Der als Mrima bekannte Strich Landes hat in den Augen der civilisirten

Welt eine grosse Bedeutung, denn bei allen Verhandlungen über die

Sklavenfrage muss sich unsere Aufmerksamkeit allen Ernstes auf diesen

Punkt concentriren. Seine Bedeutung liegt für uns in der Thatsache,

dass mit Hülfe der in demselben befindlichen Häfen Mombasah, Bueni,

Sa’adani, Whinde, Bagamoyo, Kaole, Kondutschi, Dar Salaam, Mbuamadschi

und Kilwa drei Viertel der gefangenen, geraubten oder im Innern

gekauften Sklaven ins Ausland verschifft werden. Diese Thatsache darf

man nicht vergessen.

Wenn wir einmal den Fluss Kingani auf unserm Wege nach Unyanyembé

passirt haben, so kann man sagen, dass wir das Land der Wamrima

verlassen haben und in den nördlichsten Theil von Uzaramo gelangt

sind. Der Sultan von Zanzibar hat in Kikoka, vier Meilen westlich von

Kingani, einen Posten etablirt und hierdurch seine Ansprüche auf den

Besitz der zehn Meilen Land von Bagamoyo nach Kikoka geltend gemacht.

Da es zwischen dem Fluss und Kikoka keine Einwohner gibt, so wird auch

dieser Anspruch nicht in Frage gestellt.

Zur Rechten, d. h. nördlich von dem Wege nach Unyanyembé, erstreckt

sich Ukwere, zwei Tagemärsche oder 25 Meilen lang. Nach Westen

dehnt sich Ukwere von Rosako bis Kisemo 60 Meilen weit aus. Von

Kisemo westlich, auf dem halben Wege nach Mikeseh, oder östlich von

dem Kira-Pic liegt Ukami. Dieses Land dehnte sich früher bis nach

Simbamwenni aus und schloss diese Hauptstadt der Waseguhha in sich;

die Wadoe aber, ihre nördlichen Nachbarn, besiegten die Einwohner und

eroberten das Land, wurden aber ihrerseits wieder von dem mächtigen

Stamme der Waseguhha unterworfen. Unter dem Namen Udoe existirt noch

ein grosses Land zwischen dem Kira-Pic und Ulagalla, das sich im Norden

über Ukami, im Osten noch über Ukwere hinaus nach der Mrima oder Küste

zu hinzieht. Dieser Theil zwischen dem Kira-Pic und Ulagalla ist das

südwestlichste Ende des Gebiets der Wadoe.

Useguhha fängt bei Ulagalla an, und sein westliches Ende befindet sich

am östlichen Ufer des Makata.

Dieses ganze Land, das die Districte von Ukwere, Ukami, Udoe und

Useguhha umschliesst, wird vom Kingani und seinen Nebenflüssen

durchzogen, oder ich sollte eigentlich sagen, von seinem

Hauptnebenflusse, dem Ungerengeri. Indem ich diese nördliche Route

einschlug, wurde ich in den Stand gesetzt, den Hauptnebenfluss des

Kingani im Ungerengeri zu entdecken, der von den Eingeborenen da wo er

sich in den Hauptfluss ergiesst, Rufu genannt wird. Speke und Grant

haben den Mgeta, einen andern Zufluss, entdeckt, der westlich von dem

Mkambaku-Gebirge kommend, nach Süden zu einen Bogen bildet und das

ganze Ukutu und Uzaramo durchfliesst. Das Areal, welches vom Kingani

und seinem Nebenflusse entwässert wird, lässt sich höchstens auf 12,000

engl. Quadratmeilen schätzen.

Wer die Geographie Afrikas studirt hat, wird es bemerken, dass

Speke auf seiner Karte nahe bei 37° östl. L. einen Gebirgszug als

Mkambaku-Kette verzeichnet hat, der sich mindestens einen Grad nach

Norden hinzieht. Den Theil dieses Gebirgszugs, der „Mkambaku“ heisst,

hat unsere Expedition gesehen; seine nördlichste Partie ist als

Uruguru-Gebirge bekannt. Am Fusse seines nördlichsten Endes, wo es

sich nach Osten umwendet, liegt die Hauptstadt des südlichen Useguhha,

Simbamwenni.

Speke sagt: „Wo der Kingani selbst entspringt, konnte ich nie ausfindig

machen; doch habe ich gehört, dass sein Ursprung in einer sprudelnden

Quelle auf der östlichen Seite des Mkambaku zu finden sei, wonach der

Mgeta der längere Arm wäre.“ Mit welchem Namen wir nun auch diesen

Fluss bezeichnen, ob als Kingani oder Hamdallah, wie ihn die Wamrima

nennen, oder als Rufu, wie er bei den Wakwere, Wakami, Wadoe und

Waseguhha heisst, so kann seine Quelle jetzt nicht mehr zweifelhaft

sein. Speke hat die Entdeckung gemacht, dass der Mgeta, einer der

beiden Hauptzuflüsse, am westlichen Abhange des Mkambaku entspringt,

und hat ihn um den Süden von Khutu dahinfliessen sehen. Ich habe

entdeckt, dass der zweite Hauptzufluss, der Ungerengeri, westlich

von dem Mkambaku oder eigentlich von den Uruguru-Bergen entspringt,

und dass er nordwärts durch Useguhha und Udoe in das südliche Ukwere

und Ukami und von dort in den Kingani fliesst. Dieser Fluss ist den

Eingeborenen als Rufu von da ab bekannt, wo er in Ukwere eintritt,

bis an den Punkt, wo er, drei Meilen nördlich von Bagamoyo, in den

Ocean mündet. Bei den Arabern jedoch heisst derselbe von dem Punkt an,

wo sich die verschiedenen Zuflüsse vereinigen, Kingani. Unter diesem

Namen wird er Leuten, welche die Karten afrikanischer Reisenden studirt

haben, am besten bekannt sein.

Die grösste Höhe, die unsere Expedition zwischen Bagamoyo und

Simbamwenni in Useguhha erreicht hat, betrug nicht mehr als 1000 Fuss,

und mit Ausnahme einiger hier und dort nördlich von Kingaru Hera und in

der Umgegend von Mikeseh sichtbaren Kegel, die als Dilima-Pics bekannt

sind, sieht man das Land sich allmählich in einer Reihe länglicher

parallel verlaufender Hügelketten erheben, die stark bewaldet und mit

Gestrüpp bewachsen sind, oder glatte, grasbestandene Bergrücken bilden,

deren Abhänge nach Osten und Westen zu welligen Senkungen abfallen,

durch welche die Wasserläufe sich nach Süden und Südwest in den

Ungerengeri ergiessen.

Jenseits Simbamwenni und westlich vom Ungerengeri stehen wir plötzlich

vereinzelten, hoch aufgethürmten Kegeln mit abgestumpften Spitzen

gegenüber, die untereinander durch niedrige Sättel oder Bergfirsten zu

einer isolirten Gebirgsgruppe verbunden sind, die sich wenigstens 2000

Fuss über den Ungerengeri erhebt. An ihrem Fusse, an der nördlichen

Seite dieses Stromes, zieht sich östlich ein langer bewaldeter

Bergrücken hin, der den Ungerengeri von dem Wami trennt.

Diese imposante Landschaft erfreut das Auge des Fremdlings sehr, der

sich der Hoffnung hingibt, bald bedeutendere Höhen zu ersteigen und

dadurch vor den Fiebern bewahrt zu bleiben, welche der der Natur des

Innern von Afrika Unkundige nur den Dschungels und Mooren der Seegegend

zuschreibt.

[Illustration]

In einem Marsche von Simbamwenni kommt man jedoch durch einen Engpass

der Berggruppe nach Simbo, wo man einen deutlichen Blick in das breite

Thal des Grossen Makata gewinnt, das von der hohen, kühnen, rückwärts

nach Osten zu liegenden Gruppe, und der herrlichen Bergkette von

Usagara begrenzt wird, deren stolze Pics und hochstrebende Gipfel in

den Wolken begraben sind.

Ich habe der Klarlegung des Unterschieds, der zwischen dem Kingani und

dem Wami existirt, viel Zeit gewidmet. Erst nachdem ich mich selbst

überzeugt, habe ich es gewagt festzustellen, dass der Unterschied

zwischen diesen beiden Flüssen klar und bestimmt vorhanden ist. Die

Araber, Wamrima und Eingeborenen und meine eigene persönliche Kenntniss

des Landes und der Gestaltung seiner Oberfläche erheben es über allen

Zweifel, dass der Kingani und Wami zwei völlig voneinander verschiedene

Flüsse sind. Der erstere tritt drei Meilen nördlich von Bagamoyo ins

Meer, wogegen der letztere sich ungefähr auf dem halben Wege zwischen

den Häfen Whinde und Sa’adani in dasselbe ergiesst.

Der vorstehende Plan wird am besten das Flusssystem dieser Gegend

klarlegen.

Es hat sich also herausgestellt, dass der Ungerengeri aus Südwesten

in den Kingani fliesst. Von dem Punkte, wo wir uns befinden (Simbo),

ist die Formation des Landes deutlich zu überblicken. Zur Rechten, das

Gesicht nach Westen gewandt, befindet sich das Thal des Makata oder des

Wami, der nach Norden und Osten fliesst; zur Linken haben wir das Thal

des Ungerengeri, welcher, nachdem er eine kühne Schwenkung nach Norden

gemacht hat, nach Südosten strömt. Unsere Marschlinie von Bagamoyo

hierher ist ungefähr gleich weit von beiden Flüssen entfernt gewesen,

wobei der Wami rechts und der Ungerengeri oder Kingani links liegen

bleibt.

Sieht man sich die vorstehende Kartenskizze an, so wird man finden, wie

ein und derselbe Fluss drei bis vier ganz verschiedene Namen trägt,

wodurch Reisende bei Verfolgung ihrer geographischen Forschungen

sich leicht täuschen lassen. Ebenso wie der Kingani eine Reihe

verschiedener Namen führt, heisst auch der Fluss, welcher zwischen den

mohammedanischen Häfen Whinde und Sa’adani ins Meer mündet, abwechselnd

Wami, Rudewa, Makata und Mukondokwa.

Der erste bedeutende Fluss, auf den man stösst, wenn man in die weite

Ebene, das Thal von Makata, tritt, ist der Kleine Makata, der, obwol

zu allen Jahreszeiten passirbar, in der Höhe der Masikazeit ein

reissender, für Reisende gefährlicher Strom wird. Hinter demselben

kommt man an ein tiefes Nullah, das während der Regenzeit von Wasser

überfliesst, und einige hundert Meter weiter an den Grossen Makata,

den Wami oder Mukondokwa, einen Fluss, der im Stande ist, sich zu

einem mächtigen Strom von 500-600 Meter Breite zu erweitern. Jenseits

des Grossen Makata gelangt man an den Mbengerenga, einen Zufluss des

Rudewa, welcher hier parallel mit unserer Marschroute fliesst und

sich in den Wami, unmittelbar oder doch sehr nahe am Zusammenfluss

des Grossen und Kleinen Makata, ergiesst. Nachdem man den Mbengerenga

überschritten, kommt man sofort zu einem andern kleinen Zufluss des

Rudewa und sieht den letztern selbst wie er sich der Strasse nähert

und scharf nach Osten wendet. Weiter nach Süden gewandt kommt man

an den Uronga, einen Fluss, der in Mundu, im nördlichen Usagara,

entspringt und hinter dem Lager in Rehenneko, über eine vorspringende

Gebirgskette hinweg, wieder zum Makata gelangt, der hier bei den

Wasagara den Namen Mukondokwa führt. Verfolgt man den Weg den

Mukondokwapass hinauf, dieselbe Strasse entlang, die Burton und Speke

eingeschlagen, so gelangt man an einen Punkt in diesem Thal, wo unsere

Wege auseinandergehen, indem der von Burton und Speke den Gipfel der

Rubehokette hinauf und dieselbe entlang führt, während der unsrige sich

bedeutend nach Norden wendet, jedoch so, dass er sich parallel mit der

andern Route in einem Zwischenraume von 20-30 Meilen hinzieht.

Burton kam bald, nachdem er das Thal des Mukondokwa verlassen, auf

ein Plateau, das mit steilen Abhängen über Berggefälle, Felsenstufen

und Gerölle hinweg in dem Becken des Flusses Rumuma endet. Dies ist

ein südlicher Zufluss oder eine Gabelung des Mukondokwa und leitet

das Wasser von den Hügeln nach dem Südwesten des Rumuma-Districts,

während der Hauptstrom, der in den Hochlanden von Wahumba oder Wamusai

entspringt, das Wasser dieser Länder nach Westen führt.

Noch nicht elf Meilen von der Furt, wo Burton’s und Speke’s und

mein Weg sich trennten, kam ich an einen See, den Ugombo-See, der,

obgleich von beschränkten Dimensionen, eine gewisse Rolle in dem

Wassersystem Ostafrikas spielt. Denn dieser kleine See, der kaum drei

Meilen lang ist, nimmt den Rumuma auf und entlässt ihn durch einen

engen Spalt in den Mukondokwa. Der Hauptstrom entspringt +nicht+

in den Hochlanden der Wahumba oder Wamusai und führt das Wasser aus

den westlichen Ländern +nicht+ mit sich, sondern er entsteht

wenigstens einen Grad nördlich von der Breite von Ugombo in den

Gebirgen von Kema-Kaguru, in dem Lande, das in Kisagara als Mundu

bekannt ist, welches auch die Ursprungsstätte des Stromes Uronga oder

Ulonga bildet.

Unter den übrigen Zuflüssen dieses Mukondokwa-Flusses befinden sich

ausser dem Rumuma die in Kivya entspringenden Flüsse Rufuta und Mdunku,

sowie der Myombo und Mdunwi.

Die Länder im Westen von dem Längengrad von Rubeho wurden -- wenigstens

auf unserer Route -- vermittelst Nullahs entwässert, die wegen der

allgemeinen Dürre in dieser trockenen Region das Wasser nicht in

einen Strom führen. Diese Nullahs oder trockenen Wasserläufe oder

vertiefte Fiumaras, die man in Amerika Gulches (Wasserschluchten)

nennen würde, absorbiren alles Wasser, das aus den unfruchtbaren,

jenseits oder westlich von den Usagara-Bergen liegenden Gegenden in sie

hineinfliesst. Der Mukondokwa-Fluss läuft von Norden nach Süden durch

die Berge von Usagara, schlägt sich dann nach Osten und entsendet die

ihm vom Rufuta, Rumuma, Myombo und Mdunwi zugeführten Wasser östlich in

den Indischen Ocean.

Der Regen fällt westlich von Usagara so spärlich, dass die sandigen

Fiumaras oder Wasserschluchten selten dem Rufidschi Wasser zuführen.

Denn westlich von Ugogi bis nach Tura in Unyamwezi fällt das Wasser

nach Süden in den Ruhwha oder Rufidschi.

Jene unfruchtbare Gegend, die das nördliche Marenga Mkali, das ganze

Ugogo, südliche Uhumba oder Umasai, Ihange und Mbogwe umschliesst,

hat keinen Wasserabfluss. Aller Regen, der hier fällt, wird von den

seichten Pfuhlen oder Seen aufgefangen, die über das Innere dieser

Gegend so dicht ausgestreut sind. Während der trockenen Jahreszeit

findet Verdunstung statt, und das Wasser wird aus diesen Pfuhlen durch

die beständigen, von Nordosten kommenden Monsuns in die grössern

Behältnisse der Seen geführt, welche der Victoria-Nyanza einnimmt, und

von dort in den Nil. Nachdem die Verdunstung stattgefunden, zeigt die

Oberfläche dieser unfruchtbaren Gegend grosse Landstrecken, die von

Salzen oder Salpeter inkrustirt sind. Die, welche man im Westen von

Tschaga, im District Angaruka, sieht, die Salzlagunen von Balibali,

westlich von Kikui, und die, welche ich selbst nördlich von Mizanza

gesehen, dienen dazu, diese Theorie zu begründen.

Jenseits Ugogo sind die einzigen nennenswerthen Ströme der Mdaburu und

der Mabunguru, die südlich in den Kisigo fliessen, dessen Lage einen

Grad südlich von Kiwyeh angenommen wird. Er soll, nach den Berichten

der Wagogo von Kiwyeh, ein bedeutender und raschfliessender, von

zahlreichen Flusspferden und Krokodilen heimgesuchter Strom sein. Der

Kisigo fliesst in den Rufidschi.

Von unserm Marsche nach Unyanyembé kann man in Kürze sagen, dass sein

erster Theil über das Becken des Kingani, der zweite über das des

Wami, der dritte über die Wasserscheide des Wami, der vierte über den

nördlichsten Theil des Ruhwha-Beckens und die wasserlose Gegend, der

fünfte in die Grenzen der Wasserscheide des Tanganika-Sees führte.

Nun kann der Leser und zwar mit Recht fragen: „Was nützen mir alle

diese langweiligen Beschreibungen von Flüssen, die so sonderbare,

unverständliche Namen haben?“

Geduld! lieber Leser, gerade auf diesen Punkt will ich jetzt kommen.

Wenn man sich die Karte von Afrika näher ansieht, so wird man

begreifen, worauf meine Beschreibung zweier besonderer Ströme hinweisen

soll.

Erstens ist, wie mir scheint, der Fluss Wami für den Handel benutzbar.

Ich weiss, dass man ihn durch leichte Dampfschiffe von einem niedrigen

Tiefgang von 2-3 Fuss eine Strecke von 2° in gerader Linie oder fast

200 Meilen zu Wasser vom Hafenort Whinde nach Mbumi in Usagara befahren

kann. Alle Hindernisse, die sich der Schifffahrt entgegenstellen, z. B.

die Mangelbäume, die an einigen Stellen, namentlich in der Nähe des

Dorfes in Kigongo’s District, an beiden Ufern ihre weitausgebreiteten

Zweige miteinander verbinden, lassen sich leicht mit dem Beil entfernen.

Mbumi liegt nur ein paar Meilen vom Fusse der Usagara-Berge, dem

gesundesten Theile Ostafrikas. Die Entfernung von Whinde nach Mbumi

liesse sich mit einem Dampfer leicht in vier Tagen zurücklegen.

Wer Afrika zu civilisiren wünscht, wer direct mit Usagara, Useguhha,

Ukutu, Uhehe Handel zu treiben wünscht, Elfenbein, Zucker, Baumwolle,

Orseillewurzel, Indigo und Korn aus diesen Ländern beziehen will, dem

eröffnet sich hier eine schöne Gelegenheit.

Vier Tage bringen den Missionär auf einem Dampfer in die Hochlande

von Afrika, wo er unter den sanften Wasagara ohne Furcht und Unruhe

leben und sich alle Genüsse des civilisirten Lebens gönnen kann, ohne

Angst, ihrer beraubt zu werden, inmitten der schönsten, malerischsten

Scenen, die eine poetische Phantasie auszumalen vermag! Hier gibt

es das herrlichste Grün, das reinste Wasser; hier sind Thäler, die

von Kornhalmen, von Wäldern von Tamarinden, Mimosen und Kopalbäumen

strotzen. Hier findet sich der gigantische Mvule, der stattliche

Mparamusi, die schöne Palme, kurz, eine Landschaft, wie sie nur

ein tropischer Himmel bedecken kann. Gesundheit und reichliche

Nahrungsmittel sind dem Missionär hier sicher; ein sanftes Volk lebt zu

seinen Füssen, das ihn gern willkommen heisst. Mit einziger Ausnahme

von civilisirter Gesellschaft fehlt hier nichts, was die Seele des

Menschen sich wünschen kann.

Vom Dorfe Kadetamare lassen sich eine ganze Zahl prächtiger Plätze zu

Missionsstationen benutzen, über welche heilsame Lüfte wehen, in denen

Wasser reichlich dahinfliesst, die unvergleichliche Fruchtbarkeit

umgibt und wo überall ein gelehriges, gutmüthiges Volk wohnt, das mit

sich und allen Reisenden und Nachbarn in Frieden lebt.

Wie die Pässe des Olympos die Pforten des oströmischen Reiches den

Horden Othman’s eröffneten, wie die Pässe von Kumaylé und Suru den

Briten den Zutritt zu Abessinien verschafften, so können die Pässe des

Mukondokwa das Evangelium und seinen wohlthätigen Einfluss ins Herz des

wilden Afrika einführen.

Ich kann mir den alten Kadetamare vorstellen, wie er sich die Hände

vor Vergnügen über den Anblick des Weissen reibt, der da kommt, um

seinem Volke die Worte des Mulungu, des Himmelsgeistes, zu lehren,

es zu unterweisen, wie es säen, ernten und Häuser bauen, wie es die

Kranken curiren und sich ein angenehmes Dasein verschaffen kann, kurz,

wie es civilisirt wird. Der Missionär muss jedoch, um Erfolg zu haben,

seine Pflichten ebenso gründlich kennen, wie ein Matrose die seinigen.

Es darf kein Mensch in Glacéhandschuhen, kein Weichling, kein

Zeitungsschreiber, kein zanksüchtiger Polemiker oder nur auf Ceremonien

bedachter Priester, sondern es muss ein ernster Arbeiter im Weinberge

des Herrn sein, ein Mann wie David Livingstone oder Robert Moffatt.

Der andere Fluss, der Rufidschi oder Ruhwha, ist noch wichtiger als

der Wami, denn er ist viel länger und entsendet zweimal so viel

Wasser in den Indischen Ocean. Er entsteht in der Nähe einiger Berge,

die ungefähr 100 Meilen südwestlich von Ubena liegen. Man nimmt vom

Kisigo, dem nördlichsten und wichtigsten Zufluss des Ruhwha, an, dass

er sich nahe beim 35. Grad östlicher Länge in diesen ergiesst. Von

dem Zusammenfluss bis zum Meere hat der Ruhwha eine Länge von vier

Längengraden in gerader Richtung. Diese Thatsache beweist an sich schon

die Wichtigkeit und den Rang desselben unter den Flüssen Ostafrikas.

Man weiss sehr wenig über ihn, als dass er für kleine Boote 96 Stunden

oder ungefähr 60 Meilen hinauf schiffbar ist, denn Banyanen treiben auf

dieser Strecke Handel den Fluss hinauf und sammeln Elfenbein ein von

den an seinen Ufern wohnenden Stämmen.

Der Reisende bemerkt zwischen den niedrigeren und höheren, oder den

See- und den unfruchtbaren Gegenden einen auffallenden Contrast in

Bezug auf die Vegetation. In den Thälern des Ungerengeri und Wami

ist die Productionskraft des Bodens merkwürdig. Der üppige schwarze

Alluvialboden, der seit vielen Jahrhunderten von diesen Flüssen

abgelagert ist, hat, was die Fruchtbarkeit betrifft, gar keine Grenze.

Jede Art Pflanze schiesst hier in gigantischen Proportionen auf. Die

Grashalme erreichen die Grösse eines gewöhnlichen Bambus, und die

Bäume, wie z. B. der Mparamusi und der Mvulebaum, haben 100 Fuss hohe

Stämme. Der in diesen Thälern wachsende Mais übertrifft den schönsten,

der in den Gründen von Arkansas, Missouri und Mississippi wächst. Das

Holcus sorghum oder Matama hat Stengel, die an Dicke das schönste

Zuckerrohr übertreffen und von denen manche 12 Fuss hoch werden. Die

Dichtigkeit der Dschungels ist geradezu schreckenerregend und die

Verschiedenheit der Pflanzen- und Baumarten würde die Kenntnisse des

gelehrtesten Botanikers auf die Probe stellen.

In meinen täglichen Berichten über unsere Märsche und Erlebnisse habe

ich versucht, die Natur des Landes, wie es sich mir darstellte, während

der Zeit unseres Durchzugs zu skizziren. Durch die Seegegend kamen

wir in der Masikazeit und konnten auf derselben die Wirkung dieser

Jahreszeit auf das Gras beobachten.

Wenn die Masikazeit anfängt, sind diese Gräser kaum kniehoch; gegen

Ende derselben haben sie dagegen ihre volle Höhe erreicht. Einen

Monat nach der Masikazeit, wo sie ganz verdorrt aussehen, zünden die

Eingeborenen sie an und tagelang ertönt das Land noch von dem Toben der

wüthenden Brände, über denen ein dicker schwarzer Rauch sich wie eine

Wolke erhebt, die dem Himmel selbst eine trübe Färbung verleiht.

Wenn diese Feuer durch die Wälder gewüthet und das Gras verzehrt haben,

dann tritt die beste Reisezeit ein. Man kommt leicht fort und kann fast

doppelt soviel marschiren, als wenn das Gras durch seine Dichtigkeit

und Höhe beständig Hindernisse in den Weg legt. Dann kann das Auge

frei über die schwellenden Umrisse und niedrigen Hügel schweifen, ohne

dass der Blick gehemmt würde durch einen jungen Wald dicker Gräser,

der gerade zwischen dem Beschauer und der reizenden Aussicht liegt,

über deren Spitzen nur ein Mann von 15 Fuss Höhe seine Liebe für

Naturschönheiten befriedigen könnte.

Es wäre eine schwere Aufgabe, feine ethnische Unterschiede zwischen den

Wamrima und den westlicheren Waschensi aufzustellen. Ich wundere mich

immer, wie Kapitän Burton im Stande gewesen ist, solch feine Linien zu

ziehen, die, wie ich den Leser versichern kann, von einem gewöhnlichen

Menschen, wie ich es bin, nicht bemerkt werden.

Nach Zanzibar tritt man zuerst über Bagamoyo in Afrika ein. An diesem

Orte kann man Wangindo, Waswahili, Warori, Wagogo, Wanyamwezi,

Waseguhha und Wasagara sehen; dennoch würde es für jedermann eine

schwierige Aufgabe sein, beim blossen Anblick ihrer Züge oder Kleidung

Unterschiede zu erkennen. Man könnte nämlich nur an gewissen

Gewohnheiten oder Unterscheidungsmerkmalen, wie z. B. am Tätowiren,

Durchstechen der Ohrläppchen, an Zierathen oder der Haartracht, die

im Anfange zu unbedeutend erscheinen, als dass man sie bemerkt,

Unterschiede unter den verschiedenen Stämmen herausfinden. Gewiss

gibt es deren; sie sind aber nicht so gross oder markirt, wie man sie

angegeben hat.

Die Waswahili stellen uns eine Rasse vor, die natürlich durch den

Verkehr mit halbcivilisirten Menschen beeinflusst und daher besser

angezogen sind und vortheilhafter aussehen als ihre wilderen, weiter

westlich wohnenden Brüder. Wie man sagt, dass in der Haut eines Russen

der Tartare steckt, so lässt sich auch behaupten, dass man unter dem

schneeweissen Dischdascheh oder Hemd des Mswahili den echten Barbaren

finden wird. Auf der Strasse, im Bazar erscheint er halb arabisirt;

seine freundlichen Manieren, sein demüthiges Fussfallen, seine

Kniebeugungen, sein Jargon, alles beweist, dass er mit der herrschenden

Rasse, der er unterworfen, in Berührung gekommen ist. Ist er jedoch

aus den Seestädten hinaus in die Waschensidörfer gegangen, so wirft

er das Hemd ab, das ihn halb civilisirt hat, und er erscheint in der

ganzen tiefen Schwärze seiner Haut, mit hervorstehendem Unterkiefer und

dicken Lippen als reiner Neger und Barbare. Selbst das schärfste Auge

könnte einen Unterschied zwischen ihm und dem Mschensi nicht erkennen,

wenn man nicht besonders darauf aufmerksam macht, dass die beiden Leute

verschiedenen Stämmen angehören.

Wie ich Livingstone fand; Erster Band · 第 19 / 29 段