Farquhar’s Karavane bildete keine Ausnahme von dieser Regel, sondern

war, da sie von einem Weissen geführt wurde, um seinetwillen ganz

besonders begünstigt. Sie bestand aus 23 Mann und 10 Eseln, war mit

120 Doti Merikani und Kaniki und 35 Pfund verschiedener Perlen für

den Lebensunterhalt versehen. Da 120 Doti 240 Schukka enthalten und

man für 1 Schukka durchschnittlich 25 Kubaba Korn kaufen kann, ein

Kubaba aber die Normalration für den einzelnen Mann ist, so ist es

ganz selbstverständlich, dass 240 Schukka ausreichten, um die Karavane

acht Monate lang mit Korn zu unterhalten. Da man jedoch zur Reise

nach Unyanyembé noch keine 120 Tage braucht, so blieben noch 120 Doti

Schukka gutes verkäufliches Tuch und 35 Pfund Perlen übrig, mit denen

sich der Weisse kleine Leckerbissen, wie z. B. Hühner, Eier und hin und

wieder eine Ziege verschaffen konnte.

Als ich nun die Waaren untersuchte, war ich begierig zu wissen, ob sie

mit meiner vor der Abreise der Karavane von Bagamoyo geschriebenen

Liste übereinstimmten. Das Wiegen, Aus- und Wiedereinpacken derselben

nahm eine Stunde in Anspruch, nach deren Ablauf ich den genauen Umfang

der Verluste kannte, welche die Expedition durch die Gefrässigkeit und

leichtsinnige Sorglosigkeit dieses schwachköpfigen Weissen erlitten

hatte. Im Verlauf von 73 Tagen hatte er 240 der für die Provision

gegebenen Schukka und 12 Doti farbige Tuche verbraucht, darauf die

Ballen angegriffen, aus denen er 82 Doti oder 164 Schukka entnommen und

sämmtlich zur Befriedigung seiner Gier nach Ziegenfleisch, Eiern und

Federvieh verausgabt hatte. Von allen ihm zum Transport nach Unyanyembé

anvertrauten Tuchballen blieben nur zwei unversehrt, alle andern waren

für Ziegen oder als Lohn für die Pagazi verbraucht. Neun von seinen

Eseln waren schon todt und der letzte war dem Sterben nahe.

Als ich die Ausgaben der aus 43 Seelen und 17 Eseln bestehenden

fünften Karavane, welche ich selbst 50 Tage lang geführt, berechnet

hatte, stellte sich heraus, dass sie nur 43 Doti oder 86 Schukka

betrugen, woraus ich ersah, dass Farquhar’s Verschwendung von so viel

werthvollem Tuch nicht zu entschuldigen war. „Man setze einen Bettler

auf ein Pferd und er wird zum Teufel reiten,“ dies ist ein Sprichwort,

dessen Richtigkeit sich in diesem Falle erwies. Ich hatte ihm einen

prachtvollen Zanzibarer Reitesel gegeben, den er zu Tode geritten.

Von dem Augenblick an, wo er ein Lager verliess, bis zu dem, wo er im

andern ankam, hatte er sich nie dazu verstanden, vom Esel zu steigen,

und da er nicht zu reiten verstand, auf dem Rücken des armen Thieres so

geschaukelt, dass dasselbe fürchterlich geschunden war und bald danach

starb. Hätte er seine Reise nach Unyanyembé -- auf welche Weise weiss

ich freilich nicht -- bei seiner Verschwendung fortgesetzt, so wäre

kein einziges Schukka Tuch und kein Pfund Perlen übriggeblieben. Es

war daher noch ein Glück, dass ich ihn in Kiora einholte, obwol er mir

sehr zur Last fiel; denn er war nicht im Stande zu gehen, und nach den

traurigen Erfahrungen im Makata-Thal fehlte es an der Möglichkeit, ihn

zu Esel zu transportiren. Unmöglich konnte ich ihn in Kiora lassen,

wo ihn der Tod bald ereilt hätte, aber wie lange ich einen in solchem

Zustande befindlichen Menschen durch ein Land, wo der Transport

so schwierig ist, mit mir schleppen könnte, war eine Frage, deren

Beantwortung von Umständen abhing.

Am 11. Mai zogen die dritte und fünfte, jetzt vereinigten Karavanen das

rechte Ufer des Mukondokwa durch Holcusfelder hinauf. Je weiter wir

auf unserm Marsche nach Westen kamen, desto höher wurden die grossen

Mukondokwa-Gebirgszüge und sie umgaben uns ringsum in einem engen

Flussthal. Wir liessen Muniyi Usagara zur Rechten und stiessen alsbald

auf quer über unsern Weg ziehende Ausläufer der Berge, über die wir

hinauf und dann wieder hinab steigen mussten.

Ein Marsch von acht Meilen von der Furt von Misonghi brachte uns zu

einer andern Furt des Mukondokwa, wo wir dem von Burton benutzten

Wege, der den Gomapass und die tiefen Abhänge von Rubeho hinaufführte,

auf lange Zeit Lebewohl sagten. Unser Weg verliess das rechte Ufer

und folgte dem linken durch ein Land, welches das directe Gegentheil

des zwischen Gebirgszügen eingeschlossenen Mukondokwa-Thales ist. Wir

hatten einen fruchtbaren Boden und eine üppige Vegetation, die von

Miasmen dampfte und durch ihre Gerüche überwältigte, mit einer dürren

Wildniss voll Aloe und Cactuspflanzen vertauscht, wo vor allem auch der

Kolkwall und verschiedene Dornbüsche gediehen.

Statt auf baumbewachsene Höhenabhänge und Thäler, statt auf bebaute

Felder blickten wir jetzt auf das Gebiet einer unbewohnten Wildniss.

Die Bergkuppen waren ihrer Laubkronen beraubt und offenbarten ihre

von Regen und Sonne gebleichte Felsennatur. Uns gerade zur Rechten

stand der Pic Nguru, der höchste der Usagarakegel, als wir den langen

Abhang über dunkelgrauem Boden hinaufstiegen, welcher sich jenseits des

braunen Mukondokwa zur Linken erhob.

[Illustration: SHAW AUF DEM MARSCHE.

I. S. 151.]

Zwei Meilen von der letzten Furt entfernt fanden wir ein nettes Khambi

dicht am Fluss, wo derselbe zuerst eine tosende Stromschnelle bildet.

Als die Karavane sich am nächsten Morgen auf den Marsch vorbereitete,

theilte man mir mit, der Bana Mdogo (kleine Herr) Shaw, sei noch nicht

mit seinem Karren und den Leuten angekommen. Spät am Abend vorher hatte

ich an Shaw, der mir hatte sagen lassen, er sei zu krank um zu Fuss

gehen zu können, einen Esel abgeschickt, sowie einen zweiten für die

auf dem Karren befindliche Last, und in der Ueberzeugung, dass er bald

ankommen werde, mich zur Ruhe gelegt. Als ich am Morgen hörte, dass die

Leute noch nicht da seien, schloss ich, dass Shaw nicht wisse, dass wir

fünf Tage lang durch eine vollständig unbewohnte Wildniss zu marschiren

haben würden. Deshalb schickte ich Tschaupereh, einen Mgwanasoldaten,

mit folgendem Zettel an ihn: „Nach Empfang dieses Befehls werfen

Sie den Karren und alle überflüssigen Packsättel in die nächste

Schlucht und kommen Sie um Gottes Willen sofort, denn wir müssen hier

verhungern!“

Mit äusserster Ungeduld wartete ich 1, 2, 3, 4 Stunden auf Shaw, aber

umsonst. Da ich noch einen langen Marsch vor mir hatte, so konnte

ich nicht länger warten, sondern ging der Gesellschaft entgegen.

Ungefähr eine halbe Stunde von der Furt begegnete ich dem Vortrab der

Saumseligen, dem starken, kräftigen Tschaupereh und -- hört es ihr

Karrenmacher! -- er trug den ganzen Karren sammt Rädern, Gabel und

Achse auf dem Kopfe, da er herausgefunden hatte, dass er viel leichter

zu tragen, als zu ziehen sei. Der Anblick benahm mir so sehr die Lust,

weitere Versuche mit demselben anzustellen, dass ich ihn sofort in

die Tiefen des hohen Schilfrohrs schleudern und dort liegen liess.

Die Hauptfigur der Gruppe bildete Shaw selbst, der in einer Haltung

daher ritt, die es mir zweifelhaft erscheinen liess, ob er oder sein

Thier schläfriger sei. Als ich ihn darüber zur Rede stellte, dass

er die Karavane so lange habe warten lassen, wo uns doch ein Marsch

bevorstände, erwiderte er mir in sehr eigenthümlichem Tone, den er,

wenn er schlecht gelaunt war, stets annahm, er habe sein Möglichstes

geleistet. Dies musste ich jedoch bezweifeln, da ich den langsamen

Schritt, in dem er geritten, gesehen hatte. Ich bat ihn daher, wenn

er sein Tempo nicht beschleunigen könne, abzusteigen und den Esel ins

Lager vorausgehen zu lassen, damit derselbe für den Marsch beladen

werden könne. Natürlich gab es eine kleine Scene; der junge europäische

Mtongi einer ostafrikanischen Expedition muss aber natürlich mit den

Leuten, die er sich ausgesucht hat, vorlieb nehmen.

Um 4 Uhr nachmittags kamen wir in Madete an, um zwei Esel ärmer, welche

ihre müden Glieder im Todesschlaf ausgestreckt hatten. Wir hatten etwa

3 Uhr nachmittags den Mukondokwa überschritten und ich überzeugte

mich, nachdem ich Richtung und Verlauf desselben aufgenommen, dass

er in der Nähe einer Berggruppe entspringt, die sich ungefähr 40

Meilen nordwestlich vom Pic Nguru befindet. Unser Weg führte uns

westnordwestlich und entfernte sich schliesslich an dieser Stelle von

dem Flusse.

Nach einem Marsche von 7 Meilen über Berge, deren Sandstein- und

Granitformation an verschiedenen Stellen zu Tage trat und deren

steiniges, dürres Aeussere sich an jedem Busch und jeder Pflanze

widerzuspiegeln schien, und nachdem wir eine Höhe von ungefähr 800

Fuss über dem Spiegel des Mukondokwa erreicht hatten, erblickten wir,

am 14., den See Ugombo, eine graue Wasserfläche, die direct am Fuss

des Berges lag, von dessen Gipfel wir auf die Landschaft schauten.

Der Anblick war gerade nicht besonders schön, aber doch erquicklich.

Er bot den vom Verweilen auf der dürren Umgegend ermüdeten Augen

eine angenehme Abwechselung. Ausserdem war die unmittelbare Umgebung

des Sees zu zahm, um zu Begeisterung anzuregen. Dort gab es keine

grossartig anschwellenden Berge oder lachenden Landschaften, -- nichts

als einen dunkelbraunen Pic, der sich etwa tausend Fuss hoch über dem

Spiegel des Sees an seinem westlichen Ende erhebt. Von diesem entlehnt

der See seinen Namen Ugombo. Wir erblickten daselbst nur eine niedrige,

dunkelbraune, unregelmässige Bergkette, welche parallel mit seinem

nördlichen Ufer in der Entfernung von einer Meile verläuft und eine

ebene Fläche, die sich von seinem westlichen Ufer weit nach den

Mpwapwa-Bergen und dem Marenga Mkali erstreckt, welche uns aus unserer

vorspringenden Ecke sichtbar wurden. Von dieser eintönig dunkelbraunen

Landschaft liessen wir gern die Augen auf dem ruhigen, grauen Wasser zu

unsern Füssen ausruhen.

[Illustration: SEE UGOMBO.

I. S. 152.]

Die Contouren des Sees ähneln, nach meiner Ansicht, einer Karte von

England ohne Wales. Northumberland liesse sich hierbei mit Recht mit

dem westlichen Ende des Sees vergleichen, wo zahlreiche Flusspferde

sich vergnügten; die Nordseeküste mit ihren kühnen Bogen und Buchten

wäre im kleinen durch die nördlichen Ufer des Sees vertreten, während

die östliche, sehr lange Seite desselben fast eine genaue Copie der

englischen Küste ist, wie sie von Kent nach Cornwall verläuft.

Vom Gipfel der Bergkette, die den See östlich in einer Länge von etwa

400 Fuss begränzt, herabsteigend, zogen wir am nördlichen Ufer entlang

und brauchten dazu von dem östlichen nach dem westlichen Ende genau 1

Stunde 30 Minuten.

Da diese Seite die grösste Länge des Sees darstellt, so schloss

ich, dass er drei Meilen lang ist und zwei Meilen im grössten

Breitendurchmesser hat. Seine unmittelbaren Ufer bilden auf allen

Seiten, in einer Breite von mindestens 50 Fuss von dem Wasserrande,

einen unpassirbaren Morast, der üppiges Rohr und Binsen nährt, wo das

wuchtige Hippopotamus auf seinen nächtlichen Zügen vom See aus seine

wassergefüllten Spuren in den weichen Moorboden hineingearbeitet

hat. Auch die kleinern Thiere, wie z. B. der Mbogo (Büffel), die

Punda-Terra (Zebra), die Twiga (Giraffe), der Eber, der Kudu, der Hyrax

(Kaninchen) und die Antilope kommen hierher, um bei Nacht ihren Durst

zu löschen. Die Oberfläche des Sees wimmelt von einer erstaunlichen

Menge verschiedener Wasservögel, wie z. B. schwarzen Schwänen, Enten,

heiligen Ibissen, Kranichen, Pelikanen; darüber schweben, auf Beute

lauernd, Fischadler und Habichte, während die Umgegend von dem lauten

Gezwitscher der nach ihren Jungen rufenden Perlhühner, dem widrigen

Geschrei des Tukan, dem Girren der Tauben und dem Gekreisch der

Eulen widertönt. Aus dem langen Gras der Umgegend erschallt auch das

knarrende, laute Geschrei des Florikans, der Waldschnepfe und des

Waldhuhns.

Da wir zwei Tage Halt machen mussten, weil der indische Küfer Dschako

mit einem meiner besten Karabiner desertirt war, so benutzte ich die

Gelegenheit, die nördlichen und südlichen Ufer des Sees zu untersuchen.

Am felsigen Fusse eines niedrigen auf der Nordseite belegenen

Bergbuckels, der ungefähr 15 Fuss über dem gegenwärtigen Wasserspiegel

liegt, entdeckte ich in deutlichen sehr bestimmten Linien die Wirkung

der Wellen. Von seiner Basis nämlich konnte man bis an den Rand des

Morastes feine Linien zermalmter Schalen so deutlich hervortreten

sehen, wie die kleinen Theilchen, welche reihenweis nach dem Rücktritt

der Flut am Meeresufer liegen bleiben. Es unterliegt keinem Zweifel,

dass die Wellenspuren sich von einem gewandten Geologen auf dem

Sandstein noch viel höher hinauf hätten verfolgen lassen; mir jedoch

offenbarten sie sich nur in ihren gröbsten Umrissen. Auch bezweifle

ich durchaus nicht, nach einer zweitägigen Erforschung der Umgegend

und namentlich der niedrigen Ebene am westlichen Ende, dass dieser

See Ugombo nur das Schwanzstück eines grossen Wasserkörpers ist, der

früher ebenso gross wie der Tanganika war. Nachdem ich die halbe Höhe

des Ugombo-Pics erstiegen hatte, bestätigte sich diese Ansicht, als ich

die weite gesenkte Ebene erblickte, die sich an seinem Fuss nach den

30 Meilen entfernten Mpwapwa-Bergen hinstreckt und von dort um Marenga

Mkali herum die ganze ausgedehnte, 40 Meilen breite Oberfläche, deren

Länge unbekannt ist, bedeckt. Wenn der See um 12 Fuss höher wäre, so

dachte ich, als ich denselben überblickte, würde er eine Länge von 30

Meilen und eine Breite von 10 Meilen haben. Wäre er aber gar um 30 Fuss

höher, so würde sich seine Länge auf 100 Meilen, seine Breite auf 50

vermehren, denn so eben war die Fläche, welche sich westlich von Ugombo

und nördlich von Marenga Mkali hinzieht. Das Wasser hatte übrigens

etwas von dem bittern Charakter des Matamombo-Flüsschens, das 15 Meilen

entfernt liegt, und in etwas geringerm Grade von dem des 40 Meilen

abgelegenen Marenga Mkali.

Gegen Ende des ersten Tages unseres Aufenthalts kam unser Hindu Dschako

im Lager an und entschuldigte sich damit, dass er vor Müdigkeit in

einem wenige Schritte vom Wege entfernten Gebüsch eingeschlafen sei.

Da er die Ursache unseres Aufenthalts in der armseligen Wüste von

Ugombo war, so befand ich mich nicht in einer Gemüthsstimmung, ihm

zu verzeihen. Um ihn also daran zu hindern, uns in Zukunft wieder

derartige Streiche durch Weglaufen zu spielen, sah ich mich gezwungen,

ihn in die gefesselte Bande der Deserteure einzuschliessen.

Es fielen noch zwei von unsern Eseln; der eine davon war von Farquhar

durch seine Körperlast und schaukelnde Reitmethode zu Tode geritten.

Um es zu verhindern, dass das werthvolle Gepäck zurückbleibe, sah

ich mich genöthigt, Farquhar auf meinem eignen Reitesel in das 30

Meilen entfernte Dorf Mpwapwa unter Aufsicht von Mabruki-Burton zu

schicken. Farquhar war durch seine vollständige Unfähigkeit, etwas

für sich selbst zu thun, zum Spott der Karavane geworden. Er schrie

beständig wie ein krankes Kind nach einem halben Dutzend Menschen,

die ihm aufwarten sollten, und wenn sie die englische Sprache, in der

er sie anredete, nicht verstanden, so erging er sich in einem Strom

der gemeinsten Schimpfworte, wie sie nur je das Ohr eines anständigen

Christenmenschen beleidigt haben. Dschako, den ich ihm als Koch

beigegeben, als er mit der dritten Karavane abgegangen war, hatte er

so furchtbar geprügelt, dass er fast blödsinnig geworden war, und die

Wangwanasoldaten fürchteten seine unsinnige Heftigkeit so, dass sie

ihm nicht nahekommen wollten. Infolge dessen hörte man Farquhar’s

Stimme, die zu keiner Zeit sehr harmonisch war, Tag und Nacht in den

schrillsten Tönen zanken.

Sechs Tage lang ertrug ich diese Plage und wenn meine Esel am Leben

geblieben wären, hätte ich sie vielleicht noch länger ausgehalten;

da sie aber alle sehr schwach waren, und ein Reiter wie Farquhar sie

der Reihe nach ruinirt haben würde, war ich wider Willen gezwungen,

um die Expedition vom Untergange zu retten, den Schluss zu ziehen,

dass es für mich, für ihn und alle Theile besser sei, ihn bei einem

freundlichen Dorfhäuptling mit Vorräthen an Tuch und Perlen auf sechs

Monate zu lassen, bis er wieder wohler würde, als dass er mich zu

Grunde richte und seine eigene Wiederherstellung unmöglich mache.

Am 15., um die Frühstückstunde, wurden Farquhar und Shaw wie gewöhnlich

zum Frühstück eingeladen. Aus ihrer mürrischen Begrüssung ging es mir

deutlich hervor, dass irgendetwas nicht in Ordnung sei, oder dass etwas

passiren würde. Auf den Gesichtern beider Männer lag ein düsterer

Ausdruck, welcher mich nichts Gutes ahnen liess. Sie erwiderten mir

meinen „Guten Morgen“ nicht, sondern wandten, als ich sie genau

ansah, ihre Gesichter ab. Es fiel mir auch ein, dass ihre lebhafte

Unterhaltung, von der ich einzelne Laute gehört hatte, sich um mich

gedreht haben müsse.

Ich bat sie darauf, Platz zu nehmen.

„Selim“, sagte ich, „bringe das Frühstück.“

Das Frühstück, das aus einem gebratenen Ziegenviertel, geschmorter

Leber, einem halben Dutzend guter Kartoffeln, einigen heissen

Pfannkuchen und Kaffee bestand, wurde aufgetragen.

„Shaw“, sagte ich, „seien Sie so gut, schneiden Sie das Fleisch und

reichen Sie es Farquhar.“

„Was für ein Hundefrass ist das?“ fragte Shaw in der unverschämtesten

Art, die man sich vorstellen kann.

„Was meinen Sie?“ fragte ich.

„Ich meine, dass die Art, wie Sie uns behandeln, eine Schande ist,“

sagte er unverschämt, das Gesicht zu mir gewandt. „Ich meine, was mich

betrifft, dass Sie mich viel zu viel zu Fuss gehen lassen. Ich dachte,

wir würden alle Tage Esel zum Reiten und Leute zu unserer Bedienung

haben. Statt dessen muss ich jetzt jeden Tag in der heissen Sonne zu

Fuss gehen, bis ich fühle, dass ich lieber in der Hölle sein möchte als

in dieser verfluchten Expedition. Ich wünsche, dass jede Seele dieser

verdammten Gesellschaft sofort zum Teufel gehen möge! Das wünsche ich

wahrhaftig!“

„Hören Sie mich an, Shaw und Farquhar. Vom Augenblick an, wo Sie die

Küste verlassen, haben Sie stets Esel zum Reiten und Leute zu Ihren

Diensten gehabt. Man hat Ihnen Ihre Zelte aufgestellt, Ihre Mahlzeiten

gekocht. Sie haben dasselbe Essen, dieselbe Behandlung wie ich gehabt,

aber jetzt sind sämmtliche Farquhar’sche Esel und sieben meiner

eigenen todt und ich habe einige Sachen fortwerfen müssen, um nur den

Transport der wichtigsten Waaren zu ermöglichen. Farquhar ist zu krank,

um zu gehen und muss daher einen Esel zum Reiten haben. Nach Verlauf

einiger weniger Tage werden sie aber sämmtlich todt sein; dann muss

ich entweder mehr als 20 neue Pagazi für die Waaren haben oder Wochen

lang auf den Transport warten. Und angesichts einer solchen Lage können

Sie noch murren und an meinem eigenen Tische Verwünschungen gegen mich

ausstossen? Haben Sie Ihre Stellung wohl überlegt? Wissen Sie, wo Sie

sind? Wissen Sie, dass Sie mein Diener und nicht mein Kamerad sind?“

„Verflucht sei so ein Diener“ -- sagte er.

Aber ehe noch Herr Shaw seinen Satz zu Ende bringen konnte, lag er lang

auf den Boden hingestreckt.

„Ist es nöthig, dass ich noch weiter gehen muss, um Sie zu lehren?“

fragte ich.

„Ich will Ihnen sagen, wie die Sache steht“, erwiderte er aufstehend.

„Ich denke, ich thäte besser daran, umzukehren. Ich habe genug gehabt

und beabsichtige, Sie nicht weiter zu begleiten. Ich bitte Sie also um

meine Entlassung aus Ihrem Dienst.“

„Gewiss. Heda, wer ist da? Bombay, komm her!“

Bombay erschien in der Zeltthür und ich sagte ihm: „Brecht das Zelt

dieses Menschen ab (auf Shaw weisend). Er will umkehren. Bringt seine

Flinte und Pistole in mein Zelt und begleitet ihn und sein Gepäck 500

Schritt zum Lager hinaus und lasst ihn dort.“

In wenig Augenblicken war sein Zelt auseinandergenommen, seine Flinte

und Pistolen in meinem Zelt und Bombay kehrte mit vier Bewaffneten

zurück, um mir Bericht abzustatten. „Nun gehen Sie, Sie haben volle

Freiheit. Diese Leute werden Sie zum Lager hinausbegleiten und Sie und

Ihr Gepäck dort allein lassen.“

Er ging also ab in Begleitung der Leute, die ihm sein Gepäck trugen.

Nach dem Frühstück fing ich an, Farquhar auseinanderzusetzen, wie

nothwendig es für mich sei, weiterzugehen; wie viele Sorgen ich

ohnedies habe, ohne noch an Leute denken zu müssen, die ich angenommen,

damit sie an mich und ihre Pflicht dächten; da er krank sei und eine

Zeit lang wol nicht im Stande sein werde, zu marschiren, wäre es

besser, wenn ich ihn an einem ruhigen Ort unter der Sorgfalt eines

guten Häuptlings liesse, der für ihn gegen Entgelt bis zu seiner

Wiederherstellung sorgen könne. Auf alles dies ging Farquhar ein.

Kaum hatte ich aufgehört zu sprechen, als Bombay an die Zeltthür kam

und sagte: „Herr Shaw möchte Sie gern sprechen.“

Ich ging ans Lagerthor und traf daselbst Shaw, der sehr reuig und

beschämt aussah und mich um Verzeihung und die Erlaubniss bat,

zurückkehren zu dürfen, wobei er versprach, dass ich an ihm nie wieder

etwas auszusetzen haben solle.

Ich streckte ihm die Hand entgegen und sagte: „Sprechen wir nicht mehr

davon, mein lieber Junge. Streit kommt in den besten Familien vor. Da

Sie um Entschuldigung bitten, so hat es damit sein Ende.“

Als ich an demselben Abend im Begriff war einzuschlafen, hörte ich

einen Schuss und eine Kugel flog ein paar Zoll über meinem Körper

durch mein Zelt. Ich griff rasch nach meinen Revolvern, stürzte zum

Zelt hinaus und fragte die Leute, die um das Wachtfeuer versammelt

waren, wer geschossen habe. Sie waren alle über den plötzlichen Schuss

erschreckt aufgesprungen.

„Wer hat jenen Schuss abgefeuert?“

Einer von ihnen sagte: „Der Bana mdogo“ (kleiner Herr).

Ich zündete ein Licht an und ging damit in Shaw’s Zelt. „Shaw, haben

Sie geschossen?“

Keine Antwort, -- er schien zu schlafen, da er sehr tief athmete.

„Shaw, Shaw, haben Sie den Schuss abgefeuert?“

„Was?“ sagte er, plötzlich aufspringend; „ich? ich feuern? Ich habe

geschlafen.“

Ich sah seine Flinte bei ihm liegen, ergriff dieselbe, fühlte daran

herum und steckte meinen kleinen Finger in den Lauf. Die Flinte war

warm, mein Finger vom verbrannten Pulver schwarz.

„Was ist das?“ fragte ich meinen Finger zeigend. „Die Flinte ist warm.

Die Leute sagen mir, dass Sie gefeuert haben!“

„Ach ja“, antwortete er, „jetzt erinnere ich mich. Im Traume sah ich

einen Dieb an meiner Thür vorübergehen. Ach ja, ich habe es vergessen.

Ich habe wirklich geschossen. Nun, was ist denn dabei?“

„Gar nichts“, sagte ich. „Ich rathe Ihnen aber, in Zukunft, um allen

Verdacht zu vermeiden, nicht in mein Zelt oder so sehr in meine Nähe

zu schiessen. Ich könnte doch verletzt werden und in dem Falle würden

sich üble Gerüchte verbreiten, was unangenehm sein dürfte, wie Sie wol

einsehen. Gute Nacht!“

Ueber diese Geschichte machten wir uns alle unsere Gedanken, aber ich

habe niemand ein Wort darüber gesagt, bis ich Livingstone traf. Der

Doctor lieh meinem Verdacht Worte, indem er sagte: „Er beabsichtigte

Sie zu ermorden.“

Was für eine plumpe Art zu morden war das aber! Wenn er es wirklich

gethan hätte, so würden meine eigenen Leute ihn so bestraft haben, wie

es das Verbrechen verdiente. Im Laufe eines Marsches von Monatsdauer

hätten sich ihm tausend bessere Gelegenheiten als diese dazu

dargeboten. Ich kann es mir eigentlich doch nur dadurch erklären, dass

ich annehme, er sei für den Augenblick geisteskrank gewesen.

Am 16. Mai zogen wir über die Ebene, die zwischen Ugombo und Mpwapwa

liegt und sich hin und wieder dicht an einer niedrigen Trappfelsenkette

hinzieht, aus der durch irgendwelche heftige Gewalt verschiedene grosse

Felsblöcke herausgerissen worden. Auf ihren Abhängen erreicht der

Kolquall eine Grösse, wie ich sie nie in Abessinien gesehen habe. Auf

der Ebene wachsen Baobab, ungeheure Tamarinden und verschiedenartige

Dornsträucher.

Fünf Stunden von Ugombo wand sich der Bergzug nach Nordosten. Wir

hingegen verfolgten eine nordwestliche Richtung weiter und gingen auf

den erhabenen Gebirgszug von Mpwapwa zu. Zu unserer Linken thürmte sich

der gigantische Rubeho in die blauen Wolken. Jetzt wurde es klar, warum

wir diesen neuen Weg nach Unyanyembé eingeschlagen hatten, denn dadurch

konnten wir die Pässe und steilen Anhöhen des Rubeho vermeiden und

hatten nichts schlimmeres zu gewärtigen, als eine breite glatte Ebene,

welche sanft nach Ugogo hinabging.

Wie ich Livingstone fand; Erster Band · 第 13 / 29 段