In etwa einer halben Stunde hatten wir das hohe Matama und die Felder

von Wassermelonen, Gurken und Maniok hinter uns gelassen und befanden

uns, nachdem wir ein Binsenmoor überschritten hatten, in einem offenen

Walde von Ebenholz- und Calabassenbäumen. In seinen Tiefen befinden

sich Hirsche in grosser Zahl und zur Nachtzeit wird er seines Grases

wegen von den Flusspferden des Kingani besucht. Eine Stunde später

waren wir aus den Wäldern herausgetreten und blickten über das breite

Thal des Kingani, wo sich eine Scenerie, so unendlich verschieden von

den Gebilden meiner dummen Phantasie, eröffnete, dass ich durch die

angenehme Enttäuschung ganz ergötzt wurde. Hier streckte sich ein Thal

vier Meilen nach Osten und Westen und ungefähr acht Meilen nach Norden

und Süden aus, welches mit seinem reichen Boden dem blossen wilden

Graswuchs überlassen war, was in der civilisirten Welt eine für die

Viehzucht sehr werthvolle Wiese abgegeben hätte; umgeben war dasselbe

von einem dichten Walde, der den Horizont nach allen Himmelsrichtungen

hin verdunkelte, und eingehüllt von baumbewachsenen Berggipfeln.

Als sich unsere Karavane hören liess, sprangen die rothen Antilopen

nach rechts und links und die Frösche hörten auf mit ihrem Quaken.

Die Sonne schien heiss, und während wir durch das Thal schritten,

spürten wir etwas von ihrer wirklich afrikanischen Glut. Ungefähr auf

dem halben Wege durch das Thal kamen wir an eine Pfütze stehenden

Wassers, die gerade auf der Strasse, welche die Karavane zog, einen

sumpfigen Teich gebildet hatte. Die Pagazis gingen über eine rasch

gebaute Brücke, die vor langer Zeit von einigen menschenfreundlichen

Waschensi gezimmert worden war. Es war ein merkwürdiges Ding; rohe

Baumäste ruhten auf sehr unsichern gabelförmigen Pfählen und es hatte

offenbar schon früher die Geduld manches beladenen Mnyamwezi auf

die Probe gestellt, wie jetzt die der Lastträger unserer Karavane.

Unsere schwächern Thiere wurden abgeladen, da die Erfahrungen an der

Schmutzlache zwischen Bagamoyo und Gonera uns diese Vorsichtsmassregel

gelehrt hatten; aber dies verursachte keinen langen Aufenthalt, die

Leute arbeiteten tüchtig unter Shaw’s Oberaufsicht.

Alsbald erreichten wir den trüben Kingani, der wegen seiner Flusspferde

berühmt ist, und gingen durch das Schilfmoor längs seines rechten

Ufers, bis uns durch einen engen Graben, der einen unmessbar tiefen

schwarzen Schlamm enthielt, geradezu Halt geboten wurde. Die

Schwierigkeit, die uns dieser darbot, war sehr gross, obgleich er kaum

8 Fuss breit war. Man konnte nämlich die Esel und vor allen Dingen die

Pferde nicht dazu bringen, die beiden Stangen zu überschreiten, wie es

unsere zweibeinigen Lastträger thaten. Auch konnte man sie nicht in den

Graben treiben, weil sie dort rasch untergegangen wären. Die einzige

Möglichkeit, ihn mit Sicherheit zu überschreiten, war durch eine

Brücke, welche in diesem conservativen Lande Generationen lang als das

Werk der Wasungu bestehen würde. So begaben wir uns denn an die Arbeit,

da wir es nicht vermeiden konnten, und bauten mit den amerikanischen

Aexten, welche unzweifelhaft die ersten waren, deren Streiche in diesem

Theile der Welt gehört wurden, eine Brücke. Man kann sich darauf

verlassen, dass sie rasch gemacht wurde, denn wo der civilisirte Weisse

sich einfindet, muss jede Schwierigkeit weichen. Die Brücke bestand aus

6 starken Bäumen, die über den Graben geworfen wurden. Kreuzweis über

diese wurden 15 Packsättel gelegt, welche wiederum mit einer dicken

Grasschicht bedeckt wurden. Alle Thiere gingen sicher hinüber, und

sodann begann zum dritten mal an diesem Morgen das Weiterwaten.

Der Kingani fliesst hier nach Norden, und unser Weg lag an dem rechten

Ufer entlang. Nachdem wir eine halbe Meile in der Richtung durch ein

Dickicht von ungeheuern Binsen und üppigen Schlingpflanzen gegangen

waren, kamen wir an eine Fähre, wo die Thiere wieder einmal abgeladen

werden mussten; und wahrhaftig, als ich die tiefen, schlammigen Wasser

des Flusses sah, wünschte ich mir Mosis Zauberstab, oder was ebenso gut

gewesen wäre, Aladdin’s Ring, denn dann hätten wir uns ohne weitere

Mühe auf dem andern Ufer befunden; aber da ich keine dieser Gaben

besass, so ertheilte ich den Befehl, sofort hinüberzugehen, denn es war

ein übles Ding, sich angesichts dieser sehr irdischen Aussicht nach

überirdischen Mitteln zu sehnen.

Kingwere, der Nachenruderer, der uns von seinem Dickicht-Versteck auf

der andern Seite erblickte, beantwortete höflich unsere Hallohs und

brachte seinen grossen ausgehöhlten Baum geschickt über die Wirbel des

Stromes an den Ort, wo wir auf ihn warteten. Während ein Theil unserer

Gesellschaft den Nachen mit unsern Gütern belud, machten andere ein

langes Seil zurecht, welches den Thieren um den Hals befestigt wurde,

um sie durch den Fluss aufs andere Ufer hinüberzuziehen. Nachdem ich

zugesehen hatte, dass die Arbeit ordentlich angefangen wurde, setzte

ich mich in einen ausrangirten Nachen, um mich damit zu unterhalten,

die dicken Schädel der Flusspferde mit meiner glatten Flinte No.

12 zu bearbeiten. Das gezogene Winchester-Gewehr vom Kaliber 44,

das mir Herr Edward Joy Morris, unser Gesandter in Constantinopel

geschenkt hatte, berührte sie nur leise und that ihnen ungefähr so viel

Schaden, wie die Schleuder eines Knaben, aber in Bezug auf Präcision

war es vollkommen, denn zehnmal der Reihe nach traf ich die Scheitel

der Thiere zwischen den Ohren. Ein altes Thier, das sehr altklug

ausschaute, wurde sogar von einer dieser Kugeln dicht am rechten Ohr

leicht getroffen, anstatt jedoch wie die andern, unterzutauchen, drehte

es ruhig den Kopf auf die andere Seite, als ob es fragen wollte, warum

verschwendet Ihr diese werthvollen Patronen auf uns? -- Die Antwort

auf diese stumme Frage „seiner Weisheit“ bestand in einer Kugel von

⁵⁄₄ Unzen Gewicht aus dem glattläufigen Gewehr, welche hochdieselbe

vor Schmerz aufbrüllen liess; nach einigen Augenblicken erhob sich

das Thier wieder und wälzte sich in seinen Todesqualen. Da sein

Gestöhn so jammervoll war, enthielt ich mich alles weitern unnützen

Blutvergiessens und liess die Amphibienhorden in Ruhe.

Selbst während der kurzen Zeit unsers Aufenthalts an der Fähre

gewannen wir einige Kenntnisse über diese ungeschlachten Bewohner

der afrikanischen Gewässer. Wenn sie nicht durch fremde Laute

gestört werden, so versammeln sie sich in dem seichten Wasser auf

den Sandbänken und setzen den Vordertheil ihres Körpers dem warmen

Sonnenschein aus, wobei sie, wenn sie schläfrig ruhen, einer Heerde

grosser Schweine sehr ähnlich sehen. Wenn sie durch den Lärm eines

Eindringlings aufgeschreckt werden, so werfen sie sich rasch in die

Tiefe, peitschen das Wasser zu einem gelben Schaum und zerstreuen sich

unter der Oberfläche desselben; alsbald lassen sich die Köpfe einiger

wieder sehen und spritzen das Wasser aus den Nasenlöchern heraus, um

Athem zu schöpfen und vorsichtig um sich zu blicken. In dieser Lage

sieht man nur ihre Ohren, Stirn, Augen und Nasenlöcher, und da sie

rasch wieder untertauchen, so gehört eine feste Hand und ein rascher

Griff dazu, um sie zu schiessen. Ich habe verschiedene Vergleiche in

Bezug auf ihr Aussehen, wenn sie in dieser Weise schwimmen, anstellen

hören. Einige Araber sagten mir, sie sähen wie todte Bäume aus, die

den Fluss hinabschwimmen; andere, welche irgendwo Schweine gesehen

hatten, glaubten, sie ähnelten solchen, aber meiner Ansicht nach sehen

sie mehr wie schwimmende Pferde aus. Ihre grossen Nacken und spitzen

Ohren, weiten Augen und geöffneten Nasenlöcher sprechen mehr für diesen

Vergleich.

Nachts suchen sie das Lager auf und wandern mehrere Meilen weit ins

Land hinein, indem sie sich an den üppigen Gräsern desselben weiden.

Bis vier Meilen von der Stadt Bagamoyo -- der Kingani ist acht Meilen

von derselben entfernt -- sieht man ihre breite Fährte. Oft, wenn

sie nicht durch Menschenstimmen erschreckt werden, machen sie einen

Angriff auf die üppigen Kornhalme der eingeborenen Landbauer, und ein

Dutzend der Thiere genügt, um auf einem grossen Felde eine ungeheuere

Verwüstung anzurichten. Daher waren wir nicht erstaunt, als wir bei

unserm Aufenthalt an der Fähre von den Besitzern der Kornfelder laute

Hallohrufe hörten, wie es die rothwangigen Pächterjungen Englands thun,

wenn sie die Krähen vom jungen Weizen verscheuchen.

Die Karavane war mittlerweile mit ihren Ballen, Gepäckstücken, Eseln

und Leuten glücklich hinübergegangen. Ich hatte daran gedacht, am Ufer

zu campiren, um mich mit der Antilopenjagd zu amüsiren, mir das Fleisch

derselben zu verschaffen und dadurch meine Ziegen zu schonen, von denen

ich eine Anzahl lebendig mit mir führte; aber dank dem Schrecken und

der Furcht, welche meine Leute vor den Flusspferden empfanden, musste

ich bis an die Vorposten der Belutschgarnison von Bagamoyo, die sich in

einem kleinen, vier Meilen vom Fluss entfernt liegenden Dorfe namens

Kikoko befand, weiter eilen.

Das westliche Ufer des Flusses war bedeutend besser als das östliche.

Die Ebene erhob sich eine Meile lang allmählich, wie der Strand eines

Badeortes, bis sie in einem sanften, abgerundeten Bergrücken gipfelte,

und bot nicht die Schwierigkeiten dar, welche uns auf der andern Seite

belästigt hatten. Dort gab es keine jener ungeheuern Schmutzmassen

und schwarzen Kothlachen mit den überhohen Gräsern. Es fehlten die

miasmenreichen Dschungels mit ihren schädlichen Ausdünstungen. Die

Landschaft war gerade so, wie man sie vor einem englischen Herrenhause

findet, eine schöne ausgedehnte, mit Rasen belegte Ebene, auf der genug

Gebüsch vorhanden ist, um eine angenehme Abwechselung hineinzubringen.

Die Strasse führte, nachdem sie über eine offene Fläche gegangen, durch

einen Hain junger Ebenholzbäume, wo Perlhühner und ein Hartebeest

sichtbar wurden; dann wandte sie sich mit den charakteristischen

grossen Krümmungen eines Ziegenpfades eine Reihe von Landwellen hinauf

und hinab, umsäumt von dem dunkelgrünen Laub des Mango- und den

spärlichern und heller gefärbten Blättern des grossen Calabassenbaumes.

Die Thalsenkungen waren mit hohen mehr oder weniger dichten Dschungels

gefüllt und hier und da öffnete sich eine Lichtung, die selbst zur

Mittagszeit von dünnen Gängen hoher Bäume beschattet wurde. Bei unserer

Annäherung flohen Heerden grüner Tauben, Dohlen, Ibisse, Turteltauben,

Goldfasanen, Wachteln und Moorhennen, Krähen und Habichten in Schrecken

davon, während hin und wieder ein einsamer Pelikan sich flügelschlagend

entfernte.

Auch hatte dieser belebte Anblick seine Antilopenpaare und Affen,

welche wie australische Känguruhs dahinhuschten; diese waren hier von

bedeutender Grösse, mit kugelrunden Köpfen, weissen Brüsten und langen

am Ende buschigen Schweifen.

Wir kamen in Kikoka um 5 Uhr nachmittags an, nachdem wir unsere

Packthiere viermal auf- und abgeladen, eine tiefe Pfütze, eine

Schlammquelle und einen Fluss passirt und elf Meilen zurückgelegt

hatten.

Die Ansiedlung von Kikoka besteht aus einer Anzahl Strohhütten, die

nach keinem architektonischen Stil, sondern in einer Mischform gebaut

sind, die von trägen Ansiedlern aus der Mrima und Zanzibar erfunden

worden, um soviel Sonnenschein wie möglich von dem durch vorspringende

Dächer beschatteten Aeussern und dem Innern des Hauses abzuhalten. Eine

Quelle und einige Brunnen versehen sie mit Wasser, das, obgleich süss,

nicht besonders gesund oder appetitlich ist, da grosse Mengen verwester

Stoffe durch den Regen hineingewaschen werden, dort liegen bleiben und

sich dann weiter zersetzen. Man hat einen schwachen Versuch gemacht,

die Gegend zu lichten, um Platz für den Ackerbau zu gewinnen, aber

anstatt sich der schwierigen Aufgabe des Abholzens der Dschungels zu

unterziehen, benutzen die Ansiedler lieber offene Waldplätze, von denen

sie nur das Gras beseitigen, sodass sie blos den Boden zwei bis drei

Zoll tief aufzuhacken brauchen, um den Samen hineinzuwerfen und mit

Bestimmtheit auf Ertrag rechnen können.

Ich muss hier bemerken, dass die Route, die ich eingeschlagen, noch nie

von einem Weissen früher betreten worden ist. Wenn sich meine Leser

auch die Mühe geben wollen, die Route festzustellen, die Burton und

Speke und später Speke und Grant eingeschlagen haben, so wird sich

herausstellen, dass ein grosser Unterschied zwischen mir und meinen

Vorgängern vorliegt. Auf der Karte von Burton ist das Land im Umfange

von fünf Längengraden im Westen von Bagamoyo ganz ohne Städte, Dörfer

und Ansiedlungen. Durch meine Reisen ist dieser Mangel ausgefüllt

und so wird allmählich das grosse Herz Afrikas besser bekannt. Auch

beanspruche ich, dass was auf dieser den Weissen bisher unbekannten,

von ihnen nicht erforschten Route entdeckt worden ist, so wenig es

auch sein mag, als meine Entdeckung angesehen werden möge. Ich bringe

diese Bitte deshalb hier an, weil ein gewisser, viel gereister Herr in

Zanzibar, der seit einigen Jahren dort wohnt, es versucht hat, mich

davon abzubringen, diesen Weg einzuschlagen, indem er sagte, dass

eine solche Reise völlig ohne Interesse sein würde, da das ganze Land

genau bekannt sei. Hierbei leiteten ihn die hochherzigsten Motive, da

er wünschte, dass ich den Rufidschifluss hinaufginge, damit dieser

den Geographen bekannt werde. Von Herzen gern hätte ich dies gethan,

aber die Umstände verboten es mir, dies zu versuchen. Ich hatte eine

bestimmte Aufgabe zu lösen, war kein Entdeckungsreisender, sondern

bemühte mich, meine Pflicht in der raschesten und kürzesten Weise

zu erfüllen. Wenn diese rascheste und kürzeste Weise mich einen

wohlbekannten Weg führte, den schon drei Herren vor mir bereist hatten,

von denen ein jeder das veröffentlicht hat, was er davon kennen

gelernt, so ist das nicht meine Schuld; da es sich aber herausgestellt

hat, dass ich auf diese Weise auf einen unbereisten Weg, durch ein

bisher unbekanntes Land kam, so ist das um so glücklicher für mich.

Ich habe die Rufidschiroute als mit meinen Mitteln völlig unausführbar

ausgeschlossen, und es vorgezogen, den Weg durch Ukwere, Ukami, Udoe,

Useguhha, Usagara und Nord-Ugogo zu wählen. Der Erfolg und die Dauer

meines Marsches beweisen, dass ich nicht besser hätte verfahren können,

da dies der directe Weg nach Westen ist.

Am nächsten Tag machten wir in Kikoka Halt, da die vierte Karavane,

welche blos aus Wanyamwezi bestand, sich als ein grosses Hinderniss für

ein schnelleres Fortkommen erwies. Maganga, ihr Führer, versuchte es

auf verschiedene Weise, mir mehr Tuch und Geschenke abzupressen, obwol

er schon mehr als die drei andern Führer zusammen gekostet hatte; aber

seine Anstrengungen fruchteten weiter nichts, als dass ich ihm einen

Lohn versprach, wenn er so rasch wie möglich nach Unyanyembé käme,

damit ich ungehindert weiter könne.

Am 27. bald nach 7 Uhr morgens brachen wir unser Lager ab, nachdem

die Wanyamwezi fort waren. Das Land hatte denselben Charakter wie das

zwischen dem Kingani und Kikoka; es war anziehendes, in allen seinen

Gebilden schönes Parkland.

Ich ritt voran, um uns Fleisch zu verschaffen, wenn sich eine

Gelegenheit dazu bieten sollte, fand aber keine Spur von Dickicht oder

Wild. Gerade vor uns, im Westen, dehnten sich die Landwellen, die sich

bald hoben, bald senkten und wie die vielfach vergrösserten Furchen

eines Feldes parallel verliefen. Jeder Bergrücken hatte einen mit

Buschwerk bewachsenen Punkt oder einen dünnen Strich dicht belaubter

Bäume, bis wir ganz in die Nähe von Rosako, unserm nächsten Halteplatz,

kamen, wo sich das eintönig wellige Land veränderte und in einzelne

Hügel, die mit dichten Gebüschen bewachsen waren, verwandelte. Auf

einem derselben liegt, in undurchdringliches Dunkel dorniger Akazien

eingehüllt, Rosako, das von dieser natürlichen Befestigung umgürtet

wird und an ein anderes nach Norden gelegenes Dorf stösst, das in

ähnlicher Weise geschützt ist. Zwischen beiden senkt sich ein äusserst

fruchtbares und an Producten reiches Thal, das von einem kleinen

Bach durchschnitten wird, welcher das Wasser von demselben und den

darumliegenden niedrigen Hügeln ableitet.

Rosako ist das Grenzdorf von Ukwere, während Kikoka im äussersten

Nordwesten von Uzaramo liegt. Wir zogen in dies Dorf und besetzten

den mittlern Theil desselben mit unsern Zelten und Thieren. Der

Dorfhäuptling brachte mir eine Kitanda oder eine viereckige, leichte

Bettstelle, ohne Behänge, Fransen oder sonstige überflüssige Zierathen,

die aber trotzdem ebenso bequem ist, als wenn sie mit dergleichen

versehen wäre, für meinen Gebrauch ins Zelt. Die Thiere wurden

unmittelbar, nachdem sie entlastet waren, auf die Weide getrieben und

die Soldaten machten sich Mann für Mann an die Arbeit, die Bagage

zusammenzupacken, damit der während der Masikazeit stets drohende Regen

keinen unersetzlichen Schaden anrichte.

Unter andern Versuchen, die ich in Afrika anzustellen gedachte, hatte

ich mir auch vorgenommen, die Wirkungen eines guten Wachhundes auf

unmanierliche Menschen zu beobachten, welche durchaus darauf bestanden,

zu ungehöriger Zeit in mein Zelt zu kommen und so meine Werthsachen

in Gefahr brachten. Besonders wünschte ich die Wirkung seines Bellens

auf die starken Wagogo zu beobachten, welche, wie mir einige Araber

erzählten, die Thüren der Zelte auszuheben und, ob man das nun wünschte

oder nicht, hineinzutreten pflegen, die über die Furcht, welche sie

einflössen, lachen und dann wol sagen: „Hihi, Weisser, ich habe

niemals ein Dir ähnliches Wesen früher gesehen. Gibt es noch viele

Deinesgleichen? Woher kommst Du?“ Ebenso nehmen sie wol die Uhr weg

und fragen mit munterer Neugierde: „Wozu ist das, Weisser?“ worauf man

ihnen natürlich erwidert, dass es die Stunden und Minuten angäbe. Aber

der auf seine Tapferkeit stolze Mgogo, welcher noch unmanierlicher

als ein wildes Thier ist, antwortet dann wol mit einem beleidigenden

Schnaufen: „O Du Narr!“ oder „Du bist ein verdammter Lügner!“ -- Ich

hatte also an einen Wachhund gedacht und mir auch in Bombay einen guten

angeschafft, nicht nur zum treuen Begleiter, sondern auch um mir

solche Leutchen vom Halse zu halten.

Aber bald nach unserer Ankunft in Rosako stellte es sich heraus, dass

der Hund, der wegen seines türkischen Ursprungs Omar hiess, fehlte; er

hatte sich während eines Regensturmes von den Soldaten entfernt und war

verloren gegangen. Ich schickte also Mabruki-Burton nach Kikoka zurück,

um ihn aufzusuchen. Am folgenden Morgen, als wir gerade im Begriff

standen, Rosako zu verlassen, kam der treue Bursche mit dem Hunde

zurück, den er in Kikoka gefunden hatte.

Vor unserer Abreise am folgenden Morgen brachte mir Maganga, der

Führer der vierten Karavane, die traurige Nachricht, dass drei

seiner Pagazis krank wären und er bat mich deshalb um etwas „Dowa“

(Medicin). Obgleich ich kein Arzt bin und in keinerlei Beziehung zu

dieser Kunst stehe, hatte ich einen gut gefüllten Medicinkasten, ohne

den kein Reisender in Afrika leben kann, gerade für einen derartigen

Unfall bei mir. Ich besuchte also Maganga’s Kranke und fand, dass

einer eine Lungenentzündung, ein anderer das Mukunguru (afrikanische

Wechselfieber) und der dritte ein venerisches Leiden hatte. Sie dachten

alle, dass sie sterben müssten und schrien laut: „Mama, Mama!“ obwol

sie alle erwachsene Männer waren. Offenbar konnte die vierte Karavane

an dem Tage nicht weiterziehen. Ich befahl also dem Maganga, mir sobald

wie möglich nachzueilen und setzte meine eigene Marschroute fort.

Ausser in der Nachbarschaft der Dörfer, durch welche wir bisher

gekommen, waren nirgends Spuren von Cultur. Das zwischen den

verschiedenen Stationen sich ausdehnende Land ist eine Wildniss wie

die Wüste Sahara, obgleich es ein viel angenehmeres Aussehen hat. In

der That, hätte der erste Mensch zur Zeit der Schöpfung auf seine Welt

geblickt und in ihr die Schönheit gefunden, welche diesem Theil Afrikas

eigen ist, so hätte er sich nicht zu beklagen gehabt. Er würde in den

tiefen Dickichten, die wie Inseln in einem Meere grünen Grases liegen,

Schutz vor der Mittagsonne und einen sichern Zufluchtsort für sich und

die Gattin während der schrecklichen Dunkelheit gefunden haben. Am

Morgen hätte er auf dem sanft abfallenden Rasen spazieren gehen, sich

seiner Frische freuen und seine Waschungen in einem der vielen kleinen

Flüsse, die ihm zu Füssen fliessen, vornehmen können. Er bedarf ja nur

eines Obstgartens. Schöne, tiefe, kühle Wälder umgeben ihn und in ihrem

Schatten spazieren so viele Thiere, als man nur wünschen kann. Tagelang

kann man hier nach jeder der vier Himmelsrichtungen gehen und wird

stets dieselbe Scene erblicken.

So sehr ich auch wünschte, nach Unyanyembé weiterzueilen, so wurde

ich doch durch eine Herzensangst um die Ankunft meiner von der

vierten Karavane transportirten Güter zurückgehalten, welche, ehe

meine Karavane neun Meilen marschirt war, den höchsten Grad erreicht

hatte und mich veranlasste, dort ein Lager aufzuschlagen. Der von mir

erwählte Platz lag in der Nähe eines sich lang hinziehenden Quells,

der während der Regenzeit viel Wasser hat, da er den Abfluss für

zwei ausgedehnte Bergabhänge bildet. Kaum hatten wir unser Lager

aufgeschlagen, eine Boma von dornigen Akazien und andern Baumzweigen

gebaut und umpfählt, sodann unsere Thiere auf die Weide getrieben, als

wir eine ungeheuere Zahl der verschiedenartigsten Insekten bemerkten,

welche eine Zeit lang für uns zu einer neuen Quelle von Besorgnissen

wurden, bis sie durch eine genaue Untersuchung der verschiedenen Arten

zerstreut wurden.

Da die Jagd, welche ich nach mehreren Insektenarten anstellte, höchst

interessant war, so füge ich meinen Bericht darüber hier an, von

welchem Werthe er auch sein möge.

Meine Absicht beim Einfangen dieser Arten bestand darin, festzustellen,

ob sich das Genus Glossina morsitans der Naturforscher oder die

Tsetse (bisweilen Setse genannt) Livingstone’s, Vardon’s, Cumming’s

und Kirk’s, die den Pferden tödlich sein soll, darunter befände. Ich

wünschte mir meine beiden Pferde womöglich zu erhalten; aber Dr.

Kirk hatte mit der doctrinären Begeisterung eines Mannes, der ein

Steckenpferd reitet, den Tod meiner Pferde infolge der Tsetsefliege

bestimmt vorausgesagt, von der er behauptete, dass sie in grosser Zahl

im Lande von Bagamoyo vorhanden sei. Bis zu diesem Tage war ich fast

zwei Monate in Ostafrika gereist und hatte noch keine Tsetse gesehen,

und meine Pferde hatten, anstatt abgezehrt zu sein -- denn das ist

eins der Symptome des Tsetsebisses -- bedeutend zugenommen. Drei

verschiedene Arten Fliegen suchten Schutz in meinem Zelt und bildeten

zusammen einen beständigen Chor von Tönen, wobei die eine den tiefen

Bass, die andere den Tenor und die dritte einen schwachen Contra-Alt

zum besten gab. Der erste derselben rührte von einer gefrässigen und

wilden Fliege her, die einen Zoll lang war und einen Leib hatte, der im

Stande war, eine erstaunliche Masse Blut aufzunehmen.

Nach den schrecklichen Befürchtungen, welche mir Dr. Kirk’s

Behauptungen über die Tsetse beigebracht hatten, musste ich diese

für die Tsetse halten und wählte sie daher zuerst zur Untersuchung,

welche mit grösster Umsicht vorgenommen wurde. Ich liess eine derselben

sich auf meine Flanellgamaschen, die ich als Négligé im Lager trug,

niedersetzen. Kaum hatte sie das gethan, als sie das Hintertheil

erhob, den Kopf senkte und ihre Waffen, die aus vier haarähnlichen

Sticheln bestanden, aus dem sie verdeckenden rüsselartigen Beutel zog;

sofort fühlte ich einen Schmerz wie den, der durch einen geschickten

Lanzettschnitt oder eine feine Nadel erzeugt wird. Ich liess sie sich

vollsaugen, obgleich dies für meine Geduld und mein naturhistorisches

Interesse eine schwere Prüfung war. Ich sah ihre Bauchtheile sich

von der Fülle des Mahls ausdehnen, bis sie zur dreifachen Grösse des

frühern Umfangs angeschwollen waren, worauf sie mit Blut beladen aus

freien Stücken wegflog. Als ich meine Flanellgamaschen aufrollte,

um mir die Quelle anzusehen, woraus die Fliege das Blut gesogen

hatte, entdeckte ich, dass sie sich etwas über dem linken Knie befand

und als scharlachrothe, über dem Einstich zurückbleibende Perle

charakterisirte. Nachdem ich das Blut weggewischt hatte, ähnelte die

Wunde einer durch einen tiefen feinen Nadelstich verursachten; seit dem

Abgang der Fliege war aller Schmerz verschwunden.

Wie ich Livingstone fand; Erster Band · 第 7 / 29 段