darauf, und auch, daß er ihr mit seinem feinen Geschmack bei den
Arrangements helfen würde. Er würde sicher auch einen reizenden
Toast ausbringen, er verstand ja so schön zu sprechen. Aber Heinrich
rechnete nicht darauf. Selbstverständlich war der Josef dann von der
Fangeuse herunter – so wie es ohne Schaden für ihn anging, mußte er
da fort – aber der Arzt hatte ihm im Vertrauen gesagt, daß gerade in
der Übergangszeit ein südlicheres Klima für den Patienten anzuraten
sei. Sollte der Junge haben, sollte er selbstverständlich haben!
Donnerwetter, daß der sich da oben auch so einen Knacks holen mußte!
Wiesbaden, Montreux, Riviera – was der Doktor für das Beste hielt!
Der Arzt brachte die Riviera in Vorschlag.
Aber als Heinrich Josef von den Reiseplänen sprach, lachte ihm dieser
ins Gesicht: »Nein, ich bleibe hier. Ich denke gar nicht daran,
fortzugehen. Kann sein, daß ich mal ein bißchen zu Euch herunterkomme,
wenn Hedde erst weg ist und Ihr allein seid. Aber nein, vor der Hand
mache ich keine Pläne, will ich keine Pläne machen!«
Josef =wollte= keine Pläne machen. Er wollte nicht denken, wie es
weiter werden sollte, es gar nicht wissen; und doch besaß er nicht
die Macht, Gedanken ganz abzuweisen, die ihm jetzt häufiger kamen.
Der Sommer würde ja vielleicht wieder leidlich angenehm sein – aber
noch so ein Winter hier oben? Huh, nein! Ein Frösteln überlief den
Rekonvaleszenten, der noch schwach in seinem Stuhle saß, das blasse
Gesicht sehnsüchtig nach dem Fenster gewendet, das man noch nicht
öffnen durfte, um Licht und Luft hereinzulassen. Es war noch zu rauh.
An der Hecke zeigte sich noch keine schwellende Knospe, noch kein
Trieb. Oh, es war zum Verzweifeln, wie lange der Frühling hier ausstand!
Unwillkürlich irrten Josefs Gedanken umher, bis sie Sonne und Wärme
fanden. An der Riviera mußte es jetzt herrlich sein, gerade die rechte
Zeit, der ganze südliche Frühling war da mit seiner üppigen Fülle.
Josefs lebhafte Phantasie rief den blauen Himmel herbei, das blaue
Meer, die im Sonnenlicht glänzenden Häuser, die Gärten mit ihren
Blüten, den ganzen Wohlgeruch der Orangenhaine – wie schön, wie schön!
Er schrak zusammen, als Bäreb eintrat. Was wollte sie?
Verwundert sah sie ihn an: nun, bei ihm bleiben, wie immer da auf der
Bank unterm Fenster sitzen und stricken. Oder sollte sie lieber wieder
gehen?
»Setz dich schon,« sagte er unwirsch. Aber gleich darauf fand er sich
unfreundlich und undankbar. Ob sie’s wohl empfand, daß er nicht mehr so
zu ihr war wie früher?!
Sie saß und strickte, ohne eine Miene zu verziehen. Aber er sah
einen Seufzer, der ihre Brust hob. Warum seufzte sie unhörbar
leise? Ihr ruhiges Gesicht reizte ihn. Das war nicht Ruhe, das war
Verschlossenheit.
Was sich wohl hinter dieser Mädchenstirn schon alles abgespielt haben
mochte – hatte sich überhaupt etwas abgespielt?! Er fing an, sie zu
beobachten. Und plötzlich fiel ihm Echternach ein. Warum, hätte er
nicht sagen können; er folgte einer jähren Eingebung. Sie war damals,
ganz gegen ihre Art, so aufgeregt, als von Echternach die Rede gewesen
war! Was hatte Leykuhlen doch gesagt? Josef konnte sich der Szene nicht
mehr genau erinnern. Und warum hatte sie so heftig geweint damals im
dunklen Flur? Hatten Erinnerungen sie überkommen? Jedenfalls, dieses
Echternach – es mußte ein großer Tag in ihrem Leben gewesen sein!
Er langweilte sich und wollte unterhalten sein. Ganz unvermittelt
fragte er: »Wie war das eigentlich in Echternach? Erzähle! Ich weiß
wohl, du hast gesprungen, aber du hast doch auch noch –«
»Ich –?« Sie unterbrach ihn mit einem hastigen Auffahren. Sie war
blutrot geworden.
Was hatte sie denn, warum erschrak sie so? Er sah sie an mit
verwunderten Augen.
Und sie starrte ihn wiederum an mit erschrockenen Augen. Eine
ängstliche Verwunderung war in ihnen, fast ein Entsetzen.
Nun erschrak auch er. Sein Herz fing auf einmal an heftig zu klopfen.
Ihr Erschrecken machte ihn argwöhnisch.
Er faßte sie scharf ins Auge: da war etwas nicht richtig! Das wurde ihm
auf einmal klar. Und plötzlich stand das lebhaft vor ihm, was er so oft
hatte erzählen hören von allerlei Unfug, von Schlimmerem noch, von all
dem, was sich so ereignete im Lauf einer Wallfahrt. Er hatte nie daran
geglaubt, und nun wollte es ihm auf einmal doch glaublich dünken – wohl
möglich. Wo so viele zusammenlaufen, wo so viele junge Leute zusammen
sind, Bursche und Mädchen – ledig, ohne Aufsicht, weit von Hause, ihrem
Alltagsleben entrückt, vom Beten exaltiert, vom Springen erhitzt, vom
hastigen Trunk berauscht, berauscht von dem Glauben an Wunder und
von dem Gefühl, gesegnet zu sein, berauscht von der Jugendkraft, die
den heilbringenden Sprung beendet hat – was konnte da nicht alles
geschehen?! Wieder sah er Bäreb an.
Sie stand am Tisch wie eine arme Sünderin, den Kopf gesenkt; jetzt
blaß, dann wieder glühend rot. Das Strickzeug lag am Boden, sie wagte
nicht, es aufzuraffen; schlaff ließ sie die Arme herunterhängen.
Da sagte er nicht mehr: erzähle! Er wollte gar nichts hören, nein,
gar nichts wissen. Was ging es ihn an, was sie da etwa getrieben
hatte?! Aber als sie hinausgegangen war, hinausgeschlichen, ohne daran
zu denken, daß ihr Strickzeug mit verwirrtem Faden am Boden liegen
geblieben war, da rannte seine Neugier hinter ihr her. Die plagte ihn
förmlich den ganzen Tag.
In der Nacht konnte er nicht schlafen. Was war er doch für ein
dummer Kerl, ein Esel, daß er mit ihr umgegangen war so schonend, so
rücksichtsvoll, so behütend – wie ein Vater! Er lachte sich selber nun
aus. Sie würde auch nicht anders als andere sein. Sie erschien nur
äußerlich so unberührt, so jungfräulich rein!
Er war ihr nicht böse – wie konnte man ihr darum wohl böse sein?
Seine Phantasie malte sich rege alle möglichen Situationen aus. Nun
glaubte er auf einmal zu wissen, was in dem tiefen Dunkel ihrer Augen
lauerte. Es überkam ihn ein Mitleid mit ihr und zugleich ein heftiges
Verlangen; sie erschien ihm wieder reizvoll, so reizvoll wie früher,
vielleicht reizvoller noch. Aber jetzt wehrte er sich kaum mehr gegen
diesen Reiz. – –
Es regnete den ganzen Tag in nicht endenwollenden dichten Strömen.
Es war, als käme eine Sündflut. Schwarz hingen die Wolken über der
Fangeuse, das Dach fast erdrückend mit ihrer Schwere.
Er saß einsam. Es wollte ihn bedünken, als traue sich Bäreb nicht
herein zu ihm. Da rief er sie. Und sie kam, wie immer, gehorsam, mit
dem alten freundlichen Gesicht; und doch glaubte er zu bemerken, daß
sie seinen Blick mied, daß sie in einer gewissen Scheu auf ihrem Platz
saß. Es war ihr alter Sitz, dieselbe Bank, aber sie, die darauf saß,
war nicht dieselbe mehr. Unruhig atmete sie, auf ihren Wangen kam und
ging das Rot. Das Licht der Lampe fiel voll auf sie, er sah jeden Zug
in ihrem Gesicht. Aus dem Halbdunkel der Ecke, den Kopf aufgestützt,
belauerte er sie hinter der vorgehaltenen Hand.
Sie seufzte zitterig. Er seufzte auch. Keiner von ihnen sprach ein Wort.
Draußen goß der Regen, es tobte der Frühlingssturm und rüttelte am
einsamen Haus trotz der Hecke. Das war ein Blasen des losgelassenen
Westes über den Wiesenplan, ein Orgeln des Sturmes in den Tannen. Die
gleiche Musik wie dazumal, als die Hirsche schrieen. Josef mußte daran
zurückdenken. Und er verspürte auch die gleiche Unruhe wie dazumal,
dasselbe Kreisen des Blutes, dasselbe Treiben – aber wozu sich jetzt
noch wehren gegen den Trieb?! Wenn er jetzt die Arme ausbreitete,
wenn er jetzt so auf sie zuginge?! Sie würde ihm nicht entweichen, er
brauchte sie nur zu nehmen, sie würde – – –
Da – sie erschraken beide heftig. Josef setzte sich hastig nieder auf
seinen Stuhl, von dem er sich schon halb erhoben hatte.
»Et klopft,« flüsterte die zitternde Bäreb.
Draußen am vorgelegten Laden tastete was. Jemand versuchte, ihn zu
öffnen. Und dann tappten Schritte an der Wand entlang zur Haustür.
Nun hörte man wieder nichts, der Wind tat zu gewaltig; er heulte, als
wollte er die ächzenden Tannen ausraufen und mit dem Haus zusammen auf
einen Haufen schleudern.
Aber jetzt rüttelte es an der verschlossenen Tür, eine Stimme wurde
hörbar, recht kläglich: »Macht mir doch auf! Jesus Maria Josef!« Es
klang, als ob ein Hund winselte.
Josef war aufgesprungen, er ging zur Tür, aber Bäreb drängte sich an
ihn: nein, allein ließ sie ihn nicht gehen, wer weiß, wer es war, der
da Einlaß begehrte! Sie zitterte.
Er zitterte auch; aber nicht aus Furcht, er fühlte des Mädchens Körper
an sich. Ohne zu fragen, wer Einlaß begehre, schloß er die Tür auf, und
hätte sie doch gern gleich wieder geschlossen. Denn kaum öffnete sie
sich spaltbreit, so drängte sich auch schon einer herein und schlug
die Tür wieder zu, als seien Verfolger draußen, und warf wild-rollende
Blicke um sich im nur spärlich-beleuchteten Flur.
Ein Strolch, ein Vagabund, eine scheußliche Fratze – der Rotkopf aus
der Strafkolonie!
Sie erkannten sich beide. Unwillkürlich war Josef einen Schritt
zurückgewichen: das war kein angenehmer Besuch.
Aber über des Blassen verelendetes Gesicht ging ein Grinsen. »Herr,«
sagte er heiser – es sollte bittend klingen, aber es war zugleich
etwas Drohendes darin – »Sie werden mich nit verraten. Ich – ich bin
dervonjelaufen. Ich hab – ich wollt –«
Das Weitere verlor sich in einem von röchelndem Husten erstickten
Gemurmel. Der Mensch ächzte; er schnappte nach Luft. »Ich bin so
jerannt – en janze Nacht schon – den Tag hab ich in der Schonung
jelegen – ich kann die Jrenz nit finden. Er is hinter mir. Aber nit
wieder zurück – och, Herr, sein Se so jut, nit wieder zurück!« Von
Schauern gerüttelt, sich windend wie in einem Krampf, packte er Josefs
Rock.
»Kommen Sie doch herein,« sagte Josef und drängte die entsetzte Bäreb,
die sich an ihn klammerte, von sich ab. »Geh in die Küche, mach Kaffee
warm!« Und dann ließ er den zerlumpten Kerl vor sich her in die Stube
treten.
Der zitternde Mensch sank auf die Bank hin, auf der vorher Bäreb
gesessen hatte. Er war völlig erschöpft; er war kaum imstande, den
Kaffee zu trinken, den Bäreb mit scheuen Blicken hereintrug. In kleinen
Schlucken nur brachte er ihn herunter. Vierundzwanzig Stunden hatte er
nichts genossen; es gab noch nichts, noch gar nichts im Venn, nicht
Beeren, nicht Vogeleier. Und das schmutzige Wasser der Lachen war ihm
wie Eis in den Magen geronnen, es hatte ihm Übelkeit und Leibschneiden
gemacht.
»Warum sind Sie denn weggelaufen? Überhaupt jetzt?!«
Keine Antwort. Ein scheu-lauernder Blick nur streifte Josef bei dieser
Frage.
»Sie schienen mir diesen Winter doch ganz zufrieden. Das sagte auch der
Aufseher. Warum denn nun auf einmal nicht mehr?«
»Et wird Frühling,« stieß rauh der Sträfling hervor. Und dann hustete
er, so entsetzlich, so erbärmlich, daß es den anderen durchschauerte,
stützte beide Arme auf den Tisch, den Kopf zwischen die Hände und sagte
kein Wort mehr.
Bäreb flüsterte hinter der Tür mit ihrem Herrn: ach nein, nein, den
nicht hier behalten! Da wollte sie lieber jetzt bei Nacht ganz allein
übers Venn bis hin zur Strafkolonie rennen und den Aufseher holen.
Mochte der ihn in Ketten legen! Aber Josef sagte kurz: »Er bleibt hier,
ich bin kein Verräter. Siehst du denn nicht, daß der arme Teufel dazu
noch krank ist?«
Krank schien der Rotkopf in der Tat, wie Fieber glühte es ihm aus den
Augen; dabei schüttelte ihn immerwährend der Frost, seine Borsten
standen gesträubt.
Josef kannte das: ah, diese Frostschauer waren schrecklich, die man
sich im Venn holte! Mit einer Geschäftigkeit, die er sich selber nicht
zugetraut hätte, bereitete er dem Frierenden ein Lager in der Küche.
Bäreb entschloß sich nun doch, eine Schütte Stroh aus dem Holzstall
herbeizuschaffen, und eine überflüssige Decke fand sich auch noch. Ein
paar Strümpfe und eine alte Hose gab Josef her; um den halbnackten
Menschen schlotterten nur noch Fetzen, das dichte Gestrüpp der Schonung
hatte ihm alles vom Leibe gerissen. Seine Holzschuhe hatte er gleich in
der ersten halben Stunde verloren, er war in Strümpfen gelaufen durch
den Morast. Eine triefende Spur bezeichnete seinen Tritt und Stand, es
war von ihm abgeflossen wie ein schlammiger Bach.
Nein, diesen Hilfesuchenden konnte man nicht hinausstoßen. Der kam
jetzt nicht mehr weit, nicht bis zum Grenzbach; schon an den Tannen
sank der um! Josef glaubte nie etwas Jammervolleres gesehen zu haben.
Er empfand keine Furcht, als er die Küchentür hinter dem Sträfling
geschlossen hatte und sich nun allein in der Stube befand. Bäreb hatte
er sich hinlegen heißen, er hörte, wie sie ihre Kammertür verriegelte
und verschloß – zum ersten Mal. Nun hätte das nicht mehr nötig getan!
Bäreb konnte so ruhig schlafen wie unter ihres Vaters Dach. Der elende
Mensch würde ihr nichts anhaben – und er?! Er hörte sie sich werfen und
zitternd seufzen; sie fand keinen Schlaf. Aber das erregte ihn jetzt
nicht mehr.
Er ging zu seinem Sessel und ließ sich da nieder. Das Feuer war im
Verglimmen, schon wurde es kalt in der Stube; er warf neuen Torf auf
und stocherte im Ofenloch, bis die Glut sich wieder entfachte. So würde
er sitzen und wachen die ganze Nacht, dem Knacken und Knistern im Ofen
lauschend, bis alles ausgebrannt war, tot und leer, bis im Morgengrauen
der Sturm sich legte und es ruhig über den Tannen ward.
Josef stützte den Kopf, er war ihm schwer, und er fühlte ein Beben in
den Knieen. Das war doch noch über seine Kraft gegangen. Aber er dachte
jetzt nicht mehr wie so oft über =sich= nach, er dachte an den Elenden
in der Küche. Was sollte er mit dem armen Kerl anfangen?!
Allerlei phantastische Pläne tauchten in Josef auf. Wenn er ihn morgen
nun bis zur Grenze führte, ihm Geld gab, daß er sich drüben weiter
forthelfen konnte? Ach, der war viel zu kaputt, der kam ja nicht
weiter. Und er selber war auch noch nicht stark genug, sich durch die
Wildnis des Grenztals durchzuarbeiten. Er kannte auch den Weg gar
nicht. Es würde nur ein Irre-Laufen zu zweien sein. Bäreb würde sich
schon eher zurechtfinden, sie hatte den Instinkt der Venn-Bewohner,
aber konnte er sie allein mit dem Sträfling schicken? Der Kerl hatte
ein Gebiß wie ein Wolf und grünliche unstete Raubtieraugen.
Josef lauschte nach der Küche hinüber; er ging noch einmal auf den
Flur und legte sein Ohr an die Küchentür: drinnen alles still. Nein,
jetzt ein Stöhnen, und dann ein Husten, so hohl und rauh, daß es dumpf
zwischen den Wänden hallte.
Zwei-, dreimal noch in dieser Nacht lauschte Josef so an der Küchentür.
Immer noch drinnen ein Stöhnen. Endlich ein Schnarchen, rasselnd und
raspelnd wie eine Säge, die durch widerstrebendes Material sich schwer
durcharbeitet. Aber der arme Kerl schlief doch wenigstens!
Mit einem Gefühl der Erleichterung taumelte Josef in die Stube zurück.
Auch er war todmüde. Frostschauer rüttelten ihn beim erlöschenden
Feuer, aber seine erregten Nerven ließen ihn nicht zur Ruhe kommen.
Endlich mußte er doch eingeschlafen sein. Träumte er noch oder war er
schon wach? Hörte er nicht Simon Bräuers Stimme?!
»Hela, holla, aufgemacht!« Mit kräftiger Faust wurde gegen die Tür
gepocht. Das dröhnte durchs Haus wie ein Donnerschlag. Josef fuhr auf,
so rasch es seine im Sitzen steif gewordenen Glieder zuließen. Das galt
seinem Schützling!
Er stürzte auf den Flur – die Küchentür lag weit in den Angeln zurück,
beim Herd die zerwühlte Strohschütte, die hastig abgeworfene Decke. Ein
Zugwind fuhr wie ein Messer durchs offenstehende Küchenfensterchen,
klappte mit der Tür und winselte im Raum. Die Küche war leer. Der
Sträfling fort. Durchs Fensterchen, nach der Rückseite zu entwichen.
Josef glaubte noch ein Rascheln im dürren Laub der Hecke zu hören und
ein Brechen im Astwerk – oder tat das der Wind, der sich neu wieder
aufmachte? –
Simon Bräuer suchte den ihm seit vorgestern Abend abhanden gekommenen
Sträfling. Er fluchte. Da war es noch schönes Wetter gewesen, die
Kerls hatten alle ruhig auf dem Venn gearbeitet, der vermaledeite
Halunke auch; er war dessen so sicher gewesen, er hatte ihn ruhig sich
entfernen lassen, ein wenig abseits gehen von den anderen.
»Ich denk, de muß mal austreten. Ich laß ihn. Ich seh ihn hinter den
Busch jehen, den Schweinigel. Er kömmt lang nit wieder. Wo bleibt
de? Ich ruf, ich schrei. Zum Donnerwetter noch mal, legt sich dat
faule Luder hin und läßt sich die Sonn auf den Buckel scheinen! Et
war Abendsonn, aber noch janz wärmlich. Ich steig hinter den Busch –
kein Jacobs da. Zum Kuckuck – wo? Ich kuck mich rasch um. Da kommt die
kleine Huesgen aus den Tannen hinter der Ley heraus, sie singt und
sucht von den gelben Blumen. ›Haste ’ne Kerl jesehn?‹ Da nickte sie und
winkt mit dem Kopf nach ’m offnen Venn. Und ich seh ihn noch laufen.
Aber de war zu weit fort, eh ich schießen konnt. Und in der Nacht war
nix mehr zu machen. Aber ich krieg ihn doch. Mir is et nit bang drum!«
Simon Bräuer schickte noch einen greulichen Fluch nach.
»Seit jestern hab ich die Spur – in der Schonung hat der Lauskerl
jelegen – über die Jrenz is er noch nit. Dem werden die Kaldaunen schon
so zusammenjeschnurrt sein, dat de froh is, wieder unterzukriechen bei
Wasser und Brot!«
So viele Worte hintereinander hatte Josef noch nie von dem Aufseher zu
hören bekommen. Der Mann war erregt, man sah’s an seinen blitzartig
umherfahrenden scharfen Blicken und an einem Zucken der Muskeln im
sonst so eisernen Gesicht. Er schien ganz allein zu sein. Es wunderte
Josef, keinen Gendarmen bei ihm zu sehen. »Sind Sie denn allein?«
fragte er zögernd. Ah, vielleicht war es dann doch noch möglich, daß
der arme Teufel entwischte!
»Janz allein!« Bräuer lachte auf. »Denken Sie vielleicht, ich bin bang?
Wenn ihn einer kriegt, krieg ich ihn. Und ich werd mich doch nit so
blamieren!«
Die Zähne zusammenbeißend, knurrte er böse. Und dann, die Blicke
umherschießen lassend, schrie er plötzlich auf: »Wer hat denn hier
genächtigt? Wat is dann dat?«
Vergebens hatte Josef versucht, ihm den Blick in die Küche zu
versperren. Der viel größere Mann guckte ihm über die Schulter weg.
Mit mächtigem Satz war der Aufseher in der Küche, mit einem zweiten bei
der Lagerstatt, mit einem dritten beim Fenster – ein Blick genügte ihm:
da hing ja noch ein Fetzen, und das Gefüge der Hecke zeigte deutlich
den Durchbruch! »So,« sagte er eiskalt und maß den Erschrockenen mit
durchbohrendem Blick, »Sie haben ihm Unterschlupf jejeben, diese Nacht,
Sie –«
Josef wollte ihn unterbrechen, etwas sagen von ›krank‹, von
›entsetzlichem Zustand, dem er sein Mitleid nicht habe versagen
können‹, aber Bräuer schnitt ihm die Rede ab: »Ich versteh, versteh,
Sie sind ’ne Mensch – aber ich bin ’ne Aufseher. Kommen Sie mal mit!
Nach wozu is er dann?«
Er nötigte Josef vors Haus, ließ ihm kaum Zeit, sich Mantel und Kappe
herzulangen. Sie standen draußen auf dem Wiesenplan, aber nach welcher
Richtung der Flüchtling gelaufen war, davon hatte Josef keine Ahnung.
Wahrscheinlich dem Grenzbach zu.
Der Aufseher lief wie ein flüchtiger Hirsch, er machte weite Sätze.
Josef hatte ihm längst nicht mehr zu folgen vermocht, obgleich auch ihn
die Aufregung vorwärts trieb und seine Kräfte verdoppelte.
Es war eine wilde Jagd über den Wiesenplan, zwischen den Tannen durch,
durch Gestrüpp und Geröll, über gestürzte Baumstämme, durch vermoorte
Wasserläufe, immer abwärts zum Grenzbach.
Da war ja Blut! Eine rote Lache auf schwarzem Grund! Josef stutzte
plötzlich: war hier ein Wild getroffen worden?
Ein Grausen überkam ihn, er rief nach dem Aufseher; der war nicht mehr
zu sehen. Keine Antwort wurde ihm. Er rannte wieder weiter und sah sich
scheu dabei um: wo hetzte jetzt der Unglückliche hin, ohne Schuhe, nur
in Strümpfen, und ohne Rock? Wo würde ihn der Aufseher fassen? Wenn er
jetzt hier, bei ihm, durchs Gebüsch bräche, er würde ihn ruhig laufen
lassen, ihn sicher nicht festhalten.
Josef wußte nicht, was er eigentlich wünschen sollte. Gewiß war der
Rotkopf der beste Bruder nicht – eine Galgenphysiognomie – aber hatte
er, Josef Schmölder, er denn das Recht, auf ihn herabzusehen? Der war
ein Verbrecher, in der Tat, – weiß Gott, was der schon alles begangen
hatte – aber er, Josef Schmölder, er hatte auch eine Schlechtigkeit
begehen wollen. Wäre nicht der Flüchtling dazwischen gekommen – oh! Es
war Josef, als sei er dem armen Kerl gewissermaßen Dank schuldig. Und
doch, durfte man, als dem Gesetze untertan, einem entlaufenen Sträfling
Vorschub leisten?!
Nach Atem ringend, stand Josef einen Augenblick unschlüssig. Da wurde
ihm schon die Antwort auf sein grübelndes Fragen. Ein Schuß krachte
plötzlich schreckhaft laut durch die Stille des Venns, lang-nachrollend
in einem furchtbaren Echo.
»Bräuer!« Josef schrie auf. O, diese Menschenjagd! Hatte er ihn
getroffen – erschossen?!
Gellend schrie Josef nach dem Aufseher. Er rannte umher, bald zur
Rechten, bald zur Linken. Wo waren sie? Wo war der Verfolger, wo der
Erschossene?!
»Holla!« Des Aufsehers starke Stimme wies ihn zurecht.
Da stand Bräuer unten im Grund, stark, aufrecht; um ihn vermodertes
Holz, wildes Gestrüpp, Sumpf, Felsgeröll, Steine, vom schmelzenden
Wildwasser rund gewaschen, und dazwischen noch übriggebliebener
schmutziger Schnee.
Der Flüchtling lag am Boden.
»Bräuer, um Gottes willen, Bräuer!«
»Beruhigen Sie sich!« Der Aufseher zog die Mundwinkel herab in einem
spöttisch-verächtlichen Lächeln. »Dat war nur ’ne Schreckschuß. Wo
werd ich denn! Dem is nix jeschehn!« Er bückte den Kopf ein wenig
zu dem am Boden Liegenden herunter und gab ihm einen Rippenstoß mit
dem Fuß: »Steh auf, mein Sohn! So, du verfluchtes Aas, nu heißt et,
wieder heimjehn. Haste dich drücken wollen? Wart du! Marsch!« Mit der
verkehrten Hand wischte er sich die Tropfen von der Stirn. Das hatte
doch Schweiß gekostet.
Aber der Sträfling stand nicht auf; er lag mit keuchender Brust platt
auf dem Rücken, sein Mund war offen, blutiger Schaum kam ihm über die
Lippen, mit einer seltsamen Glasigkeit stierten seine Augen zum Himmel.
»Willste wohl? Marsch, vorwärts, zu....rrück!« Der Aufseher riß ihn auf.
Aber kaum stand der schlotternde Mensch auf den Füßen, so fiel er auch
schon wieder nieder und umklammerte des Aufsehers Knie. Er röchelte:
»Barmherzigkeit, nit dahin – haben Se Barmherzigkeit, nur nit dahin!«
Er streckte den zitternden Finger in der Richtung der Strafkolonie.
»Nit zurück – überall hin – nur nit dahin!«
»Ja wohl, arbeiten möchste nit, da heißt et jearbeit. Faules Luder!
Mach keine Fisematenten, du hast mich jenug vexiert. Voran!« Der starke
Mann riß den Schwachen wieder auf und stieß ihn vor sich her.
Aber mit ungeahnter Kraft widersetzte sich der Rotkopf. Er warf sich
wieder lang hin und schlug die Hände wie Krallen ins nasse Moor. »Ich
will nit, ich will nit,« heulte er. Es klang wie das Brüllen eines
Tieres. Und ins Brüllen hinein fielen menschliche Worte. »Ich drück ihr
sonst doch noch den Hals zu – ich muß – kann nit anders – dat Mädche
– Barmherzigkeit – ach, dat kleine Dingelche – se is schon wieder auf
dem Venn – sucht Blumen – dann hütet se – Frühjahr, Sommer, – überall,
überall – o, Herr Aufseher, überall is se – über – all – über – a – –
–!«
Die Worte waren nicht mehr verständlich, sie gingen unter in Schluchzen
und Ächzen und Husten und Heulen.
Die Stirn krausend stand der Aufseher. Er war blaß geworden.
»Was sagt er?« flüsterte Josef. »Ich sagte es Ihnen ja, er ist krank.
Er spricht im Fieber!«
»De spricht nit im Fieber!« Finster starrte der Mann auf den anderen
im Moose. Und dann schlug ihm eine jähe Röte ins Gesicht. Er nickte
nachdenklich, schwer mit dem Kopf. »So is et,« sagte er langsam und
wischte sich mit der Hand über die Stirn. Und dann beugte er sich
tief zu dem am Boden Liegenden herunter und klopfte ihm mit der Hand
auf den Rücken: »So, nu komm, Rotfuchs, du mußt jetzt aufstehn. Aber
ich versprech dir, ich schick dich nach Aachen zurück; da siehste
kein Fraumensch. Und so lang bis du wegkömmst, schließ ich dich in’t
Kaschöttchen ein – da biste sicher!«
Da stand der Sträfling gehorsam auf. Sie nahmen ihn zwischen sich, aber
sie mußten ihn führen. Er konnte nicht mehr allein gehen.
XVI
Langsam fuhr der Wagen von der Fangeuse fort nach der Chaussee zu;
es spritzte der Morast um die Räder, es schwankte das hohe Gestell
im schlammigen Moor. Aber man kam doch jetzt schon durch mit dem
Jagdwagen. Und Josef war auch soweit, daß er, in Decken verpackt,
darauf sitzen konnte.
Der Schluß des Märzes hatte ihm noch einen bösen Rückfall gebracht.
Nun war der April da, ein lichter Himmel spannte sich übers Vennland.
Aber wo anders würde der noch viel lichter sein! Josef sehnte sich,
fortzukommen. An die Riviera.