ungefähr um 10 Uhr ein beständiges Feuern aus der Gegend von Tabora.
Wir stürzten von unserer Arbeit an die Vorderthür, von wo aus man nach
Tabora sieht und hörten deutlich bedeutendes Kleingewehrfeuer und
zerstreutes Schiessen. Als ich auf das Dach meiner Tembé stieg, sah
ich mit meinen Gläsern den Rauch der Flinten. Einige meiner Leute, die
ich ausschickte, um die Ursache zu ermitteln, kamen mit der Nachricht
zurück, Mirambo habe Tabora mit mehr als 2000 Mann angegriffen und
eine Schar von mehr als 1000 Watuta, die sich mit ihm des Raubes wegen
verbündet, habe plötzlich Tabora auch von andern Seiten angegriffen.
Später am Tage, ungefähr gegen Mittag, sahen wir, als wir den niedrigen
Sattel, über welchem man Tabora erblicken kann, beobachteten,
denselben von Flüchtlingen aus jener Colonie dicht besetzt, die zu uns
nach Kwihara um Schutz flohen. Von diesen Leuten erhielten wir die
traurige Nachricht, dass der edle Khamis bin Abdullah, sein kleiner
Schützling Khamis, Mohammed bin Abdullah, Ibrahim bin Raschid und
Sayf, der Sohn Ali’s, des Sohnes von Scheikh, des Sohnes von Nasib,
erschlagen worden seien.
Als ich mich nach den Einzelheiten des Angriffs und der Todesart dieser
Araber erkundigte, hörte ich, Khamis bin Abdullah sei nebst einigen
gerade bei ihm anwesenden Hauptarabern nach dem ersten Feuer, das die
Einwohner von Tabora von dem feindlichen Ueberfalle benachrichtigte,
auf das Dach seines Tembé gestiegen und habe mit dem Fernglase nach der
Richtung geschaut, woher das Feuern kam. Zu seiner grossen Verwunderung
habe man die Ebene von Tabora von heranrückenden Wilden erfüllt gesehen
und etwa zwei Meilen davon, nahe bei Kazima, ein aufgeschlagenes Zelt
erblickt, von dem er wusste, dass es Mirambo gehöre, weil es ihm von
den Arabern von Tabora, als sie noch in guten Beziehungen zueinander
standen, geschenkt worden war.
Khamis bin Abdullah sei nun mit den Worten ins Haus hinabgestiegen:
„Lasst uns ihm entgegenziehen. Bewaffnet Euch, meine Freunde, und
begleitet mich!“ Seine Freunde riethen ihm sehr, sein Tembé nicht zu
verlassen, denn solange ein jeder Araber sich in seinem Tembé hielte,
seien sie den verbündeten Ruga-Ruga und Watuta über und über gewachsen.
Khamis aber rief ungeduldig aus: „Würdet Ihr uns rathen, aus Furcht
vor diesem Mschensi (Heiden) in unsern Tembés zu bleiben? Wer geht
mit mir?“ -- Sein kleiner Schützling, Khamis, der Sohn eines todten
Freundes, bat um die Erlaubniss, ihm seine Flinte zu tragen; Mohammed
bin Abdullah, Ibrahim bin Raschid und Sayf, der Sohn Ali’s, lauter
junge Araber aus guten Familien, die stolz darauf waren, mit dem edlen
Khamis zusammenzuleben, erboten sich auch, ihn zu begleiten. Nachdem
er hastig 80 Sklaven bewaffnet hatte, machte er sich, entgegen dem
Rathe seiner vorsichtigeren Freunde, auf den Weg und befand sich bald
seinem schlauen und entschlossenen Gegner Mirambo gegenüber. Als
dieser die Araber auf sich zukommen sah, liess er Befehl zu langsamem
Rückzug geben. Khamis, hierdurch getäuscht, stürzte sich mit seinen
Freunden hinter Mirambo her. Plötzlich aber liess dieser seine Leute
in geschlossener Ordnung gegen sie vorrücken und bei dem Anblick des
rasch gegen sie unternommenen Sturmlaufs ergriffen Khamis’ Sklaven die
wilde Flucht und überliessen, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen,
ihren Herrn dem Schicksal, das ihn jetzt ereilte. Die Wilden umgaben
nämlich die fünf Araber und schossen, wennschon einige von ihnen auch
von den Schüssen der Araber fielen, so lange auf die kleine Schar, bis
Khamis bin Abdullah selbst eine Kugel ins Bein bekam, sodass er auf
die Knie sank. Jetzt erst kam er zur Erkenntniss, dass er von seinen
Sklaven verlassen sei. Trotz seiner Wunden fuhr der tapfere Mann fort
zu schiessen, bald darauf aber traf ihn eine Kugel ins Herz. Der kleine
Khamis rief darauf, als er seinen Adoptivvater fallen sah: „Mein Vater
Khamis ist todt, ich will mit ihm sterben,“ und kämpfte weiter, bis
auch er bald darauf seine Todeswunde bekam. Einige Augenblicke später
war kein einziger Araber mehr am Leben.
Spät am Abend kamen uns einige Einzelheiten über diese tragische Scene
zu. Leute, welche die Körper gesehen hatten, erzählten mir, dass die
Leiche des edlen, tapfern, stattlichen Khamis bin Abdullah von den
wilden Verbündeten Mirambo’s arg verstümmelt worden sei. Man habe ihm
die Stirnhaut, Bart und Haut von dem untern Theil des Gesichts, die
Nasenspitze, das auf dem Magen und Unterleib befindliche Fett, die
Genitalien und schliesslich ein Stück von den Fersen abgeschnitten.
In demselben Zustand fand man die Leiche seines Adoptivsohnes und
seiner gefallenen Freunde. Die auf solche Weise den Leichnamen
entnommenen Fleisch- und Hautpartien hatten natürlich die Waganga oder
Medicinmänner sich angeeignet, um aus ihnen das kräftigste Gebräu
zu fabriziren, das nach ihrer Ansicht einen Menschen gegen seine
Feinde stark macht. Dieses Getränk wird mit ihrem Ugali und Reis
zusammengemischt und dann mit dem vollkommensten Vertrauen auf seine
Wirksamkeit als feiendes Mittel gegen Kugeln und sonstige Geschosse
getrunken.
Es war ein sehr trauriger Anblick, von unserm aufgeregten Kwihara aus
fast ganz Tabora in Flammen zu erblicken und Hunderte von Leuten zu uns
strömen zu sehen.
Da ich die Bereitschaft meiner Leute, zu mir zu halten, wahrnahm, so
machte ich Vorbereitungen zur Vertheidigung, indem ich Schiessscharten
für die Musketen in die starken Lehmmauern meines Tembé bohrte. Wir
machten sie so rasch und sie schienen so vortrefflich für eine wirksame
Vertheidigung des Tembé geeignet zu sein, dass meine Leute ganz
kampflustig wurden und mit Flinten bewaffnete aus Tabora vertriebene
Wangwana-Flüchtlinge darum baten, in unser Tembé eingelassen zu werden,
um bei seiner Vertheidigung mitzuwirken. Auch Livingstone’s Leute
wurden versammelt und aufgefordert, ihres Herrn Güter gegen Mirambo’s
vermeintlichen Angriff zu vertheidigen. Zur Nacht hatte ich 150
Bewaffnete in meinem Hofraum, welche an jedem Punkt aufgestellt waren,
an dem ein Angriff zu erwarten war. Mirambo hat gedroht, er werde
morgen nach Kwihara kommen. Ich hoffe zu Gott, er wird kommen und wenn
er ins Bereich eines amerikanischen gezogenen Gewehrs sich verläuft, so
will ich doch sehen, welche Kraft in amerikanischem Blei liegt.
+23. August.+ Wir haben im Thale von Kwihara einen sehr
angstvollen Tag verlebt. Unsere Augen waren beständig auf das
unglückliche Tabora gerichtet. Man hat uns gesagt, dass nur drei
Tembés die Hitze des Angriffs ausgehalten haben. Abid bin Suliman’s
Haus ist zerstört und mehr als 200 Elfenbeinzähne, die ihm gehörten,
sind das Eigenthum dieses afrikanischen Bonaparte geworden. Mein Tembé
ist so gut ausgerüstet, als seine Bauart und Vertheidigungsmittel es
gestatten. Schiessgruben umgeben das Haus von aussen, und alle Hütten
der Eingeborenen, welche die Aussicht behinderten, sind niedergerissen,
alle Bäume und Sträucher, die als Schutz für einen Feind hätten
dienen können, sind abgehauen. Wasser und Vorräthe für sechs Tage
sind hereingebracht. Ich habe Munition genug auf zwei Wochen und,
ohne zu prahlen, glaube ich nicht, dass 10,000 Afrikaner das Haus
nehmen könnten, obwol 4-500 Europäer es leicht ohne Kanonen zu thun
vermöchten. Mit Kanonen wären 50 Europäer im Stande, es zu bewältigen.
Die Mauern sind 3 Fuss dick und die Gemächer liegen so ineinander, dass
eine verzweifelte Männerschar lange kämpfen könnte, bis der letzte Raum
genommen wäre.
Meine Nachbarn, die Araber, bemühen sich, tapfer zu erscheinen; es ist
jedoch offenbar, dass sie in Verzweiflung sind. Gerüchtweise verlautet,
dass die Araber von Kwihara, wenn Tabora genommen ist, in Masse zur
Küste eilen und das Land Mirambo überlassen wollen. Wenn dies ihre
Absichten sind und sie dieselben wirklich ausführen, so werde ich mich
in einer schönen Situation befinden. Wenn sie mich jedoch wirklich
verlassen, so wird Mirambo keinen Vortheil von meinen und Livingstone’s
Vorräthen haben, denn ich werde das ganze Haus und alles, was sich
darin befindet, verbrennen. Das ist mein Entschluss. Aber was in aller
Welt wird aus Shaw werden? In einer solchen kritischen Lage würde ihn
niemand tragen.
+24. August.+ Die amerikanische Flagge weht noch über meinem Hause
und die Araber sind noch in Unyanyembé.
Ungefähr um 10 Uhr morgens kam ein Bote von Tabora mit der Frage,
ob wir sie nicht gegen Mirambo unterstützen wollten. Anfangs fühlte
ich mich sehr geneigt, ihnen zu helfen; nachdem ich aber die Sache
gründlich erwogen und mir die Fragen vorgelegt hatte: ob es klug sei?
ob ich verpflichtet sei zu gehen? was aus meinen Leuten werden würde,
wenn ich getödtet sei? ob sie mich wieder im Stich lassen würden? und
an das Schicksal des Khamis bin Abdullah dachte, liess ich ihnen sagen,
dass ich nicht kommen werde; sie müssten sich ja in ihren Tembés gegen
die Truppenmacht Mirambo’s völlig sicher fühlen; ich würde mich sehr
freuen, wenn sie ihn dazu bringen könnten, nach Kwihara zu kommen, in
welchem Falle ich es versuchen würde, ihn todtzuschiessen.
Mirambo und seine Hauptoffiziere sollen Schirme über den Köpfen tragen
und er selbst langes Haar wie ein Mnyamwezi-Pagazi und einen Bart
haben. Sollte er kommen, so werden alle mit Schirmen versehenen Leute
von einem Regen von Kugeln überschüttet werden in der Hoffnung, dass
eine so glücklich sei, ihn zu treffen. Nach den Vorstellungen des
Volkes sollte ich mir eine Kugel aus Silber giessen; ich habe aber kein
Silber bei mir. Allenfalls könnte ich mir eine aus Gold anfertigen.
Um 12 Uhr ging ich zu Scheikh bin Nasib und liess ungefähr 100 Leute
in meinem Hause, um es während meiner Abwesenheit zu bewachen. Dieser
alte Mann ist in seiner Art ein vollständiger Philosoph. Ich möchte
ihn einen Professor der praktischen Philosophie nennen. Gewöhnlich ist
er voll Sentenzen und Aphorismen und ein sehr bedächtiger Charakter.
Ich war also erstaunt, ihn in Verzweiflung zu finden, seine Aphorismen
haben ihn im Stich gelassen, seine Philosophie ist nicht im Stande
gewesen, sich im Unglück zu bewähren. Er hörte mir mehr wie ein
Sterbender, als wie ein Mann zu, der alle Mittel zur Vertheidigung und
zum Angriff besitzt.
Ich habe ihm seinen Zweipfünder mit Kugeln, Schrot und kleingehackten
Eisenstücken geladen und ihm den Rath ertheilt, denselben nicht früher
abzufeuern, als bis Mirambo’s Leute vor seinen Thoren wären.
Um 4 Uhr nachmittags hörte ich, dass Mirambo sich nach Kazima, einem
einige Meilen nordwestlich von Tabora belegenen Ort, begeben habe.
+26. August.+ Heute Morgen zogen die Araber aus, um Kazima
anzugreifen, gaben es aber wieder auf, weil Mirambo um einen Tag Frist
gebeten hatte, um das Fleisch, das er ihnen gestohlen, verzehren zu
können. Er hat sie unverschämterweise eingeladen, morgen früh zu
kommen, zu welcher Zeit er sie gründlich durchklopfen werde.
Kwihara hat sein friedfertiges Aussehen wieder erlangt; Flüchtlinge
drängen sich nicht mehr verzweifelt in der engen Räumlichkeit umher.
+27. August.+ Mirambo hat sich während der Nacht zurückgezogen,
und als die Araber sich mit einer Truppenmacht auf den Weg machten, um
das Dorf Kazima anzugreifen, fanden sie es leer.
Die Araber halten heute Kriegsrath und Zusammenkünfte, die sie sehr zu
lieben scheinen, nach denen sie aber nur langsam zur That schreiten.
So z. B. waren sie im Begriff, sich mit den Watuta des Nordens zu
verbünden; Mirambo ist ihnen jedoch darin zuvorgekommen. Ferner
sprachen sie davon, Mirambo’s Gebiet zum zweiten mal zu überfallen;
Mirambo aber hat Unyanyembé mit Feuer und Schwert überzogen, manchem
Haushalt den Tod gebracht und ihre Edelsten erschlagen.
Die Araber bringen ihre Stunden mit blossen Reden zu, während doch
die Strassen nach Udschidschi und Karagweh ihnen unzugänglicher denn
je sind. In der That sprechen viele einflussreiche Araber davon, nach
Zanzibar zurückzukehren, indem sie behaupten: Unyanyembé sei zu Grunde
gerichtet. Ich habe alle Achtung vor ihnen verloren.
Da ich die Unmöglichkeit einsehe, mir Wanyamwezi-Pagazi zu
verschaffen, miethe ich mittlerweile zu meiner Reise nach Udschidschi
Wangwana-Ueberläufer, die in Unyanyembé wohnen, zu dreifachen
Preisen; habe aber nicht viel Erfolg dabei. Einem jeden werden 30
Doti angeboten, während der gewöhnliche Miethpreis eines Lastträgers
nur 5-10 Doti bis nach Udschidschi beträgt. Ich brauche 50 Menschen
und beabsichtige 60-70 Lasten hier unter der Obhut einer Wache
zurückzulassen. Mit Ausnahme eines kleinen Koffers werde ich mein
ganzes persönliches Gepäck hier lassen.
+28. August.+ Heute keine Nachricht von Mirambo. Shaw wird wieder
kräftiger.
Scheikh bin Nasib hat mich heute besucht, hatte mir aber, ausser seinen
kleinen philosophischen Aussprüchen, nichts zu sagen.
Ich habe mich entschlossen, nachdem ich mir das Land angesehen, eine
fliegende Karavane auf einer südlichen Strasse durch das nördliche
Ukonongu und Ukawendi nach Udschidschi zu führen. Heute Abend hat
Scheikh bin Nasib diesen Entschluss erfahren.
+29. August.+ Shaw ist heute aufgestanden, um ein wenig zu
arbeiten. Doch ach! alle meine schönen feingesponnenen Pläne, zu Boot
über den Victoria-Nyanza und dann den Nil hinabzugehen, sind, wie
ich fürchte, an diesem Kriege mit Mirambo, dem schwarzen Bonaparte,
vollständig gescheitert. Zwei Monate schon sind hier vergeudet. Die
Araber nehmen sich so viel Zeit, um schlüssig zu werden. Rathschläge
und Worte haben sie genug, so viel wie Grashalme in unserm Thal, aber
es fehlt an Entschlossenheit. Die Hoffnung und Stütze der Araber ist
todt, seitdem Khamis bin Abdullah nicht mehr ist. Wo sind jetzt die
Krieger, von denen die Barden der Wangwana und Wanyamwezi singen? Wo
ist der mächtige Kisesa -- der grosse Abdullah bin Nasib? Wo ist der
Sayd, der Sohn des Madschid? Kisesa ist in Zanzibar und Sayd, Sohn des
Madschid, befindet sich in Udschidschi und weiss noch gar nicht, dass
sein Sohn im Walde von Wilyankuru gefallen ist.
Shaw wird rasch besser. Es gelingt mir noch immer nicht, Soldaten zu
bekommen. Fast verzweifle ich daran, je im Stande zu sein, von hier
fortzukommen. Es ist ein so schläfriges, träumendes, langsames Land.
Die Araber, Wangwana, Wanyamwezi sind alle gleich; niemand von ihnen
bekümmert sich um die Flüchtigkeit der Zeit. Ihr „Morgen“ bedeutet
bisweilen einen Monat. Für mich ist das geradezu zum Tollwerden.
+30. August.+ Shaw will nicht arbeiten. Ich kann ihn nicht dazu
bewegen, sich zu rühren; habe ihn mit Bitten und Schmeicheleien
bestürmt, ihm sogar kleine Leckerbissen gekocht. Während ich aber jeden
Nerv anspanne, um nach Udschidschi zu kommen, begnügt sich jener damit,
theilnahmlos zuzusehen. Wie hat sich doch der kühne, gewandte Mann seit
Zanzibar verändert!
Heute setzte ich mich mit meiner Handarbeit an seine Seite, um ihn
zu ermuthigen und habe ihm zum ersten mal die eigentliche Aufgabe
meiner Mission mitgetheilt. Ich erzählte ihm, dass mir die Geographie
des Landes nicht halb so sehr am Herzen liege, als das Auffinden
Livingstone’s. Zum ersten mal sagte ich ihm: „Nun, mein lieber
Shaw, Sie glauben wol, dass ich hergeschickt bin, um die Tiefe des
Tanganika zu messen? Durchaus nicht, mein Freund; man hat mir befohlen,
Livingstone aufzusuchen. Um Livingstone’s willen bin ich hier, nur
seinetwegen habe ich mich auf die Reise begeben. Sehen Sie nicht, alter
Freund, die Wichtigkeit dieser Mission ein? Begreifen Sie nicht, dass
Sie einen grossen Lohn von Herrn Bennett bekommen werden, wenn Sie mir
helfen? Ich bin fest überzeugt, dass, wenn Sie je nach New York kommen,
Sie nie um eine 50 Dollarnote verlegen sein werden. Also werden Sie
munter, tummeln Sie sich und sehen Sie heiter aus! Sagen Sie sich, Sie
wollen nicht sterben, das ist schon der halbe Kampf. Lachen Sie über
das Fieber, dann will ich Ihnen garantiren, dass das Fieber Sie nicht
tödtet. Ich habe Medizin genug für ein Regiment bei mir.“
Umsonst, -- ich sprach wie zu einer leblosen Mumie. Zwar wurden seine
Augen etwas heller, aber das Licht derselben wurde bald schwächer und
schwand. Ich wurde ganz entmuthigt; machte etwas starken Punsch, um
ihm Feuer in die Adern zu giessen, auf dass ich wieder Leben in ihm
sähe. Ich bereitete den Punsch mit Zucker und Eiern und machte ihn
mit Limonen und Gewürz schmackhaft. „Trinken Sie doch, Shaw“, sagte
ich, „und vergessen Sie Ihre elenden Leiden. Athmen Sie mir doch nicht
so ins Gesicht, als ob Sie im Begriff wären, zu sterben. Lassen Sie
diese Grimassen. Sie sind nicht krank, theurer Freund; es ist blosse
Langeweile, die Sie fühlen. Sehen Sie sich den Selim an. Ich will um
sonst etwas wetten, dass er nicht stirbt und dass ich ihn sicher zu
seinen Freunden nach Jerusalem zurückbringe. Sie werde ich auch wieder
in die Heimat führen, wenn Sie es mir gestatten wollen.“
Er rauchte seine widerliche Pfeife weiter. Wenn man seinen Athem hörte,
so meinte man, er sei im Sterben, aber er ist nicht einmal krank.
Erst neulich sagte er mir, er kenne alle die Manöver alter Seeleute,
die sie anwenden, um sich auf dem Meere von der Arbeit zu drücken.
Ich bin überzeugt, dass er auch mir solch einen Streich spielt.
Dieses Wechselfieber! -- ich kenne ja jedes Stadium desselben und bin
überzeugt, dass er es nicht hat.
Bestimmt glaube ich, dass, wenn ich einen Stock nehme, ich ihm diesen
Unsinn ausprügeln könnte.
+1. September.+ Nach dem Bericht von Thani bin Abdullah, den ich
heute in seinem Tembé in Maroro besucht habe, hat Mirambo bei seinem
Angriff auf Tabora 200 Mann verloren. Der Verlust der Araber besteht
aus 5 Arabern, 13 Freien und 8 Sklaven; ausserdem sind 3 Tembés und
mehr als 100 kleine Hütten verbrannt und 280 Elfenbeinzähne, 60 Kühe
und Bullenkälber weggenommen.
+3. September.+ Ein Packet Briefe und Zeitungen von Kapitän Webb
in Zanzibar erhalten. Wie schön ist es, dass Freunde selbst im fernen
Amerika des Abwesenden in Afrika gedenken! Man sagt mir, dass niemand
eine Ahnung davon hat, dass ich schon in Afrika bin.
Ich habe mich heute an Scheikh bin Nasib gewandt, damit er
Livingstone’s Karavane unter meiner Führung nach Udschidschi gehen
lasse; er wollte aber gar nichts davon hören und ist überzeugt, ich
gehe meinem Tode entgegen.
+4. September.+ Heute ist Shaw ganz wohl, wie er sagt, aber Selim
liegt am Fieber darnieder. Die Zahl meiner Leute mehrt sich allmählich,
obgleich einige meiner alten Soldaten fortfallen. Umgareza ist blind;
Baruti hat die Pocken in sehr hohem Grade; Bilali eine merkwürdige
Krankheit, ein Geschwür oder so etwas am Rücken, und Sadala hat das
Mukunguru (Wechselfieber).
+5. September.+ Heute Morgen ist Baruti gestorben. Er war einer
meiner besten Soldaten und gehörte zu den Begleitern Speke’s in
Aegypten. Dies ist der siebente Todte, den ich seit Zanzibar habe.
Heute haben mir die Berichte der Araber über den Zustand des Landes,
durch das ich zu reisen beabsichtige, das Leben schwer gemacht. „Die
Wege sind schlecht und sämmtlich versperrt; die Ruga-Ruga schwärmen in
den Wäldern; die Wakonongo kommen vom Süden, um Mirambo zu helfen; die
Waschensi befinden sich untereinander im Kriege.“ Meine Leute werden
entmuthigt, sie sind von den Befürchtungen der Araber und Wanyamwezi
angesteckt. Bombay fängt an zu meinen, dass ich besser daran thäte,
jetzt zur Küste zurückzukehren und später einen neuen Versuch zu machen.
Wir haben Baruti unter dem Schatten des Bananenbaumes, einige Schritt
westlich von meinem Tembé begraben. Das Grab wurde 4½ Fuss tief und
3 Fuss breit gemacht. Am Grunde desselben wurde auf einer Seite ein
schmaler Graben ausgehöhlt, in den der Leichnam auf die Seite gerollt
wurde, das Gesicht nach Mekka gewandt. Die Leiche war in 1½ Doti neue
amerikanische Leinwand gekleidet. Nachdem sie richtig in ihr enges Bett
gebracht worden, wurde ein herabhängendes Dach aus Stöcken gebaut,
das mit Matten und altem Segeltuch bedeckt wurde, um zu verhindern,
dass Erde auf den Körper falle. Dann wurde das Grab unter dem lustigen
Gelächter der Soldaten zugeschüttet; darauf ein kleiner Busch auf
dasselbe gepflanzt und in ein kleines mit der Hand gemachtes Loch
Wasser gegossen für den Fall, dass er, wie sie sagten, auf seinem Wege
ins Paradies durstig werde. Schliesslich wurde das ganze Grab mit
Wasser bespritzt und der Kürbis gebrochen. Nachdem diese Ceremonie
beendet, sagten die Leute das arabische Fat-hah her, worauf sie das
Grab ihres todten Kameraden verliessen, um nicht weiter an ihn zu
denken.
+7. September.+ Ein Araber, namens Mohammed, hat mich heute mit
einem kleinen Sklaven beschenkt, der Ndugu M’hali (meines Bruders
Reichthum) heisst. Da ich den Namen nicht liebte, rief ich die
Hauptleute meiner Karavane zusammen und ersuchte sie, ihm einen bessern
zu geben. Der eine meinte, Simba (ein Löwe), der andere sagte, Ngombe
(eine Kuh) würde geeignet für den kleinen Jungen sein. Wieder ein
anderer meinte, er solle Mirambo heissen, was ein lautes Gelächter
hervorrief. Bombay meinte, Bombay Mdogo würde für meinen kleinen
Schwarzen sehr passend sein. Ulimengo aber bezeichnete, nachdem er
sich die raschen Augen und flinken Bewegungen des Kleinen angesehen,
den Namen Ka-lu-lu als den geeignetsten, „denn“, sagte er, „sehen Sie
sich nur seine hellen Augen, seine schlanke Gestalt, seine raschen
Bewegungen an; ja, Kalulu ist sein Name.“ -- „Ja, Bana“, sagten die
andern, „lassen Sie ihn Kalulu heissen.“ Kalulu ist nämlich ein
Kiswahili-Ausdruck für das Junge der blauen Antilope (perpusilla).
„Gut“, sagte ich, nachdem Wasser in einer grossen Zinnpfanne gebracht
worden und Selim, der bereit war, sein Pathe zu sein, ihn über dasselbe
gehalten, „möge sein Name von jetzt an Ka-lu-lu heissen und niemand
ihm denselben rauben!“ So kam Mohammed’s kleiner Schwarzer zu dem Namen
Kalulu.
Die Expedition nimmt an Zahl zu, sie besteht jetzt aus zwei Weissen,
einem arabischen Knaben, einem Hindu, 29 Wangwana, einem Jungen von
Londa (Cazembés), einem von Nganda und einem von Liemba oder Uwemba.
Ehe es dunkelte wurden wir stark alarmirt. Wir hörten nämlich viel
Feuern in Tabora, was uns einen Angriff auf Kwihara fürchten liess. Es
erwies sich aber, dass es nur Salutschüsse zu Ehren der Ankunft von
Sultan Kitambi waren, der dem Sultan von Unyanyembé, Mkasiwa, einen
Besuch abstatten wollte.
+8. September.+ Gegen Abend hat Scheikh bin Nasib einen Brief
von einem Araber in Mfuto erhalten mit dem Bericht, dass dieser Ort
von Mirambo und seinen Watutaverbündeten angegriffen worden sei. Auch
rieth er ihm, die Leute von Kwihara bereit zu halten, denn wenn es
Mirambo gelänge, Mfuto zu erstürmen, so würde er direct auf Kwihara
losmarschiren.
+9. September.+ Gestern wurde Mirambo mit grossem Verlust bei
seinem Angriff auf Mfuto zurückgeschlagen. Es gelang ihm zwar, ein
kleines Wanyamwezi-Dorf anzugreifen, als er aber Mfuto stürmte,
wurde er mit schweren Verlusten zurückgeworfen. Er hat dabei drei
seiner vorzüglichsten Leute eingebüsst. Nachdem er seine Truppen
zurückgezogen, machten die Einwohner einen Ausfall und folgten ihm bis
an den Wald von Umanda, wo er abermals völlig in die Flucht geschlagen
wurde und selbst in schmählicher Weise vom Felde floh.
Die Köpfe seiner im Angriff erschlagenen Hauptleute wurden nach
Kwikuru, dem Boma von Mkasiwa, gebracht.
+11. September.+ Shaw ist ein sentimentaler Schwätzer und hat eine
gute Portion von Joseph Surface’s Grundsätzen an sich. Zu Zeiten kann
er ganz beredt über die Laster der Menschen, namentlich der Reichen,
sprechen. Seine Philippiken über diesen Gegenstand verdienten eine
bessere Zuhörerschaft als ich.
Er ist häufig ganz in sich selbst vertieft und in dieser Beziehung das
gerade Gegentheil von Jack Bunsby. Statt den Horizont anzusehen, blickt
er auf den Boden mit einem Blick, der zu sagen scheint, es ist irgendwo
etwas nicht richtig, ich suche es eben festzustellen, wo es ist und wie
man es in Ordnung bringen kann.