ich das ja gar nicht anders erwartet, von Ihnen, der Sie prinzipiell
gegen jeden Fortschritt sind, sei’s wo es sei, in wirtschaftlicher wie
in geistiger Beziehung! Sie =wollen= ja gar keine Aufklärung. Ebenso
wie Sie an Ihren licht- und luftraubenden Hecken festhalten, ebenso
halten Sie krampfhaft die Schranken aufgerichtet gegen jedes geistige
Moment!«
Der Bürgermeister lächelte. »Warum soll ich dat nit tun, Herr Landrat?
Sagen Sie mir, wat wir eintauschen, Herr Landrat? Wenn dat den
Eintausch wert is, dann will ich Ihnen jern recht jeben. Ich bin nit
verbohrt!«
»Doch sind Sie das!« Der Landrat wurde blaß und dann glühend rot.
»Sie lassen es ja auch noch zu, ja, Sie begünstigen es sogar – o, ich
weiß es wohl – daß man bei Ihnen nach Echternach springen geht. In
Heckenbroich läßt man sich nicht genügen mit Mariawald, mit Heimbach
und anderen Wallfahrtsorten hiesiger Gegend, man pilgert sogar bis
nach Echternach, um da zu springen. Springprozession – eine Sache, die
mir und auch anderen guten Katholiken eher ein peinlicher Anstoß ist
als eine Erbauung! Wir dürfen uns doch nicht ins dunkle Mittelalter
zurückschrauben. Das geht einfach nicht!«
»Dat wollen wir auch jar nit! Aber wenn Sie wüßten, wat für ’ne Segen
Echternach in diesem Fall – wir können nur von einem Fall sprechen,
nur die Barbara Huesgen aus unserem Dorf ist springen gewesen – wat
für ’ne Segen Echternach für die Leut jeworden is, Sie würden nit von
Mittelalter und von Dunkelheit sprechen. Aber sei dem wie ihm sei,«
– der Bürgermeister machte mit seiner großen Hand eine entsprechende
Bewegung – »et kömmt mir nit zu, zu trennen: hier Jlaube, da Aberjlaube
– hier fängt dat Wunder an und da der Humbug – spotten is immer billig,
und mer hat noch die Lacher auf seiner Seit – ich sag nur: der Jlaube
macht selig! Und der Jlaube schafft auch Wunder. Und hier hat er en
Wunder jetan. Den Huesgen ihr Dores, en blöd, armselig Jüngelchen, von
Krämpfen heimgesucht, von klein an en Plag für die armen Leut, für den
dat brave Mädchen in rührender Schwesterlieb springen gewesen is nach
Echternach, den hat der Heilige nun zu sich jenommen in die Seligkeit.
Und die Leut leben nun auf, die Mutter is jesund« –
Ein lautes Aufschluchzen unterbrach plötzlich Leykuhlen. Bäreb war
eingetreten, ungehört; sie hatte melden wollen, daß der Waldhüter
draußen sei, um nun mit den Herren zu gehen. Niemand hatte ihrer
geachtet; selbst Schmölder, trotz seiner Jagdunruhe, hatte aufmerksam
dem Bürgermeister gelauscht. Nun schraken sie alle zusammen, die Tür
klappte hastig zu.
Was hatte denn die Bäreb?! Josef eilte ihr nach. Als er den dunklen
Flur entlangtappte mit ausgestreckten Händen, fühlte er sie an der Wand
stehen, die Stirn gegen die kalte Mauer gelehnt.
»Bäreb, warum weinst du? Bäreb, was ist dir?!«
Aber sie gab keine Antwort. Förmlich besorgt wurde er; sie weinte wie
aufgelöst, wie hingenommen von einer großen seelischen Erschütterung.
»Bäreb, was ist dir geschehen? Hat dir jemand etwas zu leid getan? Hast
du Heimweh bekommen? Weinst du um das verstorbene Brüderchen? Bäreb,
Kind, Mädchen, so sage es doch!« Er bedrängte sie förmlich; dieses
Weinen ängstigte ihn.
Aber eine Antwort, die er verstand, bekam er doch nicht. Sie stieß
nur hervor unter einem zitternden, wie befreienden Atemzug: »Och, oß
Burjermeester, oß Burjermeester! Och, dat is ’ne Mann! De weiß doch
alles! Oß Doresche, oß Doresche, dem jeht et jo nu esu jot. Et hat ihm
doch jeholfen! Et hat ihm doch jeholfen! Jelobt seist du, heiliger
Willibrord!«
Das klang ja unter bitterem Weinen wie heller Jubel?! Merkwürdig! Aber
er war froh, daß sie sich nun beruhigte. Mit der Schürze wischte sie
sich die Augen aus; und als sie dann hineinging, um noch einmal den
Waldhüter zu melden, strahlte ihr hochgerötetes Gesicht von einer so
großen Freude, als ob sie ein seliges Glück zu verkünden hätte.
»Hübsches Mädel,« sagte Scheffler, sie fixierend.
Heinrich Schmölder rief sie zu sich heran und kniff ihr die Wange: »No,
Mädchen, wie jefällt et dir dann hier oben?«
»O, Herr Schmölder, de Herr Josef is jo esu jot!«
Da wollte sich Heinrich halbtot lachen. »Na, na!« Er drohte dem Vetter.
»Du du, sei nur nit zu jut, du alter Schwernöter!«
Josef wollte aufbrausen, aber Leykuhlen kam ihm zu Hilfe: Ȁrger dich
nit, Josef! Sehen Sie, Herr Landrat,« – er kehrte sich zu diesem hin
und reckte seine hohe Gestalt wie in stolzer Zuversichtlichkeit noch
höher – »sehen Sie, wo anders könnt dat wohl nit jut sein, en jung
Mädchen unter so ’nen Verhältnissen hier oben. Aber bei uns braucht mer
nit bang zu sein. So wat is ausjeschlossen bei uns, – wir haben eben
=unsere Kultur=!«
»Ja, du hast recht, Bärtes!« Josef legte ihm den Arm um die Schultern.
»Das ist ein Mädchen, so lauter, so rein, so unberührt wie euere Natur
hier – die Natur selber! Geht mir mit euerer Kultur!« Enthusiastisch
streckte er die Hand aus. »Was war ich denn da unten? Hier bin ich erst
Mensch geworden im höheren Sinne. Hier liege ich an der Brust der Natur
und gesunde. Du hast recht, Bärtes, daß du dich wehrst gegen alles von
außen! Ihr sitzt hinter eueren Hecken – mit beschränktem Horizont, das
will ich zugeben – ihr wißt nichts von der Welt da draußen, aber ihr
habt eine andere Welt hinter eueren Hecken, eine reinere, edlere. Laßt
euch die Hecken nicht niederreißen, erhaltet sie mit Bedacht! Was gibt
man euch denn für die Reinheit euerer Herzen, für die Einfalt euerer
Sitten, für die Zufriedenheit eueres Lebens?!«
»Und für die Jewißheit, zur ewigen Seligkeit einzujehen,« schloß
Leykuhlen lächelnd. »Mehr Kultur, denk ich, tut niemandem nötig, Herr
Landrat!«
XIV
Nun waren sie wieder allein. Josef sagte es sich mit tiefem Aufatmen;
aber ein bitterer Nachgeschmack war ihm doch geblieben, er konnte sich
nicht mehr mit so reinem Gefühl wie bisher dem Frieden des Lebens hier
hingeben.
Wie geschmacklos von Heinrich, ihm noch beim Aufsteigen auf den
Wagen, als er Abschied nehmend am Tritt stand und Bäreb in der Tür,
mit dem Finger zu drohen und dann nach dem Mädchen hinzublinzeln:
»Vorsicht, alter Junge!« Und dieser Scheffler hatte dazu gegrient.
Gräßlich, gräßlich! Ein Glück, daß die Bäreb Heinrichs Anspielung nicht
verstanden hatte!
Sie war unbefangen wie immer. Aber Josef war es nicht mehr. Fast scheu
ging er ihr aus dem Wege. Warum kam sie denn immer herein und störte
ihn und wollte schwatzen?! Er wollte nichts wissen. In Ruhe lassen
sollte sie ihn! Zum ersten Mal, seit sie miteinander hausten, fuhr er
sie unwirsch an, und hernach tat es ihm doch wieder leid; es kam ihm
vor, als hätte sie rotgeweinte Augen. Er entschuldigte sich. Aber da
stellte es sich heraus, daß sie gar nicht deswegen geweint hatte. O,
der Herr Josef konnte schelten mit ihr, soviel er wollte, der war wie
ihr Vater! Dabei sah sie ihn mit ihren schönen Augen so treuherzig
an, daß ihm das Blut zu Kopf schoß. Sie war wirklich rührend in ihrer
Demut; aber zugleich ärgerte er sich, daß sie ihn auf dieselbe Stufe
mit ihrem Vater stellte: zählte er auch vielleicht an Jahren nicht
viel weniger als der Weber, es war doch etwas anderes mit ihm als mit
diesem abgearbeiteten, verbrauchten Manne! Unwillkürlich richtete
Josef seine schlanke, noch sehr elastische Figur stramm auf und strich
den Schnurrbart, dessen Blond noch nicht wie das des Kopfes mit Grau
untermischt war. Wenn sie nicht deswegen geweint hatte, warum denn?
Da errötete sie und stammelte verlegen, daß sie gern wieder einmal
herunter zu den Ihren möchte. Und vor allem in die Kirche. Nun, seit
sie den Bürgermeister gesehen und gehört hatte, standen das Dorf mit
seinen Hecken, das Elternhaus mit all den Geschwistern, die Kirche mit
ihrem Turm, so lebendig vor ihr, daß es sie zog an Händen und Füßen.
Die Tränen kamen ihr schon wieder.
Da stieß er rasch heraus: »Geh, geh, wenn du willst, ich habe dir doch
nichts in den Weg gelegt. Geh!« –
Sie war am Sonntag aufgebrochen in aller Morgenfrühe, noch war es nicht
hell. Er hatte sie aufstehen hören und in der Kammer hin und her gehen.
Es war ihm ganz recht, daß sie fortging; nun genoß er doch einmal die
Einsamkeit ganz, aber auch ganz ungestört, in so vollen Zügen, als
wäre die Natur nur einzig für ihn allein da. Er blieb noch eine Weile
liegen. Sonst störte ihn oft am Morgen ihr Klappern in der Küche, das
Knarren der Kaffeemühle, das Klirren der Herdringe; heute hörte er
nichts. Nicht ein Atemzug war im Haus. Heute hätte er schlafen können
bis in die Unendlichkeit, aber heute konnte er nicht. Gähnend raffte
er sich auf: rasch nur jetzt auf und heraus! Die Sonne schien, es war
noch ein guter Tag. Und im Hause würde es heute wohl etwas frostig
sein?! Aber als er ins Wohnzimmerchen kam, knisterte dort das Feuer,
und in der Küche stand der Kaffee für ihn warm. Es war alles wie immer,
nur das bräunliche Gesicht mit den schwarzen Augen fehlte, das ihm
sonst alle Morgen zulächelte. Wie sehr man sich an jemanden gewöhnen
kann!
Den ganzen Tag trieb sich Josef draußen umher. An das Essen dachte
er nicht; sie hatten zwar gestern verabredet, daß es Bäreb in die
Herdröhre setzen sollte, aber er vergaß es. Nun war er Robinson, nun
lebte er auf einer wüsten Insel; er hatte sich das als Knabe immer
gewünscht. Und doch sollte das knabenhafte Entzücken sich heute nicht
mehr einfinden. Wohl fühlte er einen Schauer, als er allein, ganz
allein auf dem kleinen Wiesenplan stand – weltenfern die Stätten der
Menschheit – als er, einsam unter den schwarzen Tannen dahinschreitend,
deren Wurzeln tief ins Moor hinabreichen, sich sagen konnte: wenn du
jetzt rufst, es hört dich keiner! Aber es war ein leises Unbehagen in
diesem Schauer.
Huh, war das eine Öde! Er war durch eine Lücke aus den Tannen heraus
ins Freie getreten. Hier war die Jagdkanzel oben auf dem Baum, von hier
aus hatte Heinrich neulich den großen Hirsch geschossen, als er draußen
im offenen Venn stand und ins Freie orgelte. Ein Blitz, ein Knall, das
Tier hatte das stolze Haupt geschüttelt – ein Satz – hier, hier hatte
es sich noch davongeschleift, eine tiefe Spur hatte der schwere Leib im
Gestrüpp gezogen. Noch jetzt, nach Tagen, sah man die Fährte hundert
Ellen weit. Und hier war der Hirsch zusammengebrochen. Ein brillanter
Schuß. Der glückliche Schütze hatte gar nicht genug damit prahlen
können.
Josef sah den getrockneten Schweiß auf dem Moos und wendete sich
rasch ab; die Lust war ihm vergangen, hier zu spazieren. Er kehrte
in den Tannenwald zurück. Aber aus dem Dickicht wechselte plötzlich
eine Wildsau, und wenn er sie auch nicht fürchtete, es war doch kein
angenehmes Gefühl, ohne Flinte, ohne jegliche Waffe, selbst ohne Stock
zu sein.
Wohin er sich heute auch wendete, es behagte ihm nicht. Er war unruhig,
unzufrieden, von einer Nervosität befallen, die ihn bisher auf der
Fangeuse nicht heimgesucht hatte. Das war ja noch dieselbe unendliche
Weite, die wie die Heide der Niederung erscheint, fast flach, nur
leise wellenförmig bewegt, und auf der man doch nie vergißt, wie hoch,
hoch oben man ist. Blauer Horizont grenzte ihr purpurnes Braun ein.
Und dahinten, da weit, da ganz unten waren die Berge, die Flüsse, die
Täler, Menschen wohnten da, lachten und freuten sich, kämpften und
litten! Das war alles noch wie sonst. Hier war nur die Einsamkeit. Aber
sie ging wie eine graue Frau mit gesenktem Kopf über das dämmernde
Moorland und wob am Netze der Schwermut, dem niemand entrinnt.
Josef fühlte eine tiefe Bangigkeit. Er stand und starrte, hätte sich
gern losgerissen und konnte doch nicht. Es saugte ihm etwas an der
Seele. Langsam, wie mit geschlossenen Füßen, schob er sich voran.
Ein Stein lag mitten im Heidebraun, halb eingesunken, und doch noch
fast so groß wie ein Haus. Es gab deren viele im Venn, sie sollten
einstmals vom Himmel heruntergefallen sein. So sahen sie auch aus;
hingeschleudert, hingeworfen von Riesen in plötzlichem Unmut. Er kroch
auf den lagernden Block, den Regen und Stürme geschliffen hatten,
setzte sich oben nieder und starrte ins Weite. Eine ununterbrochene
Kette von Gedanken, deren Schlußglied sich nicht einfand, umschlang ihn
quälend.
Was sollte werden? Ewig konnte er doch nicht hier oben bleiben, denn
wenn Bäreb einmal fortging von ihm, dann blieb auch er nicht mehr
auf der Fangeuse. Nein! Er schüttelte, die Stirn in viele Falten
ziehend, den Kopf, und dann lächelte er wehmütig: sie würde ja einmal
fortziehen, sie mußte doch heiraten, solche Mädchen heiraten immer.
Ob sie heute recht glücklich war unten bei den Ihren? Sicherlich. Er
hatte ihr Geld geschenkt; das würde sie nun der Mutter schenken, und
den Geschwistern würde sie etwas mitbringen, ihnen kaufen, was sie nur
Schönes im Dorfladen fand. Es würde da unten ein Jubel sein. Er fühlte
fast Neid: schade, daß er das nicht mit ansehen konnte! Bäreb konnte
sich freuen wie ein Kind, nicht ganz so laut und nicht so heftig mehr,
aber ganz so unbefangen.
Ein plötzliches Frösteln überfiel ihn: huh, war das kalt! Nun fühlte
er, daß er ganz erstarrt war, Hände und Füße waren wie abgestorben; der
Vennatem hatte ihn durchhaucht. Durch die graue Luft kam’s angeflattert
mit klatschendem Flügelschlag und klagendem Ruf. Das waren die
Moorhühner – schwerfälliges, träges Gevögel – sie strichen ihm um den
Kopf, trübselig und graufarben wie Venn-Gedanken. Er sprang auf. Die
Heide hatte abgeblüht, dahin war der Schimmer. Fort, nur fort, daß er
aus der endlosen Weite fortkam zu begrenzterem Raum! Er kniff die Augen
zu. Hier war zu viel Raum, zu viel Endlosigkeit. Er ertrug sie heut
nicht.
Wie ein Zerschlagener kam er heim. Und dann fing die Ungewißheit an,
ihn zu peinigen: ob sie nun bald kam, oder erst spät auf den Abend?
Oder ob sie gar am Ende erst morgen früh wiederkam? Wer weiß, die Ihren
hatten sie nicht mehr fortgelassen, es ward ja schon dunkel! Er sah
nach der Uhr. Wenn sie nun nicht bald kam, ging er noch einmal hinaus
und ihr entgegen.
Der Wind, der den Tag über geweht hatte, war zum Sturm geworden. Mit
einer Gewalt schnob er von Westen her, daß selbst die Hecke, so dicht
gefügt sie auch war aus armesdickem Astwerk, ihn nicht abhalten konnte.
Das Haus erzitterte, die Türen sprangen auf, im Schlot erhob sich ein
Winseln und Heulen. Die Tannen ächzten; man hörte ihr Stöhnen bis
hinein ins Zimmer.
Der Einsame stand am Fenster und versuchte, den Himmel zu beobachten,
aber die ragende Hecke schnitt ihm jeden Ausblick ab. Im Zimmer war
es dunkel und dunstig. Rastlos schritt er auf und nieder; ihm war
bange. Eine dumpfe Traurigkeit schien über diesem Erdwinkel zu lasten,
eine plötzliche Trostlosigkeit machte seine Seele erschauern; wie
gejagt, wie vor sich selber fliehend, stürzte er zur Tür, er riß sie
auf: draußen konnte es ja nicht unerträglicher sein! Aber ein Zugwind
klatschte sie wieder zu. Er saß drinnen wie gefangen. Es fing an zu
regnen. Er hörte die gepeitschten Tropfen hart gegen die dürre Hecke
rasseln. Da war nun auch bald das letzte Blatt heruntergeschlagen,
Sommer und Herbst waren hin, der Winter war da – wie würde er ihn
überdauern?!
Zum ersten Mal kam auch ihm der Zweifel, den alle anderen schon vor ihm
gehabt hatten: würde er’s auch aushalten hier oben?! Er lehnte sich
niedergeschlagen gegen die kalte Wand im dunklen Flur und seufzte. Eine
lange, lange Reihe öder Tage gähnte ihn an – da hörte er plötzlich
draußen, in der atemschöpfenden Stille zwischen zwei lärmenden
Windstößen, einen hurtigen Tritt. Die Tür flog auf, Bäreb wehte herein
mit zerzausten Haaren, das bunte Kopftuch im Nacken, durchnäßt, erhitzt.
Ihre Augen strahlten ihn an, der dunkle Flur war auf einmal nicht mehr
so dunkel. »Do bin ich, Hähr Josef!«
Er konnte nicht an sich halten – er war ja so froh, sie wieder zu haben
– er riß sie heftig mit beiden Händen zu sich heran und küßte sie.
Sie ließ sich den Kuß gefallen; sie leistete nicht den geringsten
Widerstand, als er hastig, wie verdurstet, seine Lippen auf ihren Mund
drückte. War dieser Mund frisch, den hatte noch kein anderer vor ihm
berührt! Das Blut stieg ihm siedend zu Kopf, er fühlte sich auf einmal
wie neu belebt, verjüngt – – – aber dann wich ihm alles Blut jäh aus
dem Gesicht zurück: nein, das durfte nicht sein, dieses Mädchen durfte
er nicht küssen! Alle, alle Mädchen der Welt, es war kein Unrecht
dabei; aber diese, diese hier nicht!
Mit Mühe unterdrückte er das Beben seiner Stimme und zwang sich zu
ruhigem Ton: »Nun, mein Kind, war’s schön zu Haus?« Und dann drehte er
sich von ihr ab, ging zur Stube hinein und machte die Tür hinter sich
zu.
Aber sie kam ihm nach. Ihr Herz war zu voll, sie mußte es ihm erzählen,
wie gut es der Mutter jetzt ging, wie das Kleine trefflich gedieh, wie
die Maiblum so reichlich Milch gab, daß sie alle Tage Suppe kochen
konnten, und daß Kathrinchen vom reichen Adams außer den Schuhen noch
ein Extratrinkgeld bekommen hatte, weil von den Kühen, die sie ihm im
Sommer hüten gegangen, keine, aber auch gar keine zu Schaden gekommen
war. Nun konnte das Kathrinchen nicht mehr hüten, nun ging es wieder in
die Schule. Und auf des Dores Grab war ein Kreuzchen gekommen, darauf
stand zu lesen:
›Vater, Mutter, tröstet euch,
Ich bin jetzt im Himmelreich!‹
Nun weinte die Mutter nicht mehr. Sie betete alle Abend zur
allerheiligsten Mutter von Lourdes, und alle Morgen zum heiligen
Willibrord; zu den zweien, denen sie am meisten zu danken hatte.
Bäreb lachte froh: ja, wenn der Mutter nicht dazumal, gerade als es ihr
am allerschlechtesten ging, die heilige Frau an der Ley begegnet wäre,
wer weiß, ob sie, die Bäreb, dann nach Echternach springen gegangen
wäre! Sie sprach es gedämpft, wie mit andächtiger Scheu. Und ein
nachdenklich-ernsthafter Zug, der ihrem harmlosen Gesicht sonst fremd
war, ließ es älter erscheinen.
Josef hatte gar nicht recht hingehört auf das, was sie sagte. Im
Lehnstuhl saß er, hatte den Arm auf die Seitenlehne gestützt und
beobachtete sie hinter der vorgehaltenen Hand. Wie hübsch sie aussah,
wie besonders hübsch! Auf ihren bräunlichen Wangen glühte ein tiefes
Rot, ihre Augen waren feucht. Es gab vielleicht Schönere! Josef
schloß einen Moment lächelnd die Augen, Gestalten huschten an seiner
Erinnerung vorüber. Er hatte viele schöne Frauen gekannt, die Welt war
weit, aber so, wie dieses Mädchen hier, hatte ihm doch keine gefallen!
»Geh,« murmelte er – er war ganz heiser – »geh, zieh dich um, du bist
ja ganz naß. Ich will allein sein!«
* * * * *
Das wurde eine böse Nacht. Waren denn alle Geister des Venns lebendig
geworden und jammerten?
Josef hörte das Mädchen ruhig atmen – oh, die focht nichts an! Aber
ihn. Er fluchte dem Lärm draußen, er fand keinen Schlaf. Oder war es
etwas anderes, das ihm die Ruhe verscheuchte? Ihm war es heiß, glühend,
trotzdem es kalt in der Kammer war; der Wind schnob durch alle Ritzen
bis hin an sein Bett. Und dem Toben draußen gesellte sich der Aufruhr
innen. Hier – hier! Er schlug sich wütend mit der flachen Hand gegen
die Brust, so heftig, daß ihn ein Husten erschütterte. Sollte es
nun auch schon wieder aus sein mit ihm hier an diesem Platz, sollte
er so rasch wieder das Leben hier aufgeben, es wechseln, wie man ein
Kleidungsstück wechselt, das man noch gar nicht zu Ende getragen hat?!
Er war verzweifelt über sich selber. Alter Tor! Ja, Heinrich hatte ganz
recht, der wußte besser Bescheid über ihn, als er über sich selber:
er taugte zu nichts. Er hatte keine Energie. Nicht einmal diesem hier
war er gewachsen. Und – aber was war denn eigentlich weiter dabei,
daß er der schönen Bäreb einen Kuß gegeben hatte?! Sie würde den bald
vergessen. Vielleicht hatte sie ihn schon vergessen, ihn kaum gefühlt!
Er lauschte angestrengt: ob sie wirklich so ruhig schlafen konnte?
Es wurmte ihn, es kränkte ihn. Wie es an der Hecke riß, an den Läden
klapperte! Jetzt stürzte ein Dachziegel – krach. Aha, jetzt wälzte sie
sich! Jetzt tat sie einen zitternden Seufzer! Jetzt stammelte sie:
»Jesus Maria!«
Josef saß im Bett aufrecht, umstürmt und durchstürmt. Mit einer jähen
Aufwallung von Freude hatte es ihn durchzuckt: ah, sie konnte auch
nicht schlafen! Aber gleich darauf schämte er sich dieser Freude: nein,
alle Nacht sollte sie einen so friedlichen, unschuldigen, ungestörten
Schlaf haben, den harmlosen Schlaf der Kindheit!
Josef hatte Tränen in den Augen. Er war froh, daß es draußen gewaltig
stürmte, so konnte er es sich doch selber weismachen, daß er deshalb
nicht schlafen konnte. Mochte sie nebenan schlafen oder nicht schlafen,
ruhig atmen oder zitternd seufzen, er versenkte sich ganz in das
Toben der Nacht. Ob die sich anderwärts auch so wild gebärdete? Wie
mußte das Haus der Strafkolonie, das einsame Haus ohne Hecke, sich
ducken! Zitternd hockten die Menschen darin; mußten sie nicht wähnen,
weggefegt zu werden, nicht denken, Weltuntergang sei da?
Es toste in den Lüften, es brüllte und lärmte. Jetzt rollte ein Getöse
sich vom Grenzbach herauf. War das ein gewaltiger Hirsch, der da in
den Tannen orgelte? Nein, der Sturm, der Sturm. Er übertönte alles
Sterbliche. Das war eine ohrenbetäubende Musik, die Musik des jüngsten
Gerichts. Wohl dem, der sie hören konnte mit reinem Herzen!
Die Bäreb schlief wieder ganz fest – horch, wie sie gleichmäßig atmete!
Ja, die hatte nichts zu bereuen. Aber die armen Strafgefangenen! Huh,
wie sie zitterten in ihren Leinenkitteln, aufgestanden waren sie alle,
der barsche Aufseher hatte sie aufgetrieben; sie wußten ja nicht, ob
das Dach ihnen nicht über den Köpfen aufflog!
Josef stellte sich die nächtlichen Gestalten deutlich vor – ein
zitternder, erbärmlicher Spuk – er versuchte wieder das alte Mitleid
mit ihnen zu finden, und fand zuletzt doch nur Mitleid für sich allein.
War es nicht scheußlich für ihn, hier einsam zu liegen und sich so zu
quälen? Wenn er nun aufstünde, wenn er nun einträte nebenan –?! Pfui!
Er kniff die Augen zusammen und preßte die beiden Hände gegen das
Gesicht. Nein, das wäre gemein, an die Unschuld zu rühren! Das ging ihm
gegen die Ehre.
So lag er kämpfend, lange, lange, bis das Brüllen im Venn nachließ,
bis es aber auch schien, als sei kein Ziegel mehr auf dem Dach, kein
Laden am Haus mehr, kein Blatt mehr an der Hecke und auch keine Tanne
mehr im Forst. Alles mußte der Sturm weggerissen haben, weggeknickt,
wegrasiert, als sei es nie dagewesen. Resigniert schlief Josef ein.
Die Stimme Bärebs weckte ihn. Es klopfte an seiner Kammertür: »Hähr
Josef, Hähr Josef, nu stoht äwer up, et is esu spiet!«
Was, schon spät? Es war ja noch dunkel! Er sprang aus dem Bett. Was
wollte sie denn, konnte sie ihn denn nicht wenigstens jetzt in Ruhe
lassen?!
»Hähr, Hähr,« – Bäreb lachte fröhlich – »et is am Schneie, ärg am
Schneie! Mir schneien ein!« –
Und sie schneiten ein.
Die Tannen hatte der Sturm nicht weggefegt, noch standen sie
unversehrt, sie waren das starke Wehen gewohnt, aber nun schienen sie
doch fast brechen zu müssen unter Schneelasten. Ihre Wipfel neigten
sich demütig tief. Schnee, Schnee, Schnee, alle Tage und alle Nächte.
Die Stürme schwiegen. Ganz ohne Geräusch, sammetweich, sank der weiße
Flaum und schichtete sich höher von Stunde zu Stunde. Man sah ihn
steigen wie die Flut, unwiderruflich, unentrinnbar; aber eine Ebbe kam
nicht.