Der lachte herzlich und ließ sich von dem Zorn des Schulzen erzählen,

und dann mußte Röse ihren Vater herbeiholen. Und der Herzog bat wirklich

selbst den Schulzen, er möge diesmal -- aber das »Diesmal« betonte er

sehr -- die Buben ungestraft lassen; er habe die allerbeste Meinung von

Oberheudorf, trotzdem die vier Ehrenjungfern barfuß gewesen wären.

Wenn ein Herzog bittet, dann muß freilich die Bitte erfüllt werden, und

so kam es, daß die vier Buben am andern Tage zu ihrem großen Erstaunen

außer ein paar Ermahnungen keine Strafe weiter erhielten. Es war freilich

sehr beschämend für sie, daß sie diese Milde der Fürbitte der Mädel zu

verdanken hatten. Übrigens wurden die vier Ehrenjungfern und die vier

unnützen Buben bald darauf die allerbesten Freunde und machten in der

besten Eintracht fortan ihre dummen Streiche gemeinsam.

[Illustration: Mann und Mädchen]

[Illustration: Dekoration]

Die Roggenmuhme.

Schulzen-Jakobs Großmutter erzählte einmal im Juli die Geschichte von

der Roggenmuhme, die im Sommer im Felde sitzt und das Korn bewacht. Wehe

dem Kinde, das in das Feld geht, um Kornblumen, Mohn und Rittersporn zu

suchen und von der Roggenmuhme ertappt wird, wenn es Ähren zertritt!

Unweigerlich bekommt es eine schwere Krankheit. In den Mittagsstunden,

wenn die Sonne still und heiß auf die Fluren herabbrennt, ist die Zeit,

in der die Roggenmuhme am liebsten mit leisen Schritten durch die Felder

schreitet. Ihre Haare sind gelb wie das reifende Korn, und ihre Augen blau

wie die Kornblumen, ihre Lippen rot wie blühender Mohn. Sie ist schön, die

Roggenmuhme, aber furchtbar in ihrem Zorn und unerbittlich gegen den, der

nur eine Ähre zertritt.

Als die Großmutter fertig war, sagte Jakob: »Ich glaub's net!« Seine

kleinen Geschwister sahen ihn erschrocken an, aber Jakob stand auf, steckte

die Hände in die Hosentaschen und sagte noch einmal: »Ich glaub's net!«

»Ach, du bist ein dummer, naseweiser Bube,« rief die Großmutter ärgerlich.

»Dir könnt's nicht schaden, wenn dich die Roggenmuhme mal ordentlich

durchbeutelte, du gehst auch immer mitten ins Feld hinein!«

Jakob verließ trotzig die Stube, ging auf die Dorfstraße und sagte zum

drittenmal laut und patzig. »Ich glaub's doch net!«

»Was glaubst du nicht?« fragte der blaue Friede, der am Gartenzaun stand

und Jakobs Worte gehört hatte. Der erzählte ihm die Geschichte von der

Roggenmuhme, und wie er im besten Erzählen war, kam der dicke Friede

herbei, der wollte die Geschichte auch wissen. Jakob fing geduldig wieder

an, und nach einem Weilchen kam Heine Peterle; natürlich mußte Jakob noch

einmal beginnen. Und da auch noch Bäckermeisters Mariele, die blonde

Lisbeth, Anton Friedlich und mehrere andere dazu kamen, dauerte die

Geschichte von der Roggenmuhme volle drei Stunden. »Ich glaub's doch net!«

sagte Jakob, als er fertig war, und einige stimmten ihm bei, nicht alle,

namentlich die Mädel waren nicht abgeneigt, an die Roggenmuhme zu glauben.

Sie stritten alle sehr lebhaft miteinander und hätten sich beinahe ein

wenig geprügelt, wenn nicht Jakob auf einmal gerufen hätte: »Ich

studier's!«

»Was willst du studieren?« schrien die andern erstaunt.

»Ob's eine Roggenmuhme gibt. Morgen geh' ich hin und seh' nach!«

Mariele kreischte laut auf, als käme die Roggenmuhme schon um die Ecke

herum, Anton Friedlich aber und Heine Peterle riefen so laut »Bravo!«,

daß alle Gänse und Hühner auf der Dorfstraße erschraken und schnatternd

und gackernd davonliefen. Und weil gerade Abendbrotzeit war, rannten

auch alle Kinder nach Hause. Jakob war auf seinen Einfall sehr stolz

und sagte daheim auch zur Großmutter: »Ich studier's!«

»Was, studieren willst du? Aber Bube, du kannst ja net mal richtig

schreiben! Beinahe der allerfaulste bist in der Schule, und nun willst

du studieren?«

Jakob wurde sehr verlegen, von seinem Fleiß hörte er nicht gerne reden,

und ärgerlich brummte er: »Das mit der Roggenmuhme will ich studieren!«

Die Großmutter lachte so herzlich, daß ihr die Brille von der Nase

fiel, und sagte: »Studier lieber Lesen und Schreiben, das ist besser!«

Aber Jakob blieb bei seinem Vorsatz. Am andern Tage, der heiß und sonnig

war, marschierte er gleich nach dem Mittagessen zum Dorf hinaus. Einige

seiner Freunde gaben ihm das Geleit bis an die große Linde, die am Eingang

des Dorfes stand. Dann legten sie sich gemütlich in den Schatten, während

Jakob auf der sonnigen Landstraße weiter zog dorthin, wo die Felder seines

Vaters lagen.

Um die gleiche Mittagsstunde kam von der andern Seite her ein Bäuerlein.

Der führte an einem Strick ein rundes, fettes Schweinchen. Er hatte es auf

dem Markt in der Stadt gekauft und kehrte nun in sein Dorf zurück, das

eine gute halbe Stunde hinter Oberheudorf lag. Der Bauer war müde und das

Schweinchen auch, denn der Weg war sonnig und die Hitze groß. Seufzend

blieb der Bauer stehen. Freilich war Oberheudorf nicht mehr weit, und dort

gab es ein Wirtshaus, aber vorher hätte er gern noch ein Mittagschläfchen

gehalten. Auf einem schmalen Feldweg, zwischen Kornfeldern, die wie ein

goldenes Meer wogten, stand ein wilder Apfelbaum. An den band der Bauer

sein Schweinchen, er selbst legte sich an den Feldrand, und nach wenigen

Minuten schlief er tief und fest.

Das Schweinchen aber hatte keine große Lust zu einer Mittagsruhe.

Ungeduldig zerrte und zog es an dem Strick, der nur lose um den Baum

geschlungen war, und auf einmal ritsch! war das Schweinchen frei.

Vergnügt trabte es davon und kümmerte sich gar nicht um seinen schlafenden

Herrn. Das war sehr herzlos, aber Schweine sind nun einmal so.

Je näher Jakob den Feldern seines Vaters kam, desto bänglicher wurde

ihm ums Herz. Es war so heiß und still; kaum einen Luftzug spürte man,

leise nur rauschten die wogenden Felder. Jakob hatte versprochen, zum

Zeichen, daß er wirklich im Felde gewesen war, einen riesengroßen

Blumenstrauß zu pflücken. Nicht gerade sehr vergnügt machte er sich an

sein Werk, und sorgsam vermied er es, Ähren zu zertreten. Wie er im

besten Pflücken war, hörte er plötzlich etwas im Felde rascheln, und

erschrocken blieb er stehen und lauschte.

Ein Weilchen war alles still, er mochte sich wohl getäuscht haben.

Seufzend pflückte er weiter, doch da -- die Haare sträubten sich

ihm -- deutlich sah er, wie sich etwas im Felde bewegte. Stärker

rauschte das Korn, und der Bube blieb vor Angst und Entsetzen ganz

still stehen.

Da -- tauchte da nicht etwas Helles, Unheimliches auf?

Die Roggenmuhme, sie war es -- niemand anders!

Jakob wagte gar nicht ordentlich hinzusehen. Mit einem gellenden Schrei

ergriff er die Flucht und warf die Blumen weit von sich.

Aber hinter ihm her kam es gerannt, seltsame Töne ausstoßend.

Jakob schrie immer lauter vor Angst. Er wollte über den kleinen Graben,

der das Feld von der Landstraße trennte, springen, aber in seiner Aufregung

strauchelte er, stürzte und lag plötzlich platt wie ein Frosch in dem

Graben.

Plumps! sprang da etwas auf ihn drauf und krabbelte auf seinem Rücken

herum; einmal rutschte das unheimliche Wesen nach rechts, einmal nach

links.

Und Jakob brüllte in seiner Angst: »Die Roggenmuhme, die Roggenmuhme!

Laß mich los, laß mich los!«

Er machte es dabei wie der Vogel Strauß, er steckte seinen blonden

Struwelkopf tief in das Gras und zappelte mit Armen und Beinen und

schrie, als sollte er auf der Stelle mit Haut und Haaren verspeist

werden.

Je lauter Jakob brüllte, desto mehr quiekte die Roggenmuhme auf seinem

Rücken. Sie trampelte dabei immer hin und her und stieß ganz merkwürdige

Töne aus, die einem Dorfbuben eigentlich hätten bekannt sein müssen. Aber

Jakob gab sich keine Mühe, das Gequieke der Roggenmuhme zu »studieren«,

er schrie nur, und zwar so kräftig, daß das Bäuerlein am Feldrand davon

erwachte.

Erstaunt richtete sich der Schläfer auf. Wo war denn er, und wo war

sein Schweinchen?

Er hörte das Gebrüll und das Gequieke, und flugs war er auf den Beinen

und rannte dorthin, woher der Lärm kam. Da erblickte er sein Schweinchen,

das sich die Leine um die Beine gewickelt hatte, und das hilflos in einem

Graben hin und her rutschte und als verkannte Roggenmuhme den armen Jakob

in Angst und Schrecken versetzt hatte.

»Na, potz Blitz, was ist denn das for äne Schreierei?« sagte das Bäuerlein

und zog sein Schweinchen aus dem Graben. »Du, Bube, komm doch raus! So än

kleenes Schweinchen tut dir doch nischt!«

»Uah, uah, uah,« brüllte Jakob und strampelte und zappelte weiter. Da

packte ihn der Bauer kurz entschlossen am Hosenboden und zog ihn aus dem

Graben. »Nu sag mir nur, Bengel, warum schreist du denn so?« fragte er

kopfschüttelnd.

»Die -- die -- Ro--roggenmu--muhme!« schluchzte Jakob.

»Was?« sagte der Bauer, »den Rock--Muhme? Ja was soll denn das heißen?«

Es dauerte eine geraume Zeit, bis Jakob ihm schluchzend und stammelnd

die Sache erklären konnte. »Nä, ä sowas! So än blitzdummer Bube, hält

mein schönes Staatsschweinchen für die Roggenmuhme! Hahaha!« schrie das

Bäuerlein und mußte sich geschwind auf einen Meilenstein setzen, sonst

wäre er vor Lachen umgefallen.

Jakobs Freunden war unterdessen die Zeit unter dem Lindenbaume etwas lang

geworden. Es hatten sich noch einige andere Kinder eingefunden, und sie

beschlossen alle zusammen nachzusehen, ob Jakob mit »Studieren« fertig

sei. Lustig trabten sie auf der Landstraße hin, und Jakob sah sie schon

von weitem kommen. »Jetzt werd' ich aber ausgelacht,« dachte er beschämt,

und ohne sich lange zu besinnen, rutschte er in den Graben, kroch am Felde

entlang bis zu einem schmalen Weg, und dann rannte er heidi! auf und davon.

»Na, was ist denn das nu wieder?« sagte der Bauer verdutzt und sah dem

Ausreißer nach. Aber dann bemerkte er die herankommenden Kinder, und er

schmunzelte vergnügt, denn er verstand, warum Jakob die Flucht ergriffen

hatte. Er zog also mit seinem Schweinchen den Kindern entgegen, blieb vor

ihnen stehen und fragte listig: »Wo wollt ihr denn hin?«

»Schulzens Jakob wollen wir suchen, der >studiert< die Roggenmuhme,«

antworteten alle.

»Na, dann geht man wieder nach Hause! Jetzt vor än Weilchen hat die

Roggenmuhme einen Jungen mit fortgeschleppt, das wird er wohl gewesen

sein!«

Entsetzt starrten sich die Kinder an, dann brachen sie in ein wildes

Jammergeschrei aus und rannten spornstreichs in das Dorf zurück.

Dort kamen sie gerade an, als Jakob, der auf einem Umweg das Dorf erreicht

hatte, in das Schulzenhaus schlüpfen wollte. »Da ist er ja, da ist er ja!

Sie hat ihn losgelassen!« brüllten seine Kameraden und stürzten auf ihn

zu; der eine packte ihn am rechten Arm, der andere am linken, einer am

Jackenzipfel und einer sogar am Bein.

»Hat sie dich losgelassen?« -- »Wie sah sie denn aus?« -- »Hat sie dir

was getan?« so schwirrten die Fragen durcheinander.

Dem armen Jakob wurde himmelangst, und es war sein Glück, daß gerade

die Großmutter vor die Haustüre trat und ihn aus den Händen seiner

teilnehmenden Freunde befreite. »Was schreit ihr denn so? Was ist denn

los?« fragte sie ärgerlich.

»Die Roggenmuhme hat ihn gehabt, sie hat ihn mit fortgeschleppt,« riefen

alle zusammen.

»Ich will rein, Großmutter,« bat Jakob ängstlich, und die alte Frau

nahm ihn an der Hand und zog ihn ins Haus und klappte seinen Kameraden

die Tür vor der Nase zu. Drinnen erzählte der Bube kleinlaut sein

Abenteuer, und die Großmutter lachte, aber nur ein wenig, denn nach echter

Großmutterweise hatte sie gleich Mitleid mit dem Jungen und versuchte ihn

zu trösten. Zu diesem Zweck gab sie ihm ein dickes Honigbrot, das, wie man

zu sagen pflegt, Jakob wieder etwas auf die Beine brachte.

Unterdessen war das Bäuerlein nach Oberheudorf gekommen und erzählte

im Wirtshaus schmunzelnd Jakobs Abenteuer. So erfuhr das ganze Dorf

die Geschichte, und alle lachten darüber. Man lachte noch lange, und

Jakob wurde zu seinem Ärger noch recht oft zugerufen, wenn ihm ein

Schweinchen in den Weg lief: »Gib acht, da kommt die Roggenmuhme!«

[Illustration: Jakob und Schwein]

[Illustration: Dekoration]

Das besinnliche Trinchen.

Wenn mitten unter lustigen Geschichten eine ernsthafte steht, so ist

das so, als wenn sich zwischen lauter sonnige Frühlingstage ein grauer

Regentag schiebt. Den lieben langen Tag will es dann nicht hell werden,

und alle Freude scheint auf einmal verschwunden, bis sich, vielleicht

gegen Abend, der Himmel aufhellt und zarte Rosenwölkchen zeigen, daß

sicherlich am andern Tag die Sonne wieder herauskommen wird.

Unter all den fröhlichen Oberheudorfer Buben und Mädeln ging des

Wassermüllers Trinchen immer still und traurig einher. Immer saß es ein

wenig abseits, immer ging es allein von der Schule heim, und wenn die

andern spielten, dann sah das Trinchen von ferne zu. Die andern Kinder

nannten Trinchen darum »hochmütig«, denn Trinchens Vater war ein reicher

Mann, und sie meinten nicht anders, als das Trinchen sei eingebildet

darauf. Schuster Pechdraht aber meinte, Trinchen besänne sich immer zu

lange auf eine Antwort, bis dann die Zeit, eine zu geben, vorüber sei, und

er nannte die Kleine manchmal scherzend »das besinnliche Trinchen«. Der

Name blieb dem Kinde, und bald wurde die Kleine im ganzen Dorf so genannt.

Das besinnliche Trinchen aber war nun ganz und gar nicht hochmütig,

sondern im Gegenteil ein furchtbar schüchternes kleines Mädchen. Es

war so ängstlich und zaghaft, daß es kaum zu sprechen wagte, und wenn

jemand unversehens ein strenges Wort zu ihm sagte, war das Mädchen tief

unglücklich. Nur aus Schüchternheit hielt sich Trinchen von den Gespielen

fern. Ganz einfach hinzugehen und zu sagen: »Ich will mitspielen!« das

hätte die Kleine gar nicht fertiggebracht. Aus Schüchternheit wagte sie

auch in der Schule nicht ordentlich zu antworten, obgleich sie die meisten

Fragen hätte beantworten können und manchmal mehr wußte als die, die stolz

mit ihrer Klugheit prahlten. Hatte Trinchen aber einmal etwas unrichtig

gemacht und bekam darum Schelte, dann verlor sie alle Fassung und konnte

überhaupt nicht antworten. Sie wurde dann »trotzig und verstockt« genannt,

und der Lehrer, der eigentlich sehr gütig war, bestrafte wohl aus diesem

Grunde Trinchen besonders streng. Obendrein wurde sie auch noch von ihren

Mitschülern ausgelacht, wenn sie so stumm und bleich dastand und kein

Wörtchen sagen konnte.

Daheim im Elternhaus ging es dem besinnlichen Trinchen nicht besser. Des

Kindes Mutter war früh gestorben, und als Trinchen sechs Jahre alt war,

kam eine Stiefmutter ins Haus. Die alte Male, die schon bei Trinchens

Mutter Kindsmagd gewesen war und nach dem Tode der Frau in der Mühle die

Wirtschaft führte, sah scheel auf die neue Hausfrau. Sie erzählte in ihrem

Ärger dem Trinchen lauter schreckliche Geschichten von bösen Stiefmüttern,

die alle gar nicht wahr waren, und jagte dadurch der schüchternen Kleinen

eine heillose Angst ein. Die neue Mutter war eine gütige, fröhliche Frau,

die ihrem Stiefkinde ein Herz voll Liebe entgegenbrachte. Aber Trinchen in

ihrer Schüchternheit, zu der noch die Angst vor der Stiefmutter kam, blieb

dieser gegenüber so fremd und befangen, daß sie immer wie ein scheues

Mäuslein im Hause herumhuschte.

Am unglücklichsten über diese Schüchternheit war das besinnliche Trinchen

selbst. Niemand ahnte, wie tieftraurig die Kleine oft war, wie schrecklich

einsam sie sich oft fühlte, denn sie hatte ein zärtliches, liebebedürftiges

kleines Herz. In aller Stille hing sie zum Beispiel mit inniger Liebe an

ihrer Stiefmutter, aber es dieser zu zeigen wagte sie nicht. Auch den Herrn

Lehrer liebte Trinchen schwärmerisch, aber wenn die andern Kinder

zutraulich zu ihm liefen und ihm von ihren Freuden und Leiden erzählten, da

stand die Kleine abseits. Wie gern hätte Trinchen eine Freundin gehabt und

hätte einmal vergnügt mit den andern gelacht oder wäre mit zu Muhme

Lenelis gelaufen.

Manchmal, wenn sie einsam an einem verborgenen Plätzchen, etwa unter

einer Trauerweide am Mühlbach, saß, da nahm sie sich vor, so zu sein

wie die andern Kinder. Sie schwatzte lauter lustige Sachen vor sich

hin, und wenn sie am nächsten Tag in die Schule kam, da war sie so

still und scheu wie immer, da war sie wie eine jener Blumen, die ihren

Kelch geschwind schließen, wenn eine Menschenhand sie berührt.

In der Oberheudorfer Schule saßen die Kinder alle in einer Klasse, die

Kleinen unten und die Großen oben. Es gab aber außer dem eigentlichen

Schulzimmer noch ein zweites, in dem hatten die Mädchen bei der Frau

des Lehrers Handarbeitsstunde, oder diejenigen, die schreiben mußten,

während die andern lasen, saßen darin. In diesem zweiten Schulzimmer

stand ein großer Schrank, in dem Bücher, Landkarten, Kreide, Tinte und

dergleichen aufbewahrt wurden. In dem Schrank stand auch eine kleine

Sparbüchse. Wenn ein Kind Geburtstag hatte oder sonst ein besonders

freudiger Tag war, dann erbat es sich daheim von seinen Eltern einige

Pfennige, die in die Sparkasse getan wurden. In Niederheudorf war ein

Armenhaus, in dem auch einige Oberheudorfer Arme wohnten, denen wurden

zu Weihnachten dann von dem ersparten Geld kleine Geschenke gemacht.

An einem Herbsttag wanderte das besinnliche Trinchen noch zaghafter als

sonst zur Schule. Es hatte nämlich einen Plan, von dessen Ausführung

ihr schon seit Wochen bangte, und doch war sie glückselig bei dem

Gedanken, ihr Plan könnte ihr gelingen.

Vor einiger Zeit hatte sie von einer Tante, die in der Stadt wohnte,

einen hübschen Kasten mit allerlei kleinen, niedlichen Handarbeiten

bekommen, ein Geschenk, das ihr viel Freude bereitet hatte, wenn von

der Freude auch niemand etwas merkte. Unter den Arbeiten war auch ein

zierliches, kleines Federkästchen gewesen, und in einer Stunde, in der

das besinnliche Trinchen in aller Heimlichkeit lustig und unternehmend

gewesen war, hatte es sich vorgenommen, das Kästchen dem Herrn Lehrer

zu schenken. Acht Tage lang trug sie das ganz sauber gestickte Kästchen

in ihrem Ranzen in die Schule, und jedesmal brachte sie es wieder heim:

sie hatte es nicht gewagt, ihre Arbeit dem Herrn Lehrer zu geben.

Schließlich nahm sie sich vor, sie wolle es ihm heimlich auf das Pult

stellen, vielleicht würde er es gar nicht merken, daß die Gabe von ihr kam.

Der Schultag verlief wie alle Schultage. Einige Kinder hatten gut gelernt,

einige weniger gut. Trinchen, deren Gedanken viel bei ihrem Kästchen waren,

wußte einige ganz einfache Fragen nicht zu beantworten. Die andern Kinder

lachten, und der Lehrer schalt und sagte die Antwort, die Trinchen

wiederholen sollte. Die Kleine war durch Lachen und Schelte so

verschüchtert, daß sie trotz aller Mühe, die sie sich gab, kein Wort

herausbrachte.

»Du bist ein trotziges Kind,« sagte der Herr Lehrer ärgerlich. »Nachher,

wenn ich die neuen Bilder zeige, die ich gestern bekommen habe, gehst du

in die andere Stube und schreibst die Antwort zehnmal auf.«

Trinchen stiegen die Tränen in die Augen, und zu allem Unheil machte

sie in ihr neues Heft noch einen dicken Klecks. Tief unglücklich saß

sie zusammengekauert wie ein kranker kleiner Spatz da, und als gegen

Ende der Schule der Herr Lehrer die Bilder herausholte und alle Kinder

vergnügte Gesichter bekamen, schlich sie traurig in das Nebenzimmer.

Da saß sie denn und schrieb, und es sah aus, als hätten Krähen rechtsum,

linksum auf dem Heft getanzt, denn so schwere Tränen saßen ihr in den

Augen, daß sie kaum etwas sehen konnte.

Natürlich bekam sie auch wieder Schelte wegen der Schreiberei, und der

Herr Lehrer sagte, sie müsse am Sonnabend nachmittags in die Strafstunde

kommen. Das war eine schreckliche Schande! Trinchen meinte, sie müsse in

den Boden sinken vor Scham.

Das Schlußgebet war gesprochen, und schon wollten alle heimgehen, als

Schmieds Grete wichtig hervortrat und einen Groschen brachte, der für

die Sparbüchse bestimmt war. Ihre Mutter hatte Geburtstag, da hatte sie

ihr den Groschen gegeben. Das war ein Ereignis! Heine Peterle und der

blaue Friede stürzten gleich in das andere Zimmer, um die Büchse zu

holen, und kamen gleich darauf wieder mit dem Jammerruf: »Die Büchse

ist nicht da!«

»Ach Unsinn,« sagte der Herr Lehrer, »ich habe sie heute früh selbst

gesehen; es wird etwas davorstehen. Ruhe, Kinder, rennt nicht so, nur

drei dürfen nachsehen!«

Nach einigen Minuten kamen die drei Boten wieder und riefen klagend:

»Sie ist nicht da!«

»Ich will selbst nachsehen,« sagte der Herr Lehrer, »bleibt alle an euren

Plätzen!« Er ging, und nach wenigen Minuten kehrte er mit tiefernstem

Gesicht zurück. »Die Büchse ist nicht da. Wer von euch war heute im

Nebenzimmer?«

Einige meldeten sich, und Anton Friedlich sagte, er habe bestimmt die

Büchse gesehen.

»Hat der Schrank offen gestanden, als ihr nachgesehen habt?« fragte der

Lehrer Heine Peterle und den blauen Friede.

»Ja, weit offen,« riefen beide.

»Wer hat ihn offen gelassen?«

»Ich nicht!« -- »Ich nicht!« schrien die Kinder, nur das besinnliche

Trinchen saß stumm und teilnahmslos auf seinem Platze.

»Einmal hat's drin gerappelt!« rief Anton Friedlich, der sich doch

nicht ganz klar war, ob er nicht den Schrank offen gelassen hatte.

»Ich hab's auch gehört!« -- »Ich auch!« riefen einige andere. »Es ist

jemand drin gewesen!«

Der Herr Lehrer rief seine Frau, die allein noch von ihrer Wohnung aus

das Zimmer betreten konnte, und die Frau Lehrerin sagte, sie sei darin

gewesen; ob aber der Schrank offen gestanden habe, darauf konnte sie

sich nicht besinnen.

»Müllers Trinchen ist zuletzt in der Stube gewesen,« rief Schnipfelbauers

Fritz auf einmal, und aller Augen richteten sich auf Trinchen, die blutrot

wurde.

»Hast du gesehen, ob der Schrank offen war?« fragte der Lehrer die

zitternde Kleine.

Trinchen schwieg verwirrt und wagte nicht aufzusehen. Es wurde

mäuschenstill in der Klasse.

»Trinchen, komm einmal mit deinem Ranzen zu mir,« sagte der Lehrer

ernst, aber nicht unfreundlich.

Der Gedanke an das Kästchen durchzuckte Trinchen. »Wenn der Herr Lehrer

das findet und danach fragt!« dachte sie angstvoll, und unbeweglich

blieb sie auf ihrem Platze.

»Trinchen,« sagte der Herr Lehrer strenger, »du kommst sofort her!«

Trinchens Füße wurden bleischwer, sie war halb sinnlos vor Angst. Warum

rief der Lehrer sie nur, sie hatte doch nichts getan?

Die Nachbarinnen schoben die Kleine ärgerlich aus der Bank heraus.

»Geh doch, geh doch!« sagten sie böse, denn Trinchens Schweigen und

Verlegenheit bestärkten bei allen den schrecklichen Verdacht, und von

hinten hervor kam auf einmal eine Stimme: »Müllers Trine hat die Büchse

gestohlen!«

»Still!« donnerte der Herr Lehrer zornig, dem der Gedanke, eines seiner

Schulkinder könne wirklich so etwas getan haben, bitter weh tat.

Aber Trinchen hatte das Wort auch gehört. Sie wurde plötzlich leichenblaß.

Das dachte man von ihr? Für eine Diebin hielt man sie? Die Kleine taumelte,

wie im Kreise drehte sich alles vor ihr, und in ein lautes Schluchzen

ausbrechend, warf sie ihren Ranzen weg. Sie stürzte, ehe sie noch jemand

halten konnte, zur Türe hinaus. An der Türe rannte sie mit jemand zusammen,

der gerade die Klasse betreten wollte, obgleich er nicht in eine Schule

gehörte.

»Na, was ist denn das für eine Aufregung?« rief der Mann, der an der Türe

stand, und der kein anderer war als -- der Gendarm.

Er wollte Trinchen halten, aber die Kleine war schnell wie ein Blitz an

ihm vorbei. »Mit Verlaub, Herr Lehrer,« sagte der Gendarm und trat näher,

»das gehört wohl hierher?« und dabei stellte er -- die vermißte Sparbüchse

auf das Pult und sah sich wohlgefällig im Kreise um: »Das ist mal 'ne

Überraschung, was?«

Eine Überraschung war das freilich, und der Lehrer schüttelte erstaunt

den Kopf: »Wie kommen Sie zu der Büchse?«

»Hm, das ist man so,« sagte der Gendarm und erzählte umständlich, daß

er einen Landstreicher habe nach seinen Papieren fragen wollen, doch

der Mann sei ausgerissen und habe dabei die Büchse weggeworfen. Er

mußte durch das offene Fenster in das Schulzimmer gestiegen sein und

die Büchse geraubt haben.

So etwas war seit Menschengedenken nicht in Oberheudorf passiert, und

eine unbeschreibliche Aufregung befiel die Kinder. Sie vergaßen, daß

sie in der Schule waren, und schnatterten wild durcheinander wie die

Gänse auf dem Anger, bis der Lehrer Ruhe gebot und rief: »Doch jetzt

wird zuerst das arme Trinchen gesucht!«

Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten: Sechszehn heitere Erzählungen · 第 3 / 10 段