In der Umgegend des ersten Dorfes bekamen wir jedoch einige

charakteristische Züge von Ugogo flüchtig zu sehen. Da lag eine

weite Ebene, bald flach, bald sich leicht erhebend, hier platt wie

ein Tisch, dort zu schroffen Hügeln geformt, welche von zahlreichen

unebenen, riesigen Felsblöcken starrten, die einer über dem andern

aufgeschichtet lagen, als ob Kinder eines Titanengeschlechts hier

Häuserbauen gespielt hätten. Wirklich bildeten diese Haufen runder,

eckiger und zerrissener Felsen kleine Hügel für sich und sahen so aus,

als ob ein jeder von ihnen durch irgendeine heftig wirkende Kraft von

unten hinaufgeworfen worden sei. Namentlich war einer derselben in

der Nähe von Mvumi so gross und hatte, da er durch die ausgestreckten

Zweige eines riesigen Baobab etwas den Blicken entzogen wurde, so

grosse Aehnlichkeit mit einem ungeheuren viereckigen Thurme, dass

ich längere Zeit die Idee hegte, etwas besonders Interessantes, was

sich merkwürdigerweise der Beobachtung meiner Vorgänger in Ostafrika

entzogen, entdeckt zu haben. Ein genaueres Hinsehen zerstörte die

Illusion und bewies mir, dass es ein grosser Felsenwürfel war, der

ungefähr 70 Fuss nach jeder Richtung mass. Die Baobab sind auch in

dieser Landschaft besonders hervorstechend, da kein anderer Baum in

diesen bebauten Gegenden zu sehen ist. Man hatte sie wol aus zwei

Gründen stehen lassen: erstens aus Mangel an geeigneten Beilen, Bäume

von so grossem Umfange zu fällen, und zweitens, weil die Frucht des

Baobab ein Mehl gibt, das bei Hungersnoth, wenn es nichts besseres

gibt, auch geniessbar und nahrhaft sein soll.

Die ersten Worte, die ich in Ugogo hörte, kamen von einem starkgebauten

Wagogo-Aeltesten, der seine Heerde träge hütete, aber ein sichtliches

Interesse an dem Fremdling bekundete, der in weissen Flanellkleidern,

den in Ugogo höchst ungewöhnlichen Hawkes’schen Patent-Kork-Sommerhut

auf dem Kopfe, vorbeizog.

„Yambo, Musungu! Yambo Bana, Bana!“ ertönte seine Stimme so laut, dass

man sie eine ganze Meile weit hören konnte. Kaum hatte die Begrüssung

stattgefunden, als das Wort „Musungu“ sein ganzes Dorf zu elektrisiren

schien und die Bewohner andrer Dörfer, die hie und da nicht weit vom

Wege lagen, nahmen, als sie die erste herrschende Aufregung bemerkten,

an dem allgemeinen tollen Durcheinander theil, das alle plötzlich zu

beherrschen schien. Meinen Weg vom ersten Dorf bis Mvumi betrachte ich

als einen Triumphzug, denn ich wurde von einem wüthenden, aus Männern,

Weibern und Kindern bestehenden Pöbelhaufen begleitet, die fast alle

nackt, wie Mutter Eva waren, als sie die Welt zuerst im Garten von Eden

erblickte. Sie zankten, stritten und stiessen sich, um den weissen

Mann am besten sehen zu können, dergleichen man in diesem Theil von

Ugogo noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Doch wurden die Ausrufe

der Verwunderung, wie z. B. „Hi le“, die oft verwirrend an mein Ohr

schlugen, von mir nicht mit Dank aufgenommen, da ich viele derselben

für ungehörig hielt. Achtunggebietendes Schweigen und ein reservirteres

Betragen würde mir mehr Hochachtung abgewonnen haben; aber ihr Mächte,

die ihr in Usungu die Etikette regelt! -- respectvolles Schweigen,

zurückhaltendes Benehmen und Werthschätzung, das sind drei Worte, die

man in dem wilden Ugogo nicht kennt.

Bisher hatte ich mich mit einem Bagdader Kaufmann verglichen, der

unter den Kurden von Kurdistan herumziehend seine aus Damaszenerseide,

Kefiyehs u. dgl. bestehenden Waaren verkauft; aber jetzt musste ich

ein niedrigeres Bild wählen und mich für nicht viel besser als den

Affen in der zoologischen Sammlung des Central-Parks halten, dessen

komische Grimassen so ungeheures Gelächter bei den jungen New-Yorkern

hervorrufen. Einer meiner Soldaten bat sie, ihr furchtbares Geschrei

und Lärmen etwas zu mässigen, aber das böse Gesindel gebot ihm,

stillzuschweigen, da es unwürdig sei, so mit den Wagogo zu sprechen.

Als ich mich flehentlich in dieser Verlegenheit an die Araber um Rath

wandte, sagte der alte, stets weltkluge Scheikh Thani: „Beachten Sie

jene nicht; es sind Hunde, die nicht nur bellen, sondern auch beissen.“

Um 9 Uhr morgens waren wir in unserm Boma in der Nähe des Dorfes Mvumi,

aber auch hierher kamen Mengen von Wagogo, um sich den Musungu etwas

anzusehen, dessen Anwesenheit alsbald im ganzen District von Mvumi

bekannt wurde. Zwei Stunden später hatte ich ihre Bemühungen, mich

zu sehen, ganz und gar vergessen; denn trotz wiederholter Dosen von

Chinin hatte mich das Mukunguru fest gepackt. Am nächsten Tage fand ein

Marsch von acht Meilen von Ost- nach West-Mvumi statt, wo der Sultan

des Bezirks wohnt. Die Menge und Mannichfaltigkeit der in unser Boma

gebrachten Lebensmittel straften die Berichte über die Erzeugnisse

von Ugogo nicht Lügen. Saure und süsse Milch, Honig, Bohnen, Matama,

Maweri, Mais, Ghee, Erbsennüsse und eine Sorte von Bohnennüssen, die

grossen Pistazien oder Mandeln sehr ähneln, Wassermelonen, Kürbisse,

Muss-Melonen und Gurken wurden uns gebracht und bereitwilligst gegen

Merikani, Kaniki, weisse Merikaniperlen und Sami-Sami oder Sam-Sam

umgetauscht. Das Handel- und Tauschgeschäft, das vom Morgen bis zur

Nacht vor sich ging, erinnerte mich an die unter den Gallas und

Abessiniern vorkommenden Gebräuche. Im Osten mussten Karavanen ihre

Leute mit Tuch aussenden, um bei den Dorfbewohnern Einkäufe zu machen.

Dies war in Ugogo nicht nöthig, wo die Leute jeden Verkaufsartikel,

den sie besassen, aus freien Stücken ins Lager brachten. Das kleinste

Stückchen weissen oder blauen Tuchs, ja sogar ein abgetragenes,

fadenscheiniges Lendentuch liess sich verkaufen und nützlich beim

Einkauf von Nahrungsmitteln verwerthen.

Am Tage nach unserm Marsch war Rasttag. Wir hatten ihn dazu bestimmt,

dem grossen Sultan von Mvumi den Tribut zu überbringen. Der kluge und

vorsichtige Scheikh Thani übernahm die Erledigung dieser wichtigen

Pflicht, deren Unterlassung ein Zeichen zum Kriege gewesen wäre.

Hamed und Thani schickten zwei treue, mit den Eigenthümlichkeiten des

Wagogo-Sultans genau vertraute, redegewandte Sklaven, die eine grosse

Zungenfertigkeit und wirklichen Instinct für den unter den Orientalen

üblichen Handel besassen, zu ihm. Sie trugen 6 Doti Tuch, nämlich 1

Doti Dabwani Ulyah und 1 Doti Barsati von mir, 2 Doti Merikani Satine

von Scheikh Thani und 2 Doti Kaniki von Scheikh Hamed als erste

Abzahlung des Tributs hin. Sie blieben eine ganze Stunde fort, kehrten

aber, nachdem sie ihre Ueberredungskunst umsonst angewandt hatten, mit

dem Verlangen nach mehr zurück, was Scheikh Thani mir in folgender

Weise mittheilte:

„Ach, dieser Sultan ist ein sehr, sehr böser Mann. Er sagt, der Musungu

ist ein grosser Mann, ich nenne ihn sogar einen Sultan. Der Musungu ist

sehr reich, denn mehrere seiner Karavanen sind schon vorbeigezogen. Der

Musungu muss 40 Doti bezahlen und die Araber jeder 12 Doti, denn sie

haben reiche Karavanen. Es ist unnütz, dass Ihr mir sagt, Ihr bildet

alle eine Karavane, denn wozu habt Ihr dann so viel Flaggen und Zelte?

Geht und bringt mir 60 Doti, mit weniger bin ich nicht zufrieden.“

Nachdem ich dieses unverschämte Verlangen erfahren, gab ich Scheikh

Thani zu verstehen, dass ich 20 mit Winchester-Repetir-Gewehren

bewaffnete Wasungu habe und den Sultan zwingen könne, mir Tribut zu

zahlen. Thani aber bat mich dringend, vorsichtig zu sein, damit nicht

böse Worte den Sultan reizen und dazu veranlassen könnten, einen

doppelten Tribut zu fordern, wozu er wol im Stande sei; „und wenn Sie

den Krieg vorzögen, so würden alle Ihre Pagazi desertiren und Sie sammt

Ihrem Tuch den Wagogo auf Gnade und Ungnade überlassen.“ Ich beeilte

mich aber, seine Befürchtungen zu beschwichtigen, indem ich Bombay in

seiner Gegenwart sagte, ich habe dieses Verlangen seitens der Wagogo

vorhergesehen, daher 120 Doti Tributtuche beiseite gelegt und werde

mich nicht für sehr beeinträchtigt halten, wenn der Sultan mir 40 Doti

Tuch abfordere und ich sie wirklich bezahle. Deshalb solle er den

Hongaballen aufmachen und von Scheikh Thani die vom Sultan gewünschten

Tuche herausnehmen lassen.

Nachdem Scheikh Thani sich die Mütze der Ueberlegung aufgesetzt und

mit Hamed und seinen treuen Bedienten zu Rath gegangen war, meinte er,

wenn ich 12 Doti bezahlen wolle, von denen 3 von Ulyah-Qualität wären,

werde der Sultan wol geruhen, unsern Tribut annehmbar zu finden, in

der Voraussetzung, dass er durch die beredten Worte der Getreuen sich

überreden lassen werde, der Musungu habe nichts weiter bei sich, als

das Maschiwa (Boot), das jenem von keinerlei Nutzen sein werde, es

komme was da wolle. Auf diesen klugen Rath, von dessen Weisheit er

überzeugt war, ging der Musungu ein.

Die Sklaven entfernten sich, diesmal mit 30 Doti und unsern besten

Glückwünschen, aus unserm Boma. Nach einer Stunde kehrten sie zurück

mit leeren Händen, aber ohne Erfolg. Der Sultan verlangte von dem

Musungu noch 6 Doti Merikani und 1 Fundo Bubu, von den Arabern und

andern Karavanen dagegen noch 12 Doti. Zum dritten male gingen die

Sklaven ins Tembé des Sultans ab, mit 6 Doti Merikani und 1 Fundo Bubu

von mir und 10 Doti von den Arabern. Doch wiederum kehrten sie mit den

Worten des Sultans zurück: „Die Doti des Musungu hätten zu kurzes Maass

und das Tuch der Araber wäre von elender Beschaffenheit, daher müsse

der Musungu ihm noch 3 gut gemessene Doti und die Araber 5 Doti Kaniki

senden.“

Meine 3 Doti wurden sofort mit dem längsten Vorderarm, dem

Kigogo-Maasse, ausgemessen und durch Bombay abgesandt, aber die Araber

erklärten fast verzweifelt, sie wären ruinirt, wenn sie sich solchen

Anforderungen fügten, und schickten nur 2 von den 5 Doti mit der

inständigen Bitte an den Sultan, er möge das Bezahlte als gerechtes und

billiges Muhongo ansehen und nicht noch mehr verlangen. Der Sultan von

Mvumi war jedoch keineswegs geneigt, diesen Vorschlag in Erwägung zu

ziehen, sondern erklärte, er müsse noch 3 Doti bekommen und zwar 2 von

Ulyahtuch und 1 von Kitambi Barsati, die ihm denn auch, da er durchaus

darauf bestand, unter den heftigsten Verwünschungen Scheikh Hamed’s und

den verzweifeltsten Seufzern Scheikh Thani’s übersandt wurden.

Ueberhaupt muss das Sultanat eines Districts in Ugogo sehr lohnend und

eine prächtige Sinecure so lange sein, als der Sultan es mit feigen

arabischen Kaufleuten zu thun hat, die sich scheuen, eine Spur von

Unabhängigkeit und Selbstvertrauen an den Tag zu legen, um nur nicht

noch mehr Strafe an Zeug zu zahlen. An einem Tage erhielt der Sultan

von einem einzigen Boma 47 Doti, die aus Merikani, Kaniki, Barsati,

Dabwani bestanden im Werthe von 35¼ Dollars, und ausserdem noch 7

Doti feiner Tuche (Rehani, Sohari und Daobwani-Ulyah), sowie 1 Fundo

Bubu, im Werthe von 14 Dollars, zusammen also 49¼ Dollars, eine ganz

anständige Summe für einen Mgogohäuptling.

Am 27. Mai schüttelten wir mit Freuden den Staub von Mvumi von den

Füssen und setzten unsern Weg nach Westen fort. In der letzten Nacht

waren fünf meiner Esel an den Wirkungen des Wassers von Marenga

Mkali gefallen. Ehe ich das Boma von Mvumi verliess, ging ich, mir

ihre Kadaver anzusehen, fand aber, dass ihr Fleisch von den Hyänen

vollständig aufgefressen und die Knochen sich im Besitz einer grossen

Schaar weisshalsiger Krähen befanden.

Als wir die zahlreichen Dörfer durchzogen und wahrnahmen, dass das

ganze Land wie ein ungeheures Kornfeld aussah, und ferner die am

Wege stehenden Leute zählten, die ihre gierigen Blicke am Musungu

weiden wollten, wunderte ich mich nicht mehr über die Erpressungen

der Wagogo. Denn offenbar durften sie blos ihre Hände ausstrecken, um

sich den ganzen Reichthum meiner Karavane anzueignen, und ich fing an,

besser von dem Volke zu denken, das seiner Kraft sich wohl bewusst,

doch keinen Gebrauch von ihr macht, sondern intelligent genug ist zu

begreifen, dass es in seinem Interesse liegt, Karavanen vorbeiziehen zu

lassen, ohne eine Rechtsverletzung an ihnen zu versuchen.

Zwischen Mvumi und dem District des nächsten Sultans, Matamburu, zählte

ich nicht weniger als 25 Dörfer, die über der lehmigen, farbenreichen

Ebene ausgestreut lagen. Trotz der unwirthlichen Natur der Ebene

waren sie besser gebaut, als irgendein Theil des Landes, das ich seit

Bagamoyo gesehen hatte.

Als wir schliesslich in unserm Boma in Matamburu ankamen, erwarteten

uns dieselben Gruppen neugieriger Leute, dieselben verwunderten Blicke,

dieselben Ausrufe des Erstaunens, dasselbe Gelächter über Dinge, die

sie an der Kleidung und Manier des Musungu lächerlich fanden, wie in

Mvumi. Da die Araber „Wakonongo“-Reisende waren, die sie alle Tage

sahen, waren diese vollständig befreit von den Belästigungen, die wir

auszustehen hatten.

Der Sultan von Matamburu, ein Mann von herkulischer Gestalt und einem

Kopf, der gut zu seinen Schultern passte, die sich mit denen des Milo

vergleichen liessen, erwies sich als ein sehr verständiger Mann. Nicht

ganz so mächtig wie der von Mvumi, besass er doch einen schönen Theil

von Ugogo, etwa 40 Dörfer, und er hätte, wenn er dazu Lust gehabt, die

feilen Seelen meiner arabischen Begleiter in derselben Weise, wie der

von Mvumi, drücken können. Vier Doti Tuch wurden ihm als erster seiner

Grösse dargebrachter Tribut hingesandt, die er anzunehmen versprach,

wenn die Araber und der Musungu ihm noch vier schicken würden. Bei

so billigem Verlangen wurde diese Angelegenheit bald zu jedermanns

Zufriedenheit beendet, und nicht lange darauf liess Scheikh Hamed’s

Kirangozi das Signal zum morgigen Marsche ertönen.

Auf Befehl eben dieses Scheikhs erhob sich der Kirangozi, um vor der

versammelten Karavane eine Rede zu halten. „Worte, Worte von dem Bana!“

rief er aus. „Leiht mir Euer Ohr, Kirangozi! Hört es, Ihr Kinder

von Unyamwezi! Morgen ist Reisetag! Der Weg ist krumm und schlecht,

schlecht! Da liegen Dschungels und viele Wagogo sind darin verborgen!

Wagogo tödten Pagazi mit Speeren und schneiden denen die Hälse ab,

welche Mutumba (Ballen und Uschangaperlen) bei sich führen! Die Wagogo

sind bei uns im Lager gewesen; sie haben Euere Ballen gesehen; heute

Abend suchen sie die Dschungels auf; morgen wachet gut, o Wanyamwezi!

Haltet Euch eng beisammen, bleibt nicht zurück! Die Kirangozi werden

langsam gehen, damit die Schwachen, die Kranken und die Jungen mit den

Starken Schritt halten können! Machen wir zweimal Rast auf dem Wege!

Dieses sind die Worte des Bana (Herrn). Hört Ihr sie, Wanyamwezi?“ (Ein

lautes bejahendes Geschrei erhebt sich aus allen Kehlen.) „Versteht Ihr

sie wohl?“ (Wiederholter Zuruf.) „Dann Bas!“ Nach dieser Rede zog sich

der beredte Kirangozi in die dunkle Nacht und seine Strohhütte zurück.

Der Marsch nach Bihawana, unserm nächsten Lager, war beschwerlich,

führte uns durch ein ununterbrochenes Dickicht von Gummi- und

Dorngebüschen, steile Berge hinauf und schliesslich über eine glühende

Ebene, auf der die Sonne heisser und heisser wurde, wie sie sich dem

Meridian näherte, bis sie schliesslich alles Leben aus der todten

Natur herauszusengen schien und die ganze Landschaft in einer solchen

weissen Glut dalag, dass sie den umsonst vor dem grellen Licht Schutz

suchenden schmerzhaften Augen unerträglich wurde. Mehrere versandete

Wasserläufe, auf denen manche Spur von Elefanten eingedrückt war,

passirten wir auch auf diesem Marsche. Diese Strombetten neigten sich

abwärts nach Südost und Süden.

In der Mitte dieser brennenden Ebene standen die Dörfer von Bihawana,

die wegen der ungewöhnlichen Niedrigkeit ihrer Hütten fast gar nicht

zu sehen waren. Sie erreichten nämlich nicht die Höhe des hohen

ausgebleichten Grases, das in der übermässigen Hitze rauchend dastand.

Unser Lager befand sich in einem grossen etwa eine Viertelmeile von

des Sultans Tembé gelegenen Boma. Bald nachdem ich im Lager ankam,

wurde ich von drei Wagogo besucht, welche mich fragten, ob ich nicht

unterwegs einen Mgogo mit einer Frau und einem Kinde gesehen hätte.

Ich war im Begriff, ganz unschuldig ja zu sagen, als der vorsichtige

und stets auf das Interesse seines Herrn bedachte Mabruki mich bat,

ihm keine Antwort zu ertheilen, da die Wagogo mich wie gewöhnlich

beschuldigen würden, jene beiseite gebracht zu haben und dafür eine

Strafe von mir verlangen würden.

Wüthend über den Betrug, den sie mir eben spielen wollten, war ich im

Begriff, meine Peitsche zu erheben, um sie aus dem Lager zu prügeln,

als mir Mabruki wieder mit brüllender Stimme gebot, mich in Acht zu

nehmen, denn jeder Schlag würde mich 3 oder 4 Doti Tuch kosten. Da ich

keineswegs wünschte, meinem Zorn auf so kostspielige Weise Luft zu

machen, so war ich gezwungen, ihn herunterzuschlucken, und die Wagogo

kamen ohne Bestrafung davon.

Einen Tag hielten wir an diesem Ort, und dies war mir sehr lieb, da ich

schwer am Wechselfieber litt, das in diesem Falle zwei Wochen dauerte

und mich daran hinderte, mein Tagebuch vollständig zu führen, wie ich

es sonst jeden Abend nach dem Marsche zu thun pflegte.

Der Sultan von Bihawana begnügte sich, obgleich seine Unterthanen

übelgesinnt und zu Mord und Diebstahl bereit waren, mit 3 Doti

Tuch als Honga. Von diesem Häuptling erhielt ich Nachrichten über

meine vierte Karavane, die sich in einem Kampf mit einigen seiner

geächteten Unterthanen ausgezeichnet. Meine Soldaten hatten zwei

derselben getödtet, die, nachdem sie einigen Pagazi aufgelauert, einen

Ballen Tuch und einen Beutel Perlen zu rauben versucht hatten. Da die

Soldaten zur rechten Zeit herankamen, vereitelten sie diesen Versuch

vollständig. Der Sultan meinte, es würden weniger Diebstähle unterwegs

an den Karavanen verübt werden, wenn sie alle ebenso gut, wie die

meinigen, bewacht würden. Mit dieser Ansicht stimmte ich von Herzen

überein.

Das Tembé des nächsten Sultans, durch dessen Gebiet wir am 30. Mai

marschirten, befand sich in Kididimo, und vier Meilen von Bihawana

entfernt. Der Weg führte uns durch eine flache, längliche, zwischen

zwei langen Bergkämmen befindliche Ebene, auf der sich zahlreiche,

riesig gestaltete Baobab vorfanden. Kididimo sieht sehr traurig aus

und selbst die Gesichter der Wagogo scheinen ein trauriges Gepräge von

der allgemeinen sie umgebenden Freudlosigkeit angenommen zu haben. Das

Wasser der Gruben in der Umgegend schmeckte nach warmem Pferdeurin,

und zwei Esel erkrankten und fielen in weniger als zwei Stunden an den

Wirkungen desselben. Der Mensch bekam davon Leibschmerzen, Uebelkeit

und eine allgemeine Reizbarkeit des Organismus und rächte sich infolge

dessen durch kräftige Verwünschungen gegen das Land und seinen albernen

Herrscher. Ihren Höhepunkt erreichte indessen unsere Stimmung erst, als

Bombay uns berichtete, dass der Kopf des Häuptlings, nachdem man über

das Muhongo sich zu einigen versucht, sehr gross geworden sei, als er

gehört habe, der Musungu sei angekommen und dass sich seine „Grösse“

nur verkleinern lasse, wenn er 10 Doti als Tribut bekäme. Obgleich die

Forderung gross war, befand ich mich doch nicht in der Stimmung --

schwach und fast ohne Energie, wie ich es von den wiederholten Anfällen

des Mukunguru war -- wegen dieser Summe Streit anzufangen. Daher wurde

sie ohne viele Worte bezahlt. Die Araber hingegen brachten den ganzen

Nachmittag mit Unterhandlungen zu und hatten schliesslich jeder 8 Doti

zu bezahlen.

Zwischen Kididimo und Nyambwa, dem District des Sultans Pembera Pereh,

befindet sich ein weiter, langer Wald und Dschungel, der von Elefanten

und Rhinozeros, Zebras, Hirschen, Antilopen und Giraffen bewohnt wird.

Mit dem Morgengrauen des 31. aufbrechend, kamen wir in die Dschungels,

deren dunkle von Büschen bewachsene Contouren ganz deutlich von

unserer Laube in Kididimo sichtbar gewesen waren, und hielten nach

zweistündigem Marsche Rast zum Frühstück an Pfützen süssen Wassers,

die, umrahmt von frischen grünen Streifen, einen Hauptzufluchtsort für

die wilden Thiere der Dschungels abgaben, deren frische Spuren sich

zahlreich daselbst vorfanden. Ein enges, vom Laube dicht beschattetes

Nullah bot einen vorzüglichen Schutz vor dem grellen Sonnenschein dar.

Zur Mittagstunde, nachdem unser Durst gelöscht, unser Hunger gestillt

und die Kürbisflaschen wieder gefüllt waren, begaben wir uns aus dem

Schatten in die furchtbare Glut des heissen Mittags hinaus. Der Pfad

schlängelte sich durch Dschungel und dünnen Wald hinein und wieder

heraus in offene Striche von Gras, das wie Stoppeln weissgedörrt war,

und zog sich dann durch Dickicht von Gummi- und Dornbüschen, die einen

penetranten Geruch, gleich einem Viehstalle, von sich gaben. Dann

ging es durch Gruppen ausgebreiteter Mimosen, Colonien von Baobab und

einem an edlem Wild reichen Landstrich weiter, welches letztere zwar

häufig von uns erblickt, doch vor unsern Gewehren ebenso sicher war,

als ob wir uns auf dem Indischen Ocean befunden hätten, denn eine

Terekeza, wie wir sie jetzt machten, lässt keinen Aufenthalt zu. Das

letzte Wasser hatten wir zur Mittagszeit verlassen; bis zum Mittag

des nächsten Tages konnten wir keinen Tropfen bekommen, und wenn wir

nicht rasch und lange an diesem Tage marschirten, so würde der wüthende

Durst alle Bande der Zucht entfesseln. So mühten wir uns tapfer sechs

lange ermüdende Stunden hindurch ab und lagerten bei Sonnenuntergang;

es blieb dabei noch ein Marsch von zwei Stunden vor uns, den wir eine

Stunde nach Sonnenaufgang machen mussten, ehe wir an unser Lager

Nyambwa kommen konnten. An diesem Abend bivuakirten unsere Leute unter

den Bäumen, von einem meilenweiten dichten Walde umgeben, und genossen

die kühle Nacht, ohne von Kopfbedeckungen oder Zelten beschützt zu

sein, während ich mich die Nacht hindurch in einem Fieberanfalle wälzte

und stöhnte.

Der Morgen kam und die lange Karavane oder vielmehr die Kette von

Karavanen war schon in erster Frühe unterwegs. Es war derselbe Wald,

der auf dem schmalen Pfade, den wir betraten, nur für einen Mann

Platz hatte. Ebenso beschränkt war die Aussicht. Zur Rechten und

Linken war der Wald dunkel und tief. Ueber uns befand sich ein heller

Himmelsstreifen, an dem einzelne Regenwolken schwebten. Wir hörten

nichts weiter als hin und wieder Töne eines fliegenden Vogels oder den

Lärm der Karavanen, deren Leute sangen, summten oder sich unterhielten

und laut aufjubelten, wenn sie der Gedanke überkam, dass wir uns Wasser

näherten. Einer meiner Pagazi fiel ermattet und krank nieder und erhob

sich nicht wieder. Der letzte der Karavane ging an ihm vorüber, ehe

er todt war. Das war ein Glück, sonst hätten wir die Barbarei begehen

müssen, ihn unbeerdigt liegen zu lassen, wo wir doch wussten, dass er

todt sei.

Wie ich Livingstone fand; Erster Band · 第 15 / 29 段