keuchend folgte ihm der dicke Friede. »Er darf nicht zuerst kommen,«
dachte der und nahm alle Kraft zusammen. Da hatte der Blaue schon die
Weide erreicht, und ritsch -- griff auch der Dicke nach den kahlen
Zweigen.
In diesem Augenblicke ertönte ein dumpfes Krachen.
»Das Eis bricht!« schrien die Kinder entsetzt und stoben auseinander
wie eine Schar Tauben, auf die ein Habicht stößt.
Ein zweiter Krach ertönte. Schreiend purzelten die Kinder an das Ufer,
und im Nu war der Teich wie abgekehrt. Nur der dicke Friede und der blaue
Friede waren noch darauf, oder vielmehr sie saßen darin, denn das Eis war
gerade dicht an der alten Weide geborsten, und die beiden Buben saßen bis
an den Hals in dem eisigen Wasser.
Aber schreien konnten sie noch, und sie schrien gellend um Hilfe, während
die andern Kinder wehklagend in das nahe Bauernhaus rannten. Zum Glück
waren der alte Bauer und sein Knecht daheim, und sie kamen auch beide
eiligst herbei, um die verunglückten Buben zu retten. Es gelang auch, die
beiden, die bereits ganz blau gefroren waren, schnell aus dem Wasser zu
ziehen. Sie wurden in das Haus getragen. Dort hatte die Bäuerin, als sie
von dem Unglück gehört hatte, hurtig einen Topf Fliedertee auf das Feuer
gestellt und ein Bett gewärmt. Flink zog sie die Verunglückten aus, und
der Bauer und sie rieben die pudelnassen Buben mit einem dicken Tuche so
kräftig ab, daß den Taugenichtsen Hören und Sehen verging. Dann wurden die
beiden in das Bett gelegt, das breit und groß in der Stube stand und mit
feuerroten Sternblumen und himmelblauen Bändern bemalt war. Die Bäuerin
gab den beiden Fliedertee zu trinken und deckte ihnen ein ungeheuer dickes
Federbett über. »Gelle, das ist gut?« fragte sie.
Wie zwei Brote in einem Backofen, so lagen die beiden Feinde ganz friedlich
nebeneinander in dem warmen Federneste. Nur ihre runden, roten Gesichter,
die vor Hitze glühten und glänzten, waren zu sehen.
Rühren konnten sich die Buben nicht, dazu waren sie viel zu dick
eingepackt, und wenn einer wirklich eine leise Bewegung machte, dann
schrie gleich die alte Bäuerin: »Nä, nä, nich' die gute Wärme rauslassen!
Ich behalt' euch hier bis morgen, -- gelle, das gefällt euch?«
»Hm!« brummten alle beide, und der Blaue sah nach rechts und der Dicke
nach links.
»Na, ä bißchen plappern könnt ihr schon!« sagte die Bäuerin gutmütig.
»Gelle, 's ist doch gemütlich, so zusammen zu sein?«
»Hm!« knurrten die beiden wieder und starrten zur Zimmerdecke empor.
Die Alte schüttelte den Kopf. »Nä, sagt doch, könnt ihr nich' reden?«
»Ich kann schon,« knurrte der Dicke, »aber --«
»Ich auch,« ächzte der Blaue, »aber --« Und nun sah einer wieder nach
rechts, der andere nach links, und dann stöhnten sie herzbrechend.
»So'n dummes Gehabe!« brummte der Bauer in seiner Ofenecke und zündete
sich ein Pfeifchen an.
»Nu sagt doch, wo fehlt's bei euch denn?« ermunterte seine Frau die
Buben.
»Hm!« seufzten beide, und der Blaue schielte den Dicken an und der
Dicke den Blauen, und plötzlich platzten beide heraus: »Wir sind Feinde!«
»Was seid ihr?« fragte die Bäuerin verdutzt.
»Feinde!« sagten beide kleinlaut.
Die Alte sah beide mit ihren hellen Augen freundlich an. »Warum denn?«
fragte sie.
Wenn es möglich gewesen wäre, daß die Buben rot geworden wären, dann
würden sie alle beide errötet sein, aber das ging nicht, weil sie
ohnehin schon aussahen wie zwei Klatschrosen. »Ich weiß nicht,« sagte
der Blaue kläglich. »Ich auch nicht,« ächzte der Dicke.
»Nä, potz tausend, so ä paar dämliche Jungen hab' ich noch nie gesehen!«
rief der alte Bauer, der die Unterhaltung mit angehört hatte. »Sind Feinde
und wissen nicht, warum! Nä, so was!«
Die alte Bäuerin aber faltete die Hände still im Schoß und guckte mit
ihren klaren, guten Augen die Buben ernsthaft an. »Gelle, 's macht viel
Freude, 'nen Feind zu haben?« fragte sie.
»Nä!« riefen die Buben wie aus einem Munde, und einer schielte verlegen
den andern an.
Die Alte stand auf, holte zwei große Tassen Fliedertee herbei und sagte
freundlich: »Den Tee trinkt jetzt, und wenn ihr fertig seid, stoßt ihr an.
Eigentlich macht man das ja mit 'ner vollen Tasse, aber ihr schwappert mir
sonst noch das Bett voll. Und nachher hat's 'n Ende mit der Feindschaft,
gelle?«
»Ja,« sagten die Buben ganz demütig und tranken tapfer den Tee, obgleich
es ihnen schon war, als sollten sie geschmort werden. Sie stießen auch
wirklich miteinander an, und ob es nun der Fliedertee machte oder die
Hitze oder das freundliche Zureden der alten Bäuerin, dem Dicken und dem
Blauen kam die Sache auf einmal komisch vor. Sie prusteten alle beide
los vor Lachen und zwickten und schubsten sich, und bums! fiel das dicke
Federbett mitten in die Stube.
»Nä, die gute Wärme!« schrie die Bäuerin und packte das Bett schnell
wieder auf die Buben drauf und stopfte es rechts und links fest, damit die
Hitze nur ja im Bette blieb. »Dann seid ihr morgen gesund,« tröstete sie
die schwitzenden Buben.
Dann holte sie sich einen großen, roten Strickstrumpf, setzte sich an
das Bett und begann ihren Gästen eine Geschichte zu erzählen. Die alte
Standuhr tickte laut dazu, und manchmal schnarrte sie, als wollte sie auch
etwas sagen. Der Bauer saß in der Ofenecke und rauchte sein Pfeifchen, und
neben ihm lag schnurrend ein dicker, schwarzer Kater.
»Klappklapp, klappklapp,« machten die Stricknadeln, als müßten sie
mit erzählen helfen, und je schneller die Bäuerin sprach, je flinker
klapperten die Nadeln. Immer heißer wurde es im Zimmer, denn der braune
Kachelofen fauchte ordentlich vor Hitze. Den Buben wurde es auch immer
wärmer in ihrem Bett; sie schwitzten wie zwei Teekessel, aber dabei
wurde es ihnen immer friedlicher ums Herz. Sie vergaßen allen Streit
und allen Trotz. Der dicke Friede blinzelte seinen einstigen Feind an,
dann legte er seinen Kopf an dessen Schulter, und der tat ganz sacht
seinen Arm um des andern Hals.
Leiser und leiser wurde die Stimme der alten Bäuerin, die Stricknadeln
klapperten kaum hörbar, zuletzt verstummte die Erzählerin, und in den
dicken Federkissen schnarchten die beiden Friede um die Wette, und bald
schnarchte auch der Bauer in der Ofenecke mit.
Als die beiden Buben am nächsten Morgen aufwachten, da waren sie
putzmunter, und ihre Augen blitzten wie lauter dumme Streiche. Nicht
einmal einen Schnupfen hatten sie, und die allerbesten Freunde waren
sie. Sie sind es auch seitdem geblieben.
[Illustration: 2 Jungen im Bett]
[Illustration: Dekoration]
Ehrenjungfern und Buben.
Eine Stunde von Oberheudorf entfernt, an einem kleinen See, lieblich von
Wald und Wiesen umgrenzt, lag ein Schloß. Es gehörte dem Herrn Grafen
Dachhausen, der es immer im Sommer mit seiner Familie bewohnte. Wie
man anderswo vielleicht sagt: »Die Störche sind da!« so sagte man in
Oberheudorf: »Grafens sind da!« Das war das Zeichen, daß der Frühling kam.
»Grafens« besuchten in Oberheudorf die Kirche, und die Frau Gräfin kam
auch manchmal in die Schule. Das war aber nicht so anstrengend, als wenn
der Schulrat kam, sondern immer ein Festtag, denn die Frau Gräfin brachte
gewöhnlich eine unglaublich große Zuckertüte mit, die freilich, wie leider
alle Zuckertüten, im Umsehen leer war. Dann ließ die freundliche Dame sich
einige Lieder vorsingen und verließ, nachdem sie noch der Frau Lehrerin
einen Besuch abgestattet hatte, die Schule, und die Kinder riefen ihr
immer sehr bittend nach: »Auf Wiedersehen!«
Wieder einmal waren »Grafens« gekommen, und zugleich war mit Sonnenglanz
und Blütenpracht der Frühling eingezogen. Im Schloß herrschte große
Aufregung. Maler und Tapezierer arbeiteten darin herum; der Gärtner grub
und pflanzte mit seinen Gehilfen vom frühen Morgen bis zum späten Abend im
Park, und in der Küche saß stöhnend Mamsell Bertchen, die Wirtschafterin,
und sagte: »Nächstens sterbe ich ganz gewiß!« Sie wußte nämlich nicht, was
für eine Pastete sie backen sollte. Schließlich gab sie das Stöhnen auf,
blieb am Leben und buk drei Pasteten, »zur Auswahl«, wie sie sagte, eine
aß sie aber ganz allein auf.
Im Schloß wurde hoher Besuch erwartet: der Landesfürst selbst sollte
kommen. Ihm zur Ehre wurden alle Vorbereitungen getroffen, und der Graf
und die Gräfin dachten sich allerlei aus, womit sie den vornehmen Gast
erfreuen wollten. Unter anderem sollten ihm bei seiner Ankunft im Schloß
kleine Mädchen in Landestracht Blumen überreichen.
In der Gegend, in der Oberheudorf liegt, haben die Dorfleute früher eine
hübsche malerische Tracht getragen. Aber wie manchmal Kindern ihre schönen
Spielsachen langweilig werden, so waren den Oberheudorfern auch ihre
schönen Gewänder langweilig geworden, und nur die alten Frauen trugen sie
noch hin und wieder. In manchen Familien lagen aber noch solche schöne,
alte Sachen in den buntbemalten Truhen; an ihnen konnte man erkennen, wie
stattlich früher die Oberheudorfer einhergegangen waren. Nach dem Muster
dieser Gewänder wollte nun die Gräfin Dachhausen vier kleine Mädchen
gekleidet haben, die sollten Verse sagen und Blumen bringen.
Annchen Amsee, Tischlers Liese, Schulzens Röse, die nicht faul wie ihr
Bruder Jakob, sondern sehr eifrig in der Schule war, und des Waldbauers
Mariandel waren die vier Auserwählten. Sie sagten, wo sie gingen und
standen, ihre Verschen her, und als Waldbauers Mariandel einmal Kaffee
und Spiritus holen sollte, sagte sie zu dem Krämer. »Wir grüßen dich,
erlauchter Fürst!« Und der Krämer dachte nichts anderes, als das
Mariandel habe seinen Verstand verloren.
In Oberheudorf vertrugen sich die Buben und Mädel sonst immer recht gut
miteinander. Sie zankten sich mal und pufften sich auch hin und wieder,
aber dann spielten sie auch wieder miteinander und vollführten in der
allerschönsten Eintracht die allerdümmsten Streiche. Seit aber die Frau
Gräfin die vier Mädchen zum Empfang des Fürsten erwählt hatte, waren
die Buben wütend auf die Mädel, und die faulsten und unnützesten waren
am ärgerlichsten. »Nur Mädels,« sagte Schnipfelbauers Fritz entrüstet,
obgleich er doch sicher nicht ausgewählt worden wäre, selbst wenn die
Frau Gräfin auch Buben genommen hätte.
»Und unsere Röse ist ein Jahr jünger als ich,« rief Schulzens Jakob empört.
»Es ist frech von ihnen,« schrien Anton Friedlich und Heine Peterle.
Als ihnen aber Annchen Amsee am gleichen Tage eine Zuckerstange gab,
die noch von ihrem Geburtstag stammte, da nahmen sie die Stange und
aßen sie auf, aber böse waren sie darum doch. Aber aller Ärger half
ihnen nichts: die vier Mädel waren zum Empfang eingeladen und blieben
es, mochten die Buben brummen, soviel sie wollten.
Der Festtag kam heran. Erst hatten alle Oberheudorfer zugleich mit den
vier Mädeln nach dem Schlosse ziehen wollen, um den Empfang zu sehen.
Der Herzog jedoch liebte zu große Empfänge nicht, und darum hatte der
Graf die Dorfbewohner bitten lassen, sie sollten erst am Abend kommen;
es solle ein wundervolles Feuerwerk abgebrannt werden, und dazu könne
jeder kommen, der Lust habe. Der Herzog, der mit seinem eigenen Wagen
von seinem einige Stunden entfernten Jagdschloß Adlershorst kam, wurde
am Nachmittag erwartet. Um Mittag traten daher, gefolgt von dem halben
Dorf, die vier kleinen Ehrenjungfern ihren Weg nach dem Schlosse an.
Bis zum Ende des Dorfes wurde ihnen das Geleit gegeben, dann ließ man
sie mit vielen guten Wünschen und Ermahnungen ziehen, und die andern
kehrten alle heim, um später den gleichen Weg zu wandern.
Die vier Mädel aber zogen stolz in ihren hübschen Gewändern fürbaß. Sie
hatten bunte Röckchen, schwarze Mieder und schneeweiße, mit Spitzen
besetzte Hemden an. Die schwarzen Hauben, die sie trugen, waren sehr
reich mit schönen farbigen Bändern geschmückt. Weiße, feingefaltete
Schürzen, weiße Strümpfe mit roten Zwickeln und blitzblanke, schwarze
Schnallenschuhe gehörten noch zu dem Anzug. Es war eine Pracht, die vier
anzuschauen, und sie gingen auch so steif und vorsichtig einher, wie die
Puthähne Kaspars auf dem Berge, aber freilich so eingebildet und wütend
wie diese waren die vier Mädel nicht.
Ein Stückchen waren Annchen, Liese, Rose und Mariandel auf der Landstraße
dahingezogen, als plötzlich aus einem Graben am Wege vier Buben kletterten.
Die Mädel schrien laut auf vor Schreck, aber dann erkannten sie ihre
Schulgefährten Anton Friedlich, Schnipfelbauers Fritz, Heine Peterle
und Schulzens Jakob, die alle vier wie aus einem Munde riefen: »Aber
ihr seid fein, uh je!«
Die Mädchen glaubten nicht anders, als die Bewunderung sei echt. Sie
nickten vergnügt und zupften an ihren Bändern herum, und Annchen Amsee
fragte freundlich: »Wollt ihr uns begleiten?«
»Freilich, freilich!« rief Heine Peterle, und Schnipfelbauers Fritz
meinte verschmitzt: »Grad' dazu sind wir ja gekommen!«
Wie sie so miteinander gingen, sagte Waldbauers Mariandel auf einmal:
»Ihr schaut ja immer unsere Schuhe an, gelt, die können euch gefallen?«
»Na ob!« rief Schnipfelbauers Fritz. »Aber dumm seid ihr Mädel doch!«
»Pfui!« quiekten die vier Ehrenjüngferchen entrüstet, »du bist mal ein
Grober!«
»Na, wahr ist's doch!« behauptete Fritz lachend. »Bis ihr ins Schloß
kommt, sind eure Schuhe schmutzig. Zieht sie doch aus! Gelt, ihr seid
zu vornehm, um barfuß zu gehen?«
Die Buben lachten laut auf, und die Mädel sahen sich an und schämten sich,
sie fanden, Fritz habe recht. »Woll'n wir?« fragte Mariandel, und die
andern nickten: »Ja, wir wollen!« Hurtig begannen sich die vier Mädel
Schuhe und Strümpfe auszuziehen, und bald standen sie mit nackten Beinchen
auf der Landstraße. Die Buben lachten vergnügt dazu und nahmen dann jeder
ein Paar Schuhe, in denen fein säuberlich die Strümpfe steckten. »Wir
tragen sie euch ein bißchen,« sagten sie so gefällig, wie sie sonst nie
waren. So trabten sie miteinander auf der Landstraße dahin. Aber weit waren
sie noch nicht gegangen, als Schnipfelbauers Fritz plötzlich rief: »Dort
läuft ein Hase!«
»Wo denn, wo denn?« fragten alle.
»Dort, dort!« schrie Anton Friedlich, »ich sehe ihn!«
»Ich auch,« schrie Heine Peterle, »ich lauf' ihm nach!« und er begann
zu laufen.
»Ich auch,« »Ich auch,« »Ich auch,« schrien seine Kameraden und rannten
hinter ihm her.
Die vier Mädel hatten zwar keinen Hasen gesehen, aber sie warteten geduldig
auf die Rückkehr der Kameraden. Doch die Zeit verging, und kein Anton, kein
Jakob, kein Fritz und kein Heine Peterle ließen sich sehen, sie waren
spurlos verschwunden und mit ihnen Schuhe und Strümpfe.
Die Mädchen wurden ängstlich, sie mußten doch gehen, und sie begannen
laut zu rufen. Aber ihre Stimmen verhallten in der mittäglichen Stille,
und nichts regte und rappelte sich.
Annchen Amsee ahnte zuerst die Wahrheit, sie rief plötzlich klagend:
»Sie haben uns einen Streich gespielt, sie sind fortgelaufen mi--mit
unsern Schu--schuhen!« Die letzten Worte kamen nur stoßweise unter Tränen
hervor, und als die andern ihre Kameradin weinen sahen, da wurde es ihnen
klar, daß die Buben ihnen absichtlich Schuhe und Strümpfe weggetragen
hatten. Sie brachen in ein jammervolles Geschrei aus und sanken einander
in die Arme. Alle vier hielten sich umschlungen und weinten so, daß zwei
Spatzenmütter, die auf einem Kirschbaum in der Nähe brüteten, vor Schreck
und Mitgefühl aus dem Neste plumpsten. So dicht hatten die vier die Köpfe
zusammengesteckt, daß immer einer die Tränen der andern über das Gesicht
liefen. Wie ein Häuflein Unglück standen sie da mitten auf der Landstraße,
und vor Schreien und Wehklagen sahen und hörten sie nicht, was um sie
herum vorging.
Plötzlich packten sie starke Arme, und eine gutmütige Stimme sagte: »Aber
Kinder, ihr werdet ja noch überfahren! Warum schreit ihr denn so?«
Vier heiße, tränenüberströmte Gesichtchen hoben sich zu dem Sprecher
empor. Das war ein Mann, der einen braunen, mit goldenen Knöpfen besetzten
Rock trug, kurze Hosen und lange, helle Gamaschen dazu. Und mitten auf der
Landstraße hielt ein Wagen, in dem drei Herren saßen.
[Illustration: Oberheudorfer Buben- and Mädelgeschichten. Seite 56.]
Einer von ihnen, ein älterer Mann mit einem milden, freundlichen Gesicht,
rief: »Paul, bringe die Kinder doch einmal her, ich will fragen, was den
armen Dingern fehlte.«
Paul nahm das Häuflein Mädel und schob es sanft nach dem Wagen hin.
»Ja, Kinder, sagt mir nur, warum weint ihr denn gar so fürchterlich?«
fragte der freundliche Herr.
»Huhuuu -- unsere Schu--uhe!« schrien Annchen, Liese, Röse und Mariandel
wehklagend, aber mehr war nicht aus ihnen herauszubringen, soviel die
Herren auch fragten.
Endlich nahm der eine von ihnen Annchen Amsee einfach in den Wagen und
sagte gütig, aber ernst: »Jetzt, Kind, erzähle mir, was geschehen ist!«
Annchen Amsee erschrak, sie nahm sich jedoch zusammen und erzählte unter
Tränen, was die Buben ihnen für einen Streich gespielt hatten, und als sie
mit Erzählen fertig war, da brachen alle wieder von neuem in Wehklagen aus.
Die Herren lachten. »Ihr armen kleinen Dinger,« sagte der, welcher zuerst
gesprochen hatte, mitleidig. »Doch kommt, ich fahre auch nach dem Schloß,
ich werde euch mitnehmen. Und daß ihr barfuß kommt, das schadet nichts;
seid nur getrost, es wird schon alles gut werden!«
Ehe die vier recht wußten, was geschah, saßen sie alle in dem feinen
Wagen. Ein bißchen eng war es freilich, aber schön war es auch, und die
drei Herren trösteten die kleinen Ehrenjungfrauen so gütig, daß diese
zuletzt ganz vergnügt wurden. So kam es, daß sie schon wieder ordentlich
lachen konnten, als der Wagen in die breite Allee einfuhr, die zum
Schlosse führte. In der Allee standen zwei Diener, die, als sie den Wagen
erblickten, laut etwas riefen und rasch ins Schloß rannten. Auf der
breiten Terrasse vor dem Schloß standen der Graf und die Gräfin und noch
viele andere schöngekleidete Herren und Damen, und der Graf kam eilig die
Treppe herabgelaufen und verbeugte sich sehr tief vor dem freundlichen
älteren Herrn.
Kein anderer als der Herzog selbst war das.
Als die vier Mädelchen dies merkten, hätten sie beinahe vor Schreck und
Verlegenheit wieder angefangen zu heulen, der Diener Paul aber meinte,
Wasser sei doch schon genug geflossen, sie sollten doch lieber still
sein. Das taten sie denn auch, ja sie lachten sogar mit, als der Herzog
die Geschichte von den Schuhen erzählte und der Graf und seine Gäste
herzlich darüber lachten. Der Herzog war früher, als er erwartet worden
war, gekommen und meinte, es sei nur gut, daß er die kleinen Ehrenjungfern
gleich mitgebracht hätte. Sie mußten noch ihr Sprüchlein sagen, und da
sie es sehr gut konnten, wurden sie viel gelobt. In einem besonderen
Zimmer wurde ein Tisch für sie gedeckt, und Annchen, Liese, Röse und
Mariandel ließen sich all die guten Sachen, die ihnen vorgesetzt wurden,
trefflich schmecken. Der Kummer um ihre Schuhe und Strümpfe hatte sie
hungrig gemacht, auch schmeckten ihnen Braten, Kompott und Torte besser
als ein Oberheudorfer Käsebrot.
Die vier Buben hatten, zu ihrer Ehre sei es gesagt, gar nicht die Absicht
gehabt, den Mädeln Schuhe und Strümpfe ganz und gar wegzunehmen, sie
hatten die vier nur etwas ängstigen wollen. Sie waren daher in den Wald
gelaufen, und nach einer Viertelstunde ungefähr wollten sie die Sachen
zurücktragen. Als sie so im Walde saßen, erblickten sie auf einmal den
Waldhüter Leberecht Sperling, der von allen Buben Oberheudorfs gefürchtet
wurde.
Leberecht Sperling glaubte nämlich, jeder Bube sei unnütz. Schön war das
nicht von ihm, aber er glaubte es nun einmal. Traf er daher einen Buben
im Walde, so hatte der seiner Ansicht nach irgend eine Dummheit begangen,
und es war schon vorgekommen, daß er ohne irgend eine Vorrede diesen Buben
einfach durchgewichst hatte. Kein Bube aber liebt dergleichen besonders,
und es war nicht verwunderlich, daß die Buben Leberecht Sperling in der
Entfernung lieber sahen als in der Nähe. Anton, Fritz, Heine Peterle und
Jakob erschraken daher sehr, als sie den Waldhüter auf sich zukommen
sahen, und weil sie obendrein ein grundschlechtes Gewissen hatten, nahmen
sie Reißaus.
»Die haben etwas Dummes gemacht,« dachte Leberecht Sperling, und da er
recht lange Beine hatte, war die Sache nicht ungefährlich, und die vier
Missetäter hatten auch gehörige Angst und waren heilfroh, als sie zum
Walde raus waren und der Waldhüter von der Verfolgung abließ.
Niedergeschlagen dachten sie an die vier Mädel auf der Landstraße. Durch
den Wald trauten sie sich nicht wieder, und so blieb ihnen nichts weiter
übrig, als nach dem Dorf zurückzukehren und von dort aus auf die Landstraße
zu gelangen. Die Nähe des Dorfes aber war gefährlich; leicht konnten sie
mit den Schuhen gesehen werden. Und verbergen ließen sich die Schuhe zu
schlecht. Anton Friedlich versuchte sie in die Tasche zu stecken, als er
aber einen mit Not und Mühe hineingezwängt hatte, platzte die Tasche. »Die
dummen Mädel!« schrie er wütend, als ob diese seine Tasche zerrissen
hätten, und seine Gefährten stöhnten: »Hätten wir sie nur gehen lassen!«
Sie gelangten jedoch glücklich am Dorf vorbei und rasten dann die
Landstraße entlang, aber soviel sie auch riefen und spähten, von den
Mädeln war keine Spur mehr zu sehen. Sie rannten beinahe bis ans Schloß,
aber nirgends erblickten sie die bunten Röcke ihrer Schulgefährtinnen.
Recht kleinlaut kehrten sie um. »Die dummen Trinen sind heimgegangen,«
rief Anton Friedlich zornig.
»Und haben uns verklatscht!« stöhnte Fritz dumpf.
»Meine Mutter haut mich,« jammerte Heine Peterle kleinlaut.
»Mein Vater auch,« ächzte Jakob.
Auf der Landstraße konnten sie nicht bleiben, nach Hause trauten sie
sich nicht, so beschlossen sie, sich in einem Schuppen zu verstecken,
der Jakobs Vater gehörte. Dort wollten sie warten, bis die Dorfbewohner
nach dem Schloß gezogen waren, und dann ganz heimlich nach Hause gehen.
Es war zu trostlos! Das schöne Feuerwerk, auf das sie sich so gefreut
hatten, entging ihnen nun, und hungrig wurden sie mit der Zeit auch.
Sie seufzten jämmerlich und schlichen, als es dunkel geworden war, sehr
bedrückt heim. Im Dorf waren nur wenige Leute geblieben, meist nur die
Alten, die lieber an dem lauen Frühlingsabend ruhig in den kleinen
Gärten saßen, statt den weiten Weg bis zum Schlosse zu gehen. So gelang
es den vier Missetätern leicht, in die Häuser zu schlüpfen, nachdem
sie die Schuhe noch heimlich jeder Besitzerin vor die Türe gestellt
hatten.
Annchen, Liese, Röse und Mariandel hatten unterdessen einen vergnügten
Nachmittag gehabt, und die Dorfleute hatten sich alle über das prachtvolle
Feuerwerk gefreut und dazwischen auf die vier unnützen Buben geschimpft,
denn natürlich hatten alle die Geschichte von den Schuhen erfahren. Der
Schulze sagte, es sei eine Schande, daß der Landesherr barfuß begrüßt
worden wäre. Na, sein Jakob sollte sehen! Ähnliches sagten die andern
Väter und Mütter auch. Die vier Mädel aber waren so lustig auch ohne
Schuhe, daß sie himmelhoch für die Buben baten, aber der Schulze sagte,
Haue müßten sie kriegen, weil sie Oberheudorf blamiert hätten.
Daß die Buben Haue bekommen sollten, tat aber den Mädeln herzlich leid.
Besonders Röse wurde ganz traurig darüber, und sie war es auch, die den
Freundinnen vorschlug: »Wir wollen den Herrn Herzog bitten, daß er die
Haue verbietet!«
»Röse!« schrien die drei Jüngferchen fast entsetzt, denn der Plan ihrer
Kameradin erschien ihnen gar zu kühn.
Aber Röse blieb dabei. »Ich sag's, ihr müßt aber dann auch bitten!«
Das versprachen die drei zwar, aber recht bange war ihnen doch zumute,
als sie alle ins Schloß zogen und Röse herzhaft zu einem Diener sagte,
sie wollten dem Herrn Herzog eine gute Nacht wünschen.
Der Diener ließ die kleinen Ehrenjungfern wirklich in den Saal, und die
gingen schnurstracks auf den Herzog los und machten so tiefe Knickse,
daß Liese nur mit Annchens Hilfe wieder hoch kam, und Röse sagte tapfer:
»Nicht wahr, die Buben sollen keine Haue haben wegen der Schuhe!«
»Bitte, bitte, nicht!« schrien die andern; es war gerade, als wollte
der Herzog selbst die Buben strafen.