die Ecke rum,« sagte Trude ermunternd, »da werden sie sein.«

Als sie aber um die Ecke herum kamen, waren die Gänse doch nicht zu sehen.

Der Bach floß in Windungen zwischen Wiesen, Wald und mäßig hohen Bergen

dahin. Das erste Dorf, das er auf seinem Wege erreichte, war Niederheudorf.

Bei jeder Biegung sagte Trude tröstend: »Wenn wir um die Ecke herum kommen,

werden wir sie finden.«

Aber immer wieder gab es eine Enttäuschung. Mariele weinte laut, Trude

heulte leise. Einmal blieb Mariele an einem Busch hängen und riß sich ein

riesengroßes Loch in ihren Rock, beinahe so groß war es wie der ganze

Rock. Trude rutschte bei dem hastigen Laufen auf einer morastigen Wiese

aus und bespritzte sich von oben bis unten mit Schlamm. »Die dummen

Gänse!« jammerte sie.

»Frech sind sie,« klagte Mariele.

Plötzlich stießen beide ein wahres Freudengeheul aus und stürzten mit

dem Rufe: »Da sind sie ja!« auf eine Herde Gänse los, die friedlich im

Grase lagen. Bei dem lauten Geschrei der Mädchen brachen die Gänse in

ein aufgeregtes Schnattern aus und drängten sich dicht aneinander.

»Wollt ihr wohl heimgehen, ihr dummen Gänse!« schalt Trude, und beide

Hirtinnen trieben eilig die Gänse heimwärts, die ihnen freilich recht

widerwillig folgten.

»Es sind doch so viele,« sagte Mariele nachdenklich.

»Ach wo,« rief Trude. »So dumm! Wo sollen denn die andern herkommen?

Spute dich nur, es wird so trübe!«

Der Himmel hatte sich immer mehr verdüstert, und Eile tat wirklich not.

Die Mädchen schalten laut auf die Gänse, diese schnatterten immer wilder,

und über dem Lärm hörte weder Trude noch Mariele, daß ihnen jemand

nachrief. Auf einmal aber fühlten sie sich gepackt. Hinter ihnen stand

eine große, alte Frau, die die Mädel mit ihren knochigen, braunen Händen

festhielt. »Wartet nur, ihr Gänsediebinnen,« schrie die Alte, und ihre

Augen funkelten vor Wut, »ihr abscheuliches Pack ihr, eingesperrt werdet

ihr!«

Die beiden schrien Zeter und Mord, aber die Alte ließ nicht los. Wie

Schraubstöcke umkrallten ihre Finger die Arme der Kinder, und so sehr

sich Trude und Mariele auch sträubten, sie zog sie mit fort.

»Wir ha--ha--haben nicht ge--ge--stohlen,« schluchzte Mariele.

»Huhuhu! Das sind unsere Gänse! Huhuhu!« heulte Trude.

»Was, eure Gänse? Na, da schlägt's dreizehn,« schrie die Alte. »So

ein freches Gesindel! Na, wartet nur, ich sperr' euch jetzt ein, und

Leberecht Sperling mag euch ins Dorf führen!«

Leberecht Sperling! Einen Augenblick waren die beiden sprachlos vor

Entsetzen.

Leberecht Sperling sollte sie ins Dorf führen, -- ja warum denn?

»Laß mich los, huhuhu!« kreischte Trude.

»Los!« quiekte Mariele.

»Fällt mir gar nicht ein, nä, so dumm bin ich nicht. Jetzt marsch, da

rein! Ich treib' meine Gänse heim und schick' Leberecht Sperling nach

euch!«

Ehe die beiden noch recht zur Besinnung gekommen waren, saßen sie in

einem kleinen, feuchten, dunklen Raum.

Es war ein kleines Häuschen, in dem sich Fischkästen befanden, in das

die Alte die Kinder eingesperrt hatte. Einige Minuten schrien diese,

so laut sie konnten, und stießen mit Händen und Füßen um sich. Krämers

Trude gebärdete sich am tollsten, aber plötzlich hörte Mariele einen

Plumps und sah im dämmrigen Licht ihre Freundin verschwinden.

»Wo bist du denn?« rief sie ängstlich. Trude gab nur eine undeutliche

Antwort, sie war in einen Fischkasten gefallen. Sie fühlte, wie es

um sie herum kribbelte und krabbelte, und entsetzt versuchte sie

herauszukommen. Da sah sie einen hellen Schein und lief in dem Wasser,

das ihr nur bis an die Brust ging, entlang bis an ein Loch. »Da komm'

ich raus,« dachte sie und bückte sich, kletterte über eine Planke und

saß auf einmal mitten im Bach. Ein Weilchen blieb sie ganz verwirrt

sitzen.

Die Gänse, die Alte, Leberecht Sperling, das dunkle Gefängnis, dem sie

so unvermutet entronnen war, das alles ging ihr wie ein Mühlrad im

Kopfe herum.

Marieles Jammergeheul in dem Fischhäuschen brachte Trude endlich zu

sich. »Wir müssen ausreißen, ehe Leberecht Sperling kommt,« dachte sie.

Sie sprang von ihrem feuchten Sitz auf und lief an das Häuschen, um die

Freundin zu befreien. Die Tür war verschlossen, also mußte auch Mariele

durch den Fischkasten kriechen. Unter Stöhnen und Ächzen entschloß

sich das kleine, dicke Mädel endlich dazu. »Ich kann nicht,« klagte

sie, als sie schon einen Fuß im Wasser hatte, »ich graule mich!«

»Leberecht Sperling kommt!« rief Trude von draußen. Das half. Mariele

sprang in das Wasser und kam auf dem gleichen Wege wie Trude pudelnaß

aus dem Gefängnis heraus.

»Uff,« ächzte sie, als sie im Bach saß, »das war graulich!«

»Komm nur,« drängte Trude, »sonst holt uns Leberecht Sperling.«

»Aber die Gänse!« klagte Mariele und lief hinter der Freundin her.

Krämers Trude blieb betroffen stehen und jammerte: »Ach, die Gänse!« Doch

da sah sie mit langen Schritten einen Mann sich dem Häuschen nähern.

»Leberecht Sperling,« stöhnte sie und raste im Galopp davon und Mariele

heulend hinter ihr her.

Es war aber gar nicht Leberecht Sperling, der da kam, um die Gefangenen

abzuholen, sondern ein Bauer. Verdutzt starrte er in das leere Häuschen,

dann ging er kopfschüttelnd um das Häuschen herum. Aber er sah nichts, und

endlich brummte er: »Die Karline hat wohl geträumt,« und damit trollte er

ab.

Die beiden Mädel liefen unterdessen über Stock und Stein und wagten es

gar nicht, sich umzusehen. Das dicke Mariele stöhnte etlichemal: »Ich

kann nicht mehr!« Dann rief Trude mahnend: »Leberecht Sperling!« und

weiter ging die wilde Jagd.

Keuchend, atemlos, triefend und mit zerrissenen Kleidern langten die beiden

Hüterinnen im Dorfe an. Sie rannten so, daß sie nicht rechts und nicht

links sahen. Auf einmal liefen sie jemand direkt in die Arme und fühlten

sich festgehalten.

»Na, wohin denn so eilig?« fragte eine knarrende Stimme. Entsetzt blickten

die beiden auf und sahen in das brummige Gesicht -- Leberecht Sperlings.

Das war zu viel des Schrecklichen! Mariele wurde totenblaß und schnappte

nach Luft, und Trude legte matt den Kopf auf die Seite.

Der Waldhüter erschrak. »Aber Kinder, Kinder, was ist euch denn geschehen?«

fragte er angstvoll. Doch er erhielt keine Antwort, und kurz entschlossen

nahm er die Mädel auf seine Arme und trug sie in das Dorf. Er langte gerade

an, als der erste schwache Donner hörbar wurde und von allen Seiten die

Leute vom Felde hereinkamen. Auf einem leeren Wagen saßen Schulzens Jakob,

Heine Peterle und noch etliche andere Buben. Als sie den Waldhüter mit den

Mädeln erblickten, schrien sie so laut, daß die Pferde beinahe scheu

wurden.

Wenn in Oberheudorf etwas geschah, dann wußte es geschwind das ganze Dorf,

und es dauerte nicht lange, da schaute aus jeder Haustür jemand neugierig

heraus. So war es auch heute. In wenigen Minuten hatte sich ein Kreis um

den Waldhüter gebildet. Er sollte erzählen und wußte doch nichts zu sagen.

Und die Mädel, die er sanft auf den Boden gesetzt hatte, schluchzten nur

erbärmlich.

»Zu dumm, daß Mädel immer gleich heulen,« brummte Anton Friedlich.

Die Krämerin war auch herbeigekommen und nahm ihre Trudel auf den Arm.

»Kind, sag doch, was fehlt dir?« fragte sie besorgt.

»Gagak, gagak, gagak!« erscholl es da plötzlich schnatternd, und vom

Dorftümpel her kam eine Schar Gänse angewatschelt.

»Die Gänse, die Gänse!« schrien die Mädel da plötzlich wie aus einem Munde.

»Gagak, gagak, gagak!« schnatterten die Gänse und zogen stolz wieder ab,

als hätten sie sich nur zeigen wollen.

»Die Gänse, ach, die Gänse!« jubelten Trude und Mariele, und eine ganze

Weile antworteten sie auf alle eindringlichen Fragen nur immer: »Die

Gänse!«

»Ihr seid selbst welche,« brummte endlich der Schulze, »wenn ihr nicht

bald sagt, was geschehen ist!«

Das half. Auf einmal konnten beide reden. Wie Kreisel gingen die Mäulchen.

Die Buben sperrten Mund und Augen auf: reden konnten sie doch auch, aber

so geschwind nicht. Ja, und was hatten die Mädel alles erlebt!

»Na, da hört aber doch alles auf!« rief der Schulze. »Ihr verflixten

Mädel hättet ja beinahe die Niederheudorfer Gänse hergetrieben!«

»Die -- Niederheudorfer Gänse?« schrien Trudel und Mariele verblüfft.

»Na freilich, unsere sind ja schon längst zurück! Die waren klüger als

ihr; sie sind einfach heimgelaufen. Sicher wart ihr in Niederheudorf,

denn das Fischerhäuschen ist nicht weit vom Dorf entfernt. Ihr seid immer

weiter gelaufen, statt einmal nach unserem Dorfe zu. Na so dumm!«

»Uh je,« schrien die Buben, »die Gänse sind klüger als die Mädel!« Krach!

donnerte es da so heftig los, daß Männer, Frauen, Gänse, Kinder, und was

sonst noch auf der Dorfstraße war und Beine zum Davonrennen hatte, ausriß.

Die Kinder gingen in die Stube und die Gänse in den Stall, und somit war

die Geschichte zu Ende.

Nur der Waldhüter stand einige Augenblicke allein auf der Dorfstraße,

aber die Krämerin rief ihn ins Haus herein.

Er kam und war so freundlich, wie Trude es nie von ihm gedacht hätte.

Sie sagte es nachher den andern Kindern, und seitdem heißt es im Dorf:

»Wenn Leberecht Sperling nicht so brummig wäre, dann wäre er ganz nett.«

Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten: Sechszehn heitere Erzählungen · 第 7 / 10 段