nach Mikeseh. Um ½9 Uhr morgens stiegen wir den südlichen Abhang
des Kira-Pic hinauf. Als wir die Höhe von 200 Fuss über dem Niveau
der umliegenden Landschaft erreicht hatten, wurden wir durch einen
herrlichen Blick auf ein Land erfreut, dessen Boden keinen Sabbath
kennt, und wenn Prof. Malthus dies gesehen hätte, so würde derselbe nie
sein albernes Pamphlet geschrieben und wie der „Unglücks-Hume“ über die
Uebervölkerung und den sichern Untergang Englands Unsinn geredet haben.
Wenn es irgendwo zu viel englischredende Menschen gibt, so setze ich
in sie dasselbe Vertrauen, wie der weitsehende Verfasser der „Noctes
Ambrosianae“ in den „Bruder Jonathan“ und weiss, dass ihre starken
Ellenbogen sich irgendwo unbekümmert um das Wohl und Wehe derer, die
ihnen Widerstand leisten, Platz schaffen werden. Es gibt viele Hengists
und Horsas, Captain John Smiths und Pilgerväter in der angelsächsischen
Rasse, und wenn Amerika von ihren Nachkommen gefüllt ist, warum soll
dann nicht Afrika und namentlich dieser prachtvolle Theil desselben
ihnen zu einer neuen Heimat werden?
Nachdem wir am Rücken eines gegen den südlichen Abhang des Kira zu
liegenden Berges entlang gereist waren, mussten wir wieder in das
kleine Thal von Kiwrima hinabsteigen, der ersten in Udoe gelegenen
Ansiedlung, wo es immer reichlichen Vorrath an Wasser gibt. Zwei Meilen
westlich von Kiwrima liegt Mikiseh.
Am 16. erreichten wir nach kurzem Marsch Ulagalla. Dies ist der Name
eines Bezirks oder eines Theils eines Bezirks, der zwischen den Bergen
von Uruguru, die ihn südlich begrenzen, und denen von Udoe liegt,
welche nördlich und parallel mit jenen und nur zehn Meilen davon
entfernt verlaufen. Der Haupttheil des so gebildeten Beckens heisst
Ulagalla.
Muhalleh ist die nächste Ansiedlung und hier befanden wir uns auf
dem Gebiet der Waseguhha. Auf diesem Marsch waren wir von Bergen
eingeschlossen, links von denen von Uruguru, rechts von denen von Udoe
und Useguhha, was uns eine sehr angenehme und willkommene Abwechslung
bot nach den vielen Meilen eintöniger Ebene, die wir bisher gesehen
hatten. Wenn wir es müde waren, in die Tiefen des Waldes zu schauen,
der noch auf beiden Seiten des Weges dahinlief, brauchten wir blos
unsere Blicke auf das Gebirge zu richten, um die merkwürdigen Bäume,
Pflanzen und bunten Blumen desselben zu betrachten, oder unsere
Köpfe zu erheben, um in diese angenehme Beschäftigung dadurch
eine Abwechslung zu bringen, dass wir den langen wellenförmigen
Rücken der Gebirge anschauten und uns im Geiste mit ihren Conturen,
Ausläufern, Vorsprüngen und Schluchten, ihren hervortretenden Felsen
und tiefen Abgründen und den vom Gipfel bis zum Fuss sich überall hin
erstreckenden grünen Wäldern beschäftigten. Wenn unsere Aufmerksamkeit
nicht für die profane Aufgabe beansprucht wurde, nach dem Gepäck der
Esel oder den Tritten der vorsichtig wandelnden Pagazi zu sehen,
so war es angenehm, die um die Berggipfel spielenden Nebel zu
beobachten, welche sich in wolkige Kronen und phantastische Häufchen
zusammenballten, dann wieder auflösten, um sich wieder zu einer
dunklen Masse zu sammeln, welche Regen drohte, und sich dann vor der
erglänzenden Sonne zu zerstreuen.
In Muhalleh befand sich die vierte Karavane unter Maganga mit drei
neuen Kranken, welche sich bei meiner Annäherung mit gierigen Blicken
zu mir, dem Medicinspender, wandten. Kleingewehrsalven begrüssten mich
und ein Geschenk von Reis- und Maisähren zum Rösten wartete nur darauf,
dass ich es annähme. Aber es wäre mir lieber gewesen, dass Maganga
und seine Leute acht oder zehn Märsche weiter vorwärts wären, was ich
ihm auch sagte. In diesem Lager kamen wir auch mit Salim bin Raschid
zusammen, welcher eine mit 300 Elfenbeinzähnen beladene Karavane
nach Osten führte. Ausser der in einem Geschenk von Reis bestehenden
Bewillkommnung dieses guten Arabers gab er mir noch Nachrichten von
Livingstone. Er war dem alten Reisenden in Udschidschi begegnet, hatte
zwei Wochen in einer Hütte neben ihm gewohnt und beschrieb ihn als sehr
alt aussehend mit langem grauem Bart und Schnurrbart, eben von schwerer
Krankheit genesen und noch sehr angegriffen aussehend. Livingstone
hatte die Absicht, nach erfolgter völliger Genesung ein Land, das
Manyema heisst, über Marungu zu besuchen.
Das Thal des Ungerengeri, in dem Muhalleh liegt, bietet eine wunderbare
Fruchtbarkeit dar. Hier ist das Matamakorn am höchsten und der Mais
könnte sich dem besten, der je in den Gründen von Arkansas zu sehen
ist, zur Seite stellen. Die zahlreichen Bergströme hatten die tiefen
Lehmschichten sehr aufgeweicht, und infolge davon kamen verschiedene
Unfälle vor, ehe wir das Lager erreichten. So wurde z. B. das Tuch
nass, der Thee schimmelte, der Zucker hatte Wasser angezogen und
die Werkzeuge waren verrostet, und nur durch sofortige auf diese
nothwendigen Artikel verwandte Aufmerksamkeit gelang es uns bedeutende
Verluste zu vermeiden.
Zwischen dem Betragen der Waseguhha und dem der Wadoe, Wakami und
Wakwere, die wir bisher gesehen hatten, liess sich ein kleiner
Unterschied bemerken. Wir fanden hier durchaus nicht die Höflichkeit,
die wir bisher mit Vergnügen beobachtet hatten. Ihr ausgesprochener
Wunsch, mit uns Handel zu treiben, war von unverschämten Andeutungen
begleitet, dass wir ihre Erzeugnisse zu den von ihnen festgestellten
Preisen kaufen müssten. Wenn wir Einwendungen erhoben, so wurden
sie böse, antworteten heftig, ohne Widerrede zu vertragen, wurden
leidenschaftlich und waren rasch mit Drohungen bei der Hand. Dieses
sonderbare, dem der ruhigen und sanften Wakwere so entgegengesetzte
Betragen lässt sich vortrefflich durch einen Vergleich erläutern,
den man etwa zwischen dem Verhalten des heissblütigen Griechen und
des kühlen und gesetzten Deutschen anstellt. Wir waren durch die
Nothwendigkeit gezwungen, ihnen Esswaaren abzukaufen, und zum Ruhm des
Landes und seiner Erzeugnisse sei es gesagt, dass der Honig hier von
vorzüglichem Wohlgeschmack war.
[Illustration: SIMBAMWENNI, DIE „LÖWENSTADT“.
I. S. 117.]
Dem Seitenthal des Ungerengeri folgend, brachte uns ein Marsch von
zwei Stunden am nächsten Morgen dicht an der Hauptstadt von Useguhha,
Simbamwenni, vorüber. Die erste Ansicht der ummauerten, am westlichen
Fuss des Uruguru-Gebirge gelegenen Stadt mit ihrem schönen üppigen
Thal, das von zwei Flüssen und mehreren durchsichtigen Bächen, die
von den thau- und wolkenreichen Höhen herabrieseln, bewässert wird,
war derartig, wie wir sie nicht im östlichen Afrika zu finden gedacht
hatten. In Mazanderan in Persien würde eine solche Landschaft unsern
Erwartungen entsprochen haben, aber hier war sie ganz unerwartet.
Die Stadt kann eine Bevölkerung von etwa 3000 Menschen zählen, da
sie ungefähr tausend Häuser hat; bei der grossen Dichtigkeit der
Einwohner könnte sogar die Zahl 5000 der Wahrheit noch näher kommen.
Die Häuser in der Stadt sind charakteristisch afrikanisch, aber nach
dem besten Stil gebaut. Die Befestigungen sind nach arabisch-persischem
Muster angelegt und vereinigen arabische Zierlichkeit mit persischer
Planmässigkeit. Bei einem 950 Meilen langen Ritt in Persien habe ich
keine Stadt, ausser den ganz grossen, besser als Simbamwenni befestigt
gesehen. In Persien bestanden die Befestigungswerke, sogar die von
Kasvin, Teheran, Ispahan und Schiras aus Lehm; die von Simbamwenni
sind aus Stein, der von zwei Reihen Schiessscharten für Musketen
durchlöchert ist. Der Flächeninhalt der Stadt beträgt ungefähr
eine halbe Quadratmeile und bildet ein Viereck. Jede Ecke wird von
wohlgebauten Steinthürmen geschützt; vier Thore, von denen je eins
einer Himmelsrichtung entspricht und sich in der Mitte zwischen zwei
Thürmen befindet, vermitteln die Communication mit der Umgegend. Diese
Thore werden von festen quadratischen Thüren verschlossen, welche aus
afrikanischem Thekholz bestehen und mit Schnitzwerk nach unendlich
feinen complicirten arabischen Mustern geschmückt sind, woraus ich
schliesse, dass sie entweder in Zanzibar oder an der Küste gefertigt
und Bret für Bret nach Simbamwenni gebracht worden sind. Da jedoch viel
Verkehr zwischen Bagamoyo und Simbamwenni stattfindet, so ist es auch
möglich, dass Eingeborne die Verfertiger dieser künstlichen Arbeiten
sind, zumal ich an den grössten Häusern mehrere ähnlich obgleich nicht
ganz so mühevoll geschnitzte und ciselirte Thüren erblickte. Der Palast
des Sultans ist nach dem Stil der an der Küste befindlichen gebaut,
hat ein langes, sanft absteigendes, stark vorspringendes Dach und eine
Veranda an der Front.
Die Sultanin ist die älteste Tochter des berühmten Kisabengo,
eines in den Nachbarländern Udoe, Ukami, Ukwere, Kingaru, Ukwenni
und Kiranga-Wanna wegen seiner Liebhaberei für den Menschenraub
berüchtigten Mannes. Kisabengo war ein zweiter Theodor im kleinen
Massstabe. Von niedriger Abkunft, zeichnete er sich auch durch seine
persönliche Körperkraft aus, seine Redebegabung, seine kurzweilige
und gewandte Sprache, durch die er sich einen grossen Einfluss auf
flüchtige Sklaven zu verschaffen wusste und infolge dessen er von ihnen
zum Führer erwählt wurde. Vor gerechten Strafen, die er von dem Sultan
von Zanzibar zu erwarten hatte, fliehend, kam er in Ukami an, welches
damals von Ukwere bis Usagara reichte, und hier begann er die Laufbahn
eines Eroberers, deren Resultat darin bestand, dass die Wakami ihm
einen grossen Strich fruchtbaren Landes in dem Thal des Ungerengeri
abtraten. An dem festen Punkte, wo der Fluss dicht unter den Mauern
hinfliesst, baute er seine Hauptstadt und nannte sie Simbamwenni, was
„der Löwe“ oder die stärkste Stadt bedeutet. Im Greisenalter gab der
glückliche Räuber und Sklavenfänger seinen Namen Kisabengo auf, durch
den er so berüchtigt geworden war, und nannte sich Simbamwenni, nach
seiner Stadt. Auf seinem Todtenbette befahl er, dass seine älteste
Tochter ihm folgen solle und gab ihr auch den Namen der Stadt, welchen
die Sultanin noch heute führt.
Als wir über den reissenden Fluss setzten, welcher, wie ich schon
vorher sagte, dicht unter den Mauern dahinfliesst, hatten die Bewohner
von Simbamwenni eine gute Gelegenheit, ihre Neugier an dem „grossen
Musungu“ zu befriedigen, dessen verschiedene Karavanen ihm vorangezogen
waren und unverzeihlicher, weil ungerechtfertigter Weise ihm einen
Ruf grossen Reichthums und bedeutender Macht verschafft hatten. So
wurde ich von allen Seiten angegafft. Es befanden sich plötzlich weit
über tausend Eingeborne am Ufer, welche das Verbum „anstarren“ in
seinen verschiedenen Zeiten und Formen durchconjugirten, d. h. also,
mich hartnäckig, unverschämt, schlau, verschmitzt, bescheiden oder
verstohlen ansahen. Die Krieger der Sultanin, welche in der einen
Hand Speer, Bogen und Pfeilbündel oder Muskete hielten, umfassten mit
der andern je einen Freund, dem sie vertraulich ihre verschiedenen
Ansichten über meine Kleidung und Farbe mittheilten, sodass sie wie
Modelle von Nisos und Euryalus, Theseus und Pirithoos, Damon und
Phintias oder Achilles und Patroklus aussahen. Die Worte: „Musungu
Kuba“ hatten für diese Leute ebenso viel Reiz, wie die Musik des
buntbefiederten Pfeifers für die Ratten von Hameln, da sie einen so
grossen Theil der Bevölkerung aus ihren Mauern über den Strom lockten,
und als ich meine Reise bis an den vier Meilen entfernten Ungerengeri
fortsetzte, befürchtete ich, dass die Katastrophe von Hameln sich
wiederholen müsse, ehe ich die Leute loswerden könne. Aber zum Glück
für meine Gemüthsruhe unterlagen sie schliesslich der heissen Sonne und
der bedeutenden Entfernung, die wir bis an unser Lager zurückzulegen
hatten.
Da wir genöthigt waren, das Gepäck genau zu untersuchen, die Sättel
auszubessern, sowie einige der Thiere, deren Rücken sehr wund geworden
waren, zu curiren, so beschloss ich, hier zwei Tage Halt zu machen.
In Simbamwenni gab es hinreichende, obwol verhältnissmässig theure
Lebensmittel.
Als wir das nach Makanda bestimmte Gepäck öffneten, fanden wir
dasselbe in einem weit bessern Zustande, als wir gefürchtet hatten,
in Anbetracht der vielen Male wo es gründlich durchnässt worden,
denn wir befanden uns auf der Höhe der Masikazeit. Freilich hatten
einige werthvolle Dinge, z. B. Munitions-, Gewehr- und Theekisten
gelitten, was ich der Gedankenlosigkeit Shaw’s zuschrieb, der die
Esel durch brusthoch mit Wasser gefüllte Gräben getrieben hatte, wo
er aus Gründen der gemeinen Klugheit sie hätte abladen müssen. Als
ich Shaw in mein Zelt rief, um ihm meine Verluste zu zeigen, wurde
der Gute ausserordentlich heftig und warf mir vor, ich verlange von
ihm zuviel Arbeit, sei zu eigen, man könne mir nichts recht machen
und noch manches derartige. Seine stürmische Erwiderung schloss er
damit, dass er seine Absicht kundgab, meinen Dienst zu verlassen
und mit der ersten uns entgegenkommenden Karavane zurückzukehren.
Hierauf erwiderte ich ihm, ich werde seiner Abreise kein Hinderniss
entgegensetzen, da er sich als untüchtig und nachlässig erwiesen habe
und seine Musse mehr als seine Arbeit liebe. Er könne sich also, wenn
er wolle, augenblicklich entfernen, müsse aber sein persönliches Gepäck
zurücklassen, welches ich statt des ihm in Zanzibar vorgeschossenen
Geldes zurückbehalten wolle. Diese angemessene Ankündigung meiner
Absicht brachte Shaw in das gehörige Gleichgewicht, das er in seinem
Zorn einigermassen verloren hatte. Nach einigen Stunden war er mit
grossem Eifer in meinen Angelegenheiten beschäftigt und der Friede
wiederhergestellt.
Am zweiten Tage bemerkte ich zum ersten mal, dass meine Acclimatisation
in den Wechselfieber erzeugenden Sümpfen von Arkansas gegen das
Mukunguru von Ostafrika machtlos war. Die Vorläufer des afrikanischen
Typhus fühlte ich in meinem Körper um 10 Uhr morgens. Zuerst stellte
sich allgemeine Mattigkeit mit einer Neigung zum Schlaf ein; dann
kam ein Rückenschmerz, welcher von den Lenden anfangend die Wirbel
hinaufzog und sich über die Rippen erstreckte bis er die Schultern
erreichte, wo er sich als lästiger Schmerz festsetzte; drittens zog
ein Kältegefühl über den ganzen Körper, dem rasch Schwere im Kopfe,
thränende Augen, pulsirende Schläfen und ein undeutliches Sehen,
welches alle Gegenstände verzerrte und veränderte, folgte. Dies dauerte
bis 10 Uhr abends, dann verliess mich das Mukunguru, hinterliess aber
einen Zustand grosser Kraftlosigkeit.
Das Medicament, das ich drei Morgen nacheinander nach jedem Anfalle
gebrauchte, war dasjenige, welches ich aus Erfahrung in Kansas als das
beste kennen gelernt hatte, nämlich eine Quantität von 15 Gran Chinin,
welche dreimal des Tages alle zwei Stunden vom Morgen bis zum Mittag zu
5 Gran zu nehmen ist, und zwar muss die erste Dosis unmittelbar nach
den ersten Wirkungen eines am Abend vorher verabfolgten Abführmittels
genommen werden. Ich füge noch hinzu, dass diese Behandlung in
meinem und in allen andern Fällen, die in meinem Lager vorkamen, von
vollkommenem Erfolg gekrönt war. Wenn das Mukunguru sich gezeigt hatte,
brauchte man bei einer solchen Behandlung keinen zweiten Anfall zu
fürchten, wenigstens nicht vor Verlauf mehrerer Tage.
Am dritten Tage wurde das Lager von den Gesandten Ihrer Hoheit
der Sultanin von Simbamwenni besucht, die als ihre Repräsentanten
erschienen, um den Tribut, den sie erzwingen zu können glaubt, in
Empfang zu nehmen. Aber ich that ihnen sowol als Madame Simbamwenni
zu wissen, dass es unbillig wäre, dass ich noch einmal zahlen sollte,
da uns ihre Sitte bekannt wäre, den Besitzer von Karavanen nur einmal
Tribut zahlen zu lassen, und dies habe, wie sie doch wisse, der Musungu
(Farquhar) schon gethan. Die Gesandten antworteten mit einem „Ngema“
(sehr gut) und versprachen, meine Antwort ihrer Herrin zu überbringen.
Uebrigens war dies keineswegs sehr gut, da, wie man in einem spätern
Kapitel sehen wird, dieser weibliche Simbamwenni aus einem mir
zustossenden Unglück Vortheil zog und sich bezahlt machte. Hiermit
schliesse ich das Kapitel der Vorkommnisse während unseres Durchzuges
durch die Seeregion.
[Illustration: SHAW UND FARQUHAR.]
FÜNFTES KAPITEL.
NACH UGOGO.
Die Regenzeit. -- Zahlloses Ungeziefer. -- Uebergang über den
Ungerengeri. -- Bunder Salaam bekommt Prügel, entflieht und wird
wieder gefunden. -- Gefangennahme von Soldaten seitens der Sultanin.
-- Die Makata-Wildniss. -- Desertion und Wiedereinfangen eines
Soldaten. -- Furchtbare Schwierigkeiten beim Uebergang über den
Makata-Sumpf. -- Lager in Usagara. -- Shaw’s Brief an Farquhar.
-- Des Letztern Antwort. -- Seine Verschwendung. -- Shaw’s
Saumseligkeit. -- Neue Art einen Karren zu brauchen. -- Der See
Ugombo. -- Shaw und Farquhar beim Frühstück. -- Shaw wird von mir der
Länge lang zu Boden geschlagen. -- Er verlangt seine Entlassung. --
Er empfindet Reue. -- Ein Schuss durch mein Zelt. -- Farquhar wird in
Mpwapwa zurückgelassen. -- Abdullah bin Nasib. -- Gegend von Mpwapwa.
USEGUHHA. St. M.
Vom Ungerengeri-Fluss nach
Simbo 2 --
Feldlager im Freien 4 10
Makata-Fluss 2 30
USAGARA. St. M.
Lager westlich vom Makata -- 5
Lager in der Ebene 4 30
Lager in der Ebene 2 --
Rehenneko 3 15
Lager im Gebirge 3 30
Kiora 3 40
Lager am Fluss 4 50
Madete 2 30
See Ugombo 3 --
Matamombo 6 --
Mpwapwa 7 --
Kisokweh 2 --
Tschunyo 1 30
Wir fanden, dass die Entfernung von Bagamoyo nach Simbamwenni
119 Meilen betrug, welche wir in 14 Märschen abmachten. Doch
erstreckten sich diese Märsche infolge der Schwierigkeiten, die uns
die Masikazeit bereitete und besonders wegen der Nachlässigkeit
der vierten unter Maganga’s Führung befindlichen Karavane, über 29
Tage, wodurch unser Reisetempo allerdings sehr langsam wurde und
wenig mehr als vier Meilen den Tag betrug. Ich schliesse nach dem,
was ich vom Reisen gesehen, dass ich, wenn ich nicht durch die
kranken Wanyamwezi-Lastträger gehindert worden wäre, die Entfernung
in 18 Tagen hätte abmachen können. Die Esel hatten mein Vertrauen
keineswegs getäuscht; diese armen Thiere kamen mit je einer Last
von 150 Pfund in allerbester Ordnung in Simbamwenni an; nur der aus
Gier und Faulheit zusammengesetzte Maganga mit seinen körperlich
schwachen, syphilitischen Stammesgenossen, welche alle Augenblicke
krank wurden, war daran Schuld. Bei trocknem Wetter hätte die Zahl
der Märsche sehr verringert werden können. Von dem halben Dutzend
Arabern, die meiner Expedition auf dieser Strasse vorangezogen,
legten zwei die ganze Entfernung in acht Tagen zurück. Aus der
kurzen Beschreibung des Landes, wie es sich von Tag zu Tag unsern
Blicken darstellte, kann der Leser sich eine richtige Vorstellung
desselben bilden. Wenn ich von Simbamwenni nach dem fernen an der
Küste belegenen Bagamoyo zurückblicke, so kenne ich einen Staat in
unserm Vaterlande, der sich sehr wohl mit diesem Landstriche, was
Fruchtbarkeit, physische Umrisse, Wälder und ebene von hohen Gehölzen
eingeschlossene Prairien, Gebirgskegel, Bergkämme und grossartige
mit Grün bedeckte Wellenformationen vergleichen lässt, und das ist
Missouri. Die Höhe von Simbamwenni kann nicht viel über 1000 Fuss
über der Meeresfläche betragen, da das Land sich sehr allmählich
erhoben hat. Da es gerade in der Regenzeit war, über die uns so
viele ominöse Erzählungen von Leuten mitgetheilt worden, die den
Charakter des Landes nicht kannten, erblickten wir es natürlich unter
den ungünstigsten Verhältnissen. Aber selbst in dieser ungünstigen
Phase blicke ich trotz allem tiefen schwarzen Kothe, übernässigem
Thau, triefendem, erkältendem Grase, dichten, üppigen Dschungels und
heimtückischen Fiebern, die ihr eigen, mit Vergnügen auf die Landschaft
zurück, wegen des Wohlstandes und Glücks, welches sie der civilisirten
Nation, die in Zukunft herkommen und von ihr Besitz ergreifen wird,
verspricht. Eine Eisenbahn von Bagamoyo nach Simbamwenni liesse sich
ebenso rasch und leicht und mit viel geringeren Kosten herstellen
als die Pacific-Eisenbahn, von deren raschen von Tag zu Tag bis zu
ihrer Vollendung erfolgenden Fortschritten die Welt mit Bewunderung
gehört hat. Ein Aufenthalt in diesem Theile von Afrika, würde, nachdem
daselbst eine gründliche Kanalisation durchgeführt worden, von keinen
grössern Unbequemlichkeiten begleitet sein, als einer neuen Ansiedlung
gewöhnlich zukommen. Die Temperatur betrug in dieser Jahreszeit während
des Tages nicht mehr als 24° R. Die Nächte waren angenehm, fast zu
kalt, wenn man nicht ein paar wollene Decken zum Zudecken hatte, und
bis Simbamwenni von jener Plage, die auf den Prairien von Nebraska und
Kansas so schrecklich wüthet, den Moskitos, verschont. Die einzigen
Beschwerden, die meines Erachtens dem Ansiedler arg zusetzen würden,
wären von der hartnäckigen, blutgierigen Mabungu oder Pferdefliege,
der Tschufwa u. a., die ich schon beschrieben habe, zu erwarten, die
bestimmt das Halten von Hausvieh unvortheilhaft machen würden, solange
bis die dichten Wälder und Dschungels abgeholzt wären.
Meiner Erwartung entgegen war die Expedition nicht im Stande, am
Ende der beiden Tage aufzubrechen, sondern noch zwei mussten in
recht elendem Zustande im traurigen Thale des Ungerengeri zugebracht
werden. Dieser Fluss, der in der trocknen Jahreszeit so klein ist,
gewinnt während der Masikazeit bedeutend an Umfang und Gewalt,
wie wir zu unserm Leidwesen erfuhren. In ihn ergiesst sich alles
Wasser, das von einer Anzahl Bergkuppen und zwei langen Gebirgsketten
herabströmt; während er sich am Fuss derselben dahinschlängelt,
nimmt er die Wasserfälle, die man in den kurzen Intervallen, wo die
Sonne scheint, in der Ferne glitzern sieht, und alle Nullahs und
Waldströme auf, die der ausgedehnten Wand der Gebirgsabhänge ein so
schroffes, unregelmässiges Aussehen verleihen, bis er in das Thal von
Simbamwenni als ein furchtbarer Wasserkörper hinabgleitet, der den
Karavanen, die nicht die Mittel haben, Brücken zu bauen, ein ernstes
Hinderniss bereitet. Hierzu kam noch ein beständig strömender Regen
und zwar ein solcher, wie er die Menschen ans Haus fesselt, sie
elend und unliebenswürdig macht, ein wirklicher londoner Regen, ein
beständiger von dichtem Nebel begleiteter Sprühregen. Wenn die Sonne
schien, erschien sie nur als ein blasses Abbild ihrer selbst und alte
Pagazi, die es in der Wetterkunde mit erfahrenen Wallfischfängern
hätten aufnehmen können, schüttelten bedenklich ihre Köpfe über dieses
betrübende Phänomen und erklärten es für zweifelhaft, ob der Regen
vor drei Wochen aufhören werde. Die Lokalität des Karavanenlagers
auf dieser Seite des Ungerengeri war ein unangenehm anzuschauendes
Treibbeet für Malaria und selbst in der Erinnerung abscheulich. Der
Schmutz von ganzen Generationen von Pagazi hatte unzähliges Ungeziefer
angesammelt. Armeen von schwarzen, weissen und rothen Ameisen suchen
den unglücklichen Boden heim; wurmartige Tausendfüssler von jeder Farbe
klettern über die Gesträuche und Pflanzen; an dem Unterholz hängen
die Nester gelbköpfiger Wespen mit Stacheln, die so böse wie die der
Skorpionen sind; ungeheure Käfer von der Grösse ausgewachsener Mäuse
wälzen Misthaufen über den Boden; das tausendfältige Ungeziefer, von
dem der Boden wimmelt, ist von allen Arten, Formen, Gestalten und
Farben; kurz die reichste entomologische Sammlung könnte es an Zahl und
Mannichfaltigkeit mit den Arten nicht aufnehmen, welche die vier Wände
meines Zeltes vom Morgen bis zur Nacht beherbergten.