konnte, denn es hätte uns mehrere Tage aufgehalten, wenn wir genöthigt
gewesen wären, Leute nach Kikuru zurückzuschicken, um uns Proviant zu
holen. Ich öffnete also meine Ballen der besseren Waarensorten, suchte
zwei hübsche Tücher aus und schickte Bombay mit ihnen an den Sultan
mit dem Freundschaftsgruss des weissen Mannes. Der Sultan schlug es
verdriesslich aus und befahl ihm, zum Weissen zurückzukehren und ihm
zu sagen, er möge ihn nicht weiter belästigen. Alles Bitten blieb
umsonst, er wollte nicht einlenken, und die Leute waren genöthigt, in
sehr schlechter Laune und hungrig zu Bett zu gehen. Hier fielen mir die
Worte Ndschara’s, eines Sklavenhändlers und Schmarotzers des grossen
Scheikh bin Nasib, ein: „O Herr, Sie werden es erfahren, dass Sie
dem Volk nicht gewachsen sein werden und werden zurückkehren müssen.
Die Wamanyara sind schlecht, die Wakonongo sind sehr schlecht, die
Wazavira sind die allerschlechtesten. Sie sind zu einer schlechten
Zeit in dieses Land gekommen. Ueberall herrscht Krieg.“ Und wirklich,
wenn man nach dem Inhalt der Unterhaltungen schliessen durfte, die um
unsere Lagerfeuer geführt wurden, so schien dies nur zu klar zu sein.
Es war alle Aussicht dazu vorhanden, dass meine Leute alle zusammen
ausreissen würden. Ich suchte jedoch sie zu ermuthigen und sagte ihnen,
ich werde ihnen morgen Nahrungsmittel verschaffen.
Am nächsten Morgen wurde der Ballen der besten Zeuge noch einmal
aufgemacht und vier gute Tücher nebst zwei Doti Merikani ausgewählt
und Bombay damit sammt Grüssen und höflichen Redensarten abgesandt.
Es war nöthig, sehr höflich gegen einen so verdriesslichen Mann zu
sein, der zu mächtig war, als dass man sich hätte ihn zum Feinde
machen dürfen. Was wäre aus uns geworden, wenn er sich entschloss, das
Beispiel des gefürchteten Mirambo, des Königs von Uyoweh, nachzuahmen!
Die Wirkung meiner grossartigen Freigebigkeit liess sich jedoch bald in
der Masse von Vorräthen sehen, die ins Lager gebracht wurden. Ehe eine
Stunde vorüber war, kamen Kisten voll Choroko, Bohnen, Reis, Matama
oder Dourra und Mais, die ein Dutzend Dorfbewohner auf dem Kopfe uns
zutrugen, und bald darauf kam der Mtemi selbst mit einem Gefolge von
etwa 30 Musketieren und 20 Speerträgern, um sich den ersten Weissen,
der je hier erblickt worden, anzusehen. Hinter diesen Kriegern kam ein
grossartiges Geschenk, das an Werth dem, das er erhalten, gleichkam
und aus mehrern grossen Kürbissen voll Honig, Hühnern, Ziegen und
hinreichend viel Wicken und Bohnen bestand, um meine Leute auf vier
Tage zu verproviantiren.
Ich ging dem Häuptling bis an die Thüre meines Lagers entgegen,
verbeugte mich tief und lud ihn ein in mein Zelt, das ich für seinen
Empfang eingerichtet hatte so gut als es die Umstände erlaubten. Mein
persischer Teppich und die Bärenhaut lagen ausgebreitet und ein grosses
Stück funkelnagelneues Scharlachzeug bedeckte meine Kitanda oder
Bettstelle.
Ich forderte den Häuptling und seine Hauptleute auf, Platz zu nehmen.
Der Blick befriedigten Erstaunens, den sie auf mich, mein Gesicht,
meine Kleider und Gewehre warfen, ist kaum zu beschreiben. Sie sahen
mich einige Secunden sehr genau an, dann blickten sie auf sich
selbst und brachen in ein unbezwingliches Gelächter aus, wobei sie
mit ihren Fingern wiederholt Schnippchen schlugen. Sie sprachen die
Kinyamwezi-Sprache und mein Dolmetscher Maganga musste den Häuptling
von der grossen Freude benachrichtigen, die ich bei seinem Anblick
empfand. Nach einer kurzen Zeit, in der wir Complimente wechselten
und um die Wette über einander lachten, wünschte der Häuptling, dass
ich ihm meine Flinten zeige. Der „Sechzehnschiesser“, das gezogene
Winchestergewehr, rief Tausende von schmeichelhaften Bemerkungen
des aufgeregten Mannes hervor und die kleinen tödlichen Revolver,
deren schöne Arbeit die Leute für übermenschlich ansahen, machten
sie so beredt und entzückt, dass ich gern zu etwas andern griff. Die
doppelläufigen Gewehre, die mit schweren Pulverladungen abgefeuert
wurden, veranlassten sie scheinbar beunruhigt aufzuspringen und sich
darauf in convulsivischem Gelächter wieder zu setzen. Sowie die
Begeisterung meiner Gäste zunahm, griffen sie sich gegenseitig an die
Zeigefinger, schraubten und zogen an diesen herum bis ich fürchtete,
dass sie verrenkt werden würden. Nachdem ich ihnen den Unterschied
zwischen Weissen und Arabern auseinandergesetzt, zog ich meinen
Medicinkasten hervor, der ihnen wieder wegen der sinnreichen und
hübschen Anordnung der Flaschen begeisterte Seufzer entlockte. Der
Häuptling fragte, was sie zu bedeuten hätten.
„Dowa“, antwortete ich bedeutungsvoll, ein Wort, welches mit Medicin
übersetzt werden kann.
„Oh, oh“, murmelten sie voll Bewunderung. Es gelang mir sehr bald, ihre
unbedingte Bewunderung zu gewinnen, und es war ihnen ganz klar, dass
ich den ausgezeichnetsten Arabern, die sie gesehen, bedeutend überlegen
sei. „Dowa, Dowa“, sagten sie.
„Hier“, meinte ich und entkorkte ein Flasche mit medicinischem
Branntwein, „ist das Kisungu Pombé (das Bier des Weissen). Nehmt einmal
einen Löffel davon und versucht es!“ Mit diesen Worten überreichte ich
es ihnen.
„Hacht, hacht, oh hacht. Was? Ach, was für starkes Bier haben die
Weissen. O, wie mein Hals brennt!“ „Ja, es ist aber gut“, sagte ich,
„schon ein klein wenig davon bewirkt es, dass die Leute sich stark
und gut fühlen; zuviel davon macht sie dagegen schlecht und lässt sie
sterben.“
[Illustration: MAMANYARA NIMMT MEDICIN.
I. S. 319.]
„Geben Sie mir etwas davon“, sagte einer der Häuptlinge, dem die andern
der Reihe nach folgten.
Darauf holte ich eine Flasche concentrirtes Ammoniak, von dem ich ihnen
erklärte, dass es gut gegen Schlangenbisse und Kopfschmerzen sei.
Sofort klagte der Sultan über Kopfschmerzen und wünschte etwas davon zu
haben. Indem ich ihm befahl, seine Augen zu schliessen, entkorkte ich
plötzlich die Flasche und hielt sie Seiner Majestät unter die Nase. Der
Effect war magisch, denn er fiel rückwärts um, als ob er angeschossen
sei, und die Verzerrungen seiner Gesichtszüge lassen sich nicht
beschreiben. Seine Häuptlinge brüllten vor Lachen, klatschten die Hände
zusammen, kniffen einander, schlugen Schnippchen mit ihren Fingern
und betrugen sich sonst noch höchst lächerlich. Ich glaube bestimmt,
dass, wenn eine solche Scene auf irgendeiner Bühne aufgeführt würde,
die Wirkung auf das Publikum sofort wahrzunehmen wäre, dass dasselbe
sich an meiner Stelle fast toll gelacht haben würde. Schliesslich
erholte sich der Sultan; grosse Thränen rollten ihm die Wangen herab,
seine Gesichtszüge bebten vor Lachen und er sprach langsam das Wort
„Kali“, d. h. heisse, starke, rasche, brennende Medicin. Er wünschte
nichts mehr davon; die andern Häuptlinge aber drängten sich danach,
ein wenig daran zu riechen, und verfielen, sobald sie das gethan,
in unbezwingliches Gelächter. Der ganze Morgen verging mit dieser
Staatsvisite, von der alle Betheiligten ausserordentlich befriedigt
waren.
„Ach“, sagte der Sultan beim Weggehen, „diese Weissen wissen alles, mit
ihnen verglichen sind die Araber gar nichts!“
In dieser Nacht desertirte einer der Führer, Hamdallah, mit seinem aus
27 Doti bestehenden Lohn und einem Gewehr. Es wäre unnütz gewesen, ihm
am Morgen zu folgen, da es mich viel länger als ich konnte aufgehalten
haben würde; doch gelobte ich mir innerlich, dass Herr Hamdallah diese
27 Doti abarbeiten solle, ehe ich die Küste erreichte.
Der 4. October, Mittwoch, sah uns nach dem Gombéfluss reisen, der 4¼
Stunden von Manyara entfernt ist.
Kaum hatten wir die wogenden Kornfelder meines Freundes Mamanyara
verlassen, als wir eine Heerde schöner Zebras erblickten. Zwei Stunden
später waren wir in ein prächtiges weites Parkland getreten, das mit
seiner weiten, grossartigen Aussicht, dem sich ausbreitenden grünen
Teppich, der hier und dort mit kleinen Gruppen von dichtem Gebüsch
und schattigen Bäumen besetzt war, ohne Zweifel eine der schönsten
Landschaften Afrikas ist. Hierzu kommt noch, dass, als ich einen der
zahlreichen kleinen Hügel bestieg, ich eine Menge Heerden Büffel,
Zebras, Giraffen und Antilopen erblickte, was mir ebenso wie bei meiner
ersten Landung auf dem Boden Afrikas einiges Herzklopfen vor Erregung
machte. Wir krochen geräuschlos die Ebene hinauf bis zu dem Lager, das
wir uns an den Ufern des trägen Gombé aufschlagen wollten.
Hier war denn endlich das Paradies des Jägers! Wie klein und
unbedeutend erschienen meine Jagden nach kleinen Antilopen und
wilden Ebern; welche thörichte Kraftverschwendung lag in den langen
Spaziergängen durch feuchte Gräser und dornige Dickichte! Wie lebhaft
erinnerte ich mich meiner ersten bittern Erfahrung in den afrikanischen
Dschungels der Seegegend! Aber hier, welches Edelmanns Park hätte sich
mit diesem Schauspiel vergleichen können? Hier hat man eine weiche,
sammetartige Rasenfläche vor sich, dort angenehmen Schatten unter jenen
ausgedehnten Baumgruppen, und in bequemer Schussweite weiden Heerden
verschiedener grosser Wildarten. Jetzt, wo sich eine solche Aussicht
meinen Blicken eröffnet, fühle ich mich vollständig für meinen langen
Umweg nach Süden entschädigt. Hier gibt es keine dornigen Dickichte
und durchdringend riechende Moore, die den Jäger erschrecken und seine
Sehnsucht nach echtem Sport abschwächen. Kein Jäger könnte sich ein
schöneres Feld für seine Thätigkeit ersehnen.
Nachdem ich die Oertlichheit des Lagers festgestellt, das eine der
Pfützen, die in der Richtung des Gombéflusses liegen, überblickte,
nahm ich meine doppelläufige glatte Flinte und schlenderte fort in
das Parkland. Aus einer Baumgruppe hervortretend, sah ich drei schöne
feiste Springböcke auf dem frischen Grase gerade hundert Schritt von
mir entfernt weiden. Ich kniete nieder und feuerte; eine unglückliche
Antilope sprang instinktiv in die Höhe und fiel todt nieder. Ihre
Gefährten schnellten gleichfalls in die Luft und machten dabei
Sprünge von ungefähr 12 Fuss Weite, gleich als ob diese Vierfüssler
gymnastische Uebungen machen wollten, und eilten darauf fort, wie
Gummibälle in die Höhe prallend, bis ein Hügel sie meinen Blicken
entzog. Die Soldaten begrüssten mein Glück mit lautem Freudengeschrei
und kamen sofort aus dem Lager gelaufen, als sie das Knallen meiner
Flinte hörten. Mein Flintenträger zückte sein Messer gegen den Hals
des Thieres und rief ein inniges „Bismillah“, als er den Kopf fast
vollständig vom Körper trennte.
Jetzt sandte ich Jäger nach Osten und Norden aus, um uns Fleisch zu
verschaffen, denn in jeder Karavane finden sich sogenannte Fundi,
deren eigentliches Handwerk darin besteht, das Fleisch für das Lager
zu erjagen. Einige von ihnen sind im Stellen des Wildes sehr gewandt,
befinden sich aber oft in gefährlicher Lage wegen der nothwendigen
Annäherung, da sie ihre sehr unzuverlässigen Gewehre nur in der Nähe
mit einiger Sicherheit gebrauchen können.
Nach dem Frühstück, das aus gerösteten Springbockschnitten, heissen
Kornkuchen und einer Tasse herrlichen Mokkakaffees bestand, wanderte
ich gemeinschaftlich mit Kalulu und Madschwara, zwei jungen
Flintenträgern, nach Südwesten. Die kleinen Perpusilla-Antilopen
sprangen wie Kaninchen vor mir her, als ich mich durch das Unterholz
dahinschlich; der Honigvogel hüpfte zirpend von Baum zu Baum, als ob
er glaubte, dass ich den süssen Schatz, dessen Versteck er allein
kannte, aufsuchte; doch wünschte ich weder Perpusillas noch Honig zu
haben, denn ich suchte mir an diesem Tage etwas Grosses. Scharfsichtige
Fischadler und Bussarde, die auf Bäumen an den Krümmungen des Gombé
sassen, dachten und wol mit gutem Recht, dass ich ihnen nachstelle,
wenn man nach dem raschen Fluge urtheilen darf, mit dem diese Vögel
verschwanden, als sie mich ankommen sahen. Doch nein, heute will ich
nichts als Hartebeests, Zebras, Giraffen, Elenn und Büffel! Nachdem
ich dem Lauf des Gombé ungefähr eine Meile gefolgt war und meine Augen
lange an den breiten, langen Wasserflächen erfreut hatte, die ich
so lange nicht mehr gesehen, bot sich mir ein Schauspiel, das meine
Seele im Innersten entzückte. Da befanden sich, ungefähr 150 Schritt
von mir, zehn Zebras, mit den Schweifen die schönen gestreiften Körper
peitschend und sich gegenseitig beissend. Der Anblick war so hübsch, so
romantisch; nie hatte ich es mir vorher so klar gemacht, dass ich in
Central-Afrika sei. Ich fühlte mich im Augenblick stolz darauf, ein so
ungeheueres, von so edlem Gethier bewohntes Gebiet zu besitzen. Hier
hatte ich im Bereich einer Bleikugel ein jedes der schönen Thiere, des
Stolzes der afrikanischen Wälder, das ich zu haben wünschte. Ich konnte
sie nach Belieben schiessen. Mir gehörten sie an, ohne dass ich Geld
dafür zu zahlen hätte; dennoch liess ich meine Flinte zweimal sinken,
da ich die herrlichen Thiere nicht verwunden wollte, aber Paff! -- und
eins derselben lag auf seinem Rücken und kämpfte mit den Beinen in der
Luft. O, wie schade war es! Doch rasch heraus mit dem scharfen Messer
über die schönen Streifen, die sich um den Hals ziehen. Was für ein
hässlicher Schnitt! Es ist geschehen, ich habe ein herrliches Thier zu
meinen Füssen. Hurrah, heute Abend werde ich Ukonongo-Zebrabraten essen!
Ich hielt einen Springbock und ein Zebra ausreichend für das
Jagdvergnügen eines Tages, namentlich nach einem langen Marsch. Der
Gombé, ein sich lang hinstreckendes tiefes Gewässer, das sich still
durch grüne Haine windet und Lotusblätter auf seiner Oberfläche leicht
wiegt, sah hübsch, romantisch, friedlich wie ein Sommertraum aus und
lud sehr zum Bade ein. Ich suchte mir den schattigsten Ort unter einer
breiten Mimose aus, von wo der Boden sich platt wie eine Wiese an das
steile Wasser hinabzog. Ich wagte es, mich zu entkleiden, war schon bis
an die Knöchel ins Wasser gegangen und hatte beide Hände zum raschen
Tauchersprunge zusammengelegt, als plötzlich meine Aufmerksamkeit durch
einen furchtbar langen Körper angezogen wurde, der in Sicht schoss
und gerade den Ort unter der Oberfläche einnahm, den ich mit einem
Kopfsprung hatte untersuchen wollen. Gerechter Himmel, es war ein
Krokodil! Instinktmässig sprang ich zurück, und das war meine Rettung,
denn das Ungethüm wandte sich mit enttäuschtem Blick ab und ich konnte
mir Glück wünschen, dass ich soeben seinen Kinnladen entkommen war
und gelobte mir, mich nie wieder durch die verrätherische Ruhe eines
afrikanischen Flusses verlocken zu lassen.
Sobald ich angekleidet war, wandte ich mich von dem jetzt abstossend
erscheinenden Anblick des Stromes ab. Als ich durch das Dickicht meinem
Lager zuschlenderte, entdeckte ich die Gestalten zweier Eingeborenen,
die scharf um sich blickten. Ich gebot meinen jungen Begleitern
vollkommene Ruhe, schlich mich an sie heran und wusste es mit Hülfe
einer dichten Gruppe von Unterholz so einzurichten, mich ihnen
unentdeckt bis auf ein paar Schritt Entfernung zu nähern. Ihre blose
unerklärte Anwesenheit in dem grossen Walde bildete bei dem damaligen
unruhigen Zustande des Landes eine Quelle der Besorgniss, und ich
beabsichtigte, mich ihnen plötzlich zu zeigen, die Wirkung hiervon zu
beobachten, und wenn diese irgendetwas meiner Expedition Feindseliges
kundgab, die Sache sofort mit Hülfe meines doppelläufigen glatten
Gewehrs zu erledigen.
Als ich auf der einen Seite des Busches ankam, erschienen beide
verdächtig aussehende Eingeborene auf der andern, und wir waren nur ein
paar Schritt auseinander. Ich that einen Sprung und wir standen uns
dicht gegenüber. Die Eingeborenen warfen einen Blick auf die plötzliche
Erscheinung eines weissen Mannes und schienen einen Augenblick wie
versteinert, dann aber erholten sie sich und riefen aus: „Bana, Bana,
Sie kennen uns nicht. Wir sind ja Wakonongo, die in Ihr Lager gekommen,
Sie nach Mrera zu begleiten, und wir suchen Honig.“ „Ja, wahrhaftig,
Ihr seid die Wakonongo. Gut, dann ist alles in Ordnung. Ich dachte, Ihr
könntet Ruga-Ruga sein.“
Wir fingen nun beiderseits an laut zu lachen, statt uns feindlich
entgegenzutreten. Die Wakonongo freuten sich sehr über den Zufall und
lachten herzlich, als sie ihren Weg fortsetzten, um wilden Honig zu
suchen. Auf einem Stückchen Rinde trugen sie etwas Feuer, mit dem sie
die Bienen aus ihren in den grossen Mtundu-Bäumen gelegenen Nestern
ausräucherten.
Die Abenteuer des Tages waren vorüber; das Blau des Himmels hatte
sich in ein todtes Grau verwandelt; der Mond erschien gerade über den
Bäumen; das Wasser des Gombé war wie ein silberner Gürtel; heisere
Frösche quakten laut an dem Rande des Flusses; die Fischadler liessen
aus den Wipfeln der höchsten Bäume ihr grabliedähnliches Geschrei
ertönen; Elennthiere warnten ihre im Walde befindlichen Heerden
durch ihr Wiehern, und leise schlichen sich verschiedene Raubthiere
ausserhalb unseres Lagers durch die dunkeln Wälder. In dem hohen
Gehege von Busch und Dorn, das wir um das Lager errichtet hatten, war
alles heiter, lachend, fröhlich und wahrhaft gemüthlich. Um jedes
Lagerfeuer sah man dunkle Männergestalten hocken, der eine nagte an
einem saftigen Knochen; der andere sog das fette Mark aus dem Bein
eines Zebras; ein dritter drehte einen mit ungeheuern Kabobs garnirten
Stock an einem hellen Feuer; ein vierter hielt eine grosse Rippe über
eine Flamme. Noch andere rührten fleissig in grossen schwarzen Töpfen
voll Ugali herum und beobachteten sorgfältig das brodelnde Fleisch
und das Aufwallen der Suppe, während das Feuer tüchtig flackerte und
hüpfte, einen hellen Schein auf die nackten Gestalten der Männer
warf und dem hohen Zelt, das in der Mitte des Lagers wie ein einem
mysteriösen Gotte geweihter Tempel dastand, eine röthliche Färbung gab.
Die Flammen warfen ihren Schein auf die massigen Zweige der Bäume, die
sich über unser Lager ausdehnten, und im Dunkel ihres Laubes wurden die
phantastischsten Schatten sichtbar. Es war eine wilde, romantische,
ausdrucksvolle Scene. Doch kümmerten sich meine Leute wenig um Schatten
und Mondlicht, Scharlachfärbung und tempelartige Zelte, vielmehr waren
sie alle eifrig dabei beschäftigt, ihre verschiedenen Erlebnisse zu
erzählen und sich mit den kräftigen Fleischspeisen, die unsere Flinten
uns verschafft hatten, vollzustopfen. Der eine erzählte, wie er einen
wilden Eber gestellt und wie er infolge des wüthenden Angriffs, den das
verwundete Thier auf ihn gemacht, die Flinte habe wegwerfen und einen
Baum hinaufklettern müssen. Er erinnerte sich noch des schrecklichen
Grunzens des Thieres, und das ganze Firmament erdröhnte von dem
Gelächter, das seine mimischen Darstellungen hervorrief. Ein anderer
hatte ein Büffelkalb erschossen, ein dritter ein Hartebeest erlegt.
Die Wakonongo erzählten ihre spasshafte Zusammenkunft mit mir im Walde
und gaben weitläufige Beschreibungen von Honigvorräthen, die sich in
den Wäldern befänden. Die ganze Zeit über versuchten Selim und seine
jungen Untergebenen ihre scharfen Zähne an dem Fleisch eines Ferkels,
das einer der Jäger erlegt, sonst aber niemand essen wollte, wegen
der mohammedanischen Abneigung gegen Schweinefleisch, welche sich die
Leute bei ihrer Umwandlung aus wilden Negern in brauchbare, gelehrige
Zanzibarer Freie mit angeeignet hatten.
Die beiden folgenden Tage lagerten wir und machten häufige Streifzüge
gegen die Heerden dieses schönen Landes. Am ersten Tage war ich wieder
sehr glücklich bei meiner Jagd; denn ich erbeutete ein paar Antilopen,
eine Kudu (Antilope strepsiceros) mit schönen gewundenen Hörnern und
einen Pallah-Bock (Antilope melampus), ein röthlich braunes Thier,
das ungefähr 3½ Fuss misst und breite Hinterbacken hat. Es wäre mir
wol gelungen, Thiere zu Dutzenden zu schiessen, hätte ich nur ein
genaues, schweres Gewehr gehabt, wie sie von Lancaster, Reilly oder
Blissett fabricirt werden, bei denen nie ein Schuss versagt. Meine
Gewehre waren aber, mit Ausnahme meiner leichten glatten Flinte,
nicht für afrikanisches Wild, sondern mehr für Menschen geeignet.
Mit dem gezogenen Winchestergewehr und dem Starr’schen Karabiner war
ich zwar im Stande, alles zu treffen, was 200 Meter von mir entfernt
war, aber die Thiere wussten, obwol verwundet, sich stets dem Messer
zu entziehen, sodass ich die Erbsenkugeln satt bekam. Hier zu Lande
braucht man ein grosses Kaliber; Nr. 10 oder 12 ist der eigentliche
Knochenzerschmetterer, der jedes angeschossene Thier sofort zu Falle
bringt, wodurch man alle Strapazen und Enttäuschungen vermeidet.
Mehrere male wurde ich während dieser beiden Tage, nachdem ich
mühevoll das Thier gestellt hatte und auf dem Boden herangekrochen
war, enttäuscht. Einmal stiess ich plötzlich auf ein Elenn, während
ich das gezogene Winchestergewehr in der Hand hatte; das Elenn sowie
ich waren beide höchst erstaunt, da wir uns nur 25 Schritt voneinander
befanden. Ich feuerte ihm auf die Brust, die Kugel ging richtig weit
in die innern Theile hinein und das Blut quoll aus der Wunde hervor.
In wenigen Minuten jedoch war das Thier weit fort und ich zu sehr
enttäuscht, um ihm nachsetzen zu können. Alle Liebe zur Jagd schien vor
diesen verschiedenen Misgeschicken zu verschwinden. Was waren denn zwei
Antilopen für die Jagd eines Tages im Verhältniss zu den Tausenden, die
auf der Ebene weideten?
Die Thiere, die während der Jagd von drei Tagen in unser Lager gebracht
wurden, waren zwei Büffel, zwei wilde Eber, drei Hartebeest, ein Zebra
und ein Pallah. Ausserdem wurden acht Perlhühner, drei Florikans, zwei
Fischadler, ein Pelikan geschossen, und einer meiner Leute fing ein
paar grosse Welse. Mittlerweile hatten die Leute diese reichlichen
Vorräthe in Stücke geschnitten und getrocknet, damit sie uns bei unserm
Durchzug durch die vor uns befindliche lange Wüstenei dienten.
Am Sonnabend den 7. October brachen wir unser Lager zum grossen
Bedauern der fleischliebenden und gefrässigen Wangwana ab. Sie
schickten Bombay früh am Morgen zu mir, um mich zu bitten, noch einen
Tag länger da zu verweilen. Das war immer der Fall, sie hatten stets
eine unüberwindliche Abneigung gegen die Arbeit, wenn sie Fleisch zu
sehen bekamen. Ich schalt Bombay gründlich aus, dass er mir eine solche
Bitte vortrug, nachdem wir eine Rast von zwei Tagen gehabt, während
welcher Zeit sie sich mit Fleisch vollgestopft hätten. Bombay war daher
keineswegs in bester Laune; denn gefüllte Fleischtöpfe waren mehr nach
seinem Geschmack, als beständiges Marschiren und die damit verbundenen
Strapazen. Ich sah, wie sich sein Gesicht in hässliche verdriessliche
Falten zog und seine grossen Unterlippen herabhingen, was so viel
bedeutete wie: „Bringen Sie die Leute selbst in Bewegung, Sie böser,
grausamer Mann! Ich werde Ihnen dabei nicht behülflich sein.“
Eine unheilverkündende Stille folgte meinem dem Kirangozi ertheilten
Befehl, das Horn ertönen zu lassen, und der gewöhnliche Singsang
liess sich nicht vernehmen. Die Leute kehrten sich verdriesslich
ihren Ballen zu, und ich hörte, wie Asmani, der gigantische Führer,
unser Fundi, murrend sagte, er bedauere es, sich als Führer nach
dem Tanganika vermiethet zu haben. Dennoch brachen sie, wenn auch
widerwillig, auf. Ich blieb mit meinen Flintenträgern zurück, um die
Nachzügler anzutreiben. Nach einer halben Stunde etwa sah ich aber, wie
die Karavane vollständig stillhielt, die Ballen auf den Boden warf,
wie die Leute in Gruppen herumstanden und sich ärgerlich und aufgeregt
unterhielten.
Indem ich meine doppelläufige Flinte von Selim’s Schultern nahm, suchte
ich mir ein Dutzend Ladungen Rehposten aus und ging, nachdem ich zwei
davon in die Läufe gethan und meine Revolver bereit gemacht hatte, auf
sie zu. Ich bemerkte, wie die Leute zu ihren Flinten griffen, als ich
näher kam. Als ich 30 Schritt von den Gruppen entfernt war, sah ich
die Köpfe von zwei Leuten über einem Ameisenhaufen zu meiner Linken
erscheinen, ihre Flintenläufe nachlässig auf den Weg gerichtet.
Ich hielt an, warf den Lauf meiner Flinte in die Höhlung der linken
Hand, zielte kaltblütig auf sie und drohte ihnen die Köpfe zu
zerschmettern, falls sie nicht vorträten, um mit mir zu sprechen. Diese
beiden waren der riesenhafte Asmani und sein getreuer Freund Mabruki,
die Führer Scheikh bin Nasib’s. Da es gefährlich war, einem solchen
Befehl nicht nachzukommen, so kamen sie sogleich; ich sah aber, als
ich Asmani im Auge behielt, dass er seine Finger am Drücker seiner
Flinte bewegte und dieselbe in Bereitschaft hielt. Wiederum erhob ich
meine Flinte und drohte, ihn sofort zu erschiessen, wenn er nicht seine
Flinte fortwerfe.