von Bagamoyo und von dort aus in meinem Lager, dass der „Balyuz“
(technischer Ausdruck für Gesandter) nach Bagamoyo kommen werde, um den
Abgang der Livingstone-Karavane zu beschleunigen. An demselben Abend
nun oder am nächsten Morgen ging dieselbe aus Furcht ins Innere ab,
aber nur mit vier Mann Begleitung.
Zwei Tage darauf erschien das englische Regierungsschiff „Columbine“,
Kapitän Tucker, auf der Höhe von Bagamoyo, mit Dr. Kirk, dem britischen
Consul und politischen Residenten an Bord. An dem Abende der Ankunft
ritt ich zur französischen Mission hinauf, wo Dr. Kirk, Kapitän Tucker
und sein Adjutant in Begleitung des französischen Consuls, M. de
Vienne, einer gastfreien Einladung des Pater Horner, dem Superior der
Missions-Gesellschaft, gefolgt waren. Ich fand sie bei Tische und wurde
zu einem Glas Wein eingeladen. Die Unterhaltung drehte sich theilweise
um die Freuden, die man sich von einer Jagd versprach, zu welcher die
Vorbereitungen eben getroffen wurden.
Um 6 Uhr am nächsten Morgen machten sich Dr. Kirk, Kapitän Tucker, sein
Adjutant, Consul de Vienne und Pater Horner nach dem Kingani-Flusse
auf. Später am Tage ging auch ich mit Farquhar, Shaw und Sayd bin Sayf
nach dem Kingani, um dort Nilpferde zu schiessen.
Als wir uns auf dem Rückwege nach dem Lager befanden, begegneten wir
dem Pater Horner auf der Ebene des Kingani, welcher, wie er sagte, aus
Kikoka, dem ersten Lager auf dem Wege nach Unyanyembé von Bagamoyo aus,
kam, wohin er in Begleitung der Jäger gegangen war.
Am folgenden Freitag Abend kehrte die Gesellschaft des englischen
Consuls von der Jagd zurück. Ich speiste mit ihnen zu Abend, wo
ihre Erlebnisse in den Wäldern auf dem andern Ufer des Kingani den
hauptsächlichsten Gegenstand der Unterhaltung bildeten. Dr. Kirk
sagte mir, dass die Offiziere der „Columbine“ mit ihren gezogenen
Erbsenflinten nicht im Stande gewesen wären, irgend etwas zu schiessen;
er allein hätte einige Thiere erlegt, und um irgendetwas zu bekommen,
wäre er genöthigt gewesen, allein in den Wald zu gehen. „Jetzt wissen
sie“, sagte Dr. Kirk mit Bezug auf die Offiziere, „was man vom
Snidergewehr zu halten hat, wenn es gegen afrikanisches Wild gebraucht
wird.“
Um 9 Uhr am nächsten Morgen besuchten mich Dr. Kirk und ein
französischer Pater in meinem Lager. Der erstere liess sich nicht
überreden, eine Tasse Thee zu nehmen, da er, wie er mir sagte, im
Begriff sei, sich nach der Livingstone-Karavane umzusehen. Ungefähr
um 11 Uhr vormittags hörte ich, dass Dr. Kirk sich an Bord der
„Columbine“ begeben habe und dass auch die Kinder der französischen
Missionsgesellschaft mit einem vollen Orchester von Blasinstrumenten
hingegangen wären, um die Matrosen zu unterhalten. Zwischen 3 und 4 Uhr
nachmittags segelte die „Columbine“ nach Zanzibar zurück.
Bagamoyo hat ein sehr angenehmes Klima. Es ist in jeder Beziehung dem
von Zanzibar sehr vorzuziehen. Wir konnten in freier Luft schlafen
und standen am Morgen erfrischt und gesund auf, um unser Frühbad
im Meere zu geniessen, und bei Sonnenaufgang waren wir schon mit
verschiedenartigen Vorbereitungen für unsere Abreise beschäftigt.
Unsere Tage wurden durch Besuche von den Arabern belebt, die auch
nach Unyanyembé gehen wollten. Ferner kamen komische Scenen im
Lager vor; bisweilen Kriegsgerichte, die über die Widerspenstigen
abgehalten wurden; Boxerkämpfe zwischen Farquhar und Shaw, die auch
mein Einschreiten erforderlich machten, wenn sie gar zu hitzig
wurden; hin und wieder ein Jagdausflug nach der Ebene und dem Fluss
Kingani; gesellige Unterhaltungen mit dem alten Dschemadar und seiner
Belutschenbande, die nie müde wurden, mich vor der Ankunft der Masika
zu warnen und mir den Rath zu ertheilen, mich so rasch wie möglich auf
den Weg zu machen, ehe die Reisezeit vorüber sei.
John Shaw pflegte sehr verdriesslich zu werden, so oft diese Besuche
von den schwarzen Magnaten von Bagamoyo stattfanden. Bei diesen
Gelegenheiten war es nämlich meine erste Pflicht, nach der Sitte der
Araber, ihnen Erfrischungen und Kaffee anzubieten, und zwar sie zuerst
zu bedienen und dann erst das Präsentirbret den Weissen darzureichen.
Ich bemerkte hierbei, dass Shaw sehr ungehalten aussah, und als ich
mich nach der Ursache erkundigte, sagte man mir, ich habe ihn dadurch
sehr beleidigt, dass ich die Araber oder „Niggers“, wie er sie zu
nennen beliebte, eher als ihn, einen Weissen, habe bedienen lassen.
Der arme Shaw war unwissend wie ein Kind in Bezug auf die ihm in
jenem Lande, nach welchem sich jetzt seine Gedanken richteten, noch
bevorstehenden Widerwärtigkeiten. Was würde er nicht darum gegeben
haben zu wissen, dass noch ganz andere Beschwerden, als diese seiner
Farbe angethane Beleidigung, ihm auf dieser gefahrvollen Expedition
bevorständen. Er bewies es deutlich, dass der ungebildete Angelsachse
nicht geeignet ist zu reisen und mit andern Rassen in Verkehr zu treten.
Im Verlaufe der Zeit fand ich, dass es nothwendig war, Farquhar und
Shaw von einander zu trennen; denn der letztere hatte keine Spur von
Humor in seinem Wesen, aber eine sehr leicht verletzliche Eitelkeit und
einen himmelhoch fliegenden, grenzenlosen Ehrgeiz.
Ich glaubte, Farquhar würde für sich allein viel besser daran sein,
als mit Shaw zusammen, der ohne Zweifel eine für Farquhar’s Charakter
und Intelligenz höchst aufregende Manier hatte. Deshalb erwählte ich
ihn dazu, die dritte Karavane ins Innere zu führen, und nachdem ich
ihm dies angekündigt hatte, war der Friede sogleich zwischen den
widerspenstigen Gegnern hergestellt.
Unter den bei meiner Expedition beschäftigten Leuten befanden
sich zwei Hindus und zwei Goanesen. Diese hatten die Vorstellung
gewonnen, dass das Innere von Afrika ein Eldorado sei, dessen
Boden mit Elfenbeinzähnen bestreut wäre, und hatten sich, als ihre
Einbildungskraft so erhitzt war, zusammengethan, um auf eigene Hand
eine kleine Unternehmung zu organisiren. Ihre Namen waren Dschako,
Abdul Kader, Bunder Salaam und Aranselar. Dschako trat in meine Dienste
als Zimmermann und Gehülfe für alles, Abdul Kader als Schneider, Bunder
Salaam als Koch und Aranselar als Hauptmundschenk.
Aber Aranselar sah mit scharfem Blicke voraus, dass ich ihn wol stark
beschäftigen würde, und benutzte daher den grössten Theil der ihm
noch übrig bleibenden Zeit dazu, darüber nachzudenken, wie er sich
seiner Verpflichtung entziehen könne. Auf seine Bitte erhielt er
die Erlaubniss, nach Zanzibar zu gehen, um seine dortigen Freunde
zu besuchen. Zwei Tage später hörte ich, dass er sich das rechte
Auge ausgeschlagen hätte, und diese Thatsache sowie die Grösse der
Verletzung wurde mir vom Dr. Christie, dem Arzt Seiner Hoheit Seyyid
Barghasch, bestätigt. Seine Landsleute schienen mir etwas ähnliches im
Plane zu haben, aber ein gemessener Befehl, nach Vorausbezahlung ihres
Soldes keine solche Thorheit zu begehen, den ich an sie ergehen liess,
genügte, um etwa derartige böse Absichten zu hintertreiben.
Eines Abends ertappten wir einen Pferdejungen beim Diebstahl bei den
Ballen, und da war denn die Jagd nach ihm ins Land, bis er sich in den
Dschungels unsern Blicken entzog, eine der angenehmsten Zerstreuungen,
welche während unserer Vorbereitungen zum Marsche vorkamen.
Ich hatte jetzt vier Karavanen ins Innere abgesandt und die fünfte,
welche die Boote und Kasten, mein persönliches Gepäck und einige Zeug-
und Perlen-Ladungen befördern sollte, wollte ich selbst führen.
Nachstehend gebe ich eine Uebersicht über die Karavanen, wie sie der
Reihe nach abgingen.
6. Februar 1871. Ankunft der Expedition in Bagamoyo.
18. Februar. Die erste Karavane mit 22 Pagazis und 3 Soldaten reist ab.
21. Februar. Abgang der zweiten Karavane mit 28 Pagazis, 2 Hauptleuten
und 2 Soldaten.
25. Februar. Abgang der dritten Karavane mit 22 Pagazis, 10 Eseln,
einem Weissen, einem Koch und 3 Soldaten.
11. März. Abgang der vierten Karavane mit 55 Pagazis, 2 Anführern und 3
Soldaten.
21. März. Abgang der fünften Karavane mit 28 Pagazis, 12 Soldaten,
2 Weissen, einem Schneider, einem Koch, einem Dolmetscher, einem
Gewehrträger, 17 Eseln, 2 Pferden und einem Hunde.
Die Totalsumme der Seelen, welche sich in den Karavanen der Expedition
des „New York Herald“ befanden, betrug 192.
[Illustration: BOMBAY UND MABRUKI.]
VIERTES KAPITEL.
DURCH UKWERE, UKAMI UND UDOE NACH USEGUHHA.
Ankunft im ersten Lager „Schamba Gonera“. -- Das Thal des Kingani.
-- Eine Brücke wird über den Kingani geschlagen. -- Der Uebergang.
-- Ich schiesse auf Flusspferde. -- Ankunft in Kikoka. -- Eine noch
nie von einem Weissen bereiste Route. -- Rosako, Grenzdorf von
Ukwere. -- Unverschämte Neugier der Wagogo. -- Mein Wachhund Omar. --
Insekten. -- Die Tsetse-Fliege. -- Die Tschufwa-Fliege; Gefrässigkeit
derselben. -- Anfang der Masika oder Regenzeit. -- Tod des arabischen
Pferdes. -- Unterredung mit dem Häuptling von Kingaru. -- Tod des
Braunen. -- Marsch nach Imbiki. -- Ankunft in Msuwa. -- Plagen des
Dschungels. -- Eine Sklavenbande in Ketten. -- Kisemo. -- Die Schönen
von Kisemo. -- Khamesi’s Desertion und Bestrafung. -- Uebergang
über den Ungerengeri. -- Die Hauptstadt Useguhha Simbamwenni. --
Die Sultanin. -- Stürmischer Streit mit Shaw. -- Afrikanisches
Wechselfieber. -- Abgesandte der Sultanin.
Von Bagamoyo nach:
St. Min.
Schamba Gonera 1 30
Kikoka 3 40
Rosako 5 --
Kingaru 6 --
Imbiki 4 30
Msuwa 4 30
Kisemo 4 30
Mussoudi 4 20
Mikeseh 7 --
Muhalleh 6 45
Simbamwenni 3 --
Ehe ich mit diesem Kapitel fortfahre, muss ich mich kurz bei meinen
Lesern entschuldigen. Meine Wenigkeit steht voran in diesem Buche;
ich bin genöthigt sie so darzustellen, wie sie wirklich war, nicht
wie sie hätte sein sollen; wie sie sich betrug, nicht wie sie sich
hätte betragen sollen; wie sie reiste, nicht wie sie hätte reisen
sollen. Ich muss meines Gewissens halber alles genau berichten, wie
es sich ereignet hat, und nach bester Fähigkeit die Ereignisse und
Zufälligkeiten, wie sie bei der Expedition vorkamen, erzählen. Wie
also auch der die Bequemlichkeit liebende Stubenhocker die Verdienste
dieses Buches anschauen möge, so wird diesem doch gewiss grosses
Lob und grosser Dank von Reisenden abgestattet werden, welche mir
möglicherweise nach Ostafrika folgen, denn sie werden sofort sehen,
welche nützlichen Lehren meine Glücks- und Unglücksfälle ihnen geben.
Am 21. März, gerade 73 Tage nach meiner Ankunft in Zanzibar, verliess
die fünfte Karavane unter meiner Anführung und mit der Parole
„Vorwärts“ die Stadt Bagamoyo auf unserer ersten Reise nach Westen.
Als der Kirangozi die amerikanische Flagge aufrollte und sich an die
Spitze der Karavane stellte, und Pagazis, Thiere, Soldaten und müssige
Zuschauer sich in Reihen zum Marsche bereit gemacht hatten, sagten wir
dem dolce far niente des civilisirten Lebens, dem blauen Ocean, der
uns den Weg in die Heimat eröffnete, den hunderten von dunkelfarbigen
Zuschauern, die sich versammelt hatten, um unsere Abreise mit
wiederholten Musketensalven zu begrüssen, lebe wohl!
Unsere Karavane besteht aus 28 Pagazis mit Einschluss des Kirangozi
oder Führers; aus 12 Soldaten unter Hauptmann Mbarak Bombay, welche
17 Esel und ihre Lasten zu beaufsichtigen haben; aus meinem jungen
Dolmetscher Selim mit einem Esel und einem belasteten Karren; aus einem
Koch und seinem Stellvertreter, der gleichzeitig Schneider und Gehülfe
für alles ist und das graue Pferd führt; aus Shaw, dem ehemaligen
Steuermann, der jetzt in einen Führer des Nachtrabs und Aufseher über
die Karavane verwandelt ist und, mit einer nachenförmigen Kopfbedeckung
und Wasserstiefeln versehen, auf einem guten Reitesel sitzt, und
schliesslich aus mir selbst, auf einem herrlichen kastanienbraunen
Pferde reitend (dem Geschenk des Herrn Goodhue, eines seit lange in
Zanzibar lebenden Amerikaners), als „Bana Mkuba“, der „grosse Herr“,
wie ich von meinen Leuten genannt werde, als Leiter, Reporter, Denker
und Führer der Expedition.
Die verschiedenen Mitglieder der Karavane sind mir schon hinreichend
bekannt; sie sind der Gegenstand meines Nachdenkens und Wählens gewesen
und bisher habe ich keine Mängel an ihnen entdeckt, doch werde ich
mich, da es zu weitläufig wird, ihre Charaktere zu beschreiben, einfach
darauf beschränken, die Hauptpersonen nach ihrem Range hier aufzuzählen:
1. John W. Shaw, Nachhut und Aufseher. 2. Mbarak Bombay, Hauptmann der
Soldaten. 3. Uledi (Speke’s Diener), Sergeant. 4. Mabruki (Burton’s
Diener), Zeltwache. 5. Mabruki, der Kleine, Soldat. 6. Mabruk Salim,
Soldat. 7. Zaidi, Soldat. 8. Kamna, Soldat. 9. Sarmian, Soldat. 10.
Feradschi (ein Deserteur von Speke), Soldat. 11. Kingaru, Soldat. 12.
Ambari, Soldat. 13. Selim (der Jüngling aus Jerusalem), arabischer
Dolmetscher. 14. Bunder Salaam (aus Malabar), Koch. 15. Abdul Kader
(ebenfalls aus Malabar), Schneider und Gehülfe. 16. Hamadi (Wangwana),
Kirangozi. 17. Sarboko. 18. Dschafuneh. 19. Fardschalla. 20. Khamisi.
21. Asmani. 22. Tschamba. 23. Schubari. 24. Makoriga. 25. Khamis. Nr.
17-25 insgesammt Wangwana und mir als Pagazi dienend.
Es werden wol einige der Leute, welche hier aufgezählt sind, ganz
andere Gewohnheiten und einen andern Charakter auf ihrem Wege nach
Unyanyembé an den Tag legen, als ich mir vorstelle. Wir werden ihre
Eigenthümlichkeiten besser beurtheilen, wenn wir erst in Tabora
angekommen sind, wo eine allgemeine Musterung abgehalten und die
Berichte der vier Karavanen, die uns vorausgegangen sind, entgegen
genommen werden sollen. Im ganzen zählt die Expedition am Tage
der Abreise 3 Weisse, 23 Soldaten, 4 Ueberzählige, 4 Hauptleute
und 153 Pagazis, 27 Esel und 1 Karren, welche Zeuge, Perlen,
Draht, Bootgeräthschaften, Zelte, Kochgeräthe, Schüsseln, Medicin,
Pulver, Schrot, Musketen und Metallpatronen, Instrumente, kleine
Lebensbedürfnisse, wie z. B. Seife, Zucker, Thee, Kaffee, Liebig’schen
Fleischextract, Fleischconserven, Lichte u. s. w. transportiren, was
alles in allem 153 Lasten ausmacht. Die Waffen der Expedition bestehen
aus einem glatten, doppelläufigen Hinterlader, einer amerikanischen
Winchesterflinte (einem sogenannten „Sechzehnschiesser“), einer
gezogenen Henryflinte (auch Sechzehnschiesser), 2 Starr’schen
Hinterladern, einem Jocelyn’schen Hinterlader, einer Elefantenflinte
mit Kugeln, von denen 8 aufs Pfund gehen, 2 Revolvern mit Hinterladung,
24 Feuerschlossmusketen, 6 einläufigen Pistolen, einer Schlachtaxt, 2
Schwertern, 2 Dolchen (persische Kummers, die ich selbst in Schiras
gekauft habe), einem Sauspiess, 2 vierpfündigen amerikanischen Beilen,
24 Hacken und 24 Metzgermessern.
Die Expedition ist sorgfältig ausgerüstet, nichts ist gespart worden,
was sie brauchte, sondern für alles war gesorgt. Nichts war zu rasch
gemacht, doch war alles mit der grösstthunlichen Eile, welche Mittel
und Zweck gestatteten, gekauft, fabricirt und zusammengebracht. Wenn
dieselbe ihre Aufgabe, recht rasch nach Udschidschi und zurück zu
kommen, nicht löst, so muss das einem Zufall, der ausserhalb der Macht
des Willens liegt, zugeschrieben werden. So viel über das Personal und
den Zweck der Expedition, bis ihr Zielpunkt erreicht ist.
Wir verliessen Bagamoyo, von den Blicken vieler Neugierigen verfolgt,
mit vielem Eclat und zogen dann eine enge Gasse hinauf, welche durch
das dichte Laub zweier parallel laufenden Hecken von Mimosen fast
in ein Dämmerlicht gehüllt war. Wir waren alle guten Muthes, die
Soldaten sangen, der Kirangozi erhob seine Stimme in einem lauten,
brüllenden Tone und liess die amerikanische Flagge flattern, welche
allen Zuschauern sagte: „siehe da die Karavane eines Musungu!“ und
mein Herz schien mir rascher zu schlagen, als es sich für das ernste
Gesicht eines Führers passte, aber ich konnte es nicht zurückhalten,
der Enthusiasmus der Jugend haftete mir noch an trotz meiner Reisen.
Meine Pulse schlugen in voller Jugendkraft. Hinter mir lagen die
Sorgen, welche mich mehr als zwei Monate gequält hatten. Ich hatte mein
letztes Wort zu dem unehrlichen Sohn Hindostans, Sur Hadschi Pallu,
gesprochen, hatte den letzten Blick auf die lärmende Masse von Arabern,
Banyanen und Belutschen geworfen, den Jesuiten der französischen
Missionsgesellschaft Lebewohl gesagt, und vor mir glänzte die Sonne der
Verheissung auf ihrem Wege gen Westen. Um mich war alles lieblich; ich
sah fruchtbare Felder, eine lachende Vegetation, merkwürdige Bäume; ich
hörte das Zirpen der Heimchen, das Geschrei des Kibitz und das Summen
vieler Insekten, welche mir alle zu sagen schienen: endlich bist Du auf
dem Wege! Was konnte ich thun, als das Gesicht gegen den wolkenlosen
Himmel erheben und rufen: „Gott sei Dank!“
Das erste Lager, Schamba Gonera, ungefähr 3¼ englische Meilen entfernt,
erreichten wir in 1 Stunde 30 Minuten. Diese erste oder „kleine Reise“
lief verhältnissmässig sehr gut ab. Der Knabe Selim warf nicht mehr
als dreimal mit dem Wagen um. Der Soldat Zaidi liess seinen Esel, der
einen von meinen Kleiderkoffern und einen Munitionskasten trug, in
einen Pfuhl schmutzigen Wassers fallen. Die Kleider mussten wieder
gewaschen werden; der Munitionskasten war, Dank meiner Vorsicht,
wasserdicht. Kamna war vielleicht mit der Kunst des Eseltreibens
vertraut, hatte aber in seiner Freude über unsere Abreise bei seinen
Liedern u. s. w. die Schwierigkeiten vergessen, mit denen ein Thier
von reinem Eselsgeschlecht seiner Natur nach zu kämpfen hat, wie
z. B. die Unkenntniss des richtigen Weges und die Unfähigkeit, der
Versuchung zu widerstehen, Abstecher in die Tiefen eines Maniokfeldes
zu machen; und der Esel, welchem die unter den Eseltreibern herrschende
Sitte, einem Thiere einen Stock vor der Nase herumzuschwenken, nicht
bekannt war und der die Richtung, die er einzuschlagen hatte, falsch
auffasste, lief im vollsten Galop einen entgegengesetzten Weg hinauf,
bis seine Ladung das Gleichgewicht verlor und er gezwungen war, zu
Boden zu stürzen. Aber diese Zufälle waren nebensächlich, unbedeutend
und gehörten zu einer ersten „kleinen Reise“ in Ostafrika. Hierbei
kamen die Charaktere der Soldaten ein klein wenig zum Vorschein.
Bombay erwies sich als ehrlich und vertrauenswürdig, aber etwas zur
Saumseligkeit geneigt; Uledi schwatzte mehr als er arbeitete, während
der fortgelaufene Feradschi und Mabruki Burton mit seiner unbrauchbaren
Hand sich als treue und tüchtige Männer erwiesen, welche Lasten trugen,
deren blosser Anblick die starkgliederigen Hamals von Stambul zum
Seufzen gebracht haben würde.
Die Sattel waren ausgezeichnet und übertrafen alle Erwartungen. Das
starke Hanfsegeltuch trug seine 150 Pfund, als ob es Leder gewesen
wäre, und das Auf- und Abladen des verschiedenen Gepäcks wurde mit
systematischer Eile betrieben. Kurz, es gab nichts zu bedauern; der
Erfolg der Reise bewies, dass dieselbe nicht zu früh unternommen worden
war.
Die folgenden drei Tage wurden dazu verwendet, die Vorbereitungen für
die lange Landreise ganz zu vollenden und unsere Vorsichtsmassregeln
gegen die Masika, die jetzt bedenklich nahe war, zu treffen, sowie
unsere Rechnungen zu bezahlen. Die Soldaten und Pagazis benutzten noch
die Zwischenzeit, um ihre Freundinnen zu besuchen, aber ich lasse mich
auf die Chronique scandaleuse nicht ein.
Schamba Gonera bedeutet Gonera’s Feld. Gonera ist eine wohlhabende
indische Witwe, die gegen die Weissen freundlich gesinnt ist. Sie
exportirt viel Tuch, Perlen und Draht ins ferne Innere und importirt
dafür wieder Elfenbein. Ihr Haus ist nach dem Muster der Stadthäuser
gebaut und hat ein langes, schräg vorspringendes Dach, welches
kühlen Schatten gibt, in dem sich die Pagazis gern aufhalten. Auf
der südlichen und östlichen Seite desselben ziehen sich die bebauten
Felder hin, welche Bagamoyo mit dem Hauptstapelartikel Ostafrikas,
dem Matamakorn, versehen. Zur Linken wächst Mais und Muhogo, eine
yamsartige Wurzel von weisser Farbe, die einige Maniok nennen.
Wenn sie trocken ist, so macht man daraus Kuchen, die unsern
Soldatenpfannkuchen ähnlich sind. Nach Norden zu windet sich gerade
hinter dem Hause eine schwarze Sumpflache, eine buchtige Vertiefung,
welche an ihren tiefsten Stellen stets Wasser enthält, die schlammige
Heimat des Farrnkräuter und Binsen liebenden Kiboko oder Flusspferdes.
Seine Ufer, die mit Zwergfächerpalmen, mit hohen Wasserbinsen, Akazien
und Tigergras bedeckt sind, gewähren den zahlreichen Wasservögeln,
Pelikanen u. dgl. Schutz. Dies Gewässer verfolgt erst eine nordöstliche
Richtung und fliesst dann mit dem Kingani zusammen, welcher in einer
Entfernung von 4 Meilen von Gonera’s Landhaus sich ostwärts dem Meere
zuwendet. Nach Westen zu erstreckt sich eine Meile weit bebautes Land,
worauf die alten, mit Waldgras und Sumpfrohr dicht bewachsenen Seeufer
folgen, welche sich in länglichen, parallelen, bald abfallenden, bald
zurückweichenden Wellenlinien dahinziehen. Auf dem Rückgrate dieser
Landanschwellungen gedeiht der Ebenholz-, Calabassen- und Mangobaum.
„Sofari -- sofari leo! -- Pakia, pakia!“ (Eine Reise -- eine Reise
heute! -- Macht euch auf den Weg -- macht euch auf den Weg!) -- ertönte
am Morgen des vierten Tages, der in allem Ernst für die Abreise
bestimmt war, die muntere Stimme des Kirangozi, welche ihren Widerhall
fand in der meines arabischen Knaben Selim, des Tambourmajors, Dieners
und Factotums. Als ich meine Leute zu ihrer Arbeit antrieb und kräftig
mit half, die Zelte abzubrechen, beschloss ich in meinem Geiste, dass,
wenn meine vorangeeilten Karavanen mir reinen Weg gemacht hätten, ehe
drei Monate vergangen wären, Unyanyembé unser Ruheort sein solle. Um
6 Uhr morgens war unser zeitiges Frühstück abgemacht und die Esel und
Pagazis zogen vom Lager Gonera ab. Selbst in dieser frühen Stunde
hatte sich auf dem Lande eine ganze Menge neugieriger Eingeborener
versammelt, denen wir das Abschieds-„Quahary“ herzlich zuriefen. Mein
kastanienbraunes Pferd erwies sich mir als unschätzbar für den Dienst
des Quartiermeisters eines Transportzuges; denn mit einem solchen
musste ich mich vergleichen. Ich konnte zurückbleiben, bis der letzte
Esel das Lager verlassen hatte, um nach einem Galop von wenigen Minuten
mich wieder an die Front zu begeben und Shaw den Nachtrab zu überlassen.
Der Weg war ein blosser Fusspfad und führte über einen Boden, der,
obgleich sandig, von merkwürdiger Fruchtbarkeit war und Korn und andere
Pflanzen, die in ganz ungeschickter Weise gesäet und gepflanzt worden,
hundertfältig hervorbrachte. Auf ihren Feldern bei nachlässiger Arbeit
befanden sich Männer und Frauen in den allerspärlichsten Costümen, im
Vergleich zu denen Adam und Eva in ihrer Feigenblatt-Bekleidung in
vollem Staat gewesen sein müssen. Auch waren sie durchaus nicht darüber
beschämt, dass Leute, die an kleiderlose lebendige Körper nicht gewöhnt
waren, sie mit den Blicken verschlangen, und schienen es nicht zu
begreifen, warum unmässige Neugierde durch mehr als blosses Interesse
erwidert werden sollte. Sie verliessen ihre Arbeit, als die Wasungu
sich näherten, -- was für unnatürliche Wesen in Sonnenhüten, weissen
Flanell-Jacken und Pferdestiefeln waren das! Wären die Wasungu begierig
gewesen, die Umrisse der Anatomie und Physiologie zu studiren, welch
reiches Feld des Studiums hätte sich ihnen hier geboten! Wir zogen an
ihnen mit ernsten Gesichtern vorbei, während sie lachten und kicherten
und mit ihren Zeigefingern auf dies und das hinwiesen, was ihnen
sonderbar und komisch vorkam.