begrenzten Landstrich zwischen den Wazaramo und Wadoe einnehmen. Sie
sind die ersten Repräsentanten des reinen Barbaren, auf welche der
Reisende stösst, wenn er nur zwei Tagereisen von der Küste entfernt
ist, -- ein furchtsamer Stamm, die wol nie des Raubes wegen einen
Angriff auf eine Anzahl zusammengehöriger Menschen machen wird. Unter
den arabischen und waswahilischen Händlern haben sie keinen guten Ruf,
sondern gelten für sehr unehrlich, was ich durchaus nicht bezweifle,
denn sie haben auch mir guten Grund gegeben, an diese Berichte zu
glauben, als ich in Kingaru-Hera und Imbiki lagerte. Die Häuptlinge
des östlichem Theils von Ukwere sind nominell den Diwans der Mrima
unterworfen. Sie haben sich die dichtesten Dschungels als Orte für
ihre Dörfer ausgesucht. Jeder Zugang in eins ihrer Thäler wird aufs
eifersüchtigste durch starke, enge Holzthüren geschützt, die selten
mehr als 4½ Fuss hoch und bisweilen so eng sind, dass man nur seitlich
hinein kann.
Diese Inselchen in den Dschungels, die besonders durch ganz Ukwere
zahlreich sind, bieten einem nackten Feinde furchtbare Hindernisse.
Die Pflanzen, Büsche und jungen Bäume, welche ihren natürlichen Schutz
bilden, sind gewöhnlich Aloë- und Dorn-Arten, die so dicht wachsen
und sich miteinander verflechten, dass der kühnste und verzweifeltste
Räuber der furchtbaren Phalanx scharfer Dornen, von denen sie überall
starren, kaum Trotz bieten dürfte.
Einige dieser Dschungel-Inselchen sind von Banditenbanden besetzt,
die es selten verabsäumen, von der Schwäche eines einzelnen Wanderers
Vortheil zu ziehen, besonders wenn es ein Mgwana, ein Freier von
Zanzibar ist, wie ein jeder Neger, der auf Zanzibar wohnt, von den
eingeborenen Waschensi des Innern bezeichnet wird.
Ich möchte die Bevölkerung von Ukwere, in dessen Gebiet (das nicht mehr
als 30 engl. Meilen im Geviert hat und südlich vom Rufufluss, nördlich
vom Wami begrenzt wird) ungefähr hundert Dörfer anzunehmen sind, zu
nicht mehr als 5000 Seelen schätzen. Wären diese sämmtlich unter dem
Befehle eines Häuptlings verbunden, so könnten die Wakwere immerhin ein
mächtiger Stamm werden.
Nach den Wakwere kommt man zu den Wakami, den Resten eines einst
grossen Volks, das die Länder vom Ungerengeri bis zum Grossen
Makataflusse inne hatte. Häufige Kriege mit den Wadoe und Waseguhha
haben sie auf einen engen Landgurt beschränkt, der in gerader Richtung
zehn Meilen beträgt und von dem man sagen kann, dass er zwischen dem
Kira-Pic und der steinigen Felsenkette liegt, die an das Thal des
Ungerengeri im Osten, einige Meilen vom östlichen Ufer des Flusses,
grenzt.
Im Ungerengeri-Thale sind sie so zahlreich wie Bienen. Die
unübertroffene Fruchtbarkeit desselben ist für dieses Volk eine
Hauptursache gewesen, ihren Stammesunterschied zu bewahren. Mit einem
Fernrohr kann man, wenn man von dem steinigen Bergrücken hinab ins
schöne Thal blickt, Haufen brauner Hütten inmitten von Gebüschgruppen
wahrnehmen und ungefähr 100 Dorfschaften zählen, welche überall grossen
Wohlstand zeigen.
Von Ukami kommt man ins südliche Udoe und findet ein kriegerisches,
stattlich aussehendes Volk von viel intelligenteren Gesichtszügen und
etwas hellerer Hautfarbe als die Wakami und Wakwere, -- ein Volk, das
voll von Rassentraditionen steckt, das sich kühn wegen der kleinsten
Verletzung ihres Gebiets in den Kampf gestürzt und tapfer gegen
die Waseguhha und Wakami, sowie gegen nomadische Räuber aus Ukumba
vertheidigt hat.
[Illustration: THOR EINES DORFES.]
Udoe gehört seinem Aeussern nach zu den malerischsten Ländern zwischen
dem Meere und Unyanyembé. Grosse Kegel schiessen über die unendlichen
Wälder in die Höhe und über ihnen schweben leichte flockige Wolken
dahin, durch welche die heissglühende Sonne ihre Strahlen entsendet
und das Ganze in Licht badet, welches diesen sich reihenweise bis an
die Gipfel der Berge erstreckenden Laubkugeln Farbentöne entlockt,
die den Nachbildungsversuchen des strebsamsten Malers Trotz bieten
würden. Erst Udoe ruft des Reisenden Liebe zur Naturschönheit wieder
wach, nachdem er das Meer verlassen. Hier führen ihn die Wege längs
der scharfen Kanten von Bergketten, von denen er hinabsehen kann auf
waldbewachsene Abhänge, die sich zu beiden Seiten in tiefe Thäler
senken, um sich jenseits in hochstrebende Kegel zu erheben, welche den
Himmel küssen, oder in eine hohe Bergkette mit tiefen, concentrischen
Schluchten zu verwandeln, die durch ihr herausfordernd geheimnissvolles
Aussehen fast in Versuchung führt, auf die Erforschung derselben viel
Mühe zu verwenden. Wenn ein Byron diese Landschaft von Udoe erblickte,
so würde er geneigt sein zu sagen:
„Der Morgen auf Udoes Hügeln graut,
Und Urugurus Felsen, Kiras Höhen,
Vom Nebel halbverhüllt und bachbethaut,
Sie lassen sich im dunkeln Purpur sehen.“
Was könnte dieser Stamm uns nicht alles über die Thaten der
Sklavenhändler erzählen! Von der verbündeten Macht der Waseguhha aus
West und Nord und den Sklavenhändlern von Whinde und Sa’adani im Osten
angegriffen, haben die Wadoe es wol hundertmal erlebt, dass ihre Weiber
und Kinder fortgeschleppt, ein Bezirk nach dem andern von ihrem Lande
fortgerissen und mit Useguhha verbunden worden ist. Denn das Volk von
Useguhha wurde von den Sklavenhändlern in Whinde gemiethet und mit
Waffen und Munition versehen, um ihre Nachbarn, die Wadoe, anzugreifen
und sie wiederholt in grossen Massen zu Sklaven zu machen. Denn
Individuen dieses Stammes, namentlich Weiber und Kinder, die so wol in
physischer als geistiger Beziehung den knechtischen Rassen, die sie
umgeben, so überlegen sind, waren bei den sinnlichen Mohammedanern als
Concubinen und Diener sehr gesucht.
An diesem Stamme bemerkt man zuerst, dass er unterscheidende
Stammesabzeichen hat, die in einer sich der Länge nach an beiden
Seiten des Gesichts herabziehenden Linie von Punkten und in dem
Abfeilen der innern Seiten der beiden Mittelzähne des Oberkiefers
bestehen. Die Waffen dieses Stammes ähneln denen der Wakami und
Wakwere und bestehen aus einem Bogen, einem Schilde, einigen leichten
Speeren oder Assegais, einem langen Messer, einer kleinen handlichen
Schlachtaxt und einem Knüttel, der an dem einen Ende einen grossen
Knopf hat, welcher mit vielem Geschick um das Haupt eines Feindes
geschwungen wird und diesem einen betäubenden, bisweilen sogar
tödlichen Schlag versetzt.
[Illustration: KRIEGSWAFFEN.]
Wenn man aus den Wäldern von Mikeseh heraustritt, kommt man in das
Gebiet der Waseguhha oder Wasegura[4], wie die Araber dies Land
fälschlich nennen. Useguhha erstreckt sich in der Länge über zwei
Grade und seine grösste Breite ist 90 engl. geographische Meilen. Es
hat zwei Hauptabtheilungen, Süd-Useguhha, von Uruguru bis zum Wami,
und Nord-Useguhha, unter dem Häuptling Moto, vom Wami bis Umagassi und
Usumbara.
An der Erhebung dieses Stammes zu bedeutender Macht haben wir ein
Beispiel der Wechselfälle, welche die barbarischen Rassen im Verlaufe
der Zeit erlebt haben. Vor 30 Jahren waren die Waseguhha auf einen
engen Landgürtel zwischen den Wasambara und den Wadoe beschränkt. Die
Wadoe waren der Hauptstamm im Osten der Usagara-Gebirge, aber die
Sklavenhändler brachten ihnen Verderben, verriethen sie an organisirte
Banditenbanden, die aus vagabondirenden Wamrima, fortgelaufenen
Sklaven, Verbrechern aus Zanzibar und Menschenräubern bestanden und
die Wälder zwischen Usagara und dem Meere unsicher machten. Diese
Banden überzogen die den Wadoe unterworfenen Stämme mit Krieg, und
da Sklaven dieses Stammes sehr gesucht und sowol wegen der Schönheit
ihrer Gestalt, als ihrer physischen sowie sonstigen Vorzüge halber
gern gekauft wurden, nahmen diese Raubzüge gegen den Stamm so zu, dass
nach einigen Jahren die Wadoe fast gänzlich aus ihren schönen Thälern
und dem herrlichen Lande am Ungerengeri vertrieben waren. Unter diesen
Räubern war der berüchtigte Kisabengo einer der hervorragendsten,
dessen schändliches Leben ich schon bis zu der Zeit gekennzeichnet
habe, wo er seine Veste in Simbamwenni in der Nähe des Ungerengeri
erbaute.
Fast alle Waseguhha-Krieger sind mit Musketen bewaffnet und die Araber
versehen sie mit ausreichender Munition, wofür sie dann die Waruguru,
Wadoe und Wakwenni angreifen, um Sklaven für den arabischen Markt
zu bekommen. Es ist erst fünf Jahre her, dass die Waseguhha einen
glücklichen Raubzug ins Herz der Wasagara-Berge ausführten, in welchem
sie die bevölkerten Theile der Makataebene verwüsteten und mehr als
500 Sklaven erbeuteten. Früher wurden Kriege in diesem Lande durch
Blutfehden zwischen den verschiedenen Häuptlingen verursacht; jetzt
werden sie durch die Sklavenhändler der Mrima angezettelt, damit diese
Menschenwaare auf den Markt nach Zanzibar gebracht werden könne.
Das ostafrikanische Geschwader hat die Macht, dieses Hornissennest zu
vernichten und dem unmenschlichen Handel mit Sklaven, insoweit Useguhha
im Stande ist, ihn aufrecht zu erhalten, ein Ende zu machen. Wenn ein
langes Dampfboot mit 50 Mann an Bord zu diesem Zweck den Wamifluss
bis an Kigongo’s Wohnsitz hinauffährt, so würde es bis 20 Meilen vor
der Stadt Simbamwenni gelangen können. Diese Strecke liesse sich in
einer Nacht zurücklegen und am Morgen könnte man den Ort angreifen
und niederbrennen und somit diesen Kernpunkt des Sklavenhandels
in Ostafrika auf immer zerstören. Die von den Sklavenhändlern
unterstützten Waseguhha sind die eigentliche Pest dieses Theils von
Ostafrika, und wenn einmal ihr fester Platz genommen und zerstört ist,
würden sie ausser Stande sein, weiteres Unheil anzustiften.
Die Waseguhha sind wol die blindesten Anhänger der Zauberei; dennoch
fahren die Jünger dieser dunkeln Kunst bei ihnen sehr schlecht.
Sehr häufig sieht man Aschenhäufchen am Wege und Kleidungsstücke
an Baumzweigen darüber schweben; dies bezeichnet das Schicksal
der unglücklichen „Waganga“ oder Medicin-Männer. Solange ihre
Vorhersagungen richtig sind und glücklich auslaufen, werden diese
Sachverständigen der „Utschavi“ oder Zauberkunst günstig vom Volke
angesehen. Wenn aber ein ungewöhnliches Unglück eine Familie trifft
und diese beschwören kann, dass es die Folge der Kunst des Zauberers
ist, so bildet sich alsbald ein unbarmherziges Richtercollegium und es
erwartet jenen ein Schicksal, wie es die Hexen in den dunkelsten Tagen
von Neu-England erfahren haben. In diesen afrikanischen Wäldern findet
sich bald hinreichend viel dürres Holz und der Unglückliche stirbt den
Flammentod. Sein Lendentuch wird als Warnung für alle falschen Jünger
seiner Kunst über dem Ort, wo er von seinem Geschick ereilt worden,
aufgehängt.
Die Wasagara sind Bergbewohner. Das Land, das sie bewohnen, ist die
Gebirgskette und ihre unmittelbare Umgebung, die sich vom Makata-Flusse
nach der Wüste von Marenga Mkali ausdehnt und 75 engl. geographische
Meilen breit und fast 3 Breitengrade lang ist.
Die Gebirgskette liegt der Länge nach in einer nordöstlichen
Richtung. Die höchste Spitze hat wol eine Höhe von 6000 Fuss über
dem Meeresspiegel. Der Berg Kibwe muss ungefähr 2500 Fuss über dem
Mukondokwathale bei Kadetamare und dieses letztere 2000 Fuss über dem
Meere liegen. Es gibt aber Gipfel in der Ngurugruppe bei Ugombo, die
ich wenigstens 1500 Fuss höher als den Berg Kibwe schätze. Wenn man
sich der Kette vom Makata aus nähert, erheben sich die Berge im Norden
zu einer viel bedeutenderen Höhe als diejenigen, die an dem Pass von
Mukondokwa liegen. Auf den Gipfeln und Abhängen dieser Berge lassen
die Dünste, welche von den Monsunwinden hierher getrieben werden, ihre
Wasserlast fallen und werden zu Flüssen, die als Bäche die Bergabhänge
hinabrieseln und sich in den Thälern am östlichen Abhange vereinigen.
Wie sehr auch Geographen von mir abweichen mögen, so geht doch meine
Ansicht dahin, dass diese Gebirgskette für Ostafrika das ist, was die
Rocky-Mountains für Central-Nordamerika sind. Ich betrachte sie als
das Rückgrat von Ostafrika. Reisende verlegen Kilima-Ndscharo nach 37°
27′, den Berg Kenia nach 37° 35′ östl. Länge; ich stelle den Berg Kibwe
nach 36° 50′, und Burton glaubt, dass dieselbe Gebirgskette von Usagara
„ihren höchsten Punkt in Ndschesi-Uhiyou habe“. Wenn das Ruhwhathal,
durch welches der Rufidschi von dem jenseits liegenden Hochlande ins
Meer fliesst, nur eine Spalte in der Usagarakette ist, warum soll
das Mukondokwathal dies nicht ebenfalls sein? Warum kann denn die
niedrige Ebene von Uhumba oder Masai nicht auch ein Spalt sein? Warum
sollen die Ngaserai-Berge, die Gebirgsgruppe des Kilima-Ndscharo, der
Schneegipfel des Kenia, sein südlicher Nachbar, der Doeno Camwea, und
sein nördlicher, der Berg Msarara, die sich sämmtlich auf demselben
Längengrade erheben, nicht eben dieser Usagarakette angehören?
[Illustration: DER BERG KIBWE UND DAS THAL DES MUNKONDOKWA.
I. S. 236.]
Derselbe Einfluss, den man auf den Ebenen östlich und westlich von den
Rocky-Mountains wahrnimmt, wird auch zu beiden Seiten der Usagarakette
sichtbar. Im westlichen Nordamerika besitzen bekanntlich die Ebenen
von Colorado, Wyoming und ein grosser Theil von Nebraska im Osten und
der am westlichen Fusse der Rocky-Mountains belegene Theil von Colorado
und Utah nicht die merkwürdige Fruchtbarkeit, welche man in der Nähe
des Missuriflusses und östlich oder westlich von Utah antrifft. Diese
nackten Regionen Amerikas ziehen sich 5-800 Meilen breit zu beiden
Seiten der Rocky-Mountains hin und haben eine Länge von fast 2000
Meilen. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass dieses Felsengebirge
eine Durchschnittshöhe von 11-12000 Fuss über dem Meeresspiegel hat. So
gigantische Züge zeigt die Natur in Ostafrika nicht. Ich schätze die
Durchschnittshöhe des östlichen Theils der Usagarakette zu 3500 Fuss
über dem Meeresspiegel, während der westliche noch 1000 Fuss höher ist.
Die Ebene oder das Thal des Makata, im Osten von Usagara, hat dasselbe
kahle Aussehen, das unsere westlichen Ebenen darbieten, und ebenso
lässt sich die Region im Westen von Usagara, welche das ganze Marenga
Mkali und Ugogo umfasst, ihres nackten unfruchtbaren Aeussern und ihrer
Salzablagerungen wegen mit Utah und dem westlichen Colorado vergleichen.
In Uyanzi aber, im Westen von Ugogo, erhebt sich das Land der Länge
nach zu einer Höhe von ungefähr 1000 Fuss über der Ebene von Ugogo
und erscheint infolge davon, dass es die von den Monsuns nach Westen
getragenen Dämpfe auffängt, fruchtbarer, sodass es in dieser Beziehung
gleich nach dem Thal des Mukondokwa kommt. Diese unfruchtbare Region,
die das Marenga Mkali umfasst, hat zwar nur eine Breite von etwa
100-150 engl. geographischen Meilen, ist aber doch 600 Meilen lang oder
vielleicht noch mehr.
Im südlichen Usagara ist das Volk sehr freundlich; im Norden aber,
in den Districten, die an die Wahumba stossen, hat das Volk mehr
den wilderen Charakter seiner Nachbarn. Wiederholte Angriffe von
den menschenraubenden Waseguhha, den räuberischen Wadirigo oder
Wahehe im Südwesten, den Wagogo im Westen und den Wahumba im Norden
haben sie dazu gebracht, Fremde mit Argwohn anzusehen, nach kurzer
Bekanntschaft jedoch erweisen sie sich als offene, freundliche und
tapfere Leute. In der That haben sie ausreichende Ursache, den Arabern
und Wangwana von Zanzibar zu mistrauen. Mbumi, in Ost-Usagara, ist
zweimal innerhalb weniger Jahre von menschenraubenden Arabern und
Waseguhha niedergebrannt worden; Rehenneko hat dasselbe Schicksal
erfahren, und erst vor wenigen Jahren hat Abdullah bin Nasib das Land
von Misonghi bis Mpwapwa mit Feuer und Schwert verheert. Kanyaparu,
der Herr der Berge um Tschunyo oder Kunyo, welcher früher den vierten
Theil von Marenga Mkali cultivirte, hat sich jetzt aus Furcht vor den
Wadirigo-Räubern ganz in die hohen Berge zurückgezogen.
In Ost-Usagara sind die grossen Unterschiede zwischen reinen Wasagara
und den Waseguhha nicht sichtbar. Man findet dieselben erst in den
Dörfern der Mpwapwa. Hier erst erblickt man die langen, dünnen, mit
Messing- und Kupferbehängseln, Kugeln und glänzenden Pice[5] aus
Zanzibar geschmückten Löckchen, durch welche sich hier und da eine
dünne Reihe kleiner Perlen zieht. Ein junger Msagara, der sich das
stumpfe Schwarz seines Gesichts leicht mit Ocker gebräunt und vier
oder fünf kupferne Münzen um die Stirn gebunden, der sich die Spitze
eines kleinen Flaschenkürbis in jedes Ohrläppchen gesteckt und es
dadurch ausgereckt hat, sowie tausende von gutgefetteten, mit kleinen
Kupfer- und Messingstückchen verzierte Locken trägt, stellt mit seinem
hocherhabenen Kopf, der vorragenden Brust, den muskulösen Armen und
wohlproportionirten Gliedern das Ideal eines stattlichen, jungen
afrikanischen Wilden dar.
Die Wasagara beider Geschlechter tätowiren sich Stirne, Brust und Arme.
Ausser dem in jedes Ohr hineingesteckten Kürbishalse, in welchem sich
ein kleiner Vorrath von „Tumbak“ oder Taback und aus dem Verbrennen
von Landmuscheln gewonnener Kalk befindet, trägt ein jeder Msagara
eine Anzahl primitiver Zierathe um den Hals, als da sind: ein paar
schneeweisse Muschelschalen, geschnitzte Holzstückchen, ein kleines
Ziegenhorn, eine von dem Medicinmanne des Stammes geweihte Arznei,
ein Fundo weisser oder rother Perlen, zwei bis drei durchlöcherte
Sungomazi-Eierperlen, eine Schnur Kupfermünzen und hin und wieder
kleine Messingketten, die billigen Uhrketten ähneln. Diese Dinge haben
sie sich entweder selbst gemacht oder von den arabischen Händlern gegen
Hühner und Ziegen eingehandelt. Die Kinder gehen alle nackt; Jünglinge
tragen ein Ziegen- oder Schaffell; erwachsene Männer und Frauen, die
Kinder haben, entweder ein baumwollenes oder aus Kaniki oder Barsati,
einem in Usagara besonders beliebten Zeuge, bestehendes Lendentuch.
Häuptlinge haben Mützen, wie sie von den Wamrima-Diwans getragen
werden, oder das arabische Tarbusch.
[Illustration: JUNGE WASAGARA.]
Es folgen nun auf unserer Marschlinie die Wagogo, ein mächtiger Stamm,
der die Gegend westlich von Usagara nach Uyanzi zu bewohnt, die
ungefähr 80 Meilen breit und 100 Meilen lang ist. Der Reisende muss
bei seinem Verkehr mit ihnen sehr klug und kritisch verfahren. Hier
hört er zuerst das Wort „Honga“, welches jetzt, nachdem er Simbamwenni
passirt, Tribut, vorher ein Geschenk an einen Freund bedeutet. Da
dasselbe unter Androhung von Krieg, falls man nicht freiwillig bezahlt,
abgefordert wird, so ist die beste Deutung des Wortes „mit Gewalt
erpresster Tribut oder Zoll“.
Unter nachfolgenden drei Routen durch Ugogo, mit Angabe der Summe
des Tributs, die eine Karavane von 150 Mann zu zahlen hat, steht dem
Reisenden die Wahl frei:
--------------+---------+------------+---------+-----------+--------
Nördlicher | Tribut. | Mittlerer | Tribut. | Südlicher | Tribut.
Weg. | | Weg. | | Weg. |
| Tücher. | | Tücher. | | Tücher.
--------------+---------+------------+---------+-----------+--------
Mvumi | 35 | Mvumi | 35 | Kifukuru | 25
Matamburu | 24 | Muhalata | 25 | Kisewah | 30
Bihawana | 10 | Mafanya | 15 | Kanyeni | 40
Kididimo | 26 | Kanyenyi | 40 | Sanza | 15
Pembera Pereh | 30 | Sanza | 15 | Usekke | 21
Mizanza | 22 | Khonse | 20 | Khonko | 20
Mukondoku | 32 | Khonko | 20 | Kiwyeh | 27
+---------+ Kiwyeh | 27 | +--------
| 179 | +---------+ | 178
| | | 197 | |
Diese Stoffe werden nur von den Binnenland-Karavanen bezahlt; den
nach der Küste zurückkehrenden werden dagegen gewöhnlich Hacken und
Elfenbein abverlangt.
Es versteht sich von selbst, dass, wenn der Reisende wünscht, um noch
grössere Summen gestraft zu werden, er die Wagogo stets bereit findet,
jeden Fetzen Stoff, den er ihnen gibt, anzunehmen. Mvumi verlangt z. B.
60 Zeuge und wundert sich über seine eigene Grossmuth, eine so kleine
Zahl von einem grossen Musungu (Weissen) zu fordern. Der Reisende
jedoch wird klug daran thun, die Unterhandlungen seinen tüchtigsten
Leuten zu überlassen, nachdem er ihnen eingeschärft, sich in Acht zu
nehmen und nicht zu rasch auf eine bestimmte Zahl einzugehen.
Die Wagogo sind in physischer und intellectueller Beziehung die beste
Rasse zwischen Unyamwezi und dem Meere. Ihre Farbe ist ein kräftiges
braunschwarz. Von vorn gesehen haben sie etwas löwenartiges an sich.
Ihre Gesichter sind breit und intelligent, die Augen gross und rund,
die Nase platt und der Mund sehr gross, die Lippen jedoch sind zwar
dick, indess nicht in so ungeheuerlichem Grade, wie wir sie uns in
unserer Caricatur eines Negerideals vorstellen. Bei alledem ist der
Mgogo, wennschon ein wilder Mann, der bei der geringsten Versuchung
vor keiner Unthat zurückschreckt, doch für den Weissen eine anziehende
Figur. Er ist stolz auf seinen Häuptling und auf sein Land, obwol
dieses unfruchtbar und reizlos ist; stolz auf sich selbst, seine Macht,
seine Waffen, seine Habe; eitel, sehr egoistisch, ein Renommist und
Tyrann, aber auch zur Freundschaft und zu Opfern für einen Freund
fähig. Ein grosser Fehler in seinem Charakter, der ihn den Reisenden
gegenüber in ein schlechtes Licht setzt, ist seine ausserordentliche
Habgier; wenn dieser unter derselben zu leiden hat, so stimmt ihn das
eben nicht besonders freundlich gegen den Bewohner von Ugogo.
Dagegen ist dieser kräftige Eingeborene mit der dunkeln Hautfarbe, der
Löwenstirn, dem drohenden Aussehen und bramarbasirenden Charakter,
dieser stolze, hochmüthige und zanksüchtige Mensch ein blosses Kind
einem andern gegenüber, der sich die Mühe nicht verdriessen lässt,
seinen Charakter zu studiren und seine Eitelkeit zu schonen. Er
ist leicht zu amüsiren, da seine Neugierde leicht angeregt wird.
Ein Reisender von schroffem Charakter wird bestimmt mit ihm Streit
bekommen; in Gegenwart dieses rohen Kindes der Natur jedoch, zumal
wenn es die Macht hat, gereicht es dem Reisenden zu Vortheil und
eigener Sicherheit, seine Schroffheiten abzulegen. Der Mgogo Räuberheld
befindet sich auf seinem eigenen Grund und Boden und hat einen
entschiedenen Vortheil vor dem weissen Fremdling. Jener ist zwar nicht
tapfer, kennt aber doch die Schwäche des Reisenden und ist geneigt,
davon Vortheil zu ziehen, wird aber durch das Interesse, das er am
Frieden hat, daran verhindert, irgendein Verbrechen zu begehen. Denn
jede gegen einen Reisenden verübte Gewaltthat würde den Weg sperren,
die Karavanen veranlassen, sich andere Wege aufzusuchen und somit den
Häuptlingen grosse Einbussen an ihren Einnahmen verursachen.
Der Mgogo-Krieger trägt als Waffen einen Bogen und einen Köcher voll
mörderisch aussehender spitzer, mit Zinken und Widerhaken versehener
Pfeile, ein paar leichte, schön gearbeitete Assegais, einen breiten,
schwertartigen Speer mit einer mehr als zwei Fuss langen Klinge, eine
Streitaxt und ein Rungu oder mit einem Knauf versehenen Knüttel. Auch
hat er einen ovalen Schild aus Rhinoceros-, Elefanten- oder Stierhaut,
der mit schwarzen und weissen Figuren bemalt ist. Seit seiner frühesten
Kindheit ist er mit diesen Waffen vertraut und vom 15. Jahre an weiss
er sie vortrefflich zu gebrauchen.
In sehr kurzer Zeit ist er für die Schlacht gerüstet; der Bote des
Häuptlings eilt von Dorf zu Dorf und bläst sein Ochsenhorn als
Signal zum Kriege. Der Krieger hört es, wirft seine Hacke über die
Schulter, tritt in sein Haus und kommt nach einigen Secunden wieder
in Kriegsfarben und vollem Kampfkostüm heraus. Ueber seinem Haupte
wallen Strauss-, Adler- oder Geierfedern; hinter ihm her flattert sein
langes, scharlachrothes Gewand; auf dem linken Arme befindet sich
sein Schild; in der linken Hand sein schnellender Assegaispeer und in
der rechten hält er sein wuchtiges Beil, das zweischneidig und spitz
auf einem starken Griffe steckt. Um Knöchel und Knie sind klingende
Ketten gebunden; mit den seine Arme zierenden elfenbeinernen Armbändern
zeigt er seine Ankunft an. Mit der Hacke des arbeitsamen Bauers hat er
auch das Aeussere desselben abgelegt und ist jetzt der stolze, eitle,
übermüthige Krieger, der wie ein Athlet aufspringt und begierig nach
dem Schlachtfelde schnaubt.