man bisweilen Wagogokaravanen auf dem Wege nach Unyamwezi hin und
zurück trifft, so werden sie doch nicht so sehr wie die Wanyamwezi im
Handel beschäftigt. Daher sind ihre Dörfer stets voll von Kriegern.
Schwache Stämme oder Reste anderer Stämme freuen sich sehr, unter ihren
Schutz aufgenommen zu werden. Auch einzelne Individuen von andern
Stämmen, die wegen irgendeiner Gewaltthat gezwungen sind, dieselben zu
meiden, finden sich oft in den Dörfern der Wagogo. Im Norden sind die
Wahumba sehr zahlreich, im Süden die Wahehe und Wakimbu und im Osten
finden sich manche Familien aus Usagara. Auch kommen Wanyamwezi häufig
in diesem Lande vor. Diese letzteren sind wie die Schotten; man kann
sie fast überall in Mittelafrika finden und sie verstehen es, sich eine
hervorragende Stellung zu schaffen.
[Illustration: EIN TEMBÉ AUS DER VOGELSCHAU.]
Wie in West-Usagara sind auch die Häuser der Wagogo viereckig und um
die vier Seiten eines Hofes gereiht, nach welchem sich alle Thüren
öffnen. Die Dächer sind alle flach und Korn, Kräuter, Taback und
Kürbisse liegen auf denselben ausgebreitet. Die Rückseite jedes Gemachs
ist von Löchern durchbohrt, welche zur Beobachtung und Vertheidigung
dienen.
Das Tembé wird in Ugogo sehr leicht gebaut; es besteht nur aus einer
Reihe dünner Stöcke, die mit Lehm beworfen sind. Drei bis vier starke
Stangen werden in Zwischenräumen in der Erde befestigt, um die Längs-
und Querbalken, auf welchen das flache Lehmdach ruht, zu stützen. Eine
Musketenkugel kann die geflochtenen Wände eines Ugogotembé völlig
durchbohren. In Uyanzi dagegen ist das Tembé stärker, weil sie dort
sehr viele schöne Bäume haben, die heruntergeschlagen und in Bohlen von
drei bis vier Zoll Dicke zerspalten werden.
Das Tembé ist in Gemächer getheilt, die durch eine geflochtene Wand
voneinander getrennt werden. Jedes Gemach enthält eine Familie von
erwachsenen jungen Leuten beiderlei Geschlechts, die sich ihre Betten
aus gegerbten Häuten auf dem Boden machen. Nur der Vater der Familie
hat eine Kitanda oder feste Schlafstelle, die aus einem mit Ochsenhaut
bespannten Gestell oder aus der Rinde des Myombobaumes hergestellt ist.
Der Boden besteht aus glatt verstrichenem Lehm, ist sehr schmutzig und
riecht stark nach den abscheulichsten Dingen. In den Winkeln befinden
sich an den Balken die schönen luftigen Wohnungen der schwarzen,
gewaltig grossen Spinnen und anderer Ungeheuer von Insekten.
Eine besonders langköpfige, dunkelfarbige Gattung Ratten sucht jedes
Tembé heim. Kühe, Ziegen und Schafe sind die einzigen Hausthiere, denen
es gestattet wird, im Tembé zu wohnen. Hunde von der Pariah-Rasse
hausen draussen bei dem Vieh.
Die Wagogo glauben an das Dasein eines Gottes oder Himmelsgeistes,
den sie Mulungu nennen. Sie beten gewöhnlich zu ihm, wenn ihre Eltern
sterben. Nachdem ein Mgogo seinen Vater dem Grabe übergeben hat, bringt
er dessen Habe, sein Tuch, Elfenbein, Messer, Dschembe (Hacke), Bogen
und Pfeile, Speere und Vieh an einen Ort zusammen, kniet davor nieder
und spricht einen Wunsch aus, Mulungu möge seine weltlichen Reichthümer
vermehren, seine Arbeit segnen und ihm im Handel Glück bescheeren.
Folgende Unterredung fand zwischen mir und einem Mgogohändler statt:
„Wer hat nach Eurem Glauben Eure Eltern erschaffen?“
„Das hat Mulungu gethan, Weisser!“
„Gut. Wer hat denn Dich erschaffen?“
„Wenn Gott meinen Vater erschaffen, so hat er auch mich erschaffen,
nicht wahr?“
„Sehr wohl. Wo meinst Du wol, dass Dein Vater jetzt hingegangen ist, da
er todt ist?“ --
„Die Todten sterben“, sagte er feierlich, „sie sind nicht mehr. Der
Sultan stirbt, dann wird er zu nichts, dann ist er nicht besser als
ein todter Hund; er ist zu Ende, seine Worte sind zu Ende; es gibt
keine Worte mehr von ihm. Es ist wahr“, sagte er, da er ein Lächeln auf
meinem Gesicht erblickte, „der Sultan wird zu nichts. Wer etwas anderes
sagt ist ein Lügner. Das steht fest!“
„Er ist aber doch ein sehr grosser Mann, nicht wahr?“
„Nur solange er lebt; nach dem Tode fährt er in die Grube und da kann
man von ihm nicht mehr sagen als von einem andern.“
„Wie begrabt Ihr einen Mgogo?“
„Man bindet ihm die Beine zusammen, den rechten Arm an den Körper und
legt den linken unter den Kopf. Dann rollt man ihn auf seine linke
Seite ins Grab. Das Zeug, das er während seines Lebens getragen, wird
über ihn ausgebreitet. Darauf legen wir Erde auf ihn und Dornbüsche
darüber, damit die Fizi (Hyänen) nicht an ihn heran können. Ein Weib
wird auf ihre rechte Seite in ein vom Manne gesondertes Grab gelegt.“
„Was macht Ihr mit dem Sultan, wenn er gestorben ist?“
„Wir begraben ihn auch. Nur wird er in der Mitte des Dorfes begraben
und wir bauen ein Haus über ihn. Jedesmal, wenn ein Ochse geschlachtet
wird, so geschieht das vor seinem Grabe. Wenn der alte Sultan stirbt,
so verlangt der neue einen Ochsen und schlachtet ihn vor jenem Grabe
unter Anrufung von Mulungu als Zeugen, dass er der legitime Sultan sei.
Dann vertheilt er das Fleisch in seines Vaters Namen.“
„Wer folgt dem Sultan? Etwa der älteste Sohn?“
„Ja, wenn er einen Sohn hat. Wenn er aber kinderlos ist, so folgt der
ihm an Rang zunächst stehende grosse Häuptling. Der Msagira ist der
nächste nach dem Sultan; sein Geschäft besteht darin, die Beschwerden
anzuhören und dem Sultan vorzutragen. Auch übt er die Gerechtigkeit im
Namen des letztern, empfängt das Honga, bringt es dem Mtemi (Sultan),
stellt es vor ihn hin und behält soviel davon, als der Sultan nicht für
sich beansprucht. Die Häuptlinge heissen Manya-Para und der Msagira ist
der oberste Manya-Para.“
„Wie heirathen die Wagogo?“
„Sie kaufen sich ihre Frauen.“
„Was kostet ein Weib?“
„Ein sehr armer Mann kann seine Frau schon für ein paar Ziegen von
ihrem Vater kaufen.“
„Wieviel muss der Sultan dafür zahlen?“
„Er hat ungefähr 100 Ziegen oder ebenso viel Kühe, Schafe und Ziegen
an den Vater seiner Braut zu zahlen. Natürlich ist der Vater ein
Häuptling; der Sultan würde sich kein gemeines Weib kaufen. Des Vaters
Einwilligung muss erlangt und ihm dann das Vieh übergeben werden.
Viele Tage gehören dazu, um die Unterhandlungen hierüber zu beendigen.
Die ganze Familie und alle Freunde der Braut müssen sich darüber
unterhalten, ehe sie ihres Vaters Haus verlässt.“
„Was geschieht im Falle eines Mordes dem Manne, der einen andern
getödtet hat?“
„Der Mörder muss 50 Kühe bezahlen. Ist er zu arm, um zu bezahlen, so
gibt der Sultan den Verwandten des Ermordeten das Recht, ihn zu tödten.
Wenn sie ihn fangen, so binden sie ihn an einen Baum und werfen Speere
nach ihm und zwar zuerst immer einen auf einmal; dann springen sie auf
ihn zu, schneiden ihm den Kopf ab und später die Arme und Gliedmassen
und streuen dieselben im Lande umher.“
„Wie bestraft Ihr einen Dieb?“
„Wenn man ihn beim Stehlen ertappt, so wird er sofort todtgemacht und
man spricht weiter nicht davon. Ist es nicht ein Dieb?“
„Aber im Falle, dass Ihr nicht wüsstet, wer der Dieb ist?“
„Wenn uns jemand vorgeführt wird, der des Diebstahls bezichtigt ist,
tödten wir ein Huhn. Sind die Eingeweide desselben weiss, so ist er
unschuldig, sind sie aber gelb, so ist er schuldig.“
„Glaubt Ihr an Zauberei?“
„Das versteht sich von selbst und wir bestrafen den Mann mit dem Tode,
der Vieh verzaubert oder den Regenfall hindert.“
Zunächst an Ugogo liegt Uyanzi oder das „Magunda Mkali“ -- das heisse
Feld. In frühern Zeiten, ehe das Magunda Mkali von den Auswanderern
aus Ukimbu bewohnt war, beklagten sich die Lastträger über die
fürchterliche Hitze und den Durst, den sie auf der Reise durch dasselbe
erleiden mussten. Wasser war auf dem Wege, den sie einschlugen,
sehr spärlich und volle Tagemärsche häufig. Daher wurde es von den
Wanyamwezi-Pagazi das „heisse Feld“ genannt.
Uyanzi oder Magunda Mkali ist jetzt sehr bevölkert; längs der
nördlichen Strasse, die über Munieka führt, ist Wasser reichlich
vorhanden, befinden sich zahlreiche Dörfer, und die Reisenden fangen
an zu bemerken, dass der Name nicht mehr passt. Die Leute, die das
Land bewohnen, sind Wakimbu aus dem Süden. Es sind gute Ackerbauer
und ein sehr fleissiger Menschenschlag. Sie ähneln den Wasagara etwas
im Aeussern, erfreuen sich aber nicht eines grossen Rufs in Bezug
auf Tapferkeit. Ihre Waffen bestehen aus leichten Speeren, Bogen
und Pfeilen und Schlachtbeilen. Ihre Tembés sind stark gebaut und
sie zeigen bedeutende Gewandtheit in der Kunst, Vertheidigungswerke
anzulegen. Die Bomas derselben sind so gut, dass man Kanonen nöthig
hätte, um den Eingang zu erzwingen, wenn die Dörfer gehörig vertheidigt
würden. Sie sind auch sehr geschickt in der Anfertigung von Fallen
für Elefanten und Büffel; hin und wieder verfängt sich auch ein
vereinzelter Löwe oder Leopard in denselben.
Nachdem man durch Magunda Mkali marschirt ist, kommt man nach
Unyamwezi, dem Lande des Mondes; ich werde jedoch eine Beschreibung
des Volkes, das diesen interessanten District bewohnt, einem spätern
Kapitel überlassen.
[4] Alle Stämme des Innern kennen diese nur als Waseguhha. Burton
aber nimmt den von den Arabern verdorbenen Namen Wasegura an.
Krapf, New, Wakefield und ich haben die Aussprache der
Eingeborenen, Waseguhha, angenommen.
[5] Kleine Kupfermünzen.
[Illustration: ANSICHT VON MEINEM TEMBÉ AUS.]
ACHTES KAPITEL.
DAS LEBEN IN UNYANYEMBÉ.
Gastfreundschaft des Gouverneurs Sayd bin Salim. -- Bequemes
Quartier. -- Tabora, die Hauptniederlassung der Araber. -- Mirambo,
Häuptling von Uyoweh. -- Seine Räubereien. -- Ein Kriegsrath. -- Ich
finde die Livingstone-Karavane auf. -- Schrecklicher Fieberanfall.
-- Abmarsch nach Udschidschi. -- Ankunft in Masangi. -- Shaw
erkrankt. -- Ich stosse zum Heere der Araber in Mfuto. -- Gefecht mit
Mirambo. -- Einnahme des Dorfes Zimbizo. -- Erneuter Fieberanfall.
-- Niederlage und Gemetzel der Araber durch Mirambo. -- Rückzug nach
Mfuto.
Mir wurde eine geräuschlose Ovation zutheil, als ich an der Seite
des Gouverneurs Sayd bin Salim nach seinem Tembé in Kwikuru oder der
Hauptstadt ging. Die Wanyamwezi-Pagazi standen zu Hunderten am Wege,
die Krieger Mkasiwa’s, des Sultans, drängten sich um ihren Häuptling,
und Kinder, -- schwarze, nackte Engelchen, -- schauten zwischen den
Beinen ihrer Aeltern hindurch. Selbst Säuglinge von wenig Monaten
hingen auf dem Rücken ihrer Mütter und entrichteten sämmtlich den
meiner Farbe gebührenden Tribut, indem sie mich intensiv angafften. Die
einzigen Leute, die sich mit mir unterhielten, waren die Araber und der
alte Mkasiwa, der Herrscher von Unyanyembé.
Sayd bin Salim’s Haus befindet sich am nordwestlichen Winkel der
Einhegung und ist ein mit Stacketen umstelltes Boma von Kwikuru. Thee
wurde uns in einem silbernen Theekessel gemacht und eine reichliche
Quantität dampfender Pfannkuchen befanden sich unter einem silbernen
Deckel. Zu diesem Mahl wurde ich eingeladen. Wenn man ungefähr acht
Meilen ohne Frühstück marschirt und drei bis vier Stunden lang der
heissen Tropensonne ausgesetzt gewesen, so ist man geneigt, einem Mahle
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, namentlich wenn man einen gesunden
Appetit hat. Ich glaube, ich setzte den Gouverneur in Erstaunen durch
die geschickte Art, mit der ich es fertig brachte, elf Tassen von
seinem aromatischen Decoct eines Assamkrautes zu vertilgen und aufs
ungezwungenste seinen hohen Thurm von Pfannkuchen zu vernichten,
die noch einen Augenblick vorher heiss unter ihrem silbernen Deckel
gedampft hatten.
Ich dankte dem Scheikh für das Mahl, wie es nur ein wirklich sehr
hungriger Mann, der sich gesättigt hat, thun kann. Selbst wenn ich
nicht gesprochen hätte, so würden meine dankbaren Blicke ihn davon in
Kenntniss gesetzt haben, wie sehr ich mich ihm verpflichtet fühlte.
Darauf zog ich meine Pfeife und den Tabacksbeutel heraus.
„Mein lieber Scheikh, willst Du rauchen?“
„Nein, ich danke. Araber rauchen nie.“
„Nun, wenn Du es auch nicht thust, so wirst Du wol nichts dagegen
haben, wenn ich rauche, um die Verdauung zu unterstützen!“
„Ngema! Gut, rauchen Sie nur, Herr.“
Hierauf ging es ans Fragen und Plaudern. Die Neugierde kam in ernsten
und leichten Gesprächen zur Geltung.
„Auf welchem Wege ist der Herr gekommen?“
„Ueber Mpwapwa.“
„Der Weg ist gut. War der Makata schlecht?“
„Ja, sehr schlecht.“
„Was gibts Neues in Zanzibar?“
„Von dort bringe ich gute Nachrichten. Seyd Turki hat Besitz von Muscat
ergriffen und Azim bin Ghis ist in den Strassen erschlagen worden.“
„Ist das wahr, Wallahi?“ (Bei Gott.)
„Ja, es ist wahr.“
„He he! das sind Neuigkeiten!“ wobei er sich den Bart streicht. „Herr,
haben Sie etwas von Suleiman bin Ali gehört?“
„Ja, der Gouverneur von Bombay hat ihn auf einem Kriegsschiff nach
Zanzibar geschickt und Suleiman bin Ali liegt jetzt in der Gurayza
(Festung).“
„He, das ist sehr schön. Hatten Sie den Wagogo viel Tribut zu zahlen?“
„Achtmal. Hamed Kimiani wünschte, dass ich über Kiwyeh gehe; ich wollte
aber nicht und zog gerade durch den Wald nach Munieka. Und da hielten
es Hamed und Thani für besser, mir zu folgen, als sich allein durch
Kiwyeh zu wagen.“
„Wo ist der Hadschi Abdullah, der hierher kam, und Spiki?“
„Hadschi Abdullah? Was für ein Hadschi Abdullah? Ach so, wir nennen ihn
Scheikh Burton. O, das ist jetzt ein grosser Mann, ein Balyuz in El
Scham.“
„He he, also ein Balyuz! He, in El Scham! Ist das nicht nahe bei Betlem
el Kudis?“
„Ja, ungefähr vier Tagereisen davon. Spiki ist todt. Er hat sich durch
einen unglücklichen Zufall erschossen.“
„Ach, Wallah (bei Gott), das sind schlechte Nachrichten. Spiki todt?
Masch Allah! Er war ein guter Mann, wirklich ein guter Mann! Todt!“
„Aber wo liegt dieses Kazeh, Scheikh Sayd?“
„Kazeh? Kazeh? -- Ich habe den Namen nie früher gehört.“
„Aber Ihr waret doch mit Burton, Speke und dem andern Manne, Grant, in
Kazeh. Ihr habt doch dort mehrere Monate gelebt, als Ihr Euch alle in
Unyanyembé aufhieltet? Es muss ganz in der Nähe sein. Wo wohnten denn
Hadschi Abdullah und Spiki, als sie in Unyanyembé waren? War es nicht
in Musa Mzuris’ Haus?“
„Das war in Tabora.“
„Nun, wo liegt denn Kazeh? Ich habe noch keinen Menschen getroffen, der
mir sagen konnte, wo dieser Ort ist, und doch haben die drei Weissen
dieses Wort als den Namen des Ortes, in dem sie lebten, als Ihr bei
ihnen waret, niedergeschrieben. Ihr müsst doch wissen, wo er liegt.“
„Wallahi, Bana, ich habe den Namen nie gehört. Aber halt, Kazeh
bedeutet auf Kinyamwezi ein „Königreich“. Vielleicht haben sie dem Ort,
an dem sie sich aufhielten, den Namen gegeben. Ich war gewöhnlich im
ersten Haus, Sny bin Amer’s Haus, und Speke und Grant wohnten in Musa
Mzuris’ Haus; beide Häuser jedoch befinden sich, wie alle die übrigen,
in Tabora.“
„Ich danke Euch, Scheikh. Jetzt möchte ich gehen und nach meinen Leuten
sehen. Sie werden wol alle essen wollen.“
„Ich werde Sie begleiten, um Ihnen Ihr Haus zu zeigen. Das Tembé ist in
Kwihara, nur eine Stunde Weges von Tabora.“
Als wir Kwikuru verlassen, gingen wir über einen niedrigen Bergrücken
und sahen alsbald Kwihara zwischen zwei kleinen Hügelketten liegen,
von denen die nördlichste westlich in dem runden festungsartigen Berge
Zimbili auslief. Auf dem Thale schienen die glühendsten Sonnenstrahlen,
alles ertödtend, zu ruhen, welcher Eindruck wol durch die allgemeine
Ausbleichung und herbstliche Reife des Grases hervorgebracht wurde,
dem durchaus alle Farbentöne fehlten, die etwas Abwechselung in dieses
Einerlei hätten bringen können. Unter jener blendenden Sonne, in der
klaren Atmosphäre erschienen die Berge wie ausgedörrt. Das Korn war
seit lange geschnitten und Stoppelfelder bildeten eine weissbraune
Fläche. Die aus Lehm bestehenden Häuser mit ihren flachen Lehmdächern
sahen gleichfalls weissbraun aus. Auch die mit Stroh gedeckten
Hütten und die sie umgebenden Stackete aus abgeschältem Bauholz waren
weissbraun. Obwol ein kalter, heftiger, ungesunder Wind aus den Bergen
von Usagara uns sozusagen bis ins Mark schnitt, so hörte der intensive
Sonnenglanz doch nicht auf. Selbst wenn das Auge auf einen Augenblick
auf ein paar schwarze Kühe oder einen hohen Baum fiel, so konnte man
es doch nie vergessen, dass der erste Eindruck von Kwihara der eines
Bildes ohne Farbe, eines Nahrungsmittels ohne Geschmack gewesen; und
wenn man hinauf blickte, sah man einen blassblauen, fleckenlosen
Himmel, der durch seine Heiterkeit geradezu entsetzte.
Als ich mich dem Tembé von Said bin Salim näherte, kam Scheikh bin
Nasib mit andern arabischen Grossen zu uns. Vor der grossen Thür
des Tembé hatten die Leute die Ballen und Kisten aufgethürmt und
erzählten den Hauptleuten und Soldaten der ersten, zweiten und vierten
Karavane mit unglaublicher Zungenfertigkeit und Geschwindigkeit
die vielen Ereignisse, die uns zugestossen waren und ihnen als das
einzig mittheilenswerthe erschienen. Ueber ihren eignen beschränkten
Gesichtskreis hinaus kümmerten sie sich offenbar um nichts. Dann
hatten die verschiedenen Hauptleute der übrigen Karavanen ihrerseits
ihre Reiseerlebnisse zu berichten, wodurch eine lärmende, erregte
Unterhaltung entstand. Als wir uns näherten, hörte dieselbe aber sofort
auf, und meine Karavanenführer stürzten auf mich zu, um mich als Herrn
und Freund zu begrüssen. Ein Bursche, der treue Baruki, warf sich mir
zu Füssen, die andern feuerten ihre Flinten ab und betrugen sich wie
Verrückte in einem Anfall von Tobsucht. Auf allen Seiten hörte man den
Ruf: „Willkommen!“
„Spazieren Sie hinein, Herr; dies ist jetzt Ihr Haus; hier sind die
Quartiere für Ihre Leute. Hier können Sie die arabischen Grossen
empfangen; hier ist das Kochhaus; hier das Vorrathshaus; dort das
Gefängniss für die Widerspenstigen; da die Zimmer Ihres Weissen und
hier Ihre eigenen. Sehen Sie, hier ist das Schlafzimmer, dort das
Gewehr-, Badezimmer u. s. w.“ So sprach Scheikh Sayd, als er mir die
verschiedenen Oertlichkeiten zeigte.
Auf Ehre, für Central-Afrika war dies ein sehr gemüthlicher Ort.
Man hätte fast poetisch werden können, doch wollen wir derartige
überschwängliche Ideen auf die Zukunft verschieben. Gerade jetzt müssen
die Waaren ins Lager geschafft, die kleine Armee von Lastträgern muss
bezahlt und entlassen werden.
Bombay erhielt Befehl, die feste Vorrathskammer zu öffnen, die Ballen
daselbst in regelmässige Reihen aufzustapeln, die Perlen aufeinander
zu schichten und dem Draht einen besondern Ort anzuweisen. Boote,
Segeltuch u. s. w. sollten an einem so hohen Ort untergebracht
werden, dass die weissen Ameisen sie nicht erreichen konnten, und den
Munitionskisten und Pulverfässern war im Gewehrzimmer ausser aller
Gefahr eine Stätte zu schaffen. Dann wurde ein Ballen Zeug aufgemacht
und jeder Lastträger nach seinem Verdienst belohnt, damit er seinen
Freunden und Nachbarn zu Hause erzählen könne, wie viel besser der
Weisse sie behandelt, als der Araber.
Hierauf wurden die Berichte der Führer der ersten, zweiten und vierten
Karavane entgegengenommen, ihre Vorräthe inspicirt und die einzelnen
Erlebnisse auf ihren Märschen angehört. Die erste Karavane war in
Kirurumo in Krieg verwickelt gewesen, hatte den Kampf mit Glück
bestanden und Unyanyembé ohne irgendwelchen Verlust erreicht. Die
zweite hatte einen Dieb im Walde zwischen Pembera Pereh und Kididimo
erschossen. Die vierte hatte einen Ballen im Dickicht von Marenga Mkali
verloren und der Lastträger dabei eine starke Kopfverletzung von einem
Knotenstock erhalten, den einer der Diebe, die in den Dschungels nahe
der Grenze von Ugogo herumschleichen, gegen ihn geschwungen. Ich freute
mich zu hören, dass sie nicht mehr Unglück gehabt und belohnte jeden
Führer sofort mit einem schönen Stück Tuch und fünf Doti Merikani.
Gerade als ich wieder hungrig wurde, kamen von den Arabern mehrere
Sklaven hintereinander mit Präsentirtellern voll vortrefflicher
Speisen. Zuerst entwickelte sich eine grosse Schüssel Reis und ein Napf
voll mit Curry gewürzter Hühner, dann ein Dutzend grosser Weizenkuchen,
ferner dampfendheisse Schmalzkuchen, Papaws, Granaten und Limonen.
Hierauf kamen Menschen, die fünf fette Höcker-Ochsen, acht Schafe und
zehn Ziegen trieben, und noch ein Mann mit einem Dutzend junger Hühner
und einem Dutzend frischer Eier. Dieses war echte, praktische, edle
Höflichkeit, eine so grossartige Gastfreundschaft, dass sie meine
Dankbarkeit mit Sturm eroberte.
Meine Leute, deren ich jetzt nur 25 hatte, waren über diese üppige
Fülle, die auf meinem Tische und Hofe sichtbar wurde, so erfreut,
wie ich selbst. Als ich sah, wie ihre Gesichter im Vorgefühl der zu
erwartenden Genüsse erglänzten, liess ich ein Bullenkalb schlachten und
unter sie vertheilen.
Am zweiten Tage nach der Ankunft der Expedition des „New York Herald“
in dem Lande, das ich nun als klassischen Boden ansah, seitdem Burton,
Speke und Grant ihn vor Jahren besucht und beschrieben, kamen die
arabischen Magnaten von Tabora, um mich zu beglückwünschen.
Tabora[6] ist die arabische Hauptniederlassung in Central-Afrika. Es
besteht aus mehr als tausend Hütten und Tembés und man kann die aus
Arabern, Wangwana und Eingeborenen zusammengesetzte Bevölkerung sicher
auf 5000 Köpfe schätzen. Zwischen Tabora und der nächsten Ansiedlung
Kwihara erheben sich zwei schroffe Bergkämme, die voneinander durch
einen niedrigen Sattel getrennt sind, über welchen Tabora stets von
Kwihara aus sichtbar ist.
Diese Araber waren stattliche, schöne Leute. Meist stammten sie aus
Oman; einige jedoch waren Waswahili. Jeder meiner Gäste hatte ein
ganzes Gefolge bei sich. In Tabora lebte man ganz luxuriös. Die Ebene,
auf welcher die Colonie liegt, ist sehr fruchtbar, obgleich baumlos.
Die reichen Weideplätze erlauben es, grosse Vieh- und Ziegenheerden
zu halten, von denen sie grosse Quantitäten Milch, Sahne, Butter und
Ghee (geklärte Butter) haben. Reis wird überall erbaut; ebenso sind
süsse Kartoffeln, Yams, Muhogo, Holcus sorghum, Mais, Sesam, Hirse,
Felderbsen oder Wicken, die Tschoroko heissen, billig und immer zu
haben. Um ihre Tembés bauen die Araber etwas Weizen zum eignen
Gebrauch und haben sich Orangen, Limonen, Papaws und Mangobäume
gepflanzt, die hier sehr schön gedeihen. Zwiebeln und Knoblauch,
Gurken, Tomaten und mancherlei anderes kann sich der Weisse von
den wohlhabendern Arabern verschaffen, die in ihrer Art zweifellos
Epikuräer sind. Wenigstens einmal im Jahre bringen ihnen ihre Sklaven
von der Küste Vorräthe an Thee, Kaffee, Zucker, Gewürzen, eingemachten
Säften, gewürzten Saucen, Wein, Branntwein, Zwieback, Sardinen, Lachs,
feinen Tuchen und allem, was sie für ihren eigenen persönlichen
Gebrauch bedürfen. Fast jeder Araber von Stande vermag einen Reichthum
an persischen Teppichen, luxuriösen Betten, vollständigen Thee- und
Kaffee-Servicen, schön verzierten Schüsseln von verzinntem Kupfer und
messingnen Waschbecken aufzuweisen. Fast alle haben Uhren und Ketten,
einige solche von Gold, andere aus geringerm Material. Und wie in
Persien, Afghanistan und der Türkei die Harems einen wesentlichen Zug
in dem Haushalte eines Arabers bilden, so tritt die Sinnlichkeit der
Mohammedaner hier ebenso deutlich hervor wie im Orient. Jeder Araber
hält sich je nach seinen Mitteln eine Anzahl Concubinen, denn er führt
hier das Leben ganz ebenso, wie in der „Stadt des Sieges“. Das Auge,
das zuerst das unklassische Gesicht der afrikanischen schwarzen Frau
verachtete, verliert bald den Blick für schöne Contouren und sanften
hellen Teint; es dauert nicht lauge, so haftet es lüstern an den
unharmonischen, schwerfälligen Curven der negerartigen Gestalt und
blickt liebend auf das breite, unintelligente Gesicht und die dunkeln
Augen, welche nie das blendende Liebeslicht widerstrahlen, das die
armen Menschenkinder erst schön macht.