So rasch floss der Makatafluss und so sehr gefährdete die unsichere

darüberführende Brücke, die halb im Wasser vergraben war, unser

Eigenthum, dass der Transport desselben von einem Ufer zum andern volle

fünf Stunden in Anspruch nahm. Kaum hatten wir alles auf der andern

Seite, vom Wasser unbeschädigt, abgeladen, als der Regen in Strömen

herunterfloss und alles so durchnässte, als ob es durch das Wasser

geschleppt worden wäre. Durch den Sumpf, den ein einstündiger Regen

gebildet hatte, weiterzuziehen, war absolut unmöglich. Daher waren wir

gezwungen, an einem Ort zu campiren, wo jede Stunde uns neue Plagen

bereitete. Einer der Wangwanasoldaten, die ich in Bagamoyo in Dienst

genommen hatte, namens Kingaru, benutzte die Gelegenheit, um mit den

Habseligkeiten eines andern Mgwana wegzulaufen. Meine beiden Polizisten

Uledi (Grant’s Diener) und Sarmean wurden, mit amerikanischen

Hinterladern bewaffnet, sofort ausgeschickt, um ihn zu verfolgen. Sie

gingen mit einer grossen Geschicklichkeit und Raschheit dabei zu Werke,

die guten Erfolg versprach. Nach einer Stunde schon kamen sie mit dem

Deserteur heim, den sie im Hause eines Mseguhhahäuptlings, namens

Kigondo, gefunden hatten, der etwa eine Meile vom östlichen Ufer des

Flusses entfernt wohnte und der Uledi und Sarmean zurückbegleitete, um

seinen Lohn zu erhalten und über den Vorfall Bericht zu erstatten.

Nachdem sich Kigondo gesetzt, erzählte er: „Ich sah diesen Mann

mit einem Bündel rasch laufen, woraus ich schloss, dass er von

Ihnen desertire. Wir, meine Frau und ich, sassen in unserer kleinen

Wachthütte und beobachteten unser Korn; da der Weg dicht an uns

vorüberführt, musste dieser Mann an uns herankommen. Wir riefen ihm,

als er in der Nähe war, zu: «Meister, warum geht Ihr so rasch? Ihr

desertirt wol vom Musungu, denn wir wissen, Ihr gehört zu ihm, da Ihr

gestern von uns für 2 Doti Fleisch gekauft habt?» «Ja, sagte er, ich

laufe weg; ich will nach Simbamwenni gehen. Wenn Ihr mich dorthin

führen wollt, so will ich Euch ein Doti geben.» Darauf sagten wir

ihm: «Kommt in unser Haus und wir wollen in Ruhe darüber sprechen.»

Als er in einem innern Zimmer des Hauses sich befand, schlossen wir

ihn ein und gingen wieder auf die Wache hinaus, sagten aber unsern

Frauen, dass sie nach ihm sehen sollten. Wir wussten, dass, wenn Sie

ihn haben wollten, Sie ihm Askari (Soldaten) nachschicken würden. Kaum

hatten wir unsere Pfeife angezündet, als wir zwei mit kurzen Gewehren

bewaffnete Leute, die keine Lasten trugen, den Weg daher kommen sahen.

Sie blickten hin und wieder auf den Boden, als ob sie nach Fussspuren

ausschauten. Wir wussten, dass es die Leute waren, die wir erwarteten,

und riefen sie also mit den Worten an: «Was sucht Ihr?» Sie sagten:

«Wir suchen einen Mann, der unserm Herrn entlaufen ist. Dies sind

seine Fussspuren. Wenn Ihr lange in Eurer Hütte gewesen seid, so müsst

Ihr ihn gesehen haben. Könnt Ihr uns nicht sagen, wo er ist?» Wir

erwiderten: «Ja, er ist in unserm Hause, wenn Ihr uns begleiten wollt,

so wollen wir ihn Euch überliefern, aber Euer Herr muss uns Etwas dafür

geben, dass wir ihn gefangen haben.»“

Da Kigonda versprochen hatte, den Kingaru auszuliefern, so blieb

für Uledi und Sarmean nichts zu thun übrig, als ihren Gefangenen in

Gewahrsam zu nehmen und ihn mit den Leuten, die ihn gefangen genommen

hatten, in mein Lager auf das westliche Ufer des Makata zu führen.

Kingaru erhielt zwei Dutzend Peitschenhiebe und wurde in Ketten gelegt;

Kigondo bekam ein Doti und 5 Khete rothe Korallenperlen für seine Frau.

Der Platzregen, welcher uns an dem Tage, wo wir über den Makata

setzten, heimsuchte, war der letzte der Masikazeit. Da der erste

Regenguss, den wir bekommen hatten, am 23. März stattfand, und der

letzte am 30. April, so dauerte dieselbe 39 Tage. Die Seher von

Bagamoyo hatten ihre Prophezeihung in Bezug auf die Masikazeit sehr

feierlich dahin lautend abgegeben, dass „der Regen 40 Tage lang ohne

Aufhören fallen werde“, während wir nur 18 Regentage gehabt hatten.

Trotzdem waren wir froh, dass die Regenzeit vorüber war, denn wir

hatten es satt, jeden Tag Halt zu machen, um die Waaren zu trocknen,

die Werkzeuge und Eisenwaaren mit Fett zu schmieren und alle Tuch- und

Lederartikel sichtlich vor unsern Augen verfaulen zu sehen.

Der erste Mai fand uns, wie wir uns durch Schlamm und Wasser des

Makata mit einer Karavane durchschlugen, welche körperlich von den

Anstrengungen krank war, die das Uebersetzen über so viele Flüsse

und das Waten durch Sümpfe verursacht hatten. Shaw litt noch immer

an seinem ersten Mukunguru, das ihn uns in einer neuen und nicht

gerade der angenehmsten Weise zeigte. Ausserdem dass er sich gewisser

Bedürfnisse, die für die Expedition durchaus nicht angenehm waren,

innerhalb des Bereichs unserer Gehörorgane entledigte, nahm er

allmählich den Charakter eines chronischen Hypochonders an, der zu

allen Zeiten unliebsam, dem Mtongi einer afrikanischen Expedition,

die mit Morästen, Regen und einer erkrankten Karavane zu kämpfen hat,

geradezu hassenswerth erscheint. Zaidi, ein Soldat, war bedenklich an

den Pocken erkrankt; die Kitschumatschuma, „kleinen Eisen“, hatten

Bombay quer über die Brust gefasst und machten ihn zum unbrauchbarsten

der Dienstunfähigen. Mabruk Salim, ein kräftig gebauter Jüngling,

folgte dem Beispiel des Bombay und legte sich auf den Moorboden,

simulirte Erbrechen und betheuerte, dass er vollständig unfähig sei,

dem Makata-Moor Trotz zu bieten, aber kräftige Hiebe mit einer

geflochtenen Lederpeitsche über seine nackten Schultern vertrieben die

scheinbare Uebelkeit aus seinem Magen. Abdul Kader, der Hinduschneider

und Abenteurer, der schwächste aller Sterblichen, litt immer an Mangel

an Force, wie er sich auf französisch ausdrückte, war stets abgeneigt

zu arbeiten, hilflos, stellte sich krank, hatte aber fortwährend

Hunger. „O, Gott!“, war der Schrei meiner ermatteten Seele, „wenn

alle Männer meiner Expedition wie dieser wären, so wäre ich genöthigt

zurückzukehren, würde das aber nicht thun, ohne vorher summarische

Rache an allen zu nehmen.“ An diesem Tage erprobte ich die vorzüglichen

Eigenschaften einer guten Peitsche, und Abdul Kader (möchte er die

Geschichte nur seiner ganzen Sippschaft erzählen) wird bestimmt nie

wieder einen Weissen nach Afrika begleiten. Salomo war wol theils durch

göttliche Eingebung, theils durch Beobachtung weise, ich wurde es durch

Erfahrung und bin gezwungen zu bemerken, dass, wenn Schlamm und Nässe

die physische Energie der Trägen untergraben hatten, eine Hundepeitsche

ihrem Rücken sehr gut bekam und sie zu einer gesunden, bisweilen sogar

übermässigen Thätigkeit wieder befähigte.

Dreissig Meilen lang zog sich von unserm Lager aus die Makataebene, ein

ausgedehnter Sumpf, dahin. Das Wasser stand daselbst durchschnittlich

einen Fuss hoch; an manchen Orten geriethen wir in Löcher von 3, 4

und selbst 5 Fuss Tiefe hinein. Pitsch-Patsch, Pitsch-Patsch waren

die einzigen Töne, welche wir vom Anfang unseres Marsches an hörten,

bis wir die Bomas fanden, welche die einzigen trockenen Flecken längs

der Marschlinie einnahmen. Diese Art Arbeit dauerte zwei Tage, bis

wir des Rudewa-Flusses ansichtig wurden, eines zweiten mächtigen

Stromes, dessen Ufer von rauschendem Regenwasser überfloss. Als wir

über einen Arm des Rudewa gesetzt und aus dem feuchten Schilfgras,

das dicht an seinem westlichen Ufer wuchs, herausgekommen waren,

zeigte sich uns eine enorme Wasserfläche, aus welcher Gruppen von

Grasbüscheln und das Laub einzelner zerstreuter Bäume hervorschaute,

und die in einer Entfernung von 10 oder 12 Meilen von dem östlichen

Rande des Usagara-Gebirges begrenzt wurde. Auf dem fünf Meilen

langen Marsche von dem Arm des Rudewa erreichten wir den Höhepunkt

aller Unannehmlichkeiten und Plackereien. Als ich und die Wangwana

mit den beladenen Eseln erschienen, sahen wir die Pagazi auf einem

Hügel zusammenkauern. Als wir sie fragten, ob dieser Hügel das Lager

wäre, sagten sie: „Nein.“ Warum macht Ihr denn hier Halt? „Ach, viel

Wasser.“ Der eine zog eine Linie quer über seine Lende, um die Tiefe

des Wassers anzugeben, der andre eine quer über die Brust, der dritte

quer über den Hals, der vierte hielt gar die Hand weit über seinen

Kopf, wodurch er sagen wollte, dass wir würden schwimmen müssen. 9

Meilen durch ein Schilfmoor schwimmen, das war unmöglich. Es war

übrigens auch unmöglich, dass so verschiedene Berichte alle richtig

sein sollten. Daher gebot ich den Wangwana ohne Zögern mit ihren

Thieren weiter zu gehen. Nachdem wir drei Stunden lang durch 4 Fuss

tiefes Wasser gespritzt waren, erreichten wir das trockene Land und

hatten den Makata-Sumpf hinter uns, aber nicht ohne dass der Morast

mit seinen Schrecken einen dauernden Eindruck auf unsere Gemüther

hinterlassen hätte. Keiner von uns konnte diese Strapazen vergessen

oder den Ekel gegen das Reisen, den er fast erzeugte. Später hatten

wir uns dieser Partie noch lebhafter zu erinnern und es zu bedauern,

dass wir die Reise während der Masikazeit unternommen hatten, da die

Thiere von jetzt an fast täglich zu zweien und dreien krepirten, bis

nur fünf kränkliche, ganz heruntergekommene übrigblieben, da die

Wangwanasoldaten und Pagazi von unzähligen Krankheiten heimgesucht

wurden, und ich schliesslich selbst gezwungen war, mich an einem

Ruhranfalle, der mich an den Rand des Grabes brachte, ins Bett zu

legen. Ich habe wol mehr gelitten, als nöthig gewesen wäre, wenn ich

die richtige Medizin genommen hätte; aber mein zu grosses Vertrauen in

die zusammengesetzte Arznei, welche man „Collis Brown’s Chlorodyne“

nennt, verzögerte die Heilung, welche schliesslich durch einen

vernünftigen Gebrauch von Dover’schem Pulver bewirkt wurde. In keinem

einzigen Falle von Diarrhoe oder acuter Ruhr hat dieses „Chlorodyne“,

über das man so viel gesprochen und geschrieben, irgendwie die Wirkung

gehabt, den Anfall zu verringern, obwol ich drei Flaschen davon

verbraucht habe. Der Ruhr, welche wir uns durch den Uebergang über den

Makata zugezogen, fielen nur zwei Individuen zum Opfer und zwar ein

Pagazi und mein armes Hündchen Omar, das mich von Indien her begleitet

hatte.

Der einzige Baum von Erheblichkeit in dem Makata-Thale war die

Palmyrapalme (Borassus flabelliformis) und dieser wuchs an einigen

Stellen hinreichend zahlreich, um es als Hain zu bezeichnen. Seine

Früchte waren noch nicht reif, als wir vorbeizogen, sonst hätten

wir sie als etwas Neues gegessen. Die übrige Vegetation bestand aus

verschiedenartigen Dornbüschen und der lieblichen immergrünen Mimose

mit ihrem fallschirmförmigen Laubdach.

Am 4. Mai schritten wir eine sanfte Anhöhe hinauf, dem bedeutenden Orte

Rehenneko zu, dem ersten Dorfe in Usagara, in dessen Nähe wir lagerten.

Es lag am Fuss des Berges und sein Reichthum sowie seine Bergluft

versprachen uns Gesundheit und Lebensgenuss. Es war ein viereckiges,

dichtgebautes Dorf, um das sich ein dicker Lehmwall herumzog, der

kegelförmig zugespitzte Hütten umschloss, welche mit Bambus und

Holcushalmen gedeckt waren. Die Bevölkerung belief sich auf ungefähr

1000 Seelen. Es hat mehrere reiche und bevölkerte Nachbardörfer, deren

Einwohner in ihren Manieren hinreichend, aber nicht in unangenehmer

Weise unabhängig sind. Die Bäche sind hier vom reinsten Wasser, frisch

und durchsichtig wie Krystall, und rauschen über runde Kieselsteine

und reinen Kies, was dem Ohre des Reisenden, der ein solch lieblich

trinkbares Element aufsucht, wie die herrlichste Musik klingt.

In der Nähe von Rehenneko wächst der Bambus bis zu einer Grösse, die

ihn stark genug macht, als Zelt- und Achselholz-Stangen verwandt zu

werden, und so massenhaft, dass man eine ganze Armee damit versorgen

könnte. Die Bergabhänge sind dicht mit Bäumen bewaldet, die sehr gutes

Bauholz liefern könnten.

Vier Tage hielten wir an diesem herrlichen Ort, um uns zu stärken und

den Kranken und Schwachen Zeit zu geben, sich etwas zu erholen, ehe sie

ihre Kräfte an dem Besteigen der Usagara-Gebirge prüften.

Der 8. Mai sah uns mit unsern furchtbar heruntergekommenen Menschen und

Thieren die steilen Abhänge der ersten Hügelreihe hinaufziehen. Wir

erreichten den Gipfel, von dem wir einen bemerkenswerth grossartigen

Anblick genossen, der uns in einem meisterhaften Bilde das breite

Makata-Thal mit seinen raschen Bächen zeigte, die wie Silberschnüre

aussahen, als die Sonne auf die unbeschatteten Wasserläufe schien.

Tausende von anmuthigen Palmen vermehrten den Reiz der Landschaft, und

der grosse Wall der durch ihre Höhe und Ausdehnung erhabenen mattblauen

Uruguru- und Uswapanga-Gebirge bildet einen geeigneten Hintergrund für

eine so ausgedehnte Aussicht.

Nach Westen blickend fanden wir uns in einer Gebirgswelt, in welcher

sich Bergspitze hinter Bergspitze, Einschnitt hinter Einschnitt und

Gebirgskegel hinter Gebirgskegel zeigte. Nach Norden, Westen und Süden

rollten die Gebirgsspitzen wie Glaswogen; in der ganzen Landschaft war

kein einziger dürrer oder verbrannter Flecken sichtbar. Das Diorama bot

keine plötzlichen Wandelungen oder schlagenden Contraste dar, sondern

ein einziger Wald von grünen Bäumen bekleidete sämmtliche Bergspitzen,

Kegel und Gipfel.

Für die Leute war dieser erste Marschtag durch die Gebirgsgegend von

Usagara ein angenehmes Zwischenspiel nach der langen Reise über die

Ebenen und mühsamen Wellenformationen der Seegegend, aber für die

beladenen und geschwächten Thiere war es zu viel. Wir hatten zwei davon

verloren, als wir in unserm nur sieben Meilen von Rehenneko belegenen

Lager angekommen waren, was also die erste Abzahlung unserer Schuld an

den Makata bildete. Süsses klares Wasser war reichlich in den tiefen

Schluchten der Berge vorhanden, bisweilen floss es über Flussbetten von

festem Granit, bisweilen über einen reichen rothen Sandstein, dessen

weiche Masse vom Wasser bald durchdrungen, in fein zertheiltem Zustande

beständig fortgeschwemmt wurde und das unten befruchten half. In andern

Schluchten brauste und donnerte es, wie es über die Granitblöcke und

Quarzfelsen dahinstürzte.

Am 9. Mai kamen wir, nachdem wir noch einmal einen derartigen Weg

zurückgelegt, der uns die Berge hinauf und in die dämmernden Tiefen

der Thäler hinabführte, plötzlich an den Mukondokwa und sein eng

geschlossenes Thal, an dessen Ufer üppiges Schilfgras, Rohr und

Dorngebüsch dicht gedrängt standen. Hier kämpften knorrige Tamarisken

mit ungeheuren Convolvuli, die sich um deren Stämme mit solcher

Hartnäckigkeit und Macht wanden, dass jene nur als Stütze für diese

gewachsen zu sein schienen.

Das Thal war an einigen Stellen kaum ¼ Meile breit, an andern

erweiterte es sich bis auf eine Meile; die Hügel auf beiden Seiten

schossen in jähen Abhängen hinauf, welche von Mimosen, Akazien und

Tamarisken bekleidet, ein Flussthal einschlossen, dessen mannichfache

Krümmungen sich schlangenartig dahinzogen.

Bald nachdem wir in das Mukondokwa-Thal gelangt waren, kamen wir auf

die Strasse, die von Burton und Speke im Jahre 1857 zwischen Mbumi und

Kadetamare überschritten worden. (Dieser letztere Ort sollte eigentlich

Misonghi genannt werden, da Kadetamare nur der Name seines Häuptlings

ist.) Nachdem wir dem linken Ufer des Mukondokwa gefolgt, wo unsere

Route etwa eine Stunde lang nach allen Richtungen von Südosten nach

Westen, Norden und Nordosten verlief, kamen wir an die Furt. Am andern

Ufer derselben erreichten wir nach einem Marsch von einer kurzen halben

Stunde Kiora.

In diesem schmutzigen Dorfe, dessen Boden reichlich mit Ziegenmist

bedeckt und das für einen Weiler, der noch nicht 20 Familien enthielt,

von einer erstaunlichen Anzahl Kinder bewohnt war; wo die Sonne auf

den beschränkten freien Platz mit einer Glut von mehr als 43° Réaumur

herunterschoss, wo Fliegen und bekannte wie unbekannte Insektenarten

massenhaft schwärmten, fand ich, wie man mir schon früher mitgetheilt

hatte, die dritte Karavane, welche aus Bagamoyo so gut ausgerüstet und

mit Vorräthen versehen abgereist war. Ihr Führer nämlich, Farquhar,

lag hier krank im Bett mit geschwollenen Beinen (Bright’sche Krankheit

infolge von häufigen Ausschweifungen) und war ausser Stande und

vielleicht auch nicht Willens, sich zu bewegen, da er die Lage kannte,

in welche er seine Karavane gebracht hatte. Als ich in Rehenneko an

der Ruhr litt, hatte ich Shaw gebeten, Farquhar zu schreiben, um

genaue Auskunft über den Zustand der Karavane zu erhalten, der nach

Berichten vorüberziehender Karavanen ein erbärmlicher sein sollte.

Daher ermannte sich Shaw zur Abfassung folgenden Briefs:

„Lieber Farquhar!

Auf die Bitte des Herrn Stanley schreibe ich Ihnen, um mir zu

vergewissern über alle Ihre Unglücksfälle und was vor eine Quantertät

Tuch Sie ausgegeben haben und wie viel Sie ibrig haben, wie viel Esel

toht sein und überhaupt alle Einzelheiten. Wie viel Pagazis haben Sie

entlassen und wie viel haben Sie bei sich. Was haben Sie mit alle

die Bagage gemacht, was die Esel hatten und wer ist Ihr Parangozery.

Was fehlt Ihnen. Was fehlt Dschacko und was fehlte die Esel, welche

starben. Was vor Bagage haben Sie in Ihrem Lager gelassen. Schicken

Sie Sarmean morgen zurick mit Willimingo und Barickca und ausreichende

Antwort auf die ibrigen Fragen. In zwei Tagen werden wir bei Sie sein.“

Wie ungrammatikalisch und unorthographisch auch der obige Brief sein

mag, so war er mir doch verständlicher, und wird es wol auch dem Leser

sein, als die Antwort, welche von dem Führer der dritten Karavane

erfolgte und also lautete:

„Lieber Herr Stanley!

Alles ist in Ordnung, aber ich habe ein gut Theil Tuch zur Bezahlung

der Pagazis verbraucht. Ein Ballen ist vollständig zu Ende, der

Kirangozi war ein verdammter Schuft. Ich habe ihm sein Tuch abgenommen

und ihn aus dem Lager gejagt. Er sagte, er würde zu Ihnen gehen.

Ich habe Kiranga zum Kirangozi gemacht und ihm 10 Doti gegeben. Die

Lebensmittel sind hier sehr theuer; man erhält nur 2 Küchlein für ein

Schukka und eine Ziege kostet 5 Doti, und ich kann von hier nicht fort.

Ich habe gestern 6 Pagazis gemiethet und sie mit Uledi weiter

geschickt. Dschuma sagte, er sterbe vor Hunger, daher gab ich ihm 2

Ballen Merikani. Er sagt, er wird auf Sie in Ugogo warten. Dschacko

ist krank gewesen, ich weiss nicht woran und er kann nichts für mich

thun. Wellymingoe ist jetzt mein Koch. Können Sie mir etwas Zucker

schicken? Wenn Sie irgend welcher Hülfe bedürfen, so werde ich Ihnen

meine Pagazis schicken, denn zwischen der Stelle, wo Sie sich befinden,

und diesem Ort starben mir 9 Esel und ich habe nur noch einen übrig.

Das Kaniki ist vollständig zu Ende, aber ich habe noch etwas Merikani.

Empfehlen Sie mich Herrn Shaw und Selim.

Ihr treuer

W. L. Farquhar.“

Dies war die köstliche Antwort, welche ich auf eine besorgte Anfrage in

Bezug auf seinen und seiner Karavane Zustand erhielt. Wenn der Mensch

vollständig verrückt gewesen wäre, so hätte er kaum etwas Verwirrteres

hervorbringen können.

In der ersten Zeile sagt er, dass alles in Ordnung ist, während doch

nach den unmittelbar darauf folgenden Worten alles in übelstem Zustande

zu sein scheint. Er schickt den Kirangozi wegen einer persönlichen

Beleidigung weg und gibt einem meiner Mgwana-Soldaten, der abgesandt

war, um die fünfte Karavane zu begleiten, namens Dschumah, auf seine

blossen Bitten hin zwei Ballen Merikani, die 150 Dollars in Gold werth

sind und 150 Doti enthalten, welche ausreichen, um eine Karavane von

50 Mann von Bagamoyo nach Unyanyembé zu unterhalten. Auch ist all sein

Kaniki verbraucht, was für eine grosse Nachlässigkeit spricht. Kurz

dieser Brief ist mir vollständig unbegreiflich, wenn Farquhar nicht

toll geworden, was festzustellen ich mich eiligst bemühte, als ich in

die Umhegung von Kiora trat und sein Zelt auf einem Haufen Ziegenmist

erblickte.

Als er meine Stimme hörte, wankte Farquhar aus dem Zelt. Er hatte sich

seit der Zeit, wo er als mein schmucker Gefährte aus Bagamoyo abreiste,

so verändert, als ob er express von den Wabembe des Tanganika gemästet

worden wäre, wie wir es mit Gänsen und Truthühnern zum Weihnachtsfeste

zu thun pflegen, und er war so aufgeschwemmt, wie Barnum’s feistes

Weib. Mit nicht geringem Erstaunen betrachtete ich die aufgedunsenen

Wangen und den angeschwollenen Hals meines Dieners Farquhar. Seine

Beine waren auch wuchtig und elefantenartig, denn seine Krankheit war

entweder Elephantiasis oder Wassersucht. Das Gesicht war todtenbleich,

was sich leicht erklärte, da die Leute mir mittheilten, dass er zwei

Wochen lang nicht aus seinem Zelt herausgekommen sei. Er hatte sich

ungenirt der Soldaten und Pagazi bedient, da er ihre Dienste für alle

Bedürfnisse, bis zum geringsten herab, brauchte. Dafür bezahlte er

sie mit einer Ziege pro Tag, wo doch eine Ziege 5 Doti kostete, oder

schenkte ihnen an deren Stelle Hühner.

Ich wählte einen luftigen Hügel, der das Dorf Kiora überblickte, als

Lagerplatz, und liess, sobald die Zelte aufgestellt, die Thiere besorgt

und ein Boma aus Dornbüschen gemacht war, Farquhar durch vier Leute in

mein Zelt tragen. Als ich ihn fragte, was die Ursache seiner Krankheit

sei, sagte er, er kenne sie nicht und meinte, er habe nirgends

Schmerzen. Ich fragte: „Fühlen Sie nicht bisweilen Schmerzen auf der

rechten Seite?“ „Ja, ich glaube es, aber ich weiss es nicht.“ „Oder

hin und wieder ein rasches Klopfen an der linken Brust und vielleicht

Athemnoth?“ „Ja, das kann wol sein. Ich weiss sogar, dass ich bisweilen

rasch athme.“ An Verstopfung litt er nicht, sondern gab nur an, dass

seine zu einer ungeheuren Grösse angeschwollenen Beine ihm Beschwerden

machten, und obgleich er einen wahren Pferdeappetit hatte, fühlte er

sich doch schwach auf denselben. Nach den spärlichen Nachrichten über

die Krankheit und ihre Eigenthümlichkeiten, wie sie mir Farquhar gab,

konnte ich nur durch das Studium eines kleinen medizinischen Buchs, das

ich in meiner Bibliothek mit mir führte, herausbekommen, dass „eine

Anschwellung der Beine und mitunter des ganzen Körpers entweder von

Herz-, Leber- oder Nierenkrankheiten herkommen könne“. Da aber die

Darmfunctionen durchaus nicht träge waren, wusste ich nicht, was ich

aus der Krankheit machen sollte, wenn es nicht die in Zanzibar so sehr

häufig vorkommende Elephantiasis war. Auch wusste ich nicht, wie ich

jemand behandeln sollte, der mir nicht sagen konnte, ob er Schmerzen im

Kopf, Rücken, Fuss oder in der Brust habe.

Nachdem ich herausgefunden, dass Farquhar’s Krankheit nicht

augenblicklich und vorherrschend meine Aufmerksamkeit in Anspruch zu

nehmen habe, machte ich mich daran, über den Inhalt jenes dunkeln

Zettels, den er mir nach Rehenneko geschickt und der mich seitdem so

sehr beunruhigt hatte, klar zu werden. War aber schon sein Zettel

unverständlich, so war Farquhar’s mündliche Mittheilung in Bezug auf

den Zustand der ihm anvertrauten Güter noch zehnmal verwickelter und

räthselhafter. Seine Erzählung war so verworren, dass sich durchaus gar

keine Ordnung hineinbringen liess. Was er gethan oder nicht gethan,

was er an Tuch oder Perlen ausgegeben oder nicht, war so unentwirrbar

zusammengeworfen, dass ich bei dem Versuch, Ordnung in diesen

chaotischen Wortschwall zu bringen, bemerkte, dass ich zu absolutem

Blödsinn kam. Die einzige Art, diese Schwierigkeit zu überwinden,

bestand darin, persönlich jeden Zeugballen und jede Last Perlen zu

untersuchen und durch Vergleichung meiner auf die dritte Karavane

bezüglichen Liste festzustellen, was fehlte.

Der Leser wird sich vielleicht erinnern, dass jede Karavane, ehe

sie aus Bagamoyo oder einem andern Küstenort ins Innere abgeht, mit

ausreichend viel Zeug und Perlen für den Unterhalt von vier Monaten

versehen sein muss, ganz abgesehen von dem Tuch, das als Tribut in

Ugogo zuzahlen ist, und von den Ballen, für deren Transport der

Eigenthümer mit den Pagazi contrahirt hat.

Wie ich Livingstone fand; Erster Band · 第 12 / 29 段