Ein- und Ausgang freigehalten; Josef half der Magd täglich einen Gang
schaufeln, von der Haustür bis zum Heckenausgang, von da zum Brunnen,
und von da weiter bis hin zum Wiesenplan. Er war in den ersten Tagen
tüchtig umhergestapft und hatte sich nicht satt sehen können an der
reinen, makellosen Weiße; es war ihm, als lägen auch alle Wünsche und
Begierden unter dieser Decke und schlummerten ein. Aber das stete Weiß
tat bald seinen Augen weh, sie brannten und flimmerten; die ungeheure
Monotonie des Weiß fing an, ihn zu langweilen, mehr als das, ihn zu
beängstigen. Er fühlte eine heimliche Angst. Vor was? Er hätte sie
nicht erklären können. Aber die Angst war da, er fühlte sie genau, sie
war keine Täuschung. Sie lauerte auf ihn in der endlos-unabsehbaren
Einöde von Schnee, hinter diesen weißen, tiefgeneigten Tannen, in
diesem Haus, das versunken lag hinter einer Mauer von Schnee. Die
Hecke war zum Schneewall geworden. Grau war die Luft, die Ferne
verhangen; man war wie geschieden von allem, was lebt, durch eine
graue Wand. Man wußte, da unten tief lagen Städte und Dörfer, in
denen Schlöte rauchten und Menschen wohnten, aber zu sehen war nichts
von ihnen, gar nichts. Nicht einmal bis zum Grenzbach konnte man
hinunterkommen, oder in anderer Richtung bis hin zur Chaussee gelangen.
Josef wollte dem Landbriefträger entgegengehen, es verlangte ihn so
nach den Zeitungen, aber er sank ein bis an die Kniee, und als er’s
doch erzwingen wollte, sogar bis an die Hüften. Mit Mühe nur kam er
wieder heraus. Geschwitzt, ermattet, fröstelnd, von bangen Ahnungen
durchschauert, kehrte er wieder ins Haus zurück.
Die Post blieb aus.
Im Haus war’s warm; an Heizmaterial hatten sie keinen Mangel, Holz und
Torf waren genug aufgeschichtet im Schuppen, und Bäreb hatte fleißig
Tannenäpfel und Reisig gesammelt. Nun war es eigentlich gemütlich in
der starkgeheizten Stube, die Fenster liefen an, man konnte nicht
einmal die Hecke draußen mehr sehen. Und es wurde am Mittag schon
dunkel; frühe Dämmerung sank hernieder, ebenso lautlos und geisterhaft
still wie der großflockige weiße Schnee. Am Himmel zwängte kein Stern
sich durch, einzige Helle gab nur noch der Schnee; aber diese Helle war
kein Licht, sie war nur bleicher, matter, gespenstischer Widerschein.
Und nirgend ein Laut.
Josef schrak zusammen, wenn Bäreb etwas sprach. Sie saß jetzt fast den
ganzen Tag hier innen; die Küche hatte Steinfliesen, man konnte sie bei
der Witterung doch nicht da sitzen lassen. Verstört fuhr er dann von
seinen Büchern auf. Er hatte lesen wollen und las doch nicht; er hatte
geträumt. In solcher Abgeschiedenheit müßte es schön sein, sehr schön,
wenn man glücklich ist! Ihm war sie schrecklich.
»Und so ist es immer bei euch, alle Winter?«
Sie lachte und nickte: ja, so war’s immer, wenn’s auch nicht gerad so
viel Schnee gab wie dieses Jahr.
Wenn doch der Postbote wenigstens morgen käme! Aber auch dann blieb er
aus. Über acht Tage hatte man nun schon keine Kunde mehr, daß es noch
eine Welt gab. Die da unten hatten ihn wohl ganz vergessen?!
Es war eine Erlösung, als endlich, an einem Mittag, als Josef schon
beinahe die Hoffnung aufgegeben hatte, der Briefträger erschien. Mit
einer an Gier grenzenden Eilfertigkeit riß Josef den Brief auf, den
er erhielt. Heinrich schrieb, man hätte Schnee unten, da hätte man
gewiß oben noch viel mehr Schnee, ob Josef nicht lieber herunterkommen
wollte? Er sollte Nachricht geben durch den Mann, damit ihn ein
Schlitten holen käme.
Sehr nett von Heinrich! Aber, aber – Josef sah nach Bäreb hin. Sie saß
auf der Bank unterm Fenster und sah zu, wie es dem Boten, dem sie eine
Tasse Kaffee heiß gemacht hatte, schmeckte. Wie blühend sie aussah,
wieviel gesünder und runder, als da sie noch unten in der Fabrik
arbeitete! Dann würde sie wieder dort arbeiten müssen – nein, es war
nicht möglich, daß er ging! Um Bärebs willen nicht. Er mußte aushalten.
Er gab dem Briefträger die Antwort an Heinrich mit: es gefiele ihm
noch ganz gut, noch immer sehr gut, und wenn es bald aufhören würde,
zu schneien, würde es sogar herrlich sein. Nein, er dachte gar nicht
daran, hinunter zu gehen! Mit einem gewissen Trotz schloß er das
Kuvert. Sie sollten auch nicht sagen, daß er nicht standgehalten hätte.
Mit der Miene eines Siegers übergab er dem Boten den Brief. Als aber
der Mann fortgestampft war, hätte er ihn gern zurückgerufen: nein, er
wollte doch lieber fort, sie sollten ihn doch lieber herunterholen!
Bäreb hatte die weiße Katze auf den Schoß genommen; der Winter hatte
das halbwilde Tier ins Haus getrieben. Nun sah Josef, wie sie sich
anschmiegte, wie sie schnurrte; er hörte, wie das Mädchen sie mit
zärtlicher Stimme liebkoste. »Heraus mit dir!« Unsanft jagte er das
Tier aus dem Zimmer. Aber als ihn dann Bärebs Augen vorwurfsvoll
anblickten, ging er hinaus, der Katze nach, und versuchte, sie wieder
hereinzulocken. Doch sie kam nicht. Auf der steilen Leiterstiege,
die zur Dachluke führte, saß sie und miaute kläglich. Er kletterte
ihr nach, er kletterte bis aufs Dach; da jagte die Katze über die
verschneiten Ziegel, lief hinüber bis zur Hecke, die mit dem Dach jetzt
fast eine Schneefläche bildete, und er konnte ihr nicht mehr nach.
Nun hatte er Bärebs einzige Unterhaltung verjagt, nun hatte sie gar
nichts mehr, was sie zerstreute. Es tat ihm leid. Er fand nicht den
Mut, sie zu fragen, ob es ihr langweilig sei, öde und traurig? Wenn
sie ›ja‹ sagte, würde er sich ärgern – und wenn sie ›nein‹ sagte, was
dann? Lieber nicht fragen! Er glaubte in ihrem Blick etwas zu sehen,
was er früher nicht darin gefunden hatte. Ihre Augen glänzten so
weich, so vertraulich. War es nicht natürlich, daß sie das Verlangen
nach Vertraulichkeit hatte? Sie hatte nicht Vater, nicht Mutter hier,
nicht die Geschwister, nun nicht einmal das Kätzchen mehr. Wer weiß,
vielleicht hatte sie auch einen Schatz da unten – was wußte er denn
von ihr? Er beobachtete sie verstohlen. Oft, wenn sie im dämmernden
Licht, das die kleine Lampe verbreitete, auf der Bank saß, ließ sie
jetzt ihr Strickzeug sinken und sah mit leicht geöffnetem Mund, mit
halb-geschlossenen, träumenden Augen ins Leere. An was dachte sie –
und an wen?! Ein Gefühl, das er nicht Eifersucht nennen wollte, und
das doch Eifersucht war, durchzuckte ihn. Ja, sie hatte einen Schatz!
So blickt ein verliebtes Mädchen! Und wenn sie vielleicht auch jetzt
keinen hatte, so hatte sie doch einen gehabt. Daß er das früher nicht
gesehen hatte! In diesen Augen, die so rund und harmlos in die Welt
blickten, versteckte sich in der Tiefe etwas, das in keinem Kinderauge
zu finden ist. Nun ja, sie war eben in den Jahren!
Er grübelte über sie; er lag förmlich auf der Lauer. Bald war es ihm,
als dürfe er die Hand nach ihr ausstrecken, ohne unrecht zu tun, und
bald verwies er sich schon diesen Gedanken hart. Nein, sie war noch
ganz Kind, noch ganz unschuldig – wie sagte doch Leykuhlen? ›Hier
braucht man nicht bange zu sein, so was ist ausgeschlossen bei uns!‹
Er sah wieder nach Bäreb hin: träumte sie? Nein, sie träumte nicht.
Ruhte nicht auf ihm, auf ihm ihr Blick, sinnend, glänzend, zärtlich?!
Da schrie er sie an: »Hast du einen Schatz?« Und als sie nicht gleich
antwortete, sondern die Augen rasch abwandte, vor sich niedersah,
verwirrt und dunkelrot, da schrie er noch einmal, in unverständlicher
Heftigkeit mit dem Fuß aufstampfend: »Willst du’s mir wohl sagen! Oder
hast du etwa einen Schatz gehabt?!«
Er war aufgesprungen, er stand nun bei ihr und packte sie fest am Arm.
Ihr Arm war sehnig und stark, trotz der Schlankheit, aber nun sagte sie
leise: »Au, Ihr tut mir weh!«
»Äh was, weh!« Er lachte grell. Er war plötzlich ein ganz anderer.
Sie sah scheu-erschrocken zu ihm auf: was machte der Herr Josef denn
für ein Gesicht?
Finster sah er auf sie nieder, all die Güte war aus seinem Gesicht
geschwunden. »Hast du einen Schatz?« Er murmelte es fast drohend, ließ
den Blick von ihr, schaute, blaß werdend, zu Boden und nagte an seiner
Lippe. Wenn sie jetzt sagen würde ›ja‹ – keinen Augenblick würde er
sich dann mehr besinnen. Warum denn auch? Nehmen würde er sie, wie eine
fällige Frucht, die gepflückt zu werden verlangt.
Aber sie sagte: »Nee!« Ernsthaft schüttelte sie den Kopf, fast traurig:
»Nee, Hähr Josef, ich han keene Schatz, dat könt Ihr mir jlöwe!«
Da ließ er ihren Arm, den er noch immer krampfhaft gepackt hielt,
fahren. Er stieß sie fast von sich. Knäuel und Strickzeug und Nadeln
rasselten zur Erde, verwirrt bückte sie sich und raffte alles zusammen.
Sie eilte hinaus, aber als sie schon in der Tür stand, schickte sie
noch einen Blick nach ihm zurück, der ihm zu denken gab. Warum war
sie so flammendrot, warum so erschrocken? Warum waren ihre Augen so
eigentümlich? Ihre Blicke so unsicher? Sollte sie ihn belogen haben?!
Gleich darauf hörte er draußen ihre kosende Stimme. Hatte die Katze
sich wieder eingefunden? Er hätte gern gewußt, mit wem sie so redete.
Aber er traute sich nicht hinaus. Diesen Abend ging er früher zu Bett
denn jemals, und als nebenan die wurmstichige Bettstatt zu knarren
anfing, da zog er sich die Decke bis über den Kopf und steckte sich die
Finger in die Ohren. –
Wenn man nur Menschen zu sehen bekäme, Menschen! Der Schnee fiel
nicht mehr, aber er lag fest; er lastete mit schwerer Decke, unter
der sich kein Weg abzeichnete und auch kein Gestein. Auch die Karrees
der Tannen-Anschonungen waren zugeweht. Nirgendwo gab es ein Merkmal
mehr, nach dem man sich richten konnte. Es trieb den Einsamen aus dem
Haus. Und war es auch in dem kristallenen, körnigen Schnee, den niemand
zusammengetreten hatte, der wie trockener Sand, lose und rinnend, in
eisiger Kälte bis zu den Knieen aufstieg, ein mühseliges Fortkommen,
er wollte es doch versuchen. Bis hin zur Chaussee wenigstens, da mußte
doch mal ein Lastwagen fahren oder die Post kommen. Alles konnte doch
nicht ein Ende haben. Da würde er dann in den Räderspuren leichter
weitergehen. Vielleicht auch, daß er einen Menschen antraf, einen
Grenzjäger, einen Waldhüter, einen Förster, nur irgend einen! Nur
einmal ein anderes Gesicht sehen, als ewig, ewig das des Mädchens!
Er floh vom Haus. Aber weit war er noch nicht gekommen, als er schon
fühlte, daß ihn alle Glieder schmerzten, daß in seiner Brust der
Atem keuchte. Er hielt an in dem tiefen Schnee. Ringsum Totenstille.
Er drehte den Kopf nach allen Seiten: kein Mensch, nicht einmal ein
Wild! Kein einziger dunkler Punkt, den das Auge hätte erhaschen können
in der Unendlichkeit des verschneiten Venns. Sein Auge suchte die
Richtung, in der tief unten die Stadt liegen mußte, aber nicht einmal
die Richtung war mehr zu bestimmen; man wurde völlig verwirrt von
dieser überall gleichen, eintönig weißen Weite. Ja, sie hatten sein
vergessen! Er stieß einen ungeduldigen Seufzer aus und lächelte bitter.
Selbst Hedwig, die sich doch sonst so oft an seinen Arm gehängt hatte,
kümmerte sich jetzt nicht mehr um ihn in ihrem bräutlichen Glück. Sie
hatte ja auch an etwas Besseres zu denken, als an ihn, den schrulligen,
überflüssigen Junggesellen. Die Ausstattung mußte nun bald fertig sein,
jedes Stück erregte das glühendste Interesse. Man schrieb und ließ
sich zur Auswahl senden, man packte aus und packte wieder ein, man
schrieb wieder und ließ sich wieder schicken, man reiste nach Aachen,
nach Köln, man suchte selber aus, man kaufte ein, man probierte an,
der Tag wurde zu kurz. Man hatte so viel zu tun, es war eine stete
Unruhe. Heinrich würde wohl manchmal dazwischenwettern, wenn er nicht
treten konnte vor Packen und Päckchen, vor gestickten Unterröcken
und zarten Negligés, vor Spitzen und Seidenschleifen, vor duftigen
Blusen und Staatskleidern. Pompös würde das Brautkleid ausfallen.
Josef sah ordentlich, wie die beiden Verlobten mit glänzenden Augen
die Stoffproben betrachteten. Der Bräutigam lispelte dabei der
kleinen Braut tausend dumme Dinge ins Ohr. Zeit hatten sie ja genug
zu dergleichen, das Militär war längst fort, der Platz geräumt; nur
das Wachkommando lag noch oben. Der Adjutant vom Platz mußte zweimal
die Woche hinauf, im übrigen aber hatte er die Vergünstigung, unten im
Städtchen zu wohnen. Also Gelegenheit genug zu Liebesgetändel – und sie
durften ja. =Sie= durften! Ende April schon würden sie heiraten. Jetzt
war es bereits Januar.
Ob der Schnee denn ewig liegen würde? Zwei Monate fast war man schon
begraben bei lebendigem Leib. Josef sah sich wild um. Aber so tief
man auch eingegraben war, das Herz gab sich doch nicht zur Ruhe, das
pochte nur um so lebendiger. Daß man doch davonrennen könnte – wohin?
Ganz gleich. Nur einmal andere Eindrücke, andere Gesichter, daß man auf
andere Gedanken kam!
Und doch mußte er immer wieder ins Haus zurückkehren, wo niemand war,
als die Bäreb und er.
Nun aßen sie schon lange altes Brot; zehn Tage war es her, daß der
Bote, der sonst alle Woche Vorrat heraufbrachte, zuletzt dagewesen war.
Blieb der etwa ganz aus? Es verlangte Josef nach frischem Brot; auch
hatte er eine geheime Angst: wenn es einmal so käme, daß er auch ohne
Licht sitzen müßte mit der Bäreb im dunklen Haus?! Ungeduldig harrte
er, aber der Mann kam nicht.
Da machte sich Bäreb auf den Weg. Er wollte sie nicht lassen, aber
sie lachte ihn aus: was war denn weiter dabei, sie war ja jung und
kräftig, sie kam schon durch! So ließ er sie gehen. Aber als sie fort
war, packte ihn die Reue. Er hatte dieselbe Unruhe wie damals, als sie
gegangen war, ihre Eltern zu besuchen – nein, eine noch weit größere
Unruhe. Es war ihm zu Mut, wie einem, der ein Kleinod verloren hat.
Er fing an, im Schuppen Reisig zu zerkleinern, aber er hieb sich dabei
auf die Finger; dann begann er, Schnee zu schippen. Sie würde sich
freuen, wenn er ihr einen recht breiten Pfad geschaufelt hatte bis hin
zum Brunnen. Aber als er eine Stunde geschippt, geschaufelt, gehackt
und gekarrt hatte, verließ ihn die Lust. Dieser Arbeit fühlte er sich
nicht gewachsen. O, was waren das doch für tausend Unbequemlichkeiten!
Zornig über die eigene Torheit, die ihn in eine solche Lage gebracht
hatte, ließ er Schaufel und Besen fallen, warf sich todmüde drinnen
aufs Bett und stierte die Decke an. Er war zu träge, um Licht
anzuzünden, er blieb so liegen in der Dunkelheit. Er lag wie in einer
Apathie. Nur das fühlte er, wenn es noch lange so anhielt, wenn das
noch immer, immer so weiterging, dann beging er noch viel größere
Dummheiten, als er bisher begangen hatte, oder – eine Schlechtigkeit.
Oder – er faßte sich mit beiden Händen an die pochende Stirn – er wurde
verrückt!
Diese Einsamkeit, diese Einsamkeit! Er stöhnte auf. Sie übte den
furchtbaren Druck. Alles Übel kam von dieser Einsamkeit. Er verwünschte
die Fangeuse. Hätte er sie nie betreten! Sie war der rechte Ort,
Gedanken auszuhecken, die nichts taugten. Heute begriff er nicht, daß
er hier einstmals Tage verlebt hatte, Tage solch reiner, solch hoher
Entzückungen, wie er solche noch nie im Leben gekostet hatte. Er
fühlte nichts mehr für Dankbarkeit für jene sonnenwarmen Herbsttage.
Wenn er jetzt an sie dachte, geschah es mit Achselzucken: verrückter
Schwärmer!
Tiefe, tiefe Dunkelheit draußen; tiefe, tiefe Dunkelheit drinnen. Eine
Trostlosigkeit kam ihm über das eigene nutzlose Leben. Was hatte er
denn schon geleistet? Hatte er wohl mit all seinem guten Willen für
das Wohl anderer je etwas Gutes geschafft? Immer hatte er Mitleid
mit den Menschen; Mitleid mit den jungen Dingern, die unten auf den
Lumpensäcken ihr Brot verzehrten, Mitleid mit den Sträflingen, die zur
Arbeit getrieben wurden in Wind und Wetter. Dummes törichtes Mitleid,
es hatte niemandem etwas genutzt! Wie konnte man nur daran denken,
dieses unwirtliche Land durch die Sträflinge urbar machen zu wollen?
Und wenn hundert und aberhundert Hände sich auch mühten, wenn man
immer neue Kolonien gründete, neue Arbeiter hier heraufschaffte, würde
nicht Venn doch Venn bleiben, ein finsteres Moorland? Gefangenen wies
man die Arbeit der Kolonisation zu, gedrückten, unfreien Menschen!
Er konnte jetzt das nicht mehr vertreten, was er an jenem Jagdabend
so enthusiastisch gesprochen hatte: ›Apostel – Kulturträger –
Kulturbringer‹ – konnten =die= Bringer des Lichtes einem dunklen Lande
sein, die selber unfrei waren?!
Er lag verdrossen. Wäre er nur fort von hier! Er sehnte sich nach
einer leichteren Luft, nach einer heitereren Sonne, nach lebhafteren
Menschen. Nicht immer diese Stille, diese lastende Stille;
Fröhlichkeit, Heiterkeit, ein rascher bewegtes Dasein, vielseitiger und
vielgestaltiger! Ach, gingen denn selbst Leykuhlens Interessen über den
Turm seiner Kirche hinaus?! Und diese gepriesene Frömmigkeit, diese
Einfalt der Sitten, diese Zufriedenheit – entstammten sie nicht einer
geistigen Armut?!
Heute gefiel ihm alles nicht mehr, er sah heute mit anderen Augen. An
solch kritischen Tagen hatte er unten immer mit Heinrich gezankt – ach,
hätte er jetzt nur einen zum Zanken! Da knarrte die Haustür – Gott sei
Dank, endlich die Bäreb! Er stürmte hinaus: so lange auszubleiben?!
Sie stand da, heiß und rot, ganz außer Atem, und streckte ihm den Laib
Brot entgegen. »Janz frisch, Hähr Josef, et is janz frisch. Ich han
et sälwer beim Bäcker uhs dem Ofen jehollt. Do hatt Ihr et nu!« Sie
strahlte ihn an.
Er fühlte, daß das Brot noch warm war. Glühend heiß mußte sie’s unter
ihr Tuch gesteckt haben, es im Arm gehalten haben, dicht an ihrem
Herzen. »Wie du außer Atem bist!« Er streichelte sie. »Nun, wie geht’s
deinen Eltern? Und den Geschwistern? Und der Maiblum?«
»Dat weeß ich nit!« Sie sah ihn groß an. »Ich bin nit derheem jewes,
dat war noch zu weit!«
Nicht zu Haus? Sie war doch nach Heckenbroich hinunter gegangen, hatte
Brot geholt und sonst allerlei, und sie war nicht zu Hause gewesen?!
»Ich kont doch nit!« Sie sagte es ganz verwundert. »Ihr woll’ doch so
jär frisch Bruet, do han ech mich plage mosse, für jetzt wedder hee zu
sin!«
Er war entwaffnet. Für ihn, für ihn allein war sie also gelaufen?! War
im Dorf gewesen, hatte sich aber nicht einmal Zeit genommen, Eltern,
Geschwister, an denen ihr Herz hing, wiederzusehen?! Er wußte nicht,
was er sagen sollte; das war mehr, als er erwartet hatte, mehr, als
er erwarten durfte. Von der Verdrossenheit, in der er vorhin gelegen
hatte, war urplötzlich nichts mehr in ihm. Er zog sie an sich. »Ich
danke dir,« flüsterte er.
Und sie flüsterte wieder: »Dat hat ich siehr jär für Uech jedon!«
Dann saßen sie in der Stube. Draußen war es dunkel und kalt, aber hier
innen war es warm und hell. Heute bediente er sie; er hatte die Lampe
angezündet, Holz aufgelegt, daß der Ofen glühte, sie gezwungen, in
seine warmen Filzschuhe zu schlüpfen und aß nun und rieb ihre Hände,
die eiskalt und blaugefroren waren.
O ja, es war schon schwer gewesen heute durchzukommen, der Wind hatte
einen förmlich durchblasen, als hätte man kein Tuch und kein Kleid an,
gar nichts auf dem Leib! Aber nun war sie froh. Sie erzählte ihm, daß
sie ein-, zweimal vom Wege abgekommen und schon so müde gewesen war,
daß sie sich hatte hinsetzen wollen; aber da hatte sie an den Herrn
Josef gedacht und wie dem so bange sein würde, wenn sie nicht bald
wieder da war, und da hatte sie sich wieder aufgerafft. Ihr Schutzengel
hatte sie denn auch richtig geführt. Zurück war der Weg leichter
gewesen; den Wind hatte sie im Rücken gehabt, er hatte sie vor sich
hergeblasen, daß sie kaum zu laufen brauchte, daß sie über den Schnee
hingeweht worden war. Raben waren über ihr geflogen während des ganzen
Weges, fast mit den Flügeln hatten die sie gestreift und sie immer
umkreist; aber sie hatte ihr Brot festgehalten und war gerannt und
gerannt. Sie lachte fröhlich.
Es war, als hätte der heiße Wein, den Josef dem erstarrten Mädchen
zu trinken gegeben hatte, es völlig verändert. So lebhaft war
Bäreb noch nie gewesen. Sie taute auf; da war nichts mehr von
Scheu und Zurückhaltung. Aber als sie jetzt plötzlich seine Hand
streichelte: »Ihr seid eso jot,« war doch keine Dreistigkeit in ihrer
Vertraulichkeit.
Mitten im Schwatzen wurde sie müde, wie einem Kinde fielen ihr die
Augen zu. Schwarz hoben sich die langen Wimpern von den durch die
scharfe Luft hoch geröteten Wangen. Sie hatte den Kopf gegen Josef
geneigt und nickte, das schlummermüde Haupt an seiner Schulter. Er saß
und rührte sich nicht und hielt den Atem an.
Er kam sich unsäglich lächerlich vor. Das mußte ihm, ihm passieren!
Aber er traute sich nicht, sie aufzuraffen, sie davonzutragen, wie
einen willigen Raub. Steif blieb er sitzen, bis sie ein Stündchen
geschlafen hatte und blinzelnd die Lider öffnete. Mit einem
wohlig-verschlafenen: »Sein ech äwer möd!« lächelte sie ihn an.
Er fühlte, jetzt brauchte er nur die Hand auszustrecken. Es war so
still im Zimmer, so warm. Ganz allein waren sie – wo war die Welt?! Die
fragte nicht nach ihnen.
Aber hastig rückte er zur Seite, daß ihr Kopf unsanft von seiner
Schulter glitt. »Gutnacht, Bäreb!« Es klang barsch.
Sie sah ihn verdutzt an mit schwimmenden Augen: war er bös mit ihr, der
Herr Josef?!
* * * * *
Sein Ton blieb auch noch barsch am anderen Morgen. Er konnte es
ja nicht vermeiden, ihr zu begegnen. Sie wohnten sich zu nahe;
immerwährend streifte ihn ihr Rock, immerwährend umgab ihn ihre
Sorgfalt. Er konnte das heute nicht vertragen. Träume hatte er diese
Nacht gehabt, Träume, wie er sie sich nie mehr zugetraut hätte. Er
war sich bewußt gewesen, daß er träumte – nebenan hörte er ihren Atem
zittern – aber er hatte immer wieder die Augen zugedrückt und immer
wieder den gleichen Traum gesucht. Aber am hellen Tage mied er sie, um
die sich seine Träume gewoben. Der weiße Tag stand auf der Schwelle; er
floh aus dem Haus.
Draußen war es wie immer still und kalt; das heißt, nur still von
Menschenlaut. Es war ein Ächzen in den Tannen, ein lautes Knacken,
und ein Sausen von umherfahrenden Lüften zwischen Himmel und Schnee.
Merkwürdig, es dünkte ihn heute minder kalt; vielleicht fühlte er’s
weniger, seine Stirn brannte so. In seinen Augenhöhlen bohrte ein
Schmerz. Wie ein Planloser irrte er umher, der Tag draußen dünkte ihn
besser als der Tag drinnen.
So weit zu kommen war ihm bisher noch nie gelungen. Der Wind hatte
sich plötzlich gelegt, jetzt konnte er ganz gut gehen. Er fühlte die
Anstrengung nicht, seine Gedanken waren zu sehr beschäftigt. Er sah gar
nicht, was um ihn war, er sah immer nur nach dem Hause zurück. – – –
Nun räumte sie in seinem Zimmer auf – nun war sie in der Küche – nun
sang sie beim Kartoffelschälen – nun richtete sie das Mittagbrot – nun
wartete sie auf ihn, wartete mit heißen Wangen, mit blühenden Lippen –
ah, Mittag mußte es wohl schon sein?
Plötzlich aufschreckend, sah er sich um: war’s möglich, so weit war
er schon gegangen?! Da lag ja wie ein Würfel ein einsames Haus in
der unendlichen Schneeweite. Nur wo der Schnee nicht angeweht war,
schimmerte sein Gebälk dunkel, sonst war’s weiß, weiß wie das Land
rundum. Und das Dach schwer belastet. Tiefer noch hing es herab als
sonst über Tür und vergitterte Fenster. Die Strafkolonie!
Ein paar Raben krächzten; sie lauerten auf Fraß, aber keine Hand warf
Futter heraus. Nichts rührte sich. War das Haus verlassen? Nein, ein
schwacher Rauch stieg aus dem Schornstein empor; man sah ihn kaum, er
wurde gleich eins mit der grauen Luft. Josef hüstelte: es legte sich
heute so schwer auf die Brust. Nun fühlte er doch, daß er müde geworden
war. Er pochte an.
Drinnen rasselte es, ein Schlüssel wurde ins Schloß gestoßen, ein
Riegel zurückgeschoben. Simon Bräuer öffnete selber.
Er sah den Ankömmling finster an: »Wat wollen Sie?« Dann erst erkannte
er den Eindringling und wurde zugänglicher; aber man merkte, daß ihm
die Freundlichkeit Mühe machte. Es schien ihm sauer zu werden, den Mund
aufzutun. »Kommen Sie erein!«
Er scheuchte einen der Sträflinge auf, stieß ein Bündel Weidenruten und
einen halbfertigen Korb beiseite und ließ Josef Platz nehmen.
Es saßen ihrer Zwanzig in dem engen Raum auf roh zusammengenagelten
Schemeln. Auf dem Herd brodelte es in einem großen Topf, ein alter Mann
stand dabei und rührte mit einer riesigen Kelle. Im Herdloch fielen
die Funken wie glühender Regen; von dort kam ein rötlicher Schein –
das einzige Licht in dem winter-dunklen Raum. Aber trotzdem es im Ofen
knackte und knasterte, und man vors Fenster als Schutz ein dickes Brett
gestellt hatte, war es doch nicht warm hier; die Luft war nur dick.
Josef war ordentlich zurückgeprallt vor dem Dunst, der ihm
entgegenschlug. Mit erschrockenen Augen sah er sich um: so hausten die
hier im Winter? All diese Leute zusammengepfercht, und so Tag für Tag?!
Bräuer sagte: »Über die Hälft ist nach Aachen abjeschoben. Die kommen
erst wieder erauf, wenn die Arbeit draußen anjeht. Die hier flechten
Körb und binden Besen. Der da,« – er wies auf ein Gesicht, das Josef
bekannt vorkam – »der ist jeschickt, der hat uns die Schemel gemacht.
Nu schnitzt er Löffel. Zeig mal her!«
Der blasse Mensch, der den rotborstigen Kopf über seine Arbeit geneigt
hatte, stand auf und kam heran; er zeigte ein Besteck aus Birkenholz,
nur roh geschnitzt, aber an den abgeplatteten Stielen war als hübsche
Verzierung eine Blume eingekerbt.
»Setz dich wieder!« Man merkte der Stimme des Aufsehers trotz aller
Rauheit einen gewissen Stolz an.