Asmani kam seitwärts mit grinsendem Gesicht heran, aus seinen

schurkischen Augen jedoch blickte die unheimliche Absicht zum Morde so

klar wie möglich hervor. Mabruki schlich sich hinter mich und legte

bedächtig Pulver auf die Pfanne seiner Muskete; ich fuhr aber mit der

Flinte scharf in die Runde, hielt die Mündung derselben ihm ungefähr

zwei Fuss vor das boshafte Gesicht und befahl ihm, sein Gewehr sofort

wegzuwerfen. Rasch liess er es aus der Hand fallen und ich gab ihm mit

meiner Flinte einen kräftigen Stoss vor die Brust, der ihn taumelnd

einige Fuss von mir niederstreckte. Hierauf wandte ich mich zu Asmani

und befahl ihm, sein Gewehr niederzulegen, wobei ich eine kräftige

Bewegung mit meiner Flinte machte und deren Stecher gleichzeitig leise

andrückte. Nie war ein Mensch dem Tode näher als Asmani während dieser

kurzen Augenblicke. Doch wollte ich nicht gern Blut vergiessen, sondern

alle möglichen Mittel versuchen, es zu vermeiden; gelang es mir aber

nicht, diesen Schurken einzuschüchtern, so war meine Autorität zu Ende.

In Wahrheit fürchteten sich alle, weiter zu ziehen, und die einzige

Möglichkeit, sie dazu zu bewegen, war durch Gewalt und die Ausübung

meiner ganzen Willenskraft in diesem Falle, selbst wenn ein einzelner

seinen Ungehorsam mit dem Tode zu büssen hätte. Als ich mir eben klar

machte, dass Asmani seinen letzten Augenblick auf Erden verlebt habe,

da er seine Flinte an die Schulter hob, trat eine Gestalt hinter ihm

hervor, fegte sein Gewehr mit einer ungeduldigen kräftigen Bewegung zur

Seite, und ich hörte, wie Mabruki-Speke in erschrecktem Tone sagte:

„Mensch, wie wagst Du es, Deine Flinte gegen den Herrn zu richten?“

Darauf warf sich Mabruki mir zu Füssen, versuchte sie zu küssen und

bat mich, ihn nicht zu bestrafen. „Jetzt sei alles vorüber“, sagte

er, „es würde keine Zänkerei mehr vorkommen, sie würden alle mit mir

ohne irgendwelchen Streit nach dem Tanganika gehen und Inschallah! wir

werden den alten Musungu in Udschidschi finden. Sprecht, Männer, freie

Männer, wird das nicht geschehen? Werden wir nicht an den Tanganika

gehen, ohne irgend weitere Unruhe? Sagt das dem Herrn einstimmig.“

Alle riefen laut: „Ay Wallah! ay Wallah! Bana yango! Hamuna manneno

mgini!“ Buchstäblich übersetzt: „Ja, bei Gott! ja, bei Gott, mein Herr!

Es gibt keine andern Worte!“

„Bitte den Herrn um Verzeihung, oder mach, dass Du fortkommst!“ sagte

Mabruki gebieterisch zu Asmani, und dieser that es zu unser aller

Freude.

[Illustration: MEUTEREI AM GOMBÉ-FLUSS.

I. S. 328.]

Es blieb mir nur noch übrig, einen allgemeinen Pardon an alle

zu ertheilen, mit Ausnahme von Bombay und Ambari, welche die jetzt

glücklich unterdrückte Meuterei angestiftet hatten. Denn Bombay als

Hauptmann hätte, wenn er gewollt, durch ein Wort jede Aeusserung übler

Laune im Keime ersticken können. Bombay war aber dem Marschiren noch

abgeneigter als der feigste seiner Kameraden, nicht weil er feig,

sondern weil er faul war und seinen Bauch zu seinem Gott machte.

Ich ergriff also einen Speer und schlug ihn damit tüchtig auf die

Schultern, sprang darauf auf Ambari, dessen höhnisches Gesicht bald

eine merkliche Verwandlung erlitt. Darauf liess ich sie alle beide in

Ketten legen und drohte ihnen, dass sie geschlossen bleiben sollten,

bis sie wüssten, wie sie um Verzeihung zu bitten hätten. Asmani und

Mabruki wurden verwarnt, ihren bösen Stimmungen nicht mehr nachzugeben,

wenn sie nicht den Tod, dem sie jetzt glücklich entronnen, schmecken

wollten.

Wiederum wurde der Befehl zum Marsch ertheilt und alle nahmen ihre

Lasten mit erstaunlicher Munterkeit auf und entschwanden alsbald den

Blicken, Bombay und Ambari in Ketten, zusammen mit den Deserteuren

Kingaru und Asmani, mit den schwersten Lasten beladen, hinter uns her.

Kaum waren wir eine Stunde von dem Gombé entfernt, als Bombay und

Ambari mit zitternder Stimme mich um Verzeihung baten; ich liess sie

noch eine halbe Stunde bitten, dann gab ich schliesslich nach, befreite

sie von ihren Ketten und setzte den erstern wieder vollständig in seine

Würde als Hauptmann ein.

Da ich über Persönlichkeiten spreche, will ich hier eine kurze

Charakterskizze eines jeden der wichtigsten Männer, deren Namen in den

folgenden Kapiteln häufig erscheinen werden, einschalten. Dies sind

ihrem Range nach Bombay, Mabruki-Speke, der Führer Asmani, Tschaupereh,

Ulimengo, Khamisi, Ambari, Dschumah, der Koch Feradschi, der Mnyamwezi

Maganga, der arabische Knabe Selim und der jugendliche Gewehrträger

Kalulu.

Bombay ist von Burton, Speke und Grant sehr gelobt worden; es thut

mir aber leid, dass ich nicht im Stande bin, dies ganz zu bestätigen.

Burton bezeichnet ihn überschwenglich als die „Personification der

Ehrlichkeit“. In Wahrheit war aber Bombay weder sehr ehrlich, noch

sehr unehrlich, d. h. er wagte es nicht, viel zu stehlen. Wenn er

das Fleisch vertheilte, wusste er es bisweilen schlau einzurichten,

einen grossen Theil für sich zu verstecken, doch hat mich diese kleine

Sünde nicht sehr gestört; als Hauptmann verdiente er eine grössere

Portion als die übrigen. Man musste ihn aber genau bewachen, und wenn

er wusste, dass dies geschah, so wagte er es selten, sich mehr Tuch

anzueignen, als ich ihm aus freien Stücken gegeben hätte, wenn er darum

gebeten. Als Kammerdiener wäre er tadellos gewesen, als Hauptmann

oder Dschemadar über seine Genossen befand er sich jedoch nicht im

richtigen Wirkungskreise. Man musste zu viel daran denken und sich zu

viele Sorgen machen, um ihn in Ordnung zu halten. Bisweilen war er so

dumm in seinen Bewegungen, dass ihm nicht zu helfen war; oft vergass

er den Befehl im Augenblick, wo er ihm ertheilt worden, zerbrach oder

verlor beständig irgendeinen werthvollen Gegenstand und liebte es, zu

räsonniren; auch war er zum Aufbrausen geneigt. Bombay hält Hadschi

Abdullah für einen der bösesten Weissen, die existiren, weil er es mit

angesehen, wie dieser die Schädel von Menschen sammelte und sie in

seine Beutel that, als ob er im Begriff sei, eine fürchterliche Medizin

daraus zu bereiten. Er wollte wissen, ob sein früherer Herr alles

niedergeschrieben habe, was er gethan, und als ich ihm sagte, dass

Burton nichts darüber in seinem Buche mitgetheilt, dass er in Kilwa

Schädel gesammelt, meinte er, ich würde ein gutes Werk thun, wenn ich

diese wichtige Thatsache mittheilte[7]. Bombay beabsichtigt, einst noch

an das Grab von Speke zu wallfahrten.

Mabruki, „Ras-bukra Mabruki“, der stierköpfige Mabruki, wie Burton ihn

nennt, Mabruki-Speke, wie wir ihn zur Unterscheidung von den andern

Mabrukis nannten, ist nach meiner Ansicht ein Mann, dem sehr grosses

Unrecht geschehen ist. Der grosse Reisende pflegte ihn auf Arabisch

zu rufen und in dem auserwählten Wörterverzeichniss von El Scham zu

schimpfen. „Ji’ib el haleeb Bil-alek“, erzählte mir Mabruki, sei ihm

oft zugerufen worden; d. h. „Bring mir die Milch, Du --“ Nun, ich muss

gestehen, ich bin nicht hinreichend im Syrisch-Arabischen bewandert, um

im Stande zu sein, das letzte Wort zu übersetzen. Es muss ohne Zweifel

etwas schreckliches sein, denn es erregt noch heute Mabruki in hohem

Grade. Mabruki sagt, er möchte gern mit seinem frühern Herrn kämpfen,

ich glaube jedoch nicht, dass er ihm sehr viel Schaden thun würde.

Mabruki ist aber, wenn auch dumm, doch treu; er ist als Kammerdiener

durchaus nichts werth, ebenso gut könnte er Sekretär sein. Als Wache

hingegen ist er unschätzbar und als zweiter Hauptmann oder Fundi,

dessen Pflicht es ist, die Nachzügler wieder heranzubringen, ist er

über alles Lob erhaben. Er ist hässlich und eitel, aber nicht feige.

Der Führer Asmani ist ein grosser Kerl, mehr als sechs Fuss hoch, mit

dem Nacken und den Schultern eines Herkules. Neben seiner Function

als Führer ist er ein Fundi, heisst auch bisweilen Fundi-Asmani, oder

Jäger. Er ist ein sehr abergläubischer Mensch, der sein Gewehr und

seinen als Talisman dienenden geflochtenen Riemen sehr in Acht nimmt,

welchen letzteren er in das Blut aller Thiere, die er je geschossen,

getaucht hat. Er fürchtet sich vor Löwen und wagt sich nie hinaus, wo

er weiss, dass Löwen da sind. Alle andern Thiere betrachtet er als

Jagdwild und ist unermüdlich beim Verfolgen derselben. Selten sieht

man ihn ohne ein Lächeln auf dem Gesicht, das aber nicht freundlich,

sondern mehr selbstentschuldigend, verrätherisch ist. Er könnte einem

Menschen den Hals abschneiden und dabei lächeln.

Tschaupereh ist ein stämmiger, kleiner Mann von ungefähr dreissig

Jahren, sehr gutmüthig und spassig. Wenn Tschaupereh in seinem

trockenen Stile spricht, wie Mark Twain, so lacht das ganze Lager. Ich

zanke mich nie mit Tschaupereh und habe es nie gethan. Ein freundliches

Wort, das man an ihn richtet, wird bestimmt mit einer guten That

vergolten. Er ist der Stärkste, Gesündeste, Liebenswürdigste und

Treueste von allen, kurz, die Personification eines guten Trabanten.

Khamisi ist ein netter, reinlicher Junge von ungefähr zwanzig Jahren,

thätig, laut, prahlerisch und der Feigste der Feigen. Er pflegt bei

jeder Gelegenheit zu stehlen, hängt mit Vorliebe an seiner Flinte, ist

immer sehr ängstlich, wenn eine Schraube losgeht oder ein Stein nicht

Feuer geben will; doch bezweifle ich, dass er vor starkem Zittern im

Stande sein würde, seine Flinte gegen einen Feind abzufeuern. Er würde

sich wol eher auf seine Füsse verlassen, die klein und wohlgeformt sind.

Ambari ist ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, gehört zu Speke’s

„Getreuen“ und auch zu den meinigen. Er würde nicht von mir weglaufen,

ausser vor einem Feinde, und wenn er sich in grosser persönlicher

Gefahr befinden sollte. In seiner Art ist er gescheit, aber nicht

hinreichend, um als Hauptmann zu dienen; er könnte jedoch eine kleinere

Abtheilung in seine Obhut nehmen und gewiss gut über dieselbe Bericht

erstatten. Er ist faul, liebt das gute Leben und hasst das Marschiren,

wenn er mehr als seine Flinte zu tragen hat.

Dschumah ist derjenige von den Leuten, auf den am meisten geschimpft

wird, aber nicht von mir, denn ich streite mich selten mit ihm; er

hat nämlich Alteweiber-Manieren und ist in seiner Weise geneigt, das

beste für mich zu thun, obwol er nicht ein Pfund tragen kann, ohne über

sein hartes Schicksal zu stöhnen. Mir gegenüber ist er sentimental und

pathetisch; den unbedeutenderen Mitgliedern der Karavane gegenüber

zeigt er sich streng und unnachgiebig. In Wahrheit hätte ich Dschumah

sehr leicht entbehren können, er war unverbesserlich unbrauchbar

und ass viel mehr, als er werth war. Im übrigen war er ein sehr

streitsüchtiger und mürrischer Narr.

Ulimengo, ein starker, tapferer Bursche von dreissig Jahren, war

der Tollste und Hirnverbrannteste meiner Gesellschaft. Obgleich ein

Erzfeigling, renommirte er doch gewaltig; trotz seiner Liebe zum

Spass und Vergnügen, war er nicht sehr gegen die Arbeit. Mit hundert

Leuten seines Schlags hätte ich durch ganz Afrika reisen können,

vorausgesetzt, dass man keine Gefechte zu bestehen hätte. Man wird

sich wol erinnern, dass er der Kriegsheld war, der meine kleine

Armee gegen Mirambo in den Krieg führte und den Schlachtgesang der

Wangwana anstimmte, und dass ich erzählt habe, wie er, als der Rückzug

beschlossen war, als erster von meiner Gesellschaft die Veste Mfuto

erreichte. Er läuft rasch und schiesst gut. Ihm verdanke ich bei

verschiedenen Gelegenheiten werthvolle Beiträge zu meiner Speisekammer.

Feradschi, ein früherer Tellerputzer von Speke, war mein Koch. Er wurde

in dies Amt befördert, nachdem Bunder-Salaam ausgerissen war und Abdul

Kader sich als völlig unbrauchbar erwiesen hatte. Feradschi’s Zwecken

genügte es, wenn er kein Wischtuch hatte, die Schüsseln mit Kornähren,

grünen Zweigen, einem Bündel Blätter oder Gras, was ihm gerade zur

Hand war, zu reinigen. Wenn ich mir einen Teller bringen liess und ihm

darauf eine schwarze, fettige, schmutzige Daumenspur zeigte, so hielt

Feradschi ein Abreiben mit dem Finger für genügend, um alle Einwürfe

zu erledigen. Wenn ich ihm andeutete, dass ein Löffel schmutzig

sei, so glaubte er, der Peinlichste müsse damit zufriedengestellt

sein, wenn er es mit etwas Speichel an seinem schmierigen Lendentuch

abgerieben hatte. Jedes Pfund Fleisch und jeder dritte Löffel Schleim

oder Grütze, den ich in Afrika gegessen, enthielt wenigstens zehn Gran

Sand. Feradschi ärgerte sich ungemein, als ich ihm drohte, ich würde

bei unserer Ankunft in Zanzibar mir den Magen vom grossen englischen

Doctor öffnen und jedes in demselben gefundene Sandkorn zählen lassen,

wo dann Feradschi für jedes derselben einen Dollar zahlen müsse. Das

Bewusstsein, dass mein Magen eine grosse Anzahl Sandkörner enthalten

müsse, wodurch er schweres Geld verwirkt habe, machte ihn zuweilen sehr

traurig. Im übrigen war Feradschi ein guter, sehr fleissiger, wenn auch

nicht perfekter Koch und konnte eine Tasse Thee sowie drei bis vier

heisse Pfannkuchen innerhalb zehn Minuten, nachdem wir halt gemacht,

fertig bringen, und dafür war ich ihm sehr dankbar, da ich nach einem

langen Marsch gewöhnlich hungrig war. Feradschi hatte Baraka’s

Partei gegen Bombay in Unyoro ergriffen, und da Speke sich für Bombay

entschied, verliess Feradschi aus Liebe zu Baraka Speke’s Dienste und

verwirkte so seinen Lohn.

Maganga war ein in Mkwenkwe geborener Mnyamwezi, ein starker,

treuer Diener, ausgezeichneter Pagazi und von tadellosem Charakter.

Er war es, der zu allen Zeiten auf dem Wege den lauten Gesang der

Wanyamwezi-Träger anstimmte, der ohne Rücksicht darauf, wie heiss die

Sonne brannte oder wie lang der Marsch war, mit Sicherheit unter den

Leuten Munterkeit und Leben verbreitete. Zu solchen Zeiten sangen

alle mit meilenweit zu hörenden Stimmen, dass die grossen Wälder

laut erdröhnten und jedes Thier meilenweit in der Runde erschreckt

aufgescheucht ward. Wenn wir uns einem Dorfe näherten, dessen Bewohner

uns feindselig gesinnt sein konnten, so fing Maganga seinen Gesang

an, alle andern stimmten im Chor ein und dadurch erfuhren wir, ob

die Eingeborenen freundlich oder feindlich gegen uns seien. Waren

sie feindlich oder verzagt, so pflegten sie ihre Pforten sofort zu

schliessen und blickten uns finster von dem Innern aus an; waren sie

dagegen freundlich, so stürzten sie aus den Pforten heraus, um uns zu

begrüssen und einige freundliche Worte zu wechseln.

Das wichtigste Mitglied in der Expedition nach mir war Selim, der junge

arabische Christ aus Jerusalem. Er war vom guten Bischof Gobat erzogen,

und wenn alle arabischen Knaben aus seiner Schule so gut wie Selim

einschlagen, so verdient der Bischof das höchste Lob für sein edles

Wirken. Ohne Selim hätte ich in Mfuto zu Grunde gehen müssen; ohne ihn

hätte ich mir nicht so leicht die Freundschaft der Hauptaraber des

Innern erwerben oder mit ihnen so gut verkehren können, denn wenn ich

auch Arabisch verstand, so konnte ich es doch nicht sprechen. Diesen

Jungen habe ich im Januar 1870 in Dienst genommen; seit der Zeit ist er

mit mir durch das südliche Russland, den Kaukasus und Persien gereist.

Er war in meinem Dienste ehrlich und treu, selbst bis zum Tode, und

ohne Furcht und Tadel. Während ich sein Lob hier verzeichne, fühle ich,

dass es durchaus nicht hinreicht, um die Empfindungen auszudrücken,

die ich für seine mir geleisteten Dienste hege.

[Illustration: SELIM, DER DOLMETSCHER.

I. S. 334.]

Ich habe bereits erzählt, wie Kalulu in meinen Dienst und zu seinem

jetzigen Namen kam. Bald fand ich heraus, wie gewandt und rasch er beim

Lernen war, und deshalb wurde er zum Range meines Leibdieners erhoben.

Selbst Selim konnte es Kalulu nicht an Raschheit und Bereitwilligkeit

zuvorthun, wenn er meine Bedürfnisse bei Tisch errathen sollte. Seine

kleinen schwarzen Augen schweiften immer über die Schüssel und waren

bemüht, herauszufinden, was ich noch brauche und was nicht.

In ungefähr 4½ Stunden, nachdem wir den Ort verlassen, der beinahe

zum Schauplatz eines blutigen Conflicts geworden wäre, kamen wir an

dem Ziwani an. Der Ziwani oder der Pfuhl enthielt nicht einen Tropfen

Wasser, sodass meine Leute, deren Zungen ganz vertrocknet waren, weiter

gehen mussten, um danach zu graben. Diese Ausgrabung wurde mittels

starker, harter, scharf zugespitzter Stöcke in dem trockenen, hart

zusammengebackenen Boden bewirkt; nachdem sie sechs Fuss tief gegraben

hatten, wurden ihre Mühen durch den Anblick von einigen Tropfen

schlammiger Flüssigkeit belohnt, welche an den Seiten des Loches

durchsickerte. Diese verschluckten sie gierig, um ihren wüthenden Durst

zu löschen. Freiwillig gingen einige mit Eimern, Kürbisflaschen und

Kannen südlich nach einer verlassenen Lichtung, welche in Ukamba der

„Tongoni“ genannt wird, und kehrten nach drei Stunden mit einem für den

unmittelbaren Gebrauch gehörigen Vorrath guten klaren Wassers zurück.

Nach 1½ Stunde kamen wir bei diesem Tongoni oder der verlassenen

Lichtung der Wakamba an. Hier waren drei oder vier Dörfer

niedergebrannt und ein grosser offener Platz lag infolge der Zerstörung

der Wa-Ruga-Ruga Mirambo’s verwüstet da. Die übrigbleibenden Einwohner

waren nach der Plünderung und völligen Zerstörung ihrer blühenden

Ansiedlung gen Westen nach Ugara ausgewandert. Eine grosse Heerde

Büffel löscht jetzt ihren Durst an der Pfütze, welche die Ukambadörfer

mit Wasser versehen hat.

Grosse Massen von Eisenblutstein kamen an der Oberfläche in diesen

Wäldern zum Vorschein. Wildes Obst war reichlich vorhanden; der

Holzapfel, die Tamarinde und eine kleine pflaumenartige Frucht versahen

uns mit einem angenehmen Mahl.

Der Honigvogel ist in diesen Wäldern von Ukonongo sehr häufig. Sein

Geschrei ist ein lautes rasches Zirpen. Die Wakonongo verstehen sich

seiner Leitung zu bedienen, um zu dem süssen Honigschatz zu kommen, den

die wilden Bienen in dem Spalt irgendeines grossen Baumes aufgehäuft

haben. Täglich brachten mir die Wakonongo, die sich unserer Karavane

angeschlossen hatten, ungeheure Stücken Honigwaben, die schönen weissen

und rothen Honig enthielten. Gewöhnlich enthalten die rothen Honigwaben

eine grosse Anzahl todter Bienen, doch kümmerten sich unsere ungemein

gefrässigen Leute wenig darum, sondern assen nicht nur die Honigbienen,

sondern auch eine gute Portion Wachs.

Sobald der Honigvogel einen Menschen bemerkt, gibt er sofort eine Reihe

wilder aufgeregter Schreie von sich, hüpft von Zweig zu Zweig, von Ast

zu Ast und dann auf einen andern Baum, indem er fortwährend sein Zirpen

wiederholt. Der Eingeborene, der den Charakter des kleinen Vogels

kennt, folgt ihm ohne Zaudern; wenn seine Schritte zu langsam für den

unruhigen Rufer sind, so fliegt dieser zurück und dringt mit noch

lautern, ungeduldigern Tönen in ihn, sich zu beeilen. Dann schnellt er

sich rasch vorwärts, als ob er ihm zeigen wolle, wie rasch er sich an

den Honigvorrath begeben könne, bis schliesslich der Schatz erreicht

ist, der Eingeborene das Bienennest ausgeräuchert und den Honig in

Sicherheit gebracht hat. Dann putzt sich der kleine Vogel und zirpt

in triumphirender Melodie, als ob er dem Zweifüssler die Mittheilung

mache, dass dieser ohne seine Beihülfe niemals den Honig gefunden haben

würde.

Büffelmücken und Tsetses waren auf diesem Marsch sehr beschwerlich

infolge der zahlreichen in der Nähe sich aufhaltenden Heerden von

Jagdthieren.

Am 9. October machten wir einen langen Marsch nach Süden und schlugen

unser Lager in der Mitte eines prächtigen Haines auf. Wasser war auf

dem Wege sehr selten. Die Wamrima und Wanyamwezi sind nicht im Stande,

lange den Durst auszuhalten; wenn viel Wasser da ist, so löschen

sie denselben bei jedem Bach oder jeder Pfütze; ist es nur sparsam

vorhanden, wie hier und in den Wüsten von Marenga und Magunda Mkali,

so werden, nachdem die Leute vorher ihre Kürbisflaschen gefüllt, lange

Nachmittagsmärsche unternommen, sodass sie im Stande sind, das Wasser

früh am nächsten Morgen zu erreichen. Selim vermochte nie den Durst

auszuhalten; es kam gar nicht darauf an, wie viel von dem köstlichen

Nass er bei sich führte, gewöhnlich trank er den ganzen Vorrath aus,

ehe das Lager erreicht war, und litt infolge dessen während der Nacht

am Durst. Ausserdem gefährdete er sein Leben, indem er aus jeder

schmutzigen Lache trank und gerade jetzt begann er auch darüber zu

klagen, dass er blutigen Stuhlgang habe, was ich für ein Anfangsstadium

der Ruhr hielt.

Während dieser Märsche, seitdem wir Ugunda verlassen, bildeten die

Wa-Ruga-Ruga, deren Frevelthaten und die Möglichkeit, dass wir mit

diesen kühnen Waldräubern zusammentreffen könnten, einen beliebten

Gesprächsstoff an den Lagerfeuern. Ich glaube wahrhaftig, die ganze

Karavane wäre, falls ein halbes Dutzend von Mirambo’s Leuten uns

plötzlich angefallen hätte, davongelaufen.

Wir erreichten Marefu am nächsten Tage, nach einem kurzen Marsche von

drei Stunden. Dort fanden wir eine von den Unyanyembischen Arabern an

die südlichen Watuta abgeschickte Gesandtschaft, die mehrere Ballen

an Geschenken mit sich führte und unter der Leitung des Mseguhha

Hassan stand. Dieser tapfere Führer und Diplomat hatte hier wegen der

Kriege und Kriegsgerüchte in dem vor ihm liegenden Lande etwas mehr

als zehn Tage halt gemacht. Es hiess, dass Mbogo, der Sultan von Mbogo

in Ukonongo, mit dem Bruder von Manwa Sera Krieg führe und da Mbogo

ein grosser District von Ukonongo ist, der nur zwei Tagereisen von

Marefu entfernt ist, so hielt die Furcht, in den Krieg verwickelt zu

werden, den alten Hassan vom Weitermarsch ab. Er rieth auch mir, nicht

weiter zu gehen, da es unmöglich sei, das zu thun, ohne in den Kampf

hineingezogen zu werden. Ich sagte ihm aber, ich habe die Absicht,

meinen Weg fortzusetzen und es dem Zufall anheimzugeben, und erbot mich

freundlich, ihn bis an die Grenze von Ufipa zu begleiten, von wo er

leicht und sicher seinen Weg zu den Watuta fortsetzen könne; er schlug

dies aber aus.

Wir waren jetzt vierzehn Tage in südwestlicher Richtung gereist und

hatten nur wenig mehr als einen Breitengrad zurückgelegt. Ich hatte

die Absicht, etwas weiter nach Süden zu gehen, weil der Weg so gut

war und wir auch in dieser Richtung nicht zu fürchten brauchten, mit

Mirambo zusammenzutreffen; doch zwangen mich die Gerüchte von diesem in

dem nur zwei Tagereisen vor uns liegenden Lande wüthenden Kriege, im

Interesse der Expedition mich seitlich, in der Richtung West zu Nord,

dem Tanganika zu, durch den Wald zu schlagen und, wo es vortheilhaft

war, Elefantenspuren und Fusspfaden zu folgen. Nachdem ich mich mit

dem Führer Asmani berathschlagt, nahm ich diesen neuen Plan an. Jetzt

befanden wir uns nach Ueberschreitung des Gombé in Ukonongo.

Am folgenden Tage nach unserer Ankunft in Marefu, wandten wir uns nach

Westen angesichts der Dorfbewohner und des arabischen Gesandten, der

bis zum letzten Augenblicke uns wiederholte, wir begäben uns bestimmt

in Gefahr.

Wir marschirten acht Stunden lang durch einen Wald, in welchem die

Waldpfirsich oder „Mbembu“ reichlich vorkommt. Der Baum, der diese

Frucht trägt, ähnelt sehr einem Birnbaum und ist ungemein fruchtbar.

Ich sah einen Baum, dessen Früchte ich zu etwa 2½ Hectoliter

abschätzte. An diesem Tage ass ich sehr viel solcher Pfirsiche. Solange

der Reisende sich dieselben verschaffen kann, braucht er sich in diesen

Gegenden nicht vor dem Verhungern zu fürchten.

Wie ich Livingstone fand; Erster Band · 第 28 / 29 段