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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1879 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Fußnoten wurden am Ende des betreffenden Kapitels zusammengefasst.
Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
folgenden Symbole gekennzeichnet:
kursiv: _Unterstriche_
gesperrt: +Pluszeichen+
Kapitälchen: ~Tilden~
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WIE ICH LIVINGSTONE FAND.
ERSTER BAND.
[Illustration: ZANZIBAR.
I.]
WIE ICH LIVINGSTONE FAND.
REISEN,
ABENTEUER UND ENTDECKUNGEN
IN
CENTRAL-AFRIKA.
VON
HENRY M. STANLEY.
AUTORISIRTE DEUTSCHE AUSGABE.
IN ZWEI BÄNDEN.
_MIT ABBILDUNGEN IN HOLZSCHNITT UND EINER KARTE._
ERSTER BAND.
[Illustration]
LEIPZIG:
F. A. BROCKHAUS
1879.
HERRN
JAMES GORDON BENNETT,
DEM BESITZER DES „NEW YORK HERALD“,
WIDMET DIESEN BERICHT
ÜBER SEINE EXPEDITION AN ~Dr.~ LIVINGSTONE
UND
DIE REISEN, ABENTEUER UND ENTDECKUNGEN IN CENTRAL-AFRIKA
ALS TRIBUT FÜR DIE FREIGEBIGE GROSSMUTH,
WELCHE DAS UNTERNEHMEN INS LEBEN RIEF UND BIS ANS
ENDE DURCHFÜHRTE,
EHRFURCHTSVOLL
SEIN DANKBARER SPECIAL-CORRESPONDENT
HENRY M. STANLEY,
FÜHRER DER EXPEDITION DES „NEW YORK HERALD“.
VORBEMERKUNG.
Seit der Veröffentlichung der englischen Originalausgabe dieses
Werkes hat der Verfasser desselben, Henry M. Stanley, seine zweite
von so glänzendem Erfolg gekrönte Forschungsreise durch Afrika
ausgeführt und deren ausführliche Schilderung in dem Werke „Through
the Dark Continent“ vor kurzem erscheinen lassen. Dieses liegt
bereits vollständig in deutscher Ausgabe vor.[1] Dagegen war infolge
eigenthümlicher hindernder Umstände von dem erstern Werke: „How I found
Livingstone“ bisher keine deutsche Uebersetzung veröffentlicht worden.
Vorliegende Publication füllt nun diese Lücke in der Reiseliteratur
über Afrika aus und wird namentlich allen denen willkommen sein, welche
Stanley’s neuere Reise mit Theilnahme verfolgt haben.
Der Verfasser beabsichtigte anfangs in der deutschen Ausgabe
einige geographische Details auf Grund seiner spätern Forschungen
hinzuzufügen oder zu verändern, hat es aber doch für angemessener
erachtet, dass den deutschen Lesern sein Werk ganz in derselben Gestalt
vorgeführt werde, welche er ihm unter den unmittelbaren Eindrücken der
Reiseerlebnisse gegeben hatte. Nur das der englischen Originalausgabe
beigefügte Kartenmaterial ist hier weggeblieben, weil dasselbe
wesentlich erweitert und berichtigt in der grossen Karte vorliegt,
die zu dem neuen Werke „Durch den Dunkeln Welttheil“ gehört. Statt
dessen erhalten die Leser am Schluss unsers Werkes eine allgemeine
Uebersichtskarte zur Orientirung sowol über die erste Reise Stanley’s
bis an den Tanganika-See, als auch über die zweite von der Ostküste bis
an das Gestade des Atlantischen Oceans.
[1] Durch den Dunkeln Welttheil oder die Quellen des Nils, Reisen um
die grossen Seen des äquatorialen Afrika und den Livingstone-Fluss
abwärts nach dem Atlantischen Ocean von ~Henry M. Stanley~.
Autorisirte deutsche Ausgabe. Aus dem Englischen von Prof. Dr.
C. Böttger. 2 Bände. Mit Karten und Abbildungen. (Leipzig, F. A.
Brockhaus, 1878.)
INHALT.
Seite
Einleitung. 1
ERSTES KAPITEL.
+Zanzibar.+
Ankunft in Zanzibar. -- Aufnahme beim Consul der Vereinigten
Staaten. -- Kapitän Webb. -- Leben in Zanzibar. --
Art des Handels mit dem Innern. -- Die Stadt Zanzibar. --
Bevölkerung. -- Einführung bei Dr. Kirk. -- Bischof Tozer. 9
ZWEITES KAPITEL.
+Ausrüstung der Expedition.+
Schwierigkeiten Nachrichten zu erhalten. -- Indienstnahme von
J. W. Shaw und W. L. Farquhar. -- Mbarak Bombay. --
Besuch im Palast des Sultans. -- Einschiffung nach Bagamoyo.
-- Charakteristik des Sultans. 28
DRITTES KAPITEL.
+Das Leben in Bagamoyo.+
Ankunft in Bagamoyo. -- Gastfreundschaft der Jesuiten-Mission.
-- Leben in Bagamoyo. -- Ali bin Salim. -- Nächtliche
Diebe. -- Ein Esel wird gestohlen. -- Verpackung der
Ballen. -- Schwierigkeit, Pagazis zu bekommen. -- Transport-
und Waaren-Kosten. -- Sur Hadschi Pallu. -- Seine
Sünden. -- Besuch bei Livingstone’s Karavane. -- Ankunft
des Dr. Kirk in Bagamoyo. -- Klima von Bagamoyo. -- Abreise
der fünf Karavanen. 46
VIERTES KAPITEL.
+Durch Ukwere, Ukami und Udoe nach Useguhha.+
Ankunft im ersten Lager „Schamba Gonera“. -- Das Thal des
Kingani. -- Eine Brücke wird über den Kingani geschlagen.
-- Der Uebergang. -- Ich schiesse auf Flusspferde. -- Ankunft
in Kikoka. -- Eine noch nie von einem Weissen bereiste
Route. -- Rosako, Grenzdorf von Ukwere. -- Unverschämte
Neugier der Wagogo. -- Mein Wachhund Omar. --
Insekten. -- Die Tsetse-Fliege. -- Die Tschufwa-Fliege; Gefrässigkeit
derselben. -- Anfang der Masika oder Regenzeit.
-- Tod des arabischen Pferdes. -- Unterredung mit dem Häuptling
von Kingaru. -- Tod des Braunen. -- Marsch nach Imbiki.
-- Ankunft in Msuwa. -- Plagen der Dschungels. --
Eine Sklavenbande in Ketten. -- Kisemo. -- Die Schönen
von Kisemo. -- Khamesi’s Desertion und Bestrafung. -- Uebergang
über den Ungerengeri. -- Die Hauptstadt von Useguhha
Simbamwenni. -- Die Sultanin. -- Stürmischer Streit mit
Shaw. -- Afrikanisches Wechselfieber. -- Abgesandte der
Sultanin. 73
FÜNFTES KAPITEL.
+Nach Ugogo.+
Die Regenzeit. -- Zahlloses Ungeziefer. -- Uebergang über
den Ungerengeri. -- Bunder Salaam bekommt Prügel, entflieht
und wird wieder gefunden. -- Gefangennahme von
Soldaten seitens der Sultanin. -- Die Makata-Wildniss. --
Desertion und Wiedereinfangen eines Soldaten. -- Furchtbare
Schwierigkeiten beim Uebergang über den Makata-Sumpf.
-- Lager in Usagara. -- Shaw’s Brief an Farquhar.
-- Des Letztern Antwort. -- Seine Verschwendung. -- Shaw’s
Saumseligkeit. -- Neue Art einen Karren zu brauchen. --
Der See Ugombo. -- Shaw und Farquhar beim Frühstück. --
Shaw wird von mir der Länge lang zu Boden geschlagen. --
Er verlangt seine Entlassung. -- Er empfindet Reue. -- Ein
Schuss durch mein Zelt. -- Farquhar wird in Mpwapwa zurückgelassen.
-- Abdullah bin Nasib. -- Gegend von Mpwapwa. 122
SECHSTES KAPITEL.
+Durch Marenga Mkali, Ugogo, Uyanzi nach
Unyanyembé.+
Ankunft in Tschunyo. -- Bitterwasser. -- Marenga Mkali. --
Sechsunddreissig Stunden lang kein Wasser. -- Gefährlicher
Fieberanfall. -- Ankunft in Ugogo. -- Wüthender
Pöbel. -- Reichliche Lebensmittel in Mvumi. -- Tribut an
den grossen Sultan. -- Der Sultan von Matamburu. -- Marsch
nach Bihawana. -- Die Wagogo erhalten Peitschenhiebe. --
Besuch des Sultans von Mizanza. -- Die Wahumba sind ein
stattlicher Menschenschlag. -- Ankunft in Mukonduku. --
Abreise. -- Berathschlagung mit den Arabern über die einzuschlagende
Route. -- Streit und Trennung von denselben.
-- Sie folgen mir. -- Ugogo ein Land voll Bitterniss. --
Ankunft in Kiti. -- Sultan bin Mohammed. -- Halt in
Kusuri. -- Erschiessen eines Dieners. -- Schlammfische. --
Ruinen von Rubuga. -- Amir bin Sultan. -- Uebergang über
das Mtoni. -- Ankunft in Unyanyembé. 168
SIEBENTES KAPITEL.
Geographische und ethnographische Bemerkungen. 216
ACHTES KAPITEL.
+Das Leben in Unyanyembé.+
Gastfreundschaft des Gouverneurs Sayd bin Salim. -- Bequemes
Quartier. -- Tabora, die Hauptniederlassung der Araber.
-- Mirambo, Häuptling von Uyoweh. -- Seine Räubereien.
-- Ein Kriegsrath. -- Ich finde die Livingstone-Karavane
auf. -- Schrecklicher Fieberanfall. -- Abmarsch nach
Udschidschi. -- Ankunft in Masangi. -- Shaw erkrankt. --
Ich stosse zum Heere der Araber in Mfuto. -- Gefecht mit
Mirambo. -- Einnahme des Dorfes Zimbizo. -- Erneuter
Fieberanfall. -- Niederlage und Gemetzel der Araber durch
Mirambo. -- Rückzug nach Mfuto. 248
NEUNTES KAPITEL.
+Das Leben in Unyanyembé.+ (Fortsetzung.)
Die Araber ziehen sich nach Tabora zurück. -- Ich ziehe
weiter. -- Ankunft in Kwihara. -- Ich versuche eine andere
Route. -- Meine Lage wird sehr ernst. -- Farquhar’s Tod
wird berichtet. -- Niederlage der Araber in Tabora. -- Tod
des Khamis bin Abdullah. -- Tabora in Flammen. -- Vorbereitungen
zur Vertheidigung. -- Der philosophische Scheikh
bin Nasib. -- Ich entschliesse mich, eine fliegende Karavane
nach Udschidschi zu führen. -- Tod des Baruti. -- Meine
Leute verlieren den Muth. -- Der kleine Bursche Kalulu. --
Taufe desselben. -- Mirambo greift Mfuto an und wird
zurückgeschlagen. -- Selim im Fieber-Delirium. -- Zwei
Führer: Asmani und Mabruki. -- Mein Entschluss, Livingstone
bestimmt aufzufinden. 275
ZEHNTES KAPITEL.
+Nach Mrera in Ukonongo.+
Aufbruch aus Kwihara. -- Bombay bekommt Prügel. -- Shaw
wünscht zurückzubleiben. -- Ich zwinge ihn weiterzuziehen.
-- Ein neuer Fieberanfall. -- Livingstone’s Briefträger
fehlt. -- Ankunft in Kasegera. -- Shaw kann nicht
mehr weiter und wird nach Kwihara zurückgeschickt. -- Die
herrlichen Wälder von Unyamwezi. -- Wir kommen nach
Ugunda. -- Das Mukunguru. -- Beschreibung dieses Fiebers.
-- Eine prächtige Sykomore. -- Ein Opfer der Pocken. --
Zahlreiche Skelete auf dem Wege. -- Ankunft in Manyara.
-- Streit mit dem Sultan über den Tribut. -- Er besucht
mich. -- Eine Dosis Ammoniak. -- Verwunderung des
Sultans. -- Das Paradies des Jägers. -- Meine erste Jagdbeute,
eine Antilope. -- Zebrajagd. -- Abenteuer mit einem
Krokodil. -- Zwei Jagdtage. -- Meuterei. -- Asmani und
Mabruki legen auf mich an. -- Der Frieden wiederhergestellt.
-- Bombay erhält wieder Prügel und wird in Ketten
gelegt. -- Charakteristik meiner wichtigsten Leute. -- Ankunft
in Ziwani. -- Der Honigvogel. -- Utende. -- Mwaru.
-- Ankunft in Mrera. -- Allerlei Arbeit. 297
VERZEICHNISS DER ABBILDUNGEN.
Seite
Lager in Bagamoyo 46
Bombay und Mabruki 73
Frau beim Kornmahlen 109
Shaw und Farquhar 122
Unser Lager in Tschunyo 168
Mann und Frau aus Ugogo 216
Plan 221
Thor eines Dorfes 231
Kriegswaffen 233
Junge Wasagara 239
Ein Tembé aus der Vogelschau 243
Ansicht von meinem Tembé aus 248
Gruppe von Wanyamwezi 275
Lager unter einer Riesen-Sykomore 313
SEPARATBILDER.
Zanzibar (Titelbild).
Seite
James Gordon Bennett, Eigenthümer des „New York Herald“ 1
Bagamoyo 46
Simbamwenni, die „Löwenstadt“ 117
Der Makata-Sumpf 136
Shaw auf dem Marsche 151
See Ugombo 152
Der Berg Kibwe und das Thal des Mukondokwa 236
Angriff auf Mirambo 269
Kwihara 297
Mamanyara nimmt Medicin 319
Meuterei am Gombé-Fluss 328
Selim, der Dolmetscher 334
[Illustration: JAMES GORDON BENNETT.
Eigenthümer des „New York Herald“.
I. S. 1.]
EINLEITUNG.
Am 16. October 1869 war ich von den Kämpfen bei Valencia soeben in
Madrid angekommen. Um 10 Uhr vormittags überreicht mir Jacopo, in Nr.
-- Calle de la Cruz, ein Telegramm, welches lautet: „Kommen Sie sofort
nach Paris wegen wichtiger Geschäfte“.
Das Telegramm ist von James Gordon Bennett jun., dem jungen Director
des „New York Herald“.
Schleunigst nehme ich meine Bilder von den Wänden meiner im zweiten
Stock belegenen Zimmer, packe meine Bücher und Andenken, meine
hastig zusammengerafften theils halbgewaschenen, theils noch nicht
getrockneten Kleider in meine Koffer, und nach ein paar Stunden eiliger
und angestrengter Arbeit ist mein Gepäck geschnürt und nach Paris
signirt.
Der Eilzug nach Hendaye verlässt Madrid um 3 Uhr nachmittags; ich habe
also noch Zeit, meinen Freunden Lebewohl zu sagen. Einer derselben,
Berichterstatter für verschiedene londoner Zeitungen, wohnt Nr. 6 Calle
Goya im vierten Stock. Er hat mehrere Kinder, an denen ich ein warmes
Interesse nehme. Der kleine Karl und Willy sind intime Freunde von mir;
sie hören meine Abenteuer gern und es war mir ein Vergnügen mich mit
ihnen zu unterhalten, jetzt aber muss ich ihnen Lebewohl sagen.
Dann habe ich noch Bekannte bei der nordamerikanischen Gesandtschaft,
mit denen ich gern verkehre. Alles das ist jetzt plötzlich zu Ende.
„Ich hoffe, Sie werden uns schreiben, wir werden uns stets freuen, von
Ihrem Wohlergehen zu hören.“
Wie oft habe ich nicht während meines aufgeregten Lebens als unsteter
Journalist die gleichen Worte gehört und wie oft habe ich denselben
Schmerz beim Scheiden von ebenso lieben Freunden empfunden.
Aber ein Journalist wie ich muss das schwerste ertragen lernen; wie
ein Gladiator in der Arena muss er stets zum Kampf bereit sein; wenn
er feige zurückweicht, ist er verloren. Der Gladiator muss sich dem
auf seine Brust gezückten Schwert aussetzen; der reisende Journalist
oder herumstreichende Correspondent muss dem Befehle gehorchen, der ihn
seinem Verhängniss entgegenschicken kann; zur Schlacht wie zum Banket
lautet er immer gleich: „Mache dich fertig und geh!“ --
Um 3 Uhr nachmittags war ich unterwegs und da ich in Bayonne einige
Stunden Aufenthalt hatte, kam ich in Paris erst in der folgenden Nacht
an. Ich ging direct ins Grand Hôtel und klopfte an Herrn Bennett’s
Thüre.
„Herein!“ rief eine Stimme.
Bei meinem Eintritt fand ich Herrn Bennett im Bett.
„Wer sind Sie?“ fragte er.
„Mein Name ist Stanley“, antwortete ich.
„Ach ja! Nehmen Sie Platz. Ich habe ein wichtiges Geschäft für Sie.“
Nachdem er sich den Schlafrock umgeworfen, fragte mich Herr Bennett:
„Wo glauben Sie, dass Livingstone sich aufhält?“
„Ich weiss es wirklich nicht.“
„Glauben Sie, dass er am Leben ist?“
„Kann sein, kann aber auch nicht sein“, antwortete ich.
„Ich erlaube, er ist am Leben und man kann ihn finden, und ich will Sie
ausschicken, um ihn aufzusuchen.“
„Was?“ sagte ich, „Sie meinen wirklich, dass ich im Stande bin, Dr.
Livingstone aufzufinden? Sie meinen, dass ich nach Central-Afrika gehen
soll?“
„Ja wohl, ich meine, dass Sie hingehen und ihn aufsuchen sollen, wo
Sie ihn nur immer vermuthen können, dass Sie dann alle Nachrichten,
die Sie von ihm erhalten können, sammeln. Und vielleicht“, fügte er in
nachdenklichem Tone hinzu, „ist der alte Mann in Noth. Nehmen Sie genug
mit sich, um ihm beizustehen, wenn er dessen bedarf. Natürlich werden
Sie nach eigenem Plane handeln und das thun, was Sie für das Beste
halten, aber -- +finden Sie Livingstone+!“
„Aber“, sagte ich in Verwunderung über den kaltblütigen Befehl, mit
dem man einen Menschen nach Central-Afrika schickte, um einen Mann
aufzusuchen, den ich wie die meisten für todt hielt, „haben Sie
ernstlich die grosse Ausgabe überlegt, der Sie sich für diese kleine
Reise aussetzen?“
„Was wird es kosten?“ fragte er kurz.
„Burton’s und Speke’s Reise nach Central-Afrika hat 3000 bis 5000 Pfd.
St. gekostet, und ich denke man kann die Reise nicht für weniger als
2.500 Pfd. St. machen.“
„Gut, da will ich Ihnen sagen, was zu thun. Erheben Sie zunächst 1000
Pfd., und wenn Sie dies verbraucht haben trassiren Sie wieder über
1000 Pfd., und wenn diese verausgabt sind abermals 1000 Pfd., und wenn
Sie damit zu Rande sind noch 1000 Pfd. u. s. w., aber -- +finden Sie
Livingstone+!“
Erstaunt aber nicht irre gemacht durch diesen Befehl, -- denn ich
wusste, dass wenn Herr Bennett einmal zu etwas entschlossen, er nicht
leicht von seinem Plane abging,-- meinte ich doch, da es ein solches
Riesenunternehmen war, dass er noch nicht völlig die Gründe und
Gegengründe bei sich erwogen habe, und sagte: „Ich habe gehört, dass,
wenn Ihr Vater stirbt, Sie den «Herald» verkaufen und sich vom Geschäft
zurückziehen wollen.“
„Wer Ihnen das gesagt hat, hat Sie falsch berichtet, denn es gibt gar
nicht Geld genug in New York, um den «New York Herald» zu kaufen. Mein
Vater hat ihn zu einer grossen Zeitung gemacht, aber ich gedenke ihn
noch bedeutend zu vergrössern. Ich wünsche, dass er eine Zeitung in dem
wahren Sinne des Wortes werde. Ich meine, dass er alles bringen soll,
was die Welt interessirt, gleichviel was das kosten möge.“
Ich erwiderte ihm: „Dann habe ich nichts weiter zu sagen. -- Meinen
Sie, dass ich direct nach Afrika gehen soll, um Dr. Livingstone
aufzusuchen?“
„Nein; ich wünsche, dass Sie sich zuerst zur Einweihung des Suez-Kanals
begeben und dann den Nil hinaufgehen. Ich höre, dass sich Baker gerade
nach Oberägypten begibt; suchen Sie alles über seine Expedition zu
erfahren, was Sie können, und wenn Sie den Nil hinaufgehen, beschreiben
Sie möglichst genau alles, was für Touristen von Interesse ist.
Schreiben Sie einen Führer, einen recht praktischen, für Unterägypten,
in dem Sie uns alles berichten, was es dort Sehenswerthes gibt und wie
man es zu sehen hat.
„Dann könnten Sie auch nach Jerusalem gehen, Kapitän Warren soll dort
eben einige interessante Entdeckungen machen. Besuchen Sie darauf
Konstantinopel und berichten Sie über die zwischen dem Khedive und
dem Sultan herrschenden Schwierigkeiten. Dann können Sie ja wol
auch die Krim und die alten Schlachtfelder dort besuchen. Gehen Sie
durch den Kaukasus ans Kaspische Meer, dort sollen die Russen eine
Expedition gegen Chiwa ausrüsten. Von da können Sie durch Persien
nach Indien gehen und uns einen interessanten Bericht aus Persepolis
schreiben. Bagdad liegt dicht an Ihrem Wege nach Indien; wie wäre es,
wenn Sie dort hingingen und uns etwas über die Euphratthal-Eisenbahn
berichteten. Wenn Sie dann in Indien gewesen sind, können Sie sich nach
Livingstone umschauen. Vermuthlich werden Sie bis dahin gehört haben,
dass er sich auf dem Rückwege nach Zanzibar befindet, wenn nicht, so
gehen Sie ins Innere und suchen Sie ihn dort. Wenn er am Leben ist,
versuchen Sie es, von ihm soviel Nachrichten als möglich über seine
Entdeckungen zu erlangen, und wenn er todt ist, bringen Sie alle
möglichen Beweise für seinen Tod mit. Das ist alles. Gute Nacht und
Gott sei mit Ihnen!“
„Gute Nacht“, sagte ich, „ich will alles thun, was in der
Menschenmöglichkeit liegt, und Gott wird bei einer Aufgabe, wie sie mir
gestellt ist, mit mir sein.“
Ich wohnte mit dem jungen Edward King zusammen, der sich einen so
grossen Namen in Neuengland macht. Er war gerade der Mann, der sich
gefreut haben würde, seiner Zeitung zu erzählen, was der junge Herr
Bennett triebe und was für eine Aufgabe mir gestellt worden sei. Ich
hätte gern meine Ansichten über die wahrscheinlichen Resultate meiner
Reise mit ihm ausgetauscht, aber ich wagte das nicht. Obgleich schwer
von meiner grossen Aufgabe gedrückt, musste ich mir doch das Ansehen
geben, als ob ich nur zur Einweihung des Suez-Kanals ginge. Der junge
King begleitete mich an den marseiller Eilzug und wir trennten uns auf
dem Bahnhofe, er, um die Zeitungen in Bowles’ Lesezimmer zu lesen, ich,
um nach Central-Afrika und wer weiss wohin sonst noch zu gehen.
Ich brauche hier gar nicht aufzuzählen, was ich gethan habe, ehe
ich nach Central-Afrika ging: ich zog den Nil hinauf, sah den
Oberingenieur der Baker’schen Expedition, Herrn Higginbotham, in
Phylae und verhinderte ein Duell zwischen ihm und einem tollen jungen
Franzosen, der sich mit Herrn Higginbotham auf Pistolen duelliren
wollte, weil er die Zumuthung übelnahm, für einen Aegypter gehalten
zu werden, obgleich er ein Fes trug. Ich habe mich mit Kapitän Warren
in Jerusalem unterhalten und bin dort mit einem Unteringenieur in
eine der Gruben gefahren, um die Merkzeichen der tyrischen Arbeiter
auf den Grundsteinen des Salomonischen Tempels zu besehen. Ich habe
die Moscheen von Stambul in Gesellschaft des nordamerikanischen
Ministerresidenten und Generalkonsuls besucht, ich bin über die
Schlachtfelder der Krim gereist, Kinglake’s berühmtes Werk in der
Hand; ich habe mit der Witwe des Generals Liprandi in Odessa gespeist;
ich habe in Trapezunt den arabischen Reisenden Palgrave und in Tiflis
den Civilgouverneur des Kaukasus, Baron Nicolay besucht; in Teheran
bin ich mit dem russischen Gesandten zusammengewesen, habe überall
auf meiner Reise durch Persien die grösste Gastfreundschaft von den
Herren der indoeuropäischen Telegraphen-Gesellschaft erfahren,
und nach dem Beispiel vieler berühmter Männer meinen Namen auf die
Monumente von Persepolis eingeschrieben. Im Monat August 1870 kam ich
in Indien an, am 12. October fuhr ich auf der Barke „Polly“ von Bombay
nach Mauritius. Da die „Polly“ ein langsames Schiff war, dauerte die
Ueberfahrt 37 Tage. Am Bord der Barke befand sich ein gewisser William
Lawrence Farquhar aus Leith in Schottland als erster Steuermann. Er
war ein ausgezeichneter Schiffer, und da ich meinte, dass er mir von
Nutzen sein könnte, nahm ich ihn in Dienst unter der Bedingung, dass
sein Sold von dem Tage angehen solle, wo wir von Zanzibar nach Bagamoyo
abreisen würden. Da ich keine Gelegenheit hatte, direct nach Zanzibar
zu fahren, so ging ich zu Schiff nach den Seychellen. Drei oder vier
Tage nach meiner Ankunft in Mahé, einer Insel der Seychellen, hatte ich
das Glück, auf einem amerikanischen Walfischfahrer mit William Lawrence
Farquhar und Selim, einem arabischen Christenknaben aus Jerusalem, der
als Dolmetscher fungiren sollte, nach Zanzibar zu segeln, in welchem
Hafen wir am 26. Januar 1871 ankamen.
Soweit habe ich also meine Reisen nur oberflächlich berührt, weil
sie den Leser nicht interessiren; sie haben mich durch viele Länder
geführt, aber dieses Buch ist nur eine Beschreibung der Reise, auf
welcher ich Livingstone, den grossen Afrikareisenden, suchte. Sie ist,
ich gestehe es zu, ein Ikarusflug des Journalismus, einige haben sie
sogar für ein Donquixotiade erklärt; diese Bezeichnung kann ich jetzt
aber von mir abweisen, wie der Leser zugeben wird, noch ehe er an das
Ende des Buches kommt.
Ich habe mich des Wortes „Soldaten“ in diesem Buche bedient. Die
bewaffnete Begleitung, welche ein Reisender in Sold nimmt, damit sie
ihn nach Ostafrika geleite, besteht aus freien Schwarzen, Eingeborenen
von Zanzibar, oder befreiten Sklaven aus dem Innern, welche sich Askari
nennen, ein indisches Wort, das in seiner Uebersetzung „Soldaten“
bedeutet. Sie sind wie Soldaten bewaffnet und ausgerüstet, obgleich
sie sich auch als Dienstboten vermiethen, aber es würde anmassender
von mir sein sie Bediente zu nennen, als das Wort „Soldaten“ dafür zu
gebrauchen, und da ich mehr gewohnt gewesen bin sie Soldaten, als meine
Watuma Diener zu nennen, so konnte ich mir das nicht mehr abgewöhnen;
deshalb habe ich den Ausdruck „Soldaten“ stehen lassen, schicke jedoch
dieses Wort der Entschuldigung voran.
Auch habe ich vielleicht das persönliche Fürwort der ersten Person
singularis „ich“ häufiger gebraucht, als die Bescheidenheit es
eigentlich gestattet, aber man darf nicht vergessen, dass ich eine
Erzählung meiner eigenen Abenteuer und Reisen schreibe und dass
ich annehme, dass das grösste Interesse bis zu dem Punkt, wo ich
mit Livingstone zusammenkomme, sich an mich, meine Märsche, meine
Schwierigkeiten, meine Gedanken und Eindrücke knüpft. Trotzdem folgt
daraus, dass ich hin und wieder von +meiner+ Expedition oder
+meiner+ Karavane spreche, noch keineswegs, dass ich mir dieses
Recht anmasse, denn ich bemerke ausdrücklich, dass es die Expedition
des „New York Herald“ ist, dass ich nur den Befehl über dieselbe
von Herrn James Gordon Bennett, dem Besitzer des „New York Herald“,
erhalten habe und von diesem Herrn besoldet worden bin.
Noch eins: ich habe die erzählende Form für die Darstellung meiner
Reise gewählt, weil sie ein grösseres Interesse zu besitzen scheint als
die Form des Tagebuches, und ich glaube, dass ich auf diese Weise den
grossen Fehler der Wiederholung vermeide, den man vielen Reisenden zum
Vorwurf macht.
Nach diesen Auseinandersetzungen halte ich es nicht für nöthig,
noch irgendetwas in der Einleitung zu sagen und beginne daher meine
Erzählung.
~London~, 8, Duchess Street, Portland Place,
October 1872.
HENRY M. STANLEY.
ERSTES KAPITEL.
ZANZIBAR.
Ankunft in Zanzibar. -- Aufnahme beim Consul der Vereinigten Staaten.
-- Kapitän Webb. -- Leben in Zanzibar. -- Art des Handels mit dem
Innern. -- Die Stadt Zanzibar. -- Bevölkerung. -- Einführung bei Dr.
Kirk. -- Bischof Tozer.
Eine der fruchtbarsten Inseln des Indischen Oceans ist Zanzibar. Als
ich Bombay verliess, um die Expedition des „New York Herald“ in das
unbekannte Herz Afrikas zu führen, war meine abstracte Vorstellung von
der Insel die, dass sie nicht viel besser als eine grosse Sandbank
oder ein Stückchen vom Meer umgebener Sahara sei, in der sich ein paar
massig grosse Oasen befänden und in der die Cholera, das Fieber und
andere namenlose aber schreckliche Krankheiten zu wüthen pflegten. Ich
glaubte, sie sei von unwissenden Schwarzen mit dicken Lippen bewohnt,
deren Aeusseres im allgemeinen mit Du Chaillu’s Gorillas zu vergleichen
wäre und die von einem despotischen, griesgrämigen Araber beherrscht
würden. Weshalb sich diese Caricatur in meiner Phantasie festgesetzt
hatte, begreife ich nicht; ich hatte Bücher und Abhandlungen über
Zanzibar gelesen, die sich keineswegs ungünstig darüber äusserten,
dennoch schwebte es meinem Gehirn als eine Insel vor, deren gänzliches
Versinken im Meere der Welt nur nützlich sein könnte. Ich weiss es
nicht bestimmt, aber ich glaube, ich habe diese Vorstellung durch
Kapitän Burton’s „Lake Regions of Central-Africa“ in Verbindung mit
manchen andern excentrischen Ansichten bekommen. Dieses ganze Buch ist,
wiewol ausgezeichnet gewandt und wahr, doch in einem etwas galligen Ton
geschrieben, und ich glaube, die Wirkung desselben auf mich bestand
darin, dass ein Theil der Galle mir zu Kopf stieg, denn als ich es las,
sah ich einen verderbenbringenden Strom, welcher mich nach der ewigen
Fiebergegend Afrikas hintrieb, von wo, wie mir eine unheilverkündende
Ahnung sagte, man nicht wieder zurückkehre. Wie man aber die
beseligende Morgenröthe begrüsst, die den schrecklichen Traum, unter
welchem man die ganze Nacht hindurch sich seufzend plagt, vertreibt,
wie man sich über den Brief freut, der gute Nachrichten bringt, so
wurde mir beim Anblick der grünen Ufer Zanzibars zu Muthe, welche mir
zuriefen: „Hoffnung! Die Dinge sind selten so schlimm, als man sie sich
ausmalt.“
Es war am frühen Morgen, als ich durch den Kanal segelte, der Zanzibar
von Afrika trennt. In dem Morgengrauen wurden die Höhen des Festlandes
gleich langen Schatten sichtbar; die Insel lag uns in einer Entfernung
von nur einer Meile zur Linken und trat mit dem vorrückenden Tage
aus den sie umhüllenden Nebeln allmählich hervor, bis sie endlich
deutlich in Sicht war und so schön aussah, wie das schönste Kleinod
der Schöpfung. Sie schien niedrig, aber nicht flach zu sein, hin und
wieder sah ich sanfte Höhen, die sich über den anmuthigen Wipfeln
der Kokosbäume erhoben, welche sich längs der Insel hinzogen. Auch
wurden sie in angenehmer Weise durch Thalsenkungen unterbrochen,
welche andeuteten, wo diejenigen, die Schutz vor der heissen Sonne
suchten, Kühlung finden könnten. Mit Ausnahme der schmalen Sandlinie,
über die das saftgrüne Wasser in beständigem Gemurmel dahinrollte,
schien die Insel ganz in Grün gehüllt. Auf dem herrlichen Spiegel der
Meerenge befanden sich mehrere Dhows[2], die rasch mit schwellenden
Segeln der Bai von Zanzibar zueilten oder dieselbe verliessen. Ueber
dem Horizont des Meeres erschienen nach Süden zu die nackten Masten
einiger grossen Schiffe und östlich von diesen eine dichte Masse
weisser Häuser mit flachen Dächern. Dies war Zanzibar, die Hauptstadt
der Insel, welche sich bald als eine ziemlich grosse, dichtgebaute
Stadt enthüllte, an der man alle charakteristischen Merkmale der
arabischen Baukunst erkennen konnte. Ueber einigen der grössten
Häuser, welche sich an der Seeseite der Stadt hinzogen, flatterten
das blutrothe Banner des Sultans Seyyid Barghasch und die Flaggen der
amerikanischen, englischen, norddeutschen und französischen Consulate.
Im Hafen befanden sich dreizehn grosse Schiffe, vier zanzibarer
Kriegsschiffe und ein englisches, die „Nymphe“, zwei amerikanische, ein
französisches, ein portugiesisches, zwei englische und zwei deutsche
Kauffahrer. Ausserdem lagen da viele Dhows aus Johanna und Mayotte,
Orten der Komoroinseln, ebenso Dhows aus Muskat und Kutsch, welche
zwischen Indien, dem Persischen Meerbusen und Zanzibar Handel treiben.
Mit aufrichtiger Höflichkeit und Gastfreiheit empfing mich der
nordamerikanische Consul, Kapitän Francis R. Webb (der früher auf
der nordamerikanischen Flotte gedient hatte). Hätte dieser Herr mir
nicht die so nöthigen Dienste geleistet, so hätte ich mich dazu
verstehen müssen, mich in einem Hause, welches als das von Charley
bekannt ist, einzumiethen, das nach seinem Besitzer so genannt wird,
einem krummnasigen, im ganzen sehr excentrischen Franzosen, der einen
bedeutenden Ruf an dem Orte dafür hat, dass er unbemittelte Reisende
aufnimmt und ihnen häufig unter einer rauhen Aussenseite grosse
Freundlichkeiten erweist, -- oder ich wäre gar gezwungen gewesen, mein
amerikanisches Doppelzelt auf dem Sandufer dieser tropischen Insel
aufzuschlagen, was keineswegs wünschenswerth gewesen wäre.
Aber Kapitän Webb’s gelegener Vorschlag, sein bequemes, comfortables
Haus zum meinigen zu machen, mich gemüthlich einzurichten und
mir alles geben zu lassen, was ich nöthig hatte, beseitigte alle
Unannehmlichkeiten.
Ein Tag in Zanzibar brachte mir meine Unwissenheit in Bezug auf das
Volk und die Dinge Afrikas im allgemeinen zum Bewusstsein. Ich bildete
mir ein, ich hätte Burton und Speke ziemlich gut durchgelesen und
folglich die Bedeutung, Wichtigkeit und Grösse der Aufgabe, die ich
übernommen hatte, erfasst. Aber meine auf Bücherweisheit gegründeten
Schätzungen waren einfach lächerlich, die phantastischen Vorstellungen
von den Reizen, die Afrika bietet, waren alsbald zerstreut, die
Freuden, die ich vorausgesetzt hatte, verschwanden und alle unreifen
Vorstellungen nahmen eine bestimmte Gestalt an.
Ich spazierte durch die Stadt und verschaffte mir allgemeine Eindrücke.
In dem reinlichen Stadtviertel sah ich krumme, enge Gassen, weiss
getünchte Häuser, mit Mörtel gepflasterte Strassen. In dem Theil, den
ich das Banyanenviertel nennen will, erblickte ich auf jeder Seite
sehr vertiefte Alkoven, vor denen rothbeturbante Banyanen sassen,
und im Hintergrunde dünne Baumwollstoffe, Kalikos, amerikanische und
bedruckte Baumwollenwaaren und andere Gegenstände; auf den Fluren lagen
Elfenbeinzähne dichtgedrängt; in dunkeln Ecken Haufen von ungereinigter
loser Baumwolle, Vorräthe von Steingut, Nägeln, billigen Eisenwaaren
und Werkzeugen. Im Negerquartier rochen die Strassen sehr übel nach
der gelben und schwarzen Bevölkerung, welche mit ihren Wollköpfen vor
den Thüren ihrer elenden Hütten schwatzend, lachend, feilschend und
keifend sassen. Der Geruch war ein Gemisch von Häuten, Theer, Schmutz,
vegetabilischem Abgang, Excrementen u. s. w. Ich sah Strassen, die von
grossen, solid aussehenden Häusern mit flachen Dächern begrenzt wurden,
mit grossen geschnitzten Thüren und Messingklopfern, vor denen Sklaven
mit übereinandergeschlagenen Beinen sassen und den Eingang zu ihrer
Herren Häuser bewachten; eine seichte Seebucht, auf der sich Dhows,
Nachen, Boote und ein paar vereinzelte Bugsirdampfer befanden, welche
auf dem von der Ebbe zurückgelassenen Schlammmeer seitlich übergeneigt
dalagen. Ich sah einen Ort, der „Nazi-Moya“ (der „Eine Kokosbaum“)
heisst, wohin sich die Europäer des Abends mit langsamen Schritten,
fast wie Sterbende, begeben, um die liebliche Luft einzuathmen, die,
wenn der Tag zur Neige und die rothe Sonne im Westen untergeht, von der
See ausströmt. Ich sah die Gräber von einigen verstorbenen Matrosen,
welche ihr Leben nach der Ankunft in diesem Land eingebüsst hatten. Ich
sah das hohe Haus, worin Dr. Tozer, Missionsbischof von Central-Afrika,
und seine Schule für kleine Afrikaner sich befindet, und noch viele
andere Dinge, die sich so ineinanderwirrten, dass ich zu Bett gehen
musste, wollte ich im Stande bleiben, die sich verschiebenden Bilder
auseinanderzuhalten und das Arabische vom Afrikanischen, dies vom
Banyanischen, dieses wieder vom Hindostanischen und letzteres endlich
vom Europäischen zu scheiden.
Zanzibar ist das Bagdad, das Ispahan oder Stambul, wenn man will, von
Ostafrika. Es ist der grosse Markt, welcher die Elfenbeinhändler aus
dem Innern Afrikas anlockt. Auf diesen kommen das Kopalgummi, die
Häute, die Orseille, das Bauholz und die schwarzen Sklaven Afrikas.
Bagdad hat grosse Seidenbazars, Zanzibar Elfenbeinmagazine; Bagdad hat
einst mit Juwelen gehandelt, Zanzibar handelt mit Kopalgummi. Stambul
pflegte tscherkessische und georgische Sklaven einzuführen, Zanzibar
importirt schwarze Schönen aus Uhiyu, Ugindo, Ugogo, Unyamwezi und
Galla.
Dieselbe Art des Handels herrscht hier wie in allen mohammedanischen
Ländern vor, ja es ist dieselbe, wie sie lange vor der Geburt Moses
existirt hat. Der Araber ist unveränderlich, er hat die Sitten seiner
Vorältern mit sich gebracht, als er auf diese Insel kam, er ist hier
ebenso sehr Araber wie in Muskat oder Bagdad. Wohin er auch geht,
bringt er seinen Harem, seine Religion, sein langes Gewand, sein Hemd,
seine Pantoffeln und seinen Dolch mit sich. Wenn er ins Innere von
Afrika dringt, so vermag aller Spott der Neger nicht, seine Lebensweise
zu verändern. Dennoch ist das Land nicht orientalisch geworden, der
Araber ist nicht im Stande gewesen, die Atmosphäre zu verändern, das
Land ist halb afrikanisch im Aussehen, die Stadt nur halb arabisch.
Dem neuen Ankömmling sind die Muskataraber von Zanzibar im höchsten
Grade interessant. Sie haben eine gewisse Geschäftigkeit an sich,
die man bewundern muss. Sie sind meist alle Reisende. Die Mehrzahl
von ihnen sind oft schon in gefahrvollen Lagen gewesen, wenn sie in
Central-Afrika eindrangen, um das kostbare Elfenbein zu bekommen, und
dies sowie ihre reichen Erfahrungen haben ihrem Gesicht einen gewissen
unverkennbaren Zug von Selbstvertrauen und Selbstgenügsamkeit gegeben;
sie haben etwas Ruhiges, Entschlossenes, Trotziges, Unabhängiges an
sich, welches jedem unbewusst Achtung abgewinnt. Die Erzählungen
einiger dieser Leute könnten meines Erachtens Bände voll spannender
Abenteuer füllen.
Gegen die Mischlingsrassen hege ich eine grosse Verachtung. Sie
sind weder schwarz, noch weiss, weder gut, noch schlecht, weder zu
bewundern, noch zu hassen. Sie sind alles zu jeder Zeit; sie kriechen
beständig vor den grossen Arabern und sind immer grausam gegen die
Unglücklichen, die unter ihr Joch kommen. So oft ich einen elenden,
halbverhungerten Neger sah, wusste ich mit Bestimmtheit, dass er
einem der Mischlingsrasse angehöre. Stets habe ich in ihm einen
kriechenden Heuchler, einen feigen, entarteten, treulosen und gemeinen
Menschen gefunden. Er scheint stets bereit, vor einem reichen Araber
niederzufallen und ihn anzubeten, aber er ist einem armen schwarzen
Sklaven gegenüber unbarmherzig. Wenn er am meisten schwört, so kann man
sich darauf verlassen, dass er am meisten lügt, und doch ist es diese
Menschenrasse, welche sich am raschesten in Zanzibar vermehrt, diese
syphilitische, triefäugige, blasshäutige Mischung des Afrikaners und
Arabers.
Der Banyane ist ein geborener Handelsmann, das Ideal eines schlauen,
geldverdienenden Menschen. Das Geld fliesst ihm so natürlich in
die Tasche, wie das Wasser von einer Höhe hinab, und nie werden
Gewissensbisse ihn daran verhindern, seinen Nebenmenschen zu betrügen.
Er übertrifft den Juden und sein einziger Nebenbuhler auf dem Markt
ist der Perser. Der Araber ist ein Kind dagegen. Es ist Geldes werth,
ihn zu sehen, wie er mit aller Energie der Seele und des Leibes dahin
arbeitet, den Eingeborenen selbst um die allerkleinste Geldsumme zu
übervortheilen. Hat z. B. der Eingeborene einen Elfenbeinzahn, der ein
paar Frasilehs wiegt, die Wagschale zeigt auch das Gewicht an und
der Eingeborene versichert aufs feierlichste, dass es mehr als zwei
Frasilehs betragen müsse, so wird unser Banyane auf alle mögliche Weise
behaupten und schwören, dass der Eingeborene nichts davon verstehe und
dass die Wagschale falsch sei. Er nimmt seine ganze Kraft zusammen,
um den Zahn aufzuheben. „Er ist ja so leicht, er wiegt nicht mehr als
ein Frasileh. Komm“, sagt er, „Knicker, nimm Dein Geld und geh Deiner
Wege. Bist Du verrückt?“ -- Wenn der Eingeborene zaudert, so pflegt er
vor Wuth laut aufzuschreien, er schiebt ihn weg, stösst das Elfenbein
mit verächtlicher Gleichgültigkeit mit dem Fusse fort, kurz, nirgends
wird solch ein Lärm um nichts gemacht. Obgleich er nun dem erstaunten
Eingeborenen befiehlt, sich zu trollen, so beabsichtigt er durchaus
nicht, dass ihm der Kauf entgehen soll.
Die Banyanen üben vor allen andern Klassen den grössten Einfluss
auf den Handel von Central-Afrika aus. Mit Ausnahme von ein paar
reichen Arabern sind fast alle andern Kaufleute den Nachtheilen des
Wuchers ausgesetzt. Ein Handelsmann, der eine Reise ins Innere machen
will, gleichviel ob er nach Sklaven oder Elfenbein, Kopalgummi oder
Orseillewurzel auszieht, schlägt einem Banyanen vor, ihm 5000 Dollars
zu 50, 60 oder 70 Procent zu leihen. Der Banyane weiss sicher, dass
er nichts verliert, ob die Speculation des Handelsmannes sich bezahlt
macht oder nicht; denn ein erfahrener Handelsmann erleidet selten
Verluste, oder wenn er unschuldigerweise unglücklich gewesen ist, so
verliert er seinen Credit nicht. Mit Hülfe des Banyanen kommt er bald
wieder auf die Beine.
Nehmen wir, um ein Beispiel zu geben, wie der Handel ins Innere
gehandhabt wird, an, dass der Araber mit seiner Karavane Güter im
Werthe von 5000 Dollars ins Innere führt, so sind die Güter in
Unyanyembé 10000 Dollars, in Udschidschi 15000 Dollars werth; sie haben
also ihren Werth verdreifacht. Für 5 Doti oder 7½ Dollars kauft man
auf dem Markte von Udschidschi einen Sklaven, der sich in Zanzibar für
30 Dollars verkaufen lässt. Gewöhnliche männliche Sklaven kann man
sicher für 6 Dollars kaufen und erhält dafür an der Küste 25 Dollars.
Sagen wir nun, der Händler kauft Sklaven für den vollen Betrag seines
Geldes, d. h. also, er würde nach Abzug von 1500 Dollars Reisekosten
nach Udschidschi und zurück für 3500 Dollars 464 Sklaven à 7½ Dollars
erstehen, so bringen ihm diese in Zanzibar 13920 Dollars ein! Ein
anderes, dem Elfenbeinhandel entnommenes Beispiel: Ein Kaufmann bringt
Waaren für 5000 Dollars nach Udschidschi und hat, nach Abzug von 1500
Dollars Reiseausgaben dorthin und zurück, noch 3500 Dollars, in Tuchen
und Perlen, mit welchen er Elfenbein kauft. In Udschidschi kauft man
den Frasileh (oder 35 Pfd.) für 20 Dollars, wodurch er mit seinen 3500
Dollars 175 Frasilehs Elfenbein ersteht, das, wenn es gut ist, in
Zanzibar 60 Dollars per Frasileh werth ist. So stellt es sich heraus,
dass der Kaufmann einen Nettogewinn von 10500 Dollars gemacht hat.
Arabische Händler haben schon grössere Profite gemacht, und fast immer
kehren sie mit einem sehr grossen Nutzen zurück.
Auf die Banyanen folgen in Zanzibar, was die Machtstellung betrifft,
die mohammedanischen Hindus. Eine Zeit lang war ich wirklich
zweifelhaft, ob die Hindus nicht ebenso arg im Handel betrügen, wie
die Banyanen, und wenn ich den letzteren die Palme gereicht habe,
so ist das nur mit Widerstreben geschehen. Dieser Stamm der Inder
erzeugt Massen gewissenloser Schurken, während er kaum einen ehrlichen
Kaufmann aufzuweisen hat. Einer der ehrlichsten Leute von allen, ob
weiss oder schwarz, ob roth oder gelb, ist ein mohammedanischer Hindu,
namens Tarya Topan. Er ist unter den Europäern in Zanzibar durch seine
Ehrlichkeit und strenge Rechtschaffenheit im Geschäft sprichwörtlich
geworden. Er ist sehr reich, besitzt mehrere Schiffe und Dhows und
nimmt eine hervorragende Stellung im Rath bei Seyyid Barghasch ein.
Tarya hat viele Kinder, unter denen zwei oder drei erwachsene Söhne
sich befinden, welche er ganz nach seinem Vorbilde erzogen hat. Aber
Tarya repräsentirt nur eine ungemein kleine Minderheit.
Die Araber, Banyanen und mohammedanischen Hindus bilden die höhern und
mittlern Klassen. Diese sind im Besitze der Landgüter, der Schiffe und
des Handels. Vor ihnen beugen sich die Mischlingsrassen und die Neger.
Nach diesen sind das bedeutendste Volk, welches zur gemischten
Bevölkerung dieser Insel beiträgt, die Neger. Sie bestehen aus den
eingeborenen Wasawahili, Somalis, Komorines, Wanyamwezi und einer
Anzahl Repräsentanten der Stämme von Innerafrika.
Für einen weissen Fremdling, der im Begriff steht, ins Innere von
Afrika zu gehen, ist ein Spaziergang durch die Negerquartiere der
Wanyamwezi und Wasawahili höchst interessant; denn hier lernt
man es erst, dass man zugeben muss, dass die Neger Menschen wie
unsereins sind, obgleich von anderer Farbe; dass sie Leidenschaften
und Vorurtheile, Sympathien und Antipathien, Geschmacksrichtungen
und Empfindungen wie alle andern Menschen haben. Je eher man diese
Thatsache einsieht und sich nach ihr richtet, um so leichter wird
einem die Reise unter den verschiedenen Stämmen des Innern werden. Je
schmiegsamer man von Natur ist, um so gedeihlicher werden die Reisen
ausfallen.
Obwol ich einige Zeit unter den Negern unserer Südstaaten gelebt hatte,
so war meine Erziehung doch die eines Nordländers, und ich hatte in
den Vereinigten Staaten Schwarze gesehen, die ich mit Stolz meine
Freunde nannte. Auf diese Weise war ich darauf vorbereitet, einen
jeden Schwarzen, der die Eigenschaften eines wirklichen Menschen oder
überhaupt irgendwelche guten Eigenschaften besass, als Freund, ja
selbst als Bruder anzusehen und ihn ebenso zu achten, als ob er von
meiner Farbe und Abstammung wäre. Weder seine Farbe noch irgendwelche
Eigenthümlichkeiten seiner Physiognomie sollte ihn meinerseits
irgendwelcher Rechte berauben, die er als Mensch beanspruchen konnte.
„Haben diese Leute, diese wilden Schwarzen aus dem heidnischen Afrika“
-- fragte ich mich -- „die Eigenschaften, welche den Menschen seinen
Mitmenschen liebenswürdig machen?“ „Können diese Leute, diese Barbaren,
Güte schätzen und fühlen sie Abneigung wie ich?“ -- war die Frage,
die ich mir im Geiste vorlegte, als ich durch ihre Quartiere ging und
ihre Handlungsweise beobachtete. Brauche ich noch zu sagen, dass es
mir sehr angenehm war zu sehen, wie sie ebenso bereitwillig sich dem
Einfluss der Leidenschaften, der Liebe und des Hasses, wie ich selbst,
unterwarfen und dass die genaueste Beobachtung mir keinen bedeutenden
Unterschied zwischen ihrer Natur und meiner eigenen offenbarte?
Die Neger der Insel bilden wol zwei Drittel der ganzen Bevölkerung;
sie sind die arbeitenden Klassen, ob sie Sklaven oder Freie sind. Die
Sklaven verrichten die Arbeit auf den Plantagen, Landgütern und in den
Gärten der Gutsbesitzer, oder dienen als Hamals oder Lastträger auf dem
Lande sowie in der Stadt. Auf dem Lande sieht man sie mit sehr grossen
Lasten auf dem Kopfe so zufrieden und heiter wie möglich, nicht etwa,
weil sie freundlich behandelt werden oder leichte Arbeit haben, sondern
weil sie ihrer Natur nach heiter und leichten Herzens sind, weil sie
weder Vergnügungen noch Hoffnungen haben, die sie nicht nach Belieben
befriedigen können und keinem Ehrgeiz fröhnen, dem sie nicht Genüge
thun könnten, daher auch in ihren Hoffnungen nicht getäuscht worden
sind.
In der Stadt hört man zu allen Stunden Negerhamals zu zweien, beim
Transport von Säcken mit Gewürz, Waarenkisten u. dgl. beschäftigt,
vom Magazin zu der Wassertreppe und von dieser nach dem Ufer zu gehen
und eine Art monotone Melodie singen, durch die sie sich gegenseitig
aufmuntern und nach der sie marschiren, wenn sie sich barfüssig durch
die Strassen bewegen. Man kann diese Leute in kurzer Zeit leicht als
alte Bekannte an der Consequenz erkennen, mit welcher sie ihre Melodien
singen. Mehrmals des Tages habe ich dasselbe Paar unter den Fenstern
des Consulats vorbeigehen und immer dieselbe Melodie mit den gleichen
Worten wiederholen hören. Mancher könnte diese Lieder wol für albern
halten, aber für mich hatten sie einen gewissen Reiz und ich halte sie
für vollständig zweckentsprechend.
Die Stadt Zanzibar, auf dem südwestlichen Ufer der Insel gelegen, hat
eine Bevölkerung von fast 100,000 Einwohnern; die ganze Insel schätze
ich auf nicht mehr als 200,000, alle Rassen eingeschlossen.
Die grösste Zahl fremder Schiffe, welche mit diesem Hafen Handel
treiben, sind Amerikaner, hauptsächlich aus New York und Salem.
Nach den Amerikanern kommen die Deutschen, dann die Franzosen und
Engländer. Sie kommen mit amerikanischer Leinwand, Branntwein,
Schiesspulver, Musketen, Perlen, englischen Baumwollenwaaren,
Messingdraht, Porzellanwaaren und anderen Artikeln beladen, und
verlassen den Hafen mit Elfenbein, Kopalgummi, Gewürznelken, Häuten,
Muscheln, Sesam, Pfeffer und Kokosnussöl.
Der Werth der Exportartikel aus diesem Hafen wird auf 3,000,000 Dollars
geschätzt und der der Einfuhr aus andern Ländern auf 3,500,000 Dollars.
Die Europäer und Amerikaner, die in der Stadt Zanzibar wohnen, sind
entweder Regierungsbeamte oder unabhängige Kaufleute oder Agenten
für ein paar grosse europäische und amerikanische Handlungshäuser.
Das wichtigste Consulat ist das britische. Als ich in Zanzibar meine
Expedition ins Innere von Afrika ausrüstete, war Dr. John Kirk
britischer Consul und Geschäftsträger daselbst. Ich war sehr begierig,
diesen Herrn kennen zu lernen, weil sein Name so oft mit dem des Dr.
David Livingstone, den ich aufsuchen wollte, zusammen genannt worden
ist. In fast allen Zeitungen wurde er als der frühere Begleiter von Dr.
Livingstone bezeichnet. Nach den Artikeln und Briefen an die indische
Regierung, die ich gelesen hatte, bildete ich mir ein, dass wenn ich
überhaupt irgendwelche positive Kunde in Bezug auf den Aufenthaltsort
des Dr. Livingstone erhalten könnte, mir dieselbe von Dr. Kirk
zukommen würde; daher erwartete ich die Ehre, von Kapitän Webb bei ihm
eingeführt zu werden, mit nicht geringer Ungeduld.
Am zweiten Morgen nach meiner Ankunft in Zanzibar gingen der
amerikanische Consul und ich, in Uebereinstimmung mit der Etikette des
Ortes, auf die Strasse hinaus und nach einigen Augenblicken stand ich
vor diesem vielbesprochenen Manne. Kapitän Webb sagte zu einem Manne
von dünner, hagerer Gestalt, der einfach gekleidet und etwas gebückt
ging, schwarzhaarig, von schmalem Gesicht und eingefallenen Wangen war
und einen Bart trug: „Dr. Kirk, erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Stanley,
vom «New York Herald», vorzustellen.“
Ich glaubte zu bemerken, dass er in dem Augenblick seine Augenlider
merklich erhob und dadurch den ganzen Umfang seiner Augen zeigte.
Wenn ich einen solchen Blick beschreiben sollte, so würde ich ihn als
ein Anstarren bezeichnen. Während der Unterhaltung, die sich über
verschiedene Gegenstände verbreitete, sah ich sein Gesicht, welches
ich aufmerksam beobachtete, sich nur einmal beleben und erregt werden,
und zwar als er uns einige seiner Jagdgeschichten erzählte. Da der
Gegenstand, der meinem Herzen am nächsten war, nicht zur Sprache kam,
nahm ich mir vor, ihn über Dr. Livingstone das nächste mal, wo ich ihn
besuchte, auszufragen.
Am Dienstag Abend haben Dr. und Frau Kirk ihre Gesellschaftsabende, wie
die Zanzibarer wissen. Die Freuden eines solchen Abends werden von der
civilisirten Bevölkerung von Zanzibar im allgemeinen ignorirt, aber
die Repräsentanten der europäischen Colonie besuchen sie trotzdem. An
eben diesem Abend waren die reichsten Einwohnerklassen ziemlich stark
vertreten.