ich einen Vergleich zwischen ihr und der Tsetsefliege an, wie sie
Dr. Livingstone in seinen „Missionary Travels and Researches in
South-Africa“ (London 1868, S. 56, 57) beschrieben hat. Es waren
zwischen ihnen so viele Unterscheidungspunkte vorhanden, dass es ganz
unwahrscheinlich ist, dass diese Fliege die wirkliche Tsetse ist,
obgleich meine Leute einstimmig erklärten, dass ihr Biss Pferden
wie Eseln tödlich sei. Eine kurze Beschreibung der Tsetse würde so
lauten: „Nicht viel grösser als eine gewöhnliche Hausfliege, fast
von derselben Farbe, wie die braune Hausfliege, der Hintertheil des
Körpers zeigt gelbe Querstreifen. Sie gibt ein sonderbares Gesumme
von sich und ihr Biss ist tödlich für Pferde, Ochsen und Hunde. Auf
den Menschen wirkt der Biss nicht, ebensowenig auf wilde Thiere. Wenn
man sie auf der Hand saugen lässt, so macht sie mit der Mittelzinke
von drei Theilen, in welche sich der Rüssel spaltet, einen Einstich,
zieht dieselbe dann etwas heraus und nimmt, während die Kinnbacken
in rasche Bewegung gerathen, eine scharlachrothe Farbe an; dem Biss
folgt ein leichtes Jucken.“ Die Fliege, welche ich beobachtet hatte,
wird von den Eingeborenen Mabunga genannt. Sie ist viel grösser als
die gewöhnliche Hausfliege, reichlich ein Drittel grösser als die
gewöhnliche Honigbiene und hat eine bestimmter markirte Farbe; ihr
Kopf ist schwarz, mit einem grünlichen Schimmer. Der Hintertheil
des Körpers ist durch eine weisse Linie ausgezeichnet, welche der
Länge nach von der Verbindungsstelle desselben mit dem Vorderkörper
hinabläuft, und auf jeder Seite dieser weissen Linie befinden sich zwei
andere, von denen die eine scharlachroth, die andere hellbraun ist. Was
ihr Summen anbetrifft, so hat es nichts Eigenthümliches, sondern man
könnte es für das einer gewöhnlichen Biene halten. Als ich sie fing,
machte sie verzweifelte Anstrengungen, sich zu befreien, versuchte
aber gar nicht zu beissen. Diese Fliege griff mit etwa zwanzig andern
mein graues Pferd an und biss es so arg in die Beine, dass diese
wie in Blut gebadet aussahen. Daher ist es wol möglich, dass ich
etwas rachsüchtig war, als ich mit mehr als dem blossen Eifer eines
Entomologen daranging, zu entdecken, was für Eigenthümlichkeiten ihre
Gebisswerkzeuge hätten.
Um das Bild dieser Fliege meinen Lesern so ähnlich wie möglich
vorzuführen, kann ich ihren Kopf mit einem ganz winzigen Miniaturbild
eines Elefanten vergleichen, denn sie hat einen schwarzen Rüssel und
ein paar hornige Fühlhörner, die an Farbe und Krümmung Elefantenzähnen
ähnlich sind. Der schwarze Rüssel ist jedoch blos eine hohle Scheide,
welche, wenn sie nicht beisst, vier röthliche, scharfe Lanzetten
umschliesst. Unter dem Mikroskop unterscheiden sich diese vier
Lanzetten durch ihre Dicke; zwei davon sind sehr dick, die dritte
ist dünn, aber die vierte, opalfarbige und fast durchsichtige, ist
ungemein fein. Diese letztere muss der Sauger sein; wenn die Fliege im
Begriff ist zu beissen, so fassen die beiden Fühlhörner den Theil, die
Lanzetten werden aus der Scheide gezogen und im Nu ist der Einschnitt
bewerkstelligt. Dies halte ich für die afrikanische „Pferdefliege“.
Die zweite Fliege, welche den Tenorlaut von sich gab, ähnelte an Grösse
und Aussehen mehr der Tsetse. Sie war sehr flink, und drei Soldaten
brauchten fast eine Stunde dazu, um ein Exemplar zu fangen; als es
schliesslich gefangen war, stach es sehr gierig in die Hand und hörte
mit seinen Angriffen gar nicht auf, bis es mit einer Nadel durchstochen
war. Diese Fliege hatte 3-4 weisse Querstreifen auf dem Hintertheil
ihres Körpers; ihre Beisswerkzeuge bestanden aus zwei schwarzen
Fühlhörnern und einem opalfarbigen Stichel, der sich unter dem Halse
einschlagen liess. Wenn sie beissen wollte, wurde dieser Stichel gerade
herausgeschoben und die Fühlhörner umgaben ihn eng. Nach dem Tode
verlor die Fliege ihre charakteristischen weissen Streifen. In diesem
Lager haben wir nur ein Exemplar dieser Gattung gesehen.
Die dritte Fliege, welche „Tschufwa“ heisst, hatte einen schwachen
Altton, war um ein Drittel grösser als die Hausfliege und hatte lange
Flügel. Obwol dieses Insekt die schwächsten Töne von sich gab, so
leistete es doch das meiste und richtete den grössten Schaden an.
Pferde und Esel strömten von Blut, bäumten sich und schlugen vor
Schmerzen mit den Hufen um sich. Es war so erpicht darauf, sich nicht
eher vertreiben zu lassen, als bis es sich zur Genüge vollgesogen
hatte, dass man es leicht abthun konnte; und dieser schreckliche Feind
des Viehes vermehrte sich immer an Zahl. Die drei genannten Arten sind
nach den Eingeborenen dem Vieh tödlich; und das ist wol der Grund,
warum so grosse Flächen vorzüglichen Weidelandes keinerlei Hausvieh
aufweisen und nur ein paar Ziegen von den Dorfbewohnern gehalten
werden. Diese letztere Fliege hat sich mir später als die Tsetse
herausgestellt.
Am zweiten Morgen hielt ich es für gerathener, auf die vierte
Karavane zu warten, statt weiter vorwärtszugehen. Burton hat für mich
ausreichende Erfahrungen in Bezug auf die Versprechungen der Banyanen
von Kaole und Zanzibar gemacht; er musste elf Monate warten, ehe er die
versprochenen Gegenstände erhielt. Da ich überhaupt nicht sehr viel
mehr als elf Monate auf meine ganze Reise zu verwenden gedachte, so
wäre es ein absoluter und nicht wieder gut zu machender Ruin gewesen,
wenn ich durch meine Karavane so lange in Unyanyembé zurückgehalten
werden sollte. Ihre Ankunft erwartend, widmete ich mich den Freuden
der Jagd. Ich muss gestehen, dass ich darin noch ein Neuling war,
obgleich ich in den Ebenen von Amerika und Persien mit gejagt hatte;
ich konnte mich indess immerhin als nicht schlechten Schützen ansehen
und zweifelte nicht, dass, wenn ich mich in einer Wildgegend und in
entsprechender Nähe des Wildes befände, ich einiges ins Lager bringen
könnte.
Nachdem wir durch das hohe Gras der Ebene eine Weile lang gegangen
waren, erreichten wir zwischen dichtem Schilf gelegene Lichtungen.
Ohne Erfolg spähte ich hier nach guten Verstecken und Schlupfwinkeln,
kam aber schliesslich auf eine Spur, welche von kleinen Antilopen
und Hartebeests reichlich betreten war, der wir folgten. Sie führte
mich in ein Dickicht und einen Wasserlauf entlang, der dasselbe
durchschnitt; aber nachdem ich ihm eine Stunde lang gefolgt war, kam
ich von demselben und beim Versuch, ihn wieder aufzufinden, auch von
meinem Wege ab. Hier leistete jedoch mein Taschenkompass gute Dienste
und mit seiner Hülfe steuerte ich auf die freie Ebene zu, in deren
Mitte das Lager stand. Aber es war furchtbar schwere Arbeit, sich
durch ein afrikanisches Dickicht durchzudrängen, das den Kleidern und
der Haut gleich verderblich war. Um rasch fortzukommen, hatte ich
ein paar Flanellgamaschen angezogen und die Füsse in Segeltuchschuhe
gesteckt. Wie sich erwarten liess, fasste, ehe ich ein paar Schritte
weit gegangen war, ein Zweig der Acacia horrida, die nur eins unter
hundert ähnlichen Uebeln bildet, das rechte Bein meiner Gamaschen am
Knie und riss es fast rein ab, worauf ein stämmiger Kolquall mich an
der Schulter fasste und mir als unvermeidliche Folge einen zweiten
Riss beibrachte. Ein paar Schritt weiter verunzierte eine stachelige
Aloepflanze durch einen weitern Riss das andere Bein meiner Gamaschen
und fast unmittelbar darauf strauchelte ich gegen einen Convolvulus
von der Stärke einer Mastenstrickleiter und fiel der Länge nach auf
ein Bett von Dornen. Auf allen Vieren, wie ein Hund auf der Fährte,
war ich nun gezwungen weiter zu wandern. Mein Sonnenhut wurde mit
jeder Minute schlechter, meine Haut mehr und mehr verletzt, meine
Kleider bei jedem Schritt mehr zerrissen. Ausser diesen Uebeln gab es
eine stechende ätzende Pflanze, welche neben ihren starken Gerüchen
mir schmerzhaft ins Gesicht schlug und einen dem durch Cayennepfeffer
verursachten ähnlichen, brennenden Schmerz hinterliess. Die in dem
undurchdringlichen Dickicht eingeschlossene Atmosphäre war heiss und
erstickend, der Schweiss rann mir aus allen Poren und machte meine
Flanellfetzen so nass, als ob ich durch ein Regenbad gegangen wäre.
Als ich schliesslich wieder in die Ebene gelangt war und frei athmen
konnte, gelobte ich mir im Geist, dass ich nie wieder ins Innere
afrikanischer Dschungels zu dringen versuchen würde, wenn es nicht eine
dringende Nothwendigkeit erheischte.
Trotz der grausamen Risse in meinen Kleidern und meiner Hautwunden
konnte ich nicht umhin, als ich über die grosse wellenförmige
in liebliches Grün gekleidete Ebene blickte, die von schönen im
Frühlingslaub prangenden Wäldern begränzt wurde, und die kleinen
über die weite Fläche verstreuten Gebüschinseln betrachtete, die
Schönheit der Gegend zu bewundern. Täglich gewann das Land in meiner
Werthschätzung, denn bisher fühlte ich nur, dass ich erhaltenen
Befehlen nachkam, und wie ungesund es auch sein mochte, so war ich doch
verpflichtet, weiterzugehen; aber aus Furcht vor dem schrecklichen
Fieber, das mir durch die Fieberaussichten, die das bittere Buch des
Kapitän Burton in meiner Phantasie angeregt hatte, noch schrecklicher
wurde, gelobte ich mir, nicht einen Fuss breit von meinem Wege
abzugehen.
Soll ich Dir sagen, lieber Leser, was die „Lake Regions of Central
Africa“ und später die Berichte europäischer Kaufleute in Zanzibar mir
für Vorstellungen vom Innern beigebracht hatten? Es waren die eines
ungeheuern Sumpfes, der rings vom Fieber eingehüllt wäre, und zwar
von einer Art gelben Fiebers, welches, wenn es mich nicht tödtete,
mich doch so an Körper und Geist schwächen würde, dass ich für die
Zukunft ein hülfloser Idiot bliebe. In diesem Sumpf, welcher sich
über mehr als 200 Meilen ins Innere erstreckt, spielten eine Masse
Nilpferde, Krokodile, Alligatoren, Eidechsen, Schildkröten und andere
Kröten, und die Miasmen, welche sich aus der ungeheuern Schlammflut
sich zersetzender und verwesender Massen erhoben, waren so dick und so
heftig deprimirend, wie der trübselige, Selbstmord erzeugende londoner
Nebel. Im Vordergrunde dieses schauerlichen Bildes befanden sich stets
in meinem Geiste die Gestalten der armen Burton und Speke, von denen
der erstere infolge dieses Fiebers ein vollständiger Invalide geworden
und der andere in seinem Gehirnleben dauernd angegriffen war. Den
bittern Fieberton in Kapitän Burton’s Buch hatte ich als die Folge
seiner afrikanischen Krankheit angesehen. Aber seit meiner Ankunft auf
dem Festlande hatte sich der düstere leichentuchartige Vorhang mit
jedem Tage mehr verzogen und die trostlose Aussicht aufgeklärt. Wir
waren jetzt zwei Monate auf ostafrikanischem Boden und kein einziger
meiner Leute war krank geworden. Ja, die Europäer hatten an Körperfülle
zugenommen und ihr Appetit war stets in ausserordentlich gutem Zustande.
Der zweite und dritte Tag verging ohne irgendeine Nachricht von
Maganga. Daher wurden Shaw und Bombay ausgesandt, um ihn mit aller
möglichen Beschleunigung heranzubringen. Am vierten Morgen kehrten
sie von dem langsamen Maganga und seinen langsam nachziehenden Leuten
begleitet zurück. An ihn gerichtete Fragen waren nur im Stande, ihm die
Entschuldigung zu entlocken, dass seine Leute zu krank gewesen wären
und er gefürchtet hätte, ihre Kräfte eher auf die Probe zu stellen,
als bis sie ganz im Stande wären, die Strapazen auszuhalten. Ausserdem
machte er den Vorschlag, ich möchte doch, da er sich noch einen Tag in
dem Lager aufhalten müsse, nach Kingaru voranziehen und dort bis zu
seiner Ankunft im Lager bleiben. Auf diesen Rath hin brach ich mein
Lager ab und zog nach dem fünf Meilen entfernten Kingaru.
Auf diesem Marsche wurde das Land hügeliger, und die Karavane stiess
zuerst auf Schilfmoor, was unserm Wagen bedeutende Mühe verursachte.
Pisolithischer Kalkstein trat in Schichten und Geröllen hervor; wir
fingen an, uns einzubilden, dass wir uns einem gesunden Hochlande
näherten, und als ob dieser Gedanke sich bestätigen sollte, wurden
im Norden und Nordwesten die purpurnen Kegel von Udoe sichtbar
und über allen ragte der Dilima-Pic etwa 1500 Fuss hoch über der
Meeresfläche empor. Aber bald darauf senkte sich der Weg wieder in ein
kesselförmiges, grünes, von hohem Korn bewachsenes Thal und bog sich
leicht von Nordwesten nach Westen durch ein Land, das sich abermals in
wellenförmigen Linien dahinzog.
In einer der zwischen diesen länglichen Bodenanschwellungen
befindlichen Niederungen stand das Dorf Kingaru mit einer Umgebung,
die in ihrem Aeussern auf Wechsel- und andere Fieber hindeutete.
Vielleicht machten die dicken Regenwolken und überhängenden Bergfirsten
mit ihren dichten, durch das Dunkel traurig aussehenden Wäldern den
Ort unangenehmer als gewöhnlich; jedenfalls waren die ersten Eindrücke
keineswegs angenehm, die ich von dieser rasenbekleideten, von dunkeln
Wäldern eingeschlossenen Thalsenkung und der nahe gelegenen tiefen
sumpfigen Wasserrinne empfing.
Ehe wir unser Lager in Ordnung bringen und die Zelte aufschlagen
konnten, kam der schreckliche Vorbote der Masikazeit in hinreichenden
Strömen herab, um die junge, glühende Liebe, die ich in letzter Zeit
für Ostafrika an den Tag gelegt hatte, zu dämpfen. Trotz des Regens
jedoch arbeiteten wir weiter, bis unser Lager fertig, das Eigenthum vor
Wetter und Dieben in Sicherheit gebracht war, und wir mit Ergebung
zusehen konnten, wie die Regentropfen den Boden in einen äusserst zähen
Schlamm verwandelten und aus unserm Lagergrunde kleine Seen und Flüsse
bildeten.
Gegen Abend, nachdem das unangenehme Schauspiel seinen Höhepunkt
erreicht hatte, hörte der Regen auf, und die Eingeborenen kamen
aus den in den Wäldern gelegenen Dörfern schaarenweise mit ihren
Verkaufsartikeln ins Lager. Ihnen voran erschien, als ob er dazu
verpflichtet wäre, der Sultan -- Beherrscher oder Häuptling -- des
Dorfes mit 3 Maass Matama und ½ Maass Reis, die er mich mit väterlichem
Lächeln anzunehmen ersuchte. Aber unter seiner lachenden Maske, den
triefenden Augen und der gefurchten Stirn liess sich ein ränkevolles,
äusserst schlaues Wesen erkennen. Unter derselben Maske, die dieser
schelmische Aelteste angenommen hatte, antwortete ich: „Der Häuptling
von Kingaru hat mich einen reichen Sultan genannt. Wenn ich das bin,
warum kommt dann der Häuptling nicht mit einem reichen Geschenk zu mir,
damit er ein ebenso reiches Gegengeschenk empfangen könne?“ Darauf
erwiderte er abermals mit einem gezwungenen Lächeln seines runzligen
Gesichts: „Kingaru ist arm und es gibt im Dorfe kein Matama.“ Worauf
ich entgegnete, ich werde ihm, da kein Matama im Dorf vorhanden sei,
ein halbes Schukka oder ein Meter Tuch geben, was genau seinem Geschenk
entspräche, und wenn er sein kleines Körbchen für ein ordentliches
Geschenk halte, so würde ich mein Zeug gleichfalls als ein solches
bezeichnen. Mit dieser Logik musste er sich zufriedengeben.
+1. April.+ Heute hat die Expedition einen Verlust erlitten durch
den Tod des grauen arabischen Pferdes, das mir Seyyid Barghasch, der
Sultan von Zanzibar, geschenkt hatte. Gestern Abend bemerkte ich, dass
das Pferd leidend war. Da ich mich dessen erinnerte, was mir Dr. Kirk,
der britische Consul in Zanzibar, so häufig versichert hatte, nämlich
dass Pferde im Innern von Afrika wegen der Tsetsefliege nicht leben
könnten, liess ich es öffnen, um den Magen, von dem ich meinte, dass er
krank sei, zu untersuchen. Ausser vielem unverdauten Matama und Gras
fanden sich 25 kurze, dicke, weisse Würmer vor, welche wie Blutegel
in der Wandung des Magens steckten, während die Därme von zahlreichen
langen weissen Würmern wimmelten. Ich bin überzeugt, dass weder Mensch
noch Vieh mit einer solchen Masse schädlicher lebender Wesen im Innern
lange existiren kann.
Damit der todte Kadaver das Thal nicht verpeste, liess ich das Pferd
ungefähr 20 Meter von der Lagerstätte tief in die Erde vergraben. Aus
dieser kleinen Veranlassung machte der Dorfhäuptling Kingaru ungeheuern
Lärm. Er hatte sich nämlich mit seinen Collegen, den Häuptlingen der
benachbarten Dörfer, die ungefähr zwei Dutzend aus Zweigen geflochtene
Hütten repräsentirten, über die beste Methode berathschlagt, wie er den
Musungu um ein oder zwei ganze Doti Merikani strafen könne, und war
dabei schliesslich zu der Ueberzeugung gelangt, dass die Beerdigung
eines todten Pferdes in ihrem Grund und Boden, ohne vorgängige
Erlaubniss, ein schreckliches und strafwürdiges Vergehen sei. Indem er
sich also über die unverzeihliche Unterlassung sehr entrüstet stellte,
beschloss Kingaru, vier junge Leute an den Musungu zu schicken und ihm
sagen zu lassen: „Da Ihr Euer Pferd in meinem Boden begraben habt,
so mag es gut sein; es kann da bleiben, aber Ihr müsst mir zwei Doti
Merikani dafür bezahlen.“ -- Als Antwort wurde den Boten aufgetragen,
ihrem Häuptling zu sagen, ich zöge es vor, die Sache mit ihm selbst
von Angesicht zu Angesicht zu besprechen, wenn er so gut sein wolle,
mich noch einmal in meinem Zelte zu besuchen. Da das Dorf nur einen
Steinwurf von unserm Feldlager entfernt war, kam der runzlige Aelteste
in ein paar Minuten wieder an die Thür meines Zeltes und etwa die
Hälfte der Einwohnerschaft folgte ihm.
Das nun folgende Zwiegespräch, welches so stattfand, wie es hier
aufgezeichnet, wird dazu beitragen, den Charakter der Leute zu
kennzeichnen, mit denen ich ungefähr ein Jahr lang im Verkehr stehen
sollte.
_Weisser_: „Sind Sie der grosse Häuptling von Kingaru?“
_Kingaru_: „Huh-uh. Ja.“
_Weisser_: „Der grosse, grosse Häuptling?“
_Kingaru_: „Huh-uh. Ja.“
_Weisser_: „Wie viel Soldaten habt Ihr?“
_Kingaru_: „Wieso?“
_Weisser_: „Wie viel Kriegsleute habt Ihr?“
_Kingaru_: „Gar keine.“
_Weisser_: „Nun, ich dachte, Ihr würdet tausend Mann bei Euch
haben, da Ihr einem so starken Weissen, der viel Gewehre und Soldaten
hat, eine Strafe von 2 Doti für das Begraben eines todten Pferdes
auferlegt.“
_Kingaru_ (etwas verwirrt): „Nein, ich habe keine Soldaten. Ich
habe blos ein paar junge Leute.“
_Weisser_: „Warum kommt Ihr denn und macht uns diese Unruhe?“
_Kingaru_: „Ich habe es nicht gethan, sondern meine Brüder, die
mir sagten: «Komm her, komm her, Kingaru, sieh, was der weisse Mann
gethan hat. Hat er nicht von Deinem Grund und Boden Besitz ergriffen
dadurch, dass er sein Pferd ohne Deine Erlaubniss in Deinem Erdreich
begraben hat? Komm, geh hin und sieh, mit welchem Rechte er das
gethan.» Daher bin ich hergekommen, um Euch zu fragen, wer Euch die
Erlaubniss ergeben hat, meinen Boden als Begräbnissplatz zu benutzen.“
_Weisser_: „Ich bedarf keines Menschen Erlaubniss, um das zu thun,
was recht ist. Mein Pferd ist krepirt. Hätte ich es in Euerm Thal
liegen lassen, um daselbst zu verfaulen und die Luft zu verpesten,
so hätte Krankheit Euer Dorf heimgesucht, Euer Wasser wäre ungesund
geworden und die Karavanen würden hier nicht anhalten, um Handel zu
treiben, denn sie würden sagen: «Dies ist ein unglücklicher Ort, lasst
uns fortziehen.» Aber genug davon; ich höre, Ihr wollt nicht, dass das
Pferd in Euerm Boden beerdigt sei. Der Fehler, den ich begangen, lässt
sich leicht wieder gutmachen. Im Augenblicke sollen meine Soldaten es
wieder ausgraben und den Boden so zudecken, wie er früher war, und
das Pferd soll da liegen bleiben, wo es gestorben ist.“ (Bombay laut
zurufend): „Heda, Bombay, nimm Soldaten mit Hacken, um mein Pferd aus
der Erde herauszugraben. Schleppt es dahin, wo es gestorben ist und
macht alles bereit für unsern morgen früh stattfindenden Marsch.“
Kingaru schreit nun mit bedeutend erhobener Stimme und vor Erregung
wackelndem Kopfe: „Akuna, akuna, Bana! Nein, nein, Herr! Möge der
weisse Mann nicht zornig werden. Das Pferd ist todt und liegt jetzt
begraben. Mag es da liegen bleiben, weil es schon da ist, und lasst uns
wieder gute Freunde sein.“
Nachdem der Scheikh von Kingaru auf diese Weise zur Vernunft gebracht
war, boten wir einander ein freundschaftliches Quahary und ich blieb
allein, um über meinen Verlust nachzudenken. Kaum war eine halbe Stunde
verstrichen -- es war 9 Uhr abends geworden und das Lager schon halb
im Schlummer, -- als ich ein tiefes, von einem der Thiere herrührendes
Gestöhne vernahm. Als ich mich danach erkundigte, welches Thier leidend
war, war ich erstaunt zu erfahren, dass es mein Brauner sei. Mit
einer Stallglaslaterne besuchte ich dasselbe und bemerkte, dass der
Schmerz im Magen sass, aber ob er von irgend einer giftigen Pflanze,
die es auf der Weide gefressen oder von einer sonstigen Krankheit
herrühre, konnte ich nicht ermitteln. Das Pferd gab reichliche Mengen
einer dünnflüssigen Substanz von sich, die aber in ihrer Farbe nichts
eigenthümliches hatte. Seine Schmerzen waren offenbar sehr gross, denn
es stöhnte wahrhaft kläglich und sträubte sich heftig. Ich blieb die
ganze Nacht auf in der Hoffnung, dass es nur die vorübergehende Wirkung
einer unbekannten schädlichen Pflanze sei, aber nach einem kurzen,
schweren Todeskampfe krepirte auch dieses Pferd am nächsten Morgen um
6 Uhr, genau 15 Stunden nach dem andern. Als wir den Magen öffneten,
stellte sich heraus, dass der Tod durch das nach Innen erfolgte
Aufplatzen eines Krebsgeschwürs bedingt war, das den grössten Theil
der Magenwand ergriffen und sich 1-2 Zoll nach dem Mageneingang hinauf
erstreckt hatte. Der Inhalt des Magens und der Gedärme war von dem
gelben schleimigen Ausfluss des Geschwürs geradezu überschwemmt.
So hatte ich meine beiden Pferde verloren und zwar innerhalb des kurzen
Zeitraums von fünfzehn Stunden. Bei meiner beschränkten Kenntniss der
Veterinärkunde, welche zwar durch die vorliegenden positiven Beweise,
die mir die Section der beiden Magen darbot, erweitert wurde, kann
ich es kaum wagen, der Behauptung des Dr. Kirk zu widersprechen und
etwa meinerseits behaupten zu wollen, dass Pferde doch im Stande sind,
Unyanyembé zu erreichen und bequem durch diesen Theil Ostafrikas reisen
können. Sollte ich aber in Zukunft jemals dazu Gelegenheit haben, so
würde ich nicht zaudern, mir vier Pferde mitzunehmen; doch würde ich
bestimmt vor dem Kaufe mir alle Mühe geben, genau festzustellen, ob
sie vollständig gesund und fehlerfrei sind, und den Reisenden, die
ein gutes Pferd gern haben, möchte ich zurufen: „Versuchen Sie es
weiter und lassen Sie sich nicht durch meine unglücklichen Erfahrungen
entmuthigen.“
Der 1., 2. und 3. April gingen vorüber und wir hörten und sahen nichts
von der stets zurückbleibenden vierten Karavane. Mittlerweile vermehrte
sich die Zahl unserer Unfälle. Ausser dem Verlust der kostbaren Zeit
infolge der Verkehrtheit des Führers der andern Karavane und dem
Verlust meiner beiden Pferde, benutzte ein mit Bootgeräthschaften
beladener Pagazi die Gelegenheit und desertirte. Ferner wurde mein
Dolmetscher Selim von einem heftigen Anfall von Wechselfieber befallen.
Ihm folgte alsbald der Koch, dann der Hülfskoch und Schneider Abdul
Kader, schliesslich ehe der dritte Tag vorbei war, hatte Bombay
Rheumatismus, Uledi (der frühere Diener Grant’s) Halsentzündung, Zaidi
den Fluss, Kingaru das Mukunguru, Khamisi, ein Pagazi, litt an Schwäche
der Lenden, Fardschallah bekam ein Gallenfieber, und ehe die Nacht
einbrach, hatte Makoviga Durchfall. So schien mein beabsichtigter
Sturmlauf nach Unyanyembé und rasches Durchschreiten der furchtbaren
Seegegend dazu bestimmt, ziemlich ähnlich wie der rasche Lauf auf
Magdala zu endigen, den Dr. Austin, von der Londoner „Times“, dem Sir
Robert Napier in Abessinien so dringend anrieth. Von einer Truppe von
25 Mann war einer desertirt, 10 befanden sich auf der Krankenliste, und
es wurde somit die Vorahnung, dass die übel aussehende Umgegend von
Kingaru uns Unglück bringen werde, zur vollen Wahrheit.