Nachdem ich die Esel zusammengebracht hatte, entdeckte ich, dass man

in Zanzibar keine Packsattel haben könne. Nun waren aber die Esel ohne

Packsattel für mich ganz nutzlos. Ich erfand also einen Sattel, den

ich und mein weisser Diener Farquhar einzig und allein aus Segeltuch,

Stricken und Baumwolle fabriciren mussten. Drei bis vier Frasileh

Baumwolle und 10 Stück Segeltuch waren für die Sattel nöthig. Ich

selbst machte einen Mustersattel zur Probe, darauf wurde ein Esel

gesattelt und ihm eine Last von 140 Pfund aufgepackt, und obgleich

das Thier, eine wilde Bestie aus Unyamwezi, sich bäumte und wüthend

geberdete, so blieb doch die ganze Last fest sitzen. Nach diesem

Experiment liess ich Farquhar noch 21 Sattel nach demselben Muster

fabriciren. Auch wurden wollene Polster angekauft, um die Thiere vor

dem Wundwerden zu schützen, doch muss ich hier wol erwähnen, dass die

Idee zu dem Sattel, den ich fertigte, von dem Otagosattel hergenommen

ist, den die englische Armee zu ihren Transporten in Abessinien benutzt

hat.

John William Shaw, ein geborener Londoner, der bisher dritter

Steuermann auf dem amerikanischen Schiffe „Nevada“ gewesen war,

wandte sich an mich, um Beschäftigung zu erlangen. Obgleich seine

Entlassung von der „Nevada“ etwas verdächtig war, besass er doch alle

die Eigenschaften eines Menschen, wie ich ihn brauchte, war vertraut

mit der Nadel und verstand aus Segeltuch alles zu machen, war ein

vorzüglicher Schiffer und willig, soweit seine Kunst reichte. Ich sah

keinen Grund, seine Dienste abzuweisen und nahm ihn daher für ein

Jahresgehalt von 300 Dollars als zweiten im Range nach William L.

Farquhar an.

Farquhar war ein ausgezeichneter Schiffer und vorzüglicher Rechner; er

war kräftig, energisch und gescheit, aber leider ein starker Trinker.

Während unseres Aufenthalts in Zanzibar war er jeden Tag benebelt und

das wüste, lasterhafte Leben, das er hier führte, wurde ihm, wie wir

sehen werden, bald nachdem wir ins Innere kamen, verderblich.

Meine nächste Aufgabe bestand darin, eine zuverlässige Escorte von

20 Mann für die Reise anzuwerben und mit Waffen und andern Dingen

auszurüsten. Dschohari, der erste Dragoman des amerikanischen

Consulats, sagte mir, er wisse, wo man einige von Speke’s „Getreuen“

auffinden könne. Es war mir schon vorher klar geworden, dass es am

besten sein würde, wenn es mir gelänge, einige mit den Sitten der

Weissen vertraute Leute in Dienst zu nehmen, welche andere veranlassen

könnten, sich der Expedition anzuschliessen. Besonders hatte ich

dabei an den Sidy Mbarak Mombay, gewöhnlich Bombay genannt, gedacht,

der trotz seines „Holzkopfes“ und seiner „plumpen Hände“ für den

„Getreusten der Getreuen“ galt.

Mit Hülfe des Dragomans Dschohari nahm ich in Zeit von ein paar Stunden

Uledi, Kapitän Grant’s frühern Bedienten, Ulimengo, Baruti, Ambari,

Mabruki (Muinyi Mabruki, der stierköpfige Mabruki, Kapitän Burton’s

frühern unglücklichen Diener), also fünf von Speke’s „Getreuen“ in

meine Dienste. Als ich sie fragte, ob sie bereit wären, abermals an der

Expedition eines Weissen nach Udschidschi theilzunehmen, erwiderten sie

bereitwilligst, dass sie sehr gern mit einem Bruder von Speke reisen

wollten. Der englische Consul Dr. John Kirk, der zugegen war, sagte

ihnen darauf, dass ich kein Bruder von Speke sei, sondern nur seine

Sprache rede; aber auf diese Unterscheidung legten sie keinen Werth und

ich hörte, wie sie mit grosser Freude ihre Bereitwilligkeit erklärten,

überall mit mir hinzugehen und alles zu thun, was ich wünschte.

Mombay, wie sie ihn nannten, oder Bombay, unter welchem Namen wir

Wasungu ihn kennen, war nach Pemba, einer Insel im Norden von Zanzibar,

gegangen. Uledi aber war der bestimmten Ueberzeugung, dass Mombay bei

der Aussicht auf eine neue Expedition vor Freuden Luftsprünge machen

würde. Dschohari erhielt daher den Auftrag, ihm nach Pemba zu schreiben

und ihn von dem ihm bevorstehenden Glück zu benachrichtigen.

Am 4. Morgen nach Abgang des Briefes erschien der berühmte Bombay, dem

die „Getreuen“ von Speke ihrem Range gemäss folgten. Vergeblich sah

ich nach dem Holzkopf und den Alligatorzähnen, von denen sein früherer

Herr gesprochen hatte. Ich sah einen schlanken, kurzen Mann von etwa 50

Jahren, mit grauem Kopf, ungewöhnlich hoher, enger Stirn und grossem

Munde, der sehr unregelmässige, weit auseinanderstehende Zähne zeigte.

Eine hässliche Lücke an der obern, vordern Zahnreihe Bombay’s war

durch die geballte Faust vom Kapitän Speke in Uganda bewirkt, als ihm

die Geduld riss und sofortige Bestrafung nöthig erschien. Kapitän

Speke hatte ihn offenbar durch Güte verwöhnt, was aus der Thatsache

hervorgeht, dass Bombay die Frechheit hatte, ihn zu einem Boxerkampf

aufzufordern. Aber das fand ich erst einige Monate später heraus,

als ich selbst genöthigt war, ihn gründlich zu bestrafen. Bei seiner

ersten Erscheinung war ich von Bombay, trotz seines rauhen Gesichts,

seines grossen Mundes, seiner kleinen Augen und seiner platten Nase,

sehr eingenommen.

„Salaam aleikum!“ waren die Worte, mit denen er mich begrüsste.

„Aleikum salaam!“ antwortete ich mit allem Ernst, den ich aufbieten

konnte. Dann benachrichtigte ich ihn, dass ich ihn zum Hauptmann

meiner nach Udschidschi gehenden Soldaten zu haben wünsche. Seine

Antwort lautete, er sei bereit, allen meinen Befehlen nachzukommen,

überall hinzugehen, wo ich ihn hinschicke, kurz ein Muster von einem

Diener und ein gutes Beispiel für die Soldaten abzugeben. Er hoffe,

ich werde ihn mit einer Uniform und einem guten Gewehr versehen, was

ich ihm beides versprach. Als ich mich nach den übrigen „Getreuen“,

welche Speke nach Aegypten begleitet hatten, erkundigte, sagte man mir,

dass ihrer nur sechs in Zanzibar wären. Ferradschi, Maktub, Sadik,

Sunguru, Manyu, Matadschari, Mkata und Almas wären todt, Uledi und

Mtamani in Unyanyembé, Hassan sei nach Kilwa gegangen und Ferahan wäre

wahrscheinlich in Udschidschi.

Von den sechs „Getreuen“, von welchen ein jeder noch seine Medaille für

die Entdeckung der Nilquellen besass, war einem, dem armen Mabruki, ein

grosses Misgeschick widerfahren, von dem ich fürchtete, dass es ihn

unfähig machen würde, nützlich und thätig zu sein.

Mabruki, der Stierköpfige, besass nämlich ein Schamba (Haus mit

Garten), auf das er sehr stolz war. Dicht neben ihm wohnte ein Nachbar

in ähnlichen Verhältnissen, ein Soldat von Seyd Madschid, mit dem

der zanksüchtige Mabruki einen Zwist hatte, der damit endete, dass

der Soldat zwei bis drei Kameraden dazu veranlasste, ihm bei der

Bestrafung des bösartigen Mabruki behülflich zu sein; und dies wurde

in einer Weise ausgeführt, die nur von einem Afrikanergemüth ersonnen

werden kann. Sie banden den unglücklichen Kerl an den Handgelenken

an einen Baum und nachdem sie ihre Rachgier dadurch befriedigt

hatten, dass sie ihn marterten, liessen sie ihn in solcher Stellung

zwei Tage hängen. Am Ende des zweiten Tages wurde er zufälligerweise

in einem höchst jammervollen Zustande aufgefunden; seine Hände

waren zu einer furchtbaren Grösse angeschwollen und da die Vene

der einen geplatzt waren, so konnte er sie nicht mehr brauchen. Es

versteht sich von selbst, dass, als die Sache zu Seyd Madschid’s

Ohren kam, die Uebelthäter schwer bestraft wurden. Dem Dr. Kirk,

der den armen Kerl in Behandlung nahm, gelang es, die eine Hand

einigermassen wiederherzustellen, sodass sie so ziemlich ihre alte

Gestalt wiedergewann, aber die andere ist arg verstümmelt und völlig

unbrauchbar.

Trotz seiner verkrüppelten Hand, seiner Hässlichkeit und Eitelkeit und

trotz des schlechten Zeugnisses, das Burton ihm ausstellte, nahm ich

Mabruki in meine Dienste, weil er einer von Speke’s Getreuen gewesen

war; denn wenn er auch nur seine Zunge in meinen Diensten in Bewegung

setzte, die Augen offen hatte und den Mund zur richtigen Zeit öffnete,

so war ich überzeugt, dass er mir nützlich sein könne.

Bombay, meinem Escortanführer, gelang es, noch 18 freie Männer als

Askari (Soldaten) anzunehmen, Leute, von denen er wusste, dass sie

nicht desertiren würden und für die er sich verantwortlich erklärte.

Es waren lauter sehr stattliche Burschen und weit intelligenter in

ihrem Aussehen, als ich jemals von afrikanischen Barbaren hätte glauben

mögen. Sie stammten hauptsächlich aus Uhiyau, einige aus Unyamwezi,

andere aus Useguhha und Ugindo. Als Sold wurden einem jeden von ihnen

36 Dollars für das Jahr ausgesetzt, oder 3 Dollars für den Monat;

jeder Soldat sollte eine Feuerschlossmuskete, Pulverhorn, Kugeltasche,

Messer, Beil und hinreichend viel Pulver und Kugeln für 200 Schüsse

erhalten. Bombay bekam, aus Rücksicht auf seinen Rang und seine frühern

treuen Dienste gegen Burton, Speke und Grant, 80 Dollars pro Jahr,

wovon er die halbe Summe im voraus erhielt, einen guten, gezogenen

Vorderlader und ausserdem eine Pistole, ein Messer und ein Beil. Die

andern fünf „Getreuen“, Ambari, Mabruki, Ulimengo, Baruti und Uledi,

wurden zu 40 Dollars pro Jahr und mit der gehörigen Ausrüstung als

Soldaten in Dienst genommen.

Da ich alle auf Ost- und Mittelafrika bezugnehmende Reisebeschreibungen

ziemlich gründlich studirt hatte, so hatte ich einen einigermassen

deutlichen Begriff von den Schwierigkeiten, die sich mir beim

Aufsuchen von Dr. Livingstone entgegenstellen würden. Diese so weit zu

vermeiden, als Menschenwitz es könnte, war das beständige Ziel meiner

Gedanken.

„Soll ich mich, wenn ich von Udschidschi über die Wasser des

Tanganika-Sees aufs andere Ufer blicke, auf der Schwelle des Erfolges

durch die Unverschämtheit eines Königs Kannena oder die Launen eines

Hamed bin Sulayyam aufhalten lassen?“ fragte ich mich. Um mich gegen

solche Zufälligkeiten zu schützen, entschloss ich mich, meine eigenen

Boote mitzunehmen. „Dann“, dachte ich, „kann ich, wenn ich höre, dass

Livingstone auf dem Tanganika ist, meine Boote vom Stapel lassen und

ihm folgen.“

Ich kaufte mir also vom amerikanischen Consul ein grosses Boot für 80

Dollars, das im Stande war, 20 Leute mit hinreichenden Vorräthen und

Waaren für eine Seefahrt zu beherbergen, und ein kleineres von einem

andern Amerikaner für 40 Dollars. Das letztere konnte bequem 6 Mann mit

den dazu gehörigen Vorräthen aufnehmen.

Die Boote wollte ich aber nicht ganz mitführen, sondern die Breter

herausnehmen und blos das Gerippe transportiren. Als Surrogat für die

Breter wollte ich jedes Boot mit einem Ueberzug von wohlgetheertem

doppelten Segeltuch versehen. Die Arbeit, die Boote auseinanderzunehmen

und von den Bretern zu befreien, fiel mir zu und diese kleine Aufgabe

beschäftigte mich ungefähr fünf Tage; auch packte ich sie für die

Pagazis zusammen, sodass jede Last sorgfältig gewogen nicht mehr als 68

Pfund betrug.

John Shaw zeichnete sich in der Bearbeitung des Segeltuchs für die

Boote aus; als die Ueberzüge fertig waren, passten sie genau zu

den Gerippen. Das Segeltuch dazu -- und zwar 6 Stück englisches

Hanfsegeltuch Nr. 3 -- wurde mir von Ludha Damdschi besorgt, der es

sich aus dem Magazin des Sultans zu verschaffen wusste.

Ein unübersteigliches Hinderniss für das rasche Fortkommen in Afrika

ist der Mangel an Lastträgern, und da Eile ein Hauptzweck der unter

meinem Befehl stehenden Expedition war, so war es meine Pflicht, diese

Schwierigkeiten soviel als möglich zu verringern. Lastträger konnte

ich mir zwar erst bei meiner Ankunft in Bagamoyo auf dem Festlande

verschaffen, doch hatte ich mehr als 20 gute Esel in Bereitschaft und

glaubte, dass ein für die Ziegenpfade Afrikas eingerichteter Karren

nützlich sein könnte. Daher liess ich einen Karren bauen, der 18

Zoll breit und 5 Fuss lang war, den ich mit zwei Vorderrädern eines

leichten amerikanischen Wagens versah, hauptsächlich, um die schmalen

Munitionskisten zu befördern. Ich meinte, wenn ein Esel eine Last

von 4 Frasileh oder 140 Pfund nach Unyanyembé tragen könne, so müsse

er im Stande sein, 8 Frasileh auf einem solchen Karren fortzuziehen,

eine Last, die der Tragkraft von vier starken Pagazis oder Lastträgern

gleichkommen würde. Die spätern Ereignisse werden beweisen, wie meine

Theorie sich in der Praxis bewährte.

Nachdem ich meine Einkäufe vollendet hatte und alles reihenweise

geschichtet aufgehäuft sah, hier Kochgeräthe, da Bündel von Stricken,

Zelten, Satteln, dort wieder Koffer und Kisten, die alles Mögliche

enthielten, gestehe ich, dass ich über meine eigene Kühnheit verlegen

wurde. Da lagen wenigstens 6 Tonnen Material! „Wie wird es nur möglich

sein“, dachte ich, „diese ganze träge Masse durch die zwischen

dem Meere und den grossen Seen von Afrika befindliche Wildniss zu

transportiren? Doch wirf nur alle deine Zweifel hinter dich, Mensch,

und lass’ sie fahren! Jeder Tag hat genug an seinen eigenen Sorgen,

ohne dass er noch die des nächsten hinzuzunehmen braucht.“

Der Reisende, der einen See in der Mitte jenes weiten afrikanischen

Continents vor sich hat, muss natürlich in ganz anderer Weise reisen,

als er es von andern Ländern her gewöhnt ist. Er muss das mit sich

nehmen, was ein Schiff braucht, wenn es auf eine lange Reise ausgeht.

Er muss sich eine Kiste mit Thee, einen kleinen Vorrath wohlverwahrter

Leckerbissen, Arzneien, ausserdem Flinten, Pulver, Kugeln mitnehmen,

um, wenn nöthig, auch verschiedene Kämpfe gehörig bestehen zu

können. Er muss Leute haben, die ihm diese mannichfachen Gegenstände

transportiren, und da das höchste, was ein einzelner Mann tragen kann,

nur 70 Pfund ist, so braucht man, um 11,000 Pfund zu transportiren,

gegen 160 Leute.

In Europa und im Orient, ja selbst in Arabien und Turkestan sind die

Arten zu reisen im Vergleich mit denen von Afrika ganz ausgezeichnet.

Ueberall nimmt man in jenen Ländern baares Geld, wodurch ein Reisender

in den Stand gesetzt wird, seine Subsistenzmittel bei sich zu tragen.

Ost- und Mittelafrika hingegen verlangt ein Halsband statt eines Cent,

zwei Meter amerikanischer Leinwand statt eines halben Dollar oder

Gulden und ein Kitinki von dickem Messingdraht statt eines Goldstücks.

Der afrikanische Reisende kann sich weder Wagen noch Kameele, weder

Pferde noch Maulesel miethen, die ihn ins Innere führen. Seine

Transportmittel sind auf nackte Schwarze beschränkt, die wenigstens 15

Dollars pro Kopf für den Transport von 70 Pfund bis nach Unyanyembé

verlangen.

Meine Vorgänger hatten es unter anderm verabsäumt, Leute, die nach

Afrika gehen, mit einem Umstände von grosser Wichtigkeit bekannt zu

machen, dass nämlich kein Reisender daran denken sollte, sein Geld

anders als in Gestalt von Goldmünzen nach Zanzibar zu bringen. Mit

Creditbriefen, Circular-Anweisungen und derartigen civilisirten Dingen

kommt man, nach meiner Erfahrung, den Bewohnern von Zanzibar noch um

ein Jahrhundert zu früh.

Die 20 bis 25 Cents, welche mir von jedem Dollar, den ich zu wechseln

hatte, abgezogen wurden, gehören zu den unangenehmsten Erinnerungen,

die sich meinem Gedächtniss dauernd eingeprägt haben; denn Zanzibar

liegt weit ab von allen Zugängen des europäischen Handels, und man

bezahlt viel Agio für baares Geld. Trotz Wechseln, Cheques und

Creditbriefen, oder einer Carte blanche für alle Bedürfnisse wendet man

alle seine Reden und Bitten umsonst an; 20 bis 25, ja 30 Cents werden

doch von jedem Dollar, wie man mir sagte und wie ich es selbst erfahren

habe, abgezogen. Wie schade, dass es hier keine Bankfiliale gibt!

Ich hatte gewünscht, meine Reise incognito zu machen. Aber die

Thatsache, dass ein Weisser, ja ein Amerikaner, im Begriff stand,

nach Afrika zu reisen, war bald in ganz Zanzibar bekannt. Sie wurde

tausendmal in den Strassen wiederholt, in allen Läden und im Zollhause

besprochen. Der Bazar der Eingeborenen erhielt Kunde davon und

besprach es Tag und Nacht bis zu meiner Abreise. Die Fremden, mit

Einschluss der Europäer, wünschten die Gründe und alle Einzelheiten

meiner Ankunft und Abreise zu wissen.

Meine Antwort auf alle gehörigen und ungehörigen Fragen lautete: ich

gehe nach Afrika, und trotz meiner Karte, die

_~Henry M. Stanley~_

_New York Herald._

so aussah, glaube ich doch, dass nur wenige die Worte „New York Herald“

mit einer Expedition zur Auffindung des Dr. Livingstone in Zusammenhang

brachten. Das war aber doch nicht meine Schuld.

Was für eine schwere Arbeit ist es aber für einen einzelnen, eine

solche Expedition in Bewegung zu setzen! Wenn der Tag vorüber und ich

durch die Glühhitze einer unbarmherzigen Sonne von Laden zu Laden

geeilt war, mich mit viel Ausdauer und Geduld für das Feilschen mit dem

dunkeln Hindu gerüstet, allen Muth und Witz zusammengenommen hatte, um

den schurkischen Goanesen einzuschüchtern und dem listigen Banyanen ein

Paroli zu bieten; wenn ich den Tag über ganze Bände zusammengesprochen,

Abschätzungen corrigirt, Rechnungen gemacht, die Ablieferung von

gekauften Gegenständen überwacht und sie gemessen und gewogen hatte,

um zu sehen, dass sie vollwichtig seien; wenn ich endlich die Aufsicht

über Farquhar und Shaw geführt hatte, welche Eselsattel, Segel, Zelte,

Boote für die Expedition machten -- dann fühlte ich wohl, dass Körper

und Geist der Ruhe bedurften. So mühte ich mich, ohne Unterlass, einen

ganzen Monat ab.

Nachdem ich Tratten auf Herrn James Gordon Bennett im Betrage von

mehreren tausend Dollars für Zeuge, Perlen, Draht, Esel und tausend

andere Bedürfnisse verhandelt, die weisse und schwarze Begleitung

meiner Expedition besoldet, Kapitän Webb und seine Familie mehr als

genug mit dem Lärm der Vorbereitung belästigt und sein Haus mit meinen

Gütern angefüllt hatte, blieb mir nichts übrig, als formell von den

Europäern Abschied zu nehmen und dem Sultan und den Herren, die mir

beigestanden hatten, ehe ich mich nach Bagamoyo einschiffte, zu danken.

Am Tage vor meiner Abreise von Zanzibar ging der amerikanische Consul,

im schwarzen Rock und mit einem aussergewöhnlich schönen schwarzen Hut

geschmückt, um im Staatsanzuge zu erscheinen, mit mir in den Palast des

Sultans. Der Fürst war sehr gütig gegen mich gewesen, er hatte mich

mit einem arabischen Pferde beschenkt, mit Einführungsbriefen an seine

Agenten und Hauptrepräsentanten im Innern versehen und sich mir in

mancher andern Weise wohlgeneigt erwiesen.

Der Palast ist ein sehr grosses, geräumiges, hohes, viereckiges Haus,

das in der Nähe des Forts liegt, aus Korallen gebaut und stark mit

Kalkmörtel beworfen ist. Das Aeussere desselben ist halb arabisch,

halb italienisch. Lebhaft grüngefärbte Jalousien bilden die Laden,

die sehr von den weissgetünchten Mauern abstechen. Vor der grossen,

hohen, breiten Thür standen in zwei Halbkreisen verschiedene Belutschen

und persische Söldlinge, die mit grossen Schwertern und Schilden aus

Rhinozeroshaut bewaffnet waren. Ihr Anzug bestand aus einem grauweissen

baumwollenen Hemde, das bis auf die Knöchel reichte und von einem

reichlich mit Silberbuckeln besetzten Ledergurte zusammengehalten ward.

Als wir in Sicht kamen, wurde jemandem, der sich innerhalb des

Einganges befand, ein Zeichen gegeben und als wir 20 Meter von der

Thür entfernt waren, kam der Sultan, der auf uns wartete, die Stufen

herunter und an den Soldatenreihen vorbei auf uns zu, streckte die

rechte Hand aus und bewillkommnete uns mit freundlichem Lächeln.

Wir zogen unsere Hüte, drückten ihm die Hand, gingen darauf auf

seinen Befehl voran und erreichten alsbald die oberste, nahe bei der

Eingangsthür befindliche Stufe. Er wies uns weiter, wir verbeugten

uns und kamen an den Fuss einer ungemalten engen Treppe, wo wir uns

noch einmal dem Sultan zuwandten. „Gehen Sie weiter“ -- sagte er, und

wir gingen die Treppe hinauf, was meinem Gefühl widerstrebte, da der

Sultan, der unmittelbar hinter mir herging, dadurch in eine für einen

Souverän höchst unpassende Situation gebracht wurde. Der Consul ging,

wie ich sah, seitwärts hinauf, wodurch er augenscheinlich dem Anstand

und der Würde wenigstens zum Theil ihr Recht widerfahren lassen wollte.

Ich machte es ihm nach, so gut ich konnte, hielt aber trotzdem meine

Stellung für etwas sonderbar. Oben an der Treppe warteten wir, die

Gesichter dem heraufkommenden Fürsten zugewandt; wieder winkte er uns

hochherzig, vorwärts zu gehen, denn vor uns lag die Empfangshalle und

der Thronsaal. Ich bemerkte, wie ich bis ans äusserste Ende vorwärts

ging, dass das Zimmer hoch, im arabischen Stil gemalt, die dicken

Teppiche persische Arbeit waren und das Ameublement aus einem Dutzend

vergoldeter Stühle und einem Armleuchter bestand.

Wir setzten uns. Ludha Damdschi, der banyanische Steuereinnehmer,

ein würdig aussehender Greis mit intelligentem Gesicht, sass zur

Rechten des Sultans. Neben ihm befand sich der grosse mohammedanische

Kaufmann Tarya Topan, der nicht nur in seiner Eigenschaft als Rath

Seiner Hoheit, sondern auch weil er ein lebhaftes Interesse an dieser

amerikanischen Expedition nahm, zu der Unterredung gekommen war. Dem

Ludha gegenüber sass Kapitän Webb und neben diesem sass ich, Tarya

Topan gegenüber. Der Sultan sass auf einem vergoldeten Stuhle, zwischen

dem Amerikaner und seinen Räthen. Dschohari, der Dragoman, stand

demüthig vor dem Sultan, bereit, ihm das zu verdolmetschen, was wir dem

Fürsten mitzutheilen hatten.

Der Sultan könnte, was seinen Anzug betrifft, für einen mingrelischen

Mann von Stande gelten, mit Ausnahme seines Turbans, dessen reiche

Falten, abwechselnd in roth, gelb, braun und weiss, sein Haupt

umgaben. Sein langes Gewand war von dunkelm Tuch und um die Taille

von einem reichen Schwertgürtel umschlossen, von dem ein türkischer

Säbel mit goldenem Griffe herabhing, der in einer gleichfalls mit

Gold verzierten Scheide stak. Seine Beine und Füsse waren kahl und

hatten ein schwerfälliges Aussehen, da er an der Elephantiasis, dieser

merkwürdigen Heimsuchung Zanzibars, litt. An den Füssen trug er ein

Paar Watta (arabisch für Pantoffeln) mit dicken Sohlen und einem

starken ledernen Riemen über dem Spann. Seine helle Gesichtsfarbe und

regelmässigen intelligenten Züge verrathen den arabischen Patricier.

Uebrigens weisen sie nur auf hohe Abkunft und Geburt, man erkennt

an ihnen keinen bestimmten Charakter, es sei denn ein Ausdruck von

Liebenswürdigkeit und vollständiger Zufriedenheit mit sich selbst und

der eigenen Umgebung. So erschien mir Fürst oder Seyyid Barghasch,

Sultan von Zanzibar und Pemba und der Ostküste von Afrika vom

Somali-Lande bis nach Mozambique.

Kaffee wurde in Tassen, die auf goldenen Findschans standen, servirt,

ebenso Kokosnussmilch und prächtiger süsser Scherbet.

Die Unterhaltung begann mit der Frage an den Consul: „Sind Sie wohl?“

Consul. „Ja, ich danke Ihnen; wie befindet sich Ihre Hoheit?“

Hoheit. „Ganz wohl.“

Hoheit zu mir. „Sind Sie wohl?“

Antwort. „Ja wohl, ich danke.“

Der Consul fängt nun an Geschäftliches zu sprechen und es folgen Fragen

Seiner Hoheit über meine Reise.

„Wie gefällt Ihnen Persien? Haben Sie Kerbela, Bagdad, Masr und Stambul

gesehen? Haben die Türken viel Soldaten? Wie viele hat Persien? Ist

Persien fruchtbar? Wie gefällt Ihnen Zanzibar?“

Nachdem ich jede Frage zur Befriedigung Seiner Hoheit beantwortet

hatte, gab er mir Einführungsbriefe an seine Beamten in Bagamoyo und

Kaole, und einen allgemeinen Einführungsbrief an alle arabischen

Kaufleute, die ich unterwegs treffen könnte, und schloss seine an mich

gerichteten Worte mit der ausdrücklichen Hoffnung, dass es mir, was

auch der Zweck meiner Mission sei, gut gehen möge.

Wir gingen mit denselben Verbeugungen von ihm fort, mit denen wir

hereingekommen waren, und er begleitete uns bis an die Eingangsthür.

Ein seit langer Zeit in Zanzibar lebender amerikanischer Kaufmann, Herr

Goodhue von Salem, schenkte mir, als ich ihm Adieu sagte, ein edles

kastanienbraunes Pferd, das vom Cap der Guten Hoffnung importirt und in

Zanzibar mindestens 500 Dollars werth war.

Am 4. Februar, 28 Tage nach meiner Ankunft in Zanzibar, war die

Expedition des New York Herald vollständig ausgerüstet und organisirt;

die Zelte und Sattel waren fabricirt, die Boote und Segel fertig. Die

Esel schrien und die Pferde wieherten ungeduldig nach der Reise.

Die Etikette verlangte, dass ich noch einmal meine Karte bei den

europäischen und amerikanischen Consuln in Zanzibar abgab und jedermann

Adieu sagte.

Wie ich Livingstone fand; Erster Band · 第 3 / 29 段