das vorzügliche Wasser, das wir dort vorfanden, mit der Gier durstiger
Kamele. Ausgedehnte Kornfelder hatten uns die Nähe von Dörfern
verkündet, bei deren Anblick wir uns bewusst wurden, dass die Karavane
ihren Schritt beschleunigte, weil sie sich dem Halteplatz näherte. Als
die Wasungu in die bevölkerte Gegend zogen, beeilten sich Massen von
Wagogo, sie anzusehen, ehe sie vorbei waren. Jung und Alt beiderlei
Geschlechts drängte sich um uns, ein heulender Pöbelhaufen. Dieses
übermässig demonstrative Wesen entlockte meinem Aufseher, dem frühern
Seemann, die charakteristische Bemerkung: „Nun wahrhaftig, das
müssen echte Ugogier sein, denn sie gaffen einen in einer Weise an,
-- mein Gott, sie hören gar nicht mit Gaffen auf! Ich hätte grosse
Lust, ihnen ins Gesicht zu schlagen!“ Wirklich trieben es die Wagogo
von Nyambwa noch toller als die übrigen Wagogo. Diejenigen, die wir
bisher angetroffen, hatten sich damit begnügt, uns anzugaffen und zu
schreien; diese aber überschritten alle Grenzen, und mein wachsender
Zorn über ihre furchtbare Unverschämtheit machte sich darin Luft, dass
ich den lärmendsten von ihnen am Nacken packte und ihm, ehe er sich von
seinem Erstaunen erholen konnte, eine tüchtige Tracht Prügel mit meiner
Hundepeitsche verabfolgte, was ihm nicht sonderlich behagte. Dies
Verfahren rief aus der Masse der Gaffer eine ganze Flut von bösesten
Schimpfworten hervor, wobei sie sich sehr eigenthümlich geberdeten; sie
näherten sich nämlich wie wüthende Katzen und stiessen ihre Worte mit
einem Geräusch, das halb Zischen, halb Bellen war, hervor. Ihr Ausruf
lautete, um ihn phonetisch so gut wie möglich wiederzugeben, „Hahcht“,
und wurde in einem grellen Crescendoton hervorgestossen. Sie traten vor
und dann wieder zurück, mit der Frage: „Sollen die Wagogo wie Sklaven
von diesem Musungu gepeitscht werden? Ein Mgogo ist ein Mgwana (freier
Mann) und nicht daran gewöhnt, geschlagen zu werden. -- Hahcht!“ So oft
ich mich jedoch anschickte, meine Peitsche gegen sie zu schwenken, fand
dieses renommistische Volk es gerathen, sich von dem zornigen Musungu
in eine respectvolle Entfernung zurückzuziehen.
Da ich bemerkte, dass etwas männliche Machtentfaltung den Wagogo
gegenüber noththat und mich diesmal von Quälereien befreite, so
nahm ich, so oft sie das Maass überschritten, Zuflucht zu meiner
Peitsche, deren lange Schnur wie eine Pistole knallte. Solange sie
sich darauf beschränkten, ihre Zudringlichkeit blos durch Gaffen und
gegenseitige Mittheilung ihrer Ansichten über meine Farbe und sonstiges
Aeussere auszudrücken, schwieg ich philosophisch resignirt, um ihr
Vergnügen nicht zu stören; wenn sie aber auf mich zudrängten und mir
kaum gestatteten, mich fortzubewegen, dann bahnten alsbald ein paar
tüchtige, rasche, rechts und links ausgetheilte Peitschenhiebe mir in
zweckmässigster Weise den Weg.
Pembera Pereh ist ein komischer alter Mann von sehr kleinem Wuchs; er
würde gar nichts zu bedeuten haben, wenn er nicht der grösste Sultan
von Ugogo wäre und theilweise Macht über viele andere Stämme besässe.
Obgleich ein so bedeutender Häuptling, ist er von allen seinen
Unterthanen am schlechtesten gekleidet, stets schmutzig, stets mit
Fett beschmiert, beständig unsauber um den Mund. Das sind aber blose
Sonderbarkeiten. Als kluger Richter steht er ohnegleichen da und hat
immer irgendeinen Kniff in Bereitschaft, um den muthlosen arabischen
Kaufleuten, die alljährlich mit Unyanyembé Handel treiben, Tuch
abzuzwacken, und entscheidet mit grösster Leichtigkeit Rechtsfälle, die
über den Horizont eines gewöhnlichen Menschen gehen würden.
Scheikh Hamed, der erwählte Führer der vereinigten Karavanen, die jetzt
durch Ugogo zogen, war von so kleiner, gebrechlicher Gestalt, dass er
für eine Copie seines berühmten Prototyps „Dapper“ gelten konnte; was
ihm an Grösse und Gewicht abging, machte er jedoch durch Thätigkeit
wieder gut. Kaum waren wir in einem Lager angekommen, als man seine
niedliche, lebhafte Gestalt von einer Seite des grossen Boma zur andern
hin- und herhüpfen sah, unruhig Anordnungen treffend und alles und alle
störend. Er liess keinen Ballen oder Packen unter seine Sachen oder nur
in zu grosse Nähe derselben bringen, hatte eine Lieblingsmethode, seine
Waaren aufzustellen, die regelmässig durchgeführt werden musste, und
ein specielles Auge für den für sein Zelt am besten passenden Ort, den
er von keinem andern beeinträchtigen liess. Man hätte denken können,
dass er nach einem Tagesmarsch von 10-15 Meilen derartige Kleinigkeiten
seinen Dienern überlassen würde; aber nein, nichts konnte in Ordnung
sein, wenn er nicht selbst die Oberaufsicht darüber geführt hatte. Bei
dieser Arbeit war er unermüdlich und scheute keine Anstrengung.
Scheikh Hamed hatte noch eine andere nicht ungewöhnliche
Eigenthümlichkeit: da er kein reicher Mann war, so gab er sich
unendliche Mühe, jedes Schukka und Doti so gut wie möglich zu
verwerthen, und jede neue Ausgabe schien an seinem Herzen geradezu zu
nagen. Er war stets bereit, wie er selbst sagte, über die hohen Preise
von Ugogo und die Erpressungen seiner Sultane zu weinen. Aus diesem
Grunde konnten wir mit Bestimmtheit annehmen, dass er, als Leiter der
Karavane, unsern Aufenthalt in Ugogo, wo Nahrungsmittel theuer waren,
so viel wie möglich abkürzen werde.
Hamed wird, so lange er lebt, der Sorgen und Plagen, die er in Nyambwa
erlitten und des Tages gedenken, an dem wir daselbst ankamen. Sein
Unglück kam daher, dass er, während er sich eifrigst im Lager etwas zu
schaffen machte, seine Esel in die Matamafelder des Sultans Pembera
Pereh hineingerathen liess. Stundenlang suchten er und seine Diener
nach den abhanden gekommenen Eseln, kehrten aber unverrichteter Sache
am Abend zurück, und er bejammerte, wie es nur ein Orientale thun
kann, wenn er von harten Schicksalsschlägen heimgesucht wird, den
Verlust seiner Muskat-Esel, die an 100 Dollar werth waren. Der ältere,
erfahrenere und weisere Scheikh Thani rieth ihm, seinen Verlust dem
Sultan anzuzeigen. Auf diesen weisen Rath hin schickte Hamed zwei
Sklaven an den Sultan ab, die ihm die Nachricht zurückbrachten, Pembera
Pereh’s Diener hätten die beiden Esel beim Fressen von unreifem Matama
angetroffen und wenn ihr Besitzer nicht 9 Doti Tuch erster Qualität
bezahle, so werde Pembera Pereh sie bestimmt zurückbehalten, um sich
für das von ihnen gefressene Matama bezahlt zu machen. Hamed war in
Verzweiflung. 9 Doti erster Klasse, die in Unyanyembé einen Werth
von 25 Dollars repräsentirten, für Korn, das höchstens ½ Schukka
werth war, erschien ihm als eine lächerliche Forderung; wenn er sie
aber nicht bezahlte, so waren seine Esel im Werthe von 100 Dollars
verloren. Er begab sich also zum Sultan, um ihm die Abgeschmacktheit
dieser Entschädigungsforderung zu beweisen und zu sehen, ob er nicht
mit einem Schukka davonkommen könne, einer Summe, die mehr als den
doppelten Preis des von den Eseln verzehrten Korns betrage. Der Sultan
aber sass bei seinem Pombé, war betrunken, was er gewöhnlich zu sein
scheint, und zwar zu sehr betrunken, um auf ernste Dinge eingehen zu
können. Darum lieh sein Stellvertreter, ein Unyamwezischer Renegat, dem
Ansuchen sein Ohr. Bei den meisten Wagogohäuptlingen existirt nämlich
ein Unyamwezi als rechte Hand, Premierminister, Rath, Henker, kurz
als Individuum, das zu allem bereit ist, nur nicht fürs allgemeine
Beste zu sorgen. Ein derartiger Unyamwezischer Harlekin pflegt ein so
rastloser, unzufriedener Intriguant zu sein, dass man, sobald man hört,
dass ein solcher Mensch der hauptsächlichste Rath eines Mgogohäuptlings
ist, sich versucht fühlt, ihm persönlich zu Leibe zu gehen. Die meisten
der an den Arabern verübten Erpressungen werden von diesen schlauen
Renegaten in Scene gesetzt.
Scheikh Hamed fand den Unyamwezi viel hartnäckiger als den Sultan;
das Minimum, wofür er die Esel auslösen konnte, sollte 9 Doti Tuch
erster Qualität sein. An dem Tage blieb daher das Geschäft unerledigt
und die folgende Nacht war, wie man sich denken kann, für Hamed eine
schlaflose. Schliesslich jedoch erwiesen sich der Verlust, die schwere
Geldstrafe und die schlaflose Nacht als verkappte Segnungen, denn
gegen Mitternacht besuchte ein Mgogoräuber sein Lager und wurde bei
dem Versuch, einen Ballen Tuch zu stehlen, von dem vollständig wachen
und erzürnten Araber auf frischer That ertappt und sofort durch eine
in nächster Nähe seines Ohrs vorübersausende Kugel zum Verschwinden
gebracht.
Von jedem der Eigenthümer der Karavanen hatte der Unyamwezi für seinen
betrunkenen Herrn 15 Doti sich zahlen lassen, und von den übrigen 6
Karavanen je 6 Doti, zusammen 51 Doti. Bei unserm Abmarsch am nächsten
Morgen war er aber trotzdem nicht im geringsten geneigt, ein einziges
Tuch von der Hamed auferlegten Strafe abzuziehen und der unglückliche
Scheikh war daher genöthigt, die Forderung zu bezahlen oder seine Esel
dazulassen.
Nachdem wir durch die Kornfelder Pembera Pereh’s gezogen, kamen wir
auf eine weite, flache Ebene, welche horizontal wie ein Wasserspiegel
ist und die Wagogo mit Salz versieht. Von Kanyenyi erstreckt sich
dieses Salzfeld auf der südlichen Strasse bis jenseits der Grenze von
Uhumba und Ubanarama und enthält viele grosse Teiche von salzigem
Bitterwasser, deren niedrige Ufer von einem salpeterhaltigen Schaum
bedeckt sind. Zwei Tage später, als ich die Höhenkette, die Ugogo
von Uyanzi trennt, bestiegen hatte, bekam ich einen Umblick über die
ungeheure mehr als 100 engl. Quadratmeilen umfassende Salzebene.
Möglicherweise war es eine Täuschung, doch glaubte ich grosse Flächen
graublauen Wassers zu sehen, und dies lässt mich annehmen, dass diese
Saline nur eine Ecke eines grossen Salzsees ist. Die Wahumba, deren
es von Nyambwa bis zur Grenze von Uyanzi viele gibt, theilten meinen
Soldaten mit, es existire ein „Madschi Kuba“ in nördlicher Richtung.
Mizanza, unser auf Nyambwa folgender Lagerplatz, liegt in einem
Palmenhain, ungefähr 13 Meilen von dem letztgenannten Ort. Bald nach
meiner Ankunft musste ich mich unter wollene Decken begraben wegen
eines neuen Anfalls von Wechselfieber, wie ich solches zum ersten mal
während unserer Reise durch Marenga Mkali gehabt hatte. Ueberzeugt,
dass mich eine Tagesrast, die mich in den Stand setzte, regelmässige
Dosen des unschätzbaren Chinins zu nehmen, wiederherstellen werde,
bat ich Scheikh Thani, Hamed einen Halt für den morgenden Tag
vorzuschlagen, da ich völlig unfähig sei, die wiederholten Anfälle
der bösartigen Krankheit, die mich rasch in ein blosses Skelett von
Haut und Knochen verwandelte, ferner zu ertragen. Hamed, der sehr
nach Unyanyembé eilte, um sein Tuch dort loszuwerden, ehe andere
Karavanen auf dem Markt erschienen, erwiderte zuerst, er könne und
wolle wegen des Musungu nicht halten lassen. Nachdem mir Thani diese
Antwort mitgetheilt, ersuchte ich ihn, Hamed zu sagen, der Musungu
wünsche weder ihn noch eine andere Karavane aufzuhalten, sondern es sei
seine ausdrückliche Bitte, Hamed möge ohne Rücksicht auf ihn weiter
marschiren, da er hinreichend mit Gewehren versehen sei, um allein
durch Ugogo marschiren zu können. Aus welchem Grunde nun der Scheikh
seinen Entschluss abgeändert und den dringenden Wunsch, weiter zu
reisen, aufgegeben haben mag, jedenfalls erschallte an dem Abend sein
Marschsignal nicht, sondern er war am nächsten Morgen noch da.
Früh am Morgen fing ich meine Chinindosen an, um 6 Uhr nahm ich
schon die zweite, und bis 12 Uhr mittags hatte ich noch vier weitere
genommen, im ganzen gegen 50 gut gemessene Gran, deren Wirkung sich in
reichlichem, all mein Flanell-und Leinenzeug sowie die wollenen Decken
durchnässendem Schweisse kundthat. Nachmittags erhob ich mich, wahrhaft
dankbar, dass die Krankheit, die mich volle vierzehn Tage heimgesucht
hatte, schliesslich dem Chinin gewichen war.
An diesem Tage zog unser hohes Zelt und die amerikanische Flagge, die
immer von der Mittelstange herabflatterte, die Aufmerksamkeit des
Sultans von Mizanza auf sich und wurde die Ursache eines Besuches, mit
dem er mich beehrte. Da er unter den Arabern dafür berufen ist, Manwa
Sera in seinem Kriege gegen Scheikh Sny bin Amer beigestanden zu haben,
welchen letztern Burton und später Speke so sehr gepriesen, war er
für mich natürlich ein Gegenstand besonderer Neugierde, zumal er der
zweitmächtigste Häuptling in Ugogo ist.
Als die Thüre des Zeltes aufgemacht worden, damit der alte Herr
eintreten könne, erstaunte er über die Höhe und innere Einrichtung
desselben so sehr, dass er das schmierige Barsatituch, das seinen
einzigen Schutz gegen Nachtkühle und Tageshitze bildete, aus
Zerstreutheit herunterfallen liess und dadurch den ungeweihten Blicken
des Musungu seinen traurigen, gealterten Körper zeigte, der früher
von gewaltiger, imponirender Gestalt gewesen sein musste. Sein Sohn,
ein Jüngling von ungefähr 15 Jahren, der dies bemerkte, beeilte sich
im Gefühle seiner Kindespflicht ihn auf seine Nacktheit aufmerksam zu
machen, worauf der Alte, mit albernem Kichern über den Vorfall, sein
spärliches Kostüm wieder aufnahm und sich hinsetzte, um weiter zu kauen
und seine Bewunderung über das Zelt und die merkwürdigen Dinge, die zu
den eigenen Effecten des Musungu gehörten, in kindischer Weise an den
Tag zu legen. Ein warangischer Soldat, der zum ersten mal die glänzende
Pracht des kaiserlichen Palastes von Byzanz zu Gesicht bekommen,
hätte über dieselbe nicht erstaunter sein können als der Sultan von
Mizanza über die Ausrüstung meines Zeltes. Nachdem er in einfältiger
Verwunderung den Tisch angeglotzt, auf dem einige Steingutwaaren sowie
die paar Bücher standen, die ich bei mir führte, und die Hängematte
besichtigt, von der er meinte, sie sei durch eine Zaubervorrichtung
aufgehängt, wie auch die meinen Kleidervorrath enthaltenden Koffer
angeschaut, rief er aus: „Hi le! Der Musungu ist ein grosser Sultan,
der von seinem Lande hergekommen ist, um Ugogo zu sehen!“ Dann
betrachtete er mich und gerieth abermals in das grösste Erstaunen über
meine blasse Hautfarbe und mein schlichtes Haar, wobei er die Frage
aufwarf: „Wie in aller Welt kann er so weiss sein, da doch die Haut
meiner Landsleute von der Sonne schwarz gebrannt ist?“
Nun liess ich ihm meinen Korkhut zeigen, den er sich zu seinem und
unserm grossen Vergnügen auf den wolligen Kopf setzte. Hierauf kamen
die Gewehre, namentlich das wundervolle Winchester-Repetirgewehr an
die Reihe, das, um seine mörderischen Eigenschaften zu beweisen,
dreizehnmal in rascher Aufeinanderfolge abgefeuert wurde. War er
vorher erstaunt gewesen, so wurde er es jetzt noch tausendmal mehr
und sprach seine Meinung dahin aus, dass die Wagogo vor dem Musungu
nicht Stand halten könnten, da wo sich ein Mgogo sehen lasse, eine
solche Flinte ihn bestimmt tödten müsse. Schliesslich liess ich ihm
die übrigen Feuerwaffen bringen und den Mechanismus jeder einzelnen
auseinandersetzen, bis er in Enthusiasmus über meine Macht und
Reichthum ausbrach und mir erklärte, er wolle mir ein Schaf oder eine
Ziege zusenden und mein Bruder sein. Ich dankte ihm für diese Ehre
und versprach ihm, alles anzunehmen, was er mir schicken wolle. Auf
Scheikh Thani’s Rath, der als Dolmetscher fungirte und mir sagte,
Wagogohäuptlinge dürften nicht mit leeren Händen entlassen werden,
schnitt ich ein Schukka Kaniki ab und beschenkte ihn damit. Dies
Geschenk schlug er jedoch aus, nachdem er es untersucht und gemessen,
und zwar aus dem Grunde, dass der Musungu als grosser Sultan sich doch
nicht so gemein machen könne, ihm nur ein Schukka zu geben. Nach den
zwölf Doti, die er als Muhongo von den Karavanen bekommen hatte, schien
mir dies etwas stark, da er mir jedoch ein Schaf oder eine Ziege zu
schenken im Begriff stand, kam es am Ende auf ein Schukka mehr nicht an.
Bald darauf zog er ab und schickte mir seinem Versprechen gemäss ein
grosses, schönes, breitschwänziges, sehr fettes Schaf, mit der Meldung
zu: „Ich müsse ihm, da ich jetzt sein Bruder sei, drei Doti gutes Tuch
senden.“ Da der Preis eines Schafes nur 1½ Doti beträgt, so schlug
ich dasselbe und die Ehre der Brüderschaft aus, weil die Gaben alle
nur einseitig seien und ich, der ich ihm Muhongo bezahlt und ein Doti
Kaniki geschenkt habe, nicht noch mehr Tuch ohne entsprechendes Entgeld
fortgeben könne.
An diesem Nachmittag fiel noch einer meiner Esel, und zur Nacht kamen
die Hyänen in grosser Zahl, um sich an dem Leichnam gütlich zu thun.
Ulimengo, der Jäger und beste Schütze unter meinen Wangwana, stahl
sich heraus und hatte das Glück zwei zu erschiessen, die mit zu den
grössten ihrer Art gehörten. Die eine mass 6 Fuss von der Nasen- bis
zur Schwanzspitze und 3 Fuss um den Leib.
Am 4. Juni brachen wir unser Lager ab und schlugen, nachdem wir etwa
drei Meilen nach Westen gezogen und an mehrern Salzwasserteichen
vorbeigekommen waren, die Richtung nach Nordwesten ein, am Saum der
Kette niedriger Hügel vorüber, die Ugogo von Uyanzi trennen.
Nach einem Marsch von drei Stunden hielten wir eine kurze Zeit in
Klein-Mukondoku, um dem Bruder des Beherrschers des eigentlichen
Mukondoku Tribut zu zahlen. Drei Doti genügten dem Sultan, dessen
District nur zwei Dörfer enthält, die meist von Wahumbahirten und
Ueberläufern von den Wahehe bewohnt sind. Die Wahumba leben in
kegelförmigen Hütten, die mit Kuhmist beworfen und wie die Tatarenzelte
in Turkestan geformt sind.
Die Wahumba sind, soweit ich sie gesehen, ein schöner, wohlgestalteter
Menschenschlag. Die Männer sind geradezu stattlich, hochgewachsen,
und haben kleine Köpfe mit bedeutend vorspringendem Hinterhaupt. Man
sieht sich umsonst nach einer dicken Lippe oder platten Nase unter
ihnen um, im Gegentheil ist der Mund besonders zart, klein und schön
geschnitten. Sie haben eine griechische Nase, und zwar ist dieser Zug
so allgemein, dass ich sie sofort die Griechen Afrikas nannte. Ihre
untern Extremitäten haben nicht die Schwere wie bei den Wagogo und
andern Stämmen, sondern sind lang, wohlgestaltet und rein, wie die der
Antilopen. Ihr Hals ist lang und dünn und der kleine Kopf ruht anmuthig
auf demselben. Von Jugend auf Athleten, als Hirten auferzogen und
unter sich heirathend, halten sie ihre Rasse rein. Jeder von ihnen
könnte daher ein gutes Modell für den Bildhauer abgeben, der einen
Antinoos, Hylas, Daphnis oder Apollo in Marmor darstellen wollte. Die
Frauen sind in ihrer Art ebenso schön, wie die Männer. Sie haben eine
reine Ebenholzhaut, die nicht kohlschwarz, sondern von tintenfarbigem
Ton ist. Ihre Zierrathen bestehen aus spiralförmigen Messingringen, die
von den Ohren herabhängen, aus Halsbändern von demselben Material, und
einem spiralförmigen Messinggürtel um die Lenden, der dazu dient, ihre
Kalb- und Ziegenfelle festzuhalten, die, um den Körper gefaltet, von
der Schulter herabhängen, eine Hälfte der Brust bedecken und bis an die
Knie reichen.
Die Wahehe können die Römer Afrikas genannt werden.
Nachdem wir eine Stunde gehalten, nahmen wir unsern Marsch wieder
auf und kamen nach vier Stunden im eigentlichen Mukondoku an. Dieser
äusserste Theil von Ugogo ist sehr bevölkert; die Dörfer, welche
die Mitteltembé umgeben, wo der Sultan Swaruru lebt, zählen nicht
weniger als 36. Die Leute kamen massenhaft heraus, um sich die
wunderbaren Männer anzuschauen, deren Gesichter weiss, deren Körper
so eigenthümlich bekleidet, und deren Waffen so merkwürdig waren.
Namentlich erregten die Flinten ihr Erstaunen, die so rasch knallten,
dass man kaum an den Fingern abzählen konnte, und sie sammelten sich zu
solchen Haufen und heulten so wild, dass ich einen Augenblick glaubte,
es stecke noch etwas anderes als blose Neugier hinter dieser Bewegung,
die solche Massen an die Strassen lockte. Ich hielt und fragte, was
los sei, was sie wünschten und warum sie solchen Lärm machten? Ein
stämmiger Kerl, der meine Worte für eine Erklärung von Feindseligkeiten
hielt, spannte sofort seinen Bogen; so rasch aber, wie er seinen
Pfeil aufgelegt, war auch mein treues mit 13 Schüssen geladenes
Winchestergewehr gerichtet und wartete nur darauf, den Pfeil fliegen
zu sehen, um die bleiernen Boten des Todes in die Menge zu entsenden.
Diese jedoch verzog sich so rasch, wie sie gekommen war und liess den
stämmigen Thersites mit zwei oder drei unentschlossenen Stammesgenossen
in Pistolenschussweite von meiner angelegten Flinte stehen. Ein solch
plötzliches Auseinanderlaufen des Pöbels, der noch einen Augenblick
vorher überwältigend an Zahl war, veranlasste mich, mein Gewehr zu
senken und in ein herzliches Gelächter über die schmähliche Flucht
dieser Helden auszubrechen. Die Araber, die ebenso sehr über ihre
lärmende Zudringlichkeit beunruhigt waren, kamen jetzt, um einen
Waffenstillstand zu schliessen, was ihnen zu jedermanns Befriedigung
gelang. Einige erklärende Worte genügten, um den Pöbel noch zahlreicher
als vorher zurückkehren zu lassen; und der Thersites, der die Ursache
der augenblicklichen Störung gewesen, sah sich genöthigt, sich vor dem
Druck der öffentlichen Meinung beschämt zurückzuziehen. Nun kam ein
Häuptling heran, der, wie ich später erfuhr, der zweite nach Swaruru
war, und hielt dem Volke seine Behandlung des weissen Fremdlings vor.
„Wisst Ihr nicht, Ihr Wagogo, dass dieser Musungu ein Sultan (Mtemi,
ein sehr hoher Titel) ist? Er ist nicht nach Ugogo gekommen, wie
die Wakonongo (Araber), um Elfenbeinhandel zu treiben, sondern nur
uns zu sehen und uns Geschenke zu bringen. Warum belästigt Ihr ihn
und seine Leute? Lasst sie in Frieden ziehen! Wenn Ihr ihn zu sehen
wünscht, kommt näher, aber höhnt ihn nicht. Möge der Erste, der eine
Störung verursacht, sich in Acht nehmen; unser grosser Mtemi wird es
dann erfahren, wie Ihr seine Freunde behandelt.“ Dieses Stückchen
rhetorischer Kraftanstrengung seitens des Häuptlings wurde mir an Ort
und Stelle von dem alten Scheikh Thani übersetzt. Nachdem ich dies
vernommen, bat ich den Scheikh, den Häuptling wissen zu lassen, dass
ich, nachdem ich geruht, mich freuen werde, ihn in meinem Zelt zu
empfangen.
Nachdem wir in dem Khambi angekommen, das in Ugogo immer um einen
grossen Baobab ungefähr eine halbe Meile vom Tembé des Sultans entfernt
liegt, drängten sich die Wagogo in so grosser Zahl ins Lager, dass
Scheikh Thani sich entschloss, alles zu versuchen, um diese Plage
loszuwerden oder sie doch zu mildern. In seinem besten Anzuge begab
er sich zum Sultan, um diesen um Schutz gegen sein Volk anzurufen.
Der Sultan war sehr betrunken und beliebte zu sagen: „Was willst Du,
Du Dieb? Du bist hergekommen, um mir Elfenbein oder Zeug zu stehlen.
Mach’, dass Du fort kommst, Dieb!“ Der verständige Häuptling aber, den
wir eben dem Volke Vorwürfe wegen seiner Behandlung der Wasungu machen
hörten, winkte Scheikh Thani, zum Tembé hinauszukommen und begleitete
ihn an das Khambi. Das Lager war in grossem Aufruhr; die neugierigen
Wagogo hatten fast das ganze Terrain für sich in Anspruch genommen; es
war nirgends Platz, sich zu bewegen. Die Wanyamwezi stritten sich mit
den Wagogo, die Waswahili-Diener schrien laut, die Wagogo drückten ihre
Zelte zusammen und das Eigenthum ihrer Herren wäre in Gefahr, während
ich, im Zelte bei meinem Tagebuche beschäftigt, mich um den Lärm und
die Verwirrung draussen so lange nicht kümmerte, als sie sich auf die
Wagogo, Wanyamwezi und Wangwana beschränkten.
Der Anwesenheit des Häuptlings im Lager folgte jedoch eine so tiefe
Stille, dass ich mich bewogen fühlte hinauszugehen, um zu sehen,
wodurch sie veranlasst sei. Derselbe machte wenig, aber treffende
Worte. Er sagte nämlich: „In Eure Tembés, Wagogo, in Eure Tembés! Warum
kommt Ihr her, um die Wakonongo zu belästigen? Was habt Ihr mit ihnen
zu schaffen? Macht, dass Ihr in die Tembés kommt! Jeder Mgogo, der in
dem Khambi angetroffen wird, ohne Fleisch und Vieh verkaufen zu wollen,
soll dem Mtemi Zeug oder Kühe bezahlen. Fort mit Euch!“ Mit diesen
Worten ergriff er einen Stock und trieb die Hunderte aus dem Khambi,
die ihm wie Kinder gehorchten. Während der zwei Tage, die wir noch in
Mukondoku halt machten, sahen wir nichts mehr vom Pöbel, sondern hatten
Frieden.
Das Muhongo des Sultans Swaruru wurde mit weniger Worten abgemacht,
denn der Häuptling, der für den Sultan als Premier-Minister fungirte,
nahm, nachdem er durch ein Doti Rehani Ulyah von mir erfreut worden,
den gewöhnlichen Tribut von sechs Doti an, von denen nur eins aus Zeug
erster Qualität bestand.
Jenseits Mukondoku blieb nur noch ein Sultan übrig, dem Muhongo zu
zahlen war, und dies war der Sultan von Kiwyeh, dessen Ruf so übel ist,
dass Karavanenführer, welche Macht über ihre Pagazi haben, selten
durch Kiwyeh ziehen, sondern die Strapazen grosser Märsche durch die
Wildniss der Rohheit und den unverschämten Forderungen des Häuptlings
von Kiwyeh vorziehen. Die Pagazi hingegen, die ausser den zu tragenden
Lasten keine Verantwortlichkeit oder sonstige Beschwerlichkeit davon
haben, sondern im Fall eines feindlichen Angriffs ihre Beine brauchen
und davonlaufen können, marschiren lieber durch Kiwyeh, als dass sie
Durst und Strapazen einer Terekeza aushalten. Und oft siegte die
Vorliebe der Pagazi ob, wenn ihre Herren furchtsame, unentschlossene
Leute, wie Scheikh Hamed, waren.