Am 15., nachdem ich festgestellt, dass Scheikh Thani mehrere Tage in

Kusuri werde aufgehalten werden, weil sehr viele seiner Leute an der

schrecklichen Plage Ostafrikas, den Pocken, krank darniederlagen,

verabschiedete ich mich von ihm und verliess mit meiner Karavane

Kusuri, um wieder einmal in die Wildniss und die Dschungels zu

ziehen. Kurz vor Mittag hielten wir im Khambi von Mgongo Tembo oder

Elefantenrücken, das seinen Namen von einer Felsenwelle führt, deren

von der Atmosphäre dunkelbraun gefärbter Grath nach dem Urtheil der

Eingeborenen dem blaubraunen Rücken jenes Waldungethüms ähnlich sehen

soll. Meine Karavane hatte hier geradezu einen Disput mit mir, ob wir

unsere Terekeza an diesem Tage oder am nächsten abmachen sollten. Die

Mehrheit war der Ansicht, dass der folgende Tag sich besser dazu

eigne; ich aber als Bana handelte nach meinem Interesse und bestand

darauf, nicht ohne einigemal meine Peitsche schwingen zu müssen, dass

dieselbe am heutigen Tage stattfinden solle.

Mgongo Tembo war, als Burton und Speke es durchzogen, eine

vielversprechende Kolonie, die manchen schönen Morgen Landes bebaute.

Vor zwei Jahren jedoch war ein Krieg wegen irgendeines vom hiesigen

Volk an den Karavanen verübten Frevels ausgebrochen und die Araber

kamen von Unyanyembé mit ihren Wangwanadienern, verbrannten die Dörfer

und verwüsteten die Arbeit von Jahren. Seit der Zeit besteht Mgongo

Tembo nur aus schwarzen Häuserresten und sind die Felder daselbst

sprossende Dschungels.

Eine Gruppe von Dattelpalmen, die einen dichten Hain nahe bei dem Mtoni

von Mgongo Tembo überragen, rief mir die Erinnerung an Aegypten zurück.

Die Ufer des Baches mit ihrem grünen Laub bildeten einen sonderbaren

Contrast gegen das braune, verdorrte Aussehen der zu beiden Seiten

liegenden Dschungels.

Um 1 Uhr nachmittags nahmen wir unsere Lasten und Wanderstäbe wieder

auf und waren in kurzer Zeit auf dem Wege nach Nghwhalah Mtoni, das

8¾ Meilen von dem Khambi entfernt liegt. Die Sonne brannte heiss; wie

ein Feuerball schickte sie ihre sengenden Strahlen uns gerade auf die

Köpfe herab und dörrte, als sie sich nach Westen neigte, die Luft aus,

ehe sie von den sich nach ihr sehnenden Lungen eingeathmet wurde.

Kibuyus voll Wasser wurden rasch geleert, um die furchtbare Hitze, die

Gaumen und Lungen verbrannte, zu lindern. Ein Pagazi, der schwer von

den Pocken befallen war, erlag denselben und warf sich an den Rand

des Weges, um zu sterben. Wir haben ihn nicht wieder gesehen, denn

die Reise einer Karavane auf einer Terekeza gleicht einigermassen der

eines Schiffes in einem Orkane. Die Karavane muss weiterziehen, wehe

dem, der zurückbleibt, denn Hunger und Durst werden ihn überfallen --

ebenso muss auch das Schiff vor dem wilden Sturm dahineilen, um nicht

zu scheitern, wehe dem, der über Bord fällt!

Gutes kaltes, süsses Wasser wurde in Ueberfluss in dem Bett des Mtoni

in tiefen Steinbehältnissen angetroffen; hier waren auch, wie bei

Mabunguru, die Spuren reissender Sturzbäche deutlich sichtbar.

Der Nghwhalah fängt im nördlich belegenen Ubanarama an, einem Lande,

das wegen seiner schönen Esel bekannt ist, und kreuzt sich, nachdem er

südlich und dann südsüdwestlich gelaufen, mit dem Wege nach Unyanyembé,

von welchem Punkt an er sich mehr nach Westen wendet.

Am 16. kamen wir in Madedita an, einem Orte, der seinen Namen von einem

frühern, jetzt nicht mehr existirenden Dorfe führt. Madedita ist 12½

Meilen von dem Nghwhalah Mtoni entfernt. Eine Pfütze guten Wassers, die

einige hundert Schritt vom Wege abliegt, ist das einzige, was Karavanen

hier bekommen können, ehe sie nach Tura in Unyamwezi gelangen. Die

Tsetse- oder Tschufwafliege, wie sie die Waswahili nennen, stach

uns furchtbar, was ein Zeichen ist, dass grosses Wild bisweilen die

Pfützen besucht, aber nicht als Beweis dafür zu nehmen ist, dass sich

dergleichen in der unmittelbaren Nähe des Wassers gerade befindet.

Eine einzelne so häufig von vorüberziehenden Karavanen besuchte

Pfütze, an der diese zu halten gezwungen sind, kann nicht oft von

Thieren des Waldes besucht werden, die in diesem Theil von Afrika die

Aufenthaltsorte des Menschen scheu fliehen.

Mit der Morgendämmerung des nächsten Tages waren wir auf dem Wege

und zwar in rascherem Tempo, als an den meisten früheren Tagen, da

wir im Begriff standen, Magunda Mkali mit dem bevölkertern, bessern

Lande von Unyamwezi zu vertauschen. Der Wald behielt seinen Charakter

eine ermüdend lange Zeit hindurch, aber nach zwei Stunden wurde er

dünner, verwandelte sich dann in ein niedriges Gestrüpp und verschwand

schliesslich ganz. So hatten wir den Boden von Unyamwezi erreicht,

wo sich eine weite Ebene in langen grossen Wellen bis an den fernen

purpurnen Horizont vor uns ausdehnte. Soweit die Ebene reicht

erblickten wir Felder von reifem Korn, die munter im kühlen von Usagara

her wehenden Morgenwinde rauschten.

Um 8 Uhr morgens kamen wir bei dem Grenzdorf von Unyamwezi, Ost-Tura,

an, in das wir einzogen ohne weitere Rücksicht auf die Stimmung

seiner spärlichen Einwohner. Hier fanden wir Nondo, einen Speke’schen

Deserteur, der zu denen gehörte, die für Baraka gegen Bombay Partei

genommen hatten. Da er bei mir in Dienst zu treten wünschte, war er

so liebenswürdig, seine früheren Kameraden und schliesslich auch die

Pagazi mit Honig und Scherbet zu versehen. Wir machten hier nur eine

kurze Erholungspause, da wir blos noch eine Stunde zu marschiren

hatten, um Central-Tura zu erreichen.

Der Weg von Ost-Tura führt durch ausgedehnte Felder von Hirse, Mais,

Holcus Sorghum, Maweri oder Panicum oder Bajri, wie die Araber es

nennen, durch Gärten von süssen Kartoffeln und grosse Strecken von

Gurken, Wassermelonen, Mussmelonen und Erbsennüssen, welche in den

tiefen Furchen zwischen den Holcushecken wachsen.

Einige breitblättrige Platanenpflanzen waren auch in der Umgegend der

Dörfer zu sehen, die, je weiter wir kamen, sehr zahlreich wurden. Die

Dörfer der Wakimbu sind, wie die der Wagogo, viereckig, mit flachen

Dächern und schliessen einen offenen Platz ein, der bisweilen durch

Zäune von Matamastengeln in drei bis vier Theile getheilt wird.

In Central-Tura, wo wir unser Lager aufschlugen, bekamen wir

ausreichende Beweise für die Schurkenhaftigkeit der Wakimbu von Tura.

Hamed nämlich, welcher trotz seiner Bemühungen, Unyanyembé zeitig zu

erreichen, um seine Tuche daselbst zu verkaufen, ehe andere Araber

mit Tuchvorräthen hinkämen, ausser Stande war, seine Pagazi dazu

zu zwingen, ihre Tagesmärsche zu verdoppeln, lagerte zugleich mit

den arabischen Dienern, die Hamed’s thörichte Hast dem vorsichtigen

Vorgehen Thani’s vorgezogen, gleichfalls in Central-Tura. Unsere erste

Nacht in Unyamwezi war nun sehr aufregend; denn das Lager des Musungu

wurde von zwei schleichenden Dieben aufgesucht, die jedoch bald durch

das unheilverkündende Geräusch eines Gewehrdrückers davon in Kenntniss

gesetzt wurden, dass das Lager des weissen Mannes gut bewacht sei.

Sie zogen nun nach Hamed’s Lager; doch auch hier vereitelte die

Ruhelosigkeit des Besitzers ihre Versuche; denn er schritt mit einer

geladenen Flinte in der Hand in demselben auf und ab und die Diebe

sahen sich gezwungen die Aussicht, etwas von seinen Ballen stehlen zu

können, aufzugeben. Von Hamed’s Lager begaben sie sich in das Hassan’s

(eines der arabischen Diener), wo es ihnen glückte, einige Ballen in

die Hände zu bekommen; zu ihrem Unglück aber machten sie ein Geräusch,

sodass der wachsame und scharfhörende Sklave aufwachte, seine geladene

Muskete ergriff und im Nu einen von ihnen durchs Herz geschossen hatte.

Das waren unsere Erlebnisse bei den Wakimbu von Tura.

Am nächsten Morgen erfuhren die umliegenden Dörfer den traurigen

Vorfall, der einen der Ihrigen befallen hatte. Obgleich aber die

Bewohner zur Nacht kecke Diebe waren, so erwiesen sie sich doch bei

Tage als feige Memmen und ahndeten die That weder durch Worte, noch

selbst durch Blicke. Es war ein Rasttag, und die Bewohner von Tura

brachten so grosse Vorräthe von Honig und Ghee, süssen Kartoffeln und

Korn in unser Lager, dass ich im Stande war, meinen Leuten für zwei

Doti ein Fest zur Feier unserer Ankunft in Unyamwezi zu bereiten.

Am 18. verliessen die drei Karavanen Hamed’s, Hassan’s und meine

eigene Tura auf einem Wege, der sich nach allen Richtungen im Zickzack

durch die hohen Matamafelder hinzog. In Zeit von einer Stunde waren

wir durch Tura Perro oder West-Tura gezogen und wieder in den Wald

gekommen, aus dem die Wakimbu von Tura ihren Honig beziehen und wo sie

tiefe Fallen für die Elefanten aushöhlen, an denen der Wald reich sein

soll. Ein einstündiger Marsch von West-Tura brachte uns zu einem Ziva

oder Teich. Es gab deren zwei inmitten einer kleinen offenen Mbuga

oder Ebene, die selbst in dieser späten Jahreszeit noch von dem Wasser

durchweicht war, das während der Regenzeit über dieselbe hinwegfliesst.

Nach dreistündiger Rast begaben wir uns auf die Terekeza oder den

Nachmittagsmarsch.

Es war derselbe Wald, den wir bald nach unserm Abgange aus West-Tura

betreten hatten, durch den wir jetzt reisten, bis wir Kwala Mtoni,

oder wie Burton es auf seiner Karte fälschlich genannt hat, „Kwale“

erreichten. Das Wasser dieses Mtoni ist in zwei grossen Teichen oder

tiefen Senkungen der weiten, gekrümmten Rinne des Kwala enthalten. In

demselben fanden wir eine Art Schlammfisch; ich liess mir einen davon

zu einem Mahle herrichten, das durchaus nicht von jemand zu verachten

war, der seit Bagamoyo keinen Fisch zu kosten bekommen hatte. Wenn

ich die Wahl gehabt, hätte ich mir diesen Schlammfisch allerdings wol

nicht ausgesucht, da mein Geschmack bei geeigneter Gelegenheit etwas

wählerisch ist.

Von Tura nach dem Kwala Mtoni sind 17½ Meilen, eine Entfernung, die,

obgleich leicht zurückzulegen, wenn man vierzehn Tage dazu verwendet,

ungeheuer erscheint, sobald man einen Tag um den andern reisen soll.

So wenigstens erschien es meinen Pagazi, Soldaten und dem sonstigen

Gefolge, die sehr laut zu murren anfingen, als ich das Marschsignal

geben liess. Auf diesem Marsche wäre Abdul Kader, der Schneider, der

sich mir als ein zu allen Dingen geschickter Mensch angeschlossen

hatte, fast erlegen. Nach seinen eigenen Angaben konnte er sowol Hosen

flicken, als gutes Essen kochen und Elefanten schiessen, im Innern

Afrikas aber erwies er sich als Schwächster der Schwachen, der nichts

als essen und trinken konnte.

Schon lange war der kleine Vorrath von Waaren, die Abdul aus Zanzibar

in einem Schnupftuch mitgebracht und mit denen er die Absicht gehabt,

Elfenbein und Sklaven zu kaufen, sowie sein Glück in dem berühmten

Lande Unyamwezi zu machen, verschwunden und zwar zugleich mit den

grossen Hoffnungen, die er auf dieselben gebaut hatte, ebenso wie es

Alnaschar im arabischen Märchen ergangen. Als wir uns auf den Marsch

vorbereiteten, kam er zu mir mit einer kläglichen Erzählung über

seinen Tod, den er in den Knochen und dem müden Rücken herannahen

fühle, er könne kaum noch auf den Beinen stehen, sei ganz und gar

zusammengefallen, -- würde ich nicht Erbarmen mit ihm haben und ihn

abziehen lassen? -- Ursache dieser ausserordentlichen Bitte, die so

wenig zu dem Geiste, mit dem er Zanzibar verlassen, und dem Bestreben

passte, sich Elfenbein und Sklaven aus Unyamwezi zu verschaffen,

bestand darin, dass ich ihm befohlen hatte, zwei Sättel von den auf dem

letzten Marsche gefallenen Eseln bis nach Unyanyembé zu tragen. Obwol

ihr Gewicht nur 16 Pfund betrug, wie die Federwage zeigte, so wurde

Abdul Kader doch lebensmüde, als er die langen Märsche zählte, die

zwischen das Mtoni und Unyanyembé fielen. Der Länge nach fiel er auf

den Boden, um meine Füsse zu küssen und mich im Namen Gottes zu bitten,

ihn abziehen zu lassen.

Da ich einige Erfahrungen mit Hindus, Malabaresen und Kulis in

Abessinien gemacht hatte, so wusste ich genau, wie ich diesen Fall zu

behandeln hatte. Ohne Zögern gewährte ich ihm die Bitte, sobald er sie

mir vorgetragen; denn ebenso wie Abdul Kader angeblich sein Leben,

hatte ich seine Unbrauchbarkeit satt. Der Hindu wollte jedoch nicht,

wie er sagte, in den Dschungels, sondern erst nach unserer Ankunft

in Unyanyembé entlassen sein. „„Nun“, sagte ich, „dann müssen wir ja

erst nach Unyanyembé kommen. Mittlerweile wirst Du diese Sättel für

das Essen, das Du erhalten musst, tragen.“ „Haben Sie kein Erbarmen?“

flehte er. „Nein, keins für einen so unverbesserlich faulen Schlingel

wie Du“, erwiderte ich und begleitete meine Worte mit kräftigen, sehr

nothwendigen Hieben meiner Eselspeitsche, die den Sterbenden wieder zu

einem thätigen und nützlichen Leben auferweckten.

Ich gestehe, ich war am Morgen des 18. etwas übel gelaunt und müde,

und hatte auch Veranlassung meinen Kirangozi gehörig auszuschelten.

Ich hatte nämlich keinen energischen Muinyi Kidogo, wie Burton, den

ich gewiss weit besser als dieser zu schätzen gewusst haben würde. Wie

manches mal habe ich nach einem solchen Menschen geseufzt, wenn ich

meine Zuflucht zu Drohungen und bisweilen zu Prügeln nach rechts und

links nehmen musste, um die Pagazi und Soldaten anzuspornen, nachdem

alle meine Beredtsamkeit nicht ausreichte, die Karavanen zum Marsch

zu ermuthigen. Jedesmal, wenn eine Terekeza nöthig wurde, musste ich

dieselbe anordnen; niemals nahm ein anderer Veranlassung, mich darum

zu bitten, sondern ich musste ihre Nothwendigkeit und Nützlichkeit

beweisen; ich selbst musste Bombay die thörichten Bitten verweisen und

die Pagazi durch mahnendes Peitschenknallen zum Aufbruch anstacheln.

Höchst leidenschaftlich waren meine dem Kirangozi gemachten Vorwürfe,

dass er so hartnäckig dumm wie ein Esel sei und nicht einsehen wolle,

dass, wenn ich bei unserer Ankunft in Unyanyembé denen, die mir

gefallen, ein Bakschisch geben würde, ich nicht umhinkönne daran zu

denken, dass der Kirangozi, anstatt auf meinen Befehl zu marschiren,

immer sich nach den Rathschlägen der Pagazi gerichtet habe. Ich fragte

ihn, mit wie viel Doti er von den Pagazi bestochen worden sei, um kurze

Märsche und lange Stationen zu machen. Er erwiderte, kein einziger

der Pagazi habe seines Wissens die Absicht, ihm Tuch zu geben. „Nun

also“, sagte ich, „wie viel Tuch könnte ich Euch geben, wenn Ihr mir

zu Gefallen meine Befehle ausführtet?“ „Sehr, sehr viel“, erwiderte

er. „Nun gut, dann nehmt Eure Last und lasst mich von hier bis

Unyanyembé sehen, wie rasch Ihr marschiren könnt.“ Hiernach versprach

er mir feierlichst, sich meinen Anordnungen zu fügen und gehörig zu

marschiren, wenn ich es für nöthig hielte.

Da der Marsch nach Rubuga 18¾ Meilen beträgt, marschirten die

Pagazi rasch und lange, ohne zu rasten. Der Kirangozi hatte, seinem

Versprechen treu, Beine und Arme mit aller Macht angestrengt, denn

er legte die ganze Entfernung bis Central-Rubuga zurück ohne halt zu

machen, zum grossen Entsetzen seiner Pagazi, welche glaubten, er sei

verrückt geworden. Bisher waren wir vom Kirangozi gezwungen worden,

einen Nachmittagsmarsch zu machen, wenn die Entfernung nur 15 oder 16

Meilen betrug.

Rubuga war zur Zeit Burton’s, nach dessen Schilderung, ein wohlhabender

Bezirk. Selbst als wir durchzogen, waren die Spuren von Reichthum, den

es früher besessen, deutlich genug sichtbar in der weiten Ausdehnung

seiner Kornfelder, die sich rechts und links an der Strasse nach

Unyanyembé viele Meilen weit hinzogen. Das waren jedoch eben nur

Beweise, dass hier früher zahlreiche Dorfschaften und ein wohlbebauter,

an Viehherden und Kornvorräthen reicher District gewesen sei; denn

jetzt waren alle Dörfer niedergebrannt, die Bevölkerung drei bis vier

Tagereisen von Rubuga nach Norden vertrieben, das Vieh gewaltsam

geraubt, und die Kornfelder unbeackert liegen geblieben und bereits

von Dickicht und üppigem Unkraut überwuchert. Wir zogen durch ein

verbranntes Dorf nach dem andern, das nur aus schwarzen Haufen von

verkohltem Bauholz und verräuchertem Lehm bestand. Ein Feld nach dem

andern lag da, auf denen noch seit Jahren gereiftes Korn in der Mitte

eines Nachwuchses von Dornen, Gummibäumen, Mimosen und Kolquall dastand.

Wir kamen in einem Dorfe an, in dem ungefähr 60 Wangwana leben, die

sich hier niedergelassen haben, um sich vom Elfenbeinhandel zu nähren.

Ihren Unterhalt beziehen sie von den verlassenen Feldern der Bewohner

von Rubuga. Vom langen Marsche waren wir zwar sehr müde und erhitzt,

aber sämmtliche Pagazi hatten doch um 3 Uhr nachmittags das Dorf

erreicht.

In dem Wangwanadorf trafen wir Amer bin Sultan, der nach zehnjährigem

Aufenthalt in Unyanyembé nach Zanzibar zurückkehrte. Dies war der

echte Typus eines alten arabischen Scheikh, wie man ihn in Büchern

beschrieben findet, mit schneeweissem Bart und reinem, ehrwürdigem

Antlitz. Er schenkte mir eine Ziege und eine Ziegenhaut voll Reis, ein

für mich sehr annehmbares Geschenk an einem Orte, wo eine Ziege fünf

Schukka kostet.

Nachdem wir einen Tag in Rubuga halt gemacht, von wo ich Soldaten

an Scheikh Seyd bin Salim und Scheikh bin Nasib, die beiden

Hauptwürdenträger von Unyanyembé, abschickte, um ihnen meine Ankunft

anzumelden, nahmen wir am 21. Juni unsern Marsch nach dem fünf Stunden

entfernten Kigwa auf. Der Weg zog sich wieder durch einen Wald, ähnlich

wie der, welcher Tura von Rubuga trennt. Hier senkt sich das Land

rasch nach Westen zu. Kigwa war, wie wir sahen, von derselben Rache

heimgesucht worden, die Rubuga so verwüstet hatte.

Am nächsten Tage überschritten wir nach einem raschen Marsche von 3½

Stunden das Mtoni, das eigentlich gar kein Mtoni war, welches Kigwa von

dem Bezirke Unyanyembé trennt, und kamen, nachdem wir einen kurzen Halt

gemacht, um unsern Durst zu löschen, in nochmals 3½ Stunden in Schiza

an. Es war zwar ein langsamer Marsch, er entzückte uns aber sowol durch

die malerischen Landschaften, die uns beständig zu Gesicht kamen, als

auch durch die Beweise von dem friedlichen und fleissigen Charakter des

Volkes, die wir überall wahrnahmen. Eine kurze halbe Stunde hinter

Schiza erblickten wir die wellenförmige Ebene, die sich die Araber

ausgesucht haben, um darauf das Centraldepot, das ein so grosses,

ausgedehntes Handelsgebiet beherrscht, anzulegen. Ueberall liess sich

das Brüllen der Rinder, das Blöken von Ziegen und Schafen hören und

alles verlieh dem Lande ein glückliches idyllisches Ansehen.

Der Sultan von Schiza wünschte, dass ich meine Ankunft in Unyanyembé

mit einem fünf Gallonen enthaltenden Topf voll Pombé feiere, den er zu

diesem Zwecke mitgebracht hatte.

Da dasselbe an Geschmack schalem Bier und an Aussehen Milch und

Wasser glich, so reichte ich es, nachdem ich ein kleines Glas davon

getrunken, den Soldaten und Pagazi. Auf meine Bitte brachte der Sultan

ein schönes, fettes Bullenkalb, wofür er 5½ Doti Merikani annahm.

Dieses wurde sofort geschlachtet und der Karavane zum Abschiedsfest

aufgetragen.

Niemand schlief viel in jener Nacht; lange vor Morgengrauen waren die

Feuer angezündet und grosse Fleischstücke brodelten, damit die Leute,

ehe sie sich von dem Musungu trennten, dessen Freigebigkeit sie so oft

genossen, sich noch einmal gütlich thun könnten. Sechs Ladungen Pulver

wurden jedem Soldaten und Pagazi, der eine Flinte hatte, gegeben, um

sie abzubrennen, wenn wir uns den arabischen Häusern näherten. Der

gemeinste Pagazi hatte sich sein bestes Tuch um die Hüfte gegürtet

und einige von ihnen stolzirten in prächtigem Ulyah „Cumbisa Punga“

und scharlachrothem „Dschawah“, schwarzglänzendem „Rehani“ und nettem

„Dabwani“. Die Soldaten zogen mit neuem Tarbusch und den langen weissen

Hemden, wie solche an der Mrima und auf Zanzibar getragen werden,

auf, denn dies war ja der grosse, glückliche Tag, der stets in unserm

Munde gewesen war, seitdem wir die Küste verlassen, für den wir in der

letzten Zeit die bekannten Märsche gemacht hatten, nämlich 178½ engl.

Meilen in 16 Tagen mit Einschluss der Pausen, also etwas mehr als 11

Meilen den Tag.

Das Signal ertönte und die Karavane zog fröhlich mit fliegenden Bannern

und schallenden Trompeten und Hörnern aus. Ein kurzer Marsch von 2½

Stunden brachte uns in Sicht von Kwikuru, das ungefähr zwei Meilen

südlich von Tabora, der grössten arabischen Stadt, liegt. Vor der Stadt

erblickten wir eine lange Reihe von Männern in reinen Hemden, worauf

wir unsere geladenen Batterien eröffneten und ein Kleingewehrfeuer

losliessen, wie es Kwikuru wol selten gehört hat. Die Pagazi formirten

sich und nahmen das renommirende Aussehen von Veteranen an, die

Soldaten trompeteten ohne Unterbrechung fort, während ich, da ich die

Araber mir entgegenkommen sah, die Reihen verliess und meine Hand

ausstreckte, die sofort von Scheikh Said bin Salim und darauf von

etwa zwei Dutzend Menschen ergriffen wurde. Dies war unser Einzug in

Unyanyembé.

[Illustration: MANN UND FRAU AUS UGOGO.]

SIEBENTES KAPITEL.

GEOGRAPHISCHE UND ETHNOGRAPHISCHE BEMERKUNGEN.

Die Geographie des Landes, durch das wir eben gezogen sind, ist

schon auf den vorhergehenden Blättern in verschiedenen Beziehungen

beschrieben worden, wie wir sie theils aus den Berichten der

Eingeborenen erfahren, theils selbst gesehen haben. Es wird aber wol

gut sein, so klar wie möglich in einem Kapitel, das ausschliesslich der

Geographie und Ethnographie des Landes gewidmet ist, die Summe davon zu

ziehen, welche neuen Kenntnisse wir über das Innere Afrikas gewonnen

haben.

Es gab drei Routen von Bagamoyo nach Unyanyembé, zwischen denen unsere

Expedition zu wählen hatte; zwei derselben waren aber schon durch die

genaue Beschreibung bekannt, die wir von meinen Vorgängern in diesem

Theil Afrikas, den Herren Burton, Speke und Grant, erhalten haben.

Es war aber noch ein nördlicherer und directerer Weg nach Unyanyembé,

welcher durch das nördliche Uzaramo, Ukwere, Ukami, Udoe, Useguhha

oder Usegura, Usagara, Ugogo, Uyanzi und von da nach Unyanyembé führen

sollte, und dies war der Weg, den ich wählte.

Der Luftlinie nach beträgt die Entfernung von Bagamoyo nach Unyanyembé

fast sechs Längengrade oder 360 engl. Meilen. Die Krümmungen des Weges,

den die Karavanen einschlagen, der in Afrika der Lage des Landes

angepasst ist und der leichtern, weniger gefährlichen, vortheilhaftern

Richtung folgt, vergrössert die zurückzulegende Entfernung auf mehr

als 520 Meilen. Hierbei rechne ich natürlich nach der Zeit, die zu den

Märschen gebraucht worden, und nach unserm Marschtempo, das ich genau

zu 2½ engl. Meilen pro Stunde abschätze.

Der Theil des Landes, der sich von Bagamoyo nach Kikoka hinzieht,

heisst „Mrima“, der Berg; er kann auch Swahili oder Zanguebar genannt

werden. Den letztern Namen finden wir auf unsern alten Karten mit

Vorliebe als die Bezeichnung eines länglichen Seeküstenstrichs

aufgeführt, der sich von der Mündung des Juba nach Cap Delgado oder

vom Aequator nach 10° 41′ südl. Br. erstreckt. Swahili bedeutet die

„Seeküste“, daher heisst das Volk, das auf der Seeküste von Zanguebar

wohnt, die Waswahili und ihre Sprache Kiswahili. Hier erwähne ich

zugleich, dass das Präfix U das Land, Wa die Bewohner im Plural, M den

Singular der einzelnen Person bezeichnet. So bedeutet denn Uzaramo das

Land Zaramo; Wazaramo die Leute von Zaramo; Mzaramo eine Person aus

Zaramo; Kizaramo die Sprache von Zaramo.

Bagamoyo ist ein kleiner Hafen an der Mrima, Swahili- oder

Zanguebarküste, der fast gegenüber dem Hafen von Zanzibar liegt, wo die

nach Unyanyembé bestimmten Karavanen gewöhnlich landen. Einige Meilen

höher nach Norden liegen die Häfen von Whinde und Sa’adani, welche

beide je an einem Ufer des Flusses Wami liegen. Vier Meilen südlich von

Bagamoyo befindet sich Kaole, ein kleines Dorf, das ein Gurayza oder

Fort mit einer aus etwa einem Dutzend Belutschen bestehenden Garnison

enthält. Südlich von Kaole liegt Kondutschi, und noch südlicher

Dar Salaam, ein von dem verstorbenen Sultan neu gegründeter Hafen.

Südlich von Dar Salaam befindet sich Mbuamadschi, ein ganz bedeutender

Sammelplatz für nach dem Innern bestimmte Karavanen. Ungefähr 60 Meilen

südlich von Mbuamadschi befindet sich die nördlichste Mündung des

Rufidschiflusses gegenüber der Insel Mafia oder Monfia, und einen Grad

weiter südlich kommen wir zu dem berühmten Hafen Kilwa, dem grossen

Stapelplatz der Sklavenhändler.

Wie ich Livingstone fand; Erster Band · 第 18 / 29 段