Ja, erzählen, das konnte Muhme Lenelis am allerbesten im ganzen Dorf.

Tausend noch mal, waren das Geschichten! Da spielten die allerschönsten

Prinzessinnen mit kleinen dummen Bauernbuben Federball und Blindekuh

oder fuhren in goldenen Kutschen einher, und Schlösser gab es in den

Geschichten, die waren so schön, daß des Grafen Dachhausen Schloß

dagegen nur ein ganz einfaches Haus war. Mit goldenen Kronen, silbernen

Gewändern und Edelsteinen warf Muhme Lenelis in ihren Geschichten

umher wie die Kinder im Herbst mit Kastanien, und die guten Feen

brachten gleich ganze Erntewagen voll Geschenke an. Leider spielten

diese Geschichten alle im Märchenlande, und das liegt bekanntlich

hinter dem Berge »Irgendwo« an der Straße »Nirgendshin« im Walde

»Ichweißnichtwie«. Muhme Lenelis aber hatte sicher ein Zaubertränklein,

denn solange sie erzählte, verwandelte sich ihre dürftige Stube in den

wunderlieblichsten Märchengarten, in dem die Oberheudorfer Kinder sehr

vergnügt umherspazierten.

Zwei Kinder im Dorfe nur kamen nicht zu Muhme Lenelis außer den Kleinen,

die noch nicht gehen und sprechen konnten, das war das besinnliche

Trinchen, zu dem ging Muhme Lenelis erst dann, als es krank lag, und der

Traumfriede. Ach, und der Bube wäre doch brennend gern zu der alten Frau

gelaufen, aber sein Herr und Pflegevater litt es nicht, weil er Muhme

Lenelis nicht leiden konnte. Böse Menschen haben mit den guten nicht gern

etwas zu schaffen, und der Kohlbauer schaute der alten Frau nicht gern in

ihre klugen, klaren Augen. Sonst kamen sie alle: Schulzens Jakob, Annchen

Amsee, Heine Peterle, und wie sie alle hießen.

Sie kamen und saßen in Muhme Lenelis' Stube, und wer besonders brav

gewesen war, der durfte ein Weilchen auf einem mit verschossenem roten

Samt bezogenen Sessel sitzen. Dieser Sessel war die größte Kostbarkeit,

die die alte Frau besaß. Sie hatte ihn einmal von einer Kammerfrau der

Gräfin erhalten, der sie Kräutertee als Heilmittel für eine schlimme

Grippe gebracht hatte. Die Kammerfrau wieder hatte den Stuhl von der

Frau Gräfin bekommen, weil der Samt Flecke hatte und außerdem zwei Beine

wackelten. Aus diesem Grunde mußte man auch immer ganz vorsichtig auf dem

Sessel sitzen, und die Oberheudorfer Kinder saßen, wenn sie diese hohe

Ehre erreichten, so steif und still auf dem ehemaligen gräflichen Sessel,

wie etwa ein Kaiser auf dem Throne sitzt.

Am schönsten war es so um Weihnachten herum bei Muhme Lenelis. Vier

Wochen vorher roch es dort schon weihnachtlich. Die Muhme lachte immer,

wenn die Kinder kamen, ihre Näschen in die Luft reckten und wie Hundchen

schnuppernd riefen: »Hier riecht's nach Weihnachten!« Flugs warf dann

die alte Frau noch einige Tannenzapfen in das Feuer. Das prasselte und

sprühte, und ein feiner, süßer Weihnachtsduft zog durch das Zimmer.

Am ersten Adventsonntag wurde in dem Häuschen ein Fest gefeiert, da gab es

Bratäpfel. Der große Apfelbaum, der neben dem Hause stand wie ein großer,

guter Wächter, sorgte dafür, daß die Muhme jeden Herbst etliche Körbe voll

Äpfel einernten konnte. Ein bißchen hart und säuerlich waren die Früchte

zwar, aber Muhme Lenelis meinte, der Baum sei eben ein Bratäpfelbaum,

dagegen sei nichts zu sagen. Alle Kinder stimmten ihr zu, und wer nur

einen einzigen Bratapfel bei Muhme Lenelis gegessen hatte, der erklärte

sicher, daß nirgends auf der weiten Welt bessere Bratäpfel zu finden seien.

Überhaupt war alles in und um Muhme Lenelis Haus von ganz besonderer

Art. Die schwarzweiße Ziege, die den für Ziegen etwas ungewöhnlichen

Namen Friederike führte, war nach der Muhme Aussage ein über alle Maßen

kluges Tier. Ein Zeichen ihrer Klugheit war schon, daß es ihr in der

Stube besser als im Stalle gefiel, namentlich im Winter, wenn es im

Stalle kalt war. Erzählte ihre Herrin eine Geschichte, so verhielt sich

Friederike meist still, aber nicht immer, und Muhme Lenelis sagte dann

stolz. »Sie hört zu! Wenn sie nur sprechen könnte, sie könnte sicher

die schönsten Geschichten erzählen!«

Die Kinder behandelten Friederike sehr respektvoll. Schulzens Jakob, der

immer gern alles studieren wollte, nahm es sich einmal vor, am heiligen

Abend um Mitternacht in Muhme Lenelis Stall zu gehen, vielleicht konnte

da Friederike sprechen, weil man doch sagt, daß die Tiere in dieser

heiligen Nacht wie die Menschen reden können. Anton Friedlich und Heine

Peterle wollten mit ihm gehen, aber dann hatten sie alle drei zu viel

Pfefferkuchen gegessen und Weihnachtspunsch getrunken und verschliefen

die Zeit. Sie sagten zwar »nächstes Jahr«, aber da war es ebenso, und

darum erfuhren die Kinder nie, ob Friederike wirklich schöne Geschichten

erzählen konnte.

Von besonderer Klugheit war auch Schnurpsel, der Kater. Auch von ihm sagte

Muhme Lenelis, er sei ein ganz besonderer Kater, so einer, wie sie in

Märchen vorkommen. Schnurpsel ging auch immer so stolz einher, als sei er

ein Prinz, und er konnte neben einer bis zum Rande gefüllten Milchschüssel

liegen, ohne in die Katzenuntugend des Naschens zu verfallen. Nein, so

etwas tat Schnurpsel nicht, dazu war er viel zu würdevoll.

Er stellte auch nicht Mimi, der Amsel, nach, die auch eine von Muhme

Lenelis Hausgenossen war. Die Muhme hatte das Tierchen einst mit

gebrochenem Flügel auf einer Wiese gefunden, es heimgetragen und gesund

gepflegt. Im Sommer saß Mimi in dem kleinen, blütenreichen Gärtchen und

pfiff die allerschönsten Lieder, im Winter aber blieb sie in der Stube

und spazierte nur bei hellem Sonnenschein ein wenig draußen herum. Mimi

vertrug sich so gut mit Schnurpsel, daß sie manchmal sogar auf seinem

Rücken saß, was sich der Kater mit behaglichem Schnurren gefallen ließ.

»Zank und Streit kommen bei uns nicht vor,« pflegte Muhme Lenelis

zu sagen, wenn sie mit Friederike, Schnurpsel und Mimi in ihrem

Stübchen saß. Auch die Kinder, die zu Besuch kamen, ließen Zank und

Streit draußen. Selbst der blaue und der dicke Friede vertrugen sich

miteinander, als sie noch Feinde waren, wenn sie bei der Muhme weilten,

und manchen Streit, der Geschwister oder Freunde entzweit hatte,

schlichtete die alte Frau mit klugen und gütigen Worten.

Wieder einmal stand der erste Advent und das Bratäpfelfest vor der

Türe. Etliche Tage vorher wisperten und flüsterten die Kinder schon

von dem Fest, zu dem Muhme Lenelis erstens eine neue Geschichte und

zweitens Pfefferkuchen versprochen hatte. Die Pfefferkuchen, die

die Muhme ihren Gästen vorsetzte, waren weder sehr groß noch sehr

mit Mandeln gespickt. Es waren recht einfache, billige Kuchen, und

doch schmeckten sie den Kindern stets über die Maßen gut; vielleicht

machte sie die große Liebe, mit der sie gegeben wurden, so besonders

schmackhaft.

An dem Sonnabend vor dem Feste rüstete sich Muhme Lenelis am Morgen zur

Fahrt in die Stadt, um dort die Pfefferkuchen zu kaufen. Sie holte sie

jedes Jahr bei einer als geizig verschrieenen Konditorsfrau, die das

größte Geschäft in der Stadt hatte. Der Gastwirt Kaspar auf dem Berge fuhr

auch nach der Stadt und hatte sich erboten, Muhme Lenelis mitzunehmen.

Zurück mußte sie freilich gehen, aber sie fürchtete sich nicht vor dem

langen Wege und lachte vergnügt, als einige Buben ihr versicherten, sie

würden ihr entgegenkommen und sie in ihrem Handschlitten heimfahren. Heine

Peterle warnte die Muhme noch sehr dringlich vor allerhand Gefahren in

der Stadt, und als sein Vater ihm vorschlug doch mitzufahren, lief er mit

puterrotem Gesicht wütend aus der Stube.

Muhme Lenelis kam wohlbehalten in der Stadt an und ging in den

Pfefferkuchenladen, in dem so viele Leute waren, daß die alte Frau ganz

verlegen wurde. Aber die Konditorsfrau, die sie von Ansehen kannte,

sprach freundlich zu ihr, und die Muhme brachte ihr Anliegen vor und

erzählte dabei treuherzig, wozu sie so viele kleine Pfefferkuchen

brauchte. Etliche junge Mädchen bedienten die Kunden und packten die

eingekauften Waren in große Pakete zusammen. Nachdem Muhme Lenelis eine

ganze Weile gewartet hatte und etliche Male nach ihren Wünschen gefragt

worden war, legte eines der Mädchen ihr ein recht umfangreiches Paket

in den Tragkorb. Die alte Frau nahm ihre mühsam gesparten Groschen aus

ihrem Beutel, händigte sie der Konditorsfrau ein und ging, noch einen

sehnsüchtigen Blick auf alle im Laden aufgestellten Herrlichkeiten

werfend, mit freundlichem Gruß von dannen. Unterwegs dachte sie an

all die Kasten voll feiner Schokoladenbonbons, an die Marzipanfrüchte

und bunten Kuchen. Wie gern hätte sie für ihre kleinen Freunde und

Freundinnen in Oberheudorf recht viel eingekauft!

Der lange Weg wurde ihr nicht lang, obgleich die Pfefferkuchen merkwürdig

schwer im Korbe lagen. Muhme Lenelis dachte an die Geschichte, die sie

morgen erzählen wollte, und sonst noch an allerlei liebe, freundliche

Dinge und stapfte dabei wohlgemut weiter. Zart und weich rieselten die

Flocken hernieder. Es war nicht kalt, aber doch blieb der Schnee liegen.

Es sah ganz weihnachtlich feierlich aus, und die Muhme geriet in eine so

fröhliche Weihnachtsstimmung, wie nur ein guter Mensch sie empfinden kann.

Ein lautes Geschrei unterbrach plötzlich ihr heiteres Sinnen. Auf einem

Hügel tauchten fünf Gestalten auf, die mit großem Hallo auf die einsame

Wanderin zukamen. Muhme Lenelis blieb stehen und lachte, denn sie kannte

die fünf gut, die dort ankamen; es waren Heine Peterle, der blaue Friede,

Schulzens Jakob, Schnipfelbauers Fritz und der lange Hans, der Wirtssohn.

»Wir wollen dich heimfahren, Muhme!« riefen alle fünf, und der kleine

Holzschlitten, den sie zogen, flog hin und her wie ein Uhrenpendel.

»Ich geh lieber,« meinte die Muhme, denn die Fahrt schien ihr etwas

bedenklich.

Die fünf schrien vor Entrüstung laut auf und baten so eindringlich, daß

die gute Muhme sich wirklich auf den Schlitten setzte. »Es liegt ja

Schnee,« dachte sie. »Wenn ich falle, fall' ich weich,« und -- bums! da

lag sie auch schon im Graben. Mit ihrem Korbe kollerte sie ein Stück

bergunter, und als sie pustend und ächzend wieder aufstand, da waren

die fünf Ritter schon weit entfernt; sie hatten in ihrem Eifer gar

nicht gemerkt, daß sie die Muhme verloren hatten.

»Na, solche Buben!« meinte diese lachend, lud ihren Korb auf und eilte,

so schnell sie konnte, auf einem Seitenwege ihrem Häuschen zu.

»Wir bringen Muhme Lenelis mit den Pfefferkuchen,« schrien die fünf,

als sie in das Dorf einfuhren.

Waldbauers Mariandel, die gerade hübsch artig und manierlich über

die Dorfstraße ging, riß die Augen weit auf, und Annchen Amsee, die

dazukam, quiekte: »Ach je, wo ist denn die Muhme?«

Schuster Pechdraht stand vor seiner Haustüre und rief auch: »Ja, wo ist

denn die Muhme?«

Verdutzt hielten die fünf im Laufen inne, drehten sich um, -- ja, wo

war denn die Muhme?

»Wir haben sie verloren,« murmelte Schnipfelbauers Fritz kleinlaut, und

alle fünf schauten sich verlegen an. Dann aber rasten sie wie der Sturmwind

zurück, um Muhme Lenelis zu suchen. Dabei erhoben sie ein so jämmerliches

Geschrei, daß das halbe Dorf zusammenlief. Aus allen Häusern kamen die

Leute herausgestürzt. »Was ist geschehen?« -- »Wo ist die Muhme?«

Alle Kinder liefen den Weg zurück, um die verloren gegangene Muhme zu

suchen, während die Erwachsenen nicht weiter beunruhigt in ihre Häuser

zurückkehrten.

Muhme Lenelis saß inzwischen schon in ihrem Stübchen und schickte sich

gerade an, Kaffee zu kochen, als sie das laute Geschrei der Kinder vernahm,

die, nachdem sie sie nicht auf dem Wege gefunden hatten, sie in ihrem

Hause suchten. Der Muhme saß der Schalk im Nacken. Flugs schloß sie die

Haustür zu und verhielt sich mäuschenstill, soviel die Kinder draußen auch

klopften und riefen. »Sie ist nicht da,« riefen sie endlich jammernd und

rannten in das Dorf zurück.

Unterwegs begegneten sie dem Gendarm. Das war ein freundlicher, gutmütiger

Mann, mit dem alle Buben und Mädel gute Freundschaft hielten. »Muhme

Lenelis ist verschwunden,« klagten sie ihm, und der Gendarm ließ sich

die Sache genau beschreiben, zog die Stirn in tiefe Falten und sagte:

»Ganz gewiß liegt die Muhme irgendwo halbtot oder mindestens mit einem

gebrochenen Bein oder zwei Löchern im Kopf am Wege.«

Was ein Gendarm sagt, ist von großer Wichtigkeit. Auch die Erwachsenen

bekamen Angst, und man begann die verloren gegangene Muhme zu suchen.

Leise kam schon die Dämmerung herbei, als sich alle wieder dem Dorfe

näherten. Nirgends hatten sie die Muhme finden können.

»Bei der Muhme Lenelis raucht es ja!« rief plötzlich Waldbauers Mariandel

mit klingender Stimme. Und richtig, aus der dicken Esse stieg der Rauch

empor, und plötzlich erhellten sich auch die niedrigen Fenster. Muhme

Lenelis war also daheim. Alle waren froh darüber, daß die Geschichte so

gut abgelaufen war, die fünf Fahrer aber wurden weidlich ausgelacht und

zogen recht beschämt von dannen.

Am nächsten Tage aber stellten sie sich vergnügt und pünktlich zum

Bratäpfelfeste ein. Muhme Lenelis Stube konnte die Schar der Gäste

kaum fassen. Weil die Muhme weder genug Stühle, Bänke, Wascheimer und

alte Kisten hatte, saßen etliche Buben und Mädel auf der Erde, als sei

nicht Oberheudorf, sondern die Türkei ihre Heimat. Die Muhme hatte

Strohbündel auf den Boden gelegt. Da saßen die Gäste warm und weich,

und es gab viel Kichern und Lachen, als die Muhme jedem einen heißen

Bratapfel zuwarf. Dann holte sie das Pfefferkuchenpaket hervor und

begann es aufzuschnüren.

»Es ist so groß!« schrie Schnipfelbauers Fritz.

»Ja,« sagte die Muhme erstaunt, die bis jetzt das Paket in ihrem Tragkorbe

hatte liegen lassen, »und so schwer ist es!«

Die Neugierde wurde lebendig in den kleinen Gästen, sie zitterten und

zappelten und konnten es gar nicht erwarten, bis die Hülle fiel.

Aber das war auch eine Überraschung!

Potz tausend, was war da alles in dem Paket! Muhme Lenelis setzte sich

vor lauter Verwunderung auf den roten Samtstuhl und rief ein über das

andere Mal: »Du meine Güte, die gute, gute Konditorsfrau!« Dabei packte

sie etliche Tüten feine Schokoladenbonbons aus, einen großen Kasten

Marzipanfrüchte, Zuckerkringel, Makronen und Pfefferkuchen.

Die Kinder jubelten, jauchzten und umdrängten die gute Muhme und warfen

sie beinahe mit all den süßen Herrlichkeiten und dem roten Polsterstuhl

über den Haufen. Und dann ging ein Schmausen los. Es war wie bei einem

Gastmahl in einem Feenschloß. Selbst Schnurpsel geruhte einen kleinen

Kuchen zu verzehren, und Mimi pickte an einem Zuckerkringel herum; nur

Friederike sah verächtlich auf all die Süßigkeiten.

Muhme Lenelis teilte alles ein. Wer daheim noch kleine Geschwister hatte,

durfte diesen noch etwas mitbringen. Laut erklang bei diesem fröhlichen

Feste das Lob der guten Konditorsfrau, die diese Überraschung bereitet

hatte, und die Muhme beschloß, in den nächsten Tagen noch einmal nach der

Stadt zu wandern, um ihren Dank abzustatten.

Sie tat das auch am nächsten Freitag. Da fuhr Friede Hopserling mal wieder

in die Stadt und erklärte sich bereit, die Muhme mitzunehmen. Friede

Hopserling war seit seiner Fahrt mit Heine Peterle noch nicht redseliger

geworden, und Muhme Lenelis hatte daher Zeit, sich eine wunderschöne

Dankrede einzustudieren. Die gute Frau konnte, wenn es darauf ankam, so

flink reden, daß so leicht niemand zu Worte kam. Die Dankesrede murmelte

sie einigemal leise vor sich hin. Sie gefiel ihr selbst ungemein, und sie

konnte sie auch wirklich ganz vortrefflich.

Als daher Friede Hopserling in der Stadt vor der Konditorei hielt, konnte

es Muhme Lenelis kaum noch erwarten, ihr Sprüchlein zu sagen. Mit einer

Geschwindigkeit, als sei sie noch ein blutjunges Dirnlein, kletterte sie

vom Wagen herab und lief flugs in den Laden hinein, in dem wieder viele

Käufer waren, gerade auf die Konditorsfrau zu, die breit und behäbig an

der Kasse saß. Ehe diese noch wußte, wie ihr geschah, hatte Muhme Lenelis

ihre Hand ergriffen, drückte sie herzhaft und sprudelte ihren Dank hervor.

Die Konditorsfrau starrte die Sprechende an, als erblicke sie ein Gespenst.

Mitunter schnappte sie nach Luft und wollte etwas sagen, aber Muhme

Lenelis ließ sich nicht unterbrechen, und ihre Rede war infolge der langen

Fahrt auch recht lang geworden; es dauerte daher eine geraume Zeit, ehe

sie fertig war.

Friede Hopserling, der versprochen hatte, auf seinen Fahrgast zu warten,

wurde ungeduldig und knallte mit der Peitsche und schrie so laut, daß

alle Leute auf der Straße sich entsetzt umsahen: »Abfahren!« Muhme

Lenelis erschrak und sprach noch schneller als vorher. Sie drückte der

Konditorsfrau immer wieder die Hand, dankte der engelsguten Frau, wie sie

sie nannte, und verließ dann eilfertig den Laden. Draußen kletterte sie

dann vergnügt auf den Wagen, und Friede Hopserling fuhr los, denn er

hatte das Mehl in eine andere Stadtgegend zu bringen.

Muhme Lenelis war von Herzen froh, daß sie ihren Dank angebracht hatte. Sie

ahnte nicht, daß die Konditorsfrau wütend war und vor Ärger fast verging.

Die Sache mit dem Paket war nämlich eine Verwechslung. Eine reiche Dame

hatte all die schönen Sachen eingekauft und war sehr beleidigt über die

kleinen, armseligen Pfefferkuchen gewesen, die man ihr dann zugeschickt

hatte. Die Konditorsfrau hatte Muhme Lenelis' Namen und Wohnort nicht

gekannt und hatte diese daher nicht zur Zurückgabe des Paketes auffordern

können. Was half aber aller Ärger? Die feinen Schokoladenbonbons und

Marzipanfrüchte waren aufgegessen. Wohl schalt die Konditorsfrau, als sie

endlich nach Muhme Lenelis' Abgang zu Worte kam, heftig, aber da saß die

alte Bauersfrau schon wieder neben Friede Hopserling und erzählte diesem

von der »engelsguten Konditorsfrau«. Diese tobte und ärgerte sich so, daß

sie am Nachmittag Leibschmerzen bekam und sich ins Bett legen mußte; es war

beinahe so, als hätte sie alle Schokoladenbonbons allein aufgegessen.

Ja, so geht das manchmal im Leben. Die Konditorsfrau, die ihren

Nebenmenschen nicht die Fettaugen auf der Wassersuppe gönnte, stand von

nun an bei den Oberheudorfer Buben und Mädeln im höchsten Ansehen.

Vielleicht erfahren die erst durch diese Geschichte, wie unfreiwillig die

süße Überraschung an Muhme Lenelis' Bratäpfelfest ihnen zuteil geworden

ist.

[Illustration: Szene an Konditorei]

[Illustration: Dekoration]

Die Prinzessin mit dem seltsamen Namen.

An dem vergnügten Bratäpfelfest, das so schön war, wie nur ein Kinderfest

sein kann, erzählte Muhme Lenelis ihren kleinen Gästen die Geschichte

von der Prinzessin mit dem seltsamen Namen. »Es war einmal,« so begann

sie, »eine Prinzessin, die einen recht häßlichen Namen hatte. Den hatte

sie von ihrer Tante erhalten, die zwar eine Fee war, aber beileibe keine

gute, sondern eine recht böse. Um die Eltern der armen Prinzessin zu

ärgern, hatte sie dem Kinde den häßlichen Namen gegeben und gleich dabei

die Verwünschung ausgesprochen, wenn die Prinzessin mit einem andern

Namen gerufen würde, so müßte sie sterben. Nur wenn ein Königssohn sie

heiraten wollte, dürfte er ihr am Hochzeitsmorgen einen andern Namen

geben; dieser Name müßte aber das erste Wort sein, das er an diesem Morgen

der Königstochter zuriefe. Die Eltern waren schrecklich traurig über den

häßlichen Namen.«

»Wie war er denn?« rief Annchen Amsee ungeduldig.

»Abwarten und Tee trinken,« sagte Muhme Lenelis und fuhr ruhig fort.

»Noch trauriger aber war die schöne Prinzessin selbst, als sie größer

wurde und merkte, wie häßlich ihr Name eigentlich war. Sie hieß

nämlich --«

»Friederike!« rief Heine Peterle kläglich.

»Na so was!« schrie die Muhme entrüstet. »Das ist doch kein häßlicher

Name, dummer Bub' du!«

»Nein,« sagte Heine Peterle und rückte ängstlich auf dem umgestülpten

Holzeimer, auf dem er saß, hin und her, »ich meine nur, Friederike

stößt mich immer von hinten.«

»Ach so,« sagte die Muhme, jagte Friederike weg und erzählte dann weiter.

»Also der Name, über den die Prinzessin so traurig war, lautete --«

»Mimi!« schrie Annchen Amsee aufgeregt.

»Nä, so'n dummes Volk!« rief die Muhme. »Mimi ist doch 'n schöner Name!«

»Das meine ich ja nicht,« schrie Annchen Amsee und sprang auf, »Mimi ist

eben in die Milch gefallen!«

[Illustration: Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten. Seite 144.]

Mimi war wirklich in die Milch gefallen. Sie wurde herausgeholt und an

den Ofen gesetzt. Da blieb sie niedergeschlagen sitzen, bis ihr nasses

Federkleid wieder trocken war.

»Die Prinzessin hieß also,« erzählte Muhme Lenelis weiter, »Schlampampe.«

»Pfui!« riefen Waldbauers Mariandel und Tischlers Liese wie aus einem

Munde, und die Buben lachten, und Schnipfelbauers Fritz rief keck: »Der

Name gefällt mir! So müßten alle Mädel heißen.«

»Das ist frech!« schrien die Mädel alle miteinander empört, und

Muhme Lenelis mußte erst ihre aufgeregten Zuhörer beruhigen, ehe sie

weitererzählen konnte. Schlampampes Geschwister hatten alle schöne Namen.

Oft, wenn Besuch kam und die kleinen Prinzen und Prinzessinnen guten Tag

sagen mußten, lachten die Gäste über Schlampampes Namen. Später, als sie

größer wurde und schön und lieblich wie ein Maientag aussah, da lachten

die jungen Prinzen, die in das Schloß ihres Vaters kamen, auch über den

Namen. -- Einmal hörte die arme Schlampampe, wie ein junger König aus

einem Nachbarland zu seinem Diener sagte: »Die Prinzessin gefällt mir gut,

ich mag aber keine Frau heiraten, die Schlampampe heißt.«

»Nä,« sagte da Heine Peterle und schüttelte ernsthaft den Kopf, »ich

möcht's auch nicht!«

»Halt den Schnabel, du Dreikäsehoch,« rief die Muhme und fuhr fort:

»Die arme Prinzessin weinte sich bald die Augen aus vor Herzeleid.

Viele, viele Wochen saß sie in ihrer Kammer und sprach kein Wort, und

den Eltern brach schier das Herz, als sie den Kummer ihres lieben

Kindes sahen. Die Geschwister wollten sie trösten und nannten sie

Herzensschlampampchen, süße Schlampampe oder Schlampampelein, aber

alles half nichts, die Prinzessin blieb traurig.

Eines Tages ging sie zu ihrem Vater und sagte: »Lieber Papa König,

bitte, bitte, laß mich allein in die Welt ziehen! Vielleicht finde ich

einen Königssohn, der mich heiratet trotz meines Namens.«

Gern ließ der König sein Kind freilich nicht ziehen, weil die Prinzessin

aber gar so innig bat, willigte er ein. Er übergab ihr ein winziges

Köfferchen, in dem waren die schönsten Kleider, die man sich denken kann,

alle spinnewebfein, aber so wundervoll, wie sie noch keine Prinzessin

je getragen hatte. Er gab seinem Kinde auch noch ein Beutelchen, in dem

das Geld nie alle wurde, und dann nahm Schlampampe unter heißen Tränen

Abschied von Eltern und Geschwistern. Sie zog ein graues Bettlerkleid an,

setzte sich auf ein schneeweißes Rößlein und zog in die weite Welt hinaus.

Als die Nacht kam, kehrte sie in einem Bauernhaus ein, wo sie freundlich

aufgenommen wurde. »Wie heißt du denn?« fragte die Bäuerin.

Schlampampe wurde rot wie ein Adonisröslein und sagte schüchtern ihren

Namen.

»Mein Himmel!« schrie die Frau entsetzt und schlug die Hände über dem

Kopf zusammen. »Was ist das für ein Name! Nein, so etwas! Mach' nur, daß

du fort kommst, für eine Schlampampe ist kein Platz in meinem Hause!«

Da ging die arme Prinzessin traurig weiter und beschloß, die Nacht im

Walde zu bleiben. Als sie sich auf das Moos niederlegte, begannen die

Vöglein süße Weisen zu singen, und die Bäume rauschten sanft und lind.

»Armes, schönes Königskind,« flüsterte eine stolze Tanne, »sei nicht

traurig über deinen Namen, das Herz ist die Hauptsache.«

»Ja, das ist wahr,« rief ein Mistkäfer, der am Boden kroch. »Ich bin

nur ein Mistkäfer, aber ich habe ein gutes Herz!«

»Prahlhans!« rief ein dicker Specht. »Aber es ist wahr, das Herz ist

die Hauptsache.«

Die Nachtigall setzte sich auf einen Busch neben die schlafende Prinzessin

und sang, bis der Morgen heraufdämmerte. Schlampampe schlief so süß wie

daheim in ihrem seidenen Himmelbette, und als sie am Morgen erwachte, war

sie heiterer als seit vielen Wochen, und froh setzte sie ihre Reise fort.

Am Abend kam sie wieder in ein Bauernhaus, und die Bäuerin hieß sie

herzlich willkommen. »Wie heißt du denn, du wunderholdes Mägdelein?«

rief die Frau.

Schlampampe senkte den Kopf und sagte traurig: »Ach, gute Frau, ich

habe einen schrecklichen Namen, den ich gar nicht nennen kann!«

Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten: Sechszehn heitere Erzählungen · 第 6 / 10 段