Nach einem Marsch von 15 Meilen lagerten wir in einem trockenen

Mtoni, der Matamombo heisst und wegen seiner Pfützen ockerfarbigen

Bitterwassers berühmt ist. Affen und Rhinozeros, Kudus, Steinböcke und

Antilopen fanden sich zahlreich in seiner Umgegend vor. In diesem Lager

starb mein Hündchen Omar an Unterleibsentzündung, fast an der Schwelle

des Landes Ugogo, wo seine Treue und Wachsamkeit mir unschätzbar

gewesen wären.

Der Marsch des nächsten Tages war gleichfalls 15 Meilen lang. Er ging

durch ein unendliches Gewirr von Dornbüschen. Innerhalb zwei Meilen

vom Lager führte der Weg über ein kleines Flussbett von der Breite

einer Allee direct ins Khambi von Mpwapwa, das dicht bei einigen Bächen

reinsten Wassers lag.

Der nächste Morgen fand uns sehr ermüdet nach dem langen Marsch von

Ugombo und im allgemeinen geneigt, von den herrlichen Genüssen, die

Mpwapwa den direct aus den fliegengeplagten Ländern der Waseguhha

und Wadoe kommenden Karavanen bietet, Gebrauch zu machen. Scheikh

Thani, der gescheite, arglos redende alte Araber, kampirte hier unter

dem angenehmen Schatten einer Mtamba-Sycamore und hatte sich seit

seiner vor zwei Tagen erfolgten Ankunft an frischer Milch, prächtigem

Hammelfleisch und kräftigem Rinderrücken delectirt. Wie er mir

mittheilte, hegte er nicht die Absicht, dieses glückliche, reiche Land

sobald mit dem salzigen, salpeterhaltigen Wasser von Marenga Mkali,

mit seinen verschiedenen Terekezas und vielfachen Unannehmlichkeiten

zu vertauschen. „Nein“, sagte er mir mit Nachdruck, „bleiben Sie

lieber zwei oder drei Tage hier; gönnen Sie Ihren ermatteten Thieren

Ruhe; sammeln Sie so viel Pagazi, als Sie können. Füllen Sie sich voll

mit frischer Milch, süssen Kartoffeln, Rindfleisch, Hammelfleisch,

geklärter Butter, Honig, Bohnen, Matama, Maweri und Nüssen; -- dann,

Inschallah! wollen wir zusammen ohne Aufenthalt nach Ugogo gehen!“ Da

der Rath vollständig mit meinen eigenen Wünschen und meinem grossen

Appetit nach den guten Dingen, die er nannte, übereinstimmte, so hatte

er nicht lange auf meine Zustimmung zu warten. „Ugogo“, fuhr er fort,

„ist reich an Milch und Honig, -- reich an Mehl, Bohnen und fast allen

Esswaaren; und, Inschallah! ehe noch eine Woche verstreicht, werden wir

in Ugogo sein!“

Ich hatte von durchziehenden Karavanen so viel ungemein günstige

Berichte über Ugogo und seine Produkte gehört, dass es mir geradezu als

gelobtes Land erschien, und war sehr begierig, meinen angegriffenen

Magen mit einigen der in Ugogo erzeugten köstlichen Nahrungsmittel

zu erquicken. Als ich aber hörte, dass Mpwapwa gleichfalls leckere

Esswaaren darbot, verbrachte ich den grössten Theil der Morgenstunden

damit, die geistesträgen Bewohner dazu zu bringen, sich von ihnen

zu trennen; und als schliesslich Eier, Milch, Honig, Hammel, Thee,

Matamagrütze und Bohnen in hinreichenden Quantitäten, um ein

anständiges Mahl zu bereiten, gesammelt waren, wandte ich meine volle

Aufmerksamkeit und alle Kochtalente einige Stunden lang dazu an,

diese rohen Vorräthe in ein Frühstück zu verwandeln, welches meinem

sowol wählerischen als ausgehungerten Magen annehmbar und wohlthuend

sein sollte. Die spätere gesunde Verdauung desselben bewies, dass

meine Anstrengungen vollständig von Erfolg gekrönt waren. Am Ende

dieses ereignissvollen Tages schrieb ich folgende Bemerkung in mein

Tagebuch: „Gott sei Dank, nach 57 Tagen, wo ich von Matamabrei und

zähem Ziegenfleisch gelebt, habe ich mit salbungsvoller Genugthuung ein

wirkliches Frühstück und Mittagessen genossen!“

In einem der vielen kleinen Dörfer, die auf den Abhängen des Mpwapwa

liegen, fand ich einen Zufluchtsort für Farquhar, wo er eine Heimat

finden konnte, bis er im Stande sein werde, nach Wiederherstellung

seiner Gesundheit uns nach Unyanyembé nachzukommen.

Nahrungsmittel gab es hier in Hülle und Fülle und von ausreichender

Mannichfaltigkeit, um den Wählerischsten zu befriedigen. Auch waren

sie billig, viel billiger, als wir sie an manchem Tag gehabt hatten.

Leucole, der Häuptling des Dorfes, mit dem ich Anordnungen zu Gunsten

von Farquhar’s Pflege und Bequemlichkeit traf, war ein kleiner alter

Mann mit mildem Auge und sehr angenehmem Gesicht, und als ich ihm

die Mittheilung machte, dass ich die Absicht habe, den Musungu ganz

unter seiner Obhut zu lassen, schlug er mir vor, ich möge einen meiner

Leute dazu anstellen, ihn zu bedienen und seine Wünsche den Leuten

Leucole’s zu verdolmetschen. Ich hatte schon an diese abermalige

Last, welche Farquhar’s Krankheit mir auferlegen könne, gedacht, aber

gehofft, dass Leucole mich hiervon gegen eine Extrabezahlung befreien

werde. In der Zeit jedoch, die zwischen Farquhar’s und unserer eigenen

Ankunft vergangen war, hatte der Häuptling schon hinlänglich erkannt,

dass er ganz unfähig sei, die Bedürfnisse eines Menschen wie Farquhar

zu befriedigen, welcher darauf bestand, nach jeder Kleinigkeit auf

englisch statt auf Kisagara oder Kiswahili zu rufen, und der, wenn

er nicht verstanden worden, erst die Eingeborenen auf englisch

gründlich verfluchte und, wenn er dies als nutzlos erkannt hatte, in

ein hartnäckiges, mürrisches Schweigen zu verfallen pflegte. Keine

Geldsumme war gross genug, um Leucole dazu zu bewegen, sich dieser

Aufgabe ohne einen Dolmetscher zu unterziehen. Es war nutzlos, über

meine Thorheit zu trauern, einen solchen Mann wie Farquhar auf die

Expedition mitgenommen zu haben. Er war im Innern von Afrika und krank;

mir lag es ob, danach zu sehen, dass er Pflege erhielt. Daher fragte

ich Bombay, welchen von unsern Leuten man am besten entbehren könne,

um ihn bei Farquhar zu lassen. Zu meinem Erstaunen sagte Bombay: „O

Herr, haben Sie uns nach Afrika gebracht, um uns so etwas zuzumuthen?

Wir haben unsern Contrakt nicht unterschrieben, um zurückzubleiben,

sondern um Sie nach Udschidschi, Ukerewe oder Kairo zu begleiten. Wenn

Sie einem der Soldaten befehlen, hier zu bleiben, so wird er nur so

lange gehorchen, als Sie da sind, -- nachher wird er weglaufen. Nein,

nein, Herr, das geht nicht!“ -- Trotz Bombay’s Versicherungen, die ich

zwar keine Ursache hatte zu bezweifeln, fragte ich einen jeden meiner

Leute persönlich, ob er bereit sei, zurückzubleiben und den kranken

Musungu zu bedienen.

Von jedem erhielt ich eine verneinende Antwort, die sehr entschieden

abgegeben wurde, und sie führten als Grund das heftige Betragen des

Musungu gegen die drei Soldaten an, die seiner Karavane von Bagamoyo

ab beigegeben worden. Sie fürchteten ihn, er verfluchte sie bei jeder

Gelegenheit und Ulimengo kopirte ihn so getreu und komisch, dass es

fast unmöglich war, sich des Lachens zu enthalten. Da jedoch der

kranke Mann absolut eines Pflegers bedurfte, so war ich gezwungen,

meine Autorität zu gebrauchen, und da Dschako der einzige ausser

Bombay und meinem arabischen Dolmetscher Selim war, der englisch

sprechen konnte, so wurde jener trotz seiner Einwendungen und Bitten

dazu bestimmt und der Häuptling Leucole dadurch zufriedengestellt.

Vorräthe an weissen Perlen, Merikani- und Kanikituchen auf sechs Monate

und zwei Doti schönen Tuchs als Geschenk für Leucole nach Farquhar’s

Wiederherstellung wurden dem letztern von Bombay gebracht und dazu noch

ein Karabiner, 300 Patronen, ein Satz Kochgeschirr und 3 Pfund Thee.

Abdullah bin Nasib, den ich hier mit 500 Pagazi und einem Gefolge

von arabischen und Waswahili-Satelliten, die sich um diese grosse

Persönlichkeit drängten, vorfand, behandelte mich ungefähr in derselben

Weise, wie Hamed bin Suleiman Speke in Kasenge behandelt hatte.

Von seinen Satelliten gefolgt kam er, ein hochgewachsener, kräftig

aussehender Mann von ungefähr 50 Jahren, mich in meinem Lager zu

besuchen und fragte mich, ob ich Esel zu kaufen wünsche. Da alle meine

Thiere entweder krank oder sterbend waren, so bejahte ich seine Frage

bereitwilligst, worauf er mir gnädigst erwiderte, er werde mir so

viele, wie ich wünsche, verkaufen und zwar gegen eine Bezahlung, die

ich ihm in Wechseln auf Zanzibar geben könne. Ich hielt ihn für einen

sehr verständigen und freundlichen Mann, der das Lob, welches ihm in

Burton’s „Lake Regions of Central-Africa“ reichlich gespendet wird,

vollständig rechtfertigte und behandelte ihn daher mit der Rücksicht,

die einem so grossen und guten Manne gebührte. Der Morgen kam und mit

ihm ging Abdullah bin Nasib oder „Kisesa“, wie er von den Wanyamwezi

genannt wird, mit allen seinen Pagazi, seinem ganzen Gefolge und seinen

Eseln nach Bagamoyo ab, ohne mir auch nur ein „Quahary“ oder Lebewohl

gesagt zu haben.

An diesem Orte findet man gewöhnlich 10-30 Pagazi, die auf ins Innere

ziehende Karavanen warten. Ich war glücklich genug, mir zwölf gute

Leute zu verschaffen, die nach meiner Ankunft in Unyanyembé ohne

Ausnahme freiwillig sich erboten, als Lastträger auch nach Udschidschi

mitzugehen. Da ich die furchtbaren Märsche von Marenga Mkali vor mir

hatte, so war ich für diesen glücklichen Zufall sehr dankbar, welcher

die Schwierigkeiten, die ich vermuthet hatte, löste, denn ich hatte nur

zehn Esel übrig, von denen vier so geschwächt waren, dass man sie als

Lastthiere nicht mehr gebrauchen konnte.

Mpwapwa, wie es von den Arabern, die es fertig bekommen, jedes Wort

der Eingeborenen zu verderben, genannt wird, heisst bei den Wasagara

Mbambwa. Es ist ein Gebirgszug, der sich mehr als 6000 Fuss über dem

Meere erhebt, im Norden die ausgedehnte Ebene, die beim See Ugombo

anfängt, und im Osten den Theil derselben begränzt, der Marenga Mkali

heisst und sich über die Grenze von Uhumba hinaus erstreckt. Mpwapwa

gegenüber, in einer Entfernung von etwa 30 Meilen, erhebt sich der

Anak-Pic von Rubeho mit mehreren andern hochstrebenden Genossen, welche

die langen Züge geradliniger Abdachungen überragen, die von der Ebene

von Ugombo und Marenga Mkali sich so regelmässig erheben, als ob sie

von ganzen Generationen von Maurern und Steinmetzen ausgehauen wären.

Als ich auf die grünen, von vielen dichtbelaubten Bäumen beschatteten

Abhänge von Mpwapwa und seine zahlreichen Bäche blickte, die anmuthig

und klar dahinflossen und ausser dichten Gruppen von Gummi- und

Dornbüschen riesige Sycamoren und Mimosen mit ihren fallschirmförmigen

Laubdächern ernährten, liess ich mir von der Einbildungskraft liebliche

Ansichten hinter den hohen Kegeln vormalen und mich in Versuchung

führen, den Strapazen eines Ersteigens des Gipfels Trotz zu bieten.

Mit einem Blick übersah mein Auge Ebene und Berg in einer Ausdehnung

von Hunderten von Quadratmeilen vom Pic Ugombo ins ferne Ugogo hinaus

und von Rubeho und Ugogo bis zu den dunkelpurpurnen Weideländern der

wilden, unbezähmbaren Wahumba. Die Ebene von Ugombo und die benachbarte

von Marenga Mkali, die dem Anschein nach so flach wie das Meer sind,

waren hier und da von Hügeln besät, welche die Natur in nachlässiger

Eile dahingestreut zu haben schien und die wie Inseln inmitten der

braungrünen Fläche aussahen. Wo sich dichte Dschungels befanden, war

die Farbe abwechselnd grün und dunkelbraun; wo die Ebene ohne Büsche

und Farrnkräuter kahl dalag, hatte sie ein weissbraunes Aussehen,

auf welches die vorüberziehenden Wolken hin und wieder ihre tiefen

Schatten warfen. Ueberhaupt war diese Seite des Bildes durchaus nicht

einladend; denn sie zeigte uns nur zu deutlich die Wüste in ihrem

eigensten abschreckenden Charakter. Doch nahm mich vielleicht noch

die Erkenntniss gegen dieselbe ein, dass in dieser ungeheuren vor

mir liegenden Ebene es nur Wasser gibt, das bitter wie Salpeter und

untrinkbar ist. Der Jäger hätte sie für ein Paradies ansehen können,

denn in ihren Tiefen gab es allerlei Wild, das ihn mächtig reizen

konnte; für den blosen Reisenden aber bot sie einen traurigen Anblick.

Näher jedoch am Fusse des Mpwapwa ändert sich das Aussehen der Ebene.

Zuerst werden die Dschungels dünner, es erscheinen Lichtungen im

Walde, darauf weite kahle Strecken und weiter hin ausgedehnte Felder

von kräftigem Holcus, Mais, Maweri oder Bajri, sowie hier und da ein

viereckiges Tembé oder Dorf. Noch näher zu uns verliefen schmale

Streifen von frischem, jungem Grase und es fanden sich grosse Bäume,

die von kleinen Partien angeschwemmten Wiesenbodens umgeben waren.

Ein breites Flussbett, das mehrere Wasserläufe enthält, zieht sich

durch die durstigen Felder und führt das belebende Element mit sich,

das in diesem Theile von Usagara so selten und kostbar ist. Hinab zum

Flussbett neigt sich der Mpwapwa, der an einigen Stellen durch grosse

Basaltblöcke oder Felsmassen, die von einem jähen Abhang herabgefallen

sind, ein rauhes Ansehen gewinnt. Hier klammert sich der Kolquall

mit sicherm Halte an und gewinnt seine Nahrung überall, wo es keiner

andern Pflanze gelingt; dort zieht sich die kräftige Mimose als grüner,

abfallender Wall fast bis zum Gipfel hinan und da weidet -- ein

beglückender Anblick für mich, der ihn so lange entbehrt -- zahlreiches

Vieh, das der Einsamkeit der tiefen Einschnitte des Gebirgszuges ein

angenehmes Leben verleiht.

Den schönsten Anblick jedoch gewährt die nördlich gelegene dichte

Gebirgsgruppe, welche, nach Rubeho zu, die vordere Bergreihe wie

mit Strebepfeilern stützt. Das ist die Heimat der Winde, die hier

entstehen, die jähen Abhänge und einzelnen Pics der Westseite, an

Stärke zunehmend, hinabsausen, durch das prairieartige Marenga Mkali

brausen und Ugogo und Unyamwezi mit der Gewalt des Sturmes durchtoben.

Zugleich ist es die Heimat des Thaus, wo klare Quellen, die durch ihre

Musik die bewaldeten Thäler erfreuen und den bevölkerten Bezirk von

Mpwapwa bereichern, entspringen. Es wird jedem besser und stärker zu

Muthe auf dieser luftigen Höhe, wenn er die reine Luft einsaugt und die

Augen an der Mannichfaltigkeit der Landschaft weidet, die sich hier

darbietet. Hier blickt man auf ausgedehnte, wiesengrüne Plateaus, glatt

abgerundete Gipfel und Bergthäler, die Schlupfwinkel enthalten, welche

die Seele eines Eremiten bezaubern können; dort auf tiefe, schreckliche

Schluchten, wo ein düsteres Dunkel herrscht, auf zerrissene Abhänge,

ungeheuere phantastisch gestaltete Blöcke, die über ihnen hervorragen,

sowie auf malerische Landstriche, die alles in sich schliessen, was die

Natur an Romantik und Poesie zu bieten hat.

Der Reisende wird Mpwapwa, obgleich er, von der Küste kommend, für die

Milch, die es ihm bietet und die er so lange entbehrt hat, dankbar

ist, doch stets als einen durch seine Ohrwürmer sehr merkwürdigen Ort

im Gedächtniss behalten. In meinem Zelte konnte ich sie zu Tausenden

zählen, in meiner Hängematte zu Hunderten, auf meinen Kleidern zu

Fünfzigen, auf meinem Hals und Kopf zu Zwanzigen. Die sonstigen Plagen,

als da sind Heuschrecken, Flöhe und anderes Ungeziefer, verlieren jede

Bedeutung, wenn man sie mit diesen entsetzlichen Ohrwürmern vergleicht.

Freilich beissen sie weder, noch reizen sie die Haut, ihre blosse

Anwesenheit und Zahl rief jedoch so schreckliche Vorstellungen hervor,

dass man dadurch fast toll werden konnte. Wer kommt wol nach Ostafrika,

ohne die Erfahrungen von Burton und Speke gelesen zu haben? Wer wird

wol, wenn er sie gelesen, sich nicht mit Schrecken der furchtbaren

Schilderungen erinnern, die Speke von dieser Pest gibt? Nur meine

angestrengte Wachsamkeit hat mich, wie ich glaube, vor ähnlichem

Unglück bewahrt.

Nach den Ohrwürmern kommen, was Bedeutung und Zahl betrifft, die

weissen Ameisen, deren Zerstörungsvermögen geradezu schrecklich ist.

Matten, Tuch, Koffer, Kleider, kurz alles, was ich besass, schien sich

am Abgrunde des Verderbens zu befinden, und wenn ich ihre Gefrässigkeit

beobachtete, so ängstigte ich mich, dass sie mein Zelt, während

ich schlief, auffressen könnten. Dieses war, seitdem ich die Küste

verlassen, das erste Khambi, wo ihre Anwesenheit mir Angst verursachte.

An allen andern Lagerstätten hatten bisher die rothen und schwarzen

Ameisen unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen; in Mpwapwa aber liess

sich die rothe Gattung gar nicht blicken und die schwarze war auch sehr

selten.

Nachdem wir drei Tage in Mpwapwa gehalten, entschloss ich mich,

ohne Aufenthalt nach Marenga Mkali zu marschiren, bis wir Mvumi in

Ugogo erreichten, wo ich die Kunst, Tribut an die Wagogohäuptlinge

zu bezahlen, erlernen sollte. Der erste Marsch nach Kisokweh wurde

absichtlich kurz gemacht, da er nur vier Meilen betrug, um es Scheikh

Thani, Scheikh Hamed und fünf bis sechs Waswahili-Karavanen zu

ermöglichen, mich in Tschunyo, an der Grenze von Marenga Mkali, zu

treffen.

[Illustration: UNSER LAGER IN TSCHUNYO.]

SECHSTES KAPITEL.

DURCH MARENGA MKALI, UGOGO, UYANZI NACH UNYANYEMBÉ.

Ankunft in Tschunyo. -- Bitterwasser. -- Marenga Mkali. --

Sechsunddreissig Stunden lang kein Wasser. -- Gefährlicher

Fieberanfall. -- Ankunft in Ugogo. -- Wüthender Pöbel. -- Reichliche

Lebensmittel in Mvumi. -- Tribut an den grossen Sultan. -- Der Sultan

von Matamburu. -- Marsch nach Bihawana. -- Die Wagogo erhalten

Peitschenhiebe. -- Besuch des Sultans von Mizanza. -- Die Wahumba

sind ein stattlicher Menschenschlag. -- Ankunft in Mukonduku. --

Abreise. -- Berathschlagung mit den Arabern über die einzuschlagende

Route. -- Streit und Trennung von denselben. -- Sie folgen mir.

-- Ugogo ein Land voll Bitterniss. -- Ankunft in Kiti. -- Sultan

bin Mohammed. -- Halt in Kusuri. -- Erschiessen eines Dieners. --

Schlammfische. -- Ruinen von Rubuga. -- Amir bin Sultan. -- Uebergang

über das Mtoni. -- Ankunft in Unyanyembé.

Von Marenga Mkali nach

St. Min.

Mvumi in Klein-Ugogo 12 30

Mvumi in Gross-Ugogo 4 --

Matamburu 4 --

Bihawana 4 --

Kididimo 2 --

Pembera Pereh 10 --

Mizanza 5 30

Mukondoku 6 30

Munieka 5 --

Mabunguru Mtoni in Uyanzi 8 --

Kiti in Uyanzi 6 30

Msalalo 6 30

Welled Ngaraiso 3 30

Kusuri 3 15

Mgongo Tembo 3 30

Mgongo Tembo Mtoni 3 30

Nghwhalah Mtoni 2 40

Madedita 2 30

Central Tura in Unyamwezi 3 --

Kwala-Fluss 7 --

Rubuga 7 15

Kigwa 5 --

Schisa 7 --

Kwihara 3 --

Der 22. Mai sah Thani’s und Hamed’s Karavanen mit der meinigen in

Tschunyo, 3½ Stunden von Mpwapwa, vereinigt. Der Weg von letzterm

Ort läuft längs des Saumes des Mpwapwa-Höhenzuges. An drei oder vier

Stellen geht er über vorspringende Ausläufer, welche sich von dem

Hauptstock des Gebirges abtrennen. Der letzte dieser Bergausläufer, der

sich durch einen erhabenen Querfirst mit dem Mpwapwa verbindet, schützt

das Dorf Tschunyo, das an der westlichen Seite liegt, vor den Stürmen,

welche von den tiefen Abhängen herabbrausen.

Das Wasser von Tschunyo ist ganz besonders schlecht, sodass es durch

seine salzige, salpeterhaltige Beschaffenheit der Wildniss, welche

Usagara von Ugogo trennt, den Namen Marenga Mkali, Bitterwasser,

gegeben hat. Obgleich es ausserordentlich widerlich schmeckt, trinken

es Araber und Eingeborene ohne Furcht oder schlechte Folgen zu

verspüren, halten aber ihre Lastthiere sorgfältig von den Wassergruben

fern. Da ich seine Natur nicht kannte und nicht genau wusste, welche

Oertlichkeit mit dem Namen Marenga Mkali bezeichnet wird, liess ich

die Esel wie gewöhnlich nach einem Marsch ans Wasser führen und die

Folge davon war in hohem Grade verderblich. Was das furchtbare Moor

von Makata verschont hatte, vernichteten die Wasser von Marenga Mkali.

In weniger als fünf Tagen nach unserer Abreise von Tschunyo oder

Marenga Mkali fielen ihnen fünf von den neun Eseln, die mir damals

noch übrigblieben, zum Opfer und zwar gerade die fünf gesündesten. Das

Wasser schien Harnverhaltung hervorzurufen, denn der Tod von dreien

der Thiere war auf diese Ursache zurückzuführen.

Wir bildeten eine ganz imposante Karavane, als wir aus dem ungastlichen

Tschunyo ungefähr 400 Seelen stark fortzogen. Dazu hatten wir viele

Flinten, Flaggen, Hörner, Trommeln, und machten viel Lärm. Durch

Scheikh Thani’s Erlaubniss wurde Scheikh Hamed und mir die Aufgabe

zutheil, diese grosse Karavane durch das gefürchtete Ugogo zu führen.

Dies war, wie man später sehen wird, eine sehr unglückliche Wahl.

Endlich lag Marenga Mkali, in einer Breite von mehr als 30 Meilen

vor uns. Diese Entfernung musste innerhalb 36 Stunden zurückgelegt

werden, sodass die Strapazen eines gewöhnlichen Marsches dadurch

mehr als verdoppelt wurden. Von Tschunyo nach Ugogo findet man nicht

einen Tropfen Wasser. Da eine grosse Karavane von z. B. 200 Seelen

selten mehr als 1¾ Meilen in der Stunde zurücklegt, so beansprucht ein

Marsch von 30 Meilen eine siebenzigstündige Entbehrung von Wasser und

gestattet nur wenig Ruhe. Da Ostafrika meist unbeschränkte Wassermengen

besitzt, sind Karavanen nicht gezwungen, aus Mangel an diesem Element

zum Muschok Indiens oder dem Khirbeh Aegyptens ihre Zuflucht zu

nehmen. Weil sie im Stande sind, die wasserlosen Districte in einigen

langen Märschen zu passiren, lassen sie sich für diese Zeit an kleinen

Kürbisflaschen voll Wasser genügen und weiden ihre Phantasie an den

grossen Mengen, welche sie nach ihrer Ankunft an einem wasserreichen

Ort trinken werden.

Der Marsch durch diesen wasserlosen District war sehr eintönig und

mich packte ein gefährliches Fieber, welches mir die Eingeweide

geradezu zu verzehren schien. Die Wunder von Afrika, welche sich hier

in Gestalt von Zebras, Giraffen, Elenn und Antilopen zeigten, die über

die strauchlose Ebene gallopirten, hatten für mich keinen Reiz und

vermochten es nicht, meine Aufmerksamkeit von der schweren Erkrankung,

die mich befallen hatte, abzulenken. Gegen das Ende des ersten Marsches

war ich nicht im Stande, auf dem Esel zu sitzen. Auch ging es nicht an,

da wir erst den dritten Theil des Weges durch die Wüste hinter uns

hatten, vor dem nächsten Tage Halt zu machen. Es wurden daher Soldaten

commandirt, mich in einer Hängematte zu tragen, und als die Terekeza am

Abend zu Ende war, lag ich in einem lethargischen, völlig bewusstlosen

Zustande da. In der Nacht ging das Fieber vorüber und um 3 Uhr morgens,

als der Marsch wieder aufgenommen wurde, war ich gestiefelt und

gespornt und wieder als Mtongi meiner Karavane anerkannt. Um 8 Uhr

morgens hatten wir die 32 Meilen zurückgelegt. Die Wildniss von Marenga

Mkali war passirt und wir waren nach Ugogo gekommen, das für meine

Karavane ein gefürchtetes, für mich ein gelobtes Land war.

Der Uebergang von der Wildniss in dasselbe war sehr allmählich und

leicht. Nur nach und nach wurde das Dickicht dünner; es dauerte lange,

bis wir an abgeholztes Land kamen, und als es schliesslich da war, sah

man nicht eher Zeichen der Cultur, als bis wir Kräuter und Pflanzen

an einigen zur rechten Hand parallel mit unserer Route verlaufenden

Bergabhängen erkennen konnten. Dann erst erblickten wir Nutzholz auf

den Bergen und weite bebaute Felder, und siehe da, als wir über eine

röthliche Erdwelle schritten, die von hohem Unkraut und Rohr bedeckt

war, lagen nur wenige Schritt von uns entfernt, gerade quer über unserm

Weg, die Matama- und Kornfelder, nach denen wir ausgeschaut; wir waren

schon seit einer Stunde in Ugogo.

Der Blick war nicht, wie ich ihn erwartet. Ich hatte mir ein Plateau,

mehrere hundert Fuss höher als Marenga Mkali liegend, und eine

ausgedehnte Aussicht vorgestellt, die mir Ugogo und seinen Charakter

sofort offenbaren sollten. Statt dessen waren wir aber, als wir das

hohe Unkraut, welches das vor den bebauten Strecken kommende abgeholzte

Land bedeckt hatte, durchzogen, mitten in noch höhere Matamahalme

hineingerathen und mit Ausnahme des Blicks auf einige ferne Berge in

der Nähe von Mwumi, wo der grosse Sultan lebt, das Haupt des Stammes,

dem wir Tribut zahlen sollten, war die Aussicht sehr begrenzt.

Wie ich Livingstone fand; Erster Band · 第 14 / 29 段