Da rannten alle aus der Klasse und schrien: »Trinchen, Trinchen!« aber

so laut, daß, wenn es Trinchen gehört hätte, ihr wohl himmelangst

geworden wäre.

Der Lehrer selbst eilte in die Mühle, weil er meinte, Trinchen sei gewiß

dort. Aber das besinnliche Trinchen war nicht nach Hause gekommen,

und seine Eltern gerieten in heftige Aufregung, als sie die traurige

Geschichte erfuhren. Ihre Angst teilte sich bald dem ganzen Dorf mit,

denn wo man auch suchte, nirgends war Trinchen zu finden. Kein Haus,

keine Scheune im Dorf blieben undurchsucht, und der Müller durchstreifte

in seiner Herzensangst mit seinen Knechten den Wald. Aber soviel er auch

seines Kindes Namen rief, die Kleine blieb verschwunden.

Der schöne, helle Herbsttag wandelte sich allmählich zum Abend, und

über die Wiesen zogen weißgraue Nebelstreifen, und mit der immer

tiefer werdenden Dämmerung wurde die Angst um das verschwundene Kind

in Oberheudorf immer größer. Einige Leute hatten das Trinchen aus

der Schule laufen sehen, und alle sagten, sie sei nach dem Walde zu

gelaufen. Aber der Wald war groß, über Berg und Tal zog er sich hin,

und leicht konnte sich jemand darin verirren.

Friede, der Träumer, war am Morgen nicht in der Schule gewesen; er

hatte für seinen Pflegevater in ein entferntes Dorf gehen müssen, und

der Herr Lehrer hatte ihm auch Urlaub gegeben. Es war schon Dämmerung,

als der Bube heimkam und auf der Dorfstraße von einigen Schulkameraden

von Trinchens Verschwinden hörte. Da ging Friede nicht erst nach Hause,

sondern drehte um und lief spornstreichs zum Dorf hinaus. Was alle

nicht wußten, das wußte er, nämlich einen Ort, wo möglicherweise das

Trinchen sein konnte.

Traumfriede hatte das stille, scheue Trinchen immer gut leiden mögen,

mit ihr gesprochen hatte er freilich selten. Zwischen des reichen

Müllers Kind und ihm, dem armen Waisenjungen, war doch eine weite

Kluft, so meinte er und wußte nicht, daß das besinnliche Trinchen

dankbar für seine Freundlichkeit gewesen wäre. Heimlich hatte Friede

manchmal die Kleine beobachtet, und er kannte des scheuen Kindes

Lieblingsplätzchen. In einer Sandgrube dicht am Dorf war eine kleine,

verborgene Höhle. Friede hatte sie einmal entdeckt und zu seinem

Erstaunen das Trinchen darin gefunden. Er lief jetzt auch schnell hin,

und wie er die Höhle erreicht hatte, hörte er ein leises Rascheln. Er

trat an den Eingang und rief: »Trinchen, bist du da?«

Ein unterdrücktes Schluchzen ward hörbar, und Friede rief bittend:

»Komm, Trinchen, komm, ich tu dir doch nichts!«

Da kam die Kleine wirklich aus ihrem Versteck hervor, und in dem

dämmerigen Licht sah der Bube, wie sie zitterte. Er legte seinen Arm um

sie und sagte: »Komm nach Hause, Trinchen, du wirst gesucht!«

Aber die Kleine kauerte auf der Erde nieder und sagte leise, und ihr

Stimmchen klang unsäglich traurig: »Ich kann nicht nach Hause!«

»Aber Trinchen!« Friede kauerte neben dem Kind nieder und streichelte

es und erzählte alles, was er erfahren hatte, daß der Dieb gefunden sei

und alle Leute schreckliche Angst um sie hätten.

Trinchen gab keine Antwort, und eine Weile saßen die Kinder nebeneinander

auf dem Steingeröll, und Traumfriede dachte nach, was er wohl mit dem

kleinen Mädel sprechen könnte. Endlich fragte er: »Trinchen, warum bist

du denn nur fortgelaufen, du hattest ja nichts getan?«

Es war so dunkel geworden, daß Trinchen nur des Buben Gestalt, aber

nicht sein Gesicht mehr erkennen konnte. Friedes tröstende Stimme

kam aus dem Dunkel heraus zu ihr, und das hatte etwas so Trauliches,

daß Trinchen ein wenig ihre Schüchternheit verlor und zaghaft von

ihrem Plan zu erzählen begann. Friede sagte nichts dazu, er hielt nur

Trinchens kleine, kalte Hand fest in der seinen. Da wurde das Kind

mutiger und sprach weiter von der schrecklichen Angst, die es bei allen

Dingen habe, und daß niemand etwas von ihm wissen wolle.

»Von mir auch nicht,« sagte Friede auf einmal aus tiefstem Herzen

heraus, »mich mag keiner, weil ich bloß 'n armer Waisenjunge bin!«

Das besinnliche Trinchen schwieg, es mußte sich wirklich erst auf eine

Antwort besinnen, und dann gab es eine, über das es selbst erschrak:

»Ich mag dich leiden,« sagte die Kleine herzhaft.

»Ich dich auch,« gab Friede zur Antwort.

Weiter sagten sie nichts, aber von der Stunde an waren sie gute Freunde.

Jetzt sträubte sich Trinchen auch nicht länger und ging still mit Friede

nach Hause. Je näher sie freilich dem Dorfe kamen, desto größer wurde

wieder ihre Scheu, und sie brachte, als sie daheim voll Freuden von den

geängstigten Eltern begrüßt wurde, kaum ein Wort heraus. Friede mußte

für sie sprechen, und der tat das auch so herzhaft, wie er es für sich

selbst nie getan hätte. Trinchen sah auch so totenbleich aus und war so

erschöpft, daß sie die Mutter gleich ins Bett brachte und niemand sie mehr

mit Fragen quälte.

Am andern Tage war Trinchens Platz in der Schule leer, und in der Mühle

hatte man den Doktor aus der Stadt geholt.

Das besinnliche Trinchen war krank.

Still und teilnahmslos lag die Kleine in ihrem Bettchen, und der Arzt

schüttelte bedenklich den Kopf und sagte zu den Müllersleuten, Trinchen

sei ein überzartes, schwächliches Kind. Ob sie oft in letzter Zeit über

Schmerzen in der Brust geklagt habe. Nein, das hatte die Kleine nicht

getan; in ihrer übergroßen Schüchternheit hatte sie nicht einmal gewagt,

über Schmerzen zu klagen. Die Aufregung des gestrigen Tages und der lange

Aufenthalt in der kühlen, feuchten Höhle hatten den raschen Ausbruch einer

schweren Krankheit herbeigeführt. In der Nacht bekam Trinchen heftiges

Fieber; sie begann laut zu sprechen, und manchmal schrie sie angstvoll,

sie sei keine Diebin, dann wieder klagte sie traurig, daß sie niemand lieb

habe.

Es war jammervoll! Die Eltern weinten sich fast die Augen aus vor

Herzeleid, und die Müllerin saß am Bett des Kindes, und eine rechte

Mutter hätte nicht trauriger sein können um ihr Kind, als sie es war.

Und Trinchen starb. Nach langen, langen Wochen schlief sie sanft und

friedlich ein. Und in diesen Wochen war das scheue Kind so von Liebe

umgeben gewesen, daß seine Augen immer strahlender, sein Lächeln immer

glücklicher geworden war.

Der Lehrer hatte täglich an Trinchens Bett gesessen, die Schulkameradinnen

und -kameraden kamen, und die Mutter verließ die Kleine kaum eine Stunde.

Wie ein lieblicher, kleiner Engel lag dann das besinnliche Trinchen auf

seinem letzten Lager, und das ganze Dorf kam herbei, und man brachte die

letzten bunten Herbstblumen, und zuletzt war Trinchen fast ganz von Blumen

bedeckt. Ganz bescheiden, verborgen unter einem weißen Asternkranz lag

ein Strauß Waldblumen. Einige blaue Glockenblumen, rote Brombeerblätter,

Kleeblüten und Gräser hatte Traumfriede mühsam zusammengesucht und dem

Trinchen gebracht. Und als die Kleine begraben wurde, da saß er, der nicht

mit hatte auf den Friedhof gehen können, weil er keinen Sonntagsanzug

hatte, in der kleinen Höhle im Steinbruch, und er meinte, das Herz müsse

ihm brechen.

Eine aber hatte gesehen, wie Friede schüchtern Trinchen den

Waldblumenstrauß brachte. Das war Muhme Lenelis, und seitdem dachte die

alte Frau manchmal an den Waisenknaben. -- Doch das gehört in eine andere

Geschichte.

Das besinnliche Trinchen wurde nicht vergessen. Alle, die es gekannt

hatten, merkten nun erst, da die Kleine tot war, wie lieb sie ihnen

gewesen war.

In der Mühle lag zu Weihnachten ein dicker, kleiner Junge in der

buntbemalten Wiege und schrie vergnügt in die Welt hinein. Nach einem

Jahr lag ein Mädel darin, und so fort, lauter lustige, pausbäckige

Müllerkinder waren es, und die Eltern hatten Freude und Sorge mit

ihnen. Über der eigenen Kinderschar aber vergaß die Müllerin nie das

scheue, blasse Trinchen. Unvergessen lebte das Kind in ihrem Herzen.

Und auf dem Schreibtisch des Lehrers nimmt Trinchens Federkästchen noch

heute einen Ehrenplatz ein.

[Illustration: Trinchens Sarg]

[Illustration: Dekoration]

Sommergäste in Oberheudorf.

An einem sehr heißen Julitag befand sich ganz Oberheudorf in Aufregung;

an diesem Tage wurden nämlich die ersten Sommerfrischler erwartet, die

allerersten überhaupt, denn es waren noch nie welche dagewesen. Ein

Sommerfrischler war also den Dorfbewohnern ein ganz unbekanntes Ding.

»Was sie nur hier wollen?« fragte der dicke Friede, der im Kreise seiner

Kameraden am Dorfeingang unter der großen Linde saß. Dort wollten die

Kinder die fremden Gäste erwarten. Wann sie ankamen, wußte niemand genau.

Der Wirt Kaspar auf dem Berge hatte gesagt, es könne auch sein, daß sie

erst morgen kämen.

Annchen Amsee hielt ihre Schürze vor das Gesicht und kicherte:

»Sie -- sie -- wollen frische Luft haben!«

»So dumm!« brummte Schulzens Jakob. »Gibt's denn die in der Stadt nicht?«

Außer Heine Peterle war noch keines von den Kindern in der Stadt gewesen,

also schauten alle den Buben an und fragten: »Weißt du's nicht?«

»Häuser gibt's da,« knurrte Heine Peterle und wurde feuerrot. Er war

wütend, daß er nach der Stadt gefragt wurde. Wie konnte er wissen, ob

es dort Luft gab! Die Sommerfrischler ärgerten den armen Heine Peterle

ohnehin gewaltig. Zwei von ihnen kamen nämlich nirgends anders hin als in

sein Vaterhaus. Der Gastwirt hatte nicht Platz genug für fünf Gäste, und

da Heine Peterles Mutter seine Schwester war, hatte diese sich erboten,

zwei Fremde bei sich unterzubringen. Im Giebel des Hauses lagen zwei

unbewohnte Stuben, die waren sauber hergerichtet worden. Dort sollten die

Fremden wohnen. Drei Tage lang war gescheuert und geputzt worden, und

Heine Peterle hatte dabei so viele Ermahnungen bekommen, ungeheuer brav

zu sein, wenn die Fremden erst da wären, daß ihm vor seiner künftigen

Bravheit schon himmelangst wurde.

»Erzähl noch was von der Stadt!« mahnte auch noch Annchen Amsee.

Heine Peterle seufzte schwer, erstens wegen der Stadt und dann, weil

er zu Mittag schrecklich viel süßen Reis gegessen hatte und nun müde

und faul war. Er stand darum auf und sagte patzig: »Ich geh' heim. Die

Stadtleute kommen doch noch lange nicht, und überhaupt ist mir's zu

dumm, hier zu warten!« Damit trollte er ab, und seine Gefährten riefen

ihm neckend nach: »Geh nicht in die Stadt, Heine Peterle!«

Da ging der Bube freilich nicht hin, sondern nach Hause; er war so

müde, als wäre es Abend und nicht hellichter Mittag. Als er heimkam,

stand Muhme Rese an der Haustür und sagte: »Heine Peterle, kannst

kommen und mir Bohnen pflücken helfen!«

»Und hernach kannst du in den Hühnerstall gehen und die Eier holen,«

rief seine Mutter von der Küche her, »und hier trag erst mal den Eimer

in die Gaststube. Die Stadtleute werden wohl noch nicht kommen, es soll

aber alles fertig sein.«

Seufzend nahm Heine Peterle den Eimer und kletterte die kleine, schmale

Treppe hinauf. So viel Arbeit auf einmal war ihm aufgetragen worden!

Er stöhnte ordentlich vor Müdigkeit und Faulheit und setzte den Eimer

gleich an der Türe ab. Wie schön sauber und kühl es in den Stuben war!

Leise schlich Heine Peterle in das zweite Zimmer. Da standen hoch

aufgetürmt zwei mächtige Federbetten, und beim Anblick dieser dicken

Federnester fühlte der Bube erst recht, wie müde er war. Er vergaß

Muhme Rese, die Bohnen, den Hühnerstall und die Eier, und eins, zwei,

drei lag er in einem der Betten. Seine Schuhe brauchte er nicht erst

auszuziehen, denn er hatte keine an. »Ein kleines Weilchen kann ich

schon schlafen,« dachte er, »nachher mach' ich das Bett glatt, da merkt

es niemand!« Er kugelte sich vor lauter Behagen wie ein Igel zusammen.

Ja, das war fein!

Den Kindern unter der Linde wurde nach und nach die Sache etwas

langweilig, die Zeit verging, und kein Wagen ließ sich in der Ferne sehen.

Anton Friedlich, der immer alles mögliche wußte, nur das nicht, was er in

der Schule wissen sollte, rief auf einmal: »Wir wollen Negers spielen!«

»Hurra!« brüllten die andern begeistert, und Schulzens Jakob kugelte

gleich vor Vergnügen ein Stück im Grase hin und her.

»Negers« war nämlich seit einiger Zeit ein ungeheuer beliebtes Spiel bei

den Oberheudorfer Buben und Mädeln. In einem Geschichtenbuch, das dem

Herrn Lehrer gehörte, und das dieser den Kindern geborgt hatte, stand

eine Erzählung, worin Neger ein Dorf überfallen. Die Hauptsache bei dem

Spiel war, daß eine Anzahl Buben sich die Gesichter schwarz färbten und

mit furchtbarem Geschrei auf des Müllers alte Scheune zuliefen. Das war

das Dorf, in dem die andern Kinder wohnen mußten. Das Geschrei und die

schwarzen Gesichter aber waren bei dem Spiel die Hauptsache. Schulzens

Jakob besaß einen ganzen Topf voll Ruß, damit schmierten die Buben sich

immer an. Es dauerte auch heute nicht lange, da war das Spiel in vollem

Gange. Annchen Amsee stellte eine Prinzessin vor, die auf irgend eine

rätselhafte Weise unter die Neger geraten war. Gerade zog der blaue

Friede unter schauerlichem Gebrüll die arme Prinzessin mit sich fort, als

Schulzens Jakob, seine Negerrolle vergessend, schrie: »Die Stadtleute

kommen!« Der Räuber ließ die Prinzessin los, aus der Scheune stürzten die

belagerten Weißen heraus, und sehr einmütig rasten alle zusammen dem näher

kommenden Wagen entgegen.

In dem bequemen Landauer saßen zwei Damen und zwei Herren auf dem Bock.

Neben dem Kutscher saß noch ein junger Mann, der vergnügt um sich blickte.

Eine der Damen, die ein blasses Gesicht hatte, sah sich um und sagte

mit leiser, müder Stimme: »Wie still es hier ist! Ach ja, hier in der

Ruhe werde ich mich erholen!«

Der ältere Herr, der ihr gegenüber saß, nickte: »Ja wirklich, es ist so

friedlich hier, wie so ganz anders als unsere geräuschvollen Straßen!«

»Hurra, sie kommen, hurra, hurra!« brüllte es da plötzlich neben dem

Wagen, und schwarze und weiße Buben- und Mädelgesichter tauchten auf.

»Mein Himmel,« schrien die Damen entsetzt, »was ist denn das? Was sind

denn das für schreckliche schwarze Kinder?«

»Oh das Geschrei!« stöhnten alle und hielten sich die Ohren zu, nur der

junge Mann auf dem Bocke lachte lustig.

Die Oberheudorfer Buben und Mädel waren der Ansicht, daß zu einem

richtigen Empfang auch ein ordentliches Geschrei gehört, und so

begleiteten sie den Wagen unter lauten Freudenrufen in das Dorf hinein.

Die Fremden winkten, sie sollten still sein, die Kinder aber nahmen das

Winken für Beifall und schrien immer lauter.

In der Dorfstraße wurde alles Getier von dem Lärm angesteckt, und das

schnatterte, meckerte, grunzte und gackerte an allen Ecken und Enden.

Der Wirt Kaspar auf dem Berge stand vor der Türe und verneigte sich

schon, als er erst die Pferdenasen sah. Mine, die Magd, knickste so

tief, daß sie, als der Wagen vor dem Hause hielt, nicht wieder hoch

kam, sondern plötzlich auf der Schwelle saß.

Das kam Annchen Amsee so ungeheuer komisch vor, daß sie hell auflachte,

und da Lachen ansteckt, brachen alle Mädel und Buben in ein jubelndes

Gelächter aus.

»Sie lachen uns wohl gar aus?« sagte die eine der fremden Damen

entrüstet und schaute die unnützen Dorfkinder strafend an. Doch diese,

die ein gutes Gewissen hatten, lachten unverzagt weiter, und die

Fremden ärgerten sich, weil sie nicht wußten, wem das Lachen galt.

Heine Peterles Mutter kam herbei, um die beiden Damen, die bei ihr

wohnen sollten, in das Haus zu führen. Vor der Türe standen Muhme Rese,

die Magd und ein rundes, weißes Schweinchen, das Muhme Reses besonderer

Liebling war. Lieblinge aber, es mögen nun Kinder oder Ferkelchen sein,

sind meist etwas vorwitzig, und so meinte auch das Schweinchen, es

müsse die Fremden zuerst begrüßen. »Uiuiui,« quiekte es und rannte an

eine der Damen an. Diese schrie entsetzt auf: »Entsetzlich, hier ist

ein Schwein, ein Schwein!«

»Nu freilich,« brummte Muhme Rese unwillig, »was ist denn dabei zu

schreien?«

»Ich falle in Ohnmacht!« rief die andere Dame und flüchtete in das

Haus, und die Bäuerin folgte ihr erschrocken. Es erschien ihr höchst

sonderbar, daß ein Mensch sich vor einem Schwein fürchten konnte.

»Wie es hier riecht!« flüsterte die eine der Damen im Hause.

»Nach Kuhstall,« sagte die andere und rümpfte die Nase.

Mit mißmutigen Gesichtern kletterten die Fremden die Treppe empor, die zu

dem Obergeschoß führte. Blitzblank waren die beiden Gastzimmer gescheuert,

feiner, weißer Sand war auf den Boden gestreut, und der Duft von Rosen

und Nelken erfüllte die Luft. Wie sauber und nett das alles war, sahen

aber die fremden Damen gar nicht. Eine von ihnen stolperte nämlich gleich

beim Eintritt über den Eimer, den Heine Peterle an der Türe hatte stehen

lassen. »Au, mein Knie!« rief die Dame empört und sah sich zornig um.

»Der vertrackte Bube!« murmelte die Bäuerin und trug den Eimer dahin, wo er

hin gehörte.

»Pfui, was ist das für ein schmutziger Bengel im Bett!« rief da die eine

Dame entsetzt. Sie hatte Heine Peterle erblickt, der rot und heiß im Bett

lag und schlief, als sei es gerade Mitternacht.

»Heine Peterle!« schrie seine Mutter zornig.

»Nein, so ein Schlingel!« quiekte die Magd.

»Hinaus mit ihm!« riefen die Damen empört. »Das ist ja ein abscheulicher

Junge!«

Von diesem Geschrei erwachte der Heine Peterle, und er, der sonst immer

so verschlafen war, daß seine Mutter am Morgen ihn rütteln und schütteln

mußte, ehe er aufstand, war auf einmal putzmunter. Hops! war er aus dem

Bett und zur Stube hinaus, noch ehe ihn jemand fassen konnte. Er hörte

aber noch ganz deutlich, wie die Damen sagten: »Der Junge müßte tüchtige

Haue haben!«

Heine Peterle verkroch sich im Garten in einer kleinen

Jelängerjelieberlaube; er hielt es für ratsam, seiner Mutter vorläufig

nicht in den Weg zu kommen. Als er später zum Abendessen erschien, bekam

er aber doch noch seine Schelte und die Ermahnung, recht höflich und

freundlich zu den Fremden zu sein.

Das versprach er auch, und am nächsten Morgen mußte er so viel daran

denken, was er den beiden Damen wohl zur Freude tun könnte, daß er

darüber gar nicht hörte, was der Herr Lehrer ihn fragte. Das Ende vom

Liede war, daß er eine Strafarbeit erhielt und sehr kleinlaut und

niedergeschlagen nach Hause kam.

Die fremden Gäste waren am Morgen spazieren gegangen, und die Dorfleute

hatten ihnen kopfschüttelnd nachgesehen. Nein, so etwas! Wie die

Stadtleute aber wunderlich waren! Vor einer Kuh nahmen sie alle Reißaus,

und wenn eine Pfütze auf der Dorfstraße war, taten sie, als müßten sie

einen breiten Fluß überschreiten. Nur der eine der Herren lachte über

alles und sah sich mit hellen Augen um.

»Jetzt, wenn ich nur wüßt', wo ich ihn schon gesehen habe,« sagte der

Wirt Kaspar auf dem Berge.

»Ich weiß schon, wo,« erwiderte Mine.

»Na, da red' doch, Mädel! Kannst ja sonst schwatzen, als kriegtest du

fürs Dutzend Worte 'nen Dreier!« brummte der Wirt.

»Das ist, hihihi, das ist, hihihi, der Schulrat,« rief Mine.

»Potzwetter ja,« schrie Kaspar auf dem Berge, »der falsche Schulrat vom

vorigen Jahre ist's! Na, der Herr Lehrer wird aber Augen machen!«

Der Herr Lehrer lachte, als der Wirt zu ihm gelaufen kam; eben war nämlich

der fremde Herr dagewesen und hatte sich ob seines lustigen Streiches

von damals entschuldigt. Es war wirklich der verkannte Schulrat, dem die

Kinder einen schulfreien Tag zu verdanken hatten.

Am Nachmittag saß Heine Peterle in der Stube und schrieb unter vielen

schweren Seufzern seine Strafarbeit. In Haus und Hof war es ganz still,

der Vater war mit dem Knecht und der Magd zum Heueinholen, und die Mutter

begoß auf der Bleiche die Wäsche. Muhme Rese saß auf dem Bänkchen vor der

Türe und strickte, und die Fremden waren oben in ihren Zimmern.

Mitten in seiner Arbeit fiel es Heine Peterle ein, daß er unbedingt

einmal nach den jungen Kätzchen sehen mußte. Vier Stück mausgraue,

possierliche Dingerchen waren es, die in einer Ecke des Kuhstalles

lagen, und die erst acht Tage alt waren. Als der Bube die kleinen

Dinger betrachtete, fiel ihm ein, daß er doch gegen die Stadtdamen

höflich und freundlich sein sollte. »Ich werde ihnen die Kätzchen

bringen,« dachte er, »da werden sie sich aber arg freuen!« Gedacht,

getan. Er nahm die vier Kätzchen auf den Arm und kletterte die Treppe

hinauf. Miauend folgte ihm die Katzenmutter, und Sultan, der Hofhund,

schloß sich auch noch an.

Da Heine Peterle die Hände voll hatte und doch als höflicher Junge

anklopfen wollte, stieß er etliche Male mit dem Fuß an die Tür des

Gastzimmers. Das polterte gehörig, und drinnen wurde ein lauter Schrei

hörbar. Eine der Damen riß erschrocken die Türe auf. »Was gibt es? Was

ist geschehen?« schrie sie ängstlich.

»Da!« sagte Heine Peterle und setzte ohne weitere Erklärung die kleinen

Katzen auf den Fußboden. »Gelt, die sind fein?«

»Wauwau, wauwau!« bellte Sultan hinter dem Buben, und die Katzenmama

versetzte ihm für das Gebell fauchend eine Ohrfeige.

»Ratten, das sind Ratten!« quiekten die fremden Damen. »Pfui, du

abscheulicher Junge! Zu Hilfe, Ratten, Ratten!« Eine der Damen kletterte

auf den Tisch, die andere sprang auf das Bett. Angstvoll rafften sie

ihre Röcke zusammen und schrien, als wäre Heine Peterle mit den kleinen,

unschuldigen Katzen ein furchtbares Ungeheuer.

Muhme Rese, die unten den Lärm hörte, kam, so rasch es ihre alten Füße

erlaubten, die Treppe heraufgelaufen; sie dachte, es sei ein großes

Unglück geschehen.

»Das ist der schreckliche Junge wieder, der gestern im Bett gelegen

hat,« zeterte die eine der Damen, die andere hatte einen Sonnenschirm

ergriffen und drohte: »Marsch, hinaus mit deinen Ratten, böses Kind du!«

»Ratten? Nä, das sind junge Katzen!« sagte Muhme Rese, die erstaunt an

der Türe stehen blieb. »Und böse ist unser Heine Peterle auch nicht,

mal en bißchen faul und mal en bißchen vorlaut und frech, aber sonst

ist er en ganz guter Junge. Und Ratten sehen allemal anders aus. Das

hier sind Katzen, die tun niemand nichts. Schreien Sie man nicht so!«

Heine Peterle sah dankbar zu Muhme Rese auf, weil die ihn so gut

verteidigte, dann nahm er seine Kätzchen und entfernte sich eilig, die

Dame mit dem Sonnenschirm sah ihn gar zu drohend an.

Es war doch schrecklich mit den Stadtleuten, nie konnte man es ihnen

recht machen! »Dumm sind sie, die Stadtleute,« dachte Heine Peterle,

als er wieder vor seiner Strafarbeit saß. »Wie kann man nur Katzen für

Ratten halten!«

Platsch, saß da ein großer, dicker Klecks mitten im Buch. Er sah

beinahe wie ein kleiner schwarzer See aus. Stöhnend rieb der Bube mit

seinem Gummi so lange an dem Fleck herum, bis ein Loch an der Stelle

war, und dann schrieb Heine Peterle weiter und machte vierundzwanzig

Fehler. Seiner Meinung nach waren an allem Unglück nur die beiden

Stadtdamen schuld; er machte darum fortan, wo er sie erblickte, einen

großen Bogen um sie herum.

»Man muß freundlich zu den Fremden sein,« dachten wie Heine Peterle

alle andern Oberheudorfer, und wenn sich jemand von den Stadtleuten

blicken ließ, da grüßten sie, lachten und blieben stehen.

Und die Fremden sagten: »Nein, sind die Oberheudorfer aber neugierig!«

Sie hielten die Freundlichkeit nur für Neugierde.

»Man muß freundlich zu den Fremden sein,« dachte auch Hans Rumps, der

Nachtwächter. Er blies darum allemal vor den Fenstern der Stadtleute

die Stunden ab, und weil er es besonders gut machen wollte, sang er

noch sein Sprüchlein:

»Hört, ihr Leute, laßt euch's sagen,

Die Glocke, die hat elf geschlagen!«

Wenn Hans Rumps sein Horn blies, klang es nun aber, als ob einer in

einen hohlen Topf tutet, und wenn er sang, quietschte es, als drehe

sich die alte, verrostete Wetterfahne auf dem Kirchturm. Schön war es

wirklich nicht, und die Stadtleute ärgerten sich, wenn sie in der Nacht

immer wieder durch das Getute und den Gesang geweckt wurden.

»Nicht zum Aushalten ist es!« sagte die eine der Damen.

»Das soll nun Ruhe sein!« entrüsteten sich die Herren.

So kam es, daß schon nach drei Tagen die Sommerfrischler mit sehr

mißmutigen Gesichtern Oberheudorf verließen. Sie kamen auch nie wieder.

Überhaupt sind seitdem keine Sommergäste mehr nach Oberheudorf gekommen,

und Heine Peterle sagte, das sei gut; mit den Stadtleuten sei ohnehin

nicht viel los.

Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten: Sechszehn heitere Erzählungen · 第 4 / 10 段