Das machte zusammen 2255 Menschen nach den mir von Thani bin Abdullah

gegebenen und von einem von Scheikh bin Nasib besoldeten Belutsch

bestätigten Zahlen. Von diesen Leuten waren 1500 mit Flinten und

Feuerschlossmusketen, deutschen und französischen Doppelflinten,

einigen englischen Enfield- und amerikanischen Springfieldgewehren

bewaffnet. Ausserdem hatten sie meist Speere und lange Messer, um die

Todten enthaupten und aus Rache verstümmeln zu können. Pulver und

Kugeln waren reichlich vorhanden; einige der Leute hatten je hundert

Schuss und von meinen Leuten erhielt jeder sechzig.

Als wir hinauszogen aus der Veste Mfuto, mit fliegenden Bannern,

welche die verschiedenen Befehlshaber bezeichneten, mit schallenden

Hörnern und fünfzig lärmenden Basstrommeln oder Gomas, unter

reichlichen Segnungen der Mollahs und glücklichen Prophezeiungen der

Wahrsager und Korandeuter, -- wer hätte da vorhersagen können, dass

diese grosse Macht noch ehe eine Woche verflossen in dieselbe Veste

Mfuto vollständig entmuthigt und demoralisirt so rasch wie möglich

zurückkehren würde?

Das Datum, an dem wir Mfuto verliessen, um in den Krieg mit Mirambo

zu ziehen, war der 3. August. Alle meine Güter waren in Mfuto

aufgespeichert und fertig, um nach Udschidschi transportirt zu werden,

sobald wir über den afrikanischen Häuptling gesiegt haben oder

wenigstens für alle Fälle gesichert sein würden.

Lange ehe wir Umanda erreichten, befand ich mich in meiner Hängematte

von wüthenden Wechselfieberanfällen heimgesucht, die erst spät in der

Nacht aufhörten.

In dem sechs Stunden von Mfuto entfernt liegenden Umanda beschmierten

sich die Krieger mit der Medizin, welche die Weisen für sie fabrizirt

hatten und die aus einer Mischung von Matama-Mehl und dem Saft eines

Krautes bestand, dessen Eigenschaften nur den Waganga der Wanyamwezi

bekannt sind.

Am 4. August um 6 Uhr morgens waren wir wiederum marschfertig; vorher

wurde jedoch das „Manneno“ oder die Rede von dem Redner der Wanyamwezi

gehalten:

[Illustration: ANGRIFF AUF MIRAMBO.

I. S. 269.]

„Worte, Worte, Worte! Hört, Ihr Söhne von Mkasiwa, Ihr Kinder von

Unyamwezi! Der Marsch liegt vor Euch, die Diebe des Waldes erwarten

Euch. Ja, sie sind Diebe, denn sie plündern Euere Karavanen, sie

stehlen Euer Elfenbein, sie morden Euere Frauen. Sieh da, die Araber

sind bei Euch, die El Wali des arabischen Sultans, und der weisse Mann

sind bei Euch. Geht hin, der Sohn von Mkasiwa ist bei Euch! Kämpft,

tödtet, macht Sklaven, nehmt Tuch, nehmt Vieh, tödtet es, esst es und

macht Euch satt. Geht!“

Lautes, wildes Geschrei folgte dieser kühnen Anrede. Die Thore des

Dorfes wurden geöffnet und blau, roth und weiss gekleidete Soldaten

stürzten hinaus wie Gymnasten und feuerten ihre Flinten beständig ab,

um sich durch den Lärm zu ermuthigen oder Schrecken in das Herz derer

zu jagen, die uns in dem stark umhegten Zimbizo, der Ortschaft des

Sultans Kolongo, erwarteten.

Da Zimbizo nur fünf Stunden von Umanda entfernt ist, kamen wir um 11

Uhr in Sicht desselben. Wir hielten am Rande des bebauten Landes,

welches dasselbe sammt seinen Nachbardörfern umgibt, im Schatten des

Waldes. Strenger Befehl war von den verschiedenen Häuptlingen ertheilt

worden, nicht eher zu feuern, als bis sie in Schussweite von der Boma

entfernt seien.

Khamis bin Abdullah schlich durch den Wald nach dem Westen des Dorfes.

Die Wanyamwezi nahmen ihre Stellung vor dem Hauptthore und wurden von

den Truppen von Soud, dem Sohn Sayd’s, auf der Rechten und dem Sohn

von Habib auf der Linken unterstützt. Abdullah, Mussud, ich selbst und

andere trafen Vorbereitungen, die Ostpforte anzugreifen, wodurch das

ganze Dorf, mit einziger Ausnahme der Nordseite, wirksam eingeschlossen

war.

Plötzlich wurde ein Gewehrfeuer auf uns eröffnet, während wir aus dem

längs des Weges nach Unyanyembé sich hinziehenden Walde herauskamen, in

der Richtung, wo man den Anblick des Feindes erwartet hatte, und sofort

begannen die Angriffstruppen in prächtigster Weise darauf loszufeuern.

Es kamen zwar einige lächerliche Scenen vor, wo Leute sich anstellten,

als ob sie feuerten, dann aber mit der Behendigkeit hüpfender Frösche

auf die Seite, vor- oder rückwärts sprangen. Die Schlacht wurde jedoch

darum nicht weniger im Ernst geliefert. Die Hinterlader meiner Leute

verschlangen meine Metallpatronen viel schneller, als ich es gern sah;

zum Glück jedoch liess das Feuern nach und lustig stürzten wir vom

Westen, Süden, Norden ins Dorf, durch Thore und über hohe Umzäumungen,

die es umgaben. Die armen Bewohner flohen aus dem Gehege durch die

nördliche Pforte ins Gebirge, von den raschesten Läufern unserer Truppe

verfolgt und von hinten mit Kugeln aus den Hinterladern und Jagdflinten

beschossen.

Das Dorf war stark vertheidigt, und es fanden sich nicht mehr als 20

Leichname darin, da die feste, dicke Holzumzäumung eine vortreffliche

Schutzwehr gegen unsere Kugeln gebildet hatte.

Von Zimbizo zogen wir, nachdem wir eine hinreichende Truppenmacht

daselbst zurückgelassen, weiter und hatten in einer Stunde die Umgebung

vom Feinde gesäubert und noch zwei Dörfer genommen, die geplündert

und den Flammen übergeben wurden. Einige Elfenbeinzähne und etwa 50

Sklaven, sowie eine Masse Korn bildete die Beute, welche den Arabern

zufiel.

Am 5. durchstreifte eine Abtheilung Araber und Sklaven, in Stärke von

700 Mann, die Umgegend und trug Feuer und Verwüstung bis in das Boma

von Wilyankuru hin.

Am 6. führte Soud bin Sayd und etwa zwanzig junge Araber eine Truppe

von 500 Mann gegen Wilyankuru selbst, wo man annahm, dass Mirambo

sich aufhalte. Eine andere Abtheilung zog in die niedrigen von Wald

bestandenen Berge, die etwas nördlich von Zimbizo liegen, wo sie einen

jungen Walddieb im Schlaf überraschten, dem sie den Kopf vollständig

umdrehten und darauf abschnitten. Eine dritte Abtheilung machte sich

nach Süden auf und brachte einem Theil von Mirambo’s Buschräubern eine

Niederlage bei, wie wir gegen Mittag erfuhren.

Am Morgen war ich nach Sayd bin Salim’s Tembé gegangen, um ihm

vorzustellen, wie nöthig es sei, das lange Gras im Walde von Zimbizo

niederzubrennen, da es doch vielleicht Feinde verbergen könne. Bald

darauf jedoch bekam ich einen Anfall von Wechselfieber, der mich

niederwarf und nöthigte, mich in mein Lager zu begeben und in wollene

Decken zu hüllen, um zu schwitzen, was ich aber nicht eher that, als

bis ich Shaw und Bombay verboten, irgendeinen meiner Leute aus dem

Lager zu lassen. Ich hörte jedoch bald darauf von Selim, dass mehr als

die Hälfte derselben ausgezogen war, um mit Soud bin Sayd Wilyankuru

anzugreifen.

Etwa um 6 Uhr abends wurde das ganze Lager von Zimbizo von der

Nachricht erschreckt, dass alle Araber, die Soud bin Sayd begleitet,

getödtet und mehr als die Hälfte seiner Mannschaft erschlagen worden

seien. Einige meiner Leute kehrten zurück, und von ihnen erfuhr

ich, dass Uledi, der frühere Diener Grant’s, Mabruki Khatálabu (der

Vatermörder), Mabruki (der Kleine), Baruti von Useguhha und Ferahan

gefallen seien. Auch erzählten sie mir, es sei ihnen gelungen,

Wilyankuru in kurzer Zeit zu nehmen; Mirambo und sein Sohn seien

dagewesen; ersterer habe aber, nachdem sie eingezogen, seine Leute

versammelt und das Dorf verlassen. Hierauf habe er sich in das

Gras zu beiden Seiten des Weges zwischen Wilyankuru und Zimbizo

in den Hinterhalt gelegt und die Angreifer, als sie mit mehr denn

100 Elfenbeinzähnen, 60 Ballen Zeug und 2 bis 300 Sklaven auf dem

Heimwege gewesen, plötzlich auf beiden Seiten angegriffen und mit

den Speeren niedergemacht. Der tapfere Soud habe seine doppelläufige

Flinte abgeschossen und damit zwei Leute getödtet; wie er aber eben im

Begriff gewesen, abermals zu laden, habe ihn ein Speer getroffen und

durchbohrt. Alle übrigen Araber hätten dasselbe Schicksal erlitten.

Dieser plötzliche Angriff eines Feindes, den man für besiegt gehalten,

hatte die Mannschaft so demoralisirt, dass sie ihre Beute im Stich

liess und insgesammt davonlief. Erst nachdem die Leute einen weiten

Umweg durch die Wälder gemacht, kehrten sie nach Zimbizo zurück, um

ihre traurige Geschichte zu erzählen.

Die Wirkung dieser Niederlage ist gar nicht zu beschreiben. Es war

unmöglich, vor dem Geschrei der Weiber, deren Männer gefallen waren, zu

schlafen. Die ganze Nacht heulten und wehklagten sie, und dazwischen

hörte man das Stöhnen der Verwundeten, denen es gelungen war, vom

Feinde unbemerkt durch das Gras davon zu schleichen. Neue Flüchtlinge

kamen während der ganzen Nacht beständig an; von keinem meiner Leute

aber, die todt gesagt waren, wurde je wieder etwas gehört.

Am 7. zogen wir uns traurig und mistrauisch zurück; die Araber

beschuldigten sich gegenseitig, dass sie den Krieg angefangen,

ohne vorher alle friedlichen Mittel erschöpft zu haben. Stürmische

Kriegsversammlungen fanden statt, worin einige den Vorschlag machten,

sofort nach Unyanyembé zurückzukehren und in den Häusern zu bleiben.

Khamis bin Abdullah tobte als beschimpfter Fürst gegen die elende

Feigheit seiner Landsleute los. Diese stürmischen Versammlungen und

Vorschläge zum Rückzug wurden alsbald im ganzen Lager bekannt und

trugen mehr als irgendetwas anderes dazu bei, die verbündeten Truppen

der Wanyamwezi und Sklaven vollständig zu demoralisiren. Ich sandte

Bombay zu Sayd bin Salim mit dem Rath, nicht an einen Rückzug zu

denken, da dies nur Mirambo ermuthigen würde, den Kriegsschauplatz nach

Unyanyembé zu verlegen.

Nachdem ich Bombay mit dieser Botschaft abgeschickt, schlief ich ein,

wurde aber ungefähr um ½2 Uhr nachmittags von Selim mit den Worten

aufgeweckt: „Herr, stehen Sie auf; alles läuft fort und Khamis bin

Abdullah zieht selbst auch davon.“

Mit Hülfe von Selim kleidete ich mich an und wankte zur Thür. Mein

erster Anblick war der, wie Thani bin Abdullah fortgeschleppt wurde.

Als er mich erblickte, rief er: „Bana, rasch, Mirambo kommt!“ Dann

machte er sich ans Laufen und zog sich seine Jacke an, während ihm die

Augen vor Schrecken fast aus den Augenhöhlen zu treten schienen. Khamis

bin Abdullah war auch im Begriff, als letzter Araber abzuziehen. Zwei

meiner Leute wollten ihm eben folgen; doch gab ich Selim den Befehl,

diese mit einem Revolver zum Bleiben zu zwingen. Shaw sattelte seinen

Esel mit meinem Sattel, in der Absicht, mich zu verlassen und der

Barmherzigkeit Mirambo’s anheimzugeben. Es blieben mir nur Bombay,

Mabruki-Speke und Dschanda, welcher sein Mittagessen mit Gemüthsruhe

verzehrte, Mabruk Unyanyembé, Mtamani, Dschuma und Sarmian, also nur

sieben von fünfzig. Alle andern waren weggelaufen und jetzt schon über

alle Berge, ausser Uledi (Manwa Sera) und Zaidi, welche Selim mit

dem geladenen Revolver zurückgebracht hatte. Selim erhielt nun den

Befehl, meinen Esel zu satteln, und Bombay musste Shaw beim Satteln

des seinigen behülflich sein. In wenigen Augenblicken befanden wir uns

auf dem Wege, wobei die Leute sich immer nach dem verfolgenden Feinde

umsahen und die Esel mit Erfolg tüchtig antrieben, denn diese gingen

im scharfen Trabe, was mir grosse Schmerzen verursachte. Gern hätte

ich mich hingelegt, um zu sterben, das Leben hatte aber doch noch Reiz

für mich und ich hatte noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, meine

Mission glücklich zu Ende führen zu können. Mein Geist war lebhaft mit

allerlei Plänen beschäftigt während der langen, einsamen Nachtstunden,

die wir dazu brauchten, um Mfuto zu erreichen, wohin die Araber sich

zurückgezogen. In dieser Nacht fiel Shaw von seinem Esel und wollte

nicht aufstehen, obgleich wir ihn dringend darum baten. Da ich selbst

nicht verzweifelte, so wünschte ich auch nicht, dass Shaw alle Hoffnung

aufgeben solle. Er wurde also wieder auf sein Thier gehoben und je

ein Mann ihm zur Seite gestellt, um ihn zu unterstützen. So ritten

wir durch die Dunkelheit. Um Mitternacht erreichten wir Mfuto sicher

und wurden sofort in das Dorf hineingelassen, aus dem wir so tapfer

hinausgezogen und in das wir so schmachbeladen zurückkehrten.

Ich fand, dass alle meine Leute vor Eintritt der Dunkelheit hier

angekommen waren. Ulimengo, der kühne Führer, der über seine Waffen

und unsere Streitmacht so sehr gefrohlockt hatte und des Sieges so

gewiss gewesen war, hatte den elfstündigen Marsch in sechs Stunden

zurückgelegt. Der stämmige Tschaupereh, den ich als den getreuesten

meiner Leute betrachtete, war nur eine halbe Stunde nach Ulimengo

angekommen, und der muntere Khamisi, der Geck, Redner und wilde

Demagoge, war als dritter dagewesen. Speke’s „Getreue“ hatten sich

ebenso feige bewiesen, wie irgendein anderer armer Neger. Nur Selim,

der junge Araber aus Jerusalem, war tapfer und treu gewesen. Denn

Shaw, obwol geborener Europäer, hatte sich als eine mindestens ebenso

niedrige, gemeine Seele wie irgendein Neger, wenn nicht noch schlimmer

gezeigt.

Ich fragte Selim: „Warum bist Du nicht auch fortgelaufen und hast

Deinen Herrn dem Tode überlassen?“

„O“, sagte der junge Araber naiv, „ich fürchtete, dass Sie mich

peitschen würden.“

[6] Es gibt keinen Ort, der Kazeh heisst.

[Illustration: GRUPPE VON WANYAMWEZI.]

NEUNTES KAPITEL.

DAS LEBEN IN UNYANYEMBÉ. (Fortsetzung.)

Die Araber ziehen sich nach Tabora zurück. -- Ich ziehe weiter. --

Ankunft in Kwihara. -- Ich versuche eine andere Route. -- Meine Lage

wird sehr ernst. -- Farquhar’s Tod wird berichtet. -- Niederlage

der Araber in Tabora. -- Tod des Khamis bin Abdullah. -- Tabora in

Flammen. -- Vorbereitungen zur Vertheidigung. -- Der philosophische

Scheikh bin Nasib. -- Ich entschliesse mich, eine fliegende Karavane

nach Udschidschi zu führen. -- Tod des Baruti. -- Meine Leute

verlieren den Muth. -- Der kleine Bursche Kalulu. -- Taufe desselben.

-- Mirambo greift Mfuto an und wird zurückgeschlagen. -- Selim

im Fieber-Delirium. -- Zwei Führer: Asmani und Mabruki. -- Mein

Entschluss, Livingstone bestimmt aufzufinden.

Es fiel den arabischen Grössen nicht ein, dass ich Ursache habe, mich

über sie zu beklagen, dass ich ein Recht habe, mich durch ihre schnöde

Desertion verletzt zu fühlen; ich, der ich aus Freundschaftspflicht

zu ihren Gunsten zu den Waffen gegriffen. Am nächsten Morgen nach dem

Rückzuge liessen sie mir ihre Salaams zutheil werden, als ob gar nichts

passirt sei, das die guten Beziehungen zwischen uns gestört haben

könnte.

Kaum hatten sie aber Platz genommen, als ich ihnen erklärte, sie

möchten, da der Krieg nur zwischen ihnen und Mirambo ausgebrochen sei

und wol bedeutend mehr Zeit in Anspruch nehmen werde, als ich daran

wenden könne, namentlich wenn sie nach jedem kleinen Unfall weglaufen

wollten, mich, nachdem sie ihre Verwundeten und Kranken auf dem Felde

sich selbst überlassen, nicht mehr als Verbündeten ansehen. „Ich bin

überzeugt“, sagte ich, „nachdem ich Euere Art zu kämpfen angesehen,

dass der Krieg nicht in so kurzer Zeit beendet sein wird, als Ihr es

glaubt. Es hat Euch, wie ich höre, fünf Jahre gekostet, Manwa Sera zu

besiegen und zu tödten, und Ihr werdet gewiss Mirambo nicht in weniger

als einem Jahre überwältigen. Ich bin als Weisser an eine andere Art

der Kriegführung gewöhnt und verstehe etwas vom Kämpfen, habe aber

noch nie Leute aus einem Lager wie das unsrige in Zimbizo aus einem so

geringfügigen Grunde, wie bei Euch, weglaufen sehen. Dadurch habt Ihr

Mirambo aufgefordert, Euch nach Unyanyembé zu folgen, und Ihr könnt

Euch darauf verlassen, er wird es thun.“

Die Araber versicherten einer nach dem andern, sie hätten nicht die

Absicht gehabt, mich zu verlassen; die Wanyamwezi von Mkasiwa aber

hätten geschrien, der Musungu sei fort, und dieses Geschrei hätte einen

panischen Schrecken unter ihren Leuten hervorgerufen, der sich nicht

habe aufhalten lassen.

Später an demselben Tage setzten die Araber ihren Rückzug bis Tabora

fort, welches 22 Meilen von Mfuto entfernt ist. Ich beschloss,

langsamer zu reisen, und am zweiten Tage nach der Flucht von Zimbizo

marschirte meine Expedition mit allen Vorräthen zurück nach Masangi,

und erst am dritten nach Kwihara.

Die hier folgenden Auszüge aus meinem Tagebuche werden am besten die

Gefühle und Gedanken an den Tag legen, die mich um diese Zeit, nach

unserer schmachvollen Flucht, bewegten.

+Kwihara, Freitag, 11. August 1871.+ Heute aus Zimbili, dem Dorfe

Bomboma’s, angekommen. Ich bin ganz enttäuscht und fast entmuthigt,

habe aber einen Trost: ich habe den Arabern gegenüber meine Pflicht

gethan und zwar weil ich glaubte, dass ich es ihnen wegen der Güte,

mit der sie mich empfangen, schuldig sei. Jetzt jedoch habe ich meine

Schuld abgetragen und fühle mich wieder frei, kann wieder meinen

eigenen Weg gehen. Ich freue mich aus mehrfachen Gründen, dass ich

meine Schuld mit so geringen Opfern losgeworden. Hätte ich mein Leben

bei diesem Unternehmen eingebüsst, so wäre das nur eine gerechte

Strafe gewesen. Aber ausser meiner Verpflichtung gegen die Araber lag

die Nothwendigkeit vor, alles zu versuchen, um Livingstone rasch zu

erreichen. Dieser Weg, den der Krieg mit Mirambo versperrt, führt von

hier in einem Monate nach Udschidschi, und wenn er durch meine Beihülfe

rascher als ohne dieselbe wieder frei werden konnte, warum sollte ich

sie verweigern? Zum zweiten male ist der Versuch gemacht worden, nach

Udschidschi zu kommen und -- beide sind fehlgeschlagen. Jetzt werde

ich einen andern Weg versuchen, denn durch den Norden hinzuziehen

würde Thorheit sein. Mirambo’s Mutter und Volk und die Wasui liegen

zwischen mir und Udschidschi, ganz abgesehen von den Watuta, die

seine Verbündeten und Räuber sind. Die südliche Route scheint mir die

praktischere zu sein. Zwar wissen nur wenige Menschen etwas von dem

Lande im Süden und die, welche ich darum befragt habe, sprechen von

Wassermangel und räuberischen Wazavira als ernstlichen Hindernissen,

sowie dass es dort nur wenige Ansiedlungen gibt und diese weit

auseinanderliegen.

Ehe ich es aber wagen kann, diese neue Route einzuschlagen, muss ich

mir neue Leute miethen, da die, welche ich nach Mfuto mitgenommen, ihre

Verpflichtung als erloschen ansehen und der Tod von fünf Kameraden

ihre Reiselust etwas gedämpft hat. Es ist unnütz zu hoffen, dass

ich Wanyamwezi bekommen werde, denn es ist gegen ihre Gewohnheit,

Karavanen während Kriegszeiten als Lastträger zu begleiten. Daher ist

meine Lage eine sehr ernste und ich hätte Entschuldigung genug, nach

der Küste zurückzukehren, aber mein Gewissen gestattet mir dies nicht,

nachdem ich so viel Geld ausgegeben und man so grosses Vertrauen auf

mich gesetzt hat. Fürwahr, ich fühle es, dass ich lieber sterben als

zurückkehren muss.

+Sonnabend, 12. August.+ Meine Leute sind, wie ich vorausgesehen,

fortgelaufen. Sie behaupteten, ich hätte sie gemiethet, um über

Mirambo’s Weg nach Udschidschi zu gehen. Jetzt habe ich nur 13 übrig.

Wohin kann ich mit diesem kleinen Trupp gehen? Mehr als 100 Lasten

habe ich in meiner Vorrathskammer. Livingstone’s Karavane ist auch

hier; seine Güter bestehen aus 17 Ballen Tuch, 12 Kisten und 6 Beuteln

Perlen. Seine Leute schwelgen hier im besten, was das Land nur bietet.

Wenn Livingstone in Udschidschi ist, so ist er jetzt wegen Mangel an

Subsistenzmitteln ausser Stande, fortzuziehen. Auch ich kann mich

als in Unyanyembé eingeschlossen ansehen und werde wol kaum nach

Udschidschi gehen können, bis der Krieg mit Mirambo vorüber ist.

Livingstone kann seine Waaren nicht bekommen, denn sie sind hier bei

mir. Nach Zanzibar kann er auch nicht zurückkehren und der Weg nach

dem Nil ist ihm ebenfalls versperrt. Zwar könnte er vielleicht, wenn

er Leute und Vorräthe hat, Baker erreichen, indem er nach Norden durch

Urundi, Ruanda, Karagwah, Uganda, Unyoro und Ubari nach Gondokoro

zieht. Pagazi kann er aber nicht bekommen, denn die Quellen, aus denen

man sie bezieht, sind verstopft. Es ist durchaus falsch, anzunehmen,

Livingstone könne, trotz aller seiner Energie, ohne Begleitung und

einen ausreichenden Vorrath von marktüblichem Zeug und Perlen durch

Afrika reisen.

Heute erzählte mir ein Mann, Livingstone sei, als er vom See Nyassa

nach dem Tanganika reiste (gerade zur Zeit, wo man ihn für ermordet

hielt), mit Sayd bin Omar’s Karavane zusammengetroffen, die nach Ulamba

zog. Damals reiste er mit Mohammed bin Gharib. Dieser Araber, der von

Urungu kam, sah Livingstone in Tschi-cumbi’s- oder Kwa-tschi-kumbi’s

Lande und reiste mit ihm später, wie ich höre, nach Manyuema oder

Manyema. Manyema liegt 40 Märsche nördlich vom Nyassa. Livingstone

ging damals zu Fuss und war in amerikanischer Leinwand gekleidet. Er

hatte all sein Tuch im See Liemba verloren, als er in einem Boot über

denselben setzte. Damals hatte er drei Nachen bei sich. In dem einen

befand sich sein Tuch, im andern seine Kisten und einige Mannschaft,

ins dritte war er selbst mit zwei Dienern und zwei Fischern gestiegen.

Das Boot mit dem Tuch schlug um. Von Nyassa ging Livingstone nach

Ubissa, von dort nach Uemba und von da nach Urungu. Er trug eine

Mütze, hatte einen doppelläufigen gezogenen Hinterlader bei sich, für

Sprengkugeln eingerichtet. Auch war er mit zwei Revolvern bewaffnet.

Die Wahiyau, welche bei Livingstone waren, hatten diesem Manne erzählt,

ihr Herr habe viele Leute bei sich gehabt, mehrere davon seien ihm aber

desertirt.

+13. August.+ Heute kam eine Karavane von der Seeküste an. Sie

berichtete, dass William Lawrence Farquhar, den ich in Mpwapwa in

Usagara krank zurückgelassen hatte, und sein Koch gestorben seien.

Farquhar sei einige Tage, nachdem ich in Ugogo eingezogen, gestorben,

sein Koch ein paar Wochen später. Mein erster Impuls war der Gedanke an

Rache. Ich glaubte nämlich, dass Leukole falsch gegen mich gehandelt

und ihn vergiftet habe oder dass er sonst irgendwie ermordet worden

sei. Eine persönliche Unterredung mit dem Mswahili jedoch, der mir die

Nachricht überbrachte und erzählte, Farquhar sei seiner schrecklichen

Krankheit erlegen, befreite mich von diesem Verdacht. Soweit ich ihn

verstehen konnte, hätte Farquhar an dem Morgen des Tages sich für wohl

genug gehalten, weiterzuziehen, war aber beim Versuche aufzustehen,

zurückgefallen und gestorben. Auch erfuhr ich, dass die Wasagara, da

sie manche abergläubische Ansichten in Bezug auf die Todten haben,

Dschako beauftragt hätten, den Körper zur Beerdigung hinauszuschaffen

und dass dieser, ausser Stande, ihn zu tragen, ihn in ein Dickicht

geschleppt und daselbst, ohne ihn mit Erde oder sonstwie zuzudecken,

nackt hätte liegen lassen.

„Da ist also einer von uns dahin, mein lieber Shaw! Wer wird wol der

nächste sein?“ sagte ich an dem Abend zu meinem Gefährten.

+14. August.+ Einige Briefe nach Zanzibar geschrieben. Shaw wurde

gestern Abend sehr krank. Ob es Fieber ist oder was sonst, weiss ich

nicht. Ich glaube nicht, dass es Fieber ist. Ich fürchte, es ist eine

durch Ansteckung zugezogene Krankheit. Ich habe keine Arzneien dafür;

daher habe ich drei Soldaten nach Zanzibar geschickt, nachdem ich ihnen

je 50 Dollars versprochen, damit sie sich recht beeilten.

+19. August, Sonnabend.+ Meine Soldaten sind damit beschäftigt,

Perlen aufzureihen. Shaw liegt noch zu Bett. Wir hören, dass Mirambo

im Begriff ist, gegen Unyanyembé zu ziehen. Eine Abtheilung Araber

ist mit ihren Sklaven heute Morgen ausgezogen, um sich des Pulvers

zu bemächtigen, das der gefürchtete Scheikh Sayd bin Salim, der

Oberbefehlshaber der arabischen Ansiedlungen, dort gelassen hat.

+21. August, Montag.+ Shaw noch krank. 100 Fundo Perlen sind

aufgezogen. Die Araber bereiten sich auf einen neuen Ausfall gegen

Mirambo vor. Heute Morgen hat Sayd bin Salim geleugnet, dass Mirambo

gegen Unyanyembé vorgeht.

Wie ich Livingstone fand; Erster Band · 第 23 / 29 段