Werthe von 1750 Dollars oder 3500 Doti, welche ausreichen, um 25 Doti
jedem der 140 Mann zu geben. Mehr als 25 Doti will ich nicht bezahlen.
Schicken Sie mir 140 Pagazis mit meinem Zeug und Draht nach Unyanyembé
und ich werde Sie mit dem grössten Geschenke, das Sie je erhalten
haben, erfreuen.“ Mit erquicklicher Naivität erwiderte der „junge
Mann“, dass er kein Geschenk wünsche, er werde mir die betreffende
Anzahl Pagazis schon besorgen, und dann könnte ich den „Wasungu“
sagen, was für ein guter „junger Mann“ er sei, und er werde infolge
davon den Vortheil haben, dass sein Geschäft zunähme. Er schloss diese
Erwiderung mit der erfreulichen Bemerkung, dass er schon 10 Pagazis
in seinem Hause habe, und wenn ich so gut sein wolle, 4 Ballen Zeug,
2 Beutel Perlen und 20 Rollen Draht in sein Haus bringen zu lassen,
so könnten die Pagazis unter Bedeckung von drei Soldaten am nächsten
Morgen Bagamoyo verlassen. „Denn“, bemerkte er, „es ist viel besser
und billiger, viele kleine Karavanen als eine grosse zu expediren. Die
grossen Karavanen laden zum Angriff ein oder werden von habsüchtigen
Häuptlingen unter den albernsten Vorwänden aufgehalten, wogegen kleine
unbemerkter vorüberziehen.“
Die Ballen und Perlen wurden richtig nach Sur Hadschi Pallu’s Haus
geschickt und ich brachte den Tag damit zu, mich innerlich über mein
grosses Glück zu freuen, des jungen Hindus geschäftliche Begabung,
die Grösse und den Einfluss von Tarya Topan und Herrn Webb’s Güte
anzuerkennen, die meine Abreise von Bagamoyo so sehr beschleunigt
hatten. In meinem Geist gelobte ich, dem Sur Hadschi Pallu ein
prächtiges Geschenk und eine grosse Reclame in meinem Buch angedeihen
zu lassen, und mit frohem Herzen machte ich diese Soldaten für ihren
Marsch nach Unyanyembé fertig.
Die Aufgabe, diese erste Karavane für den Weg nach Unyanyembé
reisefertig zu machen, belehrte mich über mehrere Dinge, welche von
meinen Vorgängern in Ostafrika unberücksichtigt gelassen worden sind
und die, wenn ich sie rechtzeitig in Zanzibar gekannt hätte, mir im
Ankauf und in der Auswahl der richtigen Zeugsorten von grossem Nutzen
gewesen wären. Ich füge daher hier als Beispiel eine Kostenberechnung
für die Expedition einer Karavane von 10 Pagazis und der drei sie
bewachenden Soldaten nach Unyanyembé bei.
+Transportkosten+:
Miethgeld für 10 Pagazis zu 25 Doti à 50 cents $ 125.--
Matamakorn auf 4 Tage 1.--
+Nahrung unterwegs+:
25 Doti Merikani 12.50
20 Doti Kaniki à 25 cents 5.--
2 Doti Taudschiri à 50 cents 1.--
9 Pfd. Sami-Sami 3.05
3 Pfd. Bubu --.33
7 Pfd. Merikani 1.05
-------------
zusammen $ 148.93
+Nahrung für 3 Soldaten+:
3 Pfd. Bubuperlen $ --.33
3 Pfd. Merikani --.45
3 Pfd. Sami-Sami 1.01⅔
7½ Doti Merikani 3.75
2 Doti Barsati 1.--
2 Doti Kaniki --.50
Lohn für 3 Monate à 9 Dollars 27.--
An Geld für die Fähre über den Kingani 2.--
---------------
zusammen $ 36.04⅔
Kosten für die Pagazis $ 148.93
Kosten für die Soldaten 36.04⅔
----------------------
Gesammtsumme $ 184.97⅔
+Werth der Waaren, die von einem Theil der ersten Karavane expedirt
wurden+:
3 Ballen Zeug, welche enthalten:
90 Doti Kaniki zu 25 cents $ 22.50
112½ Doti Merikani zu 50 cent 56.25
3 Lasten Draht oder 4 Frasileh 36.87½
1 Beutel mit tausend Stück Sungomazzi 14.--
1 Beutel Sami-Sami oder 2 Frasileh 26.--
----------------
Summa $ 155.62½
Es übertrafen also die Transportkosten den Werth der transportirten
Waaren um etwas mehr als 29 Dollars. Wenn ich nun 100 Pagazis
expedirte, würden die Transportkosten für zehnmal so viel
Transportgüter, wie sie oben berechnet sind, $1849.76⅔ betragen,
während der Werth der Waaren sich selbst auf die Summe von $1556.25
berechnet, was zusammen $3406.1⅔ ausmacht.
Und da ich gerade bei diesem Transportsystem bin, so kann ich, als
methodisch verfahrender Mann, die Kostenrechnung eines Theils der
dritten Karavane mit verzeichnen, die mein weisser Diener Farquhar
führte und welche aus 10 Eseln, 3 Soldaten, einem Weissen und einem
Koch bestand, damit der Leser die Ausgaben vergleichen könne, denn ich
lasse aus der Rechnung nichts fort.
+Transportkosten+:
Für 9 Lastesel à 18 Dollars $ 162.--
Für einen Esel für den Weissen 18.--
Für 10 Sattel 17.60
Ein Sattel kostet: an Segeltuch 33½ cts.; Bindfaden
5 cts.; Baumwolle 25 cts.; Eisenringen
10 cts.; amerikanischem Drillich 15 cts.; Baumwollenband
12½ cts. und an Stricken 20 cts.
zusammen 1.21
3 Monat Gehalt für den Koch à 9 Dollars 27.--
3 Monat Gehalt für den Weissen à 25 Dollars 75.--
Ein Zelt 8.--
4 Pfd. Zucker --.25
Thee 4.--
Arznei 3.--
Reis 1.--
Sold für 3 Soldaten à 9 Dollars 27.--
Fährgeld 2.--
16 Mass Matamakorn 1.--
An Futter für die Esel 16 Doti Merikani 8.--
Nahrung für 5 Leute 25 Doti 12.50
„ 15 Pfd. Perlen 3.--
---------------
Summa $ 370.56
+Werth der beförderten Waaren+:
18 Ballen Zeug, welche enthalten:
540 Doti Kaniki à 25 cts $ 135.--
675 Doti Merikani à 50 cts 337.50
Die Transportkosten sind in diesem Falle viel geringer, und zu Gunsten
des Esels als Lastthier spricht, dass er viel mehr forttragen kann als
2 Pagazis. 2 Pagazis mit allem Dazugehörigen kosten ungefähr $37.1,
1 Esel dagegen unter denselben Bedingungen ungefähr $36.40. Das geht
aus den oben angeführten Zahlen hervor. Aber Farquhar hätte ebenso gut
20 Esel nach Unyanyembé führen können wie 10 und dann hätten sich die
Transportkosten noch sehr zu Gunsten der Esel geändert. Wenn wir nun in
Betracht ziehen, dass Burton’s 33 Esel alle starben, ehe sie Unyanyembé
erreichten, so müssen wir auch nicht vergessen, dass er uns erzählt,
wie seine sämmtlichen Pagazis unterwegs desertirt sind oder den Versuch
zur Desertion machten. Wir werden also besser im Stande sein, den
relativen Werth der Esel und der Pagazis zu beurtheilen, nachdem ich in
Unyanyembé angekommen bin. Bis dahin will ich die Frage offen lassen.
Der Abgang der ersten Karavane klärte mich auch in Bezug auf die Honga
oder den Tribut auf. Dieser musste für sich allein zusammengepackt
werden und aus den allerbesten Tuchen bestehen, denn die Häuptlinge
sind nicht nur habgierig, sondern auch sehr wählerisch und nehmen
das dünne, farbige Zeug der Pagazis nicht an, müssen vielmehr
ausserordentlich schöne und sehr theure Dabwani, Ismahili, Rehani
oder Sohari und Dotis von breitem Scharlachtuch erhalten. Der Tribut
für die erste Karavane betrug 25 Dollars. Da ich mehr als 140 Pagazis
abzuschicken hatte, so würde dieses Tributgeld schliesslich 330 Dollars
in Gold betragen, wobei noch ein Agio von 25 cents auf jeden Dollar zu
rechnen ist. Dieses bedenke, o Reisender! ich setze dir diese Thatsache
zur speciellen Belehrung auseinander.
Aber ehe mich meine erste Karavane verliess, mussten der würdige
Jüngling Sur Hadschi Pallu und ich zu einer schliesslichen
Verständigung über die Geldangelegenheiten gelangen. Am Morgen, an
dem die Abreise stattfinden sollte, kam Sur Hadschi Pallu in meine
Hütte und überreichte mir mit der ehrbarsten Miene der Unschuld eine
Rechnung darüber, dass er jeden der Pagazis mit 25 Doti als Miethgeld
nach Unyanyembé versehen habe, und bat sich sofortige Bezahlung
in Gold aus. Worte können das Erstaunen, das ich fühlte, gar nicht
ausdrücken, dass dieser so schlau aussehende Jüngling so bald den
mündlichen Contract vergessen haben sollte, den ich mit ihm am Morgen
vorher abgeschlossen hatte, welcher dahin lautete, dass von den 3000
in meinem Zelte lagernden Doti, die ausdrücklich für das Miethen von
Pagazis angeschafft waren, jeder meiner Lastträger von Bagamoyo nach
Unyanyembé bezahlt werden solle. Als ich ihn fragte, ob er sich des
Contractes erinnere, bejahte er dies; seine Gründe, ihn so bald zu
brechen, bestanden darin, dass er lieber seine eigenen Zeuge als die
meinigen verkaufe, für seine Tuche brauche er aber Geld und könne
für dieselben keine andern in Tausch nehmen. Ich gab ihm jedoch zu
verstehen, dass er, da er die Pagazis für mich anschaffe, meine Pagazis
auch mit meinen Zeugen zu bezahlen habe; dass ich ihm nicht mehr Geld
zu zahlen gedenke, als genau die Summe, die nach meinem Dafürhalten den
Mühen, die er als mein Agent gehabt, entspreche und dass er nur auf
diese Bedingungen hin in dieser Angelegenheit wie in jeder andern für
mich zu handeln habe, kurz, dass der „Musungu“ nicht daran gewöhnt sei,
sein Wort zurückzunehmen.
Das Vorstehende fasst eine grosse Anzahl Worte in wenige zusammen.
Er repräsentirt ein einstündiges Zwiegespräch, einen bösen Zank von
einer halben Stunde, ein Gelübde des Sur Hadschi Pallu, dass, wenn
ich seine Zeuge nicht nehme, er sich auch um mein Geschäft durchaus
nicht kümmern werde, viele Thränen, Bitten, schmerzliche Reue und
noch manches andere, worauf ich einfach erwiderte: „Thun Sie, was ich
von Ihnen verlange, oder thun Sie gar nichts!“ Schliesslich kam die
Sache zu einem glücklichen Ende. Sur Hadschi Pallu verliess mich mit
heiterm Gesichte, denn er nahm Poscho (Nahrungsmittel) für die drei
Soldaten und Honga (Tribut) für die Karavane mit sich. Wohl mir, dass
es so endete, und dass die spätern Streitigkeiten ähnlicher Art immer
so friedlich verliefen, sonst bezweifle ich, dass meine Abreise von
Bagamoyo so rasch vor sich gegangen wäre, wie es der Fall war. Da ich
gerade bei diesem Thema bin, welches factisch jeden Augenblick meiner
Zeit in Bagamoyo in Anspruch nahm, so kann ich gleich in Bezug auf Sur
Hadschi Pallu und seine Verbindung mit meiner Expedition ausführlicher
sprechen.
Sur Hadschi Pallu war ein gewandter junger Geschäftsmann, energisch,
ein rascher Rechner und schien zum glücklichen Kaufmann geboren. Seine
Augen ruhten nie, sie wanderten über jeden Theil meines Körpers, über
das Zelt, das Bett, die Flinten, die Tuche, und nachdem sie ihren
Rundgang beendet, fingen sie ihn schweigend von neuem an. Seine Finger
lagen nie still, sie hatten eine unruhige, nervöse Thätigkeit in ihren
Spitzen und waren beständig im Begriff, nach etwas herumzufühlen.
Während er mit mir sprach, pflegte er sich überzulehnen und das Gewebe
meines Hosenstoffes, meines Rockes, oder meine Schuhe und meine Socken
zu befühlen. Dann fühlte er sein eigenes leichtes Dschamdani-Hemd
oder Dabwani-Lendentuch an, bis sich seine Augen zufälligerweise auf
einen neuen Gegenstand hefteten, sein Körper sich überbeugte und sein
Arm sich mit den ungeheuern Fingern danach ausstreckte. Auch waren
seine Kinnladen in einer beständigen Bewegung, die durch die schlechte
Gewohnheit bedingt war, Betelnuss mit Kalk und bisweilen Taback mit
Kalk zu kauen. Sie gaben einen schnalzenden Ton von sich, ähnlich wie
ein junges Ferkel beim Saugen. Er war ein frommer Mohammedaner und
beobachtete die äusserlichen Ceremonien der wahrhaft Gläubigen. Er
pflegte mich freundlich zu grüssen, seine Schuhe abzunehmen und in
mein Zelt immer mit der Versicherung einzutreten, dass er nicht werth
wäre, in meiner Gegenwart zu sitzen, und nachdem er sich gesetzt hatte,
brachte er in umständlichster Weise sein Anliegen vor. Von Ehrlichkeit,
wirklicher praktischer Ehrlichkeit wusste dieser Jüngling nichts; die
reine Wahrheit war ihm völlig fremd; die Lügen, die er während seines
kurzen Lebens gesagt hatte, schienen ihm schon den kühnen Blick der
schuldlosen Jugend aus den Augen ausgelöscht, selbst den Schein aller
Wahrhaftigkeit aus den Zügen verbannt, kurz ihn, ein Bürschchen von 20
Jahren, zu einem vollendeten Schurken und completen Betrüger gemacht zu
haben.
Während der 6 Wochen, die ich in Bagamoyo war und auf meine Leute
wartete, hat mir dieser 20jährige Bursche so viel Mühe gemacht,
als alle Schurken von New York zusammengenommen dem dortigen
Polizeipräsidenten bereiten. Zehnmal den Tag ertappte man ihn auf
Unehrlichkeiten, aber er schämte sich nie darüber. Er schickte z. B.
seine Rechnungen über das Zeug, womit er die Pagazis versehen hatte,
ein und behauptete, dass er jedem 25 bezahlt hätte. Als ich jemand
hinschickte, der die Sache untersuchen musste, stellte sich heraus,
dass die grösste Zahl 20 und die niedrigste nur 12 betrug. Sur Hadschi
Pallu gab an, die Zeuge wären alle von erster Qualität gewesen,
Ulyahtuche, welche auf dem Markte viermal so viel werth seien, als die
gewöhnliche Sorte, die den Pagazis gegeben wird; aber eine persönlich
angestellte Untersuchung erwies, dass es die dünnsten verkäuflichen
Stoffe waren, z. B. 2½ Fuss breite amerikanische Leinwand, wovon das
Stück von 30 Meter in Zanzibar 2¾ Dollars kostet, oder die geringste
Sorte Kaniki, von denen gewöhnlich 20 Stück 9 Dollars kosten. Er kam
auch noch persönlich in mein Lager, um 40 Pfd. Sami-Sami, Merikani und
Bubuperlen als Poscho oder Rationen für die Karavane zu verlangen.
Eine Besichtigung ihrer Vorräthe vor der Abreise aus dem ersten Lager
hinter Bagamoyo wies ein Manco von ungefähr 5-30 Pfund nach. Ferner
betrog er mich auch um baares Geld, verlangte z. B. 4 Dollars für
die Kingani-Fähre für je 10 Pagazis, während das Fährgeld doch nur 2
Dollars betrug, und für Poscho eine ganz übertriebene Masse Pice (eine
Kupfermünze, die ungefähr ¾ Cents beträgt). Vier Wochen lang wurde
dies Betrugssystem täglich fortgesetzt. An jedem Tage entwarf er ein
Dutzend neuer Pläne, jeden Augenblick schien er sich zu überlegen, wie
er uns plündern konnte, bis ich schliesslich nicht mehr wusste, wie ich
ihn daran hindern sollte, denn wenn ich ihn der Menge seiner Genossen
gegenüber enthüllte, so brachte das keine Schamröthe auf seine fahlen
Wangen, er hörte dann mit einem Achselzucken zu; das war alles und dies
konnte ich mir auslegen, wie ich wollte. Eine Drohung, sein Geschenk
zu verkürzen, hatte gar keine Wirkung. Ein Vogel in der Hand war für
ihn mehr werth als zwei auf dem Dache und daher waren ihm gestohlene
Waaren im Werthe von 10 Dollars, die er aber factisch besass, von
grösserm innern Werth als 20 Dollars, deren Besitz ihm nach einigen
Tagen zugesichert wurde, selbst wenn das Versprechen von einem Musungu
herrührte.
Die Leser werden sich natürlich fragen, warum ich nicht nach der ersten
Entdeckung dieses schamlosen Verfahrens mein Geschäft mit ihm abbrach,
worauf ich zu erwidern habe, dass ich nicht ohne ihn auskommen konnte
und dass ich mich nie von einem andern Menschen so abhängig gefühlt
habe; ohne seine Hülfe oder die eines eben solchen Menschen hätte ich
in Bagamoyo wenigstens sechs Monate mich aufhalten können, nach welcher
Zeit die Expedition unnütz geworden wäre, da sich das Gerücht von
derselben überall hin verbreitet haben würde. Die sofortige Abreise
aus Bagamoyo war für meinen Erfolg nothwendig, später konnte ich mein
eigenes Schicksal zum grossen Theil selbst lenken.
Das waren die grössten Sorgen, die ich in dieser Zeit hatte. Ich habe
schon gesagt, dass ich Pagazikleidung im Werthe von 1750 Dollars oder
3500 Doti bei mir führte, die in meinem Zelte noch neben meinen übrigen
Ballen aufgestapelt lagen. Da ich 140 Pagazis zu 25 Doti berechnet
hatte, so glaubte ich genug zu haben; dennoch betrug Sur Hadschi
Pallu’s Rechnung ausserdem noch 1400 Dollars baar, obwol ich dem jungen
Hindu zu beweisen versucht hatte, dass ein Musungu kein Narr oder blind
gegen seine Diebstähle sei; obgleich die 3500 Doti verausgabt waren und
ich nur 135 Pagazis zu 25 Doti bekommen hatte, die eigentlich zusammen
nur 3200 Doti kosteten. Er gab vor, er habe 240 Doti Ulyakleider für
Muhongo angeschafft, die einen Werth von 960 meiner Doti hätten, das
Geld sei für Fähren-Pice und Geschenke an die Karavanenhäuptlinge, die
aus Zelten, Gewehren, breitem, rothem Tuch bestanden hätten, sowie
für dergleichen an die Leute von der Mrima (Küste), damit sie uns
Pagazis auftrieben, verausgabt worden. Als ich diese niederträchtige
Betrügerei sah, wurde ich wüthend und erklärte ihm, er würde, wenn er
seine Rechnung nicht nochmals überrechnete und berichtigte, nicht einen
einzigen Pice bekommen.
Aber ehe ich dies bewerkstelligen konnte, musste, da meine Worte,
Drohungen und Versprechungen unberücksichtigt von seinem harten Schädel
abprallten, ein Mann, namens Kandschi, aus dem Magazin von Tarya
Topan in Zanzibar herüberkommen, und dann erst wurde die Rechnung
schliesslich auf 738 Dollars heruntergebracht. Ohne Tarya Topan zu nahe
treten zu wollen, bin ich doch ausser Stande festzustellen, ob Kandschi
oder Sur Hadschi Pallu der vollendetere Schurke ist. Um mich der Worte
eines Weissen, der beide kennt, zu bedienen, „es ist kein Strohhalm
breit Unterschied zwischen ihnen“. Kandschi ist schlau und versteckt,
Sur Hadschi Pallu dreist und unverbesserlich. Aber Friede ihnen beiden;
mögen ihre geschorenen Häupter niemals mit der Sorgenkrone geschmückt
werden, die ich in Bagamoyo getragen habe.
Theurer, freundlicher Leser, glaube nur nicht, dass, wenn ich mich in
diesem oder irgendeinem andern Kapitel über scheinbar unbedeutende und
alltägliche Dinge auslasse, diese hätten unerwähnt bleiben sollen.
Jedes Titelchen, das ich erzähle, ist eine Thatsache, und Thatsachen
kennen lernen heisst Erfahrungen machen. Wie könnte ich Dir überhaupt
meine Erfahrungen mittheilen, wenn ich nicht auf diese elenden
Einzelheiten einginge, die den Fremdling bei seiner ersten Ankunft
in schwere Verlegenheiten stürzen? Wenn ich ein Regierungsbeamter
gewesen wäre, so hätte ich nur meinen Finger zu bewegen brauchen, um
meine volle Zahl Pagazis innerhalb einer Woche zu haben, aber als ein
Individuum ohne officielle Würden und ohne allen Regierungseinfluss,
musste ich mich gedulden, meine Zeit abwarten und ruhig meinen Grimm
herunterschlucken. Doch war nicht alles Brot, das ich ass, so sauer wie
dieses.
Farquhar und Shaw, meine Weissen, arbeiteten fleissig an wasserdichten
Zelten von Hanfsegeltuch, denn ich ersah aus den vorangehenden
Regengüssen, die die Annäherung des Masika bezeichneten, dass ein
gewöhnliches Zelt von leichtem Zeug mich der Feuchtigkeit und meine
Waaren dem Verschimmeln aussetzen würden, und da jetzt noch Zeit war,
alle die Irrthümer, welche sich aus Unwissenheit oder übergrosser
Eile in meinen Plan eingeschlichen hatten, zu corrigiren, so dachte
ich doch, dass es nicht klug wäre, die Dinge sich ganz selbst zu
überlassen. Jetzt, wo ich mit ungeschwächter Gesundheit zurückgekommen
bin, obgleich ich 23 Fieberanfälle in der kurzen Zeit von 13 Monaten
erlitten habe, muss ich gestehen, dass ich mein Leben erstlich der
Gnade Gottes, zweitens dem Enthusiasmus für mein Unternehmen, welcher
mich von Anfang bis zu Ende belebte, drittens dem Umstande, dass ich
meine Constitution nicht durch Unmässigkeit oder Ausschweifungen
ruinirt habe, viertens der Energie meiner Natur, fünftens einem
angeborenen zur Hoffnung geneigten Temperament, das sich nie verstimmen
liess, und sechstens der Maassregel verdanke, dass ich mich mit
einem geräumigen Segeltuchhause, welches dicht gegen Wasser und alle
Feuchtigkeit war, versehen habe. Hier möchte ich, wenn meine Erfahrung
von irgendwelchem Werth ist, den Reisenden den Rath geben, dass sie
sich ihrer eigenen Verstandeskraft bedienen und das beste und stärkste,
was für Geld zu haben ist, sich anschaffen mögen, statt ihr besseres
Urtheil den Launen eines Zeltmachers unterzuordnen, der sich bemühen
wird, ihnen einen schönen Artikel seiner eigenen Fabrik aufzubinden,
welcher für kein Klima passt; schliesslich erweist es sich als das
billigste und kann vielleicht zur Erhaltung ihres Lebens beitragen.
In Bezug auf einen Punkt verfiel ich in einen grossen Irrthum, und
damit zukünftige Reisende nicht eben denselben begehen, welcher für
meinen Lebensgenuss sehr nachtheilig war, bespreche ich ihn hier.
Man muss sehr sorgfältig in der Wahl seiner Waffen, seien sie nur für
die Jagd, oder zur Vertheidigung bestimmt, sein. Ein Reisender sollte
wenigstens drei verschiedene Arten Schiessgewehre haben: erstens
eine Vogelflinte, zweitens eine doppelläufige gezogene Flinte Nr. 10
oder 12, drittens ein Magazingewehr für die Vertheidigung. Für die
Vogelflinte würde ich zu Nr. 12 rathen mit Läufen, die wenigstens 4
Fuss lang sind. Als gezogenes Gewehr für grösseres Wild weise ich, bei
aller selbstverständlichen Achtung für alte Jäger, darauf hin, dass
die besten Gewehre für afrikanisches Wild die englischen Lancaster-
und Reillyflinten sind, und als Kampfwaffe, behaupte ich, ist die
beste bisher erfundene das amerikanische Winchester-Repetir-Gewehr
oder der sogenannte Sechzehn-Schiesser, wenn man dazu die Londoner
Eley’sche Munition nimmt. Wenn ich als Kampfwaffe zum amerikanischen
Winchester-Repetir-Gewehr rathe, so meine ich nicht, dass der Reisende
dies zu Angriffszwecken mitzunehmen hat, wol aber als bestes Mittel für
eine wirksame Vertheidigung, um sich gegen die Angriffe afrikanischer
Banditen zu wehren, die doch wahrscheinlich irgend einmal vorkommen
werden.
Bald nach meiner Rückkehr aus dem Innern traf ich mit einem jungen
Manne zusammen, welcher seine Ueberzeugung dahin aussprach, dass das
„Expressgewehr“ die vollkommenste Waffe für afrikanisches Wild sei.
Möglicherweise hat der junge Mann in Bezug auf das Expressgewehr recht,
aber er hat es nie gegen afrikanisches Wild versucht, und da ich es
auch nicht gethan hatte, konnte ich seine Behauptung nicht bestreiten;
aber ich war im Stande, meine Erfahrungen mit Gewehren anzuführen,
welche die ganze Kraft des „Expressgewehres“ haben, und ihm zu sagen,
dass, obwol die Kugeln die Thiere durchbohrten, sie dieselben fast
nie auf den ersten Schuss zum Falle brachten. Andererseits konnte ich
ihm mittheilen, dass während der Zeit, wo ich mit Dr. Livingstone
reiste, dieser mir sein schweres Reillygewehr lieh, mit dem ich selten
verfehlte, ein oder zwei Thiere ins Lager zu bringen, und dass ich
dabei gefunden habe, dass die Fraserkugel allen beabsichtigten Zwecken
entspricht. Die von Kapitän Speke und Sir Samuel Baker erzählten
Heldenthaten können nicht mehr Gegenstand der Verwunderung für den
jungen Jäger sein, wenn er ein Lancaster- oder Reillygewehr in der
Hand hat; nach wenigen Minuten kann er es ihnen nachthun, ja sie
sogar übertreffen, wenn er nur eine feste Hand hat. Um diesen Zweck
zu fördern, habe ich vorstehendes geschrieben. Das afrikanische
Wild verlangt „Knochenzerschmetterer“, denn ein gewöhnlicher
Karabiner besitzt zwar die ausreichende Schusskraft, um in das Thier
hineinzudringen, ist aber doch nicht im Stande, die Thiere zum Falle zu
bringen, was ein Gewehr thun muss, wenn es sich einem Afrika-Reisenden
nützlich erweisen soll.
Ich war noch nicht lange in Bagamoyo, als ich nach dem Lager Mussoudi’s
hinüberging, um die „Livingstone-Karavane“ zu besuchen, welche der
britische Consul am 1. November 1870 ausgeschickt hatte, um Livingstone
Hülfe zu leisten. Die Zahl ihrer Traglasten betrug 35 und diese
bedurften ebenso vieler Menschen, um nach Unyanyembé transportirt zu
werden. Die Leute, die diese Karavane zu begleiten hatten, bestanden
aus sieben Johannesen und Wahiyau. Von diesen sieben waren vier
Sklaven. Sie führten hier ein vergnügtes Leben, ohne an ihren Auftrag
zu denken oder sich um die Folgen zu bekümmern. Was diese Leute die
ganze Zeit über in Bagamoyo gethan haben, ausser ihren lasterhaften
Neigungen zu fröhnen, begreife ich nicht. Es wäre Unsinn zu behaupten,
dass es keine Pagazis gegeben habe, denn ich weiss, dass wenigstens 15
Karavanen seit dem Ramadan (15. December 1870) ins Innere abgegangen
waren. Und die Livingstone-Karavane war schon am 2. November in der
kleinen Stadt Bagamoyo angekommen und hier bis zum 10. Februar, im
ganzen also 100 Tage, liegen geblieben, weil ihr die geringfügige Zahl
von 35 Pagazis, die man durch den Einfluss des Consuls in zwei Tagen
hätte bekommen können, fehlte. Wenn der britische Consul sich damit
entschuldigt, er habe gar nicht gewusst, dass seine für Livingstone
bestimmten Vorräthe noch in Bagamoyo wären, so beweist mir das nur,
dass er in strafwürdigster Weise seine Pflicht gegen einen britischen
Unterthan und Collegen vernachlässigt habe, der selbst bis auf seinen
Lebensunterhalt völlig von ihm abhing. Denn am ersten Abend meiner
Ankunft in Zanzibar erfuhr ich, dass eine Karavane in Bagamoyo in
Begriff stand abzureisen, um dem Dr. Livingstone Vorräthe ins Innere
zu bringen. Damals wusste ich noch gar nicht, ob es ein schweres oder
leichtes Ding sei, eine Karavane ins Innere zu expediren. Man kann
sich daher meine Verwunderung leichter vorstellen, als ich sie zu
beschreiben vermag, wie ich die Entdeckung machte, dass diese Karavane,
die nur 35 Mann brauchte und vom britischen Consul abgeschickt worden
war, Zanzibar am 1. oder 2. November 1870 verlassen hatte und sich noch
am 10. Februar 1871, also +volle hundert Tage+, in Bagamoyo im
Lager befand. Da warf ich mir die Frage auf, wie viel Tage vergehen
müssten, bis ich, ein blosser Privatmann, 140 Leute zusammenbringen
könnte, wenn die kleine Zahl von 35 Mann noch nicht innerhalb 100 Tagen
von einem britischen Consul zusammengebracht werden konnte.