Josef Schmölder auf dem Bock neben dem Kutscher, der ihn hinauffuhr.
Die Schmöldersche Equipage war dazu nicht tauglich, man hatte zwei
Arbeitspferde vor einen Karrenwagen aus der Fabrik gespannt. Wo sonst
die Ballen und Lumpensäcke aufgestapelt waren, lagen jetzt die Koffer
und Kisten und Körbe, und hintenauf saß Bäreb mit ihrer Lade und hielt
noch ein Bündel auf dem Schoß.
Ihr Gesicht war ruhig und zufrieden. Die Mutter hatte zwar geweint
beim Abschied und ihr noch viele Ermahnungen mitgegeben. Die Eltern
hatten überhaupt anfänglich gar nichts davon wissen wollen, daß sie
zu einem einzelnen Herrn zog, und der Herr Pastor war auch dagegen
gewesen; aber Bäreb hatte es durchgesetzt. Ja, sie wollte fort! Gern!
Es war ihr, als müßte sie fliehen vor Erinnerungen. Und war der Herr
Josef denn nicht schon so ein alter Mann, zudem der Vetter vom Herrn
Schmölder?! Bürgermeister und Bürgermeisterin hatten auch die Eltern
beruhigt. Und Bäreb lachte: was sollte es ihr wohl da oben zu einsam
sein? Ihr war es gerade recht, so einsam. Und verdienen tat sie ja bei
dem Herrn ebensogut wie in der Fabrik, besser noch, denn sie kriegte ja
auch Essen und Trinken. Da hatte denn niemand mehr etwas sagen können.
Kathrinchen konnte zudem der Mutter das Nötigste helfen – ach, und der
Dores war ja nicht mehr da!
So stieg Bäreb wohlgemut auf den Wagen, der vor der Hecke der Eltern
hielt. Auch bei Leykuhlens hatte Josef noch halten lassen. Der
Bürgermeister aber war gestern nach Mariawald gegangen; das tat er alle
Jahr vor Winters, um bei den frommen Brüdern im Trappistenkloster zu
beichten. Die Bürgermeisterin versprach, daß Bärtes bald hinauf kommen
würde, den Herrn Josef besuchen. »Aber werden Sie et da auch aushalten
können?« fragte sie. »Bald kömmt der Schnee!«
Da lachte er sie aus.
Und jetzt saß er und staunte mit großen Augen. So hatte er das Venn
noch nicht gesehen. So doch noch nicht! Immer nur war er nicht
weit über Heckenbroich hinausgekommen. Jetzt aber breitete sich
die Moorfläche in ihrer ganzen Unabsehbarkeit aus; vor ihm, hinter
ihm, rechts und links. Das letzte Haus, was sie sahen, war das der
Strafkolonie; nun verschwand es auch hinter einer Erdwelle. Das rote,
im klaren Herbstlicht weithin leuchtende Dach war plötzlich weg, als
sei es gar nicht da. Immer frischer wurde die Luft; Winde standen auf
einmal auf aus der bräunlichen Heide, warfen den Pferden die Mähnen
durcheinander und bliesen den Menschen ins Gesicht.
»Et is als kalt hie oben, Herr Schmölder,« sagte der Kutscher.
Ja, die Decke war nun doch ganz gut, die Sophie mitgegeben hatte!
›Brauch ich nicht, brauch ich nicht‹, hatte Josef zwar gesagt; nun
breitete er sie doch über seine Kniee und ließ sie sich von dem
Kutscher an den Füßen einstopfen.
Es wehte. Hier oben weht es immer. Vom Meer her, von der Nordsee über
Belgien weg, viele, viele Meilen weit kommen die Lüfte. Aber sie haben
ihre ganze salzige Frische behalten. »Hah,« sagte Josef tiefaufatmend
und zog den starken Duft schlürfend ein wie einen köstlichen Wein. Man
hatte förmlich den Geschmack auf der Zunge. Aber dann sagte er nichts
mehr, er verstummte.
Eben noch hatte er mit dem Aufseher der Strafkolonie ein paar Worte
gewechselt. Jenseits der Chaussee arbeiteten die Gefangenen, sie
standen bis an die Kniee im Heidegestrüpp, hackten und schaufelten,
gruben und rodeten wie immer, wie alle Tage, wie seit Wochen und
Monaten, ob es regnete, ob die Sonne prallte. Für ein paar Augenblicke
ließen sie ihr Handwerkszeug sinken und starrten an, was sich ihnen
da nahte. Auch Simon Bräuer, der bei ihnen stand mit seiner Flinte,
hatte den Kopf gedreht. Er war dann langsam, aber mit ein paar
weitausholenden Schritten, die mehr schafften, als viele hurtige, zum
Wagen herangekommen.
»Schön hier oben,« hatte Josef zu ihm gesagt, »wunderschön!«
»O ja!« Der Aufseher ließ für einen Augenblick in einem grimmigen
Lächeln seine weißen Zähne aufblitzen. »Aber nit für jeden!« Mit
finsterem Ausdruck starrte er dann wieder drein.
Ja, da hatte der Mann wohl recht: für die da sicher nicht! Josef hatte
den Sträflingen, deren Leinenkittel sich im Winde blähten, zugenickt,
aber sie hatten seinen Gruß nicht erwidert. Sie starrten nur stumm.
»En schlechte Nachbarschaft, Herr Schmölder,« hatte der Knecht gemeint,
als sie dann außer Hörweite waren. »Do moß mer sich in Aacht vör holle!«
Aber Josef drehte sich noch einmal um und blickte nach den Sträflingen
zurück. Wieder dünkten sie ihn wie damals Schafe, die in der Irre
wandern. Und die sollte er fürchten?! Er hielt dem Kutscher eine
ordentliche Strafpredigt. Aber dann mochte er nicht mehr sprechen.
Je weiter sie ins Venn hineinkamen, desto stummer wurde er; auch der
Kutscher schwieg und das Mädchen hinten auf dem Wagen. Die schweigende
Landschaft hieß alle schweigen.
Wie ein Meer mit Wellen und Wellchen, eine Flut, endlos, ohne Ufer,
ohne Begrenzung dehnt sich das Venn, und der Wagen fährt wie ein
winziger Nachen in die Unendlichkeit. Noch war das Heidekraut nicht
verblüht, aber sein Purpur war blaß geworden, gebleicht vom Brand des
Mittags und vom Reif der Nächte. Nicht schwärmten tausende von Bienen
mehr, matt nur taumelten noch einige; hier stürzte schon eine und sank
hin ins Kraut, verklammt.
Simon Bräuer, der dem Wagen nachgeschaut hatte, lange, lange, ganz
verloren in eigenen Gedanken, sah sie fallen. Nun war der Sommer
dahin, und Thereschen war doch nicht gekommen! Nun würde sie auch
nicht mehr kommen; und wenn er es gut mit ihr meinte, durfte er sie
auch jetzt nicht mehr kommen heißen. Sein eisernes Gesicht wurde noch
eiserner, er kniff die Lippen aufeinander, als wollte er einen Seufzer
nicht herauslassen, der sie öffnen wollte. Verdammt! Erst die Hitze,
die Dürre, der Mangel an Wasser, die Krankheitsgefahr – wie hätte er
sie, die er liebte, herrufen können?! Und jetzt?! Er sah rundum. Sein
scharfes Auge, gegen dessen graue Pupille mit dem dunklen Ring der Wind
anpustete, als wolle er es zwingen, sich zu schließen, äugte in die
Ferne. Weit, weit dort niederwärts in dem tiefblauen Dunst, in dem die
Täler liegen und die Stätten der Menschen, da wohnte sie! Ob sie auch
an ihn dachte, bei Tag, bei Nacht, stündlich – immer?! Ach, sie hatte
ja an so vieles zu denken: an die Kinder, an die Verwandten, an die
Bekannten, an die Nachbarn rechts und links – er aber, er hatte nur sie!
Wenn er hier auf dem Venn stand, die Flinte im Arm, und in die ewige
Weite starrte, dann hatte er Muße genug, an die Frau zu denken; viel
zu viel Muße. Ragend wie ein einsamer Baum, von allen Seiten sichtbar,
brauchte er nicht bange zu sein, daß ihm einer aus der Horde ausbrach.
Wenn seine Kerls ihn nur von weitem stehen sahen, dann war’s schon
genug. Sie taten ihre Arbeit jetzt wie Maschinen; selten, daß er noch
einen einsperren mußte oder den Stock gebrauchen. Sie hatten gelernt,
parieren. Sie wußten, er setzte seinen Willen ein wie die eiserne
Pflugschar, die unbarmherzig ins öde Brachland Furchen reißt. Aber
hernach sät man doch auch Samen ins aufgerissene Land, auf daß dereinst
eine Ernte zu erhoffen ist. Langsam ging das freilich, langsam; aber
wer hätte überhaupt je früher daran gedacht – ein Erntefeld auf dem
hohen Venn?! Selbst diese armen Teufel, die nichts von dem genießen
würden, was sie hier säeten, hatten doch eine gewisse Freude daran,
eine Art Stolz. Der Schleichert, der alte Kunde, hatte sich neulich an
ihn herangemacht, ihm ganz strahlend an ein paar Stecklingen, aus denen
einst eine Hecke werden sollte, die ersten Knospen gezeigt. Und der
alte Landstreicher hatte dabei freudig gegrinst übers ganze Gesicht.
Simon Bräuer zuckte die Achseln: nein, ganz schlimm waren sie nicht,
seine Kerle! Wenn nur das Thereschen hier wäre! Wenn er die nur hätte,
dann wäre alles gut! Seit Pfingsten hatte er die nicht mehr gesehen.
Ob sie wohl unten ins Ehebett nun das Kleinste zu sich genommen hatte?
Daran dachte er, wenn er abends auf der schmalen eisernen Bettstatt den
Schlaf suchte und den Traum, in dem er sie wenigstens einmal zu sehen
bekam. Kotz Kuckuck, es war ein hartes Stück für einen verheirateten
Mann, hier oben so allein zu sitzen! Das halte einer auf die Dauer mal
aus – er nicht!
Mit einem Ruck richtete sich der Aufseher aus seiner nachdenklichen
Stellung auf. Mit so großen Schritten stapfte er im Kraut hin und
her, so unruhig wie ein Gefangener, trotz aller freien Weite, daß die
Sträflinge verstohlen nach ihm guckten. Wenn er =so= war, dann mußte
man sich hüten, von der Arbeit aufzusehen! Sie grinsten in sich hinein,
sie verstanden das wohl: er dachte an das Weib. War es nicht eine
Hübsche, Junge, die ihn geherzt hatte? Es war schon lange her.
Simon Bräuer hatte die Stirn in tiefe Falten gezogen. Das grimmige
Lächeln, in dem er vorhin, bei der Bewunderung des Herrn, seine
blitzenden Zähne gezeigt hatte, zuckte wieder auf. Ja, schön war es
schon hier, mehr als schön! Es hatte ihm ja auch so wohl hier gefallen,
daß er all die Jahre nicht hatte das Venn vergessen können, sich ohne
Zaudern, ohne Bedenken förmlich dazu gedrängt hatte, hier herauf zu
kommen. Nun war er wieder hier. Noch war es dieselbe Weite, derselbe
Himmel mit den fliehenden Wolken daran, nach dem er immer den Kopf
gereckt und gesucht hatte unten in der Enge der Städte; noch war es
derselbe starke Duft nach Moor, nach Heide, nach Wachholder, nach
Tannenharz, nach der herben Preißelbeere, und wieder war er hier der
Hüter, der Herr, wie dazumal, als er seine Peitsche über dem Vieh
schwang und seine Stimme scharf und klar allein hier gebot. Was war es
nur, das es nun so anders machte hier, warum litt es ihn nicht mehr
hier oben? Noch liebte er dieses Land ebenso sehr; er fühlte das, indem
es ihm schwer wie ein Stein auf die Brust fiel, bei dem Gedanken, es
zu lassen. Jenes Dach hatte er errichtet, das Haus gebaut, darin sie
wohnten, Wege hatte er gebahnt, schon Äcker eingeteilt und Gartenland
gerichtet, Hecken hatte er angepflanzt, sogar einen Fliederbusch,
und doch mußte er gehen. Man zögerte, ihm ein Haus für seine Familie
zu bauen, man wollte doch erst noch abwarten. Nun wohl, dann mochten
sie sich einen andern suchen. Ob sie einen fanden, der dazu taugte?!
Simon Bräuer war kein Bescheidener, er wußte, was er wert war. Wieder
lachte er sein grimmiges Lachen, sein Raubvogelauge blitzte dabei. Sie
kriegten nie einen solchen wieder! Wer kannte das Venn so wie er? Und
wer liebte es so wie er?!
Sein greller Blick wurde milder, verschleierter; er sah trübe rund
umher und auf die weißen Kittel, die im Vennwind flatterten. Die Kerle
würden ihn auch vermissen! Gerecht war Simon Bräuer immer gewesen,
streng, sie hatten ihre Strafe gekriegt, aber auch ihr Recht. Ob sie’s
wieder so kriegten? Und doch würde er gehen. Und wenn sie ihm auch für
seine Frau ein Haus bauen würden hier oben, durfte er sie denn hier
heraufnehmen, sie und die Kinder? Sie waren nicht Vennland und Vennluft
gewöhnt.
Der Schweiß brach ihm aus. Wohin er sah, er fand keinen Ausweg. Er sah
nur klar den Weg, auf dem es hinging zu ihr. Und den mußte er gehen; er
hielt es nicht mehr aus ohne sie.
Es war ein bitteres Gefühl, mit dem Simon Bräuer sich diese Nacht auf
seine Lagerstatt streckte. So weit hatte er’s nun gebracht, sehr weit
schon – was hatte ihm vor ein paar Tagen der Landrat nicht alles für
Komplimente gesagt, ganz erstaunt war er gewesen und voller Lob, wie
hier alles voranging – so weit, und doch reichte seine Kraft nicht
weiter mehr.
In der einsamen Dunkelheit seiner Lagerstatt stöhnte Simon Bräuer auf
und ballte die Fäuste in einem Zorn über sich selber.
* * * * *
Und noch ein anderer unter dem roten Dach, das tief übers rohe
Sparrenwerk herunterhängt, stöhnte und wendete sich in ruheloser Qual.
Alles schlief im scheunenartigen Raum. Ein Schnarchen, rauh wie das
unablässige Schnarren und Schnurren eines Sägewerks, vereinigte alle
Schläfer. Mit glühenden trockenen Augen starrte der einzig Wachende im
Schlafsaal in die tiefe Dunkelheit.
Heute schien kein Mond draußen, der seine Strahlen wie blinkende
Schwerter durchs Gebälk stach; finster war es. Aber der Sträfling mit
seinen brennenden, sich ins Finstere bohrenden Blicken sah das Venn
draußen und hinter jedem Busch das Kind. Das Kind, das da hockte,
das ihm zulächelte, den Kopf rasch vorstreckte und ihm winkte, ihm
nickte, so oft er mit seinem Spaten in die Nähe kam. Der Aufseher paßte
jetzt lange nicht so scharf mehr auf wie vordem; man konnte jetzt,
ohne gleich angeschrieen zu werden, ruhig weiter hinausschlendern,
den Karren, den man schob, ein wenig weiter hinauskarren. O, wie das
Kathrinchen so vertraulich war! Wenn er neben sie hinter dem Busch
niederduckte, dann sah sie ihn immer so freundlich an mit ihren
schwarzen Augen. Zum Anbeißen, zum Aufessen! Ein hübsches Dingelchen,
ein Kind noch, und doch –!
Einen knurrenden, fauchenden Laut ausstoßend, wie ein in die Enge
getriebenes böses Tier, packte sich der Sträfling mit beiden Fäusten
ins kurzgeschorene Haar und rupfte sich die Borsten aus. Wenn er die
Augen auch zudrückte, so fest zukniff, daß ihm der Schweiß auf die
Stirn trat, er sah =sie= doch, immerfort. Gott im Himmel! Wenn Gott
im Himmel sich wirklich um jeden einzelnen kümmerte, auch um einen,
der hier in der Laushütte saß, dann mußte er jetzt den Schutzengel
schicken, den mit dem langen weißen Kleid und dem Lilienstengel in der
Hand, von dem Kathrinchen ein Bildchen hatte! Sie hatte es aus der
Tasche gezogen, es ihm gezeigt und es geküßt.
Die Hände ineinander faltend, sie zusammenpressend in krankhafter Hast,
versuchte der Sträfling zu beten. Ah, wenn er jetzt der Schleichert
wäre, der konnte paternollen! Er, er verstand das nicht so gut. Er
hatte zu selten gebetet, die Gebete, die er als Knabe gelernt hatte,
alle vergessen. Ob er den Kunden weckte? Der würde wohl mit ihm beten.
Sein eigenes Gebet beruhigte ihn nicht. Ha, die kleine Trine, die
verstand aber noch besser zu beten als der alte Paternapgacker; und
fromme Lieder konnte man die singen hören, wenn man die Ohren spitzte.
Weit, weit übers Venn klang ihr Gesang; wenn man dem nachging, konnte
man sie immer finden. Sie hütete das Vieh, sie sammelte von den roten
Beeren, Tag für Tag, vom Morgen früh, bis zum Abend spät; bis daß es
dunkelte. Bald war sie hier, bald dort. Ihr Ruheplatz aber war hinter
den schwarzen Tannen, ganz im Dickicht, im Busch am Fuß der Ley. Da
war es so still, so verborgen. Am Wochentag kam kein Beter hierhin,
verlassen stand dann die Muttergottes im Stein. Sie war allein – so
ganz allein!
Der Sträfling zuckte zusammen, er erschrak über die eigene Stimme;
heiser hatte er’s laut geächzt: »Ganz allein!«
Er schwitzte; der klebrige Schweiß rann ihm in Strömen am Leib
herunter. Er betete wieder. Es ward ein seltsames Gebet. Brocken
von einst Gelerntem fand er noch zusammen, aber mit Verwünschungen
vermengte er sie. Er fluchte sich und dem da oben und dem Kind hier
unten. Warum war ihm das Mädchen in den Weg gelaufen? Warum lachte es
ihn immer so an?! Würde sie auch noch lachen, wenn er sie zu packen
kriegte hinter diesem dichten Busch, wenn er sie – ha, schreien würde
sie sicher! Schreien!
Jetzt gellte es durch die Finsternis zu ihm. Er hatte ihn ganz deutlich
in den Ohren, den Schrei. Die verwünschte Trine! Er fletschte die
Zähne, er biß sie dann knirschend auf einander.
Und dann würde er ihr den Mund zuhalten: ›Biste still!‹ Er würde sie am
Halse packen – an dem kleinen, zarten Hälschen – – –
»Jesus, Jesus Christus, erbarme dich!« Erstickt schrie er auf. Er
schrie den Schutzengel an, den in dem weißen Kleid: ›komm du, sei du
bei ihr, sonst –!‹ Aber auch der konnte ihr nicht helfen, nein!
Sie war wieder da, sie, die ihn überfiel wie eine Krankheit, wie ein
Krampf, gegen den er sich nicht wehren konnte; sie, die Gier, die er
auch hier nicht losgeworden war. Sie war wieder da. Und nun hielt sie
ihn gepackt, fester denn je.
Die Augen rollten ihm, er bäumte sich jählings im Bett auf und wühlte
sich dann wieder ein ins Stroh und richtete sich wieder auf und kauerte
glühend und doch frierend, zitternd und mit den Zähnen klappernd,
weinend auf seiner Bettstatt. Wann kam das Licht? Ach, helles
Tageslicht! Kam es nicht endlich?! Ihm grauste in der Finsternis.
XIII
Nun war Josef Schmölder schon vierzehn Tage oben auf der Fangeuse,
und noch keine Stunde war ihm sein Entschluß leid geworden. Die erste
Nacht freilich hatte er nicht schlafen können, er hatte wach gelegen
in einer aufgeregten Neugier: was würde ihm die Nacht offenbaren? Wie
ein Geheimnis schien es ihm in der Stille zu lasten. War das still,
grabesstill hier! Eine tiefe, tiefe Ruh. In ihr mußte man selber zur
Ruhe kommen; die Seele mußte sich glätten wie ein stiller Bergsee,
um den die schützenden Wände von Alpen stehen, den kein Windzug mehr
kräuseln kann. Er setzte sich im Bette auf und lauschte den Stimmen der
Nacht.
In der Hecke, die das Haus völlig umgab, flüsterten die Winde;
horchte man angestrengt, so konnte man auch das Rauschen der Tannen
hören. Schwarz und hoch umstanden sie den kleinen Wiesenplan, auf dem
die Fangeuse sich hinter die Hecke duckte. Hier war man wahrhaftig
geschieden von aller Welt, hier konnte nichts, gar nichts von außen
heran; man war hoch über all dem kleinen Getriebe.
Mit einem großen Wohlgefallen blieb Josef wach. Sonst war er
ungeduldig, schier verzweifelt, wenn er nicht schlafen konnte, heute
wachte er gern. Er malte sich das Leben hier aus, so schön, daß er
selber kaum daran glauben konnte. Alle Tage in Frieden, kein Genörgel
von Heinrich – die paar Tage, die er zur Jagd heraufkommen wollte,
würden sich schon überstehen lassen – gar nichts von dem Spießbürgertum
der kleinen Stadt, von den alltäglichen Sorgen und Besorgungen der
Hausfrauen, die die gute Sophie so gern umständlich besprach. Hier
war er all das los. Die Bäreb würde ihn nicht weiter stören. Mochte
sie machen, was sie wollte! Sie hatte ihm zwar am Abend eine Suppe
vorgesetzt, vor der ihm noch grauste; aber er hatte sich mit Brot
und Schinken begnügt und die Suppe verstohlen zum Fensterchen hinaus
zwischen die Hecke gegossen. Er wollte sie doch nicht kränken.
Mochten die Mäuse des Feldes und die Raben, die, seit wieder Menschen
eingezogen waren, über der Fangeuse lauerten, sich die Brocken
herausholen!
Bäreb hatte sich augenscheinlich gefreut, daß er so viel von ihrer
Suppe gegessen hatte. Sie schaffte voller Freudigkeit im Haus. Kaum,
daß sie vom Wagen gestiegen waren und der Knecht die verschlossene
Haustür und die verrammelten Läden geöffnet und all das Gepäck
abgeladen hatte, hatte sie in der Küche ein Feuer angezündet,
Wasser vom Brunnen herangeschleppt, das Kleid geschürzt, die Ärmel
aufgestreift und angefangen zu scheuern. Die Möbel standen alle an
ihrem Platz, aber dicker Staub lag auf ihnen; die Fensterchen waren
blind, nicht zum Durchsehen. Der Kutscher hatte ihr bei der Arbeit
geholfen, und während die beiden so schafften, war Josef hinausgegangen
und hatte sein Reich umkreist in immer weiteren Kreisen. Er konnte
sich nicht satt sehen an dem blauen Duft der Ferne, in dem tief
unten, meilen- und abermals meilenweit, weit jenseits der Grenze, die
belgischen Städte und Städtchen auftauchten, wie weiße Flecke, beglänzt
vom Sonnenschein. Alle sah er sie, und sie sahen ihn doch nicht.
Als er endlich zurückkehrte ins Haus, war der Kutscher fort. Das war
ihm gerade recht, er wollte kein Alltagsgesicht mehr hier sehen;
er hatte Feiertag gemacht. In der Stube prasselte ein Reisigfeuer,
träumend saß er davor und sah die Funken springen.
So hatte er den ersten Abend hingebracht; er wußte nicht, daß es schon
fast Mitternacht war, als er endlich zu Bett ging. Noch immer schaffte
die fleißige Bäreb. Sie schlief dann aber auch gut. Die Zwischenwände
im Haus waren nur dünn, er hatte ihre tiefen, ruhigen Atemzüge gehört.
Und die hörte er jetzt alle Nacht. Sie mischten sich mit dem Rauschen
der Tannen, mit dem Säuseln in der Hecke; er hätte nicht ruhen können,
hätte er sie nicht mehr gehört. Am Tage wurde er wenig von dem Mädchen
gewahr. Er war immer draußen; die Tage waren so schön, herbstlich klar
und doch noch so warm hier oben, weil die Sonne hier am frühesten kam
und am spätesten ging. Wenn unten die Schatten schon düsterten, war
sein Wiesenplan noch golden beglänzt; er bedauerte alle, die da unten
hausen mußten. Aber lagern konnte man nicht mehr draußen, die Wiese war
Moorgrund und blieb tief innen feucht trotz aller Bestrahlung. Er hatte
es Bäreb anfänglich nicht geglaubt; er hatte sich hingelagert, zwar
auf seinem Plaid, aber der hatte doch nicht verhindern können, daß er
Schnupfen bekam und Reißen in allen Gliedern. Doch diese Stunden, auf
dem derb-duftenden Wiesenplan in der Sonnenflut verdämmert, waren es
wert gewesen.
»Ihr müßt ens schwitze, ich will Uech ’ne Tee holle jonn,« sagte Bäreb,
als er nieste und sich mit einem ›Au!‹ den schmerzenden Rücken hielt.
Das war das erste, was ihn hier oben verstimmte. So alt war er denn
doch nicht, daß sie ihm Tee zum Schwitzen kochen mußte! Oder ergriff
sie die Gelegenheit gern, um herunterzukommen, war’s ihr schon zu
langweilig hier oben bei ihm? Er fragte es in gereiztem Ton.
Sie sah ihn groß an: warum sollte sie nicht gern hier oben sein? Es
ging ihr ja gut!
War es ihr denn nicht zu einsam?
Einsam?! Sie sah ihn wieder verständnislos an, und dann lachte sie:
»Mir sein dat jo jewent. Un Ihr seid jo ooch do!«
Das versöhnte ihn. Aber er nahm sich doch vor, sich etwas mehr um sie
zu kümmern, mehr mit ihr zu sprechen als das Allernotwendigste. Sie war
so jung, immer allein – wer weiß, sie konnte doch Heimweh bekommen!
Oder am Ende bändelte sie aus langer Weile mit einem der Grenzjäger an,
die zuweilen hier vorüberstrichen.
So kam es, daß, als die Abende so früh herabsanken, daß sie lang
erschienen, Bäreb beim Herrn in der Stube saß.
Sie hatte es anfänglich nicht gewollt, in der Küche gefiel es ihr sehr
gut. Aber nachdem sie ihre Scham überwunden hatte, erschien sie jetzt
jeden Abend mit ihrem Strickzeug und setzte sich auf die Bank unterm
Fenster.
Er las. Zweimal die Woche brachte der Landbriefträger Zeitungen. Es war
eigentlich rührend von Sophie, daß sie die für ihn sammelte und dann
einen ganzen Packen heraufschickte! Aber er wollte ja gar nichts wissen
von der Welt. Und doch griff er aus Gewohnheit danach. Wenn er glaubte,
etwas gefunden zu haben, was auch Bäreb interessieren konnte, las er
es laut; sie saß ganz still, aber bald merkte er, daß sie doch nicht
zuhörte. Und an einem Abend schlief sie über seinem Lesen ein. Fast
freute er sich darüber: ja ja, sie sollte lieber ganz so bleiben, wie
sie war, das war ihr größter Reiz! –
In den Wochen, die er nun schon oben wohnte, hatte Josef außer mit
Bäreb nur noch mit Bräuer gesprochen. Auf einer weiten Streiferei war
er bis in die Nähe der Kolonie gekommen; sein altes Interesse für die
Sträflinge erwachte wieder. Die gehörten ja nicht zur Welt, die standen
jenseits. Er sah ihnen lange zu. Sie beachteten ihn nicht; selten, daß
einer oder der andere sich aus seiner gebückten Haltung aufrichtete,
die heruntergerutschte Hose mit beiden Händen heraufzog und so ein paar
Minuten, umflattert von den Fetzen des Kittels, stehen blieb und nach
ihm hinblickte. Wie die Scheuchen sahen die Kerle aus! Ob sie denn
nicht bald wärmere Kleidung bekamen?
Besonders der eine, ein schwächlicher Mensch mit käsigem Gesicht, mit
abstehenden Ohren unter kurzgeschorenen rötlichen Stoppeln, schien
einer wärmeren Jacke bedürftig. Er fiel Josef auf. Wie heiser der
Mensch hüstelte! Aber Bräuer wollte nichts von wärmerer Kleidung
wissen. Es war ja noch gutes Wetter, wie sollten sie denn den Winter
hinbringen, wenn man sie jetzt schon verzärtelte?! Er war überhaupt
abweisend. War das noch derselbe Mann, mit dem er im Frühjahr so
eingehend über die Gefangenen und das Kolonisationswerk gesprochen
hatte? Jetzt schien er verdrossen.
Fast feindlich blickte er, als Josef es wagte, ihn zu fragen: »Sie sind
wohl nicht gern mehr hier?«