Oberheudorfer Buben-
und Mädelgeschichten
[Illustration: Dekoration]
Sechzehn heitere Erzählungen
von
Josephine Siebe
Mit vier farbigen Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen
von =Carl Schmauk=
_Dritte Auflage_
[Illustration: Wappen]
_Stuttgart_
Verlag von =Levy & Müller=
Nachdruck verboten.
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
Druck vom Chr. Verlagshaus in Stuttgart.
Oberheudorfer
Buben- und Mädelgeschichten
Inhalt.
Seite
Oberheudorf, wo es liegt, und wie es darin aussieht 1
Wie es Heine Peterle in der Stadt erging 6
Der Schulrat in Oberheudorf 22
Zwei Feinde 37
Ehrenjungfern und Buben 49
Die Roggenmuhme 65
Das besinnliche Trinchen 75
Sommergäste in Oberheudorf 92
Das Vogelschießen in Niederheudorf 107
Muhme Lenelis und ihre Freunde 125
Die Prinzessin mit dem seltsamen Namen 143
Die klugen Gänse von Oberheudorf 157
Das Glück im Suppentopf 170
Friederikes Abenteuer 188
Das Ständchen 198
Es brennt überall 215
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Dorfansicht]
Oberheudorf, wo es liegt, und wie es darin aussieht.
An einem Frühlingstage kamen drei junge Männer auf ihrer Wanderung
durch das deutsche Land nach Oberheudorf, das zwischen Gebirg und
Ebene liegt. Als sie in das Dorf einzogen, lief ihnen unversehens
ein Schweinchen in den Weg. Da rief der erste, der sich leicht über
jeden Quark ärgerte: »Pfui, ist das ein abscheuliches, schmutziges
Dorf! Hier laufen ja die Schweine auf der Straße herum! Und was für
häßliche, baufällige Häuser das Dorf hat!« Er sah dabei immer nur
des Schnipfelbauers alten Ziegenstall an, die andern Häuser würdigte
er keines Blickes. Schnurstracks eilte er von dannen, und in sein
Reisebuch schrieb er: »Oberheudorf ist klein, schmutzig und häßlich.«
Der zweite, der zu denen gehörte, die alles besser haben wollen, sah,
als er durch das Dorf ging, immer in die Luft und rief: »Wie niedrig
die Berge sind! Und wie weit der Wald entfernt ist! Auf einem der Berge
müßte eine Burg stehen. Der Bach müßte breiter sein und brausend bergab
stürzen. Ja, dann möchte mir das Dorf gefallen!«
Flugs lief auch er von dannen, und in sein Reisebuch schrieb er: »Es
lohnt sich nicht, Oberheudorf anzusehen, es hat keine schöne Lage.«
Der dritte der jungen Leute aber blieb mitten im Dorf stehen
und schaute sich um. Er sah die blühenden Fliederbüsche in des
Schnipfelbauers Garten und übersah darüber den baufälligen Ziegenstall.
Er sah die kleine weiße Kirche, deren spitzes Türmchen sich scharf von
dem lichten Frühlingshimmel abhob. Er sah die roten Ziegeldächer der
Bauernhäuser in der Sonne leuchten und sah, wie liebevoll der große
Apfelbaum seine blütenschweren Zweige über Muhme Lenelis' Häuschen
breitete. Wohl waren die Berge nicht allzu hoch, aber schöner, dichter
Tannen- und Laubwald bedeckte sie, auf dessen Boden weiche Moosteppiche
lagen und zarte, helle Blumen blühten. Wohl war das Bächlein schmal,
aber es plätscherte und brauste vergnügt durch das grüne Wiesental
und sah aus wie ein aus Silberfäden gesponnenes Gürtelband. Kein
Winkelchen im Dorf ließ der junge Mann unbesehen. Er trat auch ein in die
Häuser, und freundlich hießen ihn die Bauern willkommen. Er saß
dann in den niedrigen, holzgetäfelten Stuben, freute sich über die
alten, buntbemalten Truhen, über die großen Schränke mit den dunklen
Schnitzereien und die grünen Kachelöfen in den Ecken. Er ließ sich die
Milch und das Brot schmecken, das die Bäuerinnen ihm vorsetzten, und
freute sich, wie sauber die Höfe und Ställe aussahen, und wie viele,
viele Blumen in den winzigen Gärten blühten.
Er saß dann noch lange auf der grünen Bank vor Schuster Pechdrahts
Haus unter dem dicken Pfingstrosenbusch und ließ sich allerlei von dem
Schuster erzählen. Mit lachendem Behagen sah er den Kindern zu, die auf
der Dorfstraße spielten.
Da kam ein dicker, blonder Bub heran und sagte: »Ich bin Schulzens
Jakob.«
Und ein anderer, der lang und dünn war und struppige schwarze Haare
hatte, rief: »Ich bin Anton Friedlich, und das da ist der blaue
Friede!« Er zeigte dabei auf einen Buben, der blaue Hosen, eine blaue
Jacke, blaue Strümpfe und blaue Augen hatte.
»Ich bin Heine Peterle!« rief ein anderer und spielte sehr vergnügt mit
seinen Holzpantoffeln Fangball.
Ein kleines Mädchen trippelte an des Schusters Haus vorbei. Sie hatte
braune Zöpfe und braune Schelmenaugen und flüsterte: »Ich heiße Annchen
Amsee, und dort kommt Waldbauers Mariandel!«
Hinter ihr kam ein Mädelchen, rosig wie ein Borsdorfer Apfel, mit
Haaren, die so gelb waren wie das reifende Korn. Es kamen noch mehr
Buben und Mädel, die ihren Namen nannten, es kamen blonde und braune,
kleine und große, kecke und schüchterne.
Der junge Fremde nickte allen zu und sprach mit ihnen, und sie zeigten
ihm ein großes, rotes Haus, das inmitten grünender und blühender Bäume
lag, und sagten: »Das ist die Schule!« Als der Fremde aber mehr von der
Schule wissen wollte, liefen sie fort und lachten.
Als die Sonne sank und ihr Widerschein rot glühend auf den Dächern
der Häuser lag und die Wipfel der Bäume aussahen, als wären sie in
flüssiges Gold getaucht, nahm der Fremde Abschied von Oberheudorf.
Leise rauschte der Abendwind, die Vögel tauschten zwitschernd ihre
Abendgrüße, und die Ferne versank in blauer Dämmerung. Heiter ging der
Fremde von dannen, und in sein Reisebuch schrieb er: »Oberheudorf ist
ein anmutiges, freundliches Dörfchen in schöner Lage. Es ist dort gut
sein, ich werde es bald wieder aufsuchen!«
Das tat er auch. Er reiste im Sommer hin, als das Korn reif war und
schwerbeladene Erntewagen in das Dorf einfuhren. Dann kam er im Herbst
wieder, als alle Äpfel-, Birnen- und Pflaumenbäume voll Früchte hingen
und die Kinder von früh bis abend Obst aßen; ja manche nahmen sich
Pflaumen oder Äpfel mit ins Bett. Der Fremde kam auch im Winter wieder,
aber da wäre er beinahe an Oberheudorf vorbeigelaufen. Das lag so in
Schnee gebettet, daß gerade noch die roten Ziegeldächer herausguckten.
Das ganze Tal glich einem riesigen Backtrog voll Mehl, und die Häuser
lagen darin wie Rosinen im Teig; alles hatte weiße Mützen auf, der
Kirchturm, die Dächer, selbst die Fahnenstange vor dem Schulhaus. Und
überall standen Schneemänner. Jeder Bube, ja selbst jedes Mädel hatte
seinen Schneemann, einer war immer schöner als der andere.
So sah der Fremde Oberheudorf zu jeder Jahreszeit, und immer gefiel es
ihm, und jedesmal dachte er: »Wirklich, hier ist es doch gut sein!«
Vielleicht gefällt den Kindern, die dieses Buch lesen, Oberheudorf
auch so gut, und wenn sie einmal nicht hinreisen können, so denken
sie vielleicht manchmal an das freundliche Dörfchen, das irgendwo
im deutschen Vaterland liegt, und in dem sich Buben und Mädel so
herzensfroh ihres Lebens freuen.
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Dekoration]
Wie es Heine Peterle in der Stadt erging.
In Oberheudorf kennt wohl jeder den Heine Peterle, selbst die Pferde,
Kühe, Schafe und Hunde kennen ihn, auch die Gänse, Hühner und Enten auf
der Dorfstraße, sogar Leinwebers lahme Ziege. Kommt der Bube pfeifend
die Straße entlang, die Hände in den Hosentaschen, die kleine, dicke
Stupsnase keck in die Luft gereckt, mit seinen Holzpantoffeln klappernd
wie die Wassermühle im Tal, dann sagt gewiß der oder jener: »Aha, da
kommt Heine Peterle, der Städter!« Und Schuster Pechdraht, der ein
Spaßmacher ist, der zwinkert mit den Augen und ruft: »Heine Peterle,
du, morgen fahre ich zur Stadt, magst mit?«
Hei, da wird Heine Peterle rot wie die Glaskirschen im Pfarrgarten, und
patzig begehrt er auf: »Mag net!« und dann läuft er davon, so schnell
er nur kann, und seine Holzpantoffel klappern, daß man es im letzten
Haus des Dorfes noch hört.
Mit Heine Peterle und der Stadt ist das nämlich eine eigene Sache,
und fuchsteufelswild kann der Bube werden, wenn seine Kameraden ihn
spottend den »Städter« nennen.
Lange ist es noch nicht her, da gefiel es auf einmal dem Heine Peterle
nicht mehr zu Hause. Im Frühjahr war ein Vetter der Mutter aus der
Stadt zu Besuch dagewesen. Der hatte viel erzählt, wie schön es in der
Stadt sei, und beim Abschied hatte er Heine Peterle eingeladen, ihn
einmal zu besuchen. Seitdem dachte der Bube viel an die Stadt, manchmal
sogar in der Schule, und gerade mußte ihn dann der Lehrer nach etwas
fragen, was Heine Peterle natürlich nicht wußte, und dann tanzte der
Stock des Herrn Lehrers mitunter recht unsanft auf seinem Rücken herum.
Einmal war es ihm nun in der Schule wieder recht schlecht gegangen.
Darum sagte er beim Mittagessen, als ihm die Mutter gerade den fünften
Speckkloß auf den Teller legte: »Ich möcht' zur Stadt!«
»Heine Peterle!« schrie die Mutter und ließ vor Schreck den Kloß fallen.
»Heine Peterle!« jammerte die alte Muhme Rese, und ein großer Bissen
blieb ihr im Halse stecken, und Martin, der Knecht, mußte ihr erst
tüchtig auf den Rücken klopfen, ehe sie wieder sprechen konnte.
»Zur Stadt?« fragte der Vater und ließ die Gabel sinken.
»Ja,« rief Heine Peterle keck, »ich mein', mir gefällt's dort besser
als hier!«
»Heine Peterle!« schrien nun auch Knecht und Magd.
»Halt den Mund, dummer Bub!« sagte der Vater, da waren alle still.
Weil es aber dem Heine Peterle am andern Tage in der Schule wieder
schlecht ging, begann er bei Tisch von neuem: »Ich möcht' zur Stadt zum
Herrn Vetter!«
Diesmal sagte niemand etwas, nur der Vater brummte: »Meinetwegen geh in
die Stadt!«
Und nach drei Tagen durfte Heine Peterle wirklich in die Stadt fahren.
Friede Hopserling, der Müllerknecht, der Mehl zur Stadt bringen mußte,
meinte, er wolle den Buben gern mitnehmen, früh um drei Uhr solle die
Fahrt beginnen.
Und Heine Peterle stand zur rechten Zeit in seinem Sonntagsanzug vor
der Haustür. Es war zwar ein recht warmer Sommermorgen, aber er hatte
doch seine runde Pelzkappe aufgesetzt, die er besonders schön fand.
Seine Mutter hatte ihm noch einen dicken, hellgrünen Schal um den
Hals gebunden. Weil seine Stiefel gerade zerrissen waren, mußte er
in Holzpantoffeln gehen, aber Muhme Rese hatte gemeint, das schade
nichts, weil er so wunderschöne, hellrote Strümpfe trage. Die Mutter
brachte einen großen Sack Kartoffeln und ein Körbchen voll Eier für
den Herrn Vetter, ihrem Buben aber gab sie noch ein tüchtiges Stück
Kirschkuchen mit auf den Weg. Schuster Pechdraht kam aus seinem Hause,
und als er Heine Peterle so ausgerüstet stehen sah, fragte er: »Kannst
du auch einen Diener machen? Das ist in der Stadt die Hauptsache!«
»Freilich kann ich das,« rief Heine Peterle geringschätzig und
verneigte sich so schnell und so tief, daß er dabei Muhme Rese
den Kaffeetopf aus der Hand stieß und seine Pelzmütze bis auf die
Dorfstraße kugelte.
»Bewahre, was ist das für ein Junge!« schrie die Muhme, ihren zerbrochenen
Topf betrachtend, und Schuster Pechdraht sagte lachend: »Na, dir wird es
schon gut gehen in der Stadt! Auf Wiedersehen -- heute abend!«
Da wurde Heine Peterle krebsrot vor Zorn über diesen Spott, und
hochfahrend erwiderte er: »Gar nicht komme ich wieder! Ein Herr werde
ich in der Stadt!« Darauf nahm er Abschied von Vater, Mutter, Muhme,
Knecht und Magd, kletterte zu Friede Hopserling auf den Wagen, und
fort ging die Reise. Unterwegs erzählte er viel, was er alles in der
Stadt werden wolle, Prinz wenn möglich oder mindestens General. Die
Fahrt dauerte ziemlich lange. Heine Peterle wurde stiller und stiller,
zuletzt schlief er ein und schlief, bis Friede Hopserling ihm einen
derben Rippenstoß gab und rief: »Wir sind da!«
Weit riß der Bube seine Augen auf. Da war er ja wirklich in der Stadt!
Rechts und links schaute er sich um, da waren Häuser, lauter Häuser,
nichts wie Häuser. »Du, Friede Hopserling,« fragte er, »warum sind denn
hier so arg viel Häuser?«
»Na,« gab der zur Antwort, »eben weil's eine Stadt ist. In welcher
Straße wohnt denn der Herr Vetter?«
»In der -- in der -- der -- in, halt ein Mannsname ist's,« stotterte
Heine Peterle verlegen, »und eine 5 hat's Haus, soviel Finger ich
hab',« und dabei hielt er eine seiner kleinen, braunen Hände dem Friede
vor die Nase.
Der sann ein Weilchen nach, dann sagte er: »Hier ganz nahe gibt's eine
Albertstraße, könnt's die wohl sein?«
»Freilich, freilich,« rief Heine Peterle, »das ist ja ein Mannsname,
der Schmied heißt ja so!«
Bald hielt der Wagen vor einem großen, weißen Hause mit einem sehr
zierlichen Vorgarten, den ein reich verziertes eisernes Gitter von der
Straße trennte. »Fein wohnt der Herr Vetter, das muß man sagen,« meinte
Friede Hopserling bewundernd und warf den Kartoffelsack vom Wagen.
Heine Peterle nickte stolz, nahm seinen Eierkorb und sah sich nach dem
Kirschkuchen um.
»Halt, hinten auf den Hosen klebt dir ja der Kuchen,« rief Friede
lachend. »Du Dösbartel, hast dich im Schlaf auf deinen Kuchen gesetzt!«
Beschämt legte Heine Peterle den zerquetschten Kuchen in eine Wagenecke
und kletterte dann herab. »Laß dir's gut gehen, und wenn ich einmal
wiederkomme, besuche ich dich. Adjüs, hüh hott!« sagte Friede Hopserling
und fuhr die Straße hinab.
Da stand nun Heine Peterle vor dem hohen Gitter und versuchte mit bange
klopfendem Herzen die Türe zu öffnen, aber soviel er auch rüttelte,
schüttelte und klopfte, die Tür ging nicht auf. Ein Herr, der gerade
vorbeikam, lachte und rief: »Klingle doch, Junge!«
»Hm,« sagte Heine Peterle, »'s ist ja keine Schelle da!«
»Drück nur auf den weißen Knopf dort,« riet der Herr und ging weiter.
Und Heine Peterle folgte dem Rat und drückte auf den weißen Knopf,
drückte und drückte, aber es wollte nicht klingeln, er drückte fester,
aber er hörte nichts. Auf einmal aber kam ein Mann aus dem Hause
gelaufen, der einen feinen, mit goldenen Tressen besetzten Rock trug.
Als er Heine Peterle sah, schrie er zornig: »Infamer Bengel, warum
klingelst du denn so stark?«
»Ich hör's doch nicht,« sagte Heine Peterle und drückte ruhig weiter
auf den Knopf. Aus dem Hause kam ein zweiter Mann gelaufen. »Aufhören,
aufhören!« schrie er und fuchtelte wild mit einem Stock in der Luft
herum.
Verdutzt sah Heine Peterle ihn an. Er konnte nicht begreifen, daß er es
nicht klingeln hörte. »Was willst du denn hier?« herrschte der Mann mit
dem Tressenrock ihn an.
»Ich bin Heine Peterle aus Oberheudorf und möchte den Herrn Vetter
besuchen,« stammelte der Bube.
»Dummer Bengel, hier wohnt der Herr Graf von Dippelskirchen und nicht
dein Vetter. Mach, daß du weiter kommst!«
Die beiden Männer entfernten sich, und Heine Peterle stand ganz
verdattert da. Auf einmal aber besann er sich und rief: »Herr Graf,
Herr Graf, wo wohnt denn der Herr Vetter?«
Der eine der Männer kam einige Schritte zurück, sah den Buben an und
lachte ein wenig. »Ja, weißt du denn die Straße nicht?«
»Halt ein Mannsname ist's,« meinte Heine Peterle kleinlaut.
»Ein Mannsname? Nein, so ein dummer Junge! Was denn für ein Mannsname?
Kann's vielleicht Karlstraße sein?«
»Freilich, freilich, so heißt ja Schnipfelbauers Knecht!« rief Heine
Peterle.
»Na, dann geh mal rechts um die Ecke herum, dann links, dann die Straße
hinunter, dann wieder rechts, dann bist du da. Verstanden?«
»Freilich,« sagte Heine Peterle, nahm seufzend seinen Sack auf den
Rücken, den Eierkorb in die Hand und trollte davon. Erst ging er links
statt rechts, weil er ein Linkshänder war, dann ging er rechts, dann
wieder links. Klipp, klapp, klipp, klapp! trappten seine Holzpantoffel
auf dem Steinpflaster. Die Leute, die auf der Straße gingen, blieben
stehen und schauten lächelnd dem Buben nach, dem die hellen Schweißtropfen
über das runde, rote Gesicht liefen. Endlich meinte dieser, er sei nun
oft genug links und rechts gegangen, und als er ein Haus mit einer Fünf
fand, trat er ein. Im Hausflur kam ihm eine Frau entgegen, die fragte er:
»Wohnt hier der Herr Vetter? Ich bin Heine Peterle aus Oberheudorf.«
»Ich kenne deinen Vetter nicht,« entgegnete die Frau. »Geh mal eine
Treppe hinauf, dort wohnt der Wirt.«
»Ei,« dachte Heine Peterle, »ich wußte doch gar nicht, daß der Herr
Vetter ein Wirtshaus hat. Aber ein feines Wirtshaus ist das!« Keuchend
kletterte er die Treppe hinauf. Oben war wieder so ein weißer Knopf,
den der Bube mißtrauisch betrachtete; mit dem Ding ließ er sich nicht
mehr ein, und kräftig schlug er mit der Faust an die Türe.
Scheltend öffnete eine Magd. »Warum machst du denn solchen Lärm und
klingelst nicht?«
Heine Peterle wurde verlegen und stotterte sein Sprüchlein hervor.
Die Magd sah ihn etwas verwundert an; weil sie aber noch nicht lange
im Hause war, dachte sie, die Sache könnte wohl richtig sein, und
führte den Buben in ein großes, helles Zimmer und hieß ihn warten.
Der sah sich mit erstaunten Augen um. Hui, war es hier aber fein! So
etwas Schönes hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Bilder
hingen an den Wänden, und die Stühle waren mit heller Seide bezogen
und -- beinahe wäre Heine Peterle hingefallen vor Schreck, da stand ja
ein Bube, der gerade so aussah wie er selbst. Heine Peterle grinste
verlegen und kratzte sich hinter den Ohren. Der Bube tat dies auch. Da
merkte Heine Peterle erst, daß er in einen Spiegel sah. Es dauerte und
dauerte, der Herr Vetter kam nicht. Heine Peterle war müde. Verlockend
winkten die hellen Seidenstühle, und so leise er konnte mit seinen
Holzpantoffeln, schlich er näher und setzte sich. Potztausend, saß
sich das gut auf dem Polster! Gerade hatte er sich so recht bequem
hingesetzt, da öffnete sich die Türe, und eine Dame trat ein und
betrachtete Heine Peterle erstaunt von oben bis unten.
Der starrte die Dame, die ein langes, hellrotes Kleid trug, mit offenem
Munde an. Ja, war das vielleicht gar eine Prinzessin? So fein sah sie
aus.
»Was willst du denn von mir, mein Kind?« fragte diese freundlich.
Heine Peterle stand auf, hielt seinen Eierkorb mit beiden Händen an
seinen Leib gepreßt und stotterte: »Ich bin Heine Peterle aus« -- Da
fiel ihm mitten in seiner Rede Schuster Pechdrahts Ermahnung ein, in
der Stadt den Diener nicht zu vergessen, und flugs verneigte er sich,
verneigte sich so tief, daß er ausrutschte. Platsch lag er, so kurz er
war, auf dem Boden, der Eierkorb kam gerade unter sein Bäuchlein zu
liegen, und eine gelbe Tunke rann über den hellen Teppich. »Himmel,
was soll das?« schrie die Dame händeringend, und auf ihr Geschrei
eilten der Hausherr, die Tochter und die Magd herbei und schrien weh
und ach, als sie den Heine Peterle in seiner Eiertunke auf dem Boden
liegen sahen.
»Was ist denn das für ein Bengel?« rief der Hausherr.
»Der schöne Teppich!« klagten Frau und Magd, und das Töchterlein quiekte:
»Mama, Papa, seht doch her, er hat auf den Sessel einen großen Fleck
gemacht,« und zeigte auf das helle Seidenpolster, das Spuren von Heine
Peterles Kirschkuchen trug, auf dem er während der Fahrt gesessen hatte.
Dem Buben war es himmelangst. »Könnt' ich nur raus!« dachte er. »Das
ist ja gar nicht der Herr Vetter! Oh je, oh je, wie wird mir's gehen!«
Na, es ging noch glimpflich ab. Ein paar Maulschellen gab's, ein paar
Ermahnungen, sich nie wieder blicken zu lassen, und dann saß Heine
Peterle auf einmal draußen auf der Treppe neben seinem Kartoffelsack
und heulte vor Hunger, vor Schmerz und Müdigkeit.
[Illustration: Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten. Seite 16]
Einige Leute kamen herbei und fragten teilnahmsvoll nach seinem Kummer,
und Heine Peterle erzählte, und als er sagte, einen »Mannsnamen« sollte
die Straße haben, da lachten sie alle, und eine Dame meinte freundlich:
»Aber mein Kind, die Straße hier heißt Rosengartenstraße. Das ist doch
kein Männername. Kann es vielleicht Friedrichstraße sein? Die ist hier
in der Nähe.«
»Freilich, freilich,« schluchzte Heine Peterle, »so heißt ja der Schneider
bei uns.«
Freundlich zeigte ihm die Dame den Weg, und müde und hungrig schleppte
Heine Peterle seinen Sack weiter und war froh, als er endlich vor
dem Haus mit der Nummer 5 anlangte. War das Haus einmal groß! Schier
unheimlich erschien es dem Buben, und zaghaft trat er ein. Innen war
alles feierlich still. Heine Peterle kletterte eine Treppe empor und
betrat einen langen Gang, auf den viele Türen mündeten. »Arg viele
Stuben scheint der Herr Vetter zu haben,« dachte Heine Peterle und
klopfte kräftig an die erste Türe. »Herein!« klang es von drinnen, und
Heine Peterle trat ein. Ja, aber was war denn das?
»Uf!« schrie Heine Peterle vor Schreck. Das war ja eine Schule! Hilf
Himmel, er war in eine Schule geraten! Lauter kleine Mädchen saßen da
und starrten ihn an, und am Pult stand der Herr Lehrer und -- hielt
einen großen Stock in der Hand. »Nur raus, nur fort!« dachte Heine
Peterle, und wutsch war er draußen. Aber da, potz Apfelkern und
Pflaumenmus! ihm gegenüber öffnete sich auch eine Tür, und heraus kamen
viele, viele kleine Mädchen, rechts und links; hinter ihm, überall
taten sich Türen auf. Er sah viele Lehrer kommen und eine Unzahl
kleine und größere Mädchen, und eine namenlose Angst ergriff ihn.
Keuchend, den Kartoffelsack nach sich ziehend, wollte er die Treppe
hinunterlaufen, aber der schwere Sack kam ihm zwischen die Füße, und
holter die polter purzelten und kollerten Holzpantoffel, Pelzmütze,
Heine Peterle und die Kartoffeln die Treppe hinunter. Das rumpelte und
pumpelte nur so, und oben schrien, quietschten, lachten und kicherten
all die großen und kleinen Mädchen, wie junge Böcklein sprangen einige
von ihnen die Treppe herab dem Buben nach. Es war ein Höllenlärm, und
als Heine Peterle verwirrt aufsah, da sah er mehrere Lehrer neben sich
stehen, der mit dem Stock war auch dabei.
Heine Peterle besann sich nicht lange. Er ließ Holzpantoffel und
Kartoffeln im Stich, nahm nur seine Mütze und raste in wilder Hast
aus dem Hause hinaus, die Straße entlang. Hinter sich hörte er rufen,
aber er sah nicht rechts, nicht links, er lief und lief immer weiter
und weiter, stieß alle Menschen an, denen er begegnete, und es regnete
Verwünschungen auf ihn herab. Man suchte ihn zu fangen. Bald lief eine
Anzahl Menschen hinter ihm her, und einige Buben schrien: »Es brennt,
es brennt!« Aber je mehr sie schrien, desto mehr rannte Heine Peterle,
und zuletzt lief er einem Schutzmann in die Arme. Der hielt ihn fest,
und nun sollte Heine Peterle Rede und Antwort stehen.
»Was hat er getan?« »Was hat er getan?« »Warum rennt er so?« »Warum hat
er keine Schuhe an?« so riefen und fragten die Menschen um ihn herum,
aber Heine Peterle sagte immer nur: »Heim! Heim!« weiter nichts.
»Heine Peterle, was machst du denn da?« rief in dieser Not plötzlich
eine Stimme, und Friede Hopserling hielt mit seinem Wagen an, er hatte
von seinem erhöhten Sitz aus den Buben an seiner Pelzmütze erkannt.
»Ich will heim,« schrie Heine Peterle, »heim!« aber der Schutzmann
ließ ihn nicht so schnell los, erst sollte er sagen, was er getan, und
schluchzend erzählte er seine Erlebnisse. Da fingen alle an zu lachen,
Friede Hopserling schüttelte sich ordentlich vor Lachen, selbst der
Schutzmann lachte mit und hob den Buben selbst auf den Wagen.
Muckstill saß Heine Peterle, solange der Wagen noch durch die Stadt
fuhr. Erst als das freie Feld kam, wagte er sich umzusehen, und da
erblickte er in der Wagenecke auch seinen zerdrückten Kirschkuchen.
Heisa, der schmeckte ihm wie noch nie! Daß er breitgesessen war,
schadete gar nichts.
Der Wagen rollte auf der Landstraße dahin, Friede Hopserling war schweigsam
wie immer, und wieder schlief Heine Peterle ein, und wieder weckte ihn sein
Reisegefährte mit einem Rippenstoß: »Wir sind da!« und Heine Peterle riß
die Augen auf. Der Wagen fuhr die Dorfstraße entlang, da schrien einige
Buben: »Da kommt Heine Peterle, Heine Peterle ist wieder da!« Der Ruf
pflanzte sich fort, die Mutter und Muhme Rese kamen aus dem Hause gelaufen,
die Nachbarn kamen herbei, alle wollten sie wissen, warum Heine Peterle
schon zurück sei.
Der Vater stand in der Haustür und lachte, und Friede Hopserling erzählte
alles. »Dösbartel,« rief der Vater, »Christianstraße heißt's, wie der
Schäfer, und Nummer 10 ist es, dummer Junge, du hast doch zwei Hände!«
Da lachten ihn alle aus, aber Heine Peterle machte sich nichts daraus,
er war nur froh, daß er wieder daheim war. An diesem Abend aß er sieben
Brotschnitten, eine halbe Schlackwurst und einen Handkäse, und sicher
hätte er noch mehr gegessen, wenn er nicht beim siebenten Butterbrot
eingeschlafen wäre, so fest, daß er gar nicht merkte, wie ihn die Mutter
ins Bett trug.
[Illustration: Straßenszene]
[Illustration: Dekoration]
Der Schulrat in Oberheudorf.
Wie Buben und Mädel wohl manchmal denken, so dachten auch die Oberheudorfer
Kinder mitunter: »Wenn heute doch keine Schule wäre!« -- Sie dachten das
bei den verschiedensten Gelegenheiten, zum Beispiel wenn im Winter schöne
Eisbahn war oder im Frühling die ersten Veilchen blühten, wenn im Sommer
die Kirschen reiften oder in Niederheudorf Vogelschießen war. Hundert
Gründe gab es für den Wunsch, und die faulsten Buben und Mädel fanden wohl
noch den hundertundeinsten Grund.
Einige ganz besondere Faulpelze, wie Bäckermeisters Mariele, Anton
Friedlich und Schulzens Jakob, die wünschten sogar, es möchte gar keine
Schule geben. »Wenn doch der Kaiser mal die Schule verbieten möchte!«
seufzte Anton, wenn er seine Rechenaufgabe nicht gemacht hatte.
»Oder der Sturm das Dach abdeckte!« rief Mariele.
Letzthin hatte nämlich der Wind drei Ziegel vom Backofendach
heruntergeworfen, seitdem ärgerte sich die Kleine, daß bei der
Gelegenheit nicht das Schuldach ein bißchen kaput gegangen war.
Aber nichts dergleichen geschah. Breit und stattlich stand das Schulhaus
da, von roten Ziegeln erbaut und von einem hübschen Garten umgeben.
Schien die Sonne darauf, dann sah das Schulhaus so lustig aus, als
lachte es alle faulen Buben und Mädel aus. Der Herr Lehrer war auch
immer freudig bei seiner Arbeit, die nicht gerade leicht war, und für
schulfreie Tage außerhalb der Ferien war er nicht sehr eingenommen.
Im Juni war es. Die Sonne brannte so heiß, daß es einem schon leicht
zu warm werden konnte, und die Oberheudorfer Kinder meinten, es könnte
schon gut mal hitzefrei sein, -- zumal im Walde die Erdbeeren reif
waren. Aber an so etwas dachte der Herr Lehrer jetzt weniger als je,
denn in diesen Junitagen wurde der neue Herr Schulrat zur Inspektion
erwartet. Da gab es dreimal so viel Hausarbeit als sonst, und wehe dem,
der schlecht gelernt hatte. In dieser Zeit verstand der Herr Lehrer
keinen Spaß, denn er wollte Ehre einlegen mit seiner Klasse. Und doch
guckte die Sonne so vergnügt in die Schulstube hinein, und der Gedanke
an die Erdbeeren im Kuhberger Walde saß wie ein kleiner Kobold in den
Kinderköpfen.
»Ach, der Herr Schulrat!« seufzte Heine Peterle, als er eines Morgens
seinen Ranzen nahm, um in die Schule zu gehen.
»Wie heißt er denn?« fragte Muhme Rese.
»Müller,« brummte Heine Peterle und stapfte davon; er konnte es nämlich
nach seinen Erlebnissen in der Stadt nicht leiden, wenn man ihn nach
einem Namen fragte.
»Ach, der Herr Schulrat!« seufzte Anton Friedlich, und Bäckermeisters
Mariele heulte ein wenig, weil ihr alles mögliche tausendmal mehr
Freude machte als der Schulrat.
»Bim bam, bim bam,« dröhnte die Schulglocke, und flink liefen alle
Faulpelze in das rote Schulhaus, es half ja doch nichts.
In der gleichen Stunde betrat ein hübscher, junger Mann das Dorfwirtshaus
und verlangte ein Glas Milch und eine Schnitte Brot. Der Wirt brachte ihm
selbst das Verlangte, und der Fremde, der vor dem Hause Platz genommen
hatte, begann ein Gespräch. Ob das die Schule wäre, fragte er und deutete
auf das Schulgebäude, das rot und lustig hinter grünen Bäumen hervorsah.
Der Wirt, genannt Kaspar auf dem Berg, weil sein Gasthaus einen halben
Meter höher als das Nachbarhaus lag, war ein schlauer Mann, und darum kam
ihm bei dieser Frage gleich der Gedanke, der Fremde könnte vielleicht der
erwartete Schulrat sein.
Schmunzelnd fragte er daher nach dem Namen seines Gastes. »Müller,«
sagte der junge Herr freundlich.
»Ei, das dachte ich mir doch gleich,« rief der Wirt und machte eine
ungeheuer tiefe Verbeugung. »Willkommen, hochgeehrter Herr Schulrat!«
»Was?« fragte der Fremde verdutzt, »wer bin ich?«
»Der Herr Schulrat Müller, zu dienen,« sagte der Wirt und verbeugte
sich zum zweiten Male.
»Na nu?« rief der junge Mann erstaunt.
»Zu dienen, Herr Schulrat,« sagte der Wirt, sich zum dritten Male
verbeugend, und dann lief er flugs ins Haus. »Mine, Mine,« schrie er
seiner Magd zu, »flink, lauf in die Schule und sage dem Herrn Lehrer,
der Schulrat wäre da; spute dich, Mädel!«
Hui, wie lief da die Mine! Sie war erst seit drei Jahren aus der Schule
heraus und wußte noch ganz genau, was das heißt, wenn ein Schulrat
kommt. Die jüngeren Kinder schrieben gerade: »Der Hase läuft in das
Feld«, und die älteren rechneten, als Mine mit dem Rufe: »Der Herr
Schulrat ist da!« in das Klassenzimmer stürmte.
Potzhundert, gab das eine Aufregung!
Dem Herrn Lehrer fiel vor Schreck der Rohrstock aus der Hand, und drei
Mädel fingen an zu heulen, während dem dicken Friede, dem ewig Hungrigen,
das Frühstücksbrot, das er just in aller Heimlichkeit verzehren wollte,
in die unrechte Kehle kam. Er wurde krebsrot, hustete und würgte, einige
Kinder kicherten, die andern stöhnten, und der Herr Lehrer lief, gefolgt
von Mine, nach dem Wirtshaus, um dort den Schulrat zu begrüßen.
Der Fremde saß und trank behaglich seine Milch, als der Lehrer und
der Schulze, den der Wirt selbst geholt hatte, kamen und ihn mit so
schwungvollen Worten begrüßten, daß er zuerst ganz erstaunt dreinsah.
Aber plötzlich fing er an zu lachen, er lachte so laut und lustig,
daß der Wirt den Lehrer und der Lehrer den Schulzen ansah; so einen
lustigen Schulrat hatten sie noch nie gesehen, -- freilich auch noch
keinen so jungen. Dem Herrn Lehrer kam die Sache etwas sonderbar vor,
aber der Wirt hatte ja gesagt, der fremde Herr wäre der Schulrat, also
mußte es wohl richtig sein.
»Also, mein lieber Herr Lehrer, da wollen wir einmal in die Schule
gehen,« rief der lachende Schulrat und stand auf und ging mit dem
Lehrer und dem Schulzen auf das rote Schulhaus zu.
Das muß man sagen, mucksmäuschenstill saßen die Kinder, als der Schulrat
eintrat. Der ging auf das Katheder, sah die Buben und Mädel eine Weile
vergnügt an und sagte dann: »Liebe Kinder, ich bin überzeugt, daß ihr
fleißig seid und eure Pflicht tut!« Hier wurden einige sehr rot und
verlegen, aber der Herr Schulrat schien das gar nicht zu bemerken,
sondern fuhr fort: »Ich will euch darum nicht mit einer Prüfung quälen,
nein, ihr sollt heute einmal frei haben, weil gar so schönes Wetter ist.
Gefällt euch das?«
»Ja!« brüllten da alle und lachten, daß sich bei manchen der Mund von
einem Ohr bis zum andern zog. »Na, dann nehmt eure Bücher und lauft!
Ich habe im Walde gesehen, daß die Erdbeeren reif sind, also geht in
die Erdbeeren!«
Das ließen sich die Kinder nicht noch einmal sagen, holter, polter wurden
die Bücher gepackt, und dann rannten die Kinder alle hinaus wie Hasen,
wenn sie den Jäger erblicken.
»Leben Sie recht wohl, Herr Lehrer,« sagte der Schulrat, »ich komme bald
wieder. Ich denke, Ihnen wird ein ruhiger Tag auch mal gut sein,« und
wutsch war der Herr Schulrat draußen.
»Na,« meinte der Lehrer, »so ein Schulrat ist mir in meinem Leben noch
nicht vorgekommen!«
»Mir auch nicht,« sagte der Schulze.
»Mir auch nicht,« sagte einige Minuten später der Wirt, als der Schulrat
lachend von ihm Abschied nahm und fröhlich singend das Dorf verließ.
Die Buben und Mädel aber sagten gar nichts. Die rannten nur, was sie
konnten, um ihre Schulmappen nach Hause zu bringen und sich ein Körbchen
oder ein Töpfchen zu holen, und fünf Minuten später zogen die Oberheudorfer
Kinder in den Kuhberger Wald in die Erdbeeren. Kein Schulkind blieb daheim.
»Der Herr Schulrat hat's befohlen,« sagten sie, wenn Vater oder Mutter
meinten, sie sollten doch lieber bei der Heuernte helfen.
War das ein vergnügter Tag!
Als wären sämtliche Erdbeeren noch in aller Geschwindigkeit gereift, so
viele gab es. Es sah an manchen Stellen aus, als hätte Schnipfelbauers
Kathrine ihren feuerroten Sonntagsrock auf den Waldboden gelegt, so dicht
standen die Beeren beisammen. Aber freilich, es hätte doch noch zehnmal
mehr Erdbeeren geben können, die Oberheudorfer Kinder hätten sie doch
gepflückt und gegessen. In einen richtigen Oberheudorfer Kindermagen geht
nämlich unglaublich viel hinein, gar nicht zu sagen wie viel.
Wie alle schönen Tage, so ging auch dieser schulfreie Tag zu Ende.
Aber er endigte nicht, wie das manchmal vorkommt, mit Zank und Tränen,
Verdruß, Leibschmerzen und zerrissenen Kleidern, sondern er blieb schön,
bis die Kinder in ihre Federbetten krochen. Anton Friedlich träumte in
dieser Nacht, der Schulrat säße an seinem Bette und sagte, er, Anton,
brauche von jetzt ab nur in die Schule zu gehen, wenn er Lust dazu hätte.
Und Heine Peterle sagte, als er am andern Morgen die Augen aufschlug:
»Wenn doch heute wieder der Schulrat käme!«
Aber er kam nicht, und es war Schule wie alle Tage.
Und drei Tage später hatten die Kinder wieder einen sehr wichtigen
Grund, um sich »schulfrei« zu wünschen.
Es war ein ereignisvoller Tag für Oberheudorf. Eine neue Feuerspritze
wurde erwartet und sollte gleich probiert werden. Bisher hatten die
Oberheudorfer eine Spritze besessen, die allemal erst spritzte, wenn
das Feuer bereits vorbei war, und das war manchmal recht unangenehm.
Einmal hatte da zum Beispiel das Dach vom Schulzenhaus gebrannt; die
Spritze wurde angefahren, ehe sie aber in Ordnung war, hatte der Schulze
eigenhändig drei Eimer Wasser auf das Dach gegossen, und aus war das
Feuer. Und als dann alle so recht beim Begucken und Bereden waren, ging
auf einmal die Spritze los, und quatsch! war die ganze Schulzenfamilie
und einige Nachbarn dazu von unten bis oben naß. Man hatte darum in der
Stadt eine neue Spritze bestellt, und der Schulze hatte angeordnet,
daß die Spritze gerade kommen sollte, wenn Schule war. »Das neugierige
Kindervolk ist nur im Wege,« hatte er gemeint. Man muß sagen, nett war
das nicht vom Schulzen, und die Kinder jammerten auch gehörig über diese
Härte. Die Schule hatte noch nicht lange angefangen, als das Rollen eines
Wagens erklang. »Ob das die Spritze ist?« flüsterte der blaue Friede
seinem Nachbarn zu, und Annchen Amsee puffte Mariele: »Du, die Spritze!«
Aber es war nicht die Spritze, sondern ein Wägelchen, in dem ein älterer
Herr mit einer goldenen Brille auf der Nase saß. Das Wägelchen hielt vor
dem Schulhause, und Heine Peterle schrie: »Herr Lehrer, 's kommt wer!«
»Dummer Junge, wer denn?« rief der Lehrer ärgerlich.
»Ein dicker Herr, da ist er schon!« rief Heine Peterle und zeigte mit
einem rabenschwarzen Tintenfinger auf die Tür, die der Fremde gerade
öffnete.
Weil just der Herr Lehrer die Türe und nicht sie ansah, wollte Krämers
Trude, die so flink und keck wie ein Eichkätzchen war, den günstigen
Augenblick benutzen und dem dicken Friede einen Papierball an den Kopf
werfen, weil ihr der auf dem Schulwege die Schürze abgebunden hatte.
Doch der Ball verfehlte sein Ziel und flog dem fremden Herrn an die
Nase. »Oha,« sagte der verblüfft, »das ist ja ein netter Empfang!«
»Pschrr,« platzte Annchen Amsee heraus und »hahaha, hihihi, pschrr,«
kicherte und prustete das auf einmal an allen Ecken und Enden.
»Still!« rief der Lehrer ärgerlich; aber wenn die Oberheudorfer Buben
und Mädel einmal ins Lachen kamen, hörten sie so bald nicht wieder auf.
Sicher, sie hatten den besten Willen, still zu sein, aber sie konnten
es einfach nicht.
Der fremde Herr schüttelte erstaunt den Kopf, und der Lehrer nahm
seinen Rohrstock, schlug auf das Pult und sagte streng: »Gleich seid
ihr still!«
Da trat wirklich etwas Ruhe ein, und der Lehrer verneigte sich nun
höflich vor dem Fremden und fragte: »Was wünschen Sie, mein Herr?«
»Ich bin der Schulrat Müller,« gab der freundlich zur Antwort.
»Pschrrhu, hahaha, hihihi!« ging das Gelächter wieder los, und
Schnipfelbauers Fritz, der naseweiseste Bube im Dorf, rief: »Der war
doch erst da!« Dem Lehrer trat der Schweiß auf die Stirn, ihm erschien
der heutige Schulrat viel glaubwürdiger als der andere, und er sagte
ruhig und bestimmt: »Wer jetzt noch ein Wort spricht, der muß eine
Woche lang jeden Tag eine Stunde dableiben!«
Da wurden die Kinder alle still, denn sie wußten, wenn der Herr Lehrer
den Ton anschlug, hatte der Spaß ein Ende. Aber ein Spaß war es auch
nicht, daß der fremde Herr wirklich der Schulrat war; der lustige junge
Mann vor drei Tagen hatte des Wirtes Irrtum benutzt und aus Übermut die
Rolle des Schulrates gespielt.
Ein klein wenig lachte der echte Schulrat, als er die Geschichte erfuhr,
ans Freigeben aber dachte er nicht, sondern er schickte sich an, eine
strenge Prüfung abzuhalten. Mit ernster Miene, die Hände auf den Rücken
gelegt, spazierte er vor dem Katheder auf und ab und musterte scharf
die Buben und Mädel. Denen wurde angst und bange bei diesen forschenden
Blicken, das Lachen verging ihnen ganz und gar, und sie bekamen rote
Köpfe vor Verlegenheit.
»Sage mir mal,« fing der Herr Schulrat an und sah auf Schulzens Jakob,
»wer war Karl der Große?«
Nun kannte Jakob jedes Pferd, jede Kuh und jedes Schaf im Dorfe, aber
von den deutschen Kaisern hatte er keine Ahnung. Er sperrte denn auch
seinen Mund auf, daß man ganz gut ein Dreierbrot hätte hineinstecken
können; das war das Zeichen, daß Schulzens Jakob nachdachte. Auf einmal
aber verklärte sich sein Gesicht, und mit strahlenden Augen rief er:
»Windmüllers Ältester ist das!«
»Wer?« fragte der Herr Schulrat verdutzt, der natürlich nicht wissen
konnte, daß Windmüllers Ältester seiner ungewöhnlichen Länge wegen
»der große Karl« genannt wurde. Ärgerlich runzelte er daher die Stirn
und rief: »Höre mal, mein Sohn, du bist« -- -- -- schiiih ging das da
plötzlich draußen, und schwapp kam ein dicker Wasserstrahl durch das
offene Fenster und überflutete den Schulrat und die Kinder. Schulzens
Jakob bekam so viel Wasser in den Mund, daß er ihn vor Schreck schloß.
»Na, was soll denn das bedeuten?« schrie der Schulrat prustend. »Das ist
doch« -- -- schiiih -- kam ein zweiter Wasserstrahl in das Schulzimmer
und traf gerade auf die Mädel, die quiekend unter die Tische krochen.
»Die neue Spritze,« riefen der Lehrer und die Kinder ahnungsvoll, »sie
probieren« -- -- schiiih kam ein dritter Strahl und überschwemmte das
Schulzimmer so gründlich, daß sich der Herr Schulrat auf das Katheder
flüchten mußte, während die Kinder auf Tische und Bänke kletterten.
Der Herr Lehrer aber rannte hinaus, und flugs folgten ihm einige Buben.
Draußen auf dem freien Platz vor dem Schulhaus stand die neue Feuerspritze,
und mehrere Bauern arbeiteten aufgeregt an ihr herum. Aufgedreht war die
Spritze, aber zudrehen konnte sie niemand, und da sie außerdem mit einem
Rad in ein tiefes Loch geraten war, konnte sie nicht einmal zur Seite
gefahren werden. -- Schiiih, schiiih, schoß das Wasser ins Schulzimmer
hinein, und triefend, weinend und lachend, wie Fröschlein im Sumpfe
hopsend, flohen die Schulkinder.
»Jetzt hab' ich's,« rief der dicke Bäckermeister und drehte mit einem
Ruck die Spritze zu.
Und der Schulze, der vor Aufregung rot geworden war wie ein Ziegeldach,
sagte: »Ach, ach, Herr Lehrer, mir scheint, 's ist Wasser ins Schulzimmer
gekommen!«
»Na, mir scheint auch,« riefen der Schulrat und der Lehrer wie aus einem
Munde; sie trieften alle beide, als hätten sie in einer Badewanne gelegen.
»Huhuhu, ich bin naß,« heulte Mariele, und »Huhuhu, ich auch, ich auch,«
schrien einige andere Kinder.
»Geht doch nach Hause, Kinder,« rief der Herr Schulrat, »mit der Schule
ist es jetzt doch nichts!«
Das war ein Wort! Einige Kinder quiekten vor Freude, und Buben und Mädel
vergaßen auf einmal ihre nassen Kleider so vollständig, daß sie gar nicht
daran dachten, nach Hause zu gehen. Wie eine Mauer standen sie um die neue
Spritze herum, während der Schulrat und der Lehrer in das Haus gingen. Der
Schulze ärgerte sich zwar sehr über das neugierige Kindervolk, aber was
half es? Die Kinder waren da und blieben da, soviel er auch darüber
brummte.
Die Schulstube sah aus wie ein See, einzelne Hefte, die bei der hastigen
Flucht zu Boden gefallen waren, schwammen wie blaue Fische im Wasser.
Ein Glück war es, wie Anton Friedlich sagte, daß das Wasser auch in die
Nebenstube gelaufen war, es konnte auch darin am Nachmittag keine Stunde
abgehalten werden. Also hatten die Oberheudorfer Kinder wieder einen
schulfreien Tag, was sie ungemein vergnüglich fanden. Der Herr Schulrat
war liebenswürdig genug, über die Spritzengeschichte mehr zu lachen
als sich zu ärgern. Er blieb im Pfarrhause als Gast, und am nächsten
Tag hielt er die Schulprüfung ab, die ohne jeden Zwischenfall verlief.
Und um die Wahrheit zu sagen, die Kinder wußten mehr, als der Schulrat
erwartet hatte. Schulzens Jakob behauptete zwar kühnlich, es gebe sieben
Erdteile, und Bäckermeisters Mariele sagte, China sei eine Provinz von
Deutschland, auch verwechselte sie die Mark Brandenburg mit Afrika, und
Heine Peterle versicherte, 10 × 7 sei 90 und die Hälfte von 100 sei 200:
na, aber das schadete weiter nichts, -- so etwas kann schon vorkommen.
[Illustration: Schulszene]
[Illustration: Dekoration]
Zwei Feinde.
In Oberheudorf gab es drei Buben, die alle drei den Namen Friede trugen.
Sie waren ziemlich in einem Alter, und ihre Kameraden hatten ihnen, damit
sie beim Spielen nicht verwechselt wurden, Spitznamen gegeben: den einen
nannten sie den dicken Friede, den andern den blauen Friede und den
dritten Traumfriede.
Der dicke Friede trug seinen Namen eigentlich mit Unrecht, denn so dick
war er gar nicht. »Er kann's noch werden, weil er so viel ißt,« meinten
aber die Oberheudorfer Kinder, und damit hatten sie freilich recht.
Hungrig war der dicke Friede eigentlich immer, und er konnte zu jeder
Tageszeit und Nachtzeit essen. Schlug er früh seine Augen auf, so schrie
er schon: »Hab' ich mal 'nen Hunger!« und eine Viertelstunde nach dem
Mittagbrot, bei dem er so lange aß, als noch etwas in der Schüssel war,
pflegte er zu sagen: »Mir rumpelt's so im Magen, 's scheint, ich könnt'
'ne Schnitte essen!«
Es war ein Glück, daß er als eines wohlhabenden Bauern Sohn zur Welt
gekommen war. In ein Häusel, in dem Schmalhans Küchenmeister war, hätte
er schlecht gepaßt. Übrigens war der dicke Friede ein kreuzbraver Junge;
er lernte fleißig und vertrug sich mit allen seinen Kameraden, nur mit
seinem Namensvetter, dem blauen Friede, nicht.
Die Mutter vom blauen Friede hatte einmal ein graues Tuch blau färben
wollen, und da sie eine Färberstochter war, wollte sie auch das Färben
selbst besorgen. Die Botenmarie sollte ihr darum Farbe aus der Stadt
mitbringen. Die Frau schrieb also auf einen Zettel: Ein viertel Pfund
Farbe, und darunter: Zehn Pfund Zucker; sie wollte nämlich Kuchen backen.
Aber die Botenmarie verwechselte beides miteinander und brachte zehn Pfund
Farbe und ein viertel Pfund Zucker. Mit der Farbe hätte ganz Oberheudorf
blau gefärbt werden können. Die Bäuerin war auch sehr böse, aber was half
es, der Kaufmann in der Stadt nahm die Farbe nicht zurück, und seitdem
färbte Friedes Mutter alles, was ihr unter die Finger kam, schön
kornblumenblau. Der Mann, die Frau, die Kinder, ja auch die Knechte und
Mägde gingen immer in blauen Sachen. Die Farbe mußte doch verbraucht
werden! Friede wurde darum der blaue Friede genannt, und sein Vaterhaus
hieß der blaue Hof.
Der dritte Friede war ein armer Waisenjunge. Er war beim Kohlbauern,
der im ganzen Dorfe seiner Härte und seines Geizes wegen verrufen
war, in Pflege. Gut ging es ihm im Hause seines Pflegevaters wirklich
nicht; es gab viel Arbeit, Schelte und Schläge, aber wenig zu essen.
Niemand kümmerte sich sonst um den Buben, der still und verschlossen
seines Weges ging. Auch in der Schule blieb Friede immer einsam. Er
hätte wohl manchmal gern mit den andern Kindern gespielt, aber er
traute sich nicht heran, und wenn er wirklich einmal gerufen wurde,
dann wich er aus, denn er schämte sich, weil er immer in Lumpen ging.
Das Lernen wurde ihm leicht, und er lernte auch gern, aber er hatte
nie Zeit, ordentlich seine Arbeiten zu machen, und galt darum in der
Schule als faul. Oft war er in der Schule auch so müde von all der
schweren Arbeit, die er bei seinem Pflegevater verrichten mußte, daß
er schon etliche Male eingeschlafen war. Darum wurde er auch spottend
Traumfriede genannt. Der Name paßte gut für ihn, denn der Bube träumte
wirklich viel, aber nicht, wenn er im Bett lag und schlief, sondern am
hellen Tage mit offenen Augen. Lichte, heitere Träume, die wie Märchen
waren, kamen dann zu ihm und machten sein Leben froh, und leicht vergaß
er, wenn er so träumte, sein hartes Los.
Mit Traumfriede gaben sich die beiden andern Friede so wenig ab wie die
andern Kinder; sie sprachen nicht mit ihm und zankten nicht mit ihm,
sondern ließen ihn seines Weges gehen. Schlimm aber war es zwischen dem
dicken Friede und dem blauen Friede: die konnten einander nicht leiden.
Warum, wußte niemand, und sie selbst wußten es am allerwenigsten.
Doch sie waren wie Hund und Katze zusammen. Ging einer hier, so ging
der andere da; lachte der eine, so brummte der andere, und wenn einer
dem andern einen Schabernack spielen konnte, tat er es mehr als gern.
Vielleicht konnten sie sich darum nicht leiden, weil sie immer zusammen
genannt wurden. Zu ihrem größten Ärger saßen sie auch nebeneinander in
der Schule; denn weil der dicke Friede fleißig war, lernte auch der blaue
Friede eifrig, und so kam es, daß sie gleich gut standen.
Die andern Kinder neckten die beiden Friede: »Du, Dicker,« schrien sie,
wenn der gerade sein Frühstück aß, »da kommt der Blaue,« und dem armen
Dicken verging dann beinahe der Appetit.
Einmal war der dicke Friede auf einem Kirschbaum eingeschlafen, da holte
Anton Friedlich den blauen Friede und sagte, Heine Peterle sitze oben,
er möchte ihn herunterholen. Flugs kletterte der Blaue hinauf, und als
er oben den Dicken sah, wurde er fuchswild. Der Dicke, der durch diesen
unverhofften Besuch unsanft aus seinem Schlaf gerissen wurde, schrie:
»Gleich gehst runter, marsch!«
»Nä, das fällt mir net ein!« trotzte der Blaue. »Das ist doch net dein
Baum!«
»Aber ich war zuerst oben,« knurrte der Dicke.
»Nachher kannst ja auch zuerst runter,« gab sein Feind patzig zur Antwort.
So saßen sie eine Weile auf dem Baume und fauchten einander an wie zwei
Katzen, und keiner wollte zuerst herunterklettern. Und unter dem Baum
standen einige Buben und Mädel und riefen lachend: »Aber kommt doch nur!
Komm, Blauer! Komm, Dicker!«
Die beiden Friede aber säßen wohl heute noch auf dem Baume, wenn die
Schulglocke nicht geläutet hätte. Heidi, da fuhr ihnen der Schreck in
die Glieder, und sie wollten beide zugleich hinunter. Darüber aber
verloren sie das Gleichgewicht -- und plumpsten herab wie zwei reife
Kirschen.
Schaden tat ihnen der Fall nichts, und in die Schule kamen sie auch
noch zur rechten Zeit, aber so böse waren sie aufeinander, als hätte
einer dem andern etwas ganz Schlimmes zugefügt.
Ungefähr eine Viertelstunde von Oberheudorf entfernt lag ein großer
Teich und dicht daneben ein kleiner Bauernhof, auf dem ein altes Ehepaar
wohnte. Die beiden Alten hatten ihren großen Hof im Dorfe ihrem Sohne
übergeben und lebten nun still und friedlich in dem kleinen Hause. Im
Winter kamen die Oberheudorfer Kinder oft und liefen auf dem Teiche
Schlittschuh; die alte Bauersfrau hatte dann stets einen großen Topf voll
Kaffee auf dem Ofen stehen, und manch ein blaurot gefrorenes Bübchen oder
Mädelchen kam zu ihr und erhielt eine Tasse des warmen Trankes.
An einem mäßig kalten Wintertage liefen die Kinder wieder auf dem Eise
Schlittschuh; der dicke Friede und der blaue Friede waren auch dabei.
Schuster Pechdraht, der von Niederheudorf kam, rief den Kindern zu:
»Nehmt euch in acht, das Eis ist noch nicht ganz fest!«
»Ach, es hält schon!« schrien die Kinder und liefen kreuz und quer, als
hätte der Schuster seine Warnung an die alte, krumme Weide am Teichrand
gerichtet. Der blaue Friede besonders, der ein guter Schlittschuhläufer
war, schoß wie ein Pfeil über das Eis. Der dicke Friede konnte nicht so
gut laufen und ärgerte sich weidlich darüber. »Wollen sehen, wer zuerst
an der Weide ist,« schrie da Heine Peterle.