Kindern und zeichnete alle in sein großes, dickes Zeichenbuch. Alle
kamen sie hinein, auch Muhme Lenelis und ihr Häuschen, die Schule und
der Schulzenhof, ja selbst der Herr Lehrer.
Heine Peterle sagte: »Ja, wenn die Stadtleute alle so wären wie der
Herr Maler, dann möchte es gut sein.«
Muhme Lenelis aber meinte: »Die Rechten sind halt nicht dagewesen, die
sind schon gut!«
Und das will Heine Peterle nicht glauben.
[Illustration: Maler und Kinder]
[Illustration: Dekoration]
Das Vogelschießen in Niederheudorf.
Alljährlich, so zwischen Roggenernte und Kartoffelausmachen, war
in Niederheudorf Vogelschießen. Niederheudorf lag eine Stunde von
Oberheudorf entfernt, weiter unten im Tal, und war ein sehr großes,
stattliches Dorf. Natürlich gingen die Oberheudorfer immer zum
Vogelschießen, obgleich sie sich jedesmal ärgerten, daß bei ihnen
nicht auch so ein schönes Fest war. Besonders die Kinder ärgerten sich
darüber; denn erstens hätten sie lieber zwei Feste gefeiert statt eins,
und zweitens taten sich die Niederheudorfer Kinder immer sehr groß
mit ihrem Vogelschießen. »So was habt ihr freilich nicht!« sagten sie
hochmütig. »Ihr seid ja auch bloß 'n kleines Dorf!«
»Ich tät mich schämen, wenn ich in so 'nem Dörfchen wohnte!« rief
einmal der vorlauteste Niederheudorfer Bube. Das bekam ihm aber
schlecht. Heine Peterle, der blaue Friede und Schnipfelbauers Fritz
brachten ihm recht handgreiflich die Meinung bei, daß Buben aus
kleinen Dörfern ebenso gut, wenn nicht besser, hauen können als die
großdörflichen Buben.
Trotz ihres Ärgers aber freuten sich die Oberheudorfer Kinder schon
lange vorher auf das Vogelschießen, und wenn der ersehnte Tag da war,
zogen sie mit Sang und Klang schon um zwölf Uhr von daheim weg, denn
um ein Uhr begann das Fest. Sie kamen also sehr pünktlich. Wenn es die
Väter und Mütter erlaubt hätten, dann wären sie schon früh am Morgen in
Niederheudorf eingetroffen.
Wieder einmal war der Festtag gekommen, und die Sonne schien, wie
sich das für einen solchen Tag schickt, warm und hell, und nicht das
kleinste Regenwölkchen war am Himmel zu sehen.
Sehr vergnügt, sehr erwartungsvoll, mit Vogelschießgroschen in der
Tasche, so trabte die Oberheudorfer Jugend im besten Sonntagsstaat
nach Niederheudorf. Nichts störte ihre Sonntagsfreude, nicht einmal
der Gedanke an ungemachte Schularbeiten, denn der Herr Lehrer hatte
zum Montag nichts aufgegeben. In der allerbesten Laune betraten die
Kinder den Festplatz. Der sah geradezu märchenhaft schön aus. In der
Mitte stand ein Zelt, in dem gab es Bier, Semmeln und Würstchen. Rechts
und links von dem Zelt waren zwei Fahnen aufgepflanzt. Die eine hatte
nur ein Loch, so groß wie ein Tonnendeckel, und die andere war recht
schmutzig, aber sonst waren sie sehr schön.
Für die Kinder gab es ein Karussell, ein Kasperletheater und eine
Bude, in der es Papierlaternen, Pfefferkuchen, Drachen, Bonbons und
dergleichen gute Dinge zu kaufen gab. Man konnte auch darum würfeln,
doch da kriegte man gewöhnlich nichts.
Heine Peterle und Schulzens Jakob prügelten sich fast, weil Jakob
meinte, das Karussell wäre am schönsten, und Heine Peterle mehr für das
Kasperletheater eingenommen war. Aber schön war beides.
Das Karussell hatte braune und weiße Pferde, die kleine Kutschen zogen,
und wenn es sich drehte, tanzten in der Mitte immer vier Puppen. Einer
fehlte der Kopf, eine hatte keine Arme, und einer war das Kleid halb
verbrannt und die Nase eingeschlagen, aber tanzen konnten sie doch.
Das Karussell kam jedes Jahr, und die Kinder wußten schon, daß das
eine Pferd eine schwache Feder hatte; setzte sich jemand darauf und
ging das Karussell los, dann berührte das Pferd mit der Nase immer den
Boden, und wer nicht fest saß, konnte leicht von diesem wilden Tier
herunterfallen.
Als die Kinder den Festplatz betraten, kam auch gerade der Waldhüter
Leberecht Sperling an, und der Karussellbesitzer drehte seine Musik
auf. Dideldideldi, dideldideldi! ging es, und die Kinder liefen eilig
hin, denn natürlich gefiel ihnen das Karussell besser als der immer
brummige Waldhüter.
Das erstemal fuhren nur ein paar Niederheudorfer Buben, die es gar
nicht erwarten konnten. Die andern Kinder standen und sahen zu; das
war auch ein Vergnügen. Erst beim drittenmal, just als die erwachsenen
Oberheudorfer auf dem Festplatz anlangten, kletterten Buben und Mädel
auf das Karussell. Auf das braune Pferd mit der kaputten Feder aber
ging kein Kind, denn keines wollte herunterfallen. Zweimal fahren
kostete fünf Pfennig, und die Oberheudorfer Kinder meinten, für das
teure Geld müßte man wenigstens bis zum Schluß sitzen bleiben können.
»Da ist Leberecht Sperling!« schrie Anton Friedlich plötzlich, der auf
einem Schimmel saß und sich wie ein Feldmarschall vorkam.
Drohend schauten die Buben und Mädel auf den Waldhüter, der wirklich
geradewegs auf das Karussell zukam. »Was will er denn? Hier ist kein
Wald!« schrie Heine Peterle patzig.
»Er will mitfahren!« kicherte Annchen Amsee, die stolz wie eine Prinzessin
in einer mit rotem Samt ausgeschlagenen Kutsche saß.
»Vielleicht setzt er sich auf den Braunen,« rief Schnipfelbauers Fritz,
und die Kinder quiekten förmlich vor Vergnügen über diesen Witz und
guckten alle lachend auf den sonst so gefürchteten Waldhüter; hier auf
dem Festplatz konnte er ihnen ja nichts tun.
Leberecht Sperling ärgerte sich über all die blanken, lachenden
Kinderaugen, wie er sich ja über vieles ärgerte, über das andere Leute
sich freuten. Als daher Schulzens Jakob schrie: »Geht's denn nicht bald
los?« da rief er wütend, als sei er der Besitzer: »Wart' es doch ab,
dummer Bengel!«
»Wollen Sie mitfahren, Herr Waldhüter?« fragte der Karussellmann höflich.
Alle braunen und blauen Buben- und Mädelaugen richteten sich empört auf
Leberecht Sperling. Ob er das wohl wagte? »Das Karussell ist doch für
uns!« knurrten etliche.
»So? Meint ihr, ihr ungezogenes Volk?« rief der Waldhüter zornig,
sprang auf und kletterte richtig auf das braune Pferd, weil das der
einzige freie Platz war.
Dideldideldi, dideldideldi! ging geschwind das Karussell los.
Nick! machte das braune Pferd, und Leberecht Sperling stieß mit der
Nase beinahe auf den Boden.
»Ihr Diener!« rief Friede Hopserling, der Müllerknecht, der stand und
zusah; er dachte, der Waldhüter habe ihn gegrüßt.
»Dummer Müllerbursche!« schrie der wütend und -- nick! machte das braune
Pferd.
»Na, wie geht's?« fragte der Schulze, der auch herbeigekommen war und
dachte, jetzt habe der Waldhüter ihn gegrüßt.
Dideldideldi, dideldideldi ging das Karussell schneller, und Friede
Hopserling, der wohl gemerkt hatte, warum Leberecht Sperling nickte,
verbeugte sich lachend und schrie: »Schön guten Tag, Herr Waldhüter!«
Nach und nach kamen immer mehr Zuschauer, und je schneller das Karussell
ging, desto öfter nickte Leberecht Sperling auf seinem braunen Pferd. Und
die Bauern und Bäuerinnen, die sich wunderten, daß der sonst so mürrische
Waldhüter heute so höflich war, nickten wieder, und Mine, die Wirtsmagd,
machte sogar einen tiefen Knicks.
Leberecht Sperling ärgerte sich immer mehr und schrie: »Aufhören,
auf--hören!«
Dideldideldi, dideldideldi, dideldideldi! ging das Karussell schneller
und schneller, und das braune Pferd hopste und nickte wie toll, und
auf einmal gab es einen heftigen Stoß, und der Waldhüter flog in einem
großen Bogen herunter, dem Schuster Pechdraht, der auch zusah, gerade
in die Arme.
»Uff!« machte der, denn er wäre beinahe hingefallen, dann aber preßte
er den Waldhüter fest an sich und rief schmunzelnd: »Schön guten Tag,
schön guten Tag! Warum denn heute so freundlich?«
Wütend riß sich Leberecht Sperling los, den allezeit lustigen Schuster
konnte er am wenigsten von allen Oberheudorfern leiden. Ohne sich
umzusehen, lief er davon und flüchtete in das Bier-, Würstchen- und
Semmelzelt, und die Kinder bekamen ihn an diesem Tage nicht mehr zu
sehen.
Sie vermißten ihn auch gar nicht in ihrem Vergnügen. Die Wogen der
Freude gingen hoch an diesem Tage, und die Oberheudorfer Kinder waren
so lustig, daß sie sich nicht einmal mit den Niederheudorfern über die
Vorzüge ihrer Dörfer stritten.
Nachdem sie alle Karussell gefahren waren, fanden sie, es wäre gut,
erst einmal die Schätze der Pfefferkuchenfrau zu betrachten. Sie liefen
alle zusammen an die Bude, und es fehlte nicht viel, so hätten sie die
Bude samt Pfefferkuchen und Verkäuferin umgerissen. Die Frau erhob ein
Zetergeschrei, nahm einen großen Rohrstock und wehrte sehr entschieden
allzu eifrige Käufer und Begucker ab.
Das war auch notwendig, denn die Oberheudorfer Kinder waren der Ansicht,
daß, wenn einer für fünf Pfennig Zuckerstangen oder gar für zehn Pfennig
gebrannte Mandeln kaufte, er auch vorher kosten dürfe. Aber davon wollte
die Pfefferkuchenfrau nichts wissen. »Kosten kost' 'nen Fünfer,« schrie
sie und klappste den dicken Friede auf die Hand, weil der eine besonders
gute Sorte Bonbons probieren wollte.
»Die ist aus der Stadt, da sind die Leute so frech!« sagte Heine Peterle
wütend, weil ihm die Frau auf seinen Einkauf für fünf Pfennig nichts
zugeben wollte.
Die Mädel waren besonders fürs Zugeben eingenommen, und Tischlers Liese
sagte, wenn sie mal Pfefferkuchenfrau wäre, sie würde gewiß immer zugeben.
Doch die Pfefferkuchenfrau auf dem Niederheudorfer Festplatz hatte
entschieden ein steinernes Herz: sie gab nichts zu, ließ nicht kosten und
nicht handeln, und es dauerte daher ziemlich lange, bis die Kinder ihre
Einkäufe gemacht hatten.
Im Kasperle-Theater hatte das in roten Hosen steckende Kasperle schon
etliche Male gerufen: »Seid ihr alle da?« ehe es die Antwort erhielt:
»Ja, wir sind da!«
Es war ein urkomisches Kasperle, das sich da, wenn der blau und gelb
gestreifte Vorhang aufgezogen wurde, mit dem Teufel, seiner Frau und
all den andern Personen des Puppentheaters herumzankte. Es begrüßte
die Kinder immer mit dem freundlichen Zuruf: »Na, ihr Dösköppe, wollt
ihr Haue?«
»Ja,« schrien die Kinder, denn es war nicht gefährlich, wenn Kasperle
in der Luft herumfuchtelte.
»Sind die Oberheudorfer Schlingel auch da?« fragte es dann.
»Ja, hier sind wir!« riefen alle Oberheudorfer Buben und Mädel, sie
fühlten sich durch Kasperles Nachfrage sehr geehrt.
»Potz blitz,« quiekte Kasperle, »da muß ich losgehn. Frau, komm raus,
die Oberheudorfer sind da!«
»Das ist dumm!« rief ein Niederheudorfer Bube empört. »=Wir= müssen genannt
werden, bei =uns= ist doch das Schießen!«
»Halt den Mund!« keifte Kasperle.
Aber die gekränkten Niederheudorfer hielten nicht den Mund, und die
Oberheudorfer schwiegen auch nicht still. Die Kinder standen sich eine
Weile kampfbereit gegenüber, als Kasperle plötzlich rief: »Gute Nacht,
ich geh' ins Bett!«
»Nein, bleib hier!« riefen die Kinder erschrocken und vergaßen ihren
Streit, und das Spiel begann.
Der eifrigste Zuhörer war der dicke Friede. Mäuschenstill stand er und
sperrte Augen, Mund und Ohren auf. Er vergaß vor lauter Eifer sogar
das Essen, trotzdem er einen großen braunen Pfefferkuchen in der Hand
hielt. Als der Vorhang zugezogen wurde, weil ein Akt des Stückes zu
Ende war, sagte der dicke Friede seufzend, wie aus einem tiefen Traume
erwachend: »Ich möchte auch ein Kasperle sein!«
Seine Gefährten sahen ihn verdutzt an, und Heine Peterle meinte
nachdenklich: »Na, ausgelacht zu werden, ist dumm!« Er dachte dabei an
seine Erlebnisse in der Stadt.
Annchen Amsee, die auf einer Bretterplanke saß, strich sich ihr Kleid
glatt und meinte: »Eine Gräfin möchte ich schon spielen!«
Der blaugelbe Vorhang teilte sich ein wenig, Kasperle steckte seine
große Nase heraus und jammerte: »Oh jerum, jerum dideldum, Kasperle hat
Hunger. Knurr schnurr! Hört ihr, wie mein Bäuchlein knurrt?«
Die Kinder lachten, doch der dicke Friede besann sich nicht einen
Augenblick, rasch warf er Kasperle seinen schönen Pfefferkuchen zu.
»Der schmeckte dir wohl nicht?« fragte Annchen Amsee verdutzt, und
Schulzens Jakob forschte: »Dir ist wohl schlimm?«
Daß der dicke Friede freiwillig etwas Eßbares verschenken konnte, das
erschien den Kindern zu verwunderlich. Doch da der Vorhang wieder
aufgezogen wurde, verstummte das Gespräch, und Kasperle, der erklärte
»bumssatt« zu sein, lenkte die Aufmerksamkeit wieder auf sich.
Während die Kinder vor dem Puppentheater standen, hatten die Erwachsenen
nach dem Vogel geschossen. Jeder Schuß wurde mit Beifallsrufen begleitet.
Dazu erklang die Musik des Karussells. Vor dem Bier-, Würstchen- und
Semmelzelt spielte ein Mann eine Ziehharmonika, und das jauchzende
Gelächter der Kinder schallte über den Festplatz. Es war also ziemlich
geräuschvoll, und die braven Niederheudorfer Rinder, Pferde, Schweine,
kurz alles Getier, wunderte sich recht über den Lärm. Die Kettenhunde
bellten, und in den Ställen brummten die Rinder, während die Hühner
aufgeregt gackerten und das Eierlegen vergaßen.
Der Lärm drang bis zu einer eingezäunten Wiese, auf der mehrere junge
Rinder weideten. Der Hütejunge, der aufpassen sollte, war heimlich auf
den Festplatz gelaufen. Ein junger Ochse fand, daß es ganz leicht sei,
die nur angelehnte Tür des Gatters aufzustoßen, und unverzagt machte er
sich ebenfalls auf den Weg nach dem Festplatz. Je näher er kam, desto
lauter wurde die Musik. Das ärgerte ihn, und in ziemlicher Wut kam er
zu den vergnügten Leuten.
Ein wütender Ochse ist aber mitunter recht gefährlich, und bei seinem
Nahen erhob die Pfefferkuchenfrau, an der er vorbeistürmte, ein lautes
Geschrei. Der Ochse jedoch fand die Schätze der Pfefferkuchenfrau nicht
verlockend und rannte weiter. Einige Mägde flüchteten schreiend vor
ihm in das Bier-, Würstchen- und Semmelzelt. »Ein Ochse kommt, ein
Ochse kommt!« Der Waldhüter steckte vor Schreck den Senflöffel in den
Mund und warf eine Wurst ins Bier, einige Frauen kletterten auf die
Tische, -- aber kein Ochse erschien.
Der würdigte das Zelt keines Blickes, sondern trabte im Sturmschritt
auf das Puppentheater zu. Dort deklamierte Kasperle gerade:
»Mein werter Herr Teufel,
Sie sind sehr frech ohne Zweifel,
Ich reiß' Ihnen jetzt die Nase ab
Und« -- -- --
Buh, buh, steckte der Ochse seinen Kopf in das Puppentheater hinein,
und mit einem gellenden Schrei purzelten Kasperle, Teufel und die
gefangene Prinzessin in die Tiefe.
Das Theater wackelte.
Der Ochse und die Kinder brüllten. Der Budenbesitzer flüchtete -- es
war eine heillose Verwirrung.
Der dicke Friede war unsanft aus seinem Entzücken gerissen worden, und
wütend über die unerwartete Störung sprang er auf, nahm eine Latte, die
nicht weit von ihm lag, rannte auf den Ochsen los und schlug diesen auf
die Nase. »Raus!« rief er, »hast hier nichts zu suchen! Raus, raus!«
Der Ochse sah ganz verdutzt auf den kleinen zornigen Bengel, der
krebsrot vor Wut war, machte noch einmal »buh« und trabte dann wirklich
davon. Ehe er ein Unheil anrichten konnte, wurde er eingefangen und in
seinen Stall zurückgeführt.
Der dicke Friede, der durch seinen Mut eine große Gefahr beseitigt
hatte, kehrte gelassen auf seinen Platz zurück und rief, als sei nichts
geschehen: »Weiter!«
Kasperle lag freilich noch ganz matt da, und es dauerte eine ganze Weile,
bis er sich erholt hatte und sich weiter mit dem Teufel zanken konnte,
dann aber konnte das Spiel ohne Unterbrechung zu Ende geführt werden.
Friede bekam dann von seinem Vater zur Belohnung für seinen Mut noch
einen Vogelschießgroschen, mit dem er zur Pfefferkuchenfrau eilte, denn
auf einmal fühlte er wieder ein Loch in seinem Magen, in das gerade ein
Pfefferkuchen hineinpaßte.
All die laute, jubelnde Festesfreude konnte die Sonne nicht am Zubettgehen
hindern. Rutsch! fiel sie hinter rosenroten Wölkchen herunter, und
die Dämmerung kam. Auf dem Festplatz erhob sich lautes Wehklagen. Alle
Oberheudorfer Kinder fanden, es sei noch ganz hell, obgleich die Mütter
ihre Buben und Mädel kaum noch voneinander unterscheiden konnten. So zog
Schulzen Jakobs Mutter Anton Friedlich an den Ohren, weil sie dachte, er
sei es gewesen, der allen mitgebrachten Kuchen aufgegessen hatte, und die
Waldbäuerin schalt Krämers Trude aus ob des zerrissenen Kleides, aber da
Trude ihr Kleid auch zerrissen hatte, schwieg sie still, während Anton
schrecklich brüllte.
Alles Wehklagen half aber nichts, die Kinder mußten heimziehen. Jedes
zündete seine Laterne an. Da gab es rote, blaue, grüne oder papageienbunte
Laternen, und die Niederheudorfer Kinder beneideten die Oberheudorfer
beinahe um den Heimweg.
»Ihr könntet auch mal was haben, damit wir von euch mit Laternen wegziehen
könnten,« riefen einige Niederheudorfer Buben.
Schnipfelbauers Fritz, der größte Naseweis im Umkreis von zehn Meilen,
rief schnell: »Ei, dann kommt doch in vierzehn Tagen, da gibt's ein großes
Kinderfest bei uns. Gelle, Anton?«
Und Anton Friedlich, der auch immer zu einem dummen Streich aufgelegt war,
sagte: »Freilich, freilich! Ja, wißt ihr denn das noch nicht? Kommt nur
alle!«
Bumbum, bumbum! schlug Schulzens Jakob auf seine Trommel, das war das
Zeichen zum Abmarsch, und singend zogen die Oberheudorfer von dannen.
»Wir kommen,« brüllten ihnen die Niederheudorfer Buben nach, und Fritz
und Anton riefen keck: »Auf Wiedersehen!«
Der Heimweg war so schön wie der Tag; kein mißgünstiger Platzregen
löschte die Laternen aus, und einige brannten sogar bis Oberheudorf.
Viel Licht, um ins Bett zu gehen, brauchte an diesem Abend keines von
den Kindern. Sie fielen fast in die Betten, so müde waren sie, und
schliefen so fest, daß man das ganze Dorf hätte wegtragen können, ohne
daß sie es gemerkt hätten.
Am nächsten Tage redeten sie nur von dem Fest. Jeder hatte noch etwas
zu erzählen, und am liebsten wären sie alle am Nachmittag wieder nach
Niederheudorf gezogen.
Am Nachmittag wollte des dicken Friede Mutter im Baumgarten Wäsche
abnehmen. »Lina,« rief sie der Magd zu, »hier fehlt doch eine von
meinen bunten Nachtjacken und ein Käsebeutel. Wo mag denn das nur
sein?«
»Kann sein, der Wind hat's über den Zaun geweht,« sagte die Magd und
begann zu suchen. Auf einmal kam sie zitternd angelaufen. »Frau,«
schrie sie, »Frau, unser Friede ist toll geworden!«
»Was schreist du denn so?« fragte der Bauer, der zum Fenster heraussah.
»Unser Friede ist toll geworden!« jammerte die Magd und lief zum Garten
hinaus, und Bauer und Bäuerin rannten hinter ihr her.
Sie kamen an einen Holzschuppen, da stand der dicke Friede auf einem
umgestülpten Wagen. Er hatte die bunte Nachtjacke seiner Mutter an und
den Käsesack auf dem Kopf. Er zappelte mit Armen und Beinen, einmal
hopste er wie ein Frosch, dann wieder wand er sich wie ein Regenwurm.
Dazu schnitt er die gräßlichsten Gesichter und quiekte wie eine Maus,
die in der Mausefalle sitzt.
»Du lieber Himmel!« schrie die Bäuerin händeringend. »Was soll denn das
sein?«
Friede sah entsetzt auf die unerwarteten Zuschauer und verschwand
plötzlich hinter dem Wagen. Sein Vater aber zog ihn rasch hervor und
fragte sehr nachdrücklich: »Gleich sagst mir, was das für Dummheiten
sind!«
»Er ist toll geworden,« jammerte die Magd, »meine Güte, der arme Bub!«
»Ich -- ich bin nicht toll, ich -- ich möcht' 'n Kasperle werden,« rief
Friede schluchzend.
»Ein Kasperle?« Der Bauer lachte laut auf. »Ich meine, du brauchst
keins zu werden, du bist schon eins!«
»Die gute Jacke ist ganz voll Wagenschmiere,« klagte die Bäuerin und
drehte ihren Buben um und um.
Lina, die nun sah, daß Friede nicht toll war, hatte alle Angst verloren,
riß dem zukünftigen Kasperle die seltsame Mütze vom Kopf und eiferte: »Der
Käsesack hat 'n Loch!«
Friede wurde die Sache unheimlich, er ließ sein Kasperlegewand in den
Händen der Mutter und nahm schleunigst Reißaus; er ließ sich erst wieder
sehen, als das Abendbrot auf dem Tische stand.
Am nächsten Tage kam zum Oberheudorfer Schulzen ein Bote vom
Niederheudorfer Schulzen, um zu fragen, ob das mit dem Fest in vierzehn
Tagen seine Richtigkeit habe. Die Niederheudorfer würden gern kommen
und freuten sich schon darauf, auch einmal in Oberheudorf ein Fest
mitzufeiern.
Der Schulze wurde fuchswild; er hielt die Sache für Spott und fuhr den
Boten scharf an. Der überbrachte die grobe Antwort des Schulzen den
Niederheudorfern, und sämtliche Dorfleute gerieten in helle Entrüstung.
Gleich wurde eine noch gröbere Antwort nach Oberheudorf gesandt. Es
hätte eine schlimme Geschichte daraus werden können, wenn der Pfarrer
nicht herausbekommen hätte, wer die Einladung ausgesprochen hatte.
Schnipfelbauers Fritz und Anton Friedlich wurden zum Schulzen beschieden,
und sehr kleinlaut verließen sie nachher das Amtszimmer. Es half ihnen
nichts, sie mußten eines Nachmittags nach Niederheudorf wandern und dort
um Verzeihung bitten.
Es war kein leichter Gang, und Schnipfelbauers Fritz sagte heulend:
»Ich geh nie wieder zum Vogelschießen!«
»Ich auch nicht,« murrte Anton Friedlich.
Weil sie aber in Niederheudorf besser empfangen wurden, als sie
gefürchtet hatten, meinten sie auf dem Heimweg, nächstes Jahr gingen
sie doch wieder. Sie sollen es auch getan haben.
[Illustration: Fritz und Anton]
[Illustration: Dekoration]
Muhme Lenelis und ihre Freunde.
Wieviele Freunde Muhme Lenelis hatte, das weiß ich nicht. Wenn aber
in Oberheudorf einem Buben unversehens die Hosen platzten oder einem
Mädchen alle Nadeln aus dem Strickzeug fielen, dann erinnerten beide
sich sicher an ihre Freundschaft mit Muhme Lenelis. Es ist nicht zu
sagen, wieviel Hosen die alte Frau schon in aller Freundlichkeit und
Heimlichkeit gestopft hatte, und wieviel Strickzeuge unter ihren Fingern
wieder in Ordnung gekommen waren.
Wie alt Muhme Lenelis war, wußte niemand genau. »Siebenmal so alt wie
du und noch was drüber,« sagte sie zu Schulzens Jakob, als dieser neun
Jahre zählte.
Am äußersten Ende des Dorfes, dort wo des Schulzen Haselnußberg etwas
steil in die Höhe stieg, lag Muhme Lenelis' Haus. Eigentlich war es nur
eine Hütte, an der das Größte und Schönste die breite Feueresse war.
»Eine rechte Feueresse gehört zur Gemütlichkeit,« pflegte Muhme Lenelis
zu sagen, wenn sie an ihrem Herd stand und durch das Essenloch, das
sich unten zu einem Rauchfang erweiterte, den blauen Himmel leuchten
sah.
Das Häuschen war niedrig und eng. Es hatte nur eine Stube und eine
schmale, dunkle Kammer, in der die alte Frau Holz, Milch, Brot, und
was sie sonst im Hause hatte, aufbewahrte. Ein winziger Stall, in dem
eine Ziege und etliche Hühner eng, aber gemütlich zusammenwohnten,
und ein kleiner Garten, in dem Bohnen, Kartoffeln, Rosen, Gurken,
Feuerlilien, Mohrrüben, Malven, Himbeeren und noch vielerlei kunterbunt
durcheinander wuchsen, gehörten noch zum Häuschen. Daraus kann jeder
sehen, daß Muhme Lenelis nicht reich war, nein, eigentlich war sie
arm; sie mußte sich recht mühsam ihr bißchen Zubrot durch Beeren- und
Kräutersuchen verdienen.
Manch einer hätte da gejammert und gestöhnt, doch daran dachte Muhme
Lenelis nicht; sie war immer vergnügt und guter Dinge. Plagte sie
einmal das Reißen, oder war ihr der Kaffee ausgegangen, und sie hatte
kein Geld, sich welchen zu kaufen, dann sagte sie: »Das Leben ist
wie eine Butterschnitte. Manchmal kommt eine Stelle, wo gerade keine
Butter hingekommen ist, da muß man eben ruhig weiter essen, bis wieder
Butter kommt.« Und dampfte dann wieder Kaffee in ihrer braunen Kanne,
dann sagte sie schmunzelnd: »Seht, jetzt bin ich wieder an einer guten
Stelle bei meinem Lebensbutterbrot.«
Obgleich nun Muhme Lenelis arm, alt und dazu recht häßlich war, liebten
sie doch alle Kinder. »Das kommt von ihrem guten Herzen,« sagte die
Schulzenfrau stets, wenn sie von der Muhme sprach.
Im Sommer, wenn es in Wald und Feld so viel zu bewundern und zu begucken
gab und der Tag voller Lust und Leben war, vergaßen die Oberheudorfer
Buben und Mädel freilich manchmal, Muhme Lenelis zu besuchen. Aber im
Winter, wenn die Sonne das Zubettgehen gar nicht erwarten konnte, da saßen
immer etliche Wildfänge in Muhme Lenelis' Stube und bettelten: »Muhme,
erzähl doch was!«