und er selbst bei vier Levées der Königin Victoria anwesend gewesen.
Dies ist jedoch kaum der Fall, da ich mir nicht vorstellen kann, dass
der Sohn eines Marinekapitäns so wenig mit der Feder Bescheid weiss,
dass er kaum im Stande ist, seinen eigenen Namen zu schreiben. Auch
sehe ich nicht ein, wie es möglich ist, dass er der Königin vorgestellt
sei, denn man hat mir immer gesagt, der Hof von St. James sei der
aristokratischste von Europa.
Auf mich ist er aber sehr böse, weil ich ihn auslache, und er hat
soeben eine Batterie von seinen Sentimentalitäten auf mich losgelassen,
die mich fast zur Verzweiflung darüber bringt, dass ich mich mit einem
solchen Narren belastet habe.
+14. September.+ Selim, der junge Araber, delirirt vor anhaltendem
Fieber. Shaw ist wieder krank oder simulirt es zu sein. Diese beiden
nehmen meine Zeit hauptsächlich in Anspruch. Ich bin geradezu
Krankenwärter geworden, denn ich habe niemand, der mich bei der
Pflege unterstützt. Wenn ich es versuche, Abdul Kader in der Kunst
sich nützlich zu machen, zu unterrichten, so ist sein Kopf von den
schrecklichen Dünsten des Unyamwezischen Tabacks so benebelt, dass er
ganz verwirrt herumläuft, Schüsseln zerbricht und gekochte Leckerbissen
umwirft, bis ich so ärgerlich werde, dass ich auf eine ganze Stunde
meine Gemüthsruhe verliere. Wenn ich Feradschi, der jetzt förmlich als
mein Koch installirt ist, darum bitte, mir beizustehen, so gelingt es
seinem dicken Holzkopf nicht, einen Gedanken zu fassen, und ich bin
daher genöthigt, selbst die Rolle des Küchenmeisters zu übernehmen.
+15. September.+ Der dritte Monat meines Aufenthalts in Unyanyembé
ist fast zu Ende und ich bin noch hier, hoffe aber doch, binnen acht
Tagen endlich abziehen zu können.
Die ganze Nacht hindurch bis morgens 9 Uhr haben meine Soldaten
getanzt und gesungen zu Ehren ihrer todten Kameraden, deren Gebeine
jetzt in den Wäldern von Wilyankuru bleichen. Zwei oder drei grosse
Töpfe voll Pombé genügten nicht, um den wüthenden Durst, welchen diese
lebhafte Bewegung erzeugt hatte, zu stillen. Daher wurde ich heute
Morgen zeitig darum gebeten, ein Schukka für einen weitern Topf dieses
kräftigen Getränks herzugeben.
Heute war ich damit beschäftigt, die Last für jeden Soldaten und
Gepäckträger auszusuchen. Um ihnen ihre Mühe so viel wie möglich zu
erleichtern, habe ich jede Last statt 70 blos 50 Pfund schwer gemacht,
wodurch ich hoffe, lange Märsche machen zu können. Ich bin im Stande
gewesen, während der letzten Tage 10 Pagazi zu miethen.
Einige meiner Leute sind noch sehr krank und es ist fast unnütz zu
erwarten, dass sie im Stande sein werden, irgendetwas zu tragen; ich
hoffe aber, andere Leute an ihrer Stelle zu bekommen, ehe der Tag der
Abreise da ist, der sich jetzt rasch zu nähern scheint.
+16. September.+ Wir haben unsere Arbeit fast beendet und werden,
so Gott will, am fünften Tage von jetzt ab, marschiren. Ich habe noch
zwei Pagazi sowie zwei Führer angenommen, die Asmani und Mabruki
heissen. Wenn eine ungeheuere Gestalt irgend jemand erschrecken könnte,
so müsste Asmani’s Aussehen diese Wirkung hervorrufen. Er ist mehr als
sechs Fuss hoch ohne Schuhe und hat Schultern, die für zwei gewöhnliche
Menschen breit genug sind.
Morgen beabsichtige ich, den Leuten einen Abschiedsschmauss zu geben,
um ihren Fortgang von diesem abstossenden, unglücklichen Lande zu
feiern.
+17. September.+ Das Bankett ist vorüber. Ich habe zwei
Bullenkälber schlachten, ein ganzes Schwein rösten und ausserdem noch
3 Schafe, 2 Ziegen, 15 Hühner, 120 Pfund Reis, 20 grosse, aus Mais
bestehende Laibe Brot, 100 Eier, 10 Pfund Butter und 5 Gallonen süsser
Milch zum Bankett geben lassen. Die Leute luden sich ihre Freunde und
Nachbarn ein und etwa 100 Frauen und Kinder nahmen daran theil.
Als das Bankett beendet war, wurde Pombé, das hiesige Bier, in fünf
Töpfen von je einer Gallone aufgetragen und die Leute fingen an zu
tanzen und thun das noch jetzt, wo ich schreibe.
+19. September.+ Heute hatte ich einen leichten Fieberanfall, der
unsere Abreise verzögert hat. Selim und Shaw haben sich beide erholt.
Der erstere erzählt mir, Shaw habe gemeint, ich werde wie ein Esel
sterben, und dann werde er meine Tagebücher und Koffer in Verwahrung
nehmen und sofort zur Küste eilen. Heute Nachmittag soll er gesagt
haben, er beabsichtige nicht, nach Udschidschi zu gehen, sondern wolle,
wenn ich fort sei, sich einen Vorrath von Hühnern auf dem Hofe und eine
Kuh anschaffen, um jeden Tag frische Eier und Milch zu haben.
Abends kam Shaw, als mein Fieber seinen Höhepunkt erreicht hatte, zu
mir, um mich zu fragen, an wen er im Falle meines Todes schreiben
solle. „Denn“, sagte er, „selbst die stärksten Leute können sterben.“
Ich befahl ihm, sich zu entfernen, um seine eigenen Sachen zu kümmern
und nicht stets um mich herumzukrächzen.
Etwa um 8 Uhr abends kam Scheikh bin Nasib zu mir und bat mich, morgen
nicht fortzuziehen, da ich so krank sei. Thani Sakhburi meinte sogar,
ich könne noch einen Monat dableiben; worauf ich ihm sagte, die Weissen
seien nicht gewohnt, ihr Wort zu brechen. Ich habe gesagt, ich werde
gehen und daher würde ich es auch thun.
Scheikh bin Nasib gab alle Hoffnung auf, mich dazu zu bewegen, noch
einen Tag zu bleiben, und ist mit dem Versprechen fortgegangen, Seyyid
Barghasch zu schreiben und ihm zu berichten, wie eigensinnig ich sei
und dass ich entschlossen sei, mich tödten zu lassen. Dies bot eine
kleine Abschiedsscene.
Um 10 Uhr abends war das Fieber vorüber. Ausser mir schlief alles im
Tembé und ein Gefühl unaussprechlicher Einsamkeit überkam mich, wie
ich an meine Lage und Absichten dachte und den vollständigen Mangel
an Sympathie bei allen, die mich umgaben, wahrnahm. Selbst mein
weisser Gehülfe, mit dem ich mir so viele Mühe gegeben, empfand noch
weniger Sympathie für mich, als mein kleiner schwarzer Knabe Kalulu.
Es gehört mehr Kraft als ich besitze dazu, alle dunkeln Vorahnungen
des Gemüths zu zerstreuen. Doch ist das, was ich Vorahnung nenne,
wol einfach die Folge der Warnungen, welche diese treulosen Araber
mir so häufig ausgesprochen haben. Diese Melancholie, dieses Gefühl
der Verlassenheit, rühren wol auch davon her. Auch ist das einzelne
Licht, das die Dunkelheit meiner Stubenecken kaum erhellt, gerade kein
Mittel, mich heiterer zu stimmen. Es ist mir zu Muthe, als sei ich in
Steinmauern gefangen. Warum soll ich mich aber durch Warnungen und
Gekrächze dieser dummen Araber quälen lassen? Ein Verdacht steigt in
mir auf, während ich dies schreibe, dass noch irgendein anderes Motiv
dahinterstecke. Ich möchte wol wissen, ob diese Araber mich in der
Hoffnung hier behalten wollen, dass ich dazu gebracht werden könnte,
ihnen noch einmal in ihrem Kriege mit Mirambo beizustehen! Wenn sie das
glauben, so irren sie sich sehr; denn ich habe einen feierlichen Eid
geschworen, den ich halten will, solange mir noch eine Lebenshoffnung
bleibt, mich von dem gefassten Entschluss nicht abbringen zu lassen,
solange zu suchen, bis ich Livingstone lebendig oder todt aufgefunden
habe und nicht ohne die stärksten Beweise für dessen Leben oder Tod
nach Hause zu kehren. Kein Lebender soll mich daran hindern; nur der
Tod kann es. Doch nein! selbst der nicht, denn ich werde, will und
kann nicht sterben! Ein gewisses, unbekanntes Etwas, sei es nun die
mir eigene stets rege Hoffnungsseligkeit oder eine aus einer grossen
Lebenskraft entspringende natürliche Kühnheit oder das Produkt eines
überschwänglichen Selbstvertrauens -- gleichviel -- ein Etwas sagt mir
heute Abend: +ich werde ihn ganz bestimmt finden+. Schon diese
blossen Worte inspiriren mich. Ich fühle mich glücklicher. Habe ich
gebetet? Heute Nacht werde ich ruhig schlafen. -- --
* * * * *
Die obigen Notizen habe ich mich veranlasst gesehen, aus meinem
Tagebuch abzuschreiben, da sie, als zur Zeit an Ort und Stelle
geschrieben, am besten die Wechselfälle meines Lebens in Unyanyembé
darstellen. Mir scheinen sie dies viel besser zu thun, als irgendeine
noch so plastische Beschreibung mein dortiges Leben charakterisiren
könnte. Sie sind gerade durch ihre Buchstäblichkeit nicht übertrieben,
sondern geben meine derzeitigen Empfindungen genau wieder. Sie wissen
von zahllosen Fiebern zu erzählen, die ich selbst und meine Leute
durchgemacht, ohne auf die Diagnose oder Untersuchung derselben
einzugehen, und berichten unsere Gefahren und kleinen Freuden, unsere
Qualen und Vergnügungen, wie sie gerade vorkamen.
[Illustration: KWIHARA.
I. S. 297.]
ZEHNTES KAPITEL.
NACH MRERA IN UKONONGO.
Aufbruch aus Kwihara. -- Bombay bekommt Prügel. -- Shaw wünscht
zurückzubleiben. -- Ich zwinge ihn weiterzuziehen. -- Ein neuer
Fieberanfall. -- Livingstone’s Briefträger fehlt. -- Ankunft in
Kasegera. -- Shaw kann nicht mehr weiter und wird nach Kwihara
zurückgeschickt. -- Die herrlichen Wälder von Unyamwezi. -- Wir
kommen nach Ugunda. -- Das Mukunguru. -- Beschreibung dieses Fiebers.
-- Eine prächtige Sykomore. -- Ein Opfer der Pocken. -- Zahlreiche
Skelete auf dem Wege. -- Ankunft in Manyara. -- Streit mit dem
Sultan über den Tribut. -- Er besucht mich. -- Eine Dosis Ammoniak.
-- Verwunderung des Sultans. -- Das Paradies des Jägers. -- Meine
erste Jagdbeute, eine Antilope. -- Zebrajagd. -- Abenteuer mit einem
Krokodil. -- Zwei Jagdtage. -- Meuterei. -- Asmani und Mabruki legen
auf mich an. -- Der Frieden wiederhergestellt. -- Bombay erhält
wieder Prügel und wird in Ketten gelegt. -- Charakteristik meiner
wichtigsten Leute. -- Ankunft in Ziwani. -- Der Honigvogel. --
Utende. -- Mwaru. -- Ankunft in Mrera. -- Allerlei Arbeit.
UNYAMWEZI.
Von Kwihara nach: St. M.
Mkwenkwe 1 30
Inesuka 2 --
Kasegera 3 --
Kigandu 2 45
Ugunda 7 --
Benta 3 15
Kikuru 5 --
Ziwani 4 --
Manyara 6 30
UKONONGO.
Von Manyara nach: St. M.
Gombéfluss 4 15
Ziwani 5 20
Tongoni 1 30
Lager 5 15
Marefu 3 --
Utende 7 15
Mtoni 4 --
Mwaru 5 15
Mrera 5 13
Der 20. September war da. An diesem Tage hatte ich beschlossen,
mich von den Leuten, die mich mit ihren Zweifeln, Befürchtungen und
Meinungen quälten, zu trennen und den Marsch nach Udschidschi auf einem
südlichen Wege anzutreten. Ich war sehr schwach vom Fieber, das mich am
Tage vorher gepackt hatte, und es war höchst thöricht, unter solchen
Umständen einen Marsch anzufangen. Ich hatte aber gegen Scheikh bin
Nasib damit renommirt, dass ein weisser Mann sein Wort nie bricht, und
mein Ruf als Weisser wäre ruinirt gewesen, wenn ich zurückgeblieben
oder den Marsch infolge von Schwäche verschoben hätte.
Ich musterte die ganze Karavane ausserhalb meines Tembé; unsere Fahnen
und Flaggen wurden entfaltet, die Leute hatten ihre Lasten auf die
Mauern abgelegt und lachten und schrien ihre Neger-Prahlereien gehörig
hinaus. Alle Araber, mit Ausnahme von Scheikh bin Nasib, den ich durch
meine eigensinnige Opposition gegen seine Wünsche verletzt, hatten sich
aus Neugierde versammelt, um Zeugen unserer Abreise zu sein. Der alte
Scheikh dagegen legte sich zu Bette, schickte aber seinen Sohn, um mir
noch ein Stückchen philosophischer Sentimentalität zu überbringen, die
ich als die letzten Worte des patriarchalischen Scheikh, des Sohnes von
Nasib, des Sohnes von Ali, des Sohnes von Sayf aufbewahren solle. Armer
Scheikh! hättest du gewusst, was diesem Eigensinn, dieser eselhaften
Störrigkeit, den falschen Weg einzuschlagen, zu Grunde lag, was würdest
du erst dann gesagt haben? Der Scheikh aber tröstete sich mit dem
Gedanken, dass ich wol besser wisse als er, was ich vorhabe. Auch ist
das sehr wahrscheinlich; doch wird weder er noch irgendein Araber ganz
genau das Motiv erfahren, das mich überhaupt zum Marsch nach Westen
trieb, wo doch der Weg nach Osten soviel leichter war.
Meine Tapfern, die ich für einen raschen Marsch nach einem unbestimmten
Ziele ausserhalb Unyanyembé angeworben, hiessen wie folgt:
1. John William Shaw aus London.
2. Selim Heschmy aus Jerusalem.
3. Sidy Mbarak Mombay aus Zanzibar.
4. Mabruki Speke „
5. Ulimengo „
6. Ambari „
7. Uledi „
8. Asmani „
9. Sarmian „
10. Kamua „
11. Zaidi „
12. Khamisi „
13. Tschaupereh aus Bagamoyo.
14. Kingaru „
15. Belali „
16. Ferous aus Unyanyembé.
17. Rodschab aus Bagamoyo.
18. Mabruk Unyanyembé aus Unyanyembé.
19. Mtamani aus Unyanyembé.
20. Tschanda aus Maroro.
21. Sadala aus Zanzibar.
22. Kombo „
23. Saburi der Grosse aus Maroro.
24. Saburi der Kleine „
25. Marora „
26. Feradschi (Koch) aus Zanzibar.
27. Mabruk Salim „
28. Baraka „
29. Ibrahim aus Maroro.
30. Mabruk Ferous aus Maroro.
31. Baruti aus Bagamoyo.
32. Umgareza aus Zanzibar.
33. Hamadi (Führer) aus Zanzibar.
34. Asmani „ „
35. Mabruk „ „
36. Hamdallah (Führer) aus Tabora.
37. Dschumah aus Zanzibar.
38. Maganga aus Mkwenkwe.
39. Muccadum aus Tabora.
40. Dasturi „
41. Tumayona aus Udschidschi.
42. Mparamoto „
43. Wakiri „
44. Mufu „
45. Mpepo „
46. Kapingu „
47. Maschischauga „
48. Muheruka „
49. Missossi „
50. Tufum Byah „
51. Madschwara (Knabe) aus Uganda.
52. Belali (Knabe) aus Uemba.
53. Kalulu (Knabe) aus Lunda.
54. Abdul Kader (Schneider) aus Malabar.
Das sind die Männer und Jünglinge, die ich mir ausgewählt, damit
sie als meine Gefährten auf der anscheinend unnützen Mission, den
verlorenen Reisenden David Livingstone aufzusuchen, sich die Krone der
Unsterblichkeit verdienten. Die Waaren, mit denen ich sie belastet,
bestanden aus 1000 Doti oder circa 4000 Meter Zeug, sechs Beutel
Perlen, vier Lasten Munition, einem Zelt, einem Bett, Kleidern,
einem Kasten Medicin, einem Sextanten und Büchern, zwei Lasten Thee,
Kaffee und Zucker, einer mit Mehl und Lichten, einer mit eingemachten
Fleischsorten, Sardinen und verschiedenen Bedürfnissen und einer mit
Kochgeräth.
Die Leute waren alle am Platz ausser Bombay. Dieser war fort und nicht
zu finden. Ich schickte also einen Mann aus, um ihn aufzutreiben. Man
fand ihn weinend in den Armen seiner Delila.
„Warum bist Du fortgegangen, Bombay, da Du doch wusstest, dass ich
abreisen wollte und wartete?“
„O Herr, ich sagte meiner Geliebten Lebewohl.“
„Wirklich?“
„Ja, Herr. Thun Sie das nicht, wenn Sie weggehen?“
„Still!“
„Zu Befehl.“
„Was fehlt Dir denn, Bombay?“
„Nichts.“
Da ich sah, dass er wol in der Laune war, sich mit mir vor den
ausserhalb meines Tembé als Zuschauer versammelten Araber zu zanken und
ich durch nichts in meinen Absichten gestört werden wollte, so war ich
veranlasst, Bombay mit meiner Peitsche einige Streiche zu versetzen,
was seinen heissen Zorn alsbald abkühlte, auf mein Haupt jedoch laute
einstimmige Einwendungen seitens meiner angeblichen arabischen Freunde
herabzog. „Aber, Herr, thun Sie das doch nicht, halten Sie doch ein.
Der arme Mensch weiss besser als Sie, was Ihnen und ihm auf dem Wege,
den Sie einschlagen wollen, bevorsteht.“
Wenn irgendetwas geeignet war, mich noch mehr in Wuth zu versetzen als
Bombay’s Unverschämtheit vor dieser Menge, so war es diese ungebetene
Einmischung in meine eigenen Angelegenheiten. Ich hielt aber an mich
und sagte ihnen nur mit lauter Stimme, ich wünschte nicht, dass sie
sich in meine Sachen mischten, wenn sie sich nicht mit mir zanken
wollten.
„Nein, nein, Bana“, riefen sie alle, „wir wünschen nicht mit Ihnen zu
streiten. Im Namen Gottes! schlagen Sie Ihren Weg in Frieden ein.“
„Leben Sie wohl“, sagte ich und drückte ihnen die Hand.
„Adieu, leben Sie wohl, Herr! Wir wünschen Ihnen alle gut Glück. Gott
sei mit Ihnen und führe Sie!“
„Marsch!“ Eine Abschiedssalve wurde abgefeuert, die Flaggen wurden von
den Führern in die Höhe gehoben, jeder Pagazi stürzte auf seine Last
zu und in kurzer Zeit war der vordere Theil der Expedition mit Gesang
und Geschrei um das westliche Ende meines Tembé die Strasse nach Uganda
entlang abgezogen.
„Nun, Herr Shaw, ich warte auf Sie. Steigen Sie auf Ihren Esel, wenn
Sie nicht zu Fuss gehen können.“
„Bitte, Herr Stanley, ich fürchte, ich kann nicht mitgehen.“
„Wieso?“
„Ich weiss es nicht; ich fühle mich aber sehr schwach!“
„Das bin ich auch. Wie Sie wissen hat mich das Fieber erst spät gestern
Abend verlassen. Ziehen Sie sich doch nicht vor diesen Arabern zurück.
Bedenken Sie, dass Sie ein Weisser sind. Hier Selim, Mabruki, Bombay,
helft Herrn Shaw auf seinen Esel und geht neben ihm.“
„O Bana, Bana, nehmen Sie ihn nicht mit! Sehen Sie denn nicht, dass er
krank ist?“ sagten die Araber.
„Ihr bleibt mir davon! Nichts kann mich daran hindern, ihn mitzunehmen.
Er soll mit. Bombay! vorwärts!“ --
So war der Rest meiner Gesellschaft auf den Weg gebracht. Das bis vor
kurzem noch so geschäftige Tembé hatte ein ödes, verlassenes Aussehen
gewonnen. Ich wandte mich gegen die Araber, lüftete meinen Hut und
sagte noch einmal Lebewohl. Dann kehrte auch ich mich in Begleitung
meiner vier jungen Flintenträger Selim, Kaluli, Madschwara und Bilali
gen Süden.
Ehe wir 5 Kilometer gegangen erhob der wilde Unyamwezi-Esel, der von
hinten vom schlauen Mabruki gekitzelt wurde, die Hinterbeine und John
Shaw, der nie ein guter Reiter gewesen, lag der Länge lang in der Nähe
eines Dornbusches auf dem Boden. Er schrie auf und wir liefen alle hin,
um ihm zu helfen.
„Was gibt’s, mein lieber Freund?“ fragte ich, „haben Sie Schaden
genommen?“
„O mein Gott, mein Gott! Lassen Sie mich doch umkehren, Herr Stanley!“
„Etwa weil Sie von einem Esel heruntergefallen sind? Fassen Sie nur
Muth. Es würde mir sehr leidthun, wenn ich sagen müsste, dass Sie
zurückgeblieben. In vier bis fünf Tagen werden Sie selbst über dies
kleine Misgeschick lachen. Fast alle Menschen fühlen sich etwas
weichherzig, wenn sie einen angenehmen Ort verlassen. Steigen Sie
nur wieder auf Ihren Esel, alter Freund! Entschliessen Sie sich doch
mitzugehen! Dann geht’s auch.“
Noch einmal halfen wir ihm hinauf; trotzdem überlegte ich mir aber die
ganze Zeit, ob es nicht viel besser sei, den Menschen zurückzuschicken,
als ihn wider seinen Willen fast mit Gewalt mehrere hunderte Meilen,
die zwischen mir und Udschidschi liegen mussten, mitzuschleppen. Wenn
er nun unterwegs stürbe? Vielleicht war er wirklich krank? Nein, das
ist er nicht, er stellt sich blos so. Ich gestehe aber, ich hätte ihn
an Ort und Stelle zurückgeschickt, wenn ich nicht der Ueberzeugung
gewesen wäre, dafür von den Arabern ausgelacht zu werden.
Nach einem halbstündigen Marsche wurde die Situation belebter. Shaw
fing an sich zu amüsiren. Bombay hatte unsern Zank vergessen und
versicherte, wenn ich durch Mirambo’s Land ziehen könne, so würde
auch ich den Tanganika erreichen. Dasselbe glaubt Mabruki-Speke.
Selim freute sich, Unyanyembé zu verlassen, wo er soviel vom Fieber
gelitten, und in dem kühnen Aussehen der Hügel, die sich über schöne
Thäler erhoben, lag etwas, das auch mich belebte und zu meiner Reise
ermuthigte.
In 1½ Stunden kamen wir in unserm Lager in dem Kinyamwezi-Dorfe
Mkwenkwe an, dem Geburtsort unsers berühmten Sängers Maganga.
Mein Zelt wurde aufgeschlagen und die Güter in einem der Tembés
zusammengelegt; die Hälfte der Leute war aber nach Kwihara
zurückgegangen, um sich noch einmal von ihren Frauen und Freundinnen zu
verabschieden.
Gegen Abend wurde ich wieder einmal vom Wechselfieber befallen. Vor dem
Morgen war es zwar wieder fort, hatte mich aber schrecklich schwach und
matt gemacht. Ich hatte die Unterhaltung der Leute untereinander bei
ihren Lagerfeuern über die wahrscheinlichen Aussichten für den nächsten
Tag mit angehört. Unter ihnen war die Frage aufgeworfen worden, ob
ich den Marsch weiter fortsetzen würde. Fast alle waren der Ansicht,
dass, da der Herr krank sei, ein Marsch nicht stattfinden werde. Mich
trieb dagegen ein höchster Grad von Eigensinn an, ihrer Lässigkeit
Trotz zu bieten. Als ich aber zu meinem Zelt hinaustrat, um ihnen zu
befehlen, sich fertig zu machen, fand ich, dass wenigstens zwanzig von
ihnen fehlten. Auch war Livingstone’s Briefträger Kaif-Halek -- oder
„Wie befinden Sie sich?“ -- noch nicht mit dem Briefbeutel desselben
angekommen.
Ich suchte zwanzig der stärksten und treuesten Leute aus und schickte
sie nach Unyanyembé zurück, um die fehlenden Leute aufzusuchen, und
Selim sollte zugleich von Scheikh bin Nasib eine lange Sklavenkette
borgen oder kaufen.
Zur Nacht kehrten meine Polizisten mit neun der fehlenden Leute zurück.
Die Wadschidschi aber waren alle zusammen desertirt und liessen sich
nicht auffinden. Selim kam auch heim mit einer starken Kette, mit
der man wenigstens zehn Leute in die daran befindlichen Halsbänder
schliessen konnte. Auch Kaif-Halek erschien mit seinem Briefbeutel,
den er unter meinem Geleit an Livingstone bringen sollte. Darauf hielt
ich eine Anrede an die Leute und zeigte ihnen die Sklavenkette vor.
Ich sagte ihnen, ich sei der erste Weisse, der eine Sklavenkette auf
die Reise mitgenommen habe; da sie sich aber alle so sehr fürchteten,
mich zu begleiten, sei ich gezwungen, davon Gebrauch zu machen, da
es das einzige Mittel sei, sie zusammenzuhalten. Die Guten brauchten
keine Furcht vor der Kette zu haben, nur die Deserteure, die Diebe, die
ihren Lohn nebst Geschenken, Flinten und Munition erhielten und dann
doch wegliefen, hätten sie zu fürchten. Diesmal werde ich noch keinen
in Ketten legen, wenn aber für die Folge wieder jemand desertire, so
werde ich halten lassen, den Marsch nicht eher aufnehmen, bis ich
ihn gefunden, und dann solle er mit der Sklavenkette um den Hals
nach Udschidschi marschiren. „Hört Ihr?“ „Ja“, lautete die Antwort.
„Versteht Ihr?“ „Ja.“
Um 6 Uhr abends brachen wir auf und schlugen den Weg nach Inesuka ein,
wo wir um 8 Uhr abends ankamen.
Als wir am nächsten Morgen im Begriff waren den Marsch anzutreten,
entdeckten wir, dass wiederum zwei weggelaufen waren. Sofort wurden
Baraka und Bombay nach Unyanyembé geschickt, um die beiden fehlenden
Leute Asmani und Kingaru zurückzubringen, mit dem bestimmten Befehl,
nicht ohne sie heimzukehren. Kingaru war, wie der Leser sich erinnern
wird, jetzt schon zum dritten mal davongelaufen. Während diese
Verfolgung vor sich ging, hielten wir im Dorfe Inesuka, hauptsächlich
um Shaw’s willen.
Am Abend wurden die unverbesserlichen Deserteure zurückgebracht und,
wie ich gedroht hatte, tüchtig geprügelt und in Ketten gelegt, um sie
vor einer nochmaligen Versuchung zu sichern. Bombay und Baraka hatten
eine romantische Geschichte über ihre Gefangennahme zu erzählen, und da
ich bei sehr guter Stimmung war, so wurden ihre Dienste mit je einem
schönen Tuch belohnt.
Am folgenden Morgen verschwand wieder ein Lastträger, welcher seinen
Miethslohn von 15 neuen Tuchen sowie auch noch eine Flinte mitnahm.
Aber noch irgendwo in der Nähe von Unyanyembé halt zu machen war
eine Gefahr, die nur dadurch vermieden werden konnte, dass wir ohne
Aufenthalt durch die südlichen Dschungelländer weiter reisten. Man
wird sich erinnern, dass ich den gefürchteten Schneider Abdul Kader in
meinem Gefolge hatte, welcher von Bagamoyo mit glänzenden Hoffnungen
auf die Elfenbeinschätze auszog, die er sich im Innern von Afrika
erwerben könne. An diesem Morgen flehte Abdul Kader aus Furcht vor den
angeblich drohenden Gefahren um seine Entlassung. Er schwor mir zu, er
sei krank und ausser Stande, weiter zu gehen. Da ich seiner ohnehin
ziemlich überdrüssig war, zahlte ich ihn in Tuch aus und liess ihn
laufen.
Ungefähr auf dem halben Wege nach Kasegera erkrankte Mabruk Salim
plötzlich an Erbrechen, Diarrhöe und einem beständigen Abgang von
Würmern. Ich behandelte ihn mit einem Gran Kalomel und einigen Unzen
Branntwein. Da er ausser Stande war zu gehen, so versah ich ihn mit
einem Esel. Ein anderer Mann, namens Zaidi, wurde vom Rheumatismus
befallen. Shaw stürzte auch zweimal von dem Thiere, das er ritt, und
es bedurfte sehr vieler guter Worte, um ihn wieder zum Aufsteigen zu
bewegen. Wahrhaftig, meine Expedition wurde vom Misgeschick verfolgt
und es schien, als ob die Schicksals-Göttinnen unsere Rückkehr
beschlossen hätten. Es sah wirklich so aus, als ob alles zu Grunde
ginge. Wenn ich nur 14 Tage weit von Unyanyembé wäre, so wäre ich,
meiner Ansicht nach, gerettet.