Josef lobte die Geschicklichkeit des Sträflings. Der Gelobte wurde

rot, er hob den Blick und zum ersten Mal sah Josef in die grünen,

unruhigen Augen. Jetzt zog der Mensch in einem geschmeichelten Lächeln

den Mund breit, und Josef erschrak fast: ha, fletschte der Kerl die

Zähne! Unangenehme Physiognomie! Aber gesünder sah er aus, nicht mehr

so käseweiß, nicht so zum Erbarmen elend wie das letzte Mal. Und man

sollte doch denken, hier eingeschlossen im vergitterten Haus müßte er

elender aussehen als draußen in freier Luft?! Merkwürdig, dieser Mensch

schien jetzt ganz wohl und zufrieden!

»Wollen Sie wat von unserer Supp essen, Herr Schmölder?« fragte Bräuer.

Josef nickte; er war hungrig.

Der Alte am Herd nahm einen von den Blechnäpfen, die aufgestapelt einer

im andern standen, und füllte ihn mit seiner Kelle aus dem großen

Kessel. Es roch ganz gut: nach Erbsen, nach Schmalz, nach Zwiebeln und

nach Wärme. Aber als Josef ein paar mal den Blechlöffel in die dünne

Brühe getaucht hatte, hatte er genug. Das schmeckte doch nicht. Und

auch das Stück schwarzen säuerlichen Brotes mit der zähen geräucherten

Blutwurst wollte ihm nicht munden, obwohl der Alte, der ihm das

präsentiert hatte, mit aufglänzenden Blicken jeden Bissen verfolgte,

den er in den Mund steckte. Er erhob sich; ihm war, als müßte er

ersticken in dieser dumpfen Dunkelheit. Der letzte Bissen würgte ihn.

»Ich danke, Herr Bräuer. Adieu! Ich muß nun zurück!«

»Ich bring Sie en Stück längs!« Es mußte dem Aufseher nun doch zum

Bedürfnis geworden sein, mit jemandem zu reden. »Mer jewöhnt sich dat

Sprechen janz ab,« sagte er wie entschuldigend, als sie draußen durch

den Schnee stapften.

»Läuft Ihnen keiner fort? Sie haben ja nicht wieder zugeschlossen!«

Josef sah noch einmal nach dem verlassenen Haus zurück und schauderte.

»Wohin?« Bräuer machte eine umfassende Handbewegung. »Hier sind die

sicher verwahrt. Die sind ja auch janz zufrieden hier. Und ich bin auch

zufrieden mit ihnen!«

»Und doch wollen Sie fort, wie ich höre?«

Das Gesicht des Aufsehers, das sich eben ein wenig aufgehellt hatte,

wurde rasch wieder finster. Er zog die Stirn in Falten und schlug den

Blick zu Boden.

»Es ist schade, Herr Bräuer!« Josef sagte es warm. Wahrhaftig, er hatte

dem Menschen doch Unrecht getan, der war längst nicht so schlimm, als

er sich stellte. »Sie sollten nicht gehen, Herr Bräuer!«

»Ich muß!« Der Aufseher brummte es zwischen zusammengebissenen Zähnen,

und dabei zuckte es über sein Gesicht. Nun sagte er nichts mehr. Eine

Strecke trabten sie stumm nebeneinander her, dann stieß er plötzlich

heraus: »Ich hab en Frau zu Haus. Adjüs!« Er machte kurz kehrt.

Ehe Josef noch etwas sagen konnte, war er schon fort. Mit

weitausholenden Schritten rannte er zurück, kein Rufen erreichte ihn

mehr. Josef wendete sich ärgerlich: er hätte Bräuer doch noch einmal

fragen können, ob er hier auch auf dem richtigen Wege war?

Wie eine Wand hatte es sich plötzlich zwischen ihn und die Strafkolonie

geschoben. Grau, dick. Das war nicht Nacht, das war ein dichter Sack,

der sich einem urplötzlich über den Kopf stülpte.

Sollte das etwa Nebel sein? Venn-Nebel? Josef hatte schon oft

davon erzählen hören. Ei, das war ja ganz interessant, den einmal

mitzumachen! In London hatte er oft Nebel erlebt – nun, schlimmer war

der berüchtigte Londoner Nebel nicht, wie dieser hier! Pfui, wie sich

einem der schwere Dunst auf Hals und Brust legte!

Er nieste und hustete und knöpfte dann seinen Überzieher fester zu;

im Haus hatte er ihn aufgerissen gehabt in seiner Beklommenheit. Nun

fror ihn, obgleich es gar nicht mehr kalt war. Kein Lüftchen regte

sich, es war ganz still geworden, und trotzdem durchschauerte es ihn

bis ins Mark. Kältende Tropfen hingen an Schnurrbart und Wimpern; das

ganze Gesicht wurde feucht. Nur rasch nach Haus, es war zu unlustig, um

spazieren zu gehen!

Er rannte wie toll. Aber als er hundert Meter gelaufen war, stand er

plötzlich still: ging er denn auch richtig? Nur nicht die Richtung

verlieren! ›Immer mit die Ruhe‹, wie Heinrich sagte. Er ging langsamer.

Er strengte die Augen an: endlich mußte doch einmal ein Ausblick

kommen, irgend einen Ritz mußte dieser Sack doch haben. Nur ein Auslug,

und man wußte gleich wieder, wo man war.

Er ging und ging. Aber der Auslug kam nicht, der graue Sack wurde immer

dicker. Und enger; gleichsam, als würde er einem über dem Kopf fest

zusammengezogen. Er ging rascher. Er fühlte, daß er aufgeregt wurde.

Ganz niederträchtig, hier so herumrennen zu müssen! Sein Herz klopfte.

Hoffentlich war es nicht mehr weit bis zur Fangeuse! Aha, da schien

ja jemand gegangen zu sein. Nun immer ruhig den Fußtapfen nach, sie

nur nicht verlieren, dann kam man schon an ein Haus, an irgend einen

bewohnten Ort, wenn’s auch, schlimmstenfalls, nicht die Fangeuse war.

Er bückte den Kopf nieder und ging wie ein Spürhund der Fährte nach.

Noch immer Fußstapfen, noch immer. Bauerntappen waren das nicht.

Merkwürdig, wie seine Füße gerade da hineinpaßten – der rechte Fuß,

der linke Fuß – keine nägelbeschlagene Sohlen! Er zuckte plötzlich

zusammen und stieß einen Ausruf des Ärgers und der Verwunderung aus:

was machte er denn, rannte er denn auf der eigenen Fährte herum wie ein

Verrückter?! Er wollte lachen, aber er konnte nicht.

»He! Holla! Ho–ho–o–oh!«

›He–holla–ho–ho–o–oh!‹ äffte ihm irgend etwas nach.

War hier ein Echo? Scheu blickte er sich um.

»He, he! Hört denn niemand?!«

›Niemand!‹

Seine Stimme klang nur schwach im dicken Nebel; der dämpfte jeden

Schall. Er wischte sich über die Stirn; schon fing er an zu schwitzen,

die Anstrengung war groß, er wurde müde. Unter seinen Sohlen ballte

sich der Schnee, hing sich an die Absätze in Klumpen; je schwerfälliger

er zutrat in seiner Müdigkeit, desto lästiger klebten die Klumpen an.

Schwer stützte er sich auf seinen Stock. – – – – – –

Josef rief nicht mehr. Wer sollte ihm hier auch helfen? Hier mußte man

sich selber zu helfen suchen, wenn man nicht, wie die Bäreb, an einen

Schutzengel glaubte. Überall Fußtapfen, überall Fußtapfen. Aber er war

nicht mehr sicher, ob es nur die seinen waren; sie waren teilweise

verwischt, auseinandergetreten im Schnee. Und es war zu wenig licht, um

deutlich zu sehen. Mit beiden Händen faßte er seinen Stock und trieb

ihn tief hinein in den Schnee: daran würde er’s merken, wenn er wieder

an denselben Platz zurückkehrte. Ob er etwa in die Runde lief, immer

auf den eigenen Fußtapfen herum die ganze Zeit?!

Es wurde ihm schwer, den Stock zu entbehren, seine müden Füße

glitschten hin und her; es kostete ihn jedesmal eine Anstrengung, sie

zu heben, die Kniee waren steif. Aber er wankte weiter. Weiter mußte

er, er konnte sich doch nicht hinlegen hier. Nicht einmal hinsetzen.

Die größte Lust hatte er freilich dazu, er war so müde, und die

grenzenlose Stille des Nebels schläferte unwiderstehlich ein. Wenn er

sich nun hier hinlegen würde und einschlafen? Dann würde er nicht mehr

aufwachen – es wäre der sanfteste Tod! Einen Augenblick kam ihm dieser

Gedanke, trotz aller augenblicklichen Not. Nur immer weiter, weiter, so

leicht gibt man das Leben denn doch nicht auf.

Nun lief er, so rasch er konnte. Wie lange mochte er schon unterwegs

sein? Es war Mittagszeit gewesen, als er in der Strafkolonie

eingetroffen war; eine Stunde mußte seither wohl vergangen sein. Er sah

nach der Uhr und starrte erschrocken – drei?! Er hielt sie sich ans

Ohr, er rüttelte sie. Sie ging wie immer, gleichmäßig mit leisem Tick,

tick. Um himmelswillen, drei Stunden war er seither schon umhergeirrt?

Jetzt fühlte er erst ganz die Müdigkeit. Sie war lähmend. Wenn er

nun nicht mehr weiter konnte, wenn er hier im Nebel sich nicht bald

zurechtfand, was dann?! All das fiel ihm ein, was Bäreb erzählt hatte.

Überall, rechts und links, vor ihm, hinter ihm, tauchten Kreuze auf. Er

wußte, das war nur eine Halluzination, hier waren keine; aber er sah

sie so deutlich, als ständen sie da, schwarz und verwittert, denen zum

Gedächtnis, die im Schnee erfroren, die im Nebel verirrt waren.

Große Schweißtropfen rannen ihm von der Stirn, vom Kinn, und fielen

nieder in den Schnee. Noch ein paar Stunden, und es war vorbei. In der

Abenddämmerung ging kein Mensch mehr durchs Venn. Hoffentlich traf er

jetzt noch einen Grenzjäger an, ihr Dienst trieb die ja umher bei allem

Wetter! Mit geschärftem Ohr lauschte er: war da nichts zu hören? Aber

er hörte kein Klirren von Sporen, kein Traben eines Pferdes, kein ›Wer

da!‹ Gar nichts. Nichts.

Eine grauenhafte Stille umfing ihn. Erst war er aufgeregt gewesen im

Gedanken, so spät nach Hause zu kommen – Bäreb würde sich ja um ihn

ängstigen – aber nun kam ihm eine größere Angst. Sie überfiel ihn

plötzlich wie eine Pantherkatze in jähem Sprung. Sie saß ihm im Nacken,

er konnte sich ihrer nicht mehr erwehren, er wurde sie nicht los,

so sehr er auch rannte. Das Klopfen seines Herzens war zum Hämmern

geworden. Poch, poch – wie das gegen die Rippen anstieß, als wollte es

sie eindrücken. Es stach ihm im Rücken bei jedem Atemzug. Jetzt mußte

er langsamer gehen, so rasch ging es nicht mehr weiter. Er stand still,

die Hand gegen das klopfende Herz gestemmt. Mit wirren Blicken sah er

sich um.

Er war in seinem Leben schon in allerlei gefährlichen Lagen

gewesen, viel gefährlicheren als heut: in einem furchtbaren Sturm

auf der Überfahrt nach Amerika und bei einem Zusammenstoß von zwei

Eisenbahnzügen – die Passagiere waren schreiend durcheinandergerannt,

die Verwundeten hatten gewinselt und gestöhnt, er war ruhig geblieben.

Hier wurde es ihm schwer, die Fassung zu bewahren. So allein, so

mutterseelenallein. Und so gar nichts sehen können, keine zehn Schritt

vor sich! Das war entsetzlich.

Er stieß einen furchtbaren Schrei aus – er war gegen etwas gerannt,

sein Fuß strauchelte – er packte zu: es war sein Stock! Sein Stock,

den er hier in den Schnee gerammt hatte. Bei ihm war er nun wieder

angelangt. Also abermals in die Runde gelaufen?!

Er schlug sich vor die Stirn: warum tat er das, warum ging er denn

nicht nach rechts oder links? Er riß den tief eingebohrten Stock aus

dem Schnee heraus und stapfte nach links. Aber dann hielt er auf

einmal an: was nützte es, er kam ja doch nie, nie wieder hier heraus!

Warum noch die letzte Kraft erschöpfen? Besser stehen bleiben und

warten, bis der Nebel sich gelichtet hatte; der mußte sich wenigstens

doch etwas heben. Regungslos stand er, auf den Stock gestützt; ohne

ihn wäre er umgesunken. Die Überanstrengung verursachte ihm Schwindel;

im grauen Nebel tanzten rote Punkte, sie wurden größer und größer,

wurden zu rasch sich drehenden Kreisen. In seinen Schläfen stach es,

der Boden, auf dem er stand, schwankte wie ein Schiff; ächzend schloß

er die Augen. O, wie würde sie jammern, wenn er nicht wiederkam! Ob sie

nicht hinauslief, um ihn zu suchen?!

»Bäreb, Bäreb!«

Gellend war der Ruf der Brust entwichen. Er schrie den Namen des

Mädchens mit aller Anstrengung von Hals und Lunge. Aber nichts war

in diesem Ruf zu hören von der Angst, von der Verzweiflung, von der

Sehnsucht, die ihn herausgepreßt hatte; er klang matt und zahm. Die

Stille war zu groß. Sie hatte, ohne den Mund aufzutun, eine viel

gewaltigere Stimme, und die gebot: ›Schweig!‹ Der Mensch verstummte.

Josef riß die Uhr aus der Tasche. Vier Uhr! Wieder eine Stunde vorbei.

Nun war er sieben Stunden von Hause fort. Bald kam die Nacht. Er stand

und zitterte und rührte sich nicht mehr vom Platz, nur daß er zuweilen

die Füße aufstampfte und die Arme umeinanderschlug, um nicht ganz zu

verklammen. Durch seinen Kopf rasten die Gedanken; er wußte selbst

nicht, was er eigentlich dachte, ihm war dumpf und wirr im Gehirn. Die

Hoffnung, einem Grenzjäger zu begegnen, hatte er längst aufgegeben; die

saßen bei dem Nebel auch in einem Unterschlupf. Niemand war im Venn,

als er und die Kreuze der Toten.

Er sah wieder nach der Uhr. Er mußte sie sich dicht vor die Augen

halten, selbst so war’s kaum möglich mehr, sie zu erkennen. Halb fünf!

Die Kniee drohten unter ihm einzubrechen. Wenn jetzt nicht ein Wunder

geschah, dann – –

Horch, war das nicht ein Glöckchen?! Es klang so.

Klingelingeling!

Ein blechernes Anschlagen wie von den Schellchen, die die Pferde vorm

Schlitten tragen.

Er schrie nicht, er rief nicht Hilfe, der Mund war ihm wie zugehalten;

aber er wandte sich jetzt nach der Richtung des Klingelns. Er rannte,

er stürzte, er sank tief ein in den Schnee, er raffte sich wieder auf,

rannte wieder aufs neue – immer das leise Klingelingeling – jetzt

ward es schon stärker – jetzt noch stärker – jetzt ganz deutlich:

Klingelingeling!

»Halt!« Mit einem Schrei stürzte der Verirrte vorwärts und fiel der

Länge lang dem Karrengaul vor die Füße. Der blieb stehen.

Der Mann, der heute vormittag endlich den ersehnten Proviant nach der

Fangeuse heraufgeschafft hatte und jetzt auf der Rückfahrt begriffen

war, sich ganz auf den Instinkt seines Pferdes verlassend, lud den

Herrn auf seinen Schlitten und wendete noch einmal um.

XV

Über die sturmgepeitschte Fläche rannte das Mädchen. Der Schnee war

nicht mehr körnig wie eisiger Sand, er war weich geworden und ließ sich

zusammentreten; aber schwer war trotzdem das Weiterkommen. Erst recht

schwer. Bärebs Brust keuchte, sie mußte sich stemmen gegen den starken

Wind, der sie umwerfen wollte, und wütend, daß ihm das nicht gelang,

an ihren Röcken zerrte, um sie in Fetzen zu zerstückeln. Das Kopftuch

riß er ihr herunter, fast schmerzhaft peitschte es ihr den Nacken; die

Haarsträhnen schlugen ihr ums Gesicht. Weit war es, sehr weit bis

Heckenbroich, aber sie mußte hin. Der Tünnes würde dann schon rasch

hinunterlaufen zur Stadt, zum Doktor, zum Apotheker – ihr Herr war

krank, Jesus Maria!

Aus tränengefüllten Augen schickte Bäreb einen flehenden Blick gen

Himmel. Die ganze Nacht, nachdem er heimgekehrt war, hatte der Herr im

Fieber gelegen, er sprach irre, er erkannte sie nicht. Und heute Nacht

war ihm wieder so heiß gewesen, daß sie ihm alle Augenblicke zu trinken

geben mußte. Eiskaltes Wasser war noch nicht eiskalt genug. Und er

füllte sich so schwach, so krank, daß er nicht aufstehen konnte.

Jetzt schlief er. Jetzt konnte sie die Zeit benutzen: der Doktor

mußte zu ihm kommen. Der Tee, den sie zu kochen verstand, der nutzte

dem Herren nichts. Ob es schlimm mit ihm war? Er hatte sich das Blut

verkühlt, das war sicher; ganz matt hatte ihn ja der Knecht zur

Fangeuse gebracht, wie ein Toter lag er auf dem Wagen, kaum, daß er

hatte sagen können: ›Bäreb, da bin ich noch einmal wieder!‹ Gelächelt

hatte er freilich dazu; aber sie mußte weinen, wenn sie an dies Lächeln

dachte. Alles hatte sie getan, was sie tun konnte, um ihn zu erwärmen;

hatte seine Füße gerieben, ihren warmen Atem in seine Hände gepustet

– es hatte alles nichts genutzt. Noch im Bett hatte er mit den Zähnen

geklappert, so lange, bis die flammende Hitze kam. Ach, daß sie dem

Mann doch Auftrag gegeben hätte, den Doktor heraufzuschicken – aber wer

konnte gleich ahnen, daß es so schlimm werden würde mit ihm! Ihr Herr,

ihr lieber, guter Herr.

Es war Bäreb einen Augenblick, als hätte sie noch nie jemanden so lieb

gehabt, nicht einmal Vater und Mutter. Mit Ungestüm warf sie sich

dem Wind entgegen. Nein, sie kehrte nicht um, sie mußte durch! Eine

Schneegrube kam ihr in die Quere, dort ein aufgewehter Wall, sie

übersprang beides.

Es war ein harter Weg, eine mächtige Anstrengung. Der Schweiß troff ihr

vom Leibe, laut keuchend hob und senkte sich ihre Brust, ihre Pulse

klopften; es war ihr, als könne sie die Füße nicht mehr heben. Aber sie

mußte, sie wollte voran. So war es ihr gewesen, damals – ach, damals

zu Echternach! Aber jetzt war keine Musik dabei, keine anfeuernde,

lockende, beschwörende Melodie.

Warum ihr nur heute auf diesem Wege Echternach einfiel? Es war doch gar

keine Ähnlichkeit zwischen hier und dort!

Eine glühende Röte wie eine Flamme schoß ihr plötzlich übers ganze

Gesicht; ihr Blick wurde unsicher, sie senkte den Kopf gleich einer

Schuldbewußten und blieb zögernd stehen. Aber nur einen Augenblick,

dann bewegten ihre Lippen sich murmelnd, sie bekreuzte sich andächtig:

der heilige Willibrord war trotzdem ein mächtiger Fürsprecher für sie

im Himmel gewesen. »Heiliger Willibrord, bitt für uns, wir bitten dich,

heiliger Willibrord, erhöre uns!« Sie fing laut an zu beten.

* * * * *

Viele Tage hatte Josef im Fieber gelegen; es war eine böse Erkältung.

›Knapp an einer Lungenentzündung vorbei,‹ sagte der Doktor. Auch den

Kreisphysikus schickte Heinrich noch herauf, es sollte dem Vetter nicht

an ärztlicher Behandlung fehlen. Er war sehr besorgt, wenn er auch am

Krankenbett polterte und wetterte: das kam von solch verrückten Ideen!

Er fühlte sich selber auch schuldig dabei: wie hatte er nur zugeben

können, daß der Josef mit seiner schwachen Konstitution einen Winter

auf der Fangeuse zubrachte?! Am liebsten hätte er den Kranken in Decken

gepackt und sofort herunter geschafft. Aber das ging nicht an. Bis zur

Fangeuse konnte man nicht mit dem Federwagen fahren, und den Patienten

per Karren herunter zu befördern, dem widersetzte sich der Arzt.

Auch Josef widersetzte sich. Nach Fieberwochen und hochgradiger

Erregung war eine sanfte Ruhe über ihn gekommen. Er glaubte sich nie

mehr einer Aufwallung fähig. Er fühlte sich jetzt wohl hier, so wohl

unter diesen braunen Arbeitshänden, die feiner geworden waren in der

Winterrast und weicher in seiner Pflege.

Sie war den ganzen Tag um ihn. Draußen gab es so gut wie nichts zu tun,

und es kam viel öfter ein Bote herauf, der ihnen alles brachte, was sie

bedurften; dafür sorgte schon Heinrich Schmölder, daß sein Vetter nicht

Mangel an irgend etwas hatte.

Der Arzt hatte vorläufig seine Besuche eingestellt. Man würde ja sehen,

was mit der Zeit nötig tat, vor der Hand nur nicht aus der Stube

heraus, und Ruhe, geistige und körperliche Ruhe!

Die hatte er. Um sie schwamm das Venn. Sie saßen wie auf einer Insel.

Alles das, was vordem gefroren gewesen, war jetzt aufgetaut; all die

Moorlöcher und Torfgruben hatten ihr Maul aufgetan und zeigten zwischen

schmutzigen Schneerändern ihren schwarzen Schlund. Jetzt war es am

unsichersten im Venn, jetzt am allerschlechtesten zu gehen; man wußte

nie, ob unterm nachgebenden Schnee nicht ein Sumpfloch lauerte.

Scharfe Februarsonne hatte um die Mittagsstunde mit spitzer Zunge

gestochen und gestöbert; der Schnee war noch nicht ganz fort – die

Lasten waren zu groß gewesen – aber schon zeigte sich unterm Scharren

des Wildes moosiges Grün. Die Tage waren länger. Mit mißtönendem Schrei

segelten Wildvögel über die Fangeuse. Josef hörte sie und rückte sich

bequemer in seinem Sessel. Was kümmerte es ihn, was draußen war? Ob

Grau und Grausen, um ihn war Friede und auch Friede in ihm.

In der wohligen Ermattung des Genesenden betrachtete er Bäreb: ein

liebes Mädchen, ein treues Geschöpf! Aber kein Wunsch war in ihm. Wer

dem Tod so nahe ins Auge geschaut hatte wie er, dem blieben solche

Wünsche für alle Mal fern. Oft nahm er ihre Hand, wenn sie ihm etwas

reichte, in die seine, ohne daß sein Puls darum rascher klopfte; oft

ruhte ihr Kopf fast auf seinem Schoß, wenn sie sich tief vor ihm

niederbückte, um ihm die Decke an den Füßen einzustopfen. Er fühlte

es dann mit Genugtuung: er spürte kein Verlangen mehr. Träumerisch

lächelte er wie bei etwas längst Überwundenem.

Nur als Bäreb am Sonntag herunterpatschte zur Messe – sie hatte fast

mehr Verlangen nach der Kirche als nach den Ihren – fühlte er etwas

wie einen eifersüchtigen Stich. Und die Zeit wurde ihm lang, bis sie

wiederkehrte. Sehr lang.

Dafür wußte sie dann aber auch viel zu erzählen. O, unten begann schon

der März sich zu rühren, die Hecken zeigten, daß Leben in ihnen war!

Die Hühner fingen an zu legen, und von der Maiblum hofften sie, daß

sie wieder kalben würde in diesem Jahre. Die Mutter war gesund, die

Geschwister waren sehr gewachsen, das Kathrinchen hatte ein Kleid

gekriegt von der Frau Bürgermeister, darin sah sie aus – o, so fein!

Der Rock war schon lang, es war darin bald wie ein erwachsen Mädchen.

Und Bauer Adams hatte sie schon im voraus gedungen; sie würde wieder

hüten gehen für ihn, wenn es an der Zeit war. Jetzt ging sie freilich

nur aufs Venn, um an den sonnigsten Stellen, bei der Marienley, nach

den gelben Blumen zu suchen, die bereits aus dem getauten Schnee zu

sprossen anfingen. Die ging sie dann verkaufen herunter nach der

Stadt. O ja, das Kathrinchen war fleißig! Die ältere Schwester war

ordentlich stolz auf die Kleine. Wenn die erst in die Fabrik ging und

in Akkord arbeitete, die verdiente tüchtig was!

Es durchzuckte Josef. Die Augen schließend, winkte er abwehrend mit

der Hand: er mochte nicht von der Fabrik hören. Wie sollte das werden,

wenn er nicht mehr hier oben war?! Würde Bäreb dann auch wieder in die

Fabrik gehen müssen?

Sie plauderte, sein verfinstertes Gesicht nicht beachtend, eifrig fort.

Auf dem Platz waren auch schon wieder Soldaten eingerückt. Und an der

Strafkolonie waren sie auch wieder am Bauen, das Dach war aufgeflogen,

sie deckten es neu. Viele waren draußen mit Karren und Schaufeln

und Pflug und Egge. Lustig hatte es ausgesehen, als ihrer zwei sich

vorgespannt hatten vor den Pflug, und die anderen sie angetrieben

hatten mit Hott und Hüh.

Also wieder das alte Lied?! Josefs Stirn verfinsterte sich immer mehr.

Ein rundes Jahr war herum, ein ganzes volles Jahr – schon wollten die

gelben Narzissen, die Märzbecher im Venn, wieder anfangen zu blühen –

und war man weiter gekommen in all dieser Zeit? Es war alles noch beim

alten, beim gleichen – Fabrik, Strafkolonie, Truppenübungsplatz – und

es würde auch lange noch so bleiben! Er stieß einen Seufzer aus. Und

hatte =er= denn etwas vor sich gebracht? Nichts, gar nichts; nur vage

Wünsche, Hoffnungen, Verbesserungen ins Blaue hinein!

Er fragte nach Leykuhlen. Was machte der Bürgermeister, warum war er

während seiner Krankheit denn gar nicht einmal zu ihm heraufgekommen?

»O, oß Burjermeester läßt Uech villmals jrüße,« sagte Bäreb rasch, rot

werdend ob ihrer Vergeßlichkeit. »He wor in der Kerch. De Leut saone,

de könt nu no Berlin, de wird siehr jruß on hat vill zu saone!«

So, – sehr groß – viel zu sagen! Josef lächelte in sich hinein, die

Bäreb war gar so wichtig. Und dann wurde sein Gesicht wieder ernst:

wäre es denn gut, wenn der so viel zu sagen hätte, wie die Leute

meinten? Wer weiß! Josef zuckte die Achseln. Er ärgerte sich über sich

selber. War er denn so nüchtern geworden, daß er nichts mehr von dem

Begeisterungsrausch wiederfinden konnte, der ihm vormals Kopf und Herz

warm gemacht hatte? ›Verbohrt‹, ›zu bigott‹ – so sagte der Landrat. War

denn Leykuhlen wirklich so bigott?!

Er hatte früher nie darüber nachgedacht. –

* * * * *

Das Hindämmern hatte aufgehört, von Tag zu Tag hoben sich des

Genesenden Kräfte. Und jetzt kamen auch die Langeweile und die

Ungeduld. Nicht heraus zu können, wenn zu Stunden scheue Sonnenstrahlen

auf den Wiesenplan fielen, nicht wandern zu können, wenigstens bis

unter die Tannen! Aber bei jedem Tritt vors Haus sank man ein bis an

die Knöchel, der Boden war wie ein vollgesogener Schwamm.

Josef suchte sich durch Lesen die Zeit zu vertreiben. Die gute Sophie

schickte die Zeitungen treulich herauf, obgleich sie jetzt gerade so

vieles zu bedenken hatte; die Hochzeit kam immer näher. Sie sollte nun

doch schon am ersten Mai sein. Je weiter die Jahreszeit vorrückte,

desto mehr Militär kam herauf, und desto weniger Zeit blieb dem

Bräutigam für die Hochzeitsreise. Und die wollte das junge Paar doch

recht schön und weit machen; am liebsten im Automobil. Aber Heinrich

blieb fest: das auch noch? Nein, das gab’s nicht. Sie hatten Wagen und

Pferde, das war wahrhaftig genug!

Der Fabrikant sah griesgrämig aus; selbst bei Lenchen heiterte sich

sein Gesicht nicht so auf wie früher. Sie gab sich auch nicht mehr

viel Mühe mit ihm; spitzbübisch lachte sie hinter ihm drein. Und dann

ließ sie ihre Augen umherschweifen. Je völliger sie wurde, und je

weiter sie von den Zwanzigen abkam, desto mehr bevorzugte sie die ganz

Jungen.

Das Kreuz im Venn · 第 25 / 27 段