Gäste die Unterhaltung anfingen und war erstaunt zu hören, wie ein
jeder derselben nach der ersten Begrüssung ängstlich den Consul und
seine Frau danach fragte, ob sie heute Abend in Nazi-Moya gewesen
wären, worauf sie verneinend antworteten, denn zufälligerweise hatten
sie gerade an dem Abend ihren Erholungsspaziergang nicht bis zum
klassischen Boden von Nazi-Moya ausgedehnt. „O“, sagte jeder Gast im
Tone freudig triumphirender Verwunderung, „ich glaubte, ich hätte sie
dort nur nicht gesehen.“
„Wo und was ist denn eigentlich Nazi-Moya?“ fragte ich Kapitän Webb
sofort. „Nazi-Moya“, sagte dieser liebenswürdige Cyniker, „bedeutet
«ein Kokosbaum» und ist eine beliebte Promenade unmittelbar hinter Ras
Schangani (Sandy Point), wo man gegen Abend hingeht, um die frische
Seeluft zu geniessen. Es ist die gewöhnliche Form, wie man hier eine
Unterhaltung anfängt, da wir jetzt gerade einen grossen Mangel an
Unterhaltungsstoff haben.“
Kapitän Webb sprach die Wahrheit, wenn er sagte, dass grosser Mangel an
Unterhaltungsstoff wäre, und meine spätere Erfahrung lehrte mich, dass
die guten Europäer von Zanzibar, wenn ihnen anderer Unterhaltungsstoff
fehlte, das kleinste bischen Skandal benutzen, um ihre Abende angenehm
und amüsant zu machen.
Die Erfrischungen, welche der britische Consul nebst Frau ihren Gästen
an ihren Empfangsabenden anboten, bestanden aus einer Art milden
Weines und Cigarren, nicht weil sie nichts anderes zu Hause haben,
etwa Thee oder ein paar Kuchen, sondern wol nur weil es die Sitte
eines zanzibarisirten Europäers ist, dergleichen, mit etwas Soda-
oder Selterswasser gemischt, als eine Art Reizmittel für das bischen
Klatsch zu sich zu nehmen, das gewöhnlich unter dem Einfluss des Weines
sympathische und eifrige Zuhörer findet.
Es war wol alles sehr schön, aber trotzdem hielt ich diesen für einen
der langweiligsten Abende, die ich je erlebt hatte, bis Dr. Kirk aus
Mitleid für die Langeweile, an der ich litt, mich beiseiterief, um mir
eine schöne Elefantenflinte zu zeigen, welche ihm, wie er sagte, vom
Gouverneur von Bombay geschenkt worden sei. Ich hörte nun Loblieder
auf ihre tödliche Kraft und verderbenbringende Präcision und liess mir
einige Anekdoten von dem Leben im Schilfmoor, einige Jagdabenteuer und
Erlebnisse auf seinen Reisen mit Livingstone erzählen. „Ach, ja wohl,
Dr. Kirk“, sagte ich nachlässig, „was Livingstone betrifft, -- wo,
glauben Sie, ist der jetzt?“
„Ja“, erwiderte er, „das ist sehr schwer zu sagen; er kann todt
sein; wir wissen nichts Positives, worauf wir uns bestimmt verlassen
können. Davon bin ich überzeugt, dass niemand etwas Bestimmtes von
ihm seit mehr als zwei Jahren gehört hat. Dennoch glaube ich, dass
er am Leben sein muss. Wir schicken ihm beständig irgendetwas zu. In
Bagamoyo befindet sich eben eine kleine Expedition, die im Begriff
steht aufzubrechen. Ich glaube wirklich, dass der alte Mann jetzt nach
Hause kommen sollte; er wird, wie Sie wissen, alt, und wenn er stirbt,
so wird die Welt nichts von seinen Entdeckungen haben. Er schreibt
weder Notizen, noch Tagebücher, und nur sehr selten bringt er seine
Beobachtungen zu Papier, sondern macht nur ein Zeichen oder einen
Punkt oder etwas ähnliches auf eine Karte, was niemand als er selbst
verstehen kann. Ja, wenn er am Leben ist, so sollte er unter allen
Umständen heimkehren und einem jüngern Manne seine Stelle lassen.“
„Wie ist er im Umgange, Doctor?“ fragte ich mit lebhaftem Interesse an
dieser Unterhaltung.
„Nun, ich glaube, dass es im ganzen sehr schwer ist, mit ihm zu
verkehren. Ich habe persönlich zwar nie mit ihm Streit gehabt, aber
ich habe ihn gegen andere Leute oft hitzig werden sehen und, wie ich
glaube, ist das der hauptsächlichste Grund, weshalb er niemanden gern
um sich hat.“
„Wie ich höre, ist er ein sehr bescheidener Mann, nicht wahr?“ fragte
ich.
„Nur er kennt den Werth seiner eigenen Entdeckungen besser als
irgendein anderer. Er ist nicht gerade ein Engel“, sagte er lachend.
„Nun gesetzt, ich begegnete ihm auf meinen Reisen; ich könnte doch
möglicherweise mit ihm zusammentreffen, wenn er in der Richtung reist,
die ich selbst nehme. Wie würde er sich gegen mich verhalten?“
„Um Ihnen die Wahrheit zu sagen“, sagte er, „so glaube ich nicht,
dass er es sehr gern sehen würde. Ich weiss, dass, wenn Livingstone
in Erfahrung brächte, dass Burton oder Grant oder Baker oder einer
von diesen Leuten ihn aufsuche, er es bald so einrichten würde, dass
100 Meilen Sumpfboden sich zwischen ihnen befänden. Das glaube ich
bestimmt, -- auf mein Wort!“ --
Das war der Inhalt der Unterhaltung, die ich mit Dr. Kirk, dem früheren
Genossen von Livingstone, führte, so genau, wie mein Tagebuch und mein
Gedächtniss sie mir erinnerlich machen.
Brauche ich wol zu sagen, dass diese Kunde von einem Herrn, der
bekanntlich mit Dr. Livingstone genau bekannt war, eher mehr dazu
beitrug, den Enthusiasmus für meine Sache zu dämpfen als ihn zu
beleben! Ich fühlte mich sehr verstimmt und hätte gern mein Unternehmen
aufgegeben, aber der Befehl lautete: „Gehen Sie und finden Sie
Livingstone!“ Ausserdem hatte ich nicht angenommen, obgleich ich sehr
gern darauf eingegangen war, den Doctor aufzusuchen, dass der Weg nach
Central-Afrika mit Rosen bestreut sein werde. Wenn ich nun wirklich
als ein unverschämter Eindringling auf dem Gebiete der Entdeckungen
getadelt werden sollte, als ein Mensch, der sich in Dinge mischt, die
ihn nichts angehen, als einer, dessen Abwesenheit dem Doctor viel
angenehmer wäre als seine Anwesenheit, -- hatte ich nicht den Befehl
erhalten, ihn zu suchen? Nun, ich wollte ihn aufsuchen, wenn er noch
auf Erden wandelte, und wenn nicht, so wollte ich das mitbringen,
was die Leute sicher zu wissen interessirte. Dr. Kirk versprach mir
freundlich alle in seiner Macht stehende Unterstützung und stellte
mir alle Vortheile seiner Erfahrung zur Verfügung, aber ich erinnere
mich weder, dass er mir in irgendeiner Weise wirkliche Unterstützung
angedeihen liess, noch finde ich es in meinem Tagebuch verzeichnet.
Natürlich wusste er nicht, dass meine Befehle dahin lauteten, Dr.
Livingstone aufzusuchen, sonst würde er wol zweifelsohne sein
Versprechen eingelöst haben. Er glaubte, dass ich im Begriffe stände,
den Rufidschifluss bis an seine Quellen zu verfolgen. Aber welche
Zeitung würde wol einen Specialcorrespondenten ausschicken, um die
Quellen eines so unbedeutenden Flusses, wie der Rufidschi, zu entdecken?
Das Klima von Zanzibar ist nicht das angenehmste der Welt; ich habe es
von Amerikanern und Europäern herzlich verwünschen hören. Auch habe ich
es erlebt, dass fast die halbe weisse Colonie sich an einem Tage krank
zu Bette legen musste. Eine schädliche Malaria steigt aus dem seichten
Meerbusen des Malagasch herauf und nicht abgeleiteter Schmutz, Auswurf,
Abfälle aller Art, todte Mollusken, todte Pariahunde, todte Katzen,
allerlei Aas und Ueberreste von unbeerdigten Menschen und Thieren
tragen dazu bei, Zanzibar zu einer sehr ungesunden Stadt zu machen. In
Anbetracht nun, dass sie sehr gesund sein müsste, weil die Natur dem
Menschen hier die Mittel an die Hand gibt und ihn sehr unterstützt, so
ist es erstaunlich, dass der herrschende Fürst nicht den Vorschriften
der Vernunft gehorcht. Der Meerbusen von Zanzibar ist halbmondförmig,
und die Stadt ist auf dem südwestlichen Horn erbaut. Im Osten wird
sie fast gänzlich von der Malagasch-Lagune umgrenzt, einer Bucht des
Meeres, die bis hinter die Schangani-Spitze oder südlich davon reicht
und nur 250 Meter Land bis zum Meere übrig lässt. Wenn diese 250 Meter
von einem Graben von 10 Fuss durchzogen würden und die Bucht ein wenig
vertieft würde, so würde Zanzibar selbst eine Insel werden, und welche
Wunder würde dies nicht in Bezug auf den Gesundheitszustand bewirken!
Ich habe diesen Vorschlag nie machen hören, aber ich meine, die fremden
Consuln, die in Zanzibar wohnen, könnten diese Arbeit dem Sultan
empfehlen und sich so den Ruhm erwerben, die Stadt ebenso gesund zu
machen wie irgendeine andere in der Nähe des Aequators liegende. Bei
dieser Gelegenheit erinnere ich mich dessen, was mir der amerikanische
Consul, Kapitän Webb, bei meiner ersten Ankunft sagte, als ich meine
Verwunderung über die Apathie und Trägheit von Leuten an den Tag
legte, die mit der unbezwinglichen Energie geboren sind, welche die
Europäer und Amerikaner kennzeichnet, von Männern, welche den vorwärts
schreitenden Instinct der Weissen haben und doch zu blassen Phantomen
ihrer Gattung, zu hoffnungslosen, hypochondrischen Invaliden werden und
sich resignirt dem Glauben an die Tödlichkeit des Klimas hingeben, ohne
eine Spur von dem unternehmenden und unbesiegbaren Geist, der die Welt
regiert.
„Ja“, sagte Kapitän Webb, „Sie haben gut über Energie und dergleichen
Dinge reden, aber ich versichere Sie, dass ein Aufenthalt von 4 oder 5
Jahren auf dieser Insel, unter Leuten wie die hiesigen, Sie bald fühlen
lassen würde, dass es eine hoffnungslose Aufgabe sei, dem Einfluss
des Beispiels zu widerstehen, durch welches die energischsten Geister
unterjocht werden und dem Sie sich mit der Zeit, früher oder später,
unterwerfen müssen. Wir waren alle furchtbar energisch, als wir zuerst
herkamen und kämpften tapfer dafür, die Dinge so zu führen, wie wir es
zu Hause gewohnt waren; aber wir haben gefunden, dass wir mit unsern
Köpfen ganz vergeblich gegen Granitmauern anrennen. Diese Kerle, die
Araber, Banyanen und Hindus, kann man weder durch Scheltworte noch
durch Bitten veranlassen, rasch zu sein, und in kurzer Zeit sieht man
die Thorheit ein, gegen unüberwindliche Schwierigkeiten anzukämpfen.
Seien Sie geduldig und ärgern Sie sich nicht, das ist mein Rath, oder
Sie werden es hier nicht lange aushalten.“
Trotzdem gab es 3-4 ungemein fleissige Leute in Zanzibar, die den
ganzen Tag auf den Beinen waren. Einer, den ich kenne, war ein
Amerikaner. Ich glaube seine raschen Fusstritte noch jetzt auf dem
Pflaster unter dem Consulate zu vernehmen und zu hören, wie seine
lästige Stimme die Begrüssungsformel Yambo! einem jeden, dem er
begegnet, zuruft; und er hatte 12 Jahre in Zanzibar gelebt.
Ein anderer meiner Bekannten, ein handfester Schotte, ein Mann, der in
allem, was er that oder sagte, von den angenehmsten Manieren, natürlich
und aufrichtig war, hat in Zanzibar mehrere Jahre gelebt, ist der
Undankbarkeit seines Geschäftes sowie der Hitze und der Erschlaffung
des Klimas ausgesetzt gewesen und bietet doch den apathischen
Eingeborenen von Zanzibar tapfer Trotz. Niemand kann dem Kapitän H. C.
Fraser, der früher in der indischen Marine gedient hat, den Vorwurf der
Apathie machen, was auch immer Böswillige sonst gegen ihn sagen mögen.
Ich könnte noch leicht Beweise für den Fleiss anderer anführen, aber
sie sind alle gute Bekannte von mir und gute Leute. Die Amerikaner,
Engländer, Deutschen und Franzosen, die hier leben, haben mich mit
einer Höflichkeit und Güte behandelt, die ich nie vergessen werde.
Alles in allem genommen würde es schwer sein, eine gastfreiere und
liebenswürdigere Colonie von Weissen irgendwo in der Welt zu finden.
In einem grossen, hohen, auf der Schangani-Spitze gelegenen Hause,
das gewissermassen durch seine Weitläufigkeit imponirt und auf dem
ein sehr merkwürdiger Thurm sitzt, hat der Bischof Tozer mit seinen
Zöglingen, seinen Chorsängern und seiner ganzen Heerde ein vorzügliches
Unterkommen gefunden. Der Bischof, der sich selbst „Missionsbischof von
Central-Afrika“ nennt, ist einer der höflichsten Menschen, die ich je
gekannt habe. Ich glaube, man nennt ihn den „fechtenden Pastor“, ein
Name, der ein Plagiat ist, da ihn der Herzog von Wellington zuerst dem
Dr. Livingstone beigelegt hat. Vom Bischof Tozer erzählt man sich, dass
er mit einem unverschämten Strolch auf seinem Wege zur Kirche gekämpft
hat und, nachdem er ihn im Boxen gezüchtigt, sich erboten habe, alle
seine Gefährten der Reihe nach in derselben Weise zu behandeln, welcher
Vorschlag jedoch nicht angenommen wurde. Durch diesen siegreichen
Faustkampf verwandelte der Bischof Tozer seine Wölfe in Lämmer und
gewann sich den Titel eines Bischofs und die glückliche Sinekure, die
er inne hat.
Der Bischof in seinem scharlachen Gewande und mit dem priesterlichen
Titel eines „Missionsbischofs von Central-Afrika“, dessen Grund ich
nicht einsehen kann, hat den Gipfel seines Ehrgeizes erreicht und
ist infolgedessen unaussprechlich glücklich. Aber wenn man diesen
ausserordentlich hochkirchlichen Prälaten in seinem scharlachen
Amtsgewande und im sonderbarsten Kopfputz durch die Strassen von
Zanzibar wandeln oder in einer Klempnerbude um den Preis eines
Zinntopfes feilschen sieht, so gewährt das den lächerlichsten Anblick,
den ich je gesehen habe, es sei denn in einer Harlekinbude. Als
Weisser lege ich feierlichen Protest gegen diese Abgeschmacktheit ein.
Ein ähnliches Bild, wie der Bischof in seiner Priestergewandung und
Papiermütze in einer solchen Klempnerbude, bietet der König von Dahomey
dar, wenn er nur mit einem europäischen Hut bekleidet, im übrigen aber
nackt, pomphaft wie im ausgesuchtesten Staat herumspaziert. Was auch
der Bischof in seiner glücklichen Unschuld von der Wirkung denken mag,
die seine Erscheinung auf die Gemüther der Heiden hervorbringt, so kann
ich ihm doch sagen, dass er den Arabern und Wangwana, die in Unyanyembé
wohnen, höchst lächerlich erscheint, und dass auch die meisten seiner
weissen Brüder eine ähnliche Meinung von ihm haben. Lieber, guter
Bischof Tozer, ich möchte Dich gern lieben und bewundern, wenn Du nicht
Dein Hochkirchenthum an einem Orte wie Zanzibar gar so sehr zur Schau
trügest!
Die französischen Missionäre haben in einem wirklich praktischen Sinne
sehr thätig gearbeitet. Sie versuchen es nicht nur den Gemüthern ihrer
zahlreichen Konvertiten die Grundsätze der Religion beizubringen,
sondern sie auch für das praktische Leben zu erziehen. Sie lehren
ihren jungen Zöglingen die verschiedensten nützlichen Handwerke
und bilden sie zu Landbauern, Zimmerleuten, Schmieden, Schiffbauern
und Mechanikern aus. In ihren verschiedenen Unterrichtsabtheilungen
haben sie tüchtige und fleissige Lehrer. Ihre Werkstätten in Zanzibar
sind ein für den Fremden sehenswerther Anblick. Auf dem Festlande
in Bagamoyo haben sie eine sehr grosse Missionsstation. Das neben
derselben belegene Landgut, welches von den jungen Zöglingen bebaut
wird, ist ein Musterinstitut, dessen Erzeugnisse mehr als hinreichen,
um die Anstalten mit allen nothwendigen Lebensmitteln zu versehen. Mehr
als 200 Konvertiten und Zöglinge stehen unter ihrer Leitung.
[2] Arabische Zweimaster.
ZWEITES KAPITEL.
AUSRÜSTUNG DER EXPEDITION.
Schwierigkeiten Nachrichten zu erhalten. -- Indienstnahme von J. W.
Shaw und W. L. Farquhar. -- Mbarak Bombay. -- Besuch im Palast des
Sultans. -- Einschiffung nach Bagamoyo. -- Charakteristik des Sultans.
Ich kannte das Innere durchaus nicht und es war daher schwer zu
wissen, was ich brauchte, um eine Expedition nach Central-Afrika zu
unternehmen. Auch war die Zeit kostbar und ich konnte nicht viel auf
Erkundigung und Nachforschung verwenden. In einem solchen Falle wäre
es, nach meiner Ansicht, ein grosses Glück gewesen, wenn einer der drei
Herren, Kapitän Burton, Speke oder Grant, uns irgendeine Belehrung über
diese Punkte gegeben hätte, wenn sie ein Kapitel darüber geschrieben
hätten, wie man eine Expedition nach Central-Afrika auszurüsten habe.
Der Zweck dieses Kapitels ist also mitzutheilen, wie ich es anfing,
damit andere Reisende, die nach mir kommen, von meinen Erfahrungen
Nutzen ziehen mögen.
Einige der Fragen, die ich mir vorlegte, wenn ich mich nachts im Bett
herumwälzte, lauteten: wie viel Geld ist nöthig? wie viele Pagazis
oder Lastträger? wie viele Soldaten? wie viel Tuch? wie viel Perlen?
wie viel Draht? welche Sorten Zeug sind für die verschiedenen Stämme
nöthig? -- Ich mochte mir diese Fragen noch so häufig stellen, so kam
ich dem Punkt doch nicht näher, den ich zu erreichen wünschte. Ich
beschrieb ganze Buch Papier mit Schätzungen, mit Verzeichnissen von
Material, mit Berechnungen der Kosten für hundert Mann pro Jahr, à so
und so viel Meter verschiedener Zeugsorten, ich studirte Burton, Speke
und Grant umsonst; zwar konnte ich ein gut Theil Geographie, Ethnologie
und dergleichen, was zum Studium Inner-Afrikas gehört, aus ihnen
lernen, aber ich fand in keinem Buche etwas in Bezug auf die Ausrüstung
einer Expedition, ehe man nach Afrika geht. Unwillig warf ich die
Bücher von mir. Die Europäer in Zanzibar wussten so wenig als möglich
hierüber. Es gab nicht einen Weissen in Zanzibar, der mir sagen konnte,
wie viel Dotis per Tag eine Truppe von 100 Mann für ihren Unterhalt auf
der Reise bedurfte. Auch brauchten sie das in der That gar nicht zu
wissen. Aber was sollte ich denn anfangen? Das war eine grosse Frage.
Ich beschloss als das beste, einen arabischen Kaufmann aufzutreiben,
der mit Elfenbein handelt oder der vor kurzem aus dem Innern angekommen
war.
Scheikh Haschid war ein Mann von Bedeutung und Reichthum in Zanzibar.
Er hatte selbst eine Anzahl Karavanen ins Innere gesandt und war
infolgedessen mit verschiedenen hervorragenden Händlern bekannt, die
in sein Haus kamen und sich mit ihm über ihre Abenteuer und Gewinne
unterhielten. Auch war er der Besitzer des grossen Hauses, das Kapitän
Webb bewohnte, und lebte selbst auf der andern Seite der engen Strasse,
die sein Haus vom Consulate trennte. Scheikh Haschid war also vor allen
andern der Mann, dessen Rath einzuholen war, und daher wurde er auch
aufgefordert, mich im Consulat zu besuchen.
Von diesem graubärtigen, ehrwürdig aussehenden Scheikh habe ich über
afrikanische Tauschwerthe, die Art mit ihnen umzugehen, die Menge und
Qualität der Stoffe, die ich brauchte, mehr Auskunft erhalten, als aus
einem dreimonatlichen Studium von Büchern über Central-Afrika. Auch von
andern arabischen Kaufleuten, mit denen der alte Scheikh mich bekannt
machte, erhielt ich sehr werthvolle Andeutungen und Winke, welche mich
schliesslich in den Stand setzten, meine Expedition auszurüsten.
Der Leser darf nicht vergessen, dass ein Reisender nur das braucht,
was für die Reise und Forschung nöthig ist, und dass ein Ueberfluss
an Gütern oder Mitteln ihm ebenso verderblich wird wie der Mangel an
Vorräthen. Gerade diese Frage der Qualität und Quantität ist es, welche
der Reisende zuerst mit Vorsicht und Kritik klarstellen muss.
Meine Berather gaben mir zu verstehen, dass hundert Menschen mit
10 Doti oder 40 Meter Tuch täglich für ihre Nahrung auskommen; es
war also das Richtige, 2000 Doti amerikanische Leinwand, 1000 Doti
Kaniki und 650 Doti farbige Zeugsorten, wie z. B. Barsati, das in
Unyamwezi beliebt ist, Sohari, das in Ugogo genommen wird, Ismahili,
Taudschiri, Dschoho, Schasch, Rehani, Dschamdani oder Kunguru-Kutsch,
blau sowol als rosa zu kaufen. Dies hielt man für völlig ausreichend
für den Unterhalt von 100 Mann auf 12 Monate. Nach diesem Maassstabe
würden also für zwei Jahre 4000 Doti, oder 16000 Meter amerikanische
Leinwand, 2000 Doti oder 8000 Meter Kaniki, 1300 Doti oder 5200 Meter
verschiedene farbige Zeuge nöthig sein. Dies war eine bestimmte und
ausserordentlich werthvolle Kunde für mich und mit Ausnahme einiger
Nachrichten über die Qualität der Leinwand, des Kaniki und der farbigen
Zeuge hatte ich alles über diesen Punkt erfahren, was ich wünschte.
Die zweite wichtige Frage war: wie viele und welche Perlen nöthig
wären. Perlen sollten unter einigen Stämmen des Innern die Stelle des
Zeuges einnehmen. Der eine Stamm zieht weisse Perlen den schwarzen,
braune den gelben, rothe den grünen, grüne den weissen u. s. w. vor. So
nimmt man in Unyamwezi rothe Perlen (Sami-Sami) mit Freuden, während
man alle andern nicht annimmt. Schwarze Perlen (Bubu) sind Geld in
Ugogo, bei allen andern Stämmen aber nichts werth; die Eierperlen
(Sungomazzi) gelten in Udschidschi und Uguhha, werden aber in allen
andern Ländern nicht angenommen. Die weissen Perlen (Merikani) haben
Geltung in Ufipa und einigen Theilen von Usagara und Ugogo, werden aber
in Useguhha und Ukonongo nicht geachtet. Daher musste ich genau den
Aufenthalt meiner Expedition in den verschiedenen Ländern erforschen
und berechnen, damit ich genug von jeder Gattung hätte und doch einen
zu grossen Ueberschuss vermiede. Burton und Speke z. B. mussten einige
hundert Fundo Perlen als werthlos wegwerfen.
Nimmt man z. B. an, dass von den verschiedenen Völkern Europas jedes
seine eigenen Geldwerthe hätte, ohne die Mittel zu besitzen, sie zu
wechseln, und dass jemand Europa zu Fuss durchwandern wollte, so müsste
er, ehe er die Reise anträte, im Stande sein zu berechnen, wie viel
Tage er durch Frankreich zu reisen habe, wie viele durch Preussen,
Oesterreich und Russland, und dann die Ausgabe, die er pro Tag zu
machen hätte, feststellen. Wenn er seine Ausgaben auf einen Napoleondor
pro Tag berechnete und seine Reise durch Frankreich 30 Tage in Anspruch
nähme, so würde die Summe, die er für den Hin- und Rückweg brauchte,
auf 60 Napoleons zu fixiren sein, und da Napoleons in Preussen,
Oesterreich und Russland keinen Curs hätten, so würde es für ihn völlig
unnütz sein, sich mit einer Ladung von mehreren tausend Napoleons in
Gold zu beschweren.
Meine Besorgnisse über diesen Punkt waren sehr peinigend. Ich studirte
die schweren Namen und Maasse wiederholt durch, lernte die vielsilbigen
Worte auswendig und hoffte im Stande zu sein, allmählich zu einem
Verständniss der Bezeichnungen zu gelangen. Ich wiederholte im Geiste
die Worte Mukunguru, Ghulabio, Sungomazzi, Kadunduguru, Mutunda,
Sami-Sami, Bubu, Merikani, Hafde, Lunghio-Rega und Lakhio beständig,
bis ich ganz ausser mir gerieth. Endlich jedoch kam ich zu dem Schluss,
dass, wenn ich meine Bedürfnisse zu 50 Khete oder 5 Fundo per Tag auf
2 Jahre berechnete und wenn ich nur 11 verschiedene Sorten kaufte, ich
mich für geborgen halten konnte. Ich machte also meine Einkäufe und 22
Säcke der besten Arten wurden wohl verpackt in Kapitän Webb’s Wohnung
gebracht, sodass sie nach Bagamoyo transportirt werden konnten.
Nach den Perlen kam die Drahtfrage. Ich machte nach bedeutender Mühe
die Entdeckung, dass die Nummern 5 und 6, die fast die Dicke von
Telegraphendraht haben, als die besten für Handelszwecke gelten.
Perlen vertreten in Afrika die Kupfermünzen, Zeuge das Silber, Draht
gilt als Gold in den Ländern jenseits des Tan-ga-ni-ka.[3] 10 Frasileh
oder 350 Pfund Messingdraht hielt mein arabischer Rathgeber für völlig
ausreichend.
Nachdem ich meine Einkäufe an Zeug, Perlen und Draht gemacht hatte,
überblickte ich mit nicht geringem Stolz die stattlichen Ballen und
Packete, welche reihenweis in dem geräumigen Vorrathszimmer des
Kapitän Webb aufgehäuft lagen. Damit war aber meine Arbeit nicht zu
Ende, sondern fing erst an. Noch waren Provisionen, Kochgeräthe,
Boote, Seile, Bindfaden, Zelte, Esel, Sattel, Packleinwand, Segeltuch,
Theer, Nähnadeln, Handwerkzeug, Munition, Flinten, Reisegeräth, Beile,
Arzneimittel, Bettzeug, Geschenke für Häuptlinge, kurz tausenderlei
einzukaufen. Die Feuerprobe, die ich beim Schachern und Feilschen mit
hartherzigen Banyanen, Hindus, Arabern und Mischlingen auszustehen
hatte, war sehr angreifend. Ich kaufte z. B. 22 Esel in Zanzibar, wofür
mir 40-50 Dollars abgefordert wurden, was ich mit einem ungeheuern
Aufwand an Argumenten, die einer bessern Sache werth waren, auf
15-20 herabdrücken musste. Meine Erfahrungen mit den Eselhändlern
wiederholten sich bei den Kleinkrämern, selbst der Preis eines Packets
Stecknadeln musste um 5% herunter gehandelt werden, was natürlich sehr
viel Zeit und Geduld erforderte.