Die Araber, welche jetzt vor der Vorderthür meines Tembé standen, waren

die Geber der vortrefflichen Dinge, die ich am Tage vorher bekommen.

Natürlich begrüsste ich, wie es mir die Pflicht gebot, zuerst Scheikh

Sayd; dann Scheikh bin Nasib, den Consul Seiner Hoheit des Fürsten von

Zanzibar in Karagwa; darauf den edelsten Trojaner unter der arabischen

Bevölkerung, sowol was Haltung, als was Muth und Manneswürde betrifft,

Scheikh Khamis bin Abdullah; ferner den jungen Amram bin Mussud, der

jetzt Krieg gegen den König von Urori und sein aufrührisches Volk

führt; sowie den stattlichen, muthigen Soud, den Sohn von Sayd bin

Madschid; hierauf den geckenhaften Thani bin Abdullah, wie auch Massud

bin Abdullah und seinen Vetter Abdullah bin Mussud, die Eigenthümer

der Häuser, in denen früher Burton und Speke gewohnt, und schliesslich

den bejahrten Suleiman Dowa, Sayd bin Sayf, sowie den alten Hetman von

Tabora, Scheikh Sultan bin Ali.

Da der Besuch dieser Magnaten, unter deren gütigen Schutz weisse

Reisende sich nothwendig begeben müssen, nur ein formeller war, wie

ihn die echte arabische, stets steife Etikette verlangt, so ist es

unnöthig, die Unterhaltung über meine Gesundheit und ihren Reichthum,

meinen Dank und ihre Versicherungen loyaler Anhänglichkeit gegen mich

zu erzählen. Nachdem wir unsern Vorrath an Beglückwünschungen und

sonstigen Abgeschmacktheiten verbraucht, begaben sie sich fort, nachdem

sie ihren Wunsch zu verstehen gegeben, ich möge sie in Tabora besuchen

und an einem Fest, das sie im Begriff waren, mir zu geben, theilnehmen.

Drei Tage später begab ich mich aus meinem Tembé, von 18 stattlich

gekleideten Männern als Gefolge begleitet, um in Tabora eine Visite

zu machen. Nachdem wir den Sattel, über den der Weg vom Thale von

Kwihara nach Tabora führt, überschritten, lag die Ebene, auf der sich

die arabische Colonie befindet, als eine Fläche dunklen Weidelandes

vor uns, das sich vom Fuss des uns zur Linken befindlichen Berges bis

an die Ufer des nördlichen Gombé erstreckte, die sich einige Meilen

jenseits Tabora zu purpurnen Hügeln und blauen Kegeln erheben.

Dreiviertel Stunden sassen wir auf der Lehm-Veranda des Tembé von

Sultan bin Ali, der wegen seines Alters, Reichthums und seiner Stellung

-- er ist Oberst in der nicht gerade lieblichen Armee des Seyyid

Barghasch -- von seinen Landsleuten hoch und niedrig als Rathgeber

und Helfer angesehen wird. Sein Boma oder eingehegtes Grundstück

enthält ein vollständiges Dorf von bienenkorbförmig gestalteten

Hütten und viereckigen Tembés. Von hier, wo wir eine Tasse Mokka und

etwas Scherbet genossen, lenkten wir unsere Schritte nach Khamis bin

Abdullah’s Haus, der, da er mich erwartet, ein Fest bereitet hatte, zu

dem er einige Freunde und Nachbarn eingeladen. Die Gruppe stattlicher

Araber in ihren langen, weissen Kostümen und grossen gewundenen,

gleichfalls schneeweissen Kopfbedeckungen, welche dastanden, um mich in

Tabora zu begrüssen, machte einen wirkungsvollen Eindruck auf mich. Ich

kam noch zur rechten Zeit, um einem Kriegsgericht, das sie abhielten,

beizuwohnen, und man bat mich, dazubleiben, da Selim, mein arabischer

Dolmetscher, auch mit dabei war.

Khamis bin Abdullah, ein kühner, tapferer Mann, der stets bereit ist,

für die Vorrechte der Araber einzutreten und ihr Recht, in jedem Lande

ehrlich Handel zu treiben, zu vertheidigen, ist derselbe, von dem Speke

in seiner „Entdeckung der Nilquellen“ uns erzählt, dass er Maula,

einen alten Häuptling, der sich mit Manwa Sera während der Kriege von

1860 verbündet hatte, erschoss; und der darauf, nachdem er seinen

unbarmherzigen Feind fünf Jahre lang durch Ugogo und Unyamwezi bis

Ukonongo gejagt, die Befriedigung genoss, ihn zu köpfen. Dieser drang

jetzt in die Araber, ihre Rechte gegen einen Häuptling, der Mirambo von

Uyoweh hiess, in einer bevorstehenden Krisis zu behaupten.

Dieser Mirambo von Uyoweh war, wie es scheint, in den letzten Jahren

in einem Zustand chronischer Unzufriedenheit mit der Politik der

benachbarten Häuptlinge gewesen. Früher Lastträger eines Arabers,

hatte er jetzt mit der gewissenlosen Schurken eigenen Gewandtheit, die

sich nicht darum kümmern, wie sie zur Gewalt kommen, die Königswürde

usurpirt. Als der Häuptling von Uyoweh starb, zog Mirambo, das Haupt

einer die Wälder von Wilyankuru unsicher machenden Räuberbande,

plötzlich in Uyoweh ein und machte sich mit Gewalt zum obersten

Herrn. Einige glückliche Kriegszüge, welche er zur Bereicherung aller

derer ausführte, die seine Autorität anerkannten, befestigten seine

Stellung. Doch war dies nur der Anfang. Er trug den Krieg durch Ugara

nach Ukonongo, durch Usagozi an die Grenze von Uvinza, und nachdem er

die über drei Breitengrade zerstreute Bevölkerung vernichtet, plante

er einen Ausfall gegen Mkasiwa und die Araber, weil sie ihn nicht in

seinen ehrgeizigen Plänen gegen ihren Verbündeten und Freund, mit dem

sie in Frieden lebten, unterstützen wollten.

Die erste Frevelthat, welche sich dieser verwegene Mann gegen die

Araber erlaubte, bestand darin, dass er eine nach Udschidschi bestimmte

Karavane aufhielt und von derselben fünf Fässer Schiesspulver, fünf

Gewehre und fünf Ballen Tuch verlangte. Diese aussergewöhnliche

Forderung wurde, nachdem man mehr als einen Tag im wildesten Streit

zugebracht, bezahlt; wenn aber die Araber schon über die ungeheuere

Abgabe, die ihnen abverlangt wurde, erstaunten, so waren sie noch

mehr entsetzt, als sie den Befehl erhielten, sich wieder auf den Weg

zurückzubegeben, auf dem sie hergekommen, und vernahmen, dass keine

arabische Karavane mehr durch dieses Land nach Udschidschi ziehen

solle, es sei denn über Mirambo’s Leiche.

Bei der Rückkehr der unglücklichen Araber nach Unyanyembé theilten sie

diese Thatsachen Scheikh Sayd bin Salim, dem Gouverneur der arabischen

Colonie, mit. Dieser alte Mann, der sehr gegen den Krieg war, versuchte

natürlich jedes Mittel, Mirambo dazu zu bewegen, sich wie früher mit

Geschenken zufrieden zu geben; Mirambo aber war diesmal hartnäckig

und fest entschlossen, Krieg zu führen, wenn ihm die Araber nicht in

seinen Kriegszügen gegen den alten Mkasiwa, Sultan der Wanyamwezi von

Unyanyembé beiständen.

„So stehen die Angelegenheiten jetzt“, sagte Khamis bin Abdullah.

„Mirambo sagt, Jahre lang wäre er gegen die benachbarten Waschensi im

Kriege gewesen und immer siegreich dabei geblieben. Das jetzige sei

ein grosses Jahr für ihn, er wolle die Araber und die Wanyamwezi von

Unyanyembé bekämpfen und nicht eher innehalten, bis er alle Araber

aus Unyanyembé vertrieben und über dieses Land an Stelle von Mkasiwa

herrsche. Kinder von Oman, soll das so sein? Sprich, Salim, Sohn von

Sayf, sollen wir diesem Mschensi (Heiden) entgegenziehen oder auf

unsere Insel zurückkehren?“

Ein Beifallsmurmeln folgte der Rede des Khamis bin Abdullah, da die

Mehrheit der Anwesenden junge Leute und begierig waren, den frechen

Mirambo zu züchtigen. Salim, der Sohn Sayf’s, ein alter Patriarch,

der langsam sprach, versuchte die Leidenschaften der jungen Leute,

Sprösslinge der Aristokratie von Muscat und Muttrah und Beduinen der

Wüste, zu besänftigen. Aber Khamis’ kühne Worte hatten einen zu tiefen

Eindruck auf ihre Gemüther gemacht.

Soud, der stattliche Araber, von dem ich schon gesprochen habe als

Sohn Sayd’s, des Sohnes Madschid’s, sagte: „Mein Vater pflegte mir

zu erzählen, wie er sich der Tage erinnere, da die Araber durch das

Land von Bagamoyo bis Udschidschi, von Kilwa bis Lunda, von Usenga

bis Uganda nur mit Stöcken bewaffnet ziehen konnten. Jene Tage

sind vorüber. Wir haben die Unverschämtheit der Wagogo lange genug

geduldet. Swaruru von Usui nimmt uns geradezu ab, was er will; und

jetzt haben wir es gar mit Mirambo zu thun, welcher, nachdem er

fünf Ballen Tuch als Tribut von einem einzigen Manne abgenommen,

uns erklärt, eine arabische Karavane solle nur über seine Leiche

nach Udschidschi gelangen können. Sind wir bereit, das Elfenbein von

Udschidschi, Urundi, Karagweh oder Uganda um dieses einen Mannes willen

aufzugeben? Ich sage, Krieg -- Krieg, bis wir seinen Bart unter unsere

Füsse getreten, Krieg, bis das ganze Uyoweh und Wilyankuru zerstört

ist; Krieg, bis wir wieder durch jeden Theil des Landes nur mit dem

Spazierstock in der Hand reisen können!“

Der allgemeine Beifall, welcher der Rede Soud’s folgte, bewies über

allen Zweifel, dass wir im Begriff waren, Krieg zu bekommen. Ich

dachte an Livingstone. Wenn dieser nun eben jetzt nach dem von Krieg

überzogenen Unyanyembé zu marschiren im Begriffe war?

Als ich hörte, dass die Araber die Absicht hatten, den Krieg rasch

innerhalb höchstens vierzehn Tagen zu beenden, da Uyoweh nur vier

Märsche weit entfernt war, so erbot ich mich freiwillig dazu, sie

zu begleiten, meine belasteten Karavanen bis Mfuto mitzunehmen,

sie daselbst unter Bedeckung einiger Wachen zu lassen und mit den

übrigen und der arabischen Armee weiter zu marschiren. Dann hoffte

ich, es würde möglich werden, nach der Besiegung von Mirambo und

seiner Waldbanditen -- der Ruga-Ruga -- eine Expedition auf dem jetzt

versperrten Wege direct nach Udschidschi zu führen. Die Araber waren

ihres Sieges sehr sicher und ich theilte ihre hoffnungsvolle Ansicht.

Der Kriegsrath wurde aufgehoben. Eine grosse Schüssel Reis und Curry

reichlich mit Mandeln, Citronen, Rosinen und Corinthen gemischt,

wurde hereingebracht, und es war wunderbar zu sehen, wie bald

unsere Kriegslust vergessen war, nachdem unsere Aufmerksamkeit auf

dieses vorzügliche Gericht gelenkt worden. Natürlich erhielt ich,

als Nicht-Mohammedaner, eine besondere Mahlzeit ähnlicher Art, noch

vermehrt durch Schüsseln voll Hühnerbraten, Kabobs, Schmalzkuchen,

andern Kuchen, Zuckerbrot, Früchten, Scherbet und Limonade,

Gummi-Bonbons und Süssigkeiten aus Muscat, Rosinen, Pflaumen und

Nüssen. Ohne Zweifel bewies mir Khamis bin Abdullah, dass er neben

seinem Kriegermuth doch auch dem gebildeten Geschmack, den er unter

dem Schatten der Mangos auf seines Vaters Gütern auf Zanzibar sich

angeeignet hat, sein Recht widerfahren lassen konnte.

Nachdem wir uns an diesen ungewöhnlichen Leckerbissen sehr satt

gegessen, begleiteten mich einige der Hauptaraber nach andern Tembés

in Tabora. Als wir Mussud bin Abdullah besuchten, zeigte er mir genau

den Ort, wo Burton’s und Speke’s Haus gestanden hatte, das jetzt

heruntergerissen und an dessen Stelle sein Büreau erbaut worden war.

Sny bin Amer’s Haus war auch abgebrochen und auf dessen Platz die jetzt

in Unyanyembé moderne Tembé erbaut worden, welche schön geschnittenes

Gebälk, grosse geschnitzte Thüren mit Messingklopfern und hohe,

schöne Zimmer hatte, ein Haus, das sowol zur Vertheidigung als zur

Bequemlichkeit dienen konnte.

Das schönste Haus in Unyanyembé gehört Amram bin Mussud, der 60

Frasileh Elfenbein, d. h. mehr als 3000 Dollars dafür bezahlt hat.

Man kann schon sehr schöne Häuser für 20-30 Frasileh Elfenbein haben.

Amram’s Haus heisst „Baherein“ („Die beiden Meere“). Es ist 100 Fuss

lang, 20 Fuss hoch und hat 4 Fuss dicke, zierlich mit Lehmmörtel

beworfene Wände. Die Hauptthür ist ein Wunder von Schnitzarbeit für die

Künstler von Unyanyembé. Ebenso ist auch jeder Balken im Hause schön

geschnitzt. Vor der Front des Hauses befindet sich eine junge Pflanzung

von Granatbäumen, die hier blühen, als ob sie auf heimischem Boden

ständen. Ein Schaduf oder Ziehbrunnen, wie man sie am Nil sehen kann,

dient dazu, die Gärten zu bewässern.

Gegen Abend gingen wir nach unserm schön gelegenen Tembé in Kwihara

zurück, sehr befriedigt durch das, was wir in Tabora gesehen. Meine

Leute trieben ein paar Ochsen vor sich her und brachten drei Säcke voll

dortigen ausgezeichneten Reis als Gastgeschenk des freigebigen Khamis

bin Abdullah heim.

In Unyanyembé fand ich die Livingstone-Karavane, von der meine Leser

sich erinnern müssen, dass sie auf das blosse Gerücht hin, der

englische „Balyuz“ Kirk käme nach Bagamoyo, erschreckt aufgebrochen

war. Da alle Karavanen wegen des in Aussicht stehenden Kriegs jetzt in

Unyanyembé hielten, äusserte ich zu Sayd bin Salim, es sei doch wol

besser, dass die Leute von der Livingstone-Karavane mit der meinigen in

meiner Tembé wohnten, damit ich die Güter des weissen Mannes bewachen

könne. Da Dr. Kirk mir niemals dazu Vollmacht ertheilt, die für

Livingstone bestimmten Waaren in meine Obhut zu nehmen, so konnte ich

natürlich dem Leiter der Karavane keine Befehle geben. Zum Glück war

Sayd bin Salim meiner Ansicht, und die Leute und Güter wurden sofort in

mein Tembé gebracht.

Eines Tages brachte mir Asmani, der jetzt Führer der

Livingstone-Karavane war, da der frühere kurz vorher an den Pocken

gestorben, ein Zelt auf die Veranda heraus, in der ich schrieb und

zeigte mir ein Briefpacket, das zu meinem Erstaunen die Adresse trug:

„An Dr. Livingstone in Udschidschi. 1. November 1870. Recommandirte

Briefe.“

Dies war der beste Beweis dafür, dass die Briefe an dem auf dem Beutel

angegebenen Datum eingesiegelt worden waren. Vom 1. November 1870 bis

zum 10. Februar 1871, gerade 100 Tage, hatten sie in Bagamoyo gelegen!

-- Eine elende, kleine Karavane von 33 Menschen hatte sich 100 Tage

in Bagamoyo, das nur 25 Meilen zu Wasser von Zanzibar entfernt ist,

aufgehalten. Armer Livingstone! Wer weiss, ob er nicht gerade wegen

des Mangels dieser Vorräthe, die so lange in der bequemen Nähe des

britischen Consulats gelegen und jetzt auch in Unyanyembé, Gott weiss

wie lange, aufgehalten werden, leidet! Die Karavane kam in Unyanyembé

etwas vor Mitte Mai an. Ungefähr in der letzten Hälfte des Mai fand die

erste Ruhestörung statt. Wäre diese Karavane bis Mitte März oder selbst

April angelangt, so hätte sie ohne Mühe nach Udschidschi weiter reisen

können. Ich fragte Asmani: „Wann sahen Sie Dr. Kirk zuletzt?“

„Ungefähr fünf oder sechs Wochen vor dem Ramadan.“

„Wann erhielten Sie dieses Briefpacket?“

„Am Tage ehe ich Zanzibar verliess, um nach Bagamoyo zu gehen.“

„Habt Ihr Dr. Kirk nicht in Bagamoyo gesehen, als er zur Jagd am

Kingani kam?“

„Nein, wir hörten, dass er kommen würde, und verliessen Bagamoyo.

Darauf erfuhren wir, er sei da gewesen. Zwei Tage jenseits Kikoka

hielten wir uns eine Woche auf, um auf die vier Leute der Begleitung zu

warten, welche noch nicht von Bagamoyo abgegangen waren.“

Am 7. Juli um 2 Uhr nachmittags sass ich auf dem Burzani, wie

gewöhnlich. Ich war in apathischer, niedergeschlagener Stimmung;

Schläfrigkeit überfiel mich. Zwar schlief ich nicht ein, doch schien

mir alle Kraft aus den Gliedern geschwunden zu sein. Dennoch war das

Gehirn beschäftigt; mein ganzes Leben zog im Geiste an mir vorüber.

Waren diese Scenen aus meiner Vergangenheit ernst, so sah ich auch

ernst aus; waren sie traurig, so weinte ich hysterisch; waren sie

freudig, so lachte ich laut auf. In rascher Folge drängten sich

Erinnerungen an die schweren Kämpfe und Drangsale eines noch jungen

Lebens in meinem Geiste; Ereignisse der Knabenzeit, der Jugend und

des Mannesalters; Gefahren, Reisescenen, Freuden und Bekümmernisse,

Liebe und Hass, Freundschaften und gleichgültige Verhältnisse gingen

wirr durcheinander. Meine Seele folgte den verschiedenen raschen

Wechselfällen meines Lebenslaufs. Sie stellte sich die langen

Irrfahrten, die krummen Pfade, die ich geführt worden, vor. Wenn ich

ihre Contouren auf dem sandigen Boden hingezeichnet hätte, welche

Räthsel hätten sich meiner Umgebung geboten und wie einfach und klar

waren sie mir!

Die lieblichste Gestalt in diesem Bilde war mir die eines edeln,

treuen Mannes, der mich Sohn nannte. Die lebhaftesten Eindrücke hatte

ich von meinem Leben in den grossen Fichtenwäldern von Arkansas und

Missouri. Die träumerischen Tage, die ich unter den ächzenden Tannen

der Ufer des Ouachita verbracht, die neue Lichtung, das Blockhaus,

unsere treuen schwarzen Diener, das Bild des Waldes und das prächtige

Leben, das ich führte -- alles lebte in meiner Erinnerung wieder auf.

Ich dachte daran, wie ich eines Tages, nachdem wir in die Nähe des

Mississippi gezogen, Hunderte von Meilen mit wilden Gesellen, den

riesigen Gestalten der Bootsleute dieses Flusses, hinuntersegelten und

wie der liebe alte Mann mich bei meiner Rückkehr begrüsste, als ob ich

vom Grabe heimgekehrt. Ich gedachte meiner Fussreisen durch das sonnige

Spanien und Frankreich, sowie unzähliger Abenteuer in Klein-Asien unter

den kurdischen Nomaden. Es schwebten mir die Schlachtfelder Amerikas

und die stürmischen Scenen des tobenden Krieges vor. Goldminen und

weite Prairien, Rathsversammlungen von Indianern, und manches Erlebniss

in den neuen Ländern im Westen traten mir vor die Seele. Lebhaft

erinnerte ich mich des Schreckens, den es mir verursachte, als ich,

heimgekehrt aus einem barbarischen Lande, das Unglück erfuhr, das dem

lieben Manne, den ich Vater nannte, zugestossen, und des angestrengten,

wechselvollen Lebens, das nun folgte. Halt! -- Mein Gott, ist das der

21. Juli? -- Ja. Shaw theilte mir mit, es sei der 21. Juli, als ich

von meinem schrecklichen Fieberanfall genesen. Das wirkliche Datum war

der 14.; aber erst als ich mit Dr. Livingstone zusammenkam, entdeckte

ich, dass eine Woche übersprungen war. Da erst prüften wir beide das

Nautische Jahrbuch, das ich besass, und es stellte sich heraus, dass

der Doctor sich um drei Wochen verrechnet und ich gleichfalls zu

meinem grossen Erstaunen mich um eine Woche geirrt hatte, und zwar um

acht Tage dem wirklichen Datum vorangeeilt war. Der Irrthum entstand

dadurch, dass man mir gesagt, ich sei zwei Wochen krank gewesen. Da

nun der Tag, wo ich wieder zu mir kam, ein Freitag war und Shaw sowie

die übrigen Leute bestimmt glaubten, ich sei zwei Wochen im Bette

gewesen, so datirte ich mein Tagebuch vom 21. Juli. Dass auch Shaw sich

verrechnet, lässt sich leicht erklären, denn das Fieber war im Begriff,

ihm nicht nur das Gedächtniss, sondern sogar den Verstand rasch zu

zerstören. Selim hatte mich nach klaren schriftlich aufgesetzten

Vorschriften, die ich ihm für einen solchen Fall gegeben, gepflegt.

Vorher hatte ich ihn fleissig in der Kenntniss und dem Gebrauch jedes

in meinem Kasten befindlichen Arzneimittels unterwiesen. Er theilte mir

mit, er habe mich mit Thee und etwas Branntwein ernährt, auch habe mir

Shaw drei- bis viermal etwas Sago-Abkochung gegeben. Am zehnten Tage

nach dem Anfang meiner Krankheit war ich jedoch wieder ganz wohlauf,

musste nun aber Shaw pflegen, welcher erkrankte. Am 22. Juli war Shaw

wieder gesund, dagegen legte sich Selim und stöhnte vier Tage lang im

Delirium; am 28. Juli jedoch waren wir sämmtlich wieder gesund und

freuten uns der Aussicht auf die Abwechselung, die uns ein Marsch gegen

Mirambo’s Veste darbieten sollte.

Am Morgen des 29. liess ich 50 Leute mit Zeugballen, Perlen und Draht

beladen, die nach Udschidschi bestimmt waren. Als ich ausserhalb des

Tembé Musterung über sie abhielt, fehlte blos Bombay. Während einige

Leute fortgingen, ihn aufzusuchen, begaben sich andere weg, um noch

einen Blick und einen Kuss von ihren schwarzen Delilas zu erhalten.

Man fand Bombay ungefähr um 2 Uhr nachmittags; sein Gesicht drückte

deutlich widerstreitende Leidenschaften aus, die ihn heimsuchten,

-- Schmerz über die Trennung von den Fleischtöpfen Unyanyembés, --

Bedauern darüber, dass er seine Dulcinea von Tabora verlassen und

alle Genüsse aufgeben müsse, -- die Aussicht auf anstrengende, lange

Märsche, -- auf Krieg und vielleicht -- den Tod. Es war daher kein

Wunder, dass Bombay, voll derartiger Empfindungen, sich widerspenstig

zeigte, als ich ihn an seine Stelle hinwies, und ich selbst war in

einer furchtbar schlechten Gemüthsverfassung, da ich von 8 Uhr morgens

bis 2 Uhr nachmittags auf ihn zu warten gehabt hatte. Ein Wort und ein

wüthender Blick, und heraus fuhr mein Stock auf Bombay’s Schulter,

als ob es jetzt mit ihm zu Ende gehen sollte. Ich glaube, dass die

gewaltige Wuth meines Zuschlagens seinen Eigensinn rascher brach, als

irgend sonst etwas, denn ehe ich ihm ein Dutzend Streiche beigebracht,

flehte er um Pardon. Bei diesem Worte hörte ich auf ihn zu bearbeiten,

denn es war das erste mal, dass er es gesprochen. Bombay war also

schliesslich besiegt.

„Marsch!“ -- Den Führer voran, zogen die 49 Mann ihm in feierlicher

Ordnung nach, jeder eine schwere Last afrikanischer Tauschwerthe,

sowie Flinte, Beil, Munitionsvorrath und Ugalitopf tragend. Wir boten

einen grossartigen Anblick dar, wie wir in Stille und Ordnung mit

fliegenden Fahnen abmarschirten, und die rothen wollenen Gewänder der

Leute im ziemlich starken, uns gerade in die Flanke wehenden Nordost

nachflatterten.

Auch schienen die Leute es zu wissen, dass sie nach etwas aussahen,

denn ich bemerkte, wie mehrere von ihnen eine martialischere Haltung

annahmen, als sie ihr vorzügliches Dschohotuch im Nacken vor dem Winde

herfliegen fühlten. Maganga, ein grosser Mnyamwezi, stolzirte daher wie

ein Goliath, der im Begriff ist, Mirambo und seine tausend Krieger ganz

allein zu bekämpfen. Der muntere Khamisi ging einem Löwen gleich unter

seiner Last einher, und der rohe Spassmacher, der unverbesserliche

Ulimengo, nahm den leisen Tritt einer Katze an. Sie konnten jedoch

nicht lange still bleiben, dazu war ihre Eitelkeit zu sehr angeregt,

die rothen Mäntel tanzten beständig vor ihren Augen, und es wäre ein

Wunder gewesen, wenn sie ein ernstes oder gar unzufriedenes Gebahren

länger als eine halbe Stunde hätten beibehalten können.

Ulimengo brach das Schweigen zuerst. Er hatte sich zum Kirangozi oder

Führer gemacht und war Träger der amerikanischen Flagge, von der die

Leute meinten, dass sie sicherlich Schrecken in das Herz des Feindes

tragen werde. Plötzlich wurde aus seinem Selbstvertrauen Tapferkeit

und Uebermuth; er blickte die Armee, die er führte, an und schrie:

„Hoy! Hoy!“, worauf der Chor ebenso antwortete: „Hoy! Hoy!“ Dieses

„Hoy! Hoy!“ wiederholte sich dann abwechselnd noch mehrfach.

„Wo zieht Ihr hin?“

Chor: „Wir ziehen in den Krieg.“

„Gegen wen?“

Chor: „Gegen Mirambo.“

„Wer ist Euer Herr?“

Chor: „Der weisse Mann.“

„Uff, Uff!“

Chor: „Uff, Uff!“

„Hyah! Hyah!“

Chor: „Hyah! Hyah!“

Diesen lächerlichen Gesang stimmten sie ohne Unterbrechung den ganzen

Tag an.

Am ersten Tag campirten wir in Bomboma’s Dorfe, das eine Meile

südwestlich von der natürlichen Bergveste Zimbili liegt. Bombay hatte

sich ganz von seinen Prügeln erholt und war die grämlichen Gedanken,

die meinen Zorn erregt, losgeworden. Da nun die Leute sich so gut

betragen, liess ich einen fünf Gallonen haltenden Topf mit Pombé

bringen, um die Tapferkeit, von der sie alle beseelt waren, noch weiter

anzuspornen.

Am zweiten Tage kamen wir in Masangi an. Bald darauf besuchte mich

Soud, der Sohn von Sayd bin Madschid, und theilte mir mit, die Araber

warteten auf mich und wollten nicht nach Mfuto marschiren, bis ich

angekommen sei.

Nach einem sechsstündigen Marsch, am dritten Tage nachdem wir

Unyanyembé verlassen, wurde Ost-Mfuto erreicht. Hier erkrankte Shaw,

legte sich auf die Strasse und erklärte, er müsse sterben. Diese

Nachricht wurde mir ungefähr um 4 Uhr nachmittags durch einen der

Nachzügler überbracht. Ich musste also Leute abschicken und ihn zu mir

ins Lager bringen lassen, obgleich ein jeder nach dem langen Marsche

recht ermüdet war. Eine Belohnung spornte ein Halbdutzend an, gerade

zur Dämmerung sich in den Wald zu wagen, um Shaw aufzusuchen, von dem

man annahm, dass er wenigstens drei Stunden vom Lagen entfernt sei.

Etwa um 2 Uhr morgens kamen meine Leute mit ihm zurück, nachdem sie ihn

das ganze Stück auf dem Rücken getragen hatten. Ich wurde aufgeweckt

und liess ihn in mein Zelt bringen, untersuchte ihn und überzeugte

mich, dass er durchaus kein Fieber habe. Auf meine Frage, wie er sich

befände, erwiderte er, er könne weder gehen noch reiten, fühle sich so

ungemein schwach und matt, dass er unfähig sei, sich weiter zu bewegen.

Nachdem ich ihm ein Glas Portwein in einem Napf Sagogrütze gegeben

hatte, schliefen wir beide ein.

Am nächsten Morgen in der Frühe kamen wir in Mfuto, dem Stelldichein

der arabischen Armee, an. Für den nächsten Tag war ein Halt anbefohlen,

damit wir uns an den Ochsen, deren wir viele geschlachtet, stärken

könnten.

Unsere Armee bestand aus folgendem Personal:

Scheikh Sayd bin Salim 25 Halbblutleute

Khamis bin Abdullah 250 Sklaven

Thani bin Abdullah 80 „

Mussud bin Abdullah 75 „

Abdullah bin Mussud 80 „

Ali bin Sayd bin Nasib 250 „

Scheikh Nasur bin Mussud 50 „

„ Hamed Kimiani 70 „

„ Hamdam 30 „

„ Sayd bin Habib 50 „

„ Salim bin Sayf 100 „

„ Sunguru 25 „

„ Sarboko 25 „

„ Soud bin Sayd bin Madschid 50 „

„ Mohammed bin Mussud 30 „

„ Sayd bin Hamed 90 „

Die Herald-Expedition 50 Soldaten

Mkasiwa’s Wanyamwezi 800 „

Halbblutleute und Wangwana 125 „

Unabhängige Häuptlinge und deren

Leute 300 „

Wie ich Livingstone fand; Erster Band · 第 22 / 29 段