Und dann schrie er übers Venn, daß es hallte: »He, halt, wohin will
denn der Rotfuchs? Zusammenjeblieben! Hier wird sich nit von der Arbeit
jedrückt! Verfluchtes Luder, fauler Schlingel!«
Der blasse Mensch mit den roten Haaren fuhr erschrocken zusammen;
er hatte sich ein wenig von den anderen entfernt. Hatte er sich
davonmachen wollen? Jetzt kam er wieder angetrottet, den Kopf gesenkt,
und nahm die Arbeit wieder auf.
Sie schaufelten tiefe Gräben aus, in denen man sie kaum sehen konnte,
wenn sie darin standen; es sollten Drainröhren hineinkommen noch diesen
Herbst. Die Arbeit eilte.
Als Josef nach Haus spazierte, fröstelte ihn. Der Wind schnob schon
kräftig, obgleich die Sonne noch warm war. Überall im Venngras blickte
es rot von den korallenen Träubchen der Preißelbeeren, in dichten
Gebinden, Büschelchen bei Büschelchen, faßten sie alle die Rinnsale und
Rinnsälchen ein, die jetzt reichlich sickerten. Der ganze Grund war
naß, man mußte sich hüten, den schmalen Pfad zu verfehlen; ein Tritt
daneben und man sank knöcheltief. Josef mußte ab und zu einen Anlauf
nehmen und eine Lache überspringen; dann schwankte der Boden jedesmal
unter ihm, die tiefen Tappen, die sein Tritt machte, füllten sich rasch
mit Wasser. Hätte er den Umweg der Fahrstraße nicht gescheut, er wäre
bequemer gegangen, aber es reizte ihn, das Venn zu durchqueren. So lief
man geradewegs auf die Fangeuse zu und auf die Grenze. Die Sträflinge
hatten es doch eigentlich recht bequem, eine halbe Stunde hinter der
Fangeuse, und man war überm Grenzfluß. Aber man hatte noch von keinem
Fluchtversuch gehört. Ja, Bräuer war wohl der Mann, sie zu hüten. Aber
ein harter Mensch, ein grausamer Mensch. Wie er den armen blassen Kerl
angeschrieen hatte!
Ein Gefühl der Trauer beschlich den einsam Wandernden. Hier war nun
die Natur, rein, groß, unverfälscht – noch ganz Natur – nichts von dem
kleinlichen Gewese der Menschen, nicht ihre Wohnstätten mit Rauch und
Geschrei. Eine Stille, hehr, überwältigend, fast erdrückend in ihrer
Majestät. So mußte die Erde gewesen sein, als es hieß: ›Sie war wüst
und leer‹, und als Gott sprach: ›Es werde Licht!‹ Und doch war auch
hier schon vom Leid der Menschheit hergedrungen! Josef konnte die
Jammergestalt des Sträflings nicht vergessen.
Naß, müde, etwas verstimmt kam er auf der Fangeuse an. Er traf Bäreb
vor der Tür. Sie hatte Preißelbeeren gesammelt, einen mächtigen
Steintopf voll; nun saß sie außen an der Hecke und verlas sie. Den
schwarzen Kopf hielt sie emsig über das leuchtende Rot in ihrem Schoß
geneigt; eine weiße Katze, die sich halb verhungert im Holzstall
vorgefunden hatte, rieb sich schnurrend an ihrem Ärmel.
Josef stand unter den Tannen und betrachtete sie verstohlen eine
lange Weile. Halblaut sang sie vor sich hin. Sie hatte nicht dieselbe
Stimme wie Kathrinchen – unwillkürlich mußte Josef der leichten, hohen
Kinderstimme gedenken, die er in Leykuhlens Flur gehört hatte – der
Erwachsenen Stimme war rauher, tiefer, aber es war trotzdem etwas
darin, was an des Kindes Stimme erinnerte. Sie war ja auch noch ein
Kind, ein unschuldiges Kind! Er betrachtete sie mit Wohlgefallen, und
sein Gesicht erhellte sich.
Seine Stimme klang heiter, als er sie anrief: »He, Bäreb!«
»Seid Ihr et?« Sie lächelte, ohne zu erschrecken, und ohne den über die
Beeren geneigten Kopf zu heben. »Joht als erein!«
Drinnen fand er schon den Tisch gedeckt, das Feuerchen knistern und
seinen Sessel, den einzig bequemen, der im Hause war, zum Feuer
gerückt. Wie gut sie für ihn sorgte! Ein Gefühl der Rührung beschlich
ihn: ja, er hatte ihr wirklich zu danken, ohne sie hätte er doch nicht
hier sein mögen! Dann wäre es doch sehr einsam gewesen auf der Fangeuse.
* * * * *
Die Hirsche schrieen. Nun war es völlig Herbst. Nebelschwaden lagerten
auf dem Wiesenplan, der Wind hatte genug zu tun, sie aufzustöbern und
den schwarzen Tannen wie Schleier an die Zacken zu hängen; erst die
Mittagssonne verjagte sie ganz. An Tagen, an denen die Sonne nicht
schien, verschwanden die Schleier nicht, dann blieben sie hängen von
Morgen bis Abend.
Bäreb sang schallend in der Küche; ihr machten die Nebel nichts, sie
kannte die. Aber Josef saß verdrießlich innen; er konnte nicht heraus,
der nasse Nebel legte sich ihm unangenehm auf die Brust. Er dachte
daran, daß jetzt Heinrich bald heraufkommen würde. Und das war auch
ganz gut! Aus dem Fensterchen vor Bärebs Kammer, vor dem in der Hecke
ein kleiner Durchschlag war, hatte Heinrich früher einmal einen Hirsch
geschossen, einen Vierzehnender, der im Sternenschein auf der Wiese
stand und in die Tannen hineinschrie.
Brunftzeit. Die Tiere wurden frech. Als achteten sie gar nicht des
Hauses der Menschen, so umzogen sie es bei Nacht; man hörte ihre Hufe
trappeln, die dumpf den Boden schlugen. Das war Josef was ganz Neues,
es regte ihn unbeschreiblich auf. Bei jedem leisen Orgeln, das nächtens
und oft ganz aus nächster Nähe an sein Ohr drang, fuhr er zusammen.
Dann lauschte er hinüber zu Bäreb: hatte sie es auch gehört?
Sie atmete ruhig, aber er blieb wach und horchte. Würde ein Alttier
antworten? Mit erregter Phantasie malte er sich das Bild draußen aus.
Da stand, nur durch die Hecke von ihnen getrennt, der majestätische
Kronenhirsch auf dem Wiesenplan; seine unruhigen Schalen scharrten
den Moorgrund, seine Stangen forkelten ihn auf – Moos und Grasbüschel
flogen – er stampfte wild. Und dann hob er den zum Grund gesenkten,
geweihbeschwerten, mächtigen Kopf, streckte den schwellenden Hals aus
und schrie, schrie dumpf, drohend und begehrlich zugleich, schrie, daß
das Echo zwischen den Tannen auftaumelte und nachschrie, daß die Ferne
lebendig wurde. Das ganze Venn war voll Hirschgeschrei. –
Sie saßen im Haus, schier belagert von den brünstigen Tieren. Abends
konnten sie gar nicht heraus. Bäreb wäre gern am Sonntag zu den Ihren
hinuntergegangen – so lange war sie nicht in der Kirche gewesen, und
wie mochte es der Mutter gehen, wie den Geschwistern, und was wohl
die Maiblum machte?! – aber auch das ging nun nicht; denn kaum daß es
dunkelte, hörten sie draußen ein Getrappel, ein Gestampf von Hufen und
dann ein heiseres Orgeln, so laut, so anhaltend, so gewaltig, daß es
ihnen in den Ohren dröhnte. Und eine Antwort dröhnte wider, so laut, so
anhaltend, so gewaltig, daß sie erschraken.
Sie lugten durchs Fenster, sie sahen aber nichts. Waren das wirklich
zwei Hirsche nur, oder waren’s ihrer viele? Ein ganzes Rudel schien
draußen. Das war ein Toben, ein Stampfen, ein Schnauben, ein Schnaufen
wie von einer Herde Ochsen, die, toll geworden, blind-wütend
durcheinander rennt.
Das hielt an. Sie saßen im Zimmer zusammen und hatten nicht Lust, zu
Bette zu gehen. Schlafen konnte man hierbei doch nicht. Bäreb fand zwar
den Mut, vor die Haustür zu treten, in die Hände zu klatschen und laut
zu schreien – das würde die Tiere verscheuchen – aber erschrocken, mit
einem gellenden Aufkreischen sprang sie zurück und schlug krachend die
Tür zu. Etwas Dunkles, Gewaltiges war an ihr vorübergeschossen mit
heiserem Keuchen, sie hatte einen glühenden Atem gefühlt. Nun hatte sie
Angst. Zitternd saß sie in der Stube.
Josef wollte sie zerstreuen, er fing an, über die Ihren daheim mit
ihr zu reden. Aber sie blieb einsilbig; und als er vom Dores sprach,
rollten ihr ein paar dicke Tränen über die Wangen. Er nahm ihre Hand
und streichelte sie, er behielt sie in der seinen.
Eng saßen sie bei einander in dem einsamen Haus, um sie nur Nacht und
wildeste Triebe.
Sie hörten das Orgeln bis gegen Tagesanbruch. Zuletzt einen röchelnden
Schrei.
Als sie am Morgen vor die Türe gingen, lag nahe auf dem zerstampften,
blutigen Plan ein mächtiger Sechzehnender. Der Leib war ihm
aufgeschlitzt, das schöne Haupt, das die Zunge herausstreckte, war zur
Seite gesunken.
Da schrieb Josef Schmölder an Heinrich Schmölder:
›Lieber Vetter! Komm jetzt herauf, die Hirsche schreien. Schieß ein
paar von den Bestien ab, sie werden uns lästig.‹
Und Heinrich antwortete; schon beim nächsten Erscheinen des
Zeitungspaketes war sein Brief dabei:
›Lieber Vetter! Teile Dir mit wendender Post mit, daß wir nächsten
Mittwoch, 20. Oktober, oben eintreffen werden, ca. zwölf Uhr mittags.
Zu essen schickt Sophie mit.‹
Wir – wir –?! Nun, hoffentlich kam doch niemand anders mit als
Leykuhlen? Den pflegte Heinrich immer zu seinen Jagden einzuladen. Eine
plötzliche Angst überkam Josef, es war ihm, als sollte sein idyllischer
Frieden unsanft gestört werden. Aber trotz schlimmer Vermutungen fühlte
er doch etwas wie freudige Spannung: wer es auch sein mochte, er sollte
ihm willkommen sein!
Draußen fiel Schnee. Es waren die ersten Flocken. So früh im Jahr? Aber
Bäreb versicherte, daß es manchmal schon im September geschneit hätte,
noch dazu tüchtig; ganz Heckenbroich hatte unter weißer Decke gelegen.
Vergangenes Jahr waren um diese Zeit längst alle Beeren im Venn
erfroren gewesen. Nun hielt es wohl so an; sie konnten auch unten nicht
mehr hüten gehen, die Kühe blieben im Stall und die Menschen im Haus.
Und es kam bald die Zeit, in der man sich ausschaufeln mußte, wenn man
herauswollte.
Josef ging vor die Hecke und sah sich erschrocken um. Ausschaufeln –?!
Ach, so schlimm konnte das hier ja nicht werden! Es hatte jetzt wieder
aufgehört zu schneien; auf dem feuchten Wiesenplan waren die Flocken
nicht liegen geblieben, nur auf den breiten Ästen der Tannen ruhte es
noch wie Schwanenflaum. Das sah schön aus. Überhaupt, es mußte ganz
herrlich hier sein, wenn Schnee lag. Eine Weiße, eine Reinheit, eine
bräutliche Weihe über allem – anders als Schnee in den Niederungen! Nun
hatte er keine Angst mehr.
Als am Abend Bäreb bei ihm in der Stube saß, neckte er sie mit ihrem
Ausschaufeln. Aber sie blieb dabei: sicher, der Schnee lag oft fast so
hoch wie die Hecke, und wenn er recht ruhig und gerade herunterfiel,
dann stopfte er die Lücke zwischen Haus und Hecke dicht zu, dann sah
man nichts mehr aus den Fenstern; dann wurde es ganz dunkel im Haus,
man mußte Licht brennen den ganzen Tag, und morgens konnte man die
Tür nicht aufkriegen, so sehr man auch dagegen stemmte und stieß.
Und hatte der Herr Josef denn nicht die Kreuze im Venn gesehen? Von
hier nicht weit, rechts und links von der großen Chaussee, da standen
ihrer manche. Man konnte die Aufschriften nicht mehr lesen, und die
Kreuze fielen auch bald um, sie waren ganz schwarz und vermorscht; sie
waren dahingesetzt worden für solche, die im Moor versunken, im Schnee
erfroren, im Nebel verirrt waren. Wie sie als Kind hüten gegangen,
hatte sie manchen Kranz drangehängt und ein Gebet gesprochen für die
arme Seele.
Ja, er hatte die Kreuze gesehen. Unvermutet war einmal eines vor
ihm aufgetaucht, – ein vermorschtes Holz – halb eingesunken in den
schwammigen Boden. Er war fast darüber gestolpert. Es schauderte ihn
noch.
Bäreb aber saß und strickte und sprach mit lachendem Mund von all
diesen Schrecknissen des Venns.
Nun fehlte nur noch, daß es hier auch Wölfe gab! Es war ihm wie eine
Beruhigung, daß der Vetter kam. Er selber war doch noch zu wenig
vertraut mit den Verhältnissen, Heinrich wußte hier besser Bescheid. –
Am Mittwoch kamen sie, etwas unpünktlich, sie hatten Mühe gehabt,
durchzukommen; auf dem Moor, das man passieren muß, wenn man von der
Chaussee abbiegt zur Fangeuse, waren sie zweimal auf dem schmalen Weg
stecken geblieben. Sie hatten alle absteigen und die Räder mit anheben
müssen, und wenn nicht zufällig noch ein Grenzjäger und ein Feldhüter
drüben aus dem Gemeindeforst ihnen zu Hilfe gekommen wären, so hätten
sie es überhaupt nicht fertig gebracht.
»Tag, Josef! Is dat ’ne Dreck,« sagte Heinrich, als er abstieg und dem
Vetter die Hand schüttelte. »Siehst ja janz wohl aus – no, dat wird
Sophie freuen!«
Mit einem wahren Schrecken sah Josef auch den Leutnant von dem
hochräderigen Jagdwagen absteigen. Auch der Landrat war mitgekommen.
Aber die Freude, Heinrich zu sehen, ließ die unangenehme Empfindung
nicht überwiegen. Doch wo steckte Leykuhlen?!
»Ja, der!« Heinrich Schmölder lachte. »Wat denkst du wohl, Jung, dein
Freund is jetzt en Persönlichkeit! ’ne populäre Mann! Der reist auf den
Dörfern herum, der macht sich lieb Kind – o, reden kann der janz jut!
Der wird jewählt, so sicher wie Amen in der Kirch. Der kömmt durch, da
is kein Zweifel dran!«
»Er wird unerhört poussiert von gewisser Seite,« sagte der Landrat
hinter der vorgehaltenen Hand, und sah sich vorsichtig um nach dem
Kutscher und dem Burschen des Leutnants, die Körbe und Decken vom
Wagen trugen. Es wäre doch unangenehm, wenn in streng ultramontanen
Kreisen solche Äußerung des Landrats kolportiert würde! Das könnte ihm
die Stellung sehr erschweren, ihn fast unmöglich machen!
»Kommt er denn nicht?« fragte Josef enttäuscht. Eine plötzliche
Sehnsucht nach dem Freund überkam ihn. »Kommt Leykuhlen denn wirklich
nicht?« fragte er nochmals hastig.
»No, no, immer mit die Ruhe!« Heinrich lachte. »Immer noch der Alte.
Die Fangeuse hat dich noch nit ruhig jekriegt, Josef! Leykuhlen kömmt
nach. Diesen Abend bestimmt; er hatte nur noch wat zu tun. Er kömmt zu
Fuß nach. So lang warten wir noch. Dann aber jeht et los! Wir kriegen
Mondschein. Nix für unjut, meine Herren« – er schmunzelte seine Gäste
an – »aber der Leykuhlen is doch noch der sicherste Schütz – nach mir!«
Der Leutnant riß an seinem Schnurrbart; er ärgerte sich über seinen
Schwiegervater, aber er schluckte den Ärger schweigend hinunter.
Josef fand den Tag längst nicht so angenehm, wie er ihn sich
vorgestellt hatte. Sophie hatte zwar ein ganzes Diner mitgeschickt:
kalten Braten, Krammetsvögel in Gläsern und Hummer in Büchsen. Bäreb
hatte nur Kartoffeln zu kochen, der Bursche war bei ihr in der Küche
und half. Josef hörte die beiden lachen und war verstimmt; seine ganze
Ruhe war gestört. Das Zimmer pafften ihm die Herren voll – und wo
sollten sie schlafen? Es war so eng im Haus: ein Zimmer nur und zwei
Kammern. Aber dann fiel ihm ein, sie würden ja die Nacht draußen auf
dem Anstand zubringen. Und morgen würden sie wieder hinunterfahren –
Gott sei Dank!
Draußen heulte der Wind. Über dem Wiesenplan hingen schwarze Wolken,
aber der Wind ließ sie nicht lange stehen bleiben, er jagte sie
immer wieder fort. Dann kam der Mond hervor, und sein bleiches
Licht leuchtete kalt und fast tageshell. Die Jäger waren entzückt:
gutes Jagdwetter! Bei der rasch wehenden, beständig umspringenden
Luft bekam der Hirsch nicht so leicht die Witterung, man konnte ihn
ruhig herankommen lassen vor den sicheren Schuß. Da – die Herren, die
gedrängt um den kleinen Tisch der Stube saßen, fuhren auf – da, da
orgelte wahrhaftig einer schon in der Ferne!
Wie heiseres Gebell eines gewaltigen Hundes erklang es vom Bach herauf,
der unten in der wilden Schlucht längs der Grenze fließt. Dort war
nicht Schmöldersche Jagd mehr; aber, nur noch Geduld, nicht lange, und
das Tier würde übertreten und auch hier schreien!
Sie konnten kaum mehr ruhig bleiben, das Jagdfieber hatte sie ergriffen.
»Jetzt könnt’ der Leykuhlen aber wahrhaftig kommen,« sagte Heinrich
Schmölder. »Um neun spätestens sollt’ er hier sein!« Er sah nach der
Uhr, öffnete vorsichtig den Laden und spähte ungeduldig hinaus.
»Es wird ihm doch nichts passiert sein?« Josef war ängstlich.
Der Vetter lachte ihn aus. »Pah, wer sich so jenau auskennt wie der,
dem passiert hier nix! Et is ja auch keine Nebel, man sieht ja, wo man
tritt!«
»Er hat wahrscheinlich etwas Wichtigeres vor,« sagte der Landrat; eine
kleine Gereiztheit war in seinem Ton. »Gehen wir doch immer heraus,
lieber Schmölder!«
»Ja, das sehe ich auch nicht ein, warum wir auf den warten sollen,
Papa!« Scheffler sprang auf und zog seine elegante Jagdjoppe stramm.
Auch der Landrat war in solch einem eleganten Jagdkostüm.
Desto schäbiger dagegen sah der Fabrikant aus. »Nee, wir warten
noch!« Und dann – es mußte ihm wohl auch aufgefallen sein, wie sehr
sein Anzug von dem der Gäste abstach – fing er an, lang und breit zu
erzählen, warum seine Joppe so geflickt war, und warum es seine Hosen
auch waren. Bei diesem Kittel hier hatte ihn eine verwundete Sau
letzten Winter zu packen gekriegt, als sie ihn annahm und er nicht mehr
Zeit genug hatte zu baumen. Aber er hatte ihr mit der Saufeder den
Todesstoß in den Nacken versetzt. Und die Hose hatte ihm ein starker
Bock so hübsch zugerichtet von unten nach oben. »Haha!« Er lachte,
jetzt noch strahlend über dies Abenteuer. Mit Weidenruten und harten
Gräsern hatte er sich die Fetzen ums Bein geschnürt, damit er sich doch
einigermaßen wieder sehen lassen konnte. Und dann hatte er den Bock auf
den Rücken geladen und hatte ihn selber aus dem Busch herausgeschleppt,
so weit, bis die Leute ihn finden konnten, die er nachher ihn holen
geschickt. Das, das hier war noch sein Schweiß! Er wies auf die braunen
eingetrockneten Flecken. Eine ganze Traufe war den Rücken herunter.
Mit Widerwillen sah Josef hin: wenn Heinrich auf die Jagd zu sprechen
kam, war er ohne jedes Empfinden, ohne jegliches Mitleid mit der armen
Kreatur. Was würden sie nun wieder für ein Blutbad anrichten! Und doch
hatte er sie selber heraufgerufen. Er hätte sich vor die Stirn schlagen
mögen: Dummkopf!
Er trat vom Tisch zurück, an dem die Jäger saßen, und lehnte sich
tief-verstimmt gegen den Ofen. Stumm verharrte er. Sie waren noch
einmal auf Leykuhlen zurückgekommen.
»Ja, meinen Sie denn wirklich, dieser Bauernbürgermeister wäre als
Abgeordneter ein Glück für den Kreis?« Der Landrat schien sich noch
immer nicht von diesem Thema losreißen zu können. »Er ist doch zu wenig
gebildet, zu wenig weitsichtig, zu eng!« Er sah sich um, als fürchte er
einen Lauscher, und sprach dann gedämpft: »Unter uns gesagt: zu bigott!«
Schmölder lachte. »No, ’nen Zentrumsmann wählen wir ja doch! Schwarz
ist Trumpf. Und da is der Leykuhlen am End ebensojut wie ’ne andere!
Mir is et übrijens janz Wurscht! Ich wünscht, ich schöß diese Nacht ’ne
Sechzehnender. Dat wär noch wat!« Er schlug sich aufs Knie.
»Ich meinesteils würde es für höchst bedauerlich erachten, und als
ein betrübendes Zeichen für unseren Kulturzustand,« sagte Mühlenbrink
scharf, »wenn man keinen anderen Mann fände als Leykuhlen. Ich lasse
ihm volle Gerechtigkeit widerfahren, er hat sich ohne Zweifel so weit
herausgemacht, wie sich so ein Bauer eben herausmachen kann. Aber ich
bitte Sie, er ist ja ganz verbohrt. Ich nehme es ihm kolossal übel, daß
er sich so gegen eine Wasserleitung sperrt, anstatt meine Bestrebungen
mit all dem Einfluß, den er ohne Zweifel besitzt, aufs lebhafteste
zu unterstützen. Die Typhusfälle will er nicht mit den Brunnen in
Verbindung gebracht wissen – aber selbstverständlich, ganz natürlich
kommen sie daher! Wissen Sie, was er mir sagte, als ich ihn deswegen
interpellierte, – vor ein paar Tagen war’s – da sagte er mir: ›Wir
stehen in Gottes Hand!‹ Selbstverständlich, das tun wir, aber man kann
sich doch nicht einfach dabei beruhigen. Nein, mit solch einem Mann ist
uns nicht gedient!«
»No, warum dann nit?« Heinrich Schmölder gähnte. »Ob der oder der!
So’ne sitzen ihrer ’ne janze Meng im Reichstag und Landtag, und dat
sind die schlechtesten noch nit. Wenn ich nur wüßt, wo der Leykuhlen
bleibt?! Da schreit schon wieder einer – Donnerwetter!«
Er war aufgesprungen und schritt nun ungeduldig mit knarrenden Stiefeln
im Zimmerchen hin und her. »Nu jeht’s aber bald los!«
Josef war an den Tisch getreten, an dem der Landrat noch sitzen
geblieben war. Er wußte selbst nicht, woher ihm heute die Kampfeslust
kam; er war gereizt. Er glaubte zu fühlen, daß der Bürgermeister in
diesem hier einen Widersacher habe. »Leykuhlen ist mein Freund,«
sagte er, »und ich glaube ihn besser zu kennen als Sie, Herr Landrat
– pardon! Sie sehen ihn eben nur vom geschäftlichen Standpunkt aus,
ich aber doch noch von einem anderen. Er ist der beste, selbstloseste,
edelste Mensch, den ich kenne. Und bei all seiner anscheinenden
Rückständigkeit von einem scharfen und klaren Verstand!« Immer lauter
erhob er die Stimme. »Wenn Leykuhlen nicht wie einer dazu berufen ist,
hier den Kreis zu vertreten, dann will ich nicht schwarz von weiß mehr
unterscheiden können! Leykuhlen, der Land und Leute so genau kennt wie
sonst keiner, der sie so liebt, ist der berufene Mann, er –«
»Dank dir, Josef,« sagte jetzt draußen eine Stimme. Es pochte an den
vorgelegten Laden, und gleich darauf trappte der starke Schritt einer
nägelbeschlagenen Sohle in den Flur.
»Da ist er!« Lebhaft eilte Josef zur Tür.
Leykuhlen trat ein: »’n Abend zusammen!« Er begrüßte die Anwesenden
ganz ohne Verlegenheit. Sein Gesicht war gerötet von der starken Luft
und angeregt durch einen weiten und scharfen Gang; seine Augen waren
hell, es war eine tief-innere Genugtuung und Freudigkeit, die aus ihnen
strahlte. Er sah um Jahre jünger aus, als zur Zeit der Dürre. Einen
Strom von Frische brachte er mit ins verqualmte Zimmerchen.
»Sie kommen ja so spät?« brummte Heinrich Schmölder.
»Ich bin pünktlich, Herr Schmölder. Hier« – er hielt die Uhr hin –
»Schlag neun. Ich wär aber schon wat eher dajewesen, wenn ich den
Bräuer nit anjetroffen hätt. Wir haben lang jestanden. Der Mann will
weg. Er wollt schon zum Oktober, aber sie haben ihn noch nit jelassen.
Nu jeht er April!«
»Ich weiß schon, ich weiß schon!« Der Landrat nickte. »Schade,
jammerschade! Die Sache ging unter ihm so wundervoll voran. Er war ganz
der Mann, den wir brauchen. Wenn wir ihn nur halten könnten!«
»Den halten Sie nit!« Leykuhlen lachte. »Den zieht dat Weib. Sie müssen
schon suchen, ’ne andere zu finden!«
»Aber wo?« Der Landrat seufzte und stützte bekümmert den Kopf: die
Kolonisation lag ihm doch so am Herzen, hatte ihm so ganz besondere
Freude gemacht, einen zweiten Bräuer, der das Gesindel so famos in
Ordnung und so zur tüchtigen Arbeit anhielt, fand man so leicht nicht
wieder!
»Ich finde ihn roh,« sagte Josef; er gedachte des blassen Sträflings
und der Schimpfworte des Aufsehers. »Etwas mehr Milde in der Behandlung
könnte nichts schaden. Man schickt doch die Leute hierher, nicht
allein, daß sie wie Lasttiere arbeiten, arbeiten, und immer wieder
arbeiten, sondern auch, daß sie durch dieses Leben ganz in und mit
der Natur selber einen Vorteil haben – innerlich. Diese armen Kerle!
Wieviel Qual, wieviel Verzweiflung mag sich unter diesen wehenden
Leinenkitteln bergen! Wenn ihnen diese große, ungehindert-strahlende
Sonne täglich ins Gesicht scheint, ob sie ihnen da wohl zuletzt auch
ins Herz scheint? Ich hoffe. Manches Dunkel wird sich da lichten. Und
diese vielen Blumen, die auf der weiten, duftenden Vennheide blühen,
blühen sie nicht auch für sie, für die, denen sonst keine Blume blüht
in der Welt der sogenannten Kultur, von deren Segnungen sie wenig,
von deren Nachteilen sie desto mehr verspürt haben?! Nein, dieser
Bräuer sollte nicht so grob schreien – es verletzt!« Josef hielt
sich die Hände gegen die Ohren; noch immer gellte ihm der barsche
Ton des Aufsehers darin. »Achtung vor diesen Leuten! Auch sie sind
Kulturbringer. Wir dürfen sie nicht gering achten!«
»Sie sind ein Dichter!« Der Landrat lächelte ein wenig maliziös.
Leykuhlen legte dem heiß und rot Gewordenen die Hand auf die Schulter:
»Dat is sehr nett von dir, Josef, dat du Mitleid mit den Leuten
hast, und dat du so en jute Meinung von unserm Venn hast. Ich bin
kein Dichter, ich muß dir sagen: mir wär et lieber, wir hätten die
Nachbarschaft nit. So ’ne Sträfling!« Er zuckte die Achseln. »Unsere
Heckenbroicher hatten bislang noch keinen zu sehen jekriegt. Und wat
wußten unsere Leut von all den Verjehen und Verfehlungen, von all
den Sünden, die sich jetzt da oben anjesammelt haben wie ’ne Haufen
Unflat. Jeh mir, Josef, mit deinen Kulturbringern! Überhaupt, Kultur –
wat redt man jetzt doch immer so viel von Kultur?! Dat is jetzt so’n
Schlagwort!« Er kehrte sich gegen Mühlenbrink: »Sie jebrauchen dat auch
immer, Herr Landrat! Die höchste Blüte der Kultur ist die christliche
Religion, Herr Landrat!« Er hatte das ganz ruhig gesagt, aber mit einer
gewissen triumphierenden Freudigkeit.