Am Fusse eines anmuthigen Bergkegels fanden wir ein Dorf, Utende

genannt, dessen Einwohner in grosser Unruhe waren, als wir plötzlich

auf ihrem Bergkamme erschienen. Die Klugheit veranlasste mich, dem

Sultan ein Geschenk von einem Doti zu übersenden; er nahm dasselbe

jedoch nicht an, da er gerade von Pombé betrunken und folglich zur

Unverschämtheit geneigt war. Da er mir sagen liess, dass er jedes

Geschenk ausschlagen werde, wenn er nicht noch vier Stück Zeug bekäme,

so liess ich sofort eine starke Boma auf dem Gipfel eines kleinen

Berges aufbauen, der sich in der Nähe eines reichlichen Wasservorraths

befand, und packte das Geschenk ruhig wieder in meinen Ballen ein.

So nahm ich eine strategisch gewählte Stellung ein, da ich die Front

des Berges und den ganzen zwischen seinem Fuss und dem Dorf der

Watende befindlichen Raum hätte bestreichen können. Die ganze Nacht

über blieben Wachen ausgestellt, glücklicherweise jedoch wurden wir

bis zum Morgen nicht beunruhigt. Dann erst erschien eine Deputation

der wichtigsten Einwohner, um mich zu fragen, ob ich fortzuziehen

beabsichtige, ohne ihrem Häuptling ein Geschenk zu machen. Ich

erwiderte ihnen, dass es nicht meine Absicht sei, durch irgendein Land

zu ziehen, ohne mich mit dem Häuptling zu befreunden und wenn der

ihrige ein gutes Tuch von mir annehmen wolle, würde ich es ihm gern

geben. Anfangs erhoben sie zwar Einwendungen gegen die Geringfügigkeit

der Gabe, schliesslich aber wurde die Meinungsverschiedenheit

geschlichtet durch ein Fundo rother Perlen -- Sami-Sami -- ich für die

Frau des Häuptlings hinzufügte.

Von der Hügelkette von Utende zog sich ein Wald meilenweit nach Westen

hinab, der in einer grossen First mit glattem Gipfel sein Ende fand,

die sich 5-600 Fuss über der Ebene erhob.

Ein Marsch von vier Stunden brachte uns am 12. October an ein dem Gombé

ähnliches Nullah, das während der nassen Jahreszeit in den Gombé und

von dort in den Malagarazi fliesst.

Kurz ehe wir unser Lager aufschlugen, sahen wir eine Heerde Nimba oder

Gallah; ich hatte das Glück, eins zu schiessen, was eine willkommene

Zugabe zu unserm rasch sich vermindernden Vorrath an getrocknetem

Fleisch bildete, den wir uns in unserm Lager am Gombé gesammelt hatten.

Nach den vielen Spuren schlossen wir, dass hier zahlreiche Büffel wie

auch Elefanten und Rhinozeros hausten. Auch das Federvieh war durch

Ibisse, Fischadler, Pelikane, Störche, Kraniche, einige schneeweisse

Löffelreiher und Flamingos gut vertreten.

Von dem Nullah oder Mtoni zogen wir nach Mwaru, dem Hauptdorf des

Districts Mwaru, dessen Häuptling Ka-mirambo ist. Unser Marsch führte

uns über verlassene freie Plätze, die einst von Ka-mirambo’s Leuten

besetzt gewesen, welche jetzt aber vor etwa zehn Jahren von Mkasiwa

während seiner Kriegführung gegen Manwa Sera vertrieben worden waren.

Niongo, der Bruder des letztern, führte jetzt eben Krieg mit Mbogo und

war durch Mwaru am Tage vor unserer Ankunft durchgezogen, nachdem er

von seinem Feinde eine Niederlage erlitten hatte.

Die Hügelkette, welche sich am westlichen Horizont dahinzog und von

Utende aus sichtbar gewesen war, überschritten wir an diesem Tage.

Der westliche Abhang windet sich hier schräg nach Südwesten und wird

vom Flusse Mrera, der sich in den Malagarazi ergiesst, entwässert.

Schon hier nahmen wir den Einfluss des Tanganika wahr, obwol wir noch

zwölf bis fünfzehn Märsche von dem See entfernt waren: das Gebüsch

wurde dichter und das Gras ungemein hoch. Dies erinnerte mich an die

Seedistricte von Ukwere und Ukami.

An diesem Orte hörten wir von einer Karavane, die direct von Ufipa

angekommen war, dass ein Weisser, den ich für Livingstone hielt, in

„Urua“ sein solle.

Nachdem wir Mwaru verlassen, kamen wir in das Gebiet Mrera’s, eines

Häuptlings, der einst viel Macht und Einfluss in dieser Gegend besass.

Kriege haben jedoch seine Besitzungen auf drei bis vier Dörfer

beschränkt, die in einem Dickicht versteckt liegen, dessen äusserer

Rand so dicht ist, dass er wie eine Steinmauer alle Eindringlinge

fernhält. Neun gebleichte Schädel staken an Pfählen, die sich vor dem

Haupteingang befanden, und erzählten von den zwischen den Wakonongo

und Wazavira bestehenden Kämpfen. Dieser letztere Stamm wohnt in

einem Lande, das einige Märsche westlich von uns liegt. Sein Gebiet

mussten wir vermeiden, wenn wir nicht wieder eine Gelegenheit aufsuchen

wollten, uns im Kriege mit den Eingeborenen auszuzeichnen. Die Wazavira

sind nämlich, wie wir von den Wakonongo von Mrera erfuhren, allen

Wangwana feindlich gesinnt.

Auf einem schmalen Sumpfstreifen zwischen Mwaru und Mrera sahen wir

eine kleine Heerde wilder Elefanten. Zum ersten mal geschah es, dass

ich diese Thiere in ihrer natürlichen Wildheit erblickte und ich werde

nicht leicht den ersten Eindruck vergessen, den sie auf mich machten.

Nach meinem Dafürhalten verdient eigentlich der Elefant den Titel eines

Königs der Thiere; seine ungeheure Gestalt, die majestätische Art, in

welcher er jemand, der in sein Gebiet eindringt, anschaut, und sein

ganzes machtbewusstes Wesen geben gute Gründe für seine Ansprüche auf

diesen Titel ab. Diese Heerde hielt, als wir in der Entfernung einer

Meile an ihr vorbeizogen, an, um sich die Karavane anzusehen und begab

sich, nach Befriedigung ihrer Neugierde, insgesammt in den nach Süden

die Sumpfebene begrenzenden Wald, als ob ihnen Karavanen alltägliche

Erscheinungen seien, wogegen sie, die freien und unbesieglichen Herren

des Waldes und Sumpfes nichts mit den feigen Zweifüsslern gemein

hätten, die nie muthig genug sind, um sich ihnen im ehrlichen Kampfe

zu stellen. Die Zerstörung, die eine solche Heerde in einem Walde

anrichtet, ist geradezu furchtbar. Wenn die Bäume noch jung sind, so

kann man sie in dichten Reihen entwurzelt auf der Erde liegen sehen;

sie bezeichnen die Spur der Elefanten, die sich ihren Weg durch Wald

und Dickicht mit wuchtigem Tritt gebahnt haben.

An diesem Orte wurde der junge Selim so krank, dass ich genöthigt

war, seinetwegen drei Tage mit der Karavane halt zu machen. Er schien

an einer Krankheit in den Gelenken zu leiden; er krümmte sich vor

Schmerzen und zitterte beständig. Ausserdem hatte er einen Anfall von

acuter Ruhr. Beständige Pflege und Sorgfalt stellte ihn jedoch bald

wieder her und am vierten Tage war er im Stande, die Strapazen des

Reitens zu ertragen.

Während unseres Aufenthalts in Mrera hatte ich Gelegenheit, mehrere

Thiere zu schiessen. Der an das cultivirte Land stossende Wald ist

reich an edeln Thieren. Zebras, Giraffen, Elefanten und Rhinozeros sind

hier sehr gewöhnlich; Ptarmigans und Perlhühner kommen gleichfalls

zahlreich vor.

Die Krieger von Mrera sind fast alle mit Musketen, bewaffnet, die sie

sehr sorgfältig behandeln. Sie verlangten dringend nach Flintensteinen,

Kugeln und Pulver, was ich aber grundsätzlich stets verweigerte, damit

sie nicht, falls einmal ein Zwiespalt entstände, die so erhaltene

Munition zu meinem eigenen Nachtheil verwenden könnten. Die Männer

dieses Dorfes sind Faullenzer, sie spielen wie grosse Kinder und thun

nichts weiter als Jagen, Gaffen und Schwatzen.

Während der Zeit, wo ich mich in Mrera aufhielt, beschäftigte ich

mich damit, meine Schuhe auszubessern und die grossen Risse in meinen

Kleidern zu flicken, welche die Dornbüsche während der letzten Märsche

fast gänzlich ruinirt hatten. Im Westen über Mrera hinaus lag eine

Wildniss, von der man uns vorhersagte, dass wir neun Tage brauchen

würden, um sie zu passiren.

Es trat daher an uns die Nothwendigkeit heran, uns mit einem grossen

Vorrath von Korn zu versehen, welches, ehe wir die vor uns liegende

grosse unbewohnte Wüste betraten, zu mahlen und zu sieben war; es gab

demnach reichliche Arbeit.

Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

[7] Bei meiner Rückkehr nach England finde ich, dass Kapitän Burton

die Welt von dieser „bösen, verabscheuenswerthen Handlung“ in

seinem Buche über Zanzibar in Kenntniss gesetzt hat, und dass die

interessante Sammlung im „Royal College of Surgeons“ in London zu

sehen ist.

Wie ich Livingstone fand; Erster Band · 第 29 / 29 段