Der 7. Juni war der Tag, der für unsere Abreise von Mukondoku bestimmt

war; daher kamen die Araber am Tage zuvor in mein Zelt, um mit mir

über den einzuschlagenden Weg zu berathschlagen. Nachdem wir die

Kirangozi der verschiedenen Karavanen und die ältern Wanyamwezi-Pagazi

zusammengerufen hatten, erfuhren wir, dass es drei Wege von Mukondoku

nach Uyanzi gäbe. Erstens einen südlichen, der aus den oben angeführten

Gründen gewöhnlich gewählt wurde und über Kiwyeh führte. Gegen diesen

erhob Hamed Einwendungen. „Der Sultan wäre schlecht“, sagte er,

„er verlange bisweilen 20 Doti von einer Karavane; unsere Karavane

würde etwa 60 Doti zu bezahlen haben. Der Weg über Kiwyeh ginge also

durchaus nicht an. Ausserdem“, meinte er, „müssen wir eine Terekeza

machen, um nach Kiwyeh zu gelangen, und dann werden wir es nicht vor

übermorgen erreichen.“ Zweitens gab es einen Mittelweg. Auf diesem

sollten wir am nächsten Tage in Munieka ankommen; am darauf folgenden

Tage würde eine Terekeza von Mabunguru Nullah bis zu einem Lager in

der Nähe von Unyambogi stattfinden müssen, und nach zwei Stunden

würden wir am darauf folgenden Tage in Kiti sein, wo es viel Wasser

und Nahrungsmittel gäbe. Da aber keiner der Kirangozi oder Araber

diesen Weg kannte und er nur von einem meiner alten Pagazi beschrieben

wurde, meinte Hamed, er vertraue die Führung einer so grossen Karavane

nicht gern einem alten Mnyamwezi an und möchte deshalb lieber etwas

genaueres über den dritten Weg hören, ehe er sich entscheide. Dieser

ging nördlich und führte die ersten beiden Stunden lang an zahlreichen

Wagogodörfern vorüber, dann würden wir durch Dschungels und nach einem

Marsche von drei Stunden nach Simbo kommen, wo zwar Wasser, aber kein

Dorf sei. Wenn wir am darauf folgenden Morgen früh aufbrächen, so

hätten wir sechs Stunden zu reisen, um an eine Wasserpfütze zu kommen.

Nach kurzer Rast an diesem Orte würde uns ein Nachmittagsmarsch von

fünf Stunden an einen Ort bringen, der nur drei Stunden von einem Dorfe

entfernt sei. Da dieser letztere Weg vielen bekannt war, sagte Hamed:

„Scheikh Thani, sagt dem Sahib, dass ich diesen für den besten halte“.

Nachdem mich Scheikh Thani davon benachrichtigt, sagte ich ihm, meine

Karavane werde, da ich mit ihnen durch Ugogo marschirt sei, sie auch

ferner begleiten, wenn sie sich entschlössen, über Simbo zu gehen.

Nachdem man nach vielfachen Verhandlungen über die Wege übereingekommen

war, bestimmte ich die Lage der verschiedenen Punkte mit dem Kompass.

Man wird sich erinnern, dass ich gesagt habe, wir hätten Mukondoku

nach einem dreistündigen, direct von Mizanza nach Westen gehenden

Marsche erreicht und seien darauf ungefähr 4¼ Stunde Nord zu West

an dem Saume einer Hügelkette gereist, die sich aus der Umgegend

von Kanyenyi Nord zu West an der Grenze von Uhumba hinzieht und als

Grenzlinie zwischen Ugogo und dem anliegenden Lande der Wayanzi dient.

Mukondoku befindet sich nur zwei Meilen von der östlichen Seite dieser

Bergkette; Kiwyeh liegt südsüdwestlich von Mukondoku und von dort

hat man einen Marsch von sieben Tagen nach Kusuri. Die Richtung von

Simbo ist nordnordwestlich, von dort nach Kusuri hat man sechs Tage zu

marschiren. Hieraus geht deutlich hervor, dass der kürzeste Weg der

über Kiti ist, und der einzige Einwand gegen denselben bestand darin,

dass er keinem der Araber und Kirangozi bekannt war.

Unmittelbar nach dieser unter den Häuptern stattgehabten Discussion in

Bezug auf die Vortheile der verschiedenen Wege erhob sich eine unter

den Pagazi, welche auf ein hartnäckiges Geschrei gegen den Weg über

Simbo hinauslief, da er eine lange Terekeza bedinge und wenig Aussicht

auf Wasser darbiete. Die Abneigung gegen den Weg über Simbo theilte

sich alsbald allen Karavanen mit und wurde durch Berichte über eine

Wildniss, die sich von Simbo nach Kusuri hinziehe, vergrössert, in der

man weder Nahrungsmittel noch Wasser bekommen könne. Hamed’s Pagazi und

die der arabischen Diener erhoben sich wie ein Mann und erklärten, sie

könnten den Marsch nicht einschlagen, und wenn Hamed darauf bestände,

so würden sie ihre Packen niederlegen und er möge dann dieselben allein

tragen.

Hamed Kimiani, wie er von den Arabern genannt wurde, stürzte nun zu

Scheikh Thani und erklärte ihm, er müsse den Weg über Kiwyeh wählen,

da sonst seine sämmtlichen Pagazi weglaufen würden. Dieser erwiderte

darauf, ihm seien alle Wege gleich und werde Hamed überall hin

folgen, wohin es ihm zu gehen beliebe. Dann kamen sie in mein Zelt

und benachrichtigten mich von dem Entschluss, zu dem die Wanyamwezi

gekommen seien. Sofort rief ich meinen alten Mnyamwezi, der mir den

günstigen Bericht abgestattet hatte, noch einmal in mein Zelt und

befahl ihm, mir eine genaue Schilderung des Weges über Kiti zu geben.

Dieser lautete so günstig, dass ich Hamed erwiderte, ich sei der Herr

meiner Karavane. Sie habe dorthin zu gehen, wohin ich es dem Kirangozi

befehle, nicht aber, wohin die Pagazi wollten. Wenn ich ihnen zu halten

befehle, so müssten sie halten, und wenn ich einen Marsch anordnete,

müsste ein Marsch stattfinden, und da ich ihnen gut zu essen und nicht

viel zu arbeiten gäbe, so möchte ich wol den Pagazi oder Soldaten

sehen, der mir nicht gehorche. „Sie hatten sich eben entschlossen, über

Simbo zu reisen, und wir hatten das abgemacht. Nun sagen Ihre Pagazi,

sie wollen über Kiwyeh gehen oder weglaufen. Gehen Sie über Kiwyeh und

zahlen Sie Ihre 20 Doti Muhongo. Ich und meine Karavane werden morgen

den Weg über Kiti einschlagen, und wenn Sie finden, dass ich einen Tag

früher in Unyanyembé bin als Sie, so wird es Ihnen schon leidthun, dass

Sie nicht denselben Weg genommen haben.“

Diese Erklärung von mir hatte die Wirkung, abermals Hamed’s Ansichten

umzustossen, denn er sagte sofort: „Das wird denn doch wol der beste

Weg sein, und da der Sahib entschlossen ist, ihn einzuschlagen und

wir alle zusammen durch das schlechte Land der Wagogo gereist sind,

Inschallah, so wollen wir auch jetzt alle denselben Weg ziehen!“ Da

der gute alte Thani keine Einwendungen dagegen erhob und Hamed sich

entschlossen hatte, so gingen sie beide wohlgemuth aus dem Zelt, um

diese Nachricht ihren Leuten mitzutheilen.

Am 7. Juni wurden die Karavanen, die dem Anschein nach einstimmig

darüber waren, dass man über Kiti reise, wie gewöhnlich von Hamed’s

Kirangozi geführt. Kaum waren wir jedoch eine Meile gegangen, als ich

bemerkte, dass wir den Weg über Simbo verlassen, die Richtung nach

Kiti eingeschlagen, aber durch einen schlau gewählten Umweg uns jetzt

rasch dem vor uns liegenden Bergpass näherten, der den Zutritt zu dem

höher gelegenen Plateau von Kiwyeh gestattete. Sofort liess ich meine

Karavane halten, den alten Pagazi, der über Kiti gereist war, kommen

und fragte ihn, ob wir jetzt nicht nach Kiwyeh gingen. Er bejahte die

Frage. Nun rief ich meine Pagazi zusammen und liess ihnen durch Bombay

sagen, der Musungu ändere nie seine Entschlüsse ab; da ich beschlossen,

meine Karavane solle über Kiti marschiren, so müsse sie dies auch thun,

ob die Araber mitkämen oder nicht. Darauf hiess ich den Alten seine

Last aufnehmen und dem Kirangozi den richtigen Weg nach Kiti zeigen.

Da legten denn die wanyamwezi’schen Pagazi ihre Ballen nieder und es

gab Anzeichen einer Empörung. Den Wangwana-Soldaten wurde hierauf der

Befehl ertheilt, ihre Flinten zu laden, sich zur Seite der Karavane

aufzustellen und den ersten Pagazi, der einen Desertions-Versuch machen

würde, niederzuschiessen. Ich selbst stieg ab, ergriff meine Peitsche,

ging auf den ersten Pagazi, der seine Last niedergelegt, zu und befahl

ihm, dieselbe wieder aufzunehmen und zu marschiren. Weiter brauchte

ich nicht zu gehen; ohne Ausnahme marschirten sie alle dem Kirangozi

nach. Ich stand im Begriff, Thani und Hamed Lebewohl zu sagen, als

Thani mir sagte: „Warten Sie ein wenig, Sahib, ich habe genug von

diesem Kinderspiel, ich werde mit Ihnen gehen“, und er liess auch

seine Karavane der meinigen folgen. Hamed’s Karavane war inzwischen

dicht an den Engpass gelangt; er selbst befand sich eine ganze Meile

hinter derselben und weinte wie ein Kind über unsere Desertion, wie er

es zu nennen beliebte. Da ich Mitleid mit seiner üblen Lage empfand --

denn er war fast von Sinnen, wenn er an den erpressungssüchtigen, rohen

Sultan von Kiwyeh dachte --, rieth ich ihm, seiner Karavane nachzueilen

und dieselbe an eben diesen Sultan zu erinnern mit Hinweis auf den

Umstand, dass die übrigen den andern Weg eingeschlagen hätten. Bevor

ich den Pass von Kiti erreicht hatte, sah ich auch, dass uns Hamed’s

Karavane nachfolgte.

Der Weg den Berg hinauf war uneben und steil; ausserordentlich spitze

Dornen peinigten uns schwer. Die Acacia horrida war hier schrecklicher

denn je, die Schotendorne streckten ihre Zweige aus und hielten

die Lasten auf, und die Mimosa mit ihrem regenschirmartigen Dach

beschattete uns zwar vor der Sonne, verhinderte aber ein rasches

Fortkommen. Steile, durch vieles Klettern glatt gewordene Vorsprünge

von Syenit und Granit mussten wir hinaufsteigen; ferne Schüsse,

die durch den Wald ertönten, vermehrten die Unruhe und allgemeine

Unzufriedenheit, und wäre ich nicht unmittelbar hinter meiner Karavane

gewesen und hätte jede ihrer Bewegungen beobachtet, so wären meine

Wanyamwezi bis auf den letzten Mann desertirt.

Obwol die Höhe, die wir erstiegen, kaum 800 Fuss über der Salzebene,

die wir eben verlassen, lag, so brauchten wir doch zwei Stunden, um

heraufzukommen.

Nachdem wir das Plateau erreicht und die grössten Schwierigkeiten

überwunden, hatten wir einen verhältnissmässig guten Weg, der durch

Dschungel, Wald und kleine offene Striche führte, die uns nach weiteren

drei Stunden nach Munieka brachten, einem kleinen Dorf, das inmitten

einer fruchtbaren, bebauten Lichtung von einer Colonie von Unterthanen

Swaruru’s von Mukondoku bewohnt wird.

Als wir in dem Lager angekommen, hatte ein jeder seinen guten Humor

und zufriedene Stimmung wieder bekommen, mit Ausnahme von Hamed.

Zufälligerweise hatten Thani’s Leute das Zelt desselben zu nahe an

den Baum gestellt, um welchen Hamed’s Ballen zusammengepackt lagen. Ob

der kleine Scheikh den ehrlichen alten Thani für fähig hielt, einen

davon zu stehlen, ist unbekannt, gewiss aber ist, dass er sich über

die grosse Nähe des Zeltes seines besten Freundes wüthend geberdete,

bis Thani den Befehl gab, dasselbe 100 Meter weiter zu transportiren.

Selbst dieses Verfahren befriedigte, wie es schien, Hamed nicht, denn

es wurde Mitternacht, wie mir Thani erzählte, ehe Hamed kam, um ihm die

Hände und Füsse zu küssen und ihn fussfällig um Verzeihung zu bitten,

die ihm natürlich Thani, eine gutmüthige Seele, gern gewährte. Hamed

gab sich jedoch nicht eher zufrieden, als bis er mit Hülfe seiner

Sklaven des Freundes Zelt wieder dorthin hatte schaffen lassen, wo es

ursprünglich gestanden.

In Munieka kam das Wasser aus einer tiefen, in einer Syeniterhebung

befindlichen Senkung und war klar wie Krystall, kalt wie Eiswasser, ein

Hochgenuss, den wir seit Simbamwenni nicht gehabt hatten.

Jetzt befanden wir uns an der Grenze von Uyanzi oder „Magunda

Mkali“, dem heissen Grunde oder heissen Felde, unter welchem Namen

es besser bekannt ist. Wir waren bei dem von Wagogo bewohnten Dorfe

vorübergezogen und im Begriffe, den Staub von Ugogo von unsern Füssen

zu schütteln. In dieses Land waren wir voll Hoffnung eingetreten, indem

wir es für ein liebliches Land, in welchem Milch und Honig fliessen,

gehalten hatten, waren aber schwer enttäuscht worden; denn es war uns

ein Land voll Galle und Bitternissen, voll Sorgen und Plagen geworden,

wo uns auf Schritt und Tritt Gefahren drohten und wir den Launen

betrunkener Sultane ausgesetzt gewesen. Kann es dann Wunder nehmen,

dass wir uns alle in diesem Augenblicke sehr glücklich fühlten? Trotz

der vor uns liegenden Aussicht auf ein Land, das wir für eine wirkliche

Wildniss hielten, wurde unsere gute Stimmung nicht vermindert,

sondern gestärkt, denn die Wildniss in Afrika ist in vielen Fällen

freundlicher, als das bevölkerte Land.

Der Kirangozi blies sein Kuduhorn viel fröhlicher an diesem Morgen,

als er in Ugogo zu thun pflegte. Wir standen im Begriff, in Magunda

Mkali einzutreten. Um 9 Uhr morgens, drei Stunden, nachdem wir Munieka

verlassen, und zwei Stunden, seitdem wir die äussersten Grenzen von

Ugogo hinter uns hatten, hielten wir in Mabunguru Nullah. Das Nullah

läuft südwestlich, nachdem es seinen Ursprung in den Bergketten, die

Ugogo von Magunda Mkali trennen, verlassen hat. Während der Regenzeit

muss es wegen der ausserordentlichen Steilheit seines Bettes kaum

passirbar sein. An den Syenit- und Basaltblöcken, welche seinen

Lauf hemmen, sieht man Spuren der Gewalt des Stromes. Ihre unebenen

Ecken sind geglättet und es befinden sich tief ausgehöhlte Becken im

Felsenbette, die in der trockenen Jahreszeit als Wasserbehälter dienen.

Obgleich das in ihnen enthaltene Wasser schleimig und grünlich aussieht

und von Fröschen stark bevölkert wird, ist es doch durchaus schmackhaft.

Zu Mittag nahmen wir unsern Marsch wieder auf, die Wanyamwezi jubelten

und sangen, die Wangwana-Soldaten, Diener und Pagazi wetteiferten mit

ihnen, was Lärm und Geschrei betraf, und liessen den dunkeln Wald, den

wir passirten, von ihren Stimmen widerhallen.

Die Landschaft war viel malerischer, als wir sie seit Bagamoyo

gesehen hatten. Der Boden erhob sich in grössern Wellen, hier und da

traten Hügel hervor und grosse Berge von Syenit, welche dem Walde ein

sonderbares, zauberhaftes Aussehen verliehen. Aus der Ferne schien

es fast, als ob wir uns einem Stückchen England, wie es während der

Feudalzeit ausgesehen haben mag, näherten, so sonderbare, phantastische

Gestalten nahmen die Felsen an. Hier erhob sich abgerundetes Geröll

übereinander, das scheinbar keinem Windstoss hätte widerstehen können;

dort thürmte es sich wie stumpfe Obelisken, welche die höchsten

Bäume überragten; hier wiederum nahm es die Gestalt mächtiger in

Glas verwandelter Wogen an; dort bildete es ein kleines Häufchen

zerrissener, zerklüfteter Felsmassen, während es anderwärts zu

grossartigen Bergen anschwoll.

Um 5 Uhr nachmittags hatten wir 20 Meilen zurückgelegt und das Signal

zum Halten erscholl. Schon um 1 Uhr morgens, als der Mond noch schien,

hörte man Hamed’s Horn und Stimme durch das ganz stille Lager tönen

und seine Pagazi zum Marsch wecken. Offenbar war Scheikh Hamed

vollständig verrückt geworden, warum sollte er sonst zu so früher

Stunde so wüthend auf den Marsch erpicht sein? Der Thau fiel schwer und

man war durchfröstelt; von allen Seiten antwortete ein unheilvolles

Gemurmel tiefer Unzufriedenheit dem frühen Allarmruf. Da wir jedoch

annahmen, dass er bessere Kunde erhalten als wir, beschlossen Scheikh

Thani und ich, uns danach zu richten, ob er durch den Verlauf der Sache

gerechtfertigt war oder nicht.

Da alle unzufrieden waren, wurde dieser Nachtmarsch in tiefem

Stillschweigen abgemacht. Das Thermometer stand auf 9° R., da wir

uns etwa 4500 Fuss über dem Meeresspiegel befanden. Die fast nackten

Pagazi gingen rasch, um warm zu bleiben und dadurch bekamen viele

von ihnen wunde Füsse, indem sie gegen vorspringende Wurzeln und

Felsen stolperten und auf Dornen traten. Um 3 Uhr morgens kamen wir

in dem Dorf Unyambogi an, wo wir uns hinwarfen, um uns durch Schlaf

auszuruhen, bis die Morgendämmerung uns kundthäte, was den hart

mitgenommenen Karavanen noch bevorstehe.

Es war helles Tageslicht, als ich erwachte. Die Sonne schoss glühende

Strahlen in mein Gesicht. Scheikh Thani kam bald darauf, um mir zu

sagen, Hamed sei vor zwei Stunden nach Kiti abgegangen, er aber habe

seine Aufforderung, ihn zu begleiten, rundweg abgeschlagen, sie als

Thorheit und völlig nutzlos bezeichnet, und er fragte mich nun um

meine Meinung. Ich sagte, das Ganze wäre reiner Unsinn und fragte ihn

meinerseits, wozu denn ein Terekeza überhaupt gemacht werde; würde

nicht etwa ein Nachmittagsmarsch die Karavanen auch in den Stand

setzen, zu Wasser und Nahrungsmitteln zu gelangen. Thani bejahte dies.

Dann legte ich ihm die Frage vor, ob etwa in Unyambogi Wasser und

Nahrungsmittel nicht zu haben seien? Darauf erwiderte derselbe, er habe

sich gar keine grosse Mühe gegeben, danach Erkundigungen einzuziehen,

aber von den Dorfbewohnern die Auskunft erhalten, dass Matama, Hindi,

Maweri, Schafe, Ziegen und Hühner in ihrem Dorfe in reichlicher Fülle

und zu so billigen Preisen zu haben seien, wie man sie in Ugogo gar

nicht kenne.

„Nun denn“, sagte ich, „wenn Hamed durchaus ein Narr sein und seine

Pagazi in Lebensgefahr bringen will, wozu brauchen wir das zu thun? Ich

habe ebensoviel Ursache zur Eile wie Scheikh Hamed, aber Unyanyembé

ist noch weit und ich will mein Vermögen nicht durch ein unsinniges

Vorgehen in Gefahr bringen.“

Wie Thani uns berichtet, fanden wir eine Fülle von Provision im Dorfe

selbst und gutes, süsses Wasser in einigen nahebei gelegenen Brunnen.

Ein Schaf kostete ein Schukka; sechs Küchlein waren für denselben Preis

zu haben; sechs Maass Matama, Maweri oder Hindi desgleichen; kurz,

schliesslich waren wir in das Land des Ueberflusses gekommen.

Am 10. Juni erreichten wir nach einer Reise von vier ein halb Stunden

Kiti, wo wir den unaufhaltsamen Hamed in schweren Sorgen antrafen. Er,

der ein Cäsar hatte sein wollen, erwies sich als ein unentschlossener

Antonius. Er hatte den Tod einer Lieblingssklavin, den Verlust von

fünf Dischdasch (arabischen Hemden) und von goldgestickten Jacken mit

silbernen Aermeln zu beklagen, mit denen er in Unyanyembé in vollem

Staat, wie es einem Kaufmann seines Standes geziemte, einzuziehen

gedacht. Alles das war mit drei fortgelaufenen Dienern verschwunden,

und ausserdem noch kupferne Präsentirteller, Reis- und Pilauschüsseln,

sowie zwei Ballen Tuch, welche desertirende Wangwana-Pagazi

mitgenommen. Mein arabischer Dolmetscher Selim fragte ihn: „Was machen

Sie hier, Scheikh Hamed? Ich dachte, Sie wären schon ein gut Stück

weiter auf dem Wege nach Unyanyembé.“ Darauf antwortete er: „Konnte ich

wol meinen Freund Thani zurücklassen?“

Kiti hat sehr viel Vieh und Korn, und wir konnten Nahrungsmittel

zu mässigen Preisen bekommen. Die Wakimbu, Auswanderer aus Ukimbu,

nahe bei Urori, sind ein ruhiger Volksstamm, der die friedlichen

Künste des Ackerbaues dem Kriege vorzieht, und lieber seine Heerden

weidet, als auf Eroberungen ausgeht. Beim geringsten Kriegsgerücht

ziehen sie mit Familie und Eigenthum in die ferne Wildniss, wo sie

das Land zu lichten anfangen und den Elefanten des Elfenbeins willen

jagen. Trotzdem fanden wir, dass es ein stattlicher, gut bewaffneter

Menschenschlag ist, der in Bezug auf Zahl und Waffen es wol mit manchem

andern Stamme aufnehmen kann. Hier aber wie anderweitig macht die

Zwietracht sie schwach. Sie bilden nämlich nur kleine Kolonien, von

denen jede von ihrem eigenen Häuptling beherrscht wird; wogegen sie,

wenn sie sich vereinigen würden, eine ganz ansehnliche Mannschaft einem

Feinde entgegenstellen könnten.

Unser nächster Bestimmungsort war das 15 Meilen von Kiti entfernte

Msalalo. Hamed folgte uns, nachdem er vergeblich nach seinen

Deserteuren und werthvollem Eigenthum geforscht, und versuchte noch

einmal, als er uns im Lager von Msalalo fand, vorbeizuziehen; seine

Pagazi jedoch versagten ihm den Dienst, da ihr Marsch so lang gewesen

war.

Welled Ngaraiso erreichten wir am 13. nach einem Marsch von drei ein

halb Stunden. Es ist ein blühender kleiner Ort, wo man Lebensmittel

fast zweimal so billig haben kann, wie in Uynambogi. Zwei Stunden

südlich liegt Dschiweh la Mkoa an dem alten Wege, auf welchem die

Strasse, die wir eingeschlagen, seitdem wir Bagamoyo verlassen, uns

jetzt rasch dahinführt.

Da Unyanyembé nahe war und die Pagazi und Soldaten sich während der

langen Märsche, die wir in letzter Zeit gemacht, vorzüglich aufgeführt

hatten, kaufte ich für drei Doti ein Bullenkalb und liess es speciell

für sie schlachten. Auch gab ich einem Jeden ein Khete rother Perlen,

damit er seine Lust nach irgend einem kleinen Genuss, den das Land

biete, stillen könne. Milch und Honig gab es in Menge und drei Frasileh

süsser Kartoffeln waren für ein Schukka zu haben, d. h. für ungefähr 1

M. 60 Pf.

Der 15. Juni brachte uns nach einem kurzen Marsche von acht und drei

viertel Meilen in das letzte Dorf von Magunda Mkali, im Districte von

Dschiweh la Singa. Kusuri, wie es die Araber nennen, heisst bei den

Wakimbu, die es bewohnen, Konsuli, was nur ein Beispiel unter vielen

ist, wie die Araber die Landesnamen der Dörfer und Districte umgetauft

oder corrumpirt haben.

Zwischen Ngaraiso und Kusuri kamen wir durch das Dorf Kirurumo,

das jetzt ein blühender Ort ist und manches ebenso gedeihende Dorf

in seiner Umgegend aufzuweisen hat. Als wir durchzogen, kamen die

Leute, um den Musungu zu begrüssen, dessen Ankunft durch seine

grosssprecherischen Karavanen schon lange vorher verkündet worden und

dessen Soldaten ihnen geholfen, eine Schlacht gegen ihre rebellischen

Brüder von Dschiweh la Mkoa zu gewinnen.

Etwas weiter kamen wir durch ein grosses Khambi, das Sultan bin

Mohammed, ein Omani-Araber von hoher Abkunft, besetzt hatte, der,

sobald er meine Ankunft erfuhr, herauskam, um mich zu begrüssen und

zu sich einzuladen. Da sich sein Harem im Zelt befand, wurde ich

natürlich nicht aufgefordert in dasselbe zu treten, sondern es lag

draussen für den Gast ein Teppich bereit. Nachdem die gewöhnlichen

Fragen nach meiner Gesundheit, den Erlebnissen der Reise und den

letzten Nachrichten von Zanzibar und Oman erledigt waren, erkundigte

er sich, ob ich viel Tuch bei mir habe. Diese Frage hört man häufig

von Eigenthümern zurückkehrender Karavanen, weil die Araber in ihrer

Gier, an den am Tanganika liegenden Elfenbein-Plätzen so viel Nutzen

wie möglich aus ihrem Tuch zu ziehen, leicht vergessen, einen Theil

für ihren Rückweg zurückzubehalten. Da ich thatsächlich nur einen

Ballen von dem Provisionstuch besass, das ich mir an der Küste zum

Unterhalt meiner Karavane besorgt, konnte ich, ohne zu erröthen, die

Sache verneinen. Einige Minuten später wurde Scheikh Hamed angekündigt,

erschien auch sofort mit einer tiefen Verbeugung vor dem grossen

Manne und mit dem lebhaften Wunsche, die Hand zu küssen, legte auch

durch sein „Kaif halek“ grosse Besorgniss an den Tag zu erfahren, ob

Sultan bin Mohammed auch „wohl -- wirklich ganz wohl“ sei. Ungefähr

fünf Minuten lang tauschten die Araber Fragen über ihre Gesundheit und

allgemeine Aussichten aus, dann gab es eine kleine Erholungspause,

und dieselbe Frage, die mir wegen meines Tuches vorgelegt worden,

wurde auch an Hamed gerichtet. „Sehr wenig“ erwiderte der Scheikh; und

doch wussten Sultan bin Mohammed und ich, dass er 55 Ballen in seiner

Karavane hatte.

Der fremde Araber schickte seinen Diener mit einer Ziegenhaut voll

schönem weissen unyanyembischen Reis in mein Khambi in Kusuri, welche

Gabe ich eigentlich ausschlagen wollte, nachdem ich gezwungen gewesen,

seine Frage zu verneinen. Auch erbot er sich, mir Briefe oder kleine

Packetchen, die ich nach Zanzibar schicken wolle, mitzunehmen, und als

er erfuhr, dass ich einen Weissen in Mpwapwa krank habe liegen lassen,

versprach er mir, diesen nach Zanzibar zu bringen.

Bald nachdem wir in Kusuri angekommen, besuchte mich eine Anzahl

in Dschiweh la Singa wohnender Waswahili-Elefantenjäger, unter der

Führung eines alten Mannes, der einst Diwan von Bagamoyo gewesen war.

Obgleich sie mir nichts zum Geschenk mitgebracht, verfehlten sie doch

nicht, mich um Papier, Curry und Seife anzugehen, drei Dinge, die ich

nur schlecht missen konnte, da der Makatasumpf meinen Vorrath sehr

geschmälert hatte.

Ich hielt einen Tag in Kusuri, um meiner Karavane nach ihrer langen

Reihe von Märschen Ruhe zu gönnen, ehe ich mich auf den zweitägigen

Marsch durch die unbewohnte Wildniss begab, die den District von

Dschiweh la Singa in Uyanzi von dem von Tura in Unyanyembé trennt.

Hamed zog voran und versprach mir, Said bin Salim von meiner Ankunft zu

benachrichtigen und ihn darum zu bitten, mir ein Tembé zu besorgen.

Wie ich Livingstone fand; Erster Band · 第 17 / 29 段