Am fünften Morgen oder den 23. April liess der Regen auf ein paar

Stunden nach, während welcher Zeit wir es fertig bekamen, durch den

stygischen pestilenzialischen Koth an das überschwemmte Flussufer zu

waten. Die Soldaten fingen um 5 Uhr morgens an, die Bagage von einem

Ufer zum andern über eine Brücke zu tragen, welche das Nonplusultra von

Einfachheit war. Nur ein unwissender Afrikaner hätte mit ihr zufrieden

sein können; so wenig brauchbar war sie, um ein tiefes, reissendes

Wasser zu passiren. Selbst für leichtfüssige Pagazi war es durchaus

nicht angenehm hinüberzugehen und nur ein Seiltänzer von Profession

hätte eine Last bequem hinübertragen können. Um über eine afrikanische

Brücke zu gehen, dazu gehört erst ein grosser Sprung vom Lande auf

einen Baumast (der sich über oder unter Wasser befinden kann), und dann

wieder ein zweiter Sprung aufs Land. Mit 70 Pfund auf dem Rücken fällt

dies dem Lastträger schwer genug. Bisweilen hilft er sich mit Stricken,

die aus den langen Convolvulusarten extemporirt werden, welche von fast

jedem Baume herabhängen; aber nicht immer, da die Waschensi dies für

überflüssig halten.

Glücklicherweise wurde die Bagage ohne einen einzigen Unfall

hinübergebracht, und obgleich die Strömung sehr stark war, wurden

die Esel mit bedeutenden Anstrengungen und unter vielem Fluchen ohne

Gefahr durch die Flut gezogen. Dieses schwierige Ueberschreiten des

Ungerengeri nahm volle fünf Stunden in Anspruch, obgleich Energie und

wüthende Schimpfreden, die für eine ganze Armee ausgereicht hätten,

daran gewandt wurden.

Nachdem wir die Thiere wieder belastet und unsere Kleider getrocknet

hatten, begaben wir uns aus der schrecklichen Umgegend des Flusses mit

seinem Dunst und Schmutz in nördlicher Richtung auf einen Weg, der auf

bequemen, ebnen Boden führte. Zwei vorspringende Berge wurden auf diese

Weise links vermieden, und nachdem wir an ihnen vorbeigegangen waren,

sahen wir das verhasste Thal nicht mehr.

Ich habe mich unterwegs immer gemüthlicher und heitrer befunden, als

wenn ich mich in einem Lager über einen Aufenthalt ärgerte, den

keine Kraftanstrengung vermeiden konnte, und infolge dessen fürchte

ich, manches auf dem Marsche in stärkeren Farben gezeichnet zu haben,

als es eigentlich verdient. Ich hielt aber die sich unsern Blicken

eröffnende Aussicht für viel angenehmer als das Thal von Simbamwenni

trotz all seiner unbeschreiblichen Fruchtbarkeit. Es war eine Reihe von

Lichtungen, die sich hintereinander zwischen Waldgruppen junger Bäume

aufthaten und in der Ferne von einzelnen Bergkuppen und zerstreuten

Bergen eingeschlossen waren. Hin und wieder erblickten wir, als wir auf

den Firsten von Hügeln dahinschritten, die blauen Usagara-Berge, welche

den Horizont nach Westen und Norden begrenzten, und blickten herab auf

eine dazwischen liegende weit ausgedehnte Ebene.

Am Fusse dieses ausgedehnten Abhanges, der von murmelnden Quellen und

Berggewässern gut bewässert war, fanden wir ein bequemes Khambi, mit

gut gebauten Hütten, das die Eingebornen Simbo nennen. Es liegt gerade

2 Stunden oder 5 Meilen nordwestlich von der Ungerengerifurt. Der Boden

ist felsig und besteht hauptsächlich aus Quarzgeröll, welches durch

die beständig fliessenden Bäche herabgespült ist. In ihrer Umgebung

wachsen Bambus, von denen die dicksten ungefähr 2½ Zoll im Durchmesser

umfassen; der „Myombo“, ein sehr stattlicher Baum mit einem glatten

Stamm wie eine Esche; der „Imbite“ mit grossen fleischigen Blättern,

wie der „Mtamba“, die Sykomore, der Pflaumenbaum, der „Ugaza“ oder

die Tamariske und der „Mgungu“, welcher mehrere weite Zweige mit

kleinen Blättern hat, die traubenförmig zusammengruppirt sind, und der

Seidenbaumwollbaum.

Von Simbo Khambi aus kann man zwar keine Dörfer oder Ansiedlungen

sehen, doch befinden sich in den Bergschluchten mehrere, die von den

einigermassen zu Diebstahl und Mord geneigten Waseguhha bewohnt werden.

Als wir am Morgen des 24. im Begriff waren, Simbo zu verlassen,

widerfuhr uns ein Unfall, der mir viele Tage lang Besorgnisse

einflösste. Bunder Salaam nämlich, ein Eingeborner von Malabar, der

als Koch bei mir fungirte, wurde dabei abgefasst, wie er zum fünften

mal die Rationen meines Tisches bestahl. Sein Verbündeter und

Busenfreund, Abdul Kader, der Unterkoch und Schneider, und der Araber

Selim waren die Angeber und Zeugen; nach unparteiischer Untersuchung

und da ihm schon viermal verziehen worden war, bekam Shaw den Befehl,

dem Malabaresen ein Dutzend Hiebe zu appliciren. Er bekam seine Prügel

ohne sich die Kleider ausziehen zu müssen; die Züchtigung war daher

nicht sehr schwer, sondern stand im richtigen Verhältniss zu seinem

Vergehen; die strengste Massregel aber bestand darin, dass er mitsammt

seinem Esel und seinen Sachen aus dem Lager ausgestossen wurde mit

der Erklärung, dass ich einen so unverbesserlichen Dieb nicht dulden

könne. Ich hatte nicht gemeint, dass er wirklich vertrieben werden und

der Gnade und Barmherzigkeit jedes gierigen Mschensi, der ihn zufällig

träfe, ausgesetzt werden solle, sondern glaubte, dass ein Schrecken ihm

zur Besserung seiner übeln Neigungen heilsam sein würde. Der Koch aber

nahm die Sache ernstlich und sobald seine Hände frei waren, stürzte

er aus dem Lager nach den Bergen, ohne auf Hut, Esel oder Eigenthum

Rücksicht zu nehmen. Umsonst brauchten Bombay und Abdul Kader ihre

Lungen, um den Flüchtling zurückzurufen; Bunder Salaam wollte durchaus

nicht zurückkehren; da wir aber meinten, dass er es doch vielleicht

thun könne, liess ich seinen Esel nebst der Habe an einen Baum in der

Nähe des Lagers binden, während wir unsern Marsch fortsetzten.

Die lange weite Ebene, die von den Höhen zwischen dem Ungerengeri

und Simbo sichtbar war, lag jetzt vor uns und prägte sich unserm

Gedächtniss in trauriger Weise als das Makata-Thal ein. Der erste

Marsch von Simbo mit dem Endziel Rehenneko am Fuss der Usagara-Berge

war sechs Meilen lang. Das Thal beginnt mit breitem wellenförmigem

Terrain, auf dem junge Bambuswaldungen, die dicht am Strome entlang

wachsen, Zwergfächerpalmen, stattliche Palmyra und Mgungu-Bäume stehen.

Dieses Terrain wird bald von wasserhaltigen Gräben unterbrochen, die

dichte Felder von Zuckerrohr und breithalmigem Grase ernähren, und auf

diesen Landstrich folgen weite, mit hohem Grase bewachsene Savannen,

auf denen hin und wieder ein vereinzelter Baum die Eintönigkeit der

Landschaft angenehm unterbricht. Das Makata-Thal ist eine Wildniss, die

auf ihrer ganzen Ausdehnung nur ein Waseguhhadorf enthält. Daher gibt

es viel Wild in den Waldgruppen und Kudus, Hartebeests, Antilopen und

Zebras lassen sich im Morgengrauen erblicken, wenn sie in die offnen

Savannen auf die Weide gehen. Zur Nacht schleicht sich hier die Hyäne

herum und geht mit scheusslichem Geheul auf schlafende Beute aus, sei

es nun Mensch oder Thier.

Der schlammige Koth der Savanne machte das Marschiren zu einer schweren

Arbeit und er klebte so zäh an den Füssen, dass Menschen und Thiere

sehr darunter litten. Ein Marsch von 10 Meilen nahm 10 Stunden in

Anspruch, daher waren wir genöthigt, unser Lager mitten in der Wildniss

aufzuschlagen und ein neues Khambi zu bauen, eine Massregel, die später

von einem halben Dutzend anderer Karavanen nachgemacht wurde.

Der Karren kam erst kurz vor Mitternacht an und mit demselben ausser

3-4 kreuzlahmen Pagazi Bombay mit der schmerzlichen Kunde, er habe

seine Last, die aus dem für die Güter bestimmten Zelte, einer grossen

amerikanischen Axt, seinen zwei Uniformröcken, Hemden, Perlen, Tuch,

Pulver, einer Pistole und einem Handbeil bestand, auf die Erde gelegt,

um den Karren aus einer Kothlache ziehen zu helfen; als er dann an

den Ort zurückgekehrt wäre, wo er es liegen gelassen, habe er es aber

nicht wiederfinden können. Er glaubte, dass irgend welche diebischen

Waschensi, die immer hinter den Karavanen herlauern, um Nachzügler

abzufangen, damit das Weite gesucht hätten. Diese traurige Geschichte,

die er mir in der finstern Mitternacht erzählte, nahm ich durchaus

nicht gnädig, sondern mit vielen Zornesworten auf, welche der reuige

Führer als seine verdiente Strafe hinnahm. In Wuth gerathend, zählte

ich ihm alle seine Sünden auf: in Muhalleh habe er eine Ziege verloren,

in Imbiki Tschamisi mit werthvollen Sachen desertiren lassen; häufig

sich einer grossen Nachlässigkeit bei der Beaufsichtigung der Esel

schuldig gemacht, indem er sie nachts anbinden lasse, ohne darauf

zu sehen, dass sie Wasser bekämen, und morgens, wenn wir im Begriff

ständen zu marschiren, schliefe er lieber bis 7 Uhr, anstatt früh

aufzustehen und die Esel zu satteln, damit wir um 6 Uhr fortziehen

könnten. In letzterer Zeit habe er eine grosse Vorliebe für das Feuer

an den Tag gelegt, indem er sich wie ein blutarmer Mensch regungslos

und schläfrig vor dasselbe hinkaure; jetzt habe er sogar mitten in der

Masikazeit das Waarenzelt verloren, wodurch die Zeugballen verdorben

und werthlos werden würden; auch die Axt habe er abhanden kommen

lassen, deren ich in Udschidschi zu meinem Bootbauen so sehr bedürfen

werde, sowie eine Pistole, ein Handbeil und eine Flasche besten

Pulvers, und schliesslich sei er ohne den Koch ins Lager gekommen,

obwol er doch wissen müsse, dass ich nicht beabsichtigt habe, den armen

Kerl allein hinauszutreiben damit er ermordet werde. In Anbetracht

aller dieser Dinge und da er zum Hauptmann absolut nicht zu brauchen

sei, werde ich ihn degradiren und Mabruki-Burton an seine Stelle

setzen. Ebenso solle Uledi (Grant’s Diener), wie Bombay, statt zweiter

Führer zu sein, in Zukunft den Soldaten keine Befehle mehr ertheilen,

sondern den von Mabruki ertheilten selbst zu gehorchen haben, da dieser

Mabruki soviel wie ein Dutzend Bombays und zwei Dutzend Uledis werth

sei. Auf diese Weise entliess ich ihn und befahl ihm, bei Anbruch des

Tages umzukehren und Zelt, Axt, Pistolen, Pulver und Beil aufzusuchen.

Am nächsten Morgen war die von den Anstrengungen des letzten Tages

vollständig ermattete Karavane genöthigt, Halt zu machen. Bombay

wurde nach den verlorenen Sachen, Kingaru, Mabruki der Grosse und der

Kleine bis Simbamwenni nach dem fehlenden Koch ausgeschickt und diese

erhielten den Auftrag, wenn sie mit ihm zurückkehrten, für 3 Doti

Korn mitzubringen, die uns als Lebensunterhalt in der Wildniss dienen

sollten.

Drei Tage gingen vorüber und wir waren noch im Lager, um mit

grösstmöglicher Geduld die Rückkehr der Soldaten, die nach dem

albernen Hindu ausgesandt waren, zu erwarten. Mittlerweile wurden die

Provisionen sehr knapp; Wild war nicht zu bekommen, da die Vögel sehr

scheu waren. Eine zweitägige Jagd verschaffte uns nur zwei Töpfe voll

Vögel, nämlich Waldhühner, Wachteln und Tauben. Ohne Erfolg kehrte

Bombay von seinem Streifzug nach unserer fehlenden Habe heim und fiel

dadurch sehr in Ungnade.

Am vierten Tage schickte ich Shaw mit zwei andern Soldaten aus, um zu

sehen, was aus Kingaru und den beiden Mabrukis geworden sei. Gegen

Abend kehrte er ganz erschöpft von einem wüthenden Anfall des Mukunguru

oder Wechselfiebers heim, brachte aber die fehlenden Soldaten mit sich,

welche nun selbst über ihre Schicksale berichten konnten.

Ihr Bericht lautete in kurzem folgendermassen: Als sie unser Lager

verlassen hatten, waren sie rasch nach Simbo marschirt und hatten

diesen Ort um 10 Uhr morgens erreicht. Nachdem sie dort die Umgegend

unseres letzten Khambi nach Spuren des Bunder Salaam, seines Esels

und Eigenthums durchsucht, aber nichts gefunden hatten, beschlossen

sie sofort, direct an die Ungerengeribrücke weiter zu gehen und sich

dort bei den Besitzern derselben nach den Reisenden zu erkundigen,

die nach der Abreise des Musungu den Fluss passirt wären. An der

Brücke hörten sie, dass ein weisser Esel, wie man ihn bei dem Musungu

gesehen, über den Fluss nach Simbamwenni gegangen wäre; einen Hindu

in Kisungukleidern hingegen hatten sie nicht gesehen. Meine drei

schwarzen Polizisten wurden durch diese Nachricht zu grösserer

Schnelligkeit angespornt, da sie nicht daran zweifelten, dass der

Koch von den Waschensi ermordet worden sei, welche den mit der Habe

des Kochs beladenen Esel mit sich fortgeführt hatten. In kurzer Zeit

kamen sie in Simbamwenni an und theilten den erstaunten, an dem

westlichen Thore der Stadt befindlichen Kriegern athemlos die Nachricht

mit, dass zwei Waschensi, die mit einem weissen Esel an ihrer Stadt

vorübergezogen sein müssten, einen Mann in Kisungukleidern, der zu dem

Musungu gehöre, ermordet hätten. Die Leute von Simbamwenni führten

meine Boten zur Sultanin, der sie ihre Geschichte erzählten. Diese

fragte die Thurmwächter, ob sie zwei Waschensi mit dem weissen Esel

gesehen hätten. Die Frage wurde bejaht, worauf sie sofort 20 ihrer

Musketiere nach Muhalleh schickte, um sie zu verfolgen. Diese kehrten

vor Nacht zurück und brachten die beiden Waschensi und den Esel mit

den ganzen Habseligkeiten des Kochs zurück. Sofort liess sich die

Sultanin, die offenbar ihres Vaters Energie sowol, als seine Gier

nach Reichthümern besass, meine Boten, die beiden Waschensi und den

Esel mitsammt dem Eigenthum des Kochs vorführen. Die beiden Waschensi

wurden ausgefragt, wie sie in den Besitz des Esels und einer solchen

Menge von Kisungukleidern, Tuchen und Perlen gekommen wären, worauf

sie erwiderten, sie hätten den Esel an einen Baum gebunden und die

Güter auf der Erde dicht dabei gefunden. Da sie keinen Besitzer oder

Berechtigten in der Nachbarschaft gesehen, hätten sie geglaubt, ein

Recht darauf zu besitzen und es daher mit sich genommen. Hierauf wurden

meine Soldaten gefragt, ob sie den Esel und die Habseligkeiten wieder

erkennten, welche Frage sie ohne Zögern bejahten. Ferner theilten sie

Ihrer Hoheit mit, dass sie nicht nur nach dem Esel und den Gütern,

sondern auch nach dem Besitzer ausgeschickt seien, welcher aus seines

Herrn Dienst desertirt sei, und dass sie zu wissen wünschten, was

die Waschensi mit dem Hindu angefangen hätten. Ihre Hoheit wollte

gleichfalls gern wissen, was die Waschensi mit dem Hindu gethan, und

um ihnen das Geständniss zu entlocken, beschuldigte sie dieselben

direct, ihn ermordet zu haben, und wollte nur wissen, was sie mit dem

Körper gemacht hatten. Die Waschensi erklärten mit grossem Eifer, dass

sie die Wahrheit gesagt hätten und dass sie nie einen Menschen, wie

er hier beschrieben worden, gesehen hätten; auch seien sie bereit,

falls die Sultanin es wünschte, ihre Behauptungen zu beschwören. Ihre

Hoheit wollte jedoch nicht, dass die Leute etwas beschwören, was sie

(die Hoheit) in ihrem Herzen für eine Lüge hielt, aber wol wolle sie

jene in Ketten legen lassen und unter Bedeckung einer Karavane an

Seyyid Barghasch schicken, der schon wissen werde, was er mit ihnen

anfangen solle. Hierauf wandte sie sich an meine Soldaten und fragte

dieselben, warum der Musungu den Tribut, nach dem sie ihre Hauptleute

ausgeschickt, nicht bezahlt habe. Die Soldaten waren ausser Stande,

eine Antwort darauf zu geben, da sie über die Angelegenheiten ihres

Herrn nichts wussten. Getreu dem Charakter ihres räuberischen Vaters,

benachrichtigte nun die Erbin von Kisabengo meine zitternden Leute,

dass, da der Musungu den Tribut nicht bezahlt habe, sie ihn sich jetzt

selbst nehmen werde. Sie werde ihre Gewehre sowie die des Kochs und

das auf den Esel gefundene Tuch sammt den Perlen für sich behalten,

die dem Hindu persönlich gehörigen Kleider aber ihren Häuptlingen

geben. Sie (meine Leute) dagegen sollten in Ketten gelegt werden,

bis der Musungu selbst zurückkäme, um sie mit Gewalt zu befreien.

Ihre Drohungen wurden auch wirklich ausgeführt. Sechzehn Stunden lang

befanden sich meine Soldaten auf dem Marktplatz in Ketten, dem Spott

des servilen Pöbels ausgesetzt. Zufälligerweise aber kam am nächsten

Tage Scheikh Thani, den ich in Kingaru getroffen hatte und dem ich seit

der Zeit um fünf Tage vorausgeeilt war, in Simbamwenni an, sah auf

seinem Wege in der Stadt, wo er sich Vorräthe für seine Reise durch

die Makata-Wildniss kaufen wollte, meine Leute in Ketten und erkannte

sie sofort als in meinen Diensten stehend. Nachdem er ihre Geschichte

angehört hatte, begab sich der gutherzige Scheikh zur Sultanin und

theilte ihr mit, dass sie ein grosses Unrecht begehe und zwar eins,

das nur mit Blutvergiessen endigen könne. „Der Musungu ist stark“,

sagte er, „sehr stark; er hat zwei Flinten, welche vierzig mal ohne

anzuhalten schiessen und mit ihren Kugeln auf eine Entfernung von einer

halben Stunde treffen, sowie mehrere andere, die mit Sprengkugeln

geladen werden, welche einen Mann in Stücke zerreissen. Er könnte auf

die Spitze jenes Berges gehen und jeden Einwohner in der Stadt tödten,

ehe ein einziger Ihrer Soldaten hinaufkommen könnte. Der Weg hierher

wird dann abgesperrt werden, Seyyid Barghasch wird gegen Ihr Land

marschiren, die Wadoe und Wakami werden kommen und an dem, was noch

übrig bleibt, Rache nehmen, und der Ort, den Ihr Vater so stark gemacht

hat, wird die Waseguhha nicht mehr kennen. Lassen Sie die Soldaten des

Musungu frei; geben Sie ihnen Nahrungsmittel und Korn für den Musungu;

erstatten Sie ihm die Gewehre wieder und lassen Sie sie gehen, denn

der weisse Mann kann sich schon jetzt auf dem Wege hierher befinden.“

Dieser übertriebene Bericht über meine Macht und das schreckliche vom

Araber entworfene Bild brachten insofern eine gute Wirkung hervor, als

Kingaru und die Mabrukis sofort aus ihrem Gewahrsam entlassen und mit

Nahrungsmitteln, die für unsere Karavane auf vier Tage ausreichten,

versehen wurden. Auch bekamen sie ein Gewehr nebst Zubehör, Kugeln und

Pulvervorrath, sowie des Kochs Esel, eine Brille, ein in Malabarischer

Sprache gedrucktes Buch und einen alten Hut, der dem gehörte, den wir

jetzt alle für todt hielten, zurück. Bis Simbo sorgte der Scheikh für

die Soldaten, und in seinem Lager, wo sie sich reichlich an Reis und

geklärter Butter (Ghee) erfreuten, fand sie Shaw, dem ebenso wie seinen

Gefährten dieselbe freigebige Gastfreundschaft daselbst zu Theil wurde.

Mit grossem Erstaunen hörte ich diese lange Geschichte an; meine

Brust hob sich von verschiedenen widerstreitenden, durch dieselbe

hervorgerufenen Empfindungen bestürmt; es war dies alles so ganz

anders, als ich vorausgesetzt hatte. Erstens glaubte ich, der Koch

werde aufgefunden werden, und hatte durchaus keine Ahnung davon,

dass ein grauses Geschick ihm zugestossen sei; ferner bereute ich

es, ihn bestraft zu haben und gelobte mir im Geiste, nie wieder ein

Mitglied meiner Karavane, wenn es mich auch noch so sehr beraubt habe,

fortzujagen, damit es nicht von solch grausamen Mördern getödtet werden

könne. Zweitens war ich über das Gebahren der Amazone Simbamwenni

höchst erstaunt, denn es war ganz gegen alle Gewohnheit, von einem und

demselben Eigenthümer zweimal Tribut zu fordern, und hätte sich das

doch anders verhalten, so liessen ihr ja die vier Tage, die ich an

dem Ufer des Ungerengeri lagerte, hinreichend viel Zeit, den Irrthum,

den ich durch meine Weigerung, Tribut zu bezahlen begangen hatte,

wieder gut zu machen; und ich hätte doch bestimmt die Sicherheit

meiner Karavane nicht gefährdet, wenn ihre Abgesandten ihr Verlangen

wiederholt hätten. Auf dieses Gefühl folgte grosse Entrüstung über den

gemeinen an meinen Gewehren verübten Raub, welcher mich dazu hätte

veranlassen können, wenn ich näher an Simbamwenni gewesen wäre, an

den Vorstädten der Stadt Rache zu nehmen; der Aufenthalt von vier

Tagen jedoch, den die Aufsuchung des Kochs veranlasst, hatte meinen

Zorn so sehr abgekühlt, dass ich dafür ganz dankbar wurde, dass mich

kein grösseres Misgeschick befallen hatte. Drittens verursachte die

wohlmeinende Uebertreibung des Scheikh Thani und die jammervollen

Erzählungen der drei Soldaten viel Heiterkeit. Am selben Abend noch

schrieb ich einen vollständigen Bericht über diesen Vorfall, der durch

die erste nach Osten ziehende Karavane dem amerikanischen Consul

überbracht werden sollte, damit Seyyid Barghasch die Geschichte von dem

unerklärlichen Verschwinden des Kochs von beiden Seiten erfahre.

Dankbaren Herzens verliessen wir unser Lager, wo wir so viel Angst und

Aerger ausgestanden hatten, ohne des wüthenden Regens zu achten, der,

nachdem er uns die ganze Nacht über durchnässt, unter andern Umständen

unsern Eifer für den Marsch einigermassen gedämpft haben würde. Der

Weg führte die erste Meile lang über ein röthliches Erdreich und wurde

durch sanfte Abhänge nach Osten und Westen trocken gelegt; als wir

aber den Schutz lieblicher Wälder, an deren östlichem Rande wir so

lange aufgehalten worden waren, verlassen hatten, kamen wir auf eine

der Savannen, deren Boden zur Regenzeit so weich wie Koth und klebrig

wie dicker Mörtel ist. Hier drohte uns das Schicksal des berühmten

Reisenden in Arkansas, der so tief in einen der zahlreichen Sümpfe

jenes Landes hineingesunken war, dass man von ihm nichts mehr als

seinen hohen, schmalen Cylinderhut erblicken konnte.

Shaw war krank und daher fiel die Pflicht, die vor Ermüdung

strauchelnde Karavane weiterzuführen, ganz und gar mir zu. Die

Wanyamwezi-Esel blieben wie festgewurzelt in dem Sumpf stecken. Sobald

ich einen derselben durch Prügel aus seiner eigensinnig behaupteten

Stellung herausgepeitscht hatte, fiel ein andrer sofort nieder und

verursachte mir eine Sisyphusarbeit, die unter dem tobenden Regen zum

Verrücktwerden war, da ich nur die Hülfe von Leuten wie Bombay und

Uledi hatte, welche selbst um ihrer heilen Haut willen dem Sturm und

Schmutz nicht Trotz bieten wollten. Zwei Stunden solcher schweren

Arbeit gehörten dazu, um meine Karavane über eine 1½ Meilen breite

Savanne fortzubringen, und kaum war ich damit fertig und hatte mir zur

Beendigung derselben Glück gewünscht, als ich von einem tiefen Graben

aufgehalten wurde, der mit Regenwasser von den überschwemmten Savannen

angefüllt zu einem bedeutenden brusttiefen Bach geworden war, der

rasch dem Makata zufloss. Da mussten denn die Esel abgeladen, durch

ein reissendes Wasser geführt und auf der andern Seite wieder beladen

werden, eine Operation, welche eine ganze Stunde in Anspruch nahm.

Gleich nachdem wir durch ein Gehölz gezogen waren, hemmte ein andres

Gewässer, welches zu einem Fluss angeschwollen war, unsere Weiterreise.

Da die Brücke fortgeschwemmt worden, waren wir genöthigt zu schwimmen

und unsere Bagage überzuflössen, was uns abermals zwei Stunden

aufhielt. Als wir das zweite Flussufer hinter uns hatten, wateten

wir bespritzt und bisweilen halb schwimmend durch Koth, vom Wasser

triefendes Gras und Matamahalme wankend längs des linken Ufers des

eigentlichen Makata, bis ein Weitergehen für den Tag durch eine tiefe

Krümmung des Flusses verhindert wurde, über die wir erst am nächsten

Tag setzen konnten.

Obwol an diesem fatalen Tage nur sechs engl. Meilen zurückgelegt worden

waren, hatte der Marsch zehn Stunden gedauert.

Halb todt vor Strapazen war ich doch glücklich, dass dieselben kein

Fieber hervorgerufen hatten, dem man fast nur durch ein Wunder entgehen

zu können schien. Denn unter allen mit Wechselfieber heimgesuchten

Gegenden nimmt die Makata-Wildniss den ersten Rang ein. Der blosse

Anblick der triefenden, in dichte Nebel gehüllten Wälder, des

überschwemmten Landes, der langen Schwaden von Tigergras, die durch die

trüben Fluten zu Boden gestreckt waren, der Hügel von faulenden Bäumen

und Rohrmassen, des angeschwollenen Flusses und des weinenden Himmels

waren genug, um das Mukunguru zu erzeugen. Die viel gebrauchten Khambis

mit den darum lagernden Schmutzhaufen hätten genügt, um die Cholera

hervorzurufen.

[Illustration: DER MAKATA-SUMPF.

I. S. 136.]

Der Makata, ein Fluss, der in der trocknen Jahreszeit nur 40 Fuss breit

ist, bekommt in der Masikazeit die Breite, Tiefe und Gewalt eines

bedeutenden Stromes. Wenn die Regenzeit ungewöhnlich stark ist, so

überflutet er die grosse Ebene, welche sich zu beiden Seiten erstreckt,

und verwandelt sie in einen gewaltigen See. Er ist der Hauptzufluss

des Flusses Wami, welcher sich zwischen den Häfen Saadani und Whnide

ins Meer ergiesst. Ungefähr zehn Meilen nordöstlich von der Makatafurt

vereinigen sich der grosse Makata, der kleine Makata, ein namenloses

Flüsschen und der Fluss Rudewa; der auf diese Weise entstehende Fluss

heisst der Wami. Durch ganz Usagara ist der Wami als Mukondokwa

bekannt. Drei dieser Ströme entspringen aus dem halbmondförmigen

Usagaragebirge, welches die Makataebene nach Süden und Südwesten

begrenzt, während der Rudewa im nördlichen Horne desselben Höhenzugs

entspringt.

Wie ich Livingstone fand; Erster Band · 第 11 / 29 段