Stunden nach, während welcher Zeit wir es fertig bekamen, durch den
stygischen pestilenzialischen Koth an das überschwemmte Flussufer zu
waten. Die Soldaten fingen um 5 Uhr morgens an, die Bagage von einem
Ufer zum andern über eine Brücke zu tragen, welche das Nonplusultra von
Einfachheit war. Nur ein unwissender Afrikaner hätte mit ihr zufrieden
sein können; so wenig brauchbar war sie, um ein tiefes, reissendes
Wasser zu passiren. Selbst für leichtfüssige Pagazi war es durchaus
nicht angenehm hinüberzugehen und nur ein Seiltänzer von Profession
hätte eine Last bequem hinübertragen können. Um über eine afrikanische
Brücke zu gehen, dazu gehört erst ein grosser Sprung vom Lande auf
einen Baumast (der sich über oder unter Wasser befinden kann), und dann
wieder ein zweiter Sprung aufs Land. Mit 70 Pfund auf dem Rücken fällt
dies dem Lastträger schwer genug. Bisweilen hilft er sich mit Stricken,
die aus den langen Convolvulusarten extemporirt werden, welche von fast
jedem Baume herabhängen; aber nicht immer, da die Waschensi dies für
überflüssig halten.
Glücklicherweise wurde die Bagage ohne einen einzigen Unfall
hinübergebracht, und obgleich die Strömung sehr stark war, wurden
die Esel mit bedeutenden Anstrengungen und unter vielem Fluchen ohne
Gefahr durch die Flut gezogen. Dieses schwierige Ueberschreiten des
Ungerengeri nahm volle fünf Stunden in Anspruch, obgleich Energie und
wüthende Schimpfreden, die für eine ganze Armee ausgereicht hätten,
daran gewandt wurden.
Nachdem wir die Thiere wieder belastet und unsere Kleider getrocknet
hatten, begaben wir uns aus der schrecklichen Umgegend des Flusses mit
seinem Dunst und Schmutz in nördlicher Richtung auf einen Weg, der auf
bequemen, ebnen Boden führte. Zwei vorspringende Berge wurden auf diese
Weise links vermieden, und nachdem wir an ihnen vorbeigegangen waren,
sahen wir das verhasste Thal nicht mehr.
Ich habe mich unterwegs immer gemüthlicher und heitrer befunden, als
wenn ich mich in einem Lager über einen Aufenthalt ärgerte, den
keine Kraftanstrengung vermeiden konnte, und infolge dessen fürchte
ich, manches auf dem Marsche in stärkeren Farben gezeichnet zu haben,
als es eigentlich verdient. Ich hielt aber die sich unsern Blicken
eröffnende Aussicht für viel angenehmer als das Thal von Simbamwenni
trotz all seiner unbeschreiblichen Fruchtbarkeit. Es war eine Reihe von
Lichtungen, die sich hintereinander zwischen Waldgruppen junger Bäume
aufthaten und in der Ferne von einzelnen Bergkuppen und zerstreuten
Bergen eingeschlossen waren. Hin und wieder erblickten wir, als wir auf
den Firsten von Hügeln dahinschritten, die blauen Usagara-Berge, welche
den Horizont nach Westen und Norden begrenzten, und blickten herab auf
eine dazwischen liegende weit ausgedehnte Ebene.
Am Fusse dieses ausgedehnten Abhanges, der von murmelnden Quellen und
Berggewässern gut bewässert war, fanden wir ein bequemes Khambi, mit
gut gebauten Hütten, das die Eingebornen Simbo nennen. Es liegt gerade
2 Stunden oder 5 Meilen nordwestlich von der Ungerengerifurt. Der Boden
ist felsig und besteht hauptsächlich aus Quarzgeröll, welches durch
die beständig fliessenden Bäche herabgespült ist. In ihrer Umgebung
wachsen Bambus, von denen die dicksten ungefähr 2½ Zoll im Durchmesser
umfassen; der „Myombo“, ein sehr stattlicher Baum mit einem glatten
Stamm wie eine Esche; der „Imbite“ mit grossen fleischigen Blättern,
wie der „Mtamba“, die Sykomore, der Pflaumenbaum, der „Ugaza“ oder
die Tamariske und der „Mgungu“, welcher mehrere weite Zweige mit
kleinen Blättern hat, die traubenförmig zusammengruppirt sind, und der
Seidenbaumwollbaum.
Von Simbo Khambi aus kann man zwar keine Dörfer oder Ansiedlungen
sehen, doch befinden sich in den Bergschluchten mehrere, die von den
einigermassen zu Diebstahl und Mord geneigten Waseguhha bewohnt werden.
Als wir am Morgen des 24. im Begriff waren, Simbo zu verlassen,
widerfuhr uns ein Unfall, der mir viele Tage lang Besorgnisse
einflösste. Bunder Salaam nämlich, ein Eingeborner von Malabar, der
als Koch bei mir fungirte, wurde dabei abgefasst, wie er zum fünften
mal die Rationen meines Tisches bestahl. Sein Verbündeter und
Busenfreund, Abdul Kader, der Unterkoch und Schneider, und der Araber
Selim waren die Angeber und Zeugen; nach unparteiischer Untersuchung
und da ihm schon viermal verziehen worden war, bekam Shaw den Befehl,
dem Malabaresen ein Dutzend Hiebe zu appliciren. Er bekam seine Prügel
ohne sich die Kleider ausziehen zu müssen; die Züchtigung war daher
nicht sehr schwer, sondern stand im richtigen Verhältniss zu seinem
Vergehen; die strengste Massregel aber bestand darin, dass er mitsammt
seinem Esel und seinen Sachen aus dem Lager ausgestossen wurde mit
der Erklärung, dass ich einen so unverbesserlichen Dieb nicht dulden
könne. Ich hatte nicht gemeint, dass er wirklich vertrieben werden und
der Gnade und Barmherzigkeit jedes gierigen Mschensi, der ihn zufällig
träfe, ausgesetzt werden solle, sondern glaubte, dass ein Schrecken ihm
zur Besserung seiner übeln Neigungen heilsam sein würde. Der Koch aber
nahm die Sache ernstlich und sobald seine Hände frei waren, stürzte
er aus dem Lager nach den Bergen, ohne auf Hut, Esel oder Eigenthum
Rücksicht zu nehmen. Umsonst brauchten Bombay und Abdul Kader ihre
Lungen, um den Flüchtling zurückzurufen; Bunder Salaam wollte durchaus
nicht zurückkehren; da wir aber meinten, dass er es doch vielleicht
thun könne, liess ich seinen Esel nebst der Habe an einen Baum in der
Nähe des Lagers binden, während wir unsern Marsch fortsetzten.
Die lange weite Ebene, die von den Höhen zwischen dem Ungerengeri
und Simbo sichtbar war, lag jetzt vor uns und prägte sich unserm
Gedächtniss in trauriger Weise als das Makata-Thal ein. Der erste
Marsch von Simbo mit dem Endziel Rehenneko am Fuss der Usagara-Berge
war sechs Meilen lang. Das Thal beginnt mit breitem wellenförmigem
Terrain, auf dem junge Bambuswaldungen, die dicht am Strome entlang
wachsen, Zwergfächerpalmen, stattliche Palmyra und Mgungu-Bäume stehen.
Dieses Terrain wird bald von wasserhaltigen Gräben unterbrochen, die
dichte Felder von Zuckerrohr und breithalmigem Grase ernähren, und auf
diesen Landstrich folgen weite, mit hohem Grase bewachsene Savannen,
auf denen hin und wieder ein vereinzelter Baum die Eintönigkeit der
Landschaft angenehm unterbricht. Das Makata-Thal ist eine Wildniss, die
auf ihrer ganzen Ausdehnung nur ein Waseguhhadorf enthält. Daher gibt
es viel Wild in den Waldgruppen und Kudus, Hartebeests, Antilopen und
Zebras lassen sich im Morgengrauen erblicken, wenn sie in die offnen
Savannen auf die Weide gehen. Zur Nacht schleicht sich hier die Hyäne
herum und geht mit scheusslichem Geheul auf schlafende Beute aus, sei
es nun Mensch oder Thier.
Der schlammige Koth der Savanne machte das Marschiren zu einer schweren
Arbeit und er klebte so zäh an den Füssen, dass Menschen und Thiere
sehr darunter litten. Ein Marsch von 10 Meilen nahm 10 Stunden in
Anspruch, daher waren wir genöthigt, unser Lager mitten in der Wildniss
aufzuschlagen und ein neues Khambi zu bauen, eine Massregel, die später
von einem halben Dutzend anderer Karavanen nachgemacht wurde.
Der Karren kam erst kurz vor Mitternacht an und mit demselben ausser
3-4 kreuzlahmen Pagazi Bombay mit der schmerzlichen Kunde, er habe
seine Last, die aus dem für die Güter bestimmten Zelte, einer grossen
amerikanischen Axt, seinen zwei Uniformröcken, Hemden, Perlen, Tuch,
Pulver, einer Pistole und einem Handbeil bestand, auf die Erde gelegt,
um den Karren aus einer Kothlache ziehen zu helfen; als er dann an
den Ort zurückgekehrt wäre, wo er es liegen gelassen, habe er es aber
nicht wiederfinden können. Er glaubte, dass irgend welche diebischen
Waschensi, die immer hinter den Karavanen herlauern, um Nachzügler
abzufangen, damit das Weite gesucht hätten. Diese traurige Geschichte,
die er mir in der finstern Mitternacht erzählte, nahm ich durchaus
nicht gnädig, sondern mit vielen Zornesworten auf, welche der reuige
Führer als seine verdiente Strafe hinnahm. In Wuth gerathend, zählte
ich ihm alle seine Sünden auf: in Muhalleh habe er eine Ziege verloren,
in Imbiki Tschamisi mit werthvollen Sachen desertiren lassen; häufig
sich einer grossen Nachlässigkeit bei der Beaufsichtigung der Esel
schuldig gemacht, indem er sie nachts anbinden lasse, ohne darauf
zu sehen, dass sie Wasser bekämen, und morgens, wenn wir im Begriff
ständen zu marschiren, schliefe er lieber bis 7 Uhr, anstatt früh
aufzustehen und die Esel zu satteln, damit wir um 6 Uhr fortziehen
könnten. In letzterer Zeit habe er eine grosse Vorliebe für das Feuer
an den Tag gelegt, indem er sich wie ein blutarmer Mensch regungslos
und schläfrig vor dasselbe hinkaure; jetzt habe er sogar mitten in der
Masikazeit das Waarenzelt verloren, wodurch die Zeugballen verdorben
und werthlos werden würden; auch die Axt habe er abhanden kommen
lassen, deren ich in Udschidschi zu meinem Bootbauen so sehr bedürfen
werde, sowie eine Pistole, ein Handbeil und eine Flasche besten
Pulvers, und schliesslich sei er ohne den Koch ins Lager gekommen,
obwol er doch wissen müsse, dass ich nicht beabsichtigt habe, den armen
Kerl allein hinauszutreiben damit er ermordet werde. In Anbetracht
aller dieser Dinge und da er zum Hauptmann absolut nicht zu brauchen
sei, werde ich ihn degradiren und Mabruki-Burton an seine Stelle
setzen. Ebenso solle Uledi (Grant’s Diener), wie Bombay, statt zweiter
Führer zu sein, in Zukunft den Soldaten keine Befehle mehr ertheilen,
sondern den von Mabruki ertheilten selbst zu gehorchen haben, da dieser
Mabruki soviel wie ein Dutzend Bombays und zwei Dutzend Uledis werth
sei. Auf diese Weise entliess ich ihn und befahl ihm, bei Anbruch des
Tages umzukehren und Zelt, Axt, Pistolen, Pulver und Beil aufzusuchen.
Am nächsten Morgen war die von den Anstrengungen des letzten Tages
vollständig ermattete Karavane genöthigt, Halt zu machen. Bombay
wurde nach den verlorenen Sachen, Kingaru, Mabruki der Grosse und der
Kleine bis Simbamwenni nach dem fehlenden Koch ausgeschickt und diese
erhielten den Auftrag, wenn sie mit ihm zurückkehrten, für 3 Doti
Korn mitzubringen, die uns als Lebensunterhalt in der Wildniss dienen
sollten.
Drei Tage gingen vorüber und wir waren noch im Lager, um mit
grösstmöglicher Geduld die Rückkehr der Soldaten, die nach dem
albernen Hindu ausgesandt waren, zu erwarten. Mittlerweile wurden die
Provisionen sehr knapp; Wild war nicht zu bekommen, da die Vögel sehr
scheu waren. Eine zweitägige Jagd verschaffte uns nur zwei Töpfe voll
Vögel, nämlich Waldhühner, Wachteln und Tauben. Ohne Erfolg kehrte
Bombay von seinem Streifzug nach unserer fehlenden Habe heim und fiel
dadurch sehr in Ungnade.
Am vierten Tage schickte ich Shaw mit zwei andern Soldaten aus, um zu
sehen, was aus Kingaru und den beiden Mabrukis geworden sei. Gegen
Abend kehrte er ganz erschöpft von einem wüthenden Anfall des Mukunguru
oder Wechselfiebers heim, brachte aber die fehlenden Soldaten mit sich,
welche nun selbst über ihre Schicksale berichten konnten.
Ihr Bericht lautete in kurzem folgendermassen: Als sie unser Lager
verlassen hatten, waren sie rasch nach Simbo marschirt und hatten
diesen Ort um 10 Uhr morgens erreicht. Nachdem sie dort die Umgegend
unseres letzten Khambi nach Spuren des Bunder Salaam, seines Esels
und Eigenthums durchsucht, aber nichts gefunden hatten, beschlossen
sie sofort, direct an die Ungerengeribrücke weiter zu gehen und sich
dort bei den Besitzern derselben nach den Reisenden zu erkundigen,
die nach der Abreise des Musungu den Fluss passirt wären. An der
Brücke hörten sie, dass ein weisser Esel, wie man ihn bei dem Musungu
gesehen, über den Fluss nach Simbamwenni gegangen wäre; einen Hindu
in Kisungukleidern hingegen hatten sie nicht gesehen. Meine drei
schwarzen Polizisten wurden durch diese Nachricht zu grösserer
Schnelligkeit angespornt, da sie nicht daran zweifelten, dass der
Koch von den Waschensi ermordet worden sei, welche den mit der Habe
des Kochs beladenen Esel mit sich fortgeführt hatten. In kurzer Zeit
kamen sie in Simbamwenni an und theilten den erstaunten, an dem
westlichen Thore der Stadt befindlichen Kriegern athemlos die Nachricht
mit, dass zwei Waschensi, die mit einem weissen Esel an ihrer Stadt
vorübergezogen sein müssten, einen Mann in Kisungukleidern, der zu dem
Musungu gehöre, ermordet hätten. Die Leute von Simbamwenni führten
meine Boten zur Sultanin, der sie ihre Geschichte erzählten. Diese
fragte die Thurmwächter, ob sie zwei Waschensi mit dem weissen Esel
gesehen hätten. Die Frage wurde bejaht, worauf sie sofort 20 ihrer
Musketiere nach Muhalleh schickte, um sie zu verfolgen. Diese kehrten
vor Nacht zurück und brachten die beiden Waschensi und den Esel mit
den ganzen Habseligkeiten des Kochs zurück. Sofort liess sich die
Sultanin, die offenbar ihres Vaters Energie sowol, als seine Gier
nach Reichthümern besass, meine Boten, die beiden Waschensi und den
Esel mitsammt dem Eigenthum des Kochs vorführen. Die beiden Waschensi
wurden ausgefragt, wie sie in den Besitz des Esels und einer solchen
Menge von Kisungukleidern, Tuchen und Perlen gekommen wären, worauf
sie erwiderten, sie hätten den Esel an einen Baum gebunden und die
Güter auf der Erde dicht dabei gefunden. Da sie keinen Besitzer oder
Berechtigten in der Nachbarschaft gesehen, hätten sie geglaubt, ein
Recht darauf zu besitzen und es daher mit sich genommen. Hierauf wurden
meine Soldaten gefragt, ob sie den Esel und die Habseligkeiten wieder
erkennten, welche Frage sie ohne Zögern bejahten. Ferner theilten sie
Ihrer Hoheit mit, dass sie nicht nur nach dem Esel und den Gütern,
sondern auch nach dem Besitzer ausgeschickt seien, welcher aus seines
Herrn Dienst desertirt sei, und dass sie zu wissen wünschten, was
die Waschensi mit dem Hindu angefangen hätten. Ihre Hoheit wollte
gleichfalls gern wissen, was die Waschensi mit dem Hindu gethan, und
um ihnen das Geständniss zu entlocken, beschuldigte sie dieselben
direct, ihn ermordet zu haben, und wollte nur wissen, was sie mit dem
Körper gemacht hatten. Die Waschensi erklärten mit grossem Eifer, dass
sie die Wahrheit gesagt hätten und dass sie nie einen Menschen, wie
er hier beschrieben worden, gesehen hätten; auch seien sie bereit,
falls die Sultanin es wünschte, ihre Behauptungen zu beschwören. Ihre
Hoheit wollte jedoch nicht, dass die Leute etwas beschwören, was sie
(die Hoheit) in ihrem Herzen für eine Lüge hielt, aber wol wolle sie
jene in Ketten legen lassen und unter Bedeckung einer Karavane an
Seyyid Barghasch schicken, der schon wissen werde, was er mit ihnen
anfangen solle. Hierauf wandte sie sich an meine Soldaten und fragte
dieselben, warum der Musungu den Tribut, nach dem sie ihre Hauptleute
ausgeschickt, nicht bezahlt habe. Die Soldaten waren ausser Stande,
eine Antwort darauf zu geben, da sie über die Angelegenheiten ihres
Herrn nichts wussten. Getreu dem Charakter ihres räuberischen Vaters,
benachrichtigte nun die Erbin von Kisabengo meine zitternden Leute,
dass, da der Musungu den Tribut nicht bezahlt habe, sie ihn sich jetzt
selbst nehmen werde. Sie werde ihre Gewehre sowie die des Kochs und
das auf den Esel gefundene Tuch sammt den Perlen für sich behalten,
die dem Hindu persönlich gehörigen Kleider aber ihren Häuptlingen
geben. Sie (meine Leute) dagegen sollten in Ketten gelegt werden,
bis der Musungu selbst zurückkäme, um sie mit Gewalt zu befreien.
Ihre Drohungen wurden auch wirklich ausgeführt. Sechzehn Stunden lang
befanden sich meine Soldaten auf dem Marktplatz in Ketten, dem Spott
des servilen Pöbels ausgesetzt. Zufälligerweise aber kam am nächsten
Tage Scheikh Thani, den ich in Kingaru getroffen hatte und dem ich seit
der Zeit um fünf Tage vorausgeeilt war, in Simbamwenni an, sah auf
seinem Wege in der Stadt, wo er sich Vorräthe für seine Reise durch
die Makata-Wildniss kaufen wollte, meine Leute in Ketten und erkannte
sie sofort als in meinen Diensten stehend. Nachdem er ihre Geschichte
angehört hatte, begab sich der gutherzige Scheikh zur Sultanin und
theilte ihr mit, dass sie ein grosses Unrecht begehe und zwar eins,
das nur mit Blutvergiessen endigen könne. „Der Musungu ist stark“,
sagte er, „sehr stark; er hat zwei Flinten, welche vierzig mal ohne
anzuhalten schiessen und mit ihren Kugeln auf eine Entfernung von einer
halben Stunde treffen, sowie mehrere andere, die mit Sprengkugeln
geladen werden, welche einen Mann in Stücke zerreissen. Er könnte auf
die Spitze jenes Berges gehen und jeden Einwohner in der Stadt tödten,
ehe ein einziger Ihrer Soldaten hinaufkommen könnte. Der Weg hierher
wird dann abgesperrt werden, Seyyid Barghasch wird gegen Ihr Land
marschiren, die Wadoe und Wakami werden kommen und an dem, was noch
übrig bleibt, Rache nehmen, und der Ort, den Ihr Vater so stark gemacht
hat, wird die Waseguhha nicht mehr kennen. Lassen Sie die Soldaten des
Musungu frei; geben Sie ihnen Nahrungsmittel und Korn für den Musungu;
erstatten Sie ihm die Gewehre wieder und lassen Sie sie gehen, denn
der weisse Mann kann sich schon jetzt auf dem Wege hierher befinden.“
Dieser übertriebene Bericht über meine Macht und das schreckliche vom
Araber entworfene Bild brachten insofern eine gute Wirkung hervor, als
Kingaru und die Mabrukis sofort aus ihrem Gewahrsam entlassen und mit
Nahrungsmitteln, die für unsere Karavane auf vier Tage ausreichten,
versehen wurden. Auch bekamen sie ein Gewehr nebst Zubehör, Kugeln und
Pulvervorrath, sowie des Kochs Esel, eine Brille, ein in Malabarischer
Sprache gedrucktes Buch und einen alten Hut, der dem gehörte, den wir
jetzt alle für todt hielten, zurück. Bis Simbo sorgte der Scheikh für
die Soldaten, und in seinem Lager, wo sie sich reichlich an Reis und
geklärter Butter (Ghee) erfreuten, fand sie Shaw, dem ebenso wie seinen
Gefährten dieselbe freigebige Gastfreundschaft daselbst zu Theil wurde.
Mit grossem Erstaunen hörte ich diese lange Geschichte an; meine
Brust hob sich von verschiedenen widerstreitenden, durch dieselbe
hervorgerufenen Empfindungen bestürmt; es war dies alles so ganz
anders, als ich vorausgesetzt hatte. Erstens glaubte ich, der Koch
werde aufgefunden werden, und hatte durchaus keine Ahnung davon,
dass ein grauses Geschick ihm zugestossen sei; ferner bereute ich
es, ihn bestraft zu haben und gelobte mir im Geiste, nie wieder ein
Mitglied meiner Karavane, wenn es mich auch noch so sehr beraubt habe,
fortzujagen, damit es nicht von solch grausamen Mördern getödtet werden
könne. Zweitens war ich über das Gebahren der Amazone Simbamwenni
höchst erstaunt, denn es war ganz gegen alle Gewohnheit, von einem und
demselben Eigenthümer zweimal Tribut zu fordern, und hätte sich das
doch anders verhalten, so liessen ihr ja die vier Tage, die ich an
dem Ufer des Ungerengeri lagerte, hinreichend viel Zeit, den Irrthum,
den ich durch meine Weigerung, Tribut zu bezahlen begangen hatte,
wieder gut zu machen; und ich hätte doch bestimmt die Sicherheit
meiner Karavane nicht gefährdet, wenn ihre Abgesandten ihr Verlangen
wiederholt hätten. Auf dieses Gefühl folgte grosse Entrüstung über den
gemeinen an meinen Gewehren verübten Raub, welcher mich dazu hätte
veranlassen können, wenn ich näher an Simbamwenni gewesen wäre, an
den Vorstädten der Stadt Rache zu nehmen; der Aufenthalt von vier
Tagen jedoch, den die Aufsuchung des Kochs veranlasst, hatte meinen
Zorn so sehr abgekühlt, dass ich dafür ganz dankbar wurde, dass mich
kein grösseres Misgeschick befallen hatte. Drittens verursachte die
wohlmeinende Uebertreibung des Scheikh Thani und die jammervollen
Erzählungen der drei Soldaten viel Heiterkeit. Am selben Abend noch
schrieb ich einen vollständigen Bericht über diesen Vorfall, der durch
die erste nach Osten ziehende Karavane dem amerikanischen Consul
überbracht werden sollte, damit Seyyid Barghasch die Geschichte von dem
unerklärlichen Verschwinden des Kochs von beiden Seiten erfahre.
Dankbaren Herzens verliessen wir unser Lager, wo wir so viel Angst und
Aerger ausgestanden hatten, ohne des wüthenden Regens zu achten, der,
nachdem er uns die ganze Nacht über durchnässt, unter andern Umständen
unsern Eifer für den Marsch einigermassen gedämpft haben würde. Der
Weg führte die erste Meile lang über ein röthliches Erdreich und wurde
durch sanfte Abhänge nach Osten und Westen trocken gelegt; als wir
aber den Schutz lieblicher Wälder, an deren östlichem Rande wir so
lange aufgehalten worden waren, verlassen hatten, kamen wir auf eine
der Savannen, deren Boden zur Regenzeit so weich wie Koth und klebrig
wie dicker Mörtel ist. Hier drohte uns das Schicksal des berühmten
Reisenden in Arkansas, der so tief in einen der zahlreichen Sümpfe
jenes Landes hineingesunken war, dass man von ihm nichts mehr als
seinen hohen, schmalen Cylinderhut erblicken konnte.
Shaw war krank und daher fiel die Pflicht, die vor Ermüdung
strauchelnde Karavane weiterzuführen, ganz und gar mir zu. Die
Wanyamwezi-Esel blieben wie festgewurzelt in dem Sumpf stecken. Sobald
ich einen derselben durch Prügel aus seiner eigensinnig behaupteten
Stellung herausgepeitscht hatte, fiel ein andrer sofort nieder und
verursachte mir eine Sisyphusarbeit, die unter dem tobenden Regen zum
Verrücktwerden war, da ich nur die Hülfe von Leuten wie Bombay und
Uledi hatte, welche selbst um ihrer heilen Haut willen dem Sturm und
Schmutz nicht Trotz bieten wollten. Zwei Stunden solcher schweren
Arbeit gehörten dazu, um meine Karavane über eine 1½ Meilen breite
Savanne fortzubringen, und kaum war ich damit fertig und hatte mir zur
Beendigung derselben Glück gewünscht, als ich von einem tiefen Graben
aufgehalten wurde, der mit Regenwasser von den überschwemmten Savannen
angefüllt zu einem bedeutenden brusttiefen Bach geworden war, der
rasch dem Makata zufloss. Da mussten denn die Esel abgeladen, durch
ein reissendes Wasser geführt und auf der andern Seite wieder beladen
werden, eine Operation, welche eine ganze Stunde in Anspruch nahm.
Gleich nachdem wir durch ein Gehölz gezogen waren, hemmte ein andres
Gewässer, welches zu einem Fluss angeschwollen war, unsere Weiterreise.
Da die Brücke fortgeschwemmt worden, waren wir genöthigt zu schwimmen
und unsere Bagage überzuflössen, was uns abermals zwei Stunden
aufhielt. Als wir das zweite Flussufer hinter uns hatten, wateten
wir bespritzt und bisweilen halb schwimmend durch Koth, vom Wasser
triefendes Gras und Matamahalme wankend längs des linken Ufers des
eigentlichen Makata, bis ein Weitergehen für den Tag durch eine tiefe
Krümmung des Flusses verhindert wurde, über die wir erst am nächsten
Tag setzen konnten.
Obwol an diesem fatalen Tage nur sechs engl. Meilen zurückgelegt worden
waren, hatte der Marsch zehn Stunden gedauert.
Halb todt vor Strapazen war ich doch glücklich, dass dieselben kein
Fieber hervorgerufen hatten, dem man fast nur durch ein Wunder entgehen
zu können schien. Denn unter allen mit Wechselfieber heimgesuchten
Gegenden nimmt die Makata-Wildniss den ersten Rang ein. Der blosse
Anblick der triefenden, in dichte Nebel gehüllten Wälder, des
überschwemmten Landes, der langen Schwaden von Tigergras, die durch die
trüben Fluten zu Boden gestreckt waren, der Hügel von faulenden Bäumen
und Rohrmassen, des angeschwollenen Flusses und des weinenden Himmels
waren genug, um das Mukunguru zu erzeugen. Die viel gebrauchten Khambis
mit den darum lagernden Schmutzhaufen hätten genügt, um die Cholera
hervorzurufen.
[Illustration: DER MAKATA-SUMPF.
I. S. 136.]
Der Makata, ein Fluss, der in der trocknen Jahreszeit nur 40 Fuss breit
ist, bekommt in der Masikazeit die Breite, Tiefe und Gewalt eines
bedeutenden Stromes. Wenn die Regenzeit ungewöhnlich stark ist, so
überflutet er die grosse Ebene, welche sich zu beiden Seiten erstreckt,
und verwandelt sie in einen gewaltigen See. Er ist der Hauptzufluss
des Flusses Wami, welcher sich zwischen den Häfen Saadani und Whnide
ins Meer ergiesst. Ungefähr zehn Meilen nordöstlich von der Makatafurt
vereinigen sich der grosse Makata, der kleine Makata, ein namenloses
Flüsschen und der Fluss Rudewa; der auf diese Weise entstehende Fluss
heisst der Wami. Durch ganz Usagara ist der Wami als Mukondokwa
bekannt. Drei dieser Ströme entspringen aus dem halbmondförmigen
Usagaragebirge, welches die Makataebene nach Süden und Südwesten
begrenzt, während der Rudewa im nördlichen Horne desselben Höhenzugs
entspringt.