Kasegera bot am Nachmittag und Abend unserer Ankunft eine Freudenscene

dar. Es waren eben Leute, die an der Küste gewesen, heimgekehrt und die

junge Welt hatte sich in neuen Barsatis, Soharis und langen Kleidern

von glänzendem neuen Kaniki aufgeputzt, welche sie hinter einem Busch

angezogen., ehe sie in vollem Staat erschienen. Die Frauen schrien

„Hihi“, wie Mänaden, und „Lutulu“ ertönte es häufig und laut den ganzen

Nachmittag. Sylphidenartige Mädchen blickten voll Bewunderung auf die

jugendlichen Helden; alte Frauen liebkosten sie ungemein und vom Alter

gebeugte Patriarchen an Stöcken segneten sie. So geberdet sich der

Ruhm in Unyamwezi. Alle die glücklichen Jünglinge mussten ihrer Zunge

bis zu den Frühstunden des nächsten Morgens freien Lauf lassen, um die

Wunder zu erzählen, die sie in der Nähe des grossen Meeres und auf

„Ungudscha“, der Insel Zanzibar, gesehen hatten. Sie mussten berichten,

wie sie die Schiffe der weissen Männer und eine grosse Anzahl Weisse

gesehen, welche Gefahren und Prüfungen sie auf ihrer Reise durch das

Land der wilden Wagogo bestanden und was sie sonst noch erlebt hatten,

kurz Dinge, die dem Leser und mir jetzt schon genau bekannt sind.

Am 24. hoben wir unser Lager auf, marschirten durch einen Wald von

Imbiti-Holz in süd-südwestlicher Richtung und kamen nach ungefähr drei

Stunden nach Kigandu.

Als wir bei diesem Dorf anlangten, das von einer Tochter Mkasiwa’s

beherrscht wird, theilte man uns mit, wir dürften dasselbe nicht

betreten ohne Zoll zu zahlen. Da wir dies nicht thun wollten, waren

wir genöthigt, in einem verfallenen, von Ratten heimgesuchten Boma zu

campiren, das eine Meile links von Kigandu liegt, nachdem wir von den

feigen Eingeborenen dafür tüchtig beschimpft worden, dass wir Mkasiwa

in der Stunde der Noth verlassen hätten. Man beschuldigte uns, des

Krieges wegen ausgerissen zu sein.

Fast unmittelbar vor unserm Lager verlor Shaw bei seinem Versuch, vom

Esel zu steigen, die Steigbügel und fiel aufs Gesicht zur Erde. Dieses

kleine Nebenspiel des Herrn Shaw kam mir jetzt zu häufig vor. Daher

befahl ich den Leuten, als sie hinstürzten, ihm aufzuhelfen, ihn liegen

zu lassen. Der dumme Mensch blieb factisch in der heissen Sonne eine

ganze Stunde lang auf dem Boden liegen und als ich ihn gelassen fragte,

ob er sich da nicht etwas ungemüthlich fühle, setzte er sich auf und

weinte wie ein Kind.

„Wünschen Sie umzukehren, Herr Shaw?“ „Ich bitte darum. Ich glaube

nicht, dass ich weiter mit kann; und wenn Sie so gut sein wollen, so

wünsche ich sehr, umzukehren.“ „Gut, Herr Shaw, ich bin zu dem Schluss

gelangt, dass es das beste für Sie ist, zurückzukehren. Meine Geduld

ist zu Ende. Ich habe es treulich versucht, Ihnen über das kleinliche

Elend, dem Sie sich so ganz hingeben, hinweg zu helfen. Sie leiden

einfach an Hypochondrie und bilden sich nur ein, krank zu sein, und

offenbar kann Sie nichts von dieser Ueberzeugung abbringen. Hören Sie

auf meine Worte: nach Unyanyembé zurückkehren, heisst sterben. Sollten

Sie in Kwihara krank werden, wer versteht es wol, Sie dort mit Arznei

zu behandeln? Nehmen wir an, dass Sie deliriren, wie kann einer meiner

Soldaten wissen, was Ihnen fehlt oder was Ihnen gut sein würde. Noch

einmal wiederhole ich es, wenn Sie zurückkehren, so sterben Sie.“ „Ach,

mein Gott! ich wünschte, ich hätte es nie gewagt herzukommen. Ich

dachte mir das Leben in Afrika so ganz anders, als es ist. Ich will

doch lieber heimkehren, wenn Sie es mir gestatten.“

Am nächsten Tage hielten wir und trafen Einrichtungen, um Shaw nach

Kwihara zurück zu transportiren. Ich liess eine starke Tragbahre

anfertigen und miethete vier kräftige Pagazi in Kigandu für seinen

Transport, liess Brot backen, eine Kanne mit kaltem Thee füllen und für

seinen Lebensunterhalt unterwegs ein Ziegenviertel braten.

Den Abend vor unserer Trennung verbrachten wir gemeinschaftlich.

Shaw spielte einige Melodien auf einem Accordion, das ich für ihn in

Zanzibar gekauft. Zwar war es nur ein elendes Ding für zehn Dollars,

doch kamen mir die heimatlichen Klänge, die er dem Instrumente

entlockte, an jenem Abend wie himmlische Melodien vor. Das letzte Lied,

das er spielte, ehe wir uns zurückzogen, war: „Home, sweet home!“ und

es schien mir, dass wir, ehe es zu Ende war, weicher gegeneinander

gestimmt waren.

Am Morgen des 27. standen wir alle früh auf. Es lag eine bedeutende

Energie in unsern Bewegungen. Ein langer, langer Marsch stand uns an

jenem Tage bevor; ich musste ja aber alle Kranken und Schwächlichen

zurücklassen. Nur die Gesunden, die rasch und lange marschiren konnten,

sollten mich begleiten. Mabruk Salim liess ich in der Obhut eines

eingeborenen Doctors, der ihn für ein Tuch, das ich ihm im voraus gab,

behandeln sollte.

Das Horn erklang zum Aufbruch. Shaw wurde auf die Tragbahre gelegt,

welche die Träger auf die Schultern nahmen. Meine Leute stellten sich

mit erhobenen Fahnen in zwei Reihen auf und mitten durch diese und

die glänzenden Fahnen, die über den Wassern des Tanganika flattern

sollten, ehe Shaw sie wieder zu Gesicht bekam, wurde dieser nach Norden

zu fortgetragen. Wir zogen nach Süden mit rascheren und elastischeren

Schritten, als ob uns ein Alp abgenommen sei.

Wir stiegen einen Bergrücken hinan, welcher von ungeheuern

Syenitblöcken starrte, die sich über einem Walde von Zwergbäumen

zeigten. Der Anblick war ein solcher, wie wir schon anderweitig oft

gesehen. Ein unbegrenzter Wald erstreckte sich in grossen Wellen weit

über den Gesichtskreis hinaus. Waldbewachsene Bergfirsten erhoben

sich sanft übereinander, bis sie in der dunkeln purpurnen Ferne

verschwanden. Ein warmer Nebel schwebte über ihnen, der, obwol klar

genug in unserer Nähe, in der Ferne undurchdringlich blau wurde. Wald,

Wald, nichts als Wald, Laubkugeln oder fallschirmartige Laubdächer

von grüner, brauner oder welker Färbung! Die Wälder hoben sich

schichtweise übereinander, ein wahrer Laubocean. Der Horizont bietet

an allen Punkten denselben Anblick dar. In weiter Ferne mag sich wol

die unbestimmte Contour eines Berges zeigen, oder hier und da ein

hoher Baum, welcher die übrigen sichtlich überragte und sich scharf

von dem durchsichtigen Himmel abhob. Mit dieser Ausnahme bleibt es

immer dasselbe, immer der klare Himmel, der sich auf den dunkeln Wald

herabsenkt, stets dieselben Umrisse, derselbe Wald, derselbe Horizont

Tag für Tag, Woche für Woche. Wir eilen auf die Höhe eines Bergrückens

in der Erwartung einer Veränderung, aber die ermüdeten Augen kehren zu

der unmittelbaren Umgebung zurück, nachdem sie über die weite Fläche

geschweift, von der Gleichartigkeit der Landschaft übersättigt. Carlyle

sagt irgendwo in seinen Schriften, dass der Vatican trotz seiner

Grösse sich doch nur wie eine Eierschale zu dem sternenfunkelnden Dom

verhält, von dem Arcturus und Orion beständig herabstrahlen; und so

sage ich, dass der Lustwald des Centralparks in New-York trotz seiner

Grossartigkeit im Vergleich zu den armseligen Hainen, die man in andern

grossen Städten sieht, dass der Forst von Windsor und die New-Forests

in England trotz ihrer erhabenen Schönheit sich doch nur wie Gestrüpp

im Vergleich zu diesen ewigen Wäldern von Unyamwezi ausnehmen.

Wir marschirten drei Stunden und hielten dann, um uns zu erfrischen.

Ich bemerkte, dass die Leute sehr ermüdet, nach unserer langen Ruhe

in Kwihara noch nicht an eine Reihe langer Märsche gewöhnt oder

für ernste, angestrengte Arbeit gehörig eingeschult waren. Als wir

unsern Marsch wieder aufnahmen, zeigte sich wiederholt Unmuth und

Abgespanntheit, ein paar launige Bemerkungen über ihre Faulheit

brachten die Leute jedoch wieder in gute Stimmung und wir erreichten

Ugunda um zwei Uhr nachmittags, nach einem weitern Marsch von vier

Stunden.

Ugunda ist ein sehr grosses Dorf im gleichnamigen Districte, der

an die südliche Grenze von Unyanyembé stösst. Das Dorf besitzt wol

400 Familien oder 2000 Seelen. Es wird durch eine hohe und starke

Pallisadenreihe von dreizölligem Bauholz geschützt. Ueber den

Pallisaden hat man Gerüste mit kleinen Schiessscharten errichtet, die

für die Musketen der Scharfschützen bestimmt sind, welche in diesem

kastenartigen Gerüst ihre Zuflucht nehmen, um die Häupter einer

angreifenden Truppe niederschiessen zu können. Innerhalb dient ein

Graben, dessen Sandboden drei bis vier Fuss hoch gegen die Stakete

aufgeworfen ist, als Schutz für die Hauptmasse der Vertheidiger,

die in demselben niederknien und so im Stande sind, einer grossen

Truppenmacht Widerstand zu leisten. Einige Meilen um das Dorf herum

sind alle Hindernisse hinweggeräumt und die Belagerten werden von

scharfäugigen Wächtern gewarnt, sich für die Vertheidigung bereit zu

halten, ehe sich der Feind auf Musketenschussweite nähert. Mirambo hat

seine Räubertruppen von diesem starkbefestigten Dorfe nach zwei bis

drei erfolglosen Versuchen, es zu erstürmen, zurückgezogen und die

Wagunda frohlocken seitdem darüber, dass sie diesen kühnsten Räuber,

den Unyamwezi seit Generationen gesehen, zurückgeschlagen haben.

Die Wagunda haben ungefähr 3000 Quadratmorgen bebautes Land um ihr

Hauptdorf, und dieses Terrain genügt, um das Korn nicht nur für ihren

eigenen Bedarf zu erzeugen, sondern auch für den der vielen Karavanen,

die auf diesem Wege nach Ufipa und Marungu ziehen.

Wie tapfer auch die Wagunda innerhalb der starken Einhegung sein mögen,

mit der sie ihr Hauptdorf umgeben haben, so sind sie doch nicht frei

von dem Gefühl der Unsicherheit, das die Seele eines Mnyamwezi während

der Kriegszeit erfüllt. An diesem Ort pflegen die Karavanen ihre Leute

aus dem Schwarm von Pagazi zu rekrutiren, welche sich freiwillig

anbieten, die ersteren in die fernen Elfenbeingegenden des Südens zu

begleiten. Ich konnte aber nicht einen einzigen dazu bewegen, mir zu

folgen, so gross war ihre Furcht vor Mirambo und seinen Ruga-Ruga.

Sie wussten auch viel von bevorstehenden Kriegen zu erzählen. Man

behauptete, Mbogo ziehe gegen Ugunda mit 1000 Wakonongo; die Wazavira

hätten vor vier Monaten eine Karavane angegriffen; Simba durchstreiche

das Land mit einer Bande wilder Söldlinge, und noch manches ähnliche.

Am 28. kamen wir in einem kleinen netten Dorfe an, das in dem Benta

genannten Walde liegt, 3¼ Stunden von Ugunda. Die Strasse führt durch

die Kornfelder der Wagunda und tritt dann in die um die Dörfer des

Kisari liegenden Lichtungen ein, wo wir den Besitzer einer Karavane

antrafen, der Lastträger nach Ufipa zusammentrommelte. Er war gezwungen

gewesen, hier zwei Monate halt zu machen und bemühte sich eifrig, meine

Leute dazu zu bewegen, sich seiner Karavane anzuschliessen, was eben

nicht dazu beitrug, Harmonie zwischen uns herzustellen. Einige Tage

später fand ich, als ich wieder zurückkehrte, dass er den Gedanken,

nach Süden zu ziehen, aufgegeben hatte. Nachdem wir Kisari verlassen,

marschirten wir durch ein dünnes Gebüsch von schwarzem Jackholz, über

ein Erdreich, das von der Sonnenhitze geborsten war, und hin und wieder

an einer ausgetrockneten Pfütze vorüber, deren Boden die deutlichen

Spuren von Elefanten, Rhinozeros, Büffeln und Zebras zeigte, was uns

Hoffnung machte, dass wir bald auf Jagdthiere stossen würden.

Benta war gut mit Mais und einem Korn versehen, das die Eingeborenen

Tschoroko nennen und das ich für Wicken halte. Ich kaufte mir einen

guten Vorrath davon für meinen eigenen persönlichen Bedarf, da ich

fand, dass es eine sehr gesunde Nahrung sei. Das Korn wurde auf den

flachen Dächern der Tembés in grossen, aus der Rinde des Mtundu-Baumes

angefertigten Kasten aufbewahrt. Hier habe ich den grössten Kasten

erblickt, den ich je in Afrika gesehen; man hätte ihn für die

Hutschachtel eines Titanen halten können. Er hatte sieben Fuss im

Durchmesser und zehn Fuss Höhe.

Am 29. erreichten wir, nachdem wir in süd-südwestlicher Richtung

gereist waren, Kikuru. Der fünfstündige Marsch führte über Ebenen, die

von der Sonne geborsten waren, auf denen schwarzes Jack- und Ebenholz

sowie Zwerggebüsche wuchsen, und auf denen sich zahlreiche Ameisenhügel

von lichter kreidefarbener Erde wie Sanddünen erhoben.

Das Mukunguru, im Kiswahili der Name für Fieber, kommt in dieser

Gegend von ausgedehnten Wäldern und flachen Ebenen häufig vor, da die

Natur hier das Wasser nur sehr unvollkommen abfliessen lässt. In der

trockenen Jahreszeit liegt nichts abschreckendes im Anblick des Landes.

Das verbrannte Gras, das von den hartgewordenen Spuren der Thiere, die

diese Ebenen während des letzten Theils der Regenzeit bewohnen, bedeckt

ist, gibt aber dem Lande ein etwas düsteres Aussehen. Im Walde liegen

zahllose Bäume im letzten Stadium der Verwesung umher und auf den

hingestreckten Stämmen kann man zahllose Insektenarten arbeiten sehen.

Unmerklich wird aber das Gift der todten und verwesenden Pflanzenwelt

in den Organismus aufgenommen und von Folgen begleitet, die bisweilen

tödlich sind wie die, welche aus der Nachbarschaft des Upasbaumes

entstehen sollen.

Die ersten übeln Folgen, die aus der Malaria entstehen, sind

Verstopfung und verstimmende Mattigkeit, ungemeine Schläfrigkeit

und beständige Neigung zum Gähnen. Die Zunge nimmt eine gelbliche,

krankhafte Färbung an und wird fast schwarz. Selbst die Zähne werden

gelb und von einer übelriechenden Masse überzogen. Die Augen des

Patienten glänzen hell und füllen sich mit Wasser. Dies sind sichere

Symptome des beginnenden Fiebers, welches bald darauf den ganzen

Organismus durchtobt und den Patienten zitternd vor Pein niederstreckt.

Bisweilen geht diesem Fieber ein heftiger Schüttelfrost voran, während

welcher Zeit man wollene Decken über den Patienten legen kann, ohne die

tödliche Kälte, die er empfindet, sehr zu mindern. Darauf folgt ein

ungewöhnlich heftiger Kopfschmerz, furchtbare Schmerzen der Lenden und

Rückensäule, die, sich über die Schulterblätter verbreitend, den Hals

hinauflaufen und sich schliesslich im Hinter- und Vorderkopf fixiren.

Gewöhnlich jedoch geht dem Fieber keine Kälte voran, sondern, nachdem

Mattigkeit und Schwächegefühl, grosse Hitze und pulsirende Schläfe

eingetreten, fangen Lenden und Rückgratsäule an zu schmerzen und ein

wüthender Durst ergreift den Kranken. Das Gehirn wird von sonderbaren

Phantasien angefüllt, die bisweilen die schrecklichsten Gestalten

annehmen. Vor dem verdunkelten Gesicht des Leidenden schweben in einer

glühenden Atmosphäre die Gestalten wirklicher und phantastischer

Reptilien, die sich jeden Augenblick in sonderbarere Formen verwandeln

und immer verworrener, zusammengesetzter, scheusslicher, entsetzlicher

werden. Ausser Stande, diese nahezu toll machenden Bilder weiter zu

ertragen, macht der Kranke eine Anstrengung und öffnet die Augen, bannt

jedoch dadurch das Delirium nur, um bewusstlos in ein anderes Traumland

hinüberzugleiten, wo sich ihm eine neue phantastische Hölle plastisch

darstellt und neue Qualen beginnen. Ach, wie viele Stunden habe ich

unter dem schrecklichen Alp gelitten, den Anfälle eines wirklichen

Deliriums hervorgerufen! Wehe über die folternden Qualen des Körpers,

denen ein Reisender in Afrika ausgesetzt ist, über die höhnische

Reizbarkeit, die Marter des Geistes, welche die schrecklichen Bilder

dieser Teufeleien erzeugen! Dem höchsten Grade von Geduld gelingt es

nicht, den Kranken zu besänftigen; die aufmerksamste Pflege genügt ihm

nicht, die grösste Unterwürfigkeit verfehlt völlig ihren Zweck. In

diesen schrecklichen wechselnden Bildern, die einen wilden Wahnsinn

hervorrufen, wäre Hiob selbst reizbar, wüthend und zornig geworden.

Ein in diesem Zustande befindlicher Mensch betrachtet sich als den

Mittelpunkt alles Elends. Wenn er sich davon erholt hat, fühlt er sich

geläutert, wird leutselig und lächerlich liebenswürdig; dann versteht

er allen Dingen Freuden zu entlocken, die ihm noch am vorhergehenden

Tage Schrecken und Entsetzen einflössten; dann betrachtet er seine

Leute mit Liebe und Freundlichkeit und sieht auch das gewöhnlichste

mit Begeisterung an. Die Natur erscheint ihm reizend; in den todten,

eintönigen Wäldern findet sein Geist eine stete Quelle neuer Freuden.

Hier spreche ich aus eigener Erfahrung, wie ich sie aus einer

sorgfältigen Analyse des Anfalls in seinen verschiedenen Stadien, dem

hitzigen, jammernden und albernen, gewonnen; denn ich pflegte mich

damit zu amüsiren, die humoristischen und entsetzlichen, phantastisch

übertriebenen Bilder, die sich mir darboten, zu Papier zu bringen,

selbst während ich an den Fieber-Paroxysmen litt.

Nach einem vierstündigen Marsche in süd-südwestlicher Richtung kamen

wir am 1. October bei einer grossen Pfütze an, die als der Ziwani

bekannt ist. Hier entdeckten wir ein altes, halb verbranntes Khambi,

das von einem grossartigen Mkuyu (einer Sykomore), dem Riesen der

Wälder von Unyamwezi, beschattet wurde und das wir binnen einer Stunde

in ein herrliches Lager verwandelten.

Wenn ich mich recht besinne, so hatte der Baum 38 Fuss im Umfang. Es

ist der schönste Baum seiner Art, den ich in Afrika gesehen. Unter der

ungeheuern Laubkuppel desselben hätte ein Regiment Soldaten bequem zu

Mittag rasten können. Der Durchmesser des von ihm geworfenen Schattens

war 120 Fuss. Die kräftige Gesundheit, der ich mich zu dieser Zeit

erfreute, setzte mich in den Stand, die Umgegend mit Bewunderung zu

gemessen. Ein Gefühl von Wohlbehagen und vollständiger Zufriedenheit

ergriff mich, wie ich es in Unyanyembé nicht gekannt, wo ich mein Leben

in Unthätigkeit und Aerger verbracht hatte. Ich unterhielt mich mit

meinen Leuten wie mit Freunden und meinesgleichen. Wir raisonnirten

miteinander über unsere Aussichten in ganz kameradschaftlicher,

geselliger Art und Weise.

[Illustration: LAGER UNTER EINER RIESEN-SYKOMORE.]

Wenn das Tageslicht dahinschwand und die Sonne rasch über dem

westlichen Horizont herabsank, den Himmel mit Gold- und Silber-,

Safran- und Opalfarben schmückend, wenn dieses prächtige Farbenspiel

sich auf den Spitzen des ewigen Waldes widerspiegelte, die heilige

Stille des Himmels auf allem ruhte und selbst die rohen Gemüther meiner

Umgebung die ganze Herrlichkeit des Naturlebens mitten im ungeheuern,

von allen andern menschlichen Wesen leeren Walde tief empfanden,

dann trat die Zeit ein, wo wir alle nach vollendeter Tagesarbeit und

völliger Sicherstellung des Lagers unsere Pfeifen hervor holten und so

recht den Lohn unserer Mühen, die einem tüchtigen Tagewerk folgende

Zufriedenheit gemessen konnten.

Draussen hört man nichts als das Geschrei eines umherirrenden Florikans

oder Perlhuhns, das seine Genossen verloren, das heisere Quaken der

Frösche in der nahgelegenen Pfütze oder das Zirpen der Heimchen, welche

den Tag zur Ruhe zu lullen scheinen. In unserm Lager lässt sich das

Geräusch der Kürbispfeifen vernehmen, aus denen die Leute den blauen

Aether einziehen, den auch ich liebe. Ich liege glücklich und zufrieden

auf meinem Teppich unter dem Dom lebendigen Laubes, rauche meine kurze

Meerschaumpfeife und hänge trotz der Schönheit des stillen grauen

Himmelslichts und der Heiterkeit, die mich überall umgibt, meinen

Gedanken an die Heimat und die Freunde im fernen Amerika nach. Doch

wenden sich diese Gedanken alsbald wieder zu meiner noch unvollendeten

Aufgabe, zu dem Manne hin, der für mich noch immer ein Mythus ist, der

sogar todt sein kann oder vielleicht, ob nah oder fern von mir, jetzt

durch einen eben solchen Wald zieht, dessen Wipfel die Aussicht aus

meinem Lager beschränken. Wir befinden uns beide auf demselben Boden,

vielleicht in demselben Walde, wer weiss es? -- und doch ist er mir so

fern, dass er ebenso gut in seiner kleinen Hütte in Ulva sein könnte.

Obwol ich selbst jetzt noch nicht weiss, ob er überhaupt existirt, so

fühle ich doch eine gewisse Ruhe, eine gewisse Genugthuung, die sich

schwer beschreiben lässt. Warum ist der Mensch doch so schwach, dass er

hunderte von Meilen ziehen muss, um die Zweifel, die sein ungeduldiges,

stolzes Gemüth füllen, zu befriedigen? Warum kann mein Leib nicht dem

kühnen Fluge meines Geistes folgen und das Sehnen stillen, das ich

empfinde, die quälende Frage zu lösen, die sich mir stets auf die

Lippen drängt: Lebt er noch? -- O, meine Seele, sei geduldig, du hast

eine glückliche Ruhe, um die andere Leute dich beneiden könnten! Für

die Gegenwart genügt das Bewusstsein, dass deine Mission eine heilige

ist! Vorwärts und hoffe!

Am Montag den 2. October zogen wir durch den Wald und die Ebene,

welche sich von dem Ziwani nach Manyara erstreckt. Das kostete 6½

Stunden. Die Hitze war furchtbar drückend; doch wuchsen die Mtundu-

und Miombo-Bäume hier in Zwischenräumen, die gerade ausreichten, um

jedem Baum sein freies Wachsthum zu gestatten, während ihr Laub sich

zu einem Dache verband, das angenehmen Schatten warf. Der Pfad war

frei und bequem, der zusammengestampfte, feste, rothe Boden bot keine

Hindernisse dar. Nur litten wir sehr von den Angriffen der Tsetse-

oder Panga (Schwert)-Fliege, die hier schwärmte. Wir wussten, dass wir

uns einem ausgedehnten Aufenthaltsort von Wild näherten und passten

beständig auf, was für Gattungen diese Wälder wol bewohnten.

Als wir, im Tempo von ungefähr drei engl. Meilen in der Stunde,

weiter zogen, bemerkte ich, wie die Karavane vom Wege abbog und 50

Schritt jenseits eines auf demselben befindlichen Gegenstandes, der

die Aufmerksamkeit der Leute auf sich gezogen, wieder auf denselben

zurückkehrte. Als ich soweit gekommen war, fand ich, dass es der

Leichnam eines Mannes sei, der als ein Opfer der furchtbaren Geissel

Afrikas, der Pocken, gestorben war. Er gehörte zu der Räuber- oder

Guerillabande Oseto’s, die in dem Dienste des Mkasiwa von Unyanyembé

steht und diese Wälder nach den Guerillas Mirambo’s durchsuchte. Sie

waren aus Ukonongo von einem Raubzug, den sie gegen den Sultan von

Mbogo geführt hatten, zurückgekehrt und hatten ihren Kameraden am Wege

liegen lassen, wo er gestorben war. Er war ungefähr einen Tag todt.

Beiläufig bemerkt ereignete es sich häufig, dass wir ein Skelet oder

einen Schädel auf dem Wege fanden. Fast jeden Tag sahen wir einen,

manchmal zwei dieser Ueberbleibsel todter vergessener Menschen.

Bald danach kamen wir aus dem Wald und traten in eine Mbuga oder Ebene,

in der wir eine Menge Giraffen erblickten, deren lange Hälse man über

einen Busch, an dem sie gefressen hatten, emporragen sah. Dieser

Anblick wurde mit einem Freudenschrei begrüsst, denn jetzt wussten wir,

dass wir in ein Land jagdbarer Thiere gekommen waren und dass wir in

der Nähe des Flusses Gombé, wo wir halten wollten, viele dieser Thiere

sehen würden.

Ein Marsch von drei Stunden über diese heisse Ebene brachte uns an

die bebauten Felder von Manyara. Vor der Dorfpforte verbot man uns

hineinzutreten, da das ganze Land sich im Kriegszustande befinde und es

nöthig sei, sehr vorsichtig beim Einlass irgendeiner Truppe zu sein,

damit die Dorfbewohner nicht dadurch compromittirt würden. Man wies

uns jedoch nach einem rechts vom Dorfe, in der Nähe einiger klarer

Wasserpfützen belegenen Khambi, wo wir ungefähr ein halbes Dutzend zu

Grunde gerichtete Hütten erblickten, die für ermüdete Menschen sehr

ungemüthlich aussahen.

Nachdem wir unser Lager errichtet hatten, gab ich dem Kirangozi einiges

Zeug, um uns Nahrungsmittel für den Durchzug der vor uns liegenden

Wüste, die 135 Meilen oder neun Märsche lang sein sollte, im Dorfe zu

kaufen. Man sagte ihm, dass der Mtemi seinen Leuten aufs strengste

verboten hätte, Korn zu verkaufen.

Wie ich Livingstone fand; Erster Band · 第 26 / 29 段