Am 5. ankerten vier Dhows vor dem amerikanischen Consulat; in eins

derselben wurden die zwei Pferde gebracht, in zwei andere die Esel, in

das vierte, welches das grösste war, die schwarze Begleitung und die

viel Raum einnehmenden Tauschwerthe der Expedition.

Als ich eben den Befehl zur Abfahrt ertheilen wollte, fehlten die

beiden Weissen, Farquhar und Shaw. Nach eifriger Nachforschung fand man

sie irgendwo in den Schenken, in Gesellschaft von etwa einem Dutzend

guter Kameraden. Dort hielten sie Reden über die Grösse der Kunst,

Afrika zu erforschen und suchten sich vermittelst des Branntweins die

schrecklichen Vorahnungen abzuwehren, welche sich ihnen heimtückisch

hin und wieder aufdrängten und ihnen warnend zuraunten: es könne

doch in den neuen Ländern, die sie kennenlernen sollten, trotz aller

Romantik, mit der die Phantasie dieselben ausstatte, etwas stecken, was

... nun was ... --

„Kerls, macht, dass Ihr sofort in die Dhows kommt! Das ist ein

schlechter Anfang, nachdem Ihr Eure Contracte unterzeichnet habt“, --

sagte ich, als ich sie in Gesellschaft von Bombay und 4 bis 5 Mann von

der neuangeworbenen Escorte zum Ufer wanken sah.

„Bitte, Herr, darf -- darf -- darf ich Sie wol fragen, glauben Sie,

dass ich ganz richtig gehandelt habe, als ich Ihnen versprach, Sie nach

Afrika zu begleiten?“ fragte Shaw in zögerndem und bewegtem Tone.

„Habt Ihr nicht vorausbezahlt bekommen? Habt Ihr nicht den Contract

unterzeichnet?“ fragte ich, „und jetzt wollt Ihr Euch zurückziehen?

Macht, dass Ihr ins Boot kommt, rasch! Jetzt sind wir alle daran

gebunden und müssen zusammen schwimmen oder untergehen, leben oder

sterben. Keiner darf sich seiner Pflicht entziehen!“

Kurz vor 12 Uhr segelten wir ab. Die amerikanische Flagge, ein Geschenk

der gütigen Frau Webb an die Expedition, wurde am Mast aufgehisst;

der Consul, seine Frau und seine prächtigen Kinderchen Mary und

Charley befanden sich auf dem Dache ihres Hauses und schwenkten das

Sternenbanner, sowie Hüte und Taschentücher mir und den Meinigen

als Abschiedsgruss zu. -- Glückliche und gute Menschen, möge Euer

Lebenslauf und der unserige vom Glück begünstigt sein und möge Gottes

Segen auf uns allen ruhen!

[3] Ich weiche, wie man sieht, vom Kapitän Burton im Buchstabiren

dieses Wortes ab, da ich den Buchstaben y für überflüssig halte.

[Illustration: LAGER IN BAGAMOYO.]

DRITTES KAPITEL.

DAS LEBEN IN BAGAMOYO.

Ankunft in Bagamoyo. -- Gastfreundschaft der Jesuiten-Mission. --

Leben in Bagamoyo. -- Ali bin Salim. -- Nächtliche Diebe. -- Ein Esel

wird gestohlen. -- Verpackung der Ballen. -- Schwierigkeit, Pagazis

zu bekommen. -- Transport- und Waaren-Kosten. -- Sur Hadschi Pallu.

-- Seine Sünden. -- Besuch bei Livingstone’s Karavane. -- Ankunft

des Dr. Kirk in Bagamoyo. -- Klima von Bagamoyo. -- Abreise der fünf

Karavanen.

Langsam entzog sich die Insel Zanzibar mit ihren Hainen von Kokospalmen

und Mangobäumen, von Gewürznelken und Zimmetstauden, und den gleichsam

Schildwache haltenden Inselchen Tschumbi und French, mit ihrer

weissgetünchten Stadt und ihren Düften von Johannisbrot, mit ihrem

Hafen und den Seeschiffen unserm Blick, und im Westen erhob sich der

afrikanische Continent, ein in Grün gehülltes Gestade, das dem ähnlich

ist, welches zurückweichend sich jetzt in eine blosse sich über dem

Horizont hinschlängelnde Linie verwandelt hat, und erschien in

nördlicher Richtung als hohe Bergkette. Die Entfernung von Zanzibar

nach Bagamoyo ist ungefähr 25 engl. Meilen, aber die langsamen,

schwerfälligen Dhows brauchten 10 Stunden, ehe sie auf dem Korallenriff

ankerten, welches wenige Fuss über dem Wasserspiegel, ungefähr 100

Meter von dem Ufer entfernt, sichtbar ist.

[Illustration: BAGAMOYO.

I. S. 46.]

Die neuangeworbenen Soldaten, die Lärm und Aufregung liebten, gaben

wiederholte Salven, um die am Ufer angesammelten Araber, Banyanen und

Wasawahili zu begrüssen, die dort standen, um die Musungu (Weissen)

zu empfangen, was sie durch allgemeines Angaffen und ein im Chor

gebrülltes „Yambo, Bana“ (wie befinden Sie sich, Herr?) thaten.

Bei uns zu Lande ist ein von einer grossen Menschenmenge bereiteter

Empfang eine etwas langweilige Operation, da unsere unabhängigen Bürger

darauf bestehen, uns kräftig die Hand zu drücken, wodurch erst ihr

Selbstbewusstsein zufriedengestellt und die friedliche Demonstration

zum Abschluss gebracht wird; aber an diesem reichlich von Zuschauern

besetzten Gestade genügte die Antwort: Yambo, Bana! Nur einer, der

von allen Anwesenden als der Bedeutendste anerkannt wurde und der,

wie alle grossen Männer, besondere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm,

kam hervor, um noch ein besonderes „Yambo“ seinerseits mit uns

auszutauschen und uns die Hand zu drücken. Diese Persönlichkeit mit

langem, herabhängendem Turban war Dschemadar Esau, Commandant der

in Bagamoyo stationirten zanzibarer Soldatentruppe, Polizei- oder

Belutsch-Gensdarmen. Er hatte Speke und Grant ein grosses Stück ins

Innere begleitet und sie, wie alle andern englischen Reisenden, hatten

ihn freigebig belohnt. Jetzt nahm er die Verantwortlichkeit auf sich,

bei der Ausladung der Expedition zu helfen, und trotz seiner unwürdigen

Erscheinung, seines schmählichen Schmutzes und behaarten Gesichts

empfehle ich ihn doch wegen seines Einflusses auf den Pöbel allen

künftigen ostafrikanischen Reisenden. Unter den ersten, die uns hier

begrüssten, war ein Pater der Gesellschaft des heiligen Geistes, der

mit den andern Jesuiten unter dem Superior Horner einen Missionsposten

von bedeutendem Einfluss und Verdienst in Bagamoyo eingerichtet hat.

Sie luden uns ein, von der Gastfreundschaft der Mission Gebrauch

zu machen, unsere Mahlzeiten dort einzunehmen und, wenn wir es

wünschten, unser Lager auf ihrem Grund und Boden aufzuschlagen. Aber

wie liebenswürdig auch immer eine Bewillkommnung und wie aufrichtig

herzlich eine Einladung sein mag, ziehe ich doch, wo es möglich ist,

die Unabhängigkeit der Abhängigkeit vor. Ausserdem war mein Sinn für

die Verpflichtungen eines Gastes gegen seinen Wirth gerade jetzt durch

die zarte Nachsicht meines gütigen Wirths in Zanzibar geschärft worden,

der kein Zeichen von Ungeduld über die Mühen, die ich ihm, wie ich nur

zu gut wusste, verursacht, von sich gegeben hatte. Deshalb sagte ich

dem gastfreundlichen Pater, dass ich mich nur auf eine Nacht von meinem

Lager entfernen könne.

Ich suchte ein Haus nahe der westlichen Umgebung der Stadt aus, wo ein

grosser, offener Platz liegt, durch den die Strasse nach Unyanyembé

führt. Wäre ich einen ganzen Monat in Bagamoyo gewesen, so hätte ich

keinen bessern Platz auswählen können. Meine Zelte wurden gegenüber

dem Tembé (Hause), das ich mir ausgesucht hatte, aufgeschlagen

und schlossen einen kleinen Platz ein, wo man Geschäfte abmachen,

Waarenballen nachsehen, untersuchen und signiren konnte, ohne von der

Zudringlichkeit Neugieriger belästigt zu werden. Nachdem ich die 27

Thiere der Expedition in einen eingehegten Platz hinter dem Hause hatte

treiben lassen, die Güterballen aufgespeichert und einen Cordon von

Soldaten herumgestellt hatte, begab ich mich, müde und hungrig, in die

Jesuitenmission, um ein spätes Mittagsessen einzunehmen, und liess das

neugebildete Lager unter Aufsicht der Weissen und des Kapitän Bombay.

Die Missions-Anstalt ist eine gute halbe Meile nördlich von der Stadt

entfernt; sie bildet eigentlich ein Dorf für sich und zählt ungefähr

15-16 Häuser. Mehr als 10 Patres und ebenso viel Schwestern sind

dort in der Niederlassung beschäftigt und alle haben sie genug damit

zu thun, den Schädeln der Eingeborenen das Feuer der Intelligenz zu

entlocken. Die Wahrheit zwingt mich zu sagen, dass sie dabei schöne

Erfolge erzielt haben. Sie haben in der Anstalt mehr als 200 Zöglinge,

sowol Knaben als Mädchen, und diese tragen, vom ältesten bis zum

jüngsten, das Gepräge der brauchbaren Erziehung, die sie erhalten

haben, an sich.

Das für die Väter und ihren Gast bereitete Mittagessen bestand aus

ebenso viel Schüsseln, wie ein Hôtel erster Klasse in Paris sie

zu geben pflegt, und war mit ebenso viel Kunst gekocht, obwol die

Umgebungen keineswegs die gleichen waren. Ich bin überzeugt, dass die

Patres ausser ihrem guten Geschmack für Speisen auch nicht ermangeln,

ihre Gedanken durch die Flüssigkeit anzuspornen, die Horaz, Hafis und

Byron so sehr gelobt haben. Der Champagner -- man denke sich Cliquot

in Ostafrika -- Lafite, Larose, Burgunder und Bordeaux waren von

allerbester Qualität und die sanften, demüthigen Blicke der Väter

verklärten sich sichtlich unter dem Einfluss des Weines. Diese Väter

verstehen das Leben und wissen seine Dauer zu würdigen. Ihre Festtafel

treibt das Mukunguru (afrikanische Sumpffieber) von ihrer Thür und

mildert den Trübsinn und das Gefühl der Verlassenheit, welche jeden mit

Schrecken befallen, wenn man aus dem hellen Zimmer in das tiefe Dunkel

der afrikanischen Nacht sich hinaus begibt, die nur durch das ermüdende

eintönige Geräusch der Frösche und Heimchen und das ferne Geheul der

Hyänen belebt wird. Es gehört etwas mehr als Menschenkraft dazu, um

ohne Unterstützung der erheiternd wirkenden röthlichen Flüssigkeit

stets leutselig und höflich unter den trüben Lebensverhältnissen der

Eingeborenen Afrikas zu bleiben.

Nach dem Abendessen, das mir die fehlende Kraft wiedergegeben hatte und

für das ich ausserordentlich dankbar war, kamen die fortgeschrittensten

Zöglinge, etwa 20 an der Zahl, mit Blasinstrumenten heraus und bildeten

ein vollständiges Musikchor. Ich war ziemlich erstaunt, so harmonische

Töne von diesen wollköpfigen Burschen zu hören, bekannte französische

Musik in diesem einsamen Hafen zu vernehmen und mir von Negerknaben,

die vor einigen Monaten nichts als die Ueberlieferung ihrer unwissenden

Mütter kannten, pariser Lieder über französische Tapferkeit und

französischen Ruhm mit der ganzen Kaltblütigkeit von Gassenjungen der

Vorstadt St. Antoine vorsingen zu lassen.

Ich genoss eine sehr erquickende Nachtruhe und suchte bei Tagesgrauen

mit frischem Muth für das neubeginnende Leben mein Feldlager auf.

Als ich die Thiere zählte, fehlten zwei Esel, und als ich meine

afrikanischen Tauschwerthe musterte, war eine Rolle Draht, Nr. 6,

nicht zu finden. Offenbar hatten sich alle meine Leute auf den Boden

geworfen, um zu schlafen, und hatten die Thatsache vergessen, dass

auf dem Mrima viele Diebe nachts herumschleichen. Ich schickte also

Soldaten in die Stadt, um dieselbe sammt ihrer Nachbarschaft zu

durchsuchen, liess Dschemadar Esau, mit dem Schleppturban, schmutzigen

Gesicht und Hals, von unserm Verlust in Kenntniss setzen und durch das

Versprechen einer Belohnung dazu anspornen, die Thiere aufzusuchen. Vor

dem Abend entdeckte man einen der fehlenden Esel ausserhalb der Stadt,

wie er Maniokblätter frass, aber das andere Thier und die Drahtrolle

fanden sich nicht.

Unter den Leuten, die mich an diesem ersten Tage meines Aufenthalts

in Bagamoyo besuchten, befand sich Ali bin Salim, ein Bruder des

berühmten Sayd bin Salim, früher Ras Kafilah, der bei Burton und Speke

und darauf bei Speke und Grant gewesen war. Er war mit seinen Salaams

sehr freigebig und ausserdem sollte sein Bruder mein Agent in Unyamwezi

sein; ich zögerte mithin nicht, sein Anerbieten, mir zu helfen,

anzunehmen. Aber leider wurde dieser Ali bin Salim gegenüber meiner dem

Weissen eigenen Arglosigkeit zu einer Schlange, zu einem wirklich bösen

Dorn in meinem Fleische. Ich wurde in sein bequemes Haus zum Kaffee

gebeten und ging dorthin; der Kaffee war gut, aber ohne Zucker, seine

Versprechungen waren zahlreich, aber ohne Werth. Er sagte zu mir: „Ich

bin Ihr Freund, ich wünsche Ihnen zu dienen, was könnte ich für Sie

thun?“ Ich antwortete: „Ich bin Ihnen sehr dankbar, ich bedarf eines

guten Freundes, der die Sprache und Sitten der Wanyamwezi kennt und im

Stande ist, mir sowol die Pagazis zu verschaffen, die ich brauche, als

auch meine Weiterreise zu beschleunigen. Ihr Bruder ist mit den Wasungu

(den weissen Männern) bekannt und weiss, dass Sie Ihr Wort halten.

Schaffen Sie mir 140 Pagazis und ich will Ihnen dafür zahlen, was Sie

fordern.“

Mit salbungsvoller Höflichkeit sagte die Schlange, die ich hegte

und pflegte: „Ich wünsche nichts von Ihnen, mein Freund, für einen

so kleinen Dienst. Bleiben Sie ruhig und zufrieden. Sie sollen sich

keine 14 Tage hier aufhalten. Morgen früh komme ich und werde mir Ihre

Güter ansehen, um zu berechnen, was nöthig ist.“ Als ich mich von ihm

verabschiedete, war ich von dem beglückenden Gedanken beseelt, dass ich

bald auf dem Wege nach Unyanyembé sein würde.

Ich muss den Leser mit zwei ausreichenden Gründen bekannt machen,

warum ich meine ganze Energie darauf verwenden musste, die Expedition

so rasch wie möglich aus Bagamoyo fortzuführen: erstens wünschte ich

Udschidschi zu erreichen, ehe die Nachricht zu Livingstone drang, dass

ich ihn aufsuche; denn ich stellte mir vor, dass er, seiner Natur

nach, es versuchen würde, sich lieber so weit als möglich von mir zu

entfernen, als irgend etwas dazu zu thun, sich mir zu nähern, und dann

hätte ich meine lange Reise umsonst gemacht. Zweitens sollte die Masika

oder Regenzeit bald eintreten und wenn diese mich noch in Bagamoyo

überraschte, so hätte ich meine Abreise bis nach Beendigung derselben

aufschieben müssen, was mir einen Aufenthalt von 40 Tagen verursacht

hätte, denn es sollte dann nach den übertriebenen Darstellungen

der Leute, mit denen ich in Berührung gekommen war, 40 Tage ohne

Unterbrechung regnen. Dies war, wie ich wusste, sehr zu fürchten,

denn ich erinnerte mich einer grossen Reihe von Unannehmlichkeiten,

die durch den Regen verursacht werden, z. B. des virginischen

Regens und der ihn begleitenden Schrecknisse, der Feuchtigkeit, des

Schimmels, der rheumatischen und Wechselfieber und ähnlicher Dinge;

dann des englischen Regens, jenes jammervollen Sprühregens, welcher

hypochondrisch macht; ferner der abessinischen Regenzeit, wo die

Schleusen des Himmels geöffnet zu sein scheinen und ein allgemeiner

Wolkenbruch stattfindet, der hinreicht, den halben Continent in ein

paar Stunden unter Wasser zu setzen; schliesslich des Monsun oder

indischen Platzregens, der jedermann absolut an das Haus fesselt. Mit

welchem von diesen Regenarten sollte ich den schrecklichen Masika

Ostafrikas vergleichen? Schrieb Burton nicht schon viel von dem

schwarzen Schlamm in Uzaramo? Nun, was kann aus einem Lande werden,

dessen Erdboden schon bei gutem Wetter schwarzer Schlamm genannt wird,

wenn ein 40tägiger Regen es durchfeuchtet und die Füsse von Pagazis und

Eseln es durchknetet haben? Dies waren naheliegende Erwägungen, wie sie

durch die zeitweiligen Umstände gerechtfertigt waren, und ich wurde

dadurch sehr beunruhigt.

Am nächsten Tage besuchte Ali bin Salim, treu seinem Versprechen, mein

Feldlager mit sehr wichtiger Miene und theilte mir, nachdem er den

Haufen Zeugwaaren besichtigt hatte, mit, dass ich sie mit Makandas,

d. h. Binsenbeuteln, bedecken müsse. Er sagte, er werde mir einen Mann

schicken, um dazu Maass zu nehmen, rieth mir aber, mit diesem nicht

wegen der Beutel zu handeln, da er selbst alles in Ordnung bringen

werde.

Während wir mit lobenswerther Geduld die 140 Pagazis, die uns Ali

bin Salim versprochen hatte, erwarteten, beschäftigten wir uns mit

allem, was man für nöthig halten konnte, um die ungesunde Seegegend

zu durchziehen, sodass wir sie passiren könnten, ehe das schreckliche

Fieber uns muthlos und schlaff machte. Ein kurzer Aufenthalt in

Bagamoyo zeigte uns schon, was uns fehlte, was überflüssig und

was nothwendig war. In einer Nacht wurden wir von einem Sturm und

furchtbaren Regen heimgesucht. Ich hatte Pagazizeug im Werthe von

1500 Dollars in meinem Zelt. Am Morgen besah ich es und siehe da, der

Drillich hatte den Regen wie ein Sieb hineingelassen und jeder Meter

Tuch war nass. Es bedurfte zweier Tage, um die Tuche zu trocknen und

wieder zusammenzufalten. Das Drillichzelt wurde also verworfen und

eins aus Hanfsegeltuch Nr. 5 gemacht. Erst darauf gewann ich die

Ueberzeugung, dass meine Zeugballen und die Munition für ein Jahr

sicher seien und dem Masika Trotz bieten könnten. In der Eile unserer

Abreise von Zanzibar und da ich damit nicht bekannt war, wie man Ballen

zu packen habe, hatte ich mich dem bessern Urtheil und der Erfahrung

eines gewissen Dschetta, eines Commissionärs, unterworfen, der mir

meine Ballen für den Transport herrichtete. Dieser wog die Ballen nicht

beim Zusammenpacken, sondern legte einfach Merikani, Kaniki, Barsati,

Dschamdani, Dschoho, Ismahili schichtweise aufeinander und schnürte

alles in Ballen. Ein paar Pagazis kamen in mein Lager und fingen an

zu unterhandeln, wünschten aber erst die Ballen zu sehen, ehe sie

den Handel abschlössen. Sie versuchten es, sie zu heben, aber o weh!

der Versuch schlug fehl und sie gingen wieder ab. Ich liess darauf

eine genaue Salter’sche Federwage aufhängen und hing einen Ballen an

dieselbe; der Zeiger wies 105 Pfund oder 3 Frasileh nach, also gerade

35 Pfund oder 1 Frasileh Uebergewicht. Als ich alle Ballen in dieser

Weise geprüft hatte, bemerkte ich, dass die Arbeit Dschetta’s, die nur

nach allgemeinen Schätzungen gemacht worden war, trotz seiner Erfahrung

mir bedeutende Mühe verursachte. Ich liess also durch die Soldaten

die Ballen wieder öffnen und zusammenpacken, was nun in folgender

Weise gemacht wurde. Wir zerschnitten ein Doti oder 4 Meter Merikani,

wovon in Zanzibar das Stück von 30 Meter gewöhnlich 2 Doll. 75 cts.

kostet, und breiteten es aus. Darauf nahmen wir ein Stück gute Merikani

und falteten dasselbe in 3 Theile statt der 2 Falten, die es in den

Fabriken von Nashua und Salem bekommen hatte, wodurch die Falten eine

Breite von 1 Fuss erhielten. Ein solches Stück bildet die erste Schicht

und wiegt 9 Pfund. Die zweite Schicht besteht aus 6 Stück Kaniki,

einem blauen Stoff, der dem französischen blauen Blousenstoff oder

dem amerikanischen blauen Barchent ähnlich, aber viel leichter ist.

Die dritte Schicht wird aus einem zweiten Stück Merikani, die vierte

aus noch 6 Stücken Kaniki, die fünfte aus Merikani, die sechste, wie

vorher, aus Kaniki und die siebente und letzte aus Merikani gebildet.

So hat man 4 Stück Merikani, die 36 Pfund wiegen, und 18 Stück Kaniki,

die auch 36 Pfund wiegen, im ganzen also 72 Pfund oder etwas mehr als

2 Frasileh. Dann wird das erste Tuch einfach über diese Schichten

gelegt und an den Ecken zusammengebunden. Hierauf nimmt man ein Bündel

Kokosstricke, zwei Leute klopfen und pressen den Ballen mit einem

hölzernen Hammer und binden das Ganze ebenso sorgfältig zusammen wie

Matrosen ihr Takelwerk umwinden.

Wenn solch ein Ballen fertig ist, bildet er eine solide Masse von 3½

Fuss Länge, 1 Fuss Höhe und 1 Fuss Breite. Solcher Ballen hatte ich 82

nach Unyanyembé zu transportiren, von denen 40 nur aus Merikani und

Kaniki bestanden; die übrigen 42 enthielten die Merikani und farbigen

Tuche, welche als Honga oder Tributtuche dienen und zum Miethen der

übrigen Pagazis von Unyanyembé nach Udschidschi und von dort weiter

verwendet werden sollten.

Der 15. Tag, zu welchem mir Ali bin Salim die Pagazis versprochen

hatte, ging vorüber und keine Spur von einem Pagazi zeigte sich in

meinem Lager. Ich schickte also den stierköpfigen Mabruki, einen

von Burton’s Gefährten, zu Ali bin Salim, um ihm meine Salaams zu

überbringen und die Hoffnung auszudrücken, dass er sein Wort halten

werde. Nach einer halben Stunde kam Mabruki mit der Antwort von dem

Araber zurück, dass er in ein paar Tagen im Stande sein werde, alle die

Pagazis zusammenzubringen, „aber“, fügte Mabruki schlau hinzu, „Bana,

ich glaube ihm nicht; er sprach so laut zu sich selbst, dass ich es

hören konnte: «Warum sollte ich diesem Musungu Pagazis verschaffen?

Seyyid Bargasch hat mir keinen Brief geschickt, sondern dem Dschemadar.

Warum sollte ich mich um ihn bemühen? Möge doch Seyyid Bargasch mir

einen Brief zu diesem Zweck schreiben, und ich will sie ihm in zwei

Tagen verschaffen.»“ --

Nach meiner Ueberzeugung war es jetzt Zeit zu handeln. Ali bin Salim

sollte einsehen, dass es ein übel Ding sei, mit einem Weissen, der

ernstlich abreisen wollte, sein Spiel zu treiben. Ich ritt also in sein

Haus, um ihn zu fragen, was er eigentlich meine.

Seine Antwort war, Mabruki hätte eine Lüge gesagt, die so schwarz sei

wie sein Gesicht; wenn er (Ali) je etwas derartiges gesagt hätte, so

wolle er selbst mein Sklave oder ein Pagazi werden. Aber hier brachte

ich den redseligen Ali zum Schweigen und erwiderte ihm, dass ich

nicht daran denken könne, ihn als Pagazi zu benutzen, ebenso wenig

als ich Seyyid Bargasch bemühen wolle, ihm selbst einen Brief zu

schreiben, oder von einem Menschen, der mich einmal, wie Ali bin Salim,

hintergangen hätte, irgendeinen Dienst annehmen wolle. Es wäre daher

besser, wenn Ali bin Salim aus meinem Lager wegbliebe und weder in

Person noch durch Vertreter mit demselben verkehre.

Ich hatte 14 Tage verloren, denn Dschemadar Sadur in Kaole hatte sich

nie aus seinem befestigten Hause in jenem Dorfe heraus bemüht, um

mir zu dienen, sondern war nur einmal, nachdem er des Sultans Brief

empfangen, zum Besuch bei mir gewesen. Auch der Zollhausbeamte in

Kaole, Narandschi, der ganz und gar unter dem Druck des grossen Ludha

Damdschi stand, war nicht dem bestimmten Ersuchen Ludha’s nachgekommen,

mir Pagazis zu verschaffen, sondern hatte nur geblinzelt, genickt und

versprochen, und wie es mir mit Ali bin Salim erging, habe ich eben

erzählt. In dieser Noth erinnerte ich mich des Versprechens, das mir

der grosse Kaufmann von Zanzibar, Tarya Topan, der mohammedanische

Hindu, gemacht hatte, dass er mir einen Brief an einen jungen Mann

namens Sur Hadschi Pallu geben wolle, der in Bagamoyo am besten im

Stande sein sollte, Pagazis zu verschaffen.

Ich schickte also meinen arabischen Dolmetscher Selim in einem Dhow

nach Zanzibar mit der inständigen Bitte an Kapitän Webb, dass er mir

von Tarya Topan den so lange verschobenen Einführungsbrief verschaffe.

Dies war die letzte Karte, die ich ausspielen konnte.

Am dritten Tage kam der junge Selim zurück und brachte mir nicht nur

einen Brief an Sur Hadschi Pallu, sondern auch eine Menge guter Dinge

aus dem stets gastfreien Hause des Herrn Webb. Sehr kurze Zeit nach

dem Empfang des Briefes kam der ausgezeichnete junge Mann Sur Hadschi

Pallu zu mir und theilte mir mit, dass er von Tarya Topan gebeten sei,

für mich 140 Pagazis nach Unyanyembé so rasch wie möglich zu miethen.

Dies wäre, wie er sagte, sehr kostspielig, denn es gäbe eine Menge von

arabischen und wasawahilischen Kaufleuten, welche auf jede Karavane

lauerten, die aus dem Innern käme, und diese pflegten 20 Doti oder 80

Meter Zeug jedem Pagazi zu zahlen. Da viele dieser Kaufleute nicht

willens oder im Stande gewesen wären mehr zu zahlen, so hätten sie

sechs Monate warten müssen, ehe sie ihre Leute bekommen hätten.

„Wenn Sie“, fuhr er fort, „rasch fortzukommen wünschen, so müssen Sie

25-40 Doti bezahlen und dann kann ich Sie vor Ablauf eines Monats

expediren.“

Wie ich Livingstone fand; Erster Band · 第 4 / 29 段