Am 4. April erschienen Maganga und seine Leute, nachdem sie sich uns

durch Musketenschüsse und Hornsignale, den in diesem Lande gewöhnlichen

Zeichen der Annäherung einer Karavane, angemeldet hatten. Seine Kranken

waren bedeutend besser, aber sie brauchten noch einen Tag Ruhe in

Kingaru. Nachmittags kam er, um Angriffe auf meine Freigebigkeit zu

machen, indem er mir Einzelheiten über die herzlosen Betrügereien

erzählte, welche Sur Hadschi Pallu gegen ihn verübt hätte; aber ich

sagte ihm, ich könne, seit ich Bagamoyo verlassen, nicht mehr freigebig

sein. Wir wären jetzt in einem Lande, wo das Tuch viel mehr werth sei;

auch hätte ich nicht mehr Zeug, als ich für meinen und meiner Leute

Unterhalt brauchte, und er und seine Karavane hätten mir mehr Geld

und Mühe gekostet, als die drei übrigen -- was auch der Fall war. Mit

dieser Entgegnung musste er sich zufriedengeben, aber ich löste wieder

seine Zweifel über die Geldangelegenheit, indem ich ihm versprach, dass

er, wenn er rasch mit seiner Karavane nach Unyanyembé weiterzöge, keine

Ursache haben solle, sich zu beklagen.

Am 5. April hatten wir die Genugthuung, die vierte Karavane vor uns her

verschwinden zu sehen mit dem erwünschten Versprechen, dass wir sie

diesseits von Simbamwenni gewiss nicht wieder erblicken sollten, wenn

wir auch noch so rasch folgten.

Am folgenden Morgen schlug ich, um meine Leute aus ihrer krankhaften

Stumpfheit aufzurütteln, einen ermunternden Alarm mit einem eisernen

Kochlöffel auf einer Zinnpfanne, wodurch ich anzeigte, dass wir im

Begriff standen, ein Sofari zu unternehmen. Nach der ausserordentlichen

Heiterkeit zu urtheilen, mit der meinem Aufruf entsprochen wurde, hatte

dies eine sehr gute Wirkung. Schon vor Sonnenaufgang waren wir in der

Lage aufbrechen zu können. Nach unserm Abzug stürzten die Dorfbewohner

von Kingaru mit der Schnelligkeit von Habichten heraus, um sich Lumpen

oder Abfälle, die wir zurückgelassen hatten, zu sammeln.

Der lange Marsch von 15 Meilen nach Imbiki bewies, dass unser

verlängerter Aufenthalt in Kingaru meine Soldaten und Pagazis völlig

demoralisirt hatte. Nur wenige von ihnen hatten Kraft genug, um Imbiki

vor der Nacht zu erreichen. Die andern, welche bei den beladenen Eseln

waren, erschienen erst am nächsten Morgen in einem bejammernswerthen

Zustande des Geistes und Körpers. Khamisi -- der Pagazi mit den

schwachen Lenden -- war weggelaufen und hatte zwei Ziegen, das Zelt für

die Waaren und die ganze persönliche Habe von Uledi, welche aus seinem

Besuchs-Dischdascheh, einem langen Hemde nach arabischem Schnitt, 10

Pfund Perlen und einigen feinen Zeugen bestand, mitgenommen. Uledi

hatte ihm dies in einem Anfall von Grossmuth anvertraut, während er

des Pagazi’s Last, nämlich 70 Pfund Bubuperlen, getragen hatte. Diese

Veruntreuung durfte nicht unbeachtet bleiben, auch konnte man Khamisi

nicht heimkehren lassen, ohne dass ein Versuch gemacht wurde, ihn

zu fassen. Daher wurden Uledi und Feradschi ausgeschickt, um ihn zu

verfolgen, während wir in Imbiki blieben, um den heruntergekommenen

Soldaten und Thieren Zeit zur Erholung zu geben.

Am 8. setzten wir unsere Reise fort und kamen in Msuwa an. Dieser

Marsch wird als der angreifendste von allen in der Erinnerung unserer

Karavane lebendig bleiben, obwol die Entfernung nur zehn Meilen betrug.

Er führte fortwährend durch Dschungeldickicht, nur unterbrochen von

drei dazwischen liegenden Waldwiesen von beschränkten Dimensionen,

die uns drei Athmungspausen in der grässlichen Reisearbeit durch das

Dickicht gewährten. Der Geruch, der den wilden Pflanzen desselben

entströmte, war so durchdringend, so stechend scharf, und das aus

den verwesten Pflanzenstoffen entstehende Miasma so dicht, dass ich

jeden Augenblick erwartete, ich und meine Leute würden in akuten

Fieberanfällen hinstürzen. Glücklicherweise jedoch gesellte sich dieses

Unglück nicht noch zu dem Uebelstande, dass wir die häufig fallenden

Packete auf- und abzuladen hatten. Es zeigte sich, dass sieben Soldaten

für die Besorgung von fünfzehn beladenen Eseln auf einer Reise durch

die Dschungels entschieden zu wenig waren; denn wenn der Pfad nur

einen Fuss breit ist und von einer von Dornen und Schlinggewächsen

starrenden Mauer zu beiden Seiten eingehegt wird, wenn vorspringende

Aeste quer über ihn laufen, sowie Bündel von starren Zweigen, spitz

wie Nägel alles aufhalten, was mehr als vier Fuss hoch ist, so kann

man vernünftigerweise annehmen, dass vier Fuss hohe Esel mit einer

Last, welche von einem Ballen zum andern vier Fuss misst, Unglück haben

mussten. Solches Unglück ereignete sich häufig und zwang uns alle paar

Minuten, die Sachen wieder in Ordnung zu bringen. Dies hatten wir so

oft zu thun, dass die Leute ganz unmuthig wurden und man ihnen scharf

zureden musste, damit sie sich an die Arbeit machten. Als ich Msuwa

erreichte, war niemand bei mir und den zehn Eseln, die ich trieb, als

Mabruki der Kleine, welcher, obwol gewöhnlich etwas dumm, wie ein Mann

bei seiner Arbeit blieb. Bombay und Uledi waren weit hinten mit den

abgemattetsten Eseln. Shaw hatte den Karren zu besorgen und machte

sehr trübe Erfahrungen dabei; wie er mir sagte, hatte er ein ganzes

Wörterbuch stürmischer Schimpfreden, wie sie den Matrosen bekannt sind,

verbraucht und noch ein neues, selbst extemporirtes erschöpft. Er kam

nicht vor 2 Uhr am nächsten Morgen an und war vollständig abgetrieben.

Ich zweifle wirklich, dass der frömmste Geistliche es hätte vermeiden

können, über seine eigene Thorheit hierher zu kommen, zu fluchen, wenn

er unter solchen Umständen, mit so häufig wiederkehrenden Störungen,

und einer solchen Sisyphusarbeit ausgesetzt, durch diese Dschungels

hätte reisen müssen. Wie habe ich mich doch auf diesem schweren Marsche

nach meiner frühern bequemen Lebensweise, nach der angenehmen Ruhe

in meinem behaglichen Lehnstuhl in Madrid gesehnt! Wer zuerst vom

Reisen behauptet hat, dass es blos für Narren paradiesisch sein könne,

muss sicherlich durch die Erlebnisse eines ähnlichen Tages zu diesem

Ausspruch veranlasst worden sein.

Wiederum wurde in Msuwa Halt gemacht, damit unsere Thiere sich erholen

konnten. Der Häuptling des Dorfes, ausser in der Farbe ein Weisser

in jeglicher Beziehung, schickte mir und meinen Leuten das fetteste

breitschwänzige Schaf seiner Heerde und fünf Maass Matamakorn. Das

Hammelfleisch war ausgezeichnet, unvergleichlich schön. Für sein

rechtzeitiges, uns so nothwendiges Geschenk gab ich ihm zwei Doti

und amüsirte ihn damit, dass ich ihm den wundervollen Mechanismus

des gezogenen Winchester-Gewehrs und meiner Hinterlader-Revolver

auseinandersetzte.

Er und seine Leute waren intelligent genug, um die Nützlichkeit dieser

Waffen in der Noth zu begreifen und deuteten mit ausdrucksvollen

Pantomimen die mächtige Wirkung derselben gegen blos mit Speer und

Bogen bewaffneten Massen an, indem sie ihre Arme so ausstreckten,

als ob sie eine Flinte hielten und mit derselben einen grossen Kreis

umschrieben. „Wahrlich“, sagten sie, „die Wasungu sind viel klüger

als die Waschensi. Was für Köpfe haben sie! Was für wunderbare Dinge

machen sie! Man sehe nur ihre Zelte, ihre Gewehre, ihre Uhren, ihre

Kleider und das kleine rollende Ding (den Karren) an, das mehr als fünf

Menschen transportiren kann, -- que!“

Am 10. marschirte meine Karavane von Msuwa ab, nachdem sie sich von

der furchtbaren Anstrengung des letzten Tages erholt hatte. Von den

gastfreien Dorfbewohnern wurden wir, soweit ihre Vertheidigungspfähle

reichten, begleitet und dort mit einstimmigen „Quaharys“ verabschiedet.

Ausserhalb des Dorfes versprach der Marsch weniger schwierig zu sein

als zwischen Imbiki und Msuwa. Nachdem die Strasse durch eine hübsche

kleine Ebene gegangen war, welche ein trockener Graben oder Mtoni

durchschnitt, führte sie an ein paar bebauten Feldern vorüber, wo uns

die Ackerbauer wie bezaubert, nur durch starres Anglotzen begrüssten.

Bald darauf stiessen wir auf ein Schauspiel, das in diesem Theile der

Welt gewöhnlich ist, nämlich auf eine gefesselte Sklavenbande, die

nach Osten zog. Die Sklaven sahen durchaus nicht niedergeschlagen aus,

sondern schienen im Gegentheil von dem philosophischen Humor erfüllt,

den der muntere Diener Martin Chuzzlewit’s an den Tag legt. Wäre es

nicht um die Ketten gewesen, so hätte man nur mit Schwierigkeit den

Herrn vom Sklaven unterscheiden können; die physiognomischen Züge

waren dieselben. Das milde Wohlwollen, mit dem sie uns anblickten,

war auf allen Gesichtern gleichmässig zu sehen. Die Ketten waren

schwer und hätten auch Elefanten fesseln können, aber da die Sklaven

ausser denselben nichts zu tragen hatten, konnte ihr Gewicht nicht

unerträglich sein.

Auf diesem Marsch gab es wenig Dickicht und obgleich die Packete

an einigen Stellen Unfälle erlitten, so waren diese doch nicht so

bedeutend, dass wir dadurch erheblich aufgehalten worden wären. Um

10 Uhr vormittags campirten wir mitten in einer Gegend, die eine

imposante Aussicht auf grünen Rasen und Wald darbot, über die sich

ein wolkenloser Himmel wölbte. Wir hatten unser Lager wieder in der

Wildniss aufgeschlagen und, wie es bei Karavanen Sitte ist, zwei

Schüsse abgefeuert, um den Waschensi, die Korn verkaufen wollten,

anzuzeigen, dass wir zum Handel bereit seien.

Unser nächster Halteplatz war das nur elf Meilen von Msuwa entfernte

Kisemo, ein in einem volkreichen Bezirk belegenes Dorf, das in

seiner Umgebung nicht weniger als fünf andere Dörfer zählt, welche

sämmtlich mit Pfählen und Dornenverhauen befestigt sind und einen

ebenso trotzigen Unabhängigkeitssinn an den Tag legen, als ob ihre

kleinen Gebieter lauter Percy und Douglas wären. Jedes Dorf lag oben

auf einem Bergkamm oder niedrigem Hügel und sah so herausfordernd

aus, wie ein Hahn auf seinem eigenen Misthaufen. Zwischen diesen

unbedeutenden Anhöhen und niedrigen Höhenzügen winden sich enge

Thäler, in denen Matama und Mais gebaut wird. Hinter dem Dorf fliesst

der Ungerengeri-Fluss, welcher in der Masikazeit ein ungestümer

Gebirgsstrom und im Stande ist, seine steilen Ufer zu überfluten,

in der trockenen Jahreszeit dagegen in seinem gewöhnlichen Zustande

verharrt und als kleiner, sehr klares, süsses Wasser enthaltender Bach

erscheint. Von Kisemo läuft er erst südwestlich, dann östlich, und er

bildet den Hauptzufluss des Kingani.

Die Schönen von Kisemo, welche riesige Posteriora haben, sind durch

ihre Liebhaberei für Schmuck von Messingdraht, der sich in Spiralen um

ihre Hand- und Fussgelenke windet, sowie durch die verschiedenartigen

Frisuren ihrer mit dicken Haaren besetzten Köpfe bekannt. Dagegen

beweisen ihre armen Gebieter, die sich mit schmutzigen zerrissenen

Fetzen und gespaltenen Ohren begnügen müssen, welch ausgedehnte

Herrschaft Asmodeus über diese Erdensphäre ausübt; denn es muss eine

unglückliche Zeit gewesen sein, wo die schwer belagerten Ehemänner

ihren drängenden Gemahlinnen schliesslich nachgaben. Ausser diesen

Messingverzierungen an den Extremitäten und den verschiedenen Frisuren

tragen die Weiber von Kisemo häufig lange Halsbänder, welche in den

verschiedenartigsten Farben an ihrem schwarzen Körper herabwallen.

Es gibt ein belebtes Bild, wenn ein solches Frauenzimmer von der

bereits erwähnten gewaltigen körperlichen Entwickelung, in vollem

Staat, bei der nothwendigen Hausarbeit ist und für sich und die Familie

Korn mahlt. Der Mahlapparat besteht aus zwei Theilen, einer dicken

ungefähr sechs Fuss langen Stange aus hartem Holze, die als Stössel

dient, und einem geräumigen hölzernen Mörser von drei Fuss Höhe.

Als Shaw dabei war, sein Zelt aufzuschlagen, war er genöthigt, einen

kleinen flachen Stein wegzurücken, um einen Pflock in den Boden

treiben zu können. Als der Dorfhäuptling dies sah, stürzte derselbe

sofort athemlos auf ihn zu, legte den Stein wieder an seine Stelle

und stellte sich dann in nachdrücklicher Weise, welche die grosse

Bedeutung andeutete, die dem Stein und seiner Lage beigelegt wurde,

auf denselben. Als Bombay bemerkte, dass Shaw in stummer Verwunderung

über diese Handlungsweise stehen blieb, erbot er sich, den Häuptling

zu fragen, was das zu bedeuten habe. Der Scheikh antwortete feierlich

mit einem Finger nach unten weisend: „Uganga!“ Darauf bat ich ihn

dringend, mir zu zeigen, was unter dem Steine eigentlich wäre. Mit

einer ganz rührenden Liebenswürdigkeit willfahrte er meinen Bitten und

meine Neugier wurde durch den Anblick eines geschnitzten Stäbchens

befriedigt, das ein Insekt fest an den Boden heftete, welches einem

jungen Frauenzimmer im Dorfe einen Abortus verursacht haben sollte.

[Illustration: FRAU BEIM KORNMAHLEN.]

Während des Nachmittags kehrten Uledi und Feradschi, die dem

weggelaufenen Khamisi nachgeschickt worden waren, mit ihm und allen

fehlenden Gegenständen zurück. Dem Khamisi waren bald nachdem er den

Weg verlassen und sich in das Dickicht gestürzt hatte, wo er sich im

Geiste über seine Beute freute, einige plündernde Waschensi begegnet,

die Nachzüglern fast immer auflauern; sie hatten ihn ohne Umschweife

in den Wald in ihr Dorf geschleppt und an einen Baum gebunden, um ihn

zu tödten. Khamisi hatte, wie er uns sagte, sie gefragt, warum sie

ihn anbänden, worauf sie ihm antworteten, sie ständen im Begriff, ihn

zu tödten, weil er ein Mgwana sei, und diese pflegten sie sofort nach

der Gefangennahme zu tödten. Diesen Debatten über Khamisi’s Schicksal

machten jedoch Uledi und Feradschi, welche bald darauf gut bewaffnet

an den Ort kamen, ein Ende, indem sie ihn als einen aus dem Lager des

Musungu weggelaufenen Pagazi, sowie alle Gegenstände, die er zur Zeit

seiner Gefangennahme bei sich hatte, für sich in Anspruch nahmen. Die

Räuber machten ihnen auch das Recht auf den Pagazi, die Ziege, das Zelt

und alle andern Werthsachen, die bei jenem gefunden worden, gar nicht

streitig, sondern meinten nur, sie verdienten eine Belohnung dafür,

dass sie ihn gefangen genommen. Da dies Verlangen als gerechtfertigt

anerkannt wurde, wurde ihnen eine Belohnung von zwei Doti und einem

Fundo oder zehn Schnüren Perlen gewährt.

Es war unmöglich, Khamisi seine Desertion und den Raubversuch zu

verzeihen, ohne dass er erst bestraft worden wäre. In Bagamoyo hatte

er, ehe er in meinen Dienst genommen wurde, einen Vorschuss von 5

Dollars an Geld verlangt und erhalten; und die Last von Bubuperlen, die

er zu tragen gehabt, war nicht schwerer, als jede andere Pagazilast; es

gab also gar keine Entschuldigung für seine Desertion. Um jedoch bei

seiner Bestrafung keine Unklugheit zu begehen, liess ich acht Pagazi

und vier Soldaten als Richter zusammentreten und bat sie, darüber zu

entscheiden, was zu geschehen habe. Ihr einmüthiger Urtheilspruch

lautete, dass er eines unter den Wanyamwezi’schen Pagazi sonst

unbekannten Verbrechens schuldig sei, und da dasselbe geeignet sei,

den letzteren einen schlechten Ruf zu schaffen, so verurtheilten sie

ihn dazu, mit des „grossen Herrn“ Eselspeitsche geprügelt zu werden.

Darauf liess ich ihn binden und in Erwägung, dass infolge seiner

Handlungsweise die Pagazi an ihrem guten Ruf, die Soldaten an der

Werthschätzung ihres Herrn als ausreichende Wachen Schaden gelitten

hatten und Shaw von mir dafür getadelt worden war, dass er nicht besser

nach den Nachzüglern gesehen, ertheilte ich den Befehl, dass jeder

Pagazi und Soldat sowie Shaw ihn mit je einem Hiebe bestrafen sollten.

Dies wurde auch unter des armen Khamisi lautem Wehklagen ausgeführt.

Ehe die Nacht anbrach, kam eine kleine Karavane von Wangwana an,

die mir einen langen Brief von dem liebenswürdigen amerikanischen

Consul in Zanzibar, sowie eine Reihe neuer Zeitungsnummern des „New

York Herald“, die bis zum 4. Februar reichten, brachte. Unter andern

erfreulichen Nachrichten, wie z. B. den Verhandlungen des Congresses

und der New-Yorker gesetzgebenden Versammlung oder Berichten über

schreckliche in Amerika begangene Verbrechen, die ich in ihnen las,

befand sich auch eine Schilderung des zweiten Levers des Präsidenten

Grant, in welchem Herr Jenkins mit studirtem Wortschwall die Toiletten

der Damen beschrieb, die bei diesem bemerkenswerthen Empfange zugegen

waren. Da las ich denn wie eine lavendelfarbene Straussfeder unter

den lieblichen grauen Locken von Frau X. gewogt; wie Diamanten der

grossartigen Toilette von Frau Y., dieser imposanten Erscheinung, die

Krone aufgesetzt; wie Frau Z. einen mit Rüschen von scharlachrothem

Atlas besetzten Ueberwurf getragen; wie Frau V. aus ihren Diamanten ein

Lichtmeer habe strahlen lassen, wenn sie in ihrem herrlichen, purpurnen

Atlasgewande dahingerauscht sei; wie sich der Präsident mit seiner

tiefen männlichen Stimme und seinem forschenden grauen Augenpaar bei

Gelegenheit seines zweiten Levers für das souveräne Volk aufgeopfert

habe; und noch mehr derartige Schmeicheleien.

Als ich von dieser erquicklichen Lectüre aufsah, erblickte ich in

meiner Zeltthüre die schwarzhäutigen Leiber von Kisemo’s Töchtern in

dichten Schaaren, die sich vergeblich abgemüht hatten, das Geheimniss

zu durchdringen, das in diesen enormen Papierbogen lag, in die ich

mich so lange Zeit vertieft hatte. So plötzlich und gewaltig war

der Contrast zwischen dem, was mein Freund Jenkins beschrieben,

und diesem so ausserordentlich realistischen Anblicke, der sich

meinen leibhaftigen Augen darbot, dass es einer starken Anstrengung

des Geistes und Gedächtnisses bedurfte, um es mir klar zu machen,

wie solche grossartig gekleidete Damen aussehen und wo eigentlich

der Unterschied liege zwischen einer „blonden Schönheit mit einer

Masse goldig schimmernden Haares und Augen, deren Glanz mit dem

der Diamanten wetteifert“, und einem dieser runden, dreizehn- bis

vierzehnjährigen, eben heranreifenden schwarzen Mädchen, die mit ihrem

Hahnenkamm wolligen Haupthaares, ihren üppig entwickelten, nur von

ein wenig alter Leinwand verhüllten Körperformen, ihren drei Pfund

schweren Messingdraht-Zierrathen an Kopf und Fuss und massenhaften

Perlenschnüren um den Hals, in der natürlichen Pracht und Schönheit

der Nacktheit zahlreich meinem Lever beiwohnten. Aber freilich gibt es

einen grossen Unterschied zwischen meinem Hof und dem des Präsidenten,

der nämlich, dass letzterer einen so tüchtigen Mann wie Jenkins zum

Reporter hat!

Am 12. erreichte die Karavane Mussundi am Ungerengeri-Fluss. Zum

Glück für unsere geduldigen Esel war dieser Marsch von all den

lästigen durch die Dschungels veranlassten Störungen frei; zum Glück

für uns selbst hatten wir keine Sorgen mehr um die Packete und keine

Angst, dass wir vor Anbruch der Nacht nicht ins Lager kämen. Nachdem

die Packereien fest auf die Rücken unserer guten Esel geschnallt

waren, marschirten sie auf dem vortrefflichen Wege ohne eine einzige

Verschiebung oder Veranlassung zur Ungeduld bis wir ins Lager kamen.

Wenn der Weg nach Unyanyembé überall so wäre wie dieser, so würde

ich ihn für ebenso angenehm halten, wie eine Ueberfahrt von New-York

nach Staten-Island zu einem Sonntagsvergnügen oder eine Fahrt in

der Pferdeeisenbahn nach dem Centralpark. Wenn man die Kiespfade,

Seen und Teiche, Museen, Gitterlauben, den Kiosk, die uniformirten

Polizisten und wohlgekleideten Besucher, kurz alle Einzelheiten

und Anzeichen einer alten Civilisation abzieht, so würde der alles

dessen beraubte Centralpark, mit seinen erquickenden freien Plätzen,

lieblichen Senkungen und mit Alleen bewachsenen Hügeln denen, die

sich denselben in diesem Zustande vorstellen könnten, ein ziemlich

treues Bild des Landes geben, welches sich, bald nachdem wir Kisemo

verlassen hatten, unsern Blicken darbot. Diese herrliche uncultivirte

Gegend mit ihren zahlreichen Blumen und mannichfaltigen süssduftenden

Sträuchern, unter denen ich den wilden Salbei, die Indigopflanze und

andere erkannte, hörte am Fusse des Pic Kira und seiner Nachbarkegel

auf, welche die Grenze zwischen Udoe und dem noch 20 Meilen entfernten

Ukami bezeichneten. Diese fernen Berge bildeten einen nicht unpassenden

Hintergrund für das herrliche Bild der offenen Ebene, der kleinen

Waldungen und sich senkenden freien Plätze. In den blauen Bergen lag

hinreichend viel malerisches und erhabenes, um das Bild zu einem Ganzen

zu vervollständigen.

Als wir uns dem Ungerengeri-Thal näherten, erhoben Granitblöcke und

glänzende Quarzvorsprünge ihr Haupt über dem röthlichen Boden. Nachdem

wir den Bergrücken hinabgestiegen, wo diese Felsen hervorragten,

befanden wir uns in dem schwarzen Lehmboden des Ungerengeri und

inmitten üppiger Felder von Zuckerrohr und Matama, Mais, Muhogo

und Gärten von Curry, Eier- und Gurkenpflanzen. An den Ufern des

Ungerengeri blühte die Banane und über diese schoss, sie um 70 Fuss

und mehr überragend, die stattliche Mparamusi empor, welche es an

Schönheit mit der persischen Chenar und der abessinischen Platane

aufnimmt. Ihr Stamm ist gerade und stattlich genug, um als Hauptmast

einer Fregatte erster Klasse dienen zu können, während ihre ausgedehnte

Laubkrone sich vor allen andern durch Dichtigkeit und lebhaftes Grün

unterscheidet. Dort befinden sich etwa 20 verschiedene Arten der

grösseren Baumgattungen, deren weit ausgebreitete Aeste sich über den

schmalen, aber raschen Fluss hinweg umarmen. Die Thalsenkungen und die

unmittelbare Nachbarschaft des Flusses wurde von jungen Waldungen von

Tigergras und steifen Binsen überwuchert.

Mussoudi ist wesentlich höher gelegen als die meisten anderen Dörfer

und sieht daher auf seine Nachbardörfer, deren Zahl mehr als hundert

beträgt, hinab. Es bildet die westliche Grenze von Ukwere. Auf dem

westlichen Ufer des Ungerengeri beginnt das Gebiet der Wakami.

Wir mussten einen Tag in Mussoudi halten, weil wir bei der Armuth

des Volkes uns nicht die nöthige Quantität Korn zu verschaffen

vermochten. Die Ursache dieses Mangels in einem so fruchtbaren und

kornreichen Thale war, dass sich die zahlreichen Karavanen, welche uns

vorausgezogen waren, hier mit grossen Vorräthen für ihre Reisen ins

Innere versehen hatten.

Am 14. passirten wir den Ungerengeri, welcher hier in südlicher

Richtung bis an die südliche Grenze des Thales fliesst, wo er sich bis

Kisemo hin nach Osten wendet. Nachdem wir hier über den Fluss gesetzt

waren, der zu allen Zeiten passirbar und nur 18 Meter breit ist, hatten

wir das Thal, welches einen sehr feuchten Boden und üppigen Graswuchs

hat, noch eine Meile lang zu durchziehen. Dann erhob es sich und

führte durch einen Wald von Mparamusi, Tamarinden, Tamarisken, Akazien

und blühenden Mimosen. So stiegen wir zwei Stunden lang aufwärts und

befanden uns dann auf dem Rücken des grössten Bergkammes, von wo wir

freie Aussichten über die unten liegende bewaldete Ebene und die fernen

Höhenzüge von Kisemo, die wir vor kurzem verlassen hatten, geniessen.

Nachdem wir ein paar hundert Fuss hinabgestiegen waren, kamen wir in

ein tiefes, aber trockenes Mtoni mit sandigem Bett, auf dessen anderer

Seite wir wieder die gleiche Höhe zu ersteigen hatten, wo sich ein

ähnliches Land unsern Blicken eröffnete, bis wir eine neu errichtete

Boma mit wohlgebauten Grashütten nahe an einer Wasserpfütze fanden,

die wir sofort als Halteplatz für die Nacht in Beschlag nahmen. Der

Karren machte uns bedeutende Mühe; selbst unser stärkster Esel, der mit

Bequemlichkeit 196 Pfund auf dem Rücken tragen konnte, vermochte ihn

mit einer nur aus 225 Pfund bestehenden Belastung nicht fortzuziehen.

Wie ich Livingstone fand; Erster Band · 第 9 / 29 段