abschleifen und ins Kaschöttchen werfen. Dabei lachte er heimlich in
sich hinein: wenn er auch jetzt bei Wasser und Brot im Dunkeln sitzen
mußte, der Kerl, der Hampelmann, die Bangbüx von Hilfsaufseher, kam
erst recht in des Teufels Küche! Dies auszudenken machte ihm Spaß,
soviel Spaß, daß ihm fast die Wut verging über die vereitelte Flucht.
Während der Hilfsaufseher drinnen im Haus zu schaffen hatte, die
schwere Bohlentür vor dem dunklen Loche zuschlug und die Riegel
vorlegte, irrte draußen die übrige Herde führerlos.
Viele arbeiteten nach wie vor, stumpfsinnig, als sei nichts geschehen.
Sie hatten bei dem Lärm nicht einmal die Blicke erhoben; wie Lasttiere,
das Joch auf dem Nacken, trotteten sie Schritt für Schritt weiter,
stachen die viereckigen Ausschnitte aus dem Boden und stülpten sie auf.
Was ging es sie an, wenn einer revoltierte?! Das verbesserte ihre Lage
doch nicht; höchstens wurde der Bräuer noch strenger.
Der alte Kunde, der Paternoller, hatte sich an Jakobs herangemacht;
seit der Rotkopf neulich so gestöhnt hatte, war es dem Alten, als müsse
er dem Jungen etwas zugute tun. »Ruh dich aus, ruh dich wat aus,«
mahnte er. »Jetzt sieht dich niemand. Jung, du kannst ja nit mehr!«
Der Blasse hatte bis jetzt fortgearbeitet; Schweiß troff ihm von der
Stirn, seine Brust zitterte unter angestrengtem Atmen. Nun, da der
Alte ihn anredete, schreckte er auf: »Laß mich in Ruh!« Aber dann
stöhnte er: ja, er konnte nicht mehr! Scheu sah er sich um – niemand
beobachtete ihn – und der Alte hier würde ihn nicht verraten! Mit ein
paar Sätzen war er hinter dem nächsten Gebüsch, warf sich da lang
hin und keuchte sich aus. Aber bald, nun er ruhte, ließ das Arbeiten
in seiner Brust nach, er fühlte etwas wie Wohlbehagen. Ah, die Luft
war heut schön! Der Duft der großen Tannen an der Ley kam herüber
und mischte sich mit dem strengen und doch wohltuenden Geruch des
Heidekrauts. Blaßrosa Glöckchen in niedrigen kleinen Büschelchen
blühten zwischen dem anderen höheren Kraut. Der Sträfling riß ein paar
Stengelchen davon ab und steckte sie zwischen die Lippen. Er saugte
daran; harzig und bitter schmeckte das, aber es tat seinem immer
trockenen Munde doch wohl. Er schloß die Augen.
Um ihn summte es – Bienen im Wind – oder war es der Wind selber in den
Ästen der Tannen? Sonst nichts. Nicht die harte Stimme des Aufsehers.
Da, plötzlich ein Singen! Er erschrak; ein Anruf des Aufsehers hätte
ihn kaum so erschreckt.
»Der dritte schütz’ mich immerdar,
Daß mir nichts Böses widerfahr’!«
Da stand ein kleines Mädchen nicht weit von ihm in der Heide, bückte
sich und pflückte von den rosa Glöckchen. Einen dicken Strauß hielt es
schon in den Händen. Er glotzte.
Das Kathrinchen war gar nicht erschrocken über den Mann, der da
plötzlich hinter einem Brombeergestrüpp vor ihm lag: ei, der war
müd, der ruhte sich aus! Emsig pflückte es weiter: hier blühten die
Glöckchen am allerschönsten, ein Kranz davon mußte die Mutter Gottes in
der Ley herrlich kleiden!
Es war Kathrinchen plötzlich eingefallen, der Maria im Stein einen
Kranz zu binden, als sie so still dagesessen und gestrickt hatte.
Die Kühe waren ja brav, die liefen nicht weg, sie konnte sich
schon getrauen um den großen Felsen und um die schwarzen Tannen
herumzuwandern und Blumen zu pflücken, da, wo sie am schönsten blühten.
Sie lächelte den Mann an.
Er sagte nicht ›Guten Tag‹, er wies nur mit ausgestrecktem Finger auf
ihren Rocksaum.
Sie guckte an sich herunter. O weh! Mit Schrecken sah sie, was sie
angerichtet hatte: ihr Strickzeug, Jesus, ihr Strickzeug! Sie schleifte
es hinter sich her, der Wollfaden hakte an den scharfen Pinken ihrer
Schuhe fest; er war nicht gerissen, aber ganz verwirrt, vom Knäuel
abgewickelt und mit Strümpfchen und Nadeln und allerlei dürrem Kraut
unentwirrbar zusammengedreht. Sie stieß einen Jammerruf aus, ließ
ihren Strauß fallen und faßte mit beiden Händen nach dem Strickzeug.
Der Faden hatte sich ihr wohl zehnmal ums Bein geschlungen, sie saß wie
in einer Fessel, sie kam nicht heraus.
Der Mann lag auf dem Bauche, das Gesicht zwischen die Hände gestemmt,
und beobachtete sie. Er rührte sich nicht: war die niedlich! Die
blassen Lippen seines mageren Gesichts verzogen sich, er zeigte
in einem stummen Lachen das ganze Gebiß. Solch niedliches kleines
Dingelchen hatte er wahrhaftig noch nie zu sehen gekriegt! Das Wasser
lief ihm im Munde zusammen. Aber das Dingelchen kriegte den Faden nicht
los vom Bein, es verzog das Gesicht zum Weinen. Da fletschte er die
Zähne: »Wart, ich helf dir!«
Geschmeidig kroch er heran, immer auf dem Bauch rutschend; kroch immer
näher an sie heran und nahm ihr Beinchen in die Hand. Der Strumpf
war heruntergerutscht, er fühlte das nackte Fleisch, warm und weich.
Ein Schauer durchrieselte ihn; er stieß einen zittrigen Seufzer aus.
Langsam begann er, den Faden vor dem Beinchen abzuwinden.
»Merci,« sagte Kathrinchen jetzt erleichtert. Aber dann schlug sie
die Hände zusammen: oh weh, wie sah das Strickzeug aus, die Maschen
waren von den Nadeln gerutscht, alles kaputt! Geschwind kauerte
sie sich nieder: schnell, schnell, daß nur nicht noch mehr Maschen
herunterfielen! Sie wurde blutrot, ihre Hände fingen an zu schwitzen,
Tränen schossen ihr in die Augen; sie kam nicht mit der Arbeit zustande.
»Heul nicht,« sagte der Sträfling und nahm ihr das Gestrick aus den
Händen. Das Stricken hatte er gelernt, als er das erste Mal gesessen
hatte; nun kam es ihm zu paß.
Sie sah ihm zu mit großen Augen, ganz hingenommen von seiner
Geschicklichkeit. Er raffte die Maschen auf und strickte ein paar Male
herum. Sie sprang auf und wollte hell jubeln. Er aber riß sie heftig
am Rock wieder nieder: »Halts Maul!« und nickte mit den scheuen Augen
aufs Venn hinaus zum Hause mit dem roten Dach hinüber.
Da sah Kathrinchen erst, daß er Sträflingskleidung trug. Aber auch
jetzt war sie nicht bange: der war ja so gut! Verständnisvoll nickte
sie: er wollte sich wohl hier ausruhen von seiner schweren Arbeit, und
nun mußte sie still sein, sonst kam der Aufseher und holte ihn! Sie
duckte sich ganz geschwind wieder nieder zu ihm hinter den dichten
Busch. St, ganz still!
So blieben sie noch eine Weile zusammen. Er lag auf dem Bauche, die
Ellenbogen aufgestemmt, das Gesicht zwischen den Händen und betrachtete
sie immerwährend. Sie hatte ihre Kühe ganz vergessen, strickte
eifrig, das Versäumte wieder einzubringen. Und dabei unterhielten sie
sich, ganz leise, flüsternd, damit niemand sie höre. So scheu sonst
Kathrinchen vor Fremden war, so gesprächig war sie jetzt; sie erzählte
von der Schule, von den Eltern, von den Geschwistern und von der
Maiblum daheim. Sie hatte ja den ganzen Tag so still sein müssen.
Er hörte ihr zu mit offenem Munde und verschlang sie fast mit den
Blicken. Plötzlich schreckte er auf, eine Stimme hallte laut. Der
Bräuer, kam der schon wieder?! Nun hieß es, sich davonmachen. »Bis auf
ein andermal,« flüsterte er heiser. Ob sie ihm wohl die Hand geben
würde?
Sie gab ihm freiwillig die Hand.
Oh, wie tat ihm das wohl, daß das Kind sich nicht vor ihm fürchtete!
Starr, unverwandt hingen seine Blicke an ihr. Die Furcht saß hinter ihm
– da war ja schon der Bräuer – aber er konnte sich gar nicht trennen.
Ein heißes Verlangen kam ihm plötzlich, die Kleine zu küssen. Kaum
bezähmte er sich: nur nicht sie erschrecken! Wenn er das tat, sie in
seine Arme packte, dann kam sie vielleicht nicht wieder, nie wieder
– und sie sollte, sie mußte wiederkommen. Er mußte sie noch einmal
antreffen hier hinter dem Busch!
* * * * *
Als Kathrinchen diesen Abend nach Hause trieb, war sie glücklich; der
Tag war ihr gar nicht lang geworden. Ihre sieben Stück waren auch brav
gewesen, hatten sich so satt gefressen, daß sie keine Seitensprünge
mehr machten, sondern bedächtig hintereinander gingen mit wackelnden
Bäuchen. Es bedurfte keines Knalls und keines Schlages mit der langen
Peitsche, die noch einmal so lang war, wie die Hirtin selber. Der Bauer
hatte Kathrinchen einen Hund mitgeben wollen, aber sie hatte keinen
gewollt; sie hatte ein bißchen Angst vor Hunden, die bellten so laut.
Die Hirtin sang leise vor sich hin während des ganzen Weges. Um das
Kreuz der Ley verglühte das Abendrot; es hüllte auch sie mit in seinen
Schimmer. Das Rot des Himmels strahlte weit; der Fluß im Talgrund,
drunten das weiße Bahnhofsgebäude und die Gleise, oben das einsame Haus
auf dem Venn, das Dorf, an Mattenhängen sich langziehend, seine Hecken
und der überragende Kirchturm, alles war rosig bestrahlt.
Holzarbeiter kehrten heim aus den Wäldern, ein Angler kam vom
Forellenfang, die Torfstecher kamen zurück, ein Bauer trieb seinen
Ochsen zum Schmied weiter ins Dorf hinein, um ihn beschlagen zu lassen,
und durch die Heckenausschnitte sah man die Frauen auf den Türschwellen
sitzen und Kartoffeln schälen. Kathrinchen grüßte, manch freundlicher
Gegengruß wurde dem Hütekind.
An der Hecke beim Adams stand schon die Bäuerin und nahm die Kühe
in Empfang; sie gab Kathrinchen ein Schmierchenbrot. Gern hätte
Kathrinchen das selber gegessen, ganz verstohlen leckte sie einmal
daran im Schutz der Hecke – ha, wie lecker! – aber sie gönnte es sich
nicht. Das sollte die Mutter haben oder die Bäreb.
Aber Bäreb war noch nicht daheim. Den Geschwistern war es zu lang
geworden, auf den letzten Zug unten am Bahndamm zu lauern: wer weiß, am
Ende kam die Bäreb auch mit dem Zuge noch nicht! Frau Huesgen war in
einiger Unruh: die Bäreb hatte doch so bestimmt gesagt, daß sie heute
wiederkommen würde. Und morgen mußte sie ja wieder in die Fabrik. Und
nun war es schon so spät!
Den Kindern, die um den Tisch saßen, glänzten die Augen: ha, Milchsuppe
mit Brotbrocken drin, wie lange hatte es keine solch gute Suppe
gegeben! Die liebe Maiblum! Wenn doch die Bäreb käme, was würde die
dazu sagen! Sie platzten fast vor Begier, der Schwester etwas zu
verkünden.
Es war dunkel in der niedrigen Küche, ein Lämpchen wurde jetzt nicht
mehr angezündet wie im Winter, das sparte man. Man sah fast nichts
mehr, nur mitunter glitzerten beim Fallen von Funken im Aschenloch die
hurtig sich drehenden Augäpfel der Kinder. Der Suppennapf war geleert,
die Blechlöffel auf den Tisch gesunken, müde gähnten die Kleineren. Wie
spät mochte es wohl sein? Sie konnten den Himmel nicht sehen, hatten
keine Uhr im Haus, und auch keine schlug von der Kirche. Ob die Bäreb
nun noch kommen konnte?! Unruhig ging die Mutter zur Tür hinaus und kam
ebenso unruhig wieder zurück. Es half nichts, man mußte ohne Bäreb den
Rosenkranz beten. Frau Huesgen kniete nieder, ihre Kinder knieten um
sie her. Ein Ave reihte sich an das andere.
Obgleich das Fenster geschlossen blieb und draußen die Hecke hoch
ragte, hörte man doch das betende Murmeln bis auf die Straße hinaus.
So hört man’s um diese Zeit, da Nacht sich senken will und die Hecken
schwarz ragen, fast aus jedem Hause von Heckenbroich. Die Mutter
betete vor mit einigen Kindern: »Gegrüßet seist du, Maria,« und
im Zusatze: »der uns den heiligen Geist gesandt hat!« Die anderen
antworteten: »Heilige Maria, bitte für uns Sünder!«
In Frau Huesgens Seele zog Ruhe ein: was hatte sie denn, daß sie sich
so aufregte? Ihre Kinder standen ja unter der Heiligen Schutz! Sie
bekreuzigte sich fromm.
Da wurde die Tür hastig aufgerissen – ein wohlbekannter Tritt – da
stand die Bäreb. Ja, sie war’s, obgleich man sie im Dunkeln kaum
erkennen konnte. Der Dores greinte.
Die Mutter riß ihn in ihre Arme und küßte das übermüdete, weinende
Kind: Dores, ihr Doreschen, nun war er wieder da, und war so viel
besser!
»’n Abend zusammen,« sagte Bäreb. Aber ihre Stimme klang gedrückt; es
war nichts von der Freude darin, wieder daheim zu sein.
Die Geschwister umringten sie, Kathrinchen schmiegte sich an sie, die
Jungen rissen ihr fast den Rock vom Bund; jeder wollte sie anfühlen,
jeder wollte ihr die Wangen patschen, und jeder ihr gleich ins Gesicht
schreien: »Oß Maiblum, oß Maiblum! De hat e Kalev krigge, esu e fing
Kalev!«
Bäreb war zusammengezuckt, sie sagte kein Wort, sie lachte auch nicht
mit den Geschwistern. Langsam, schwer tappte sie hin zum Tisch und
setzte sich auf die Bank. Sie stützte den Kopf, und dann brach sie
plötzlich in ein heftiges, schluchzendes Weinen aus.
Die Kinder standen verdutzt: die Bäreb weinte, weil die Maiblum ein
Kalb gekriegt hatte? Was fiel der denn ein?! Aber Frau Huesgen nahm’s
nur als Freude, sie wußte, wie Bäreb an der Maiblum hing. Und konnte
sie denn nicht auch vor Freuden weinen, daß ihre Wallfahrt so gut
geholfen hatte?! Sie strich der Tochter übers Haar, von dem das
Kopftuch heruntergeglitten war. Rauh und verwahrlost lagen die Haare
an den Schläfen, und als Kathrinchen jetzt doch eine Lampe angezündet
hatte, sah die Mutter, wie blaß und verstört die Bäreb aussah, gar
nicht zum Kennen, förmlich alt und herabgekommen vor übergroßer
Müdigkeit. Ja, es war eine harte Tour gewesen, noch dazu mit dem Dores!
Aber der Herrgott im Himmel würde es der Bäreb schon lohnen, was die
aus Liebe zu den Ihren getan hatte. Und nun, wie war’s denn gewesen,
wollte sie denn gar nichts erzählen von Echternach?! Sie brannten alle
darauf.
Aber Bäreb schüttelte stumm-verneinend den Kopf.
Nun morgen, bis morgen würde man sich ja noch gedulden, da würde
man schon alles zu hören kriegen, jetzt war die Bäreb zu müde! Frau
Huesgen trieb die Kinder zu Bett. Gleich darauf lag auch Bäreb neben
Kathrinchen und schlief wie eine Tote. –
So müde auch Bäreb gewesen war, am Morgen war sie doch schon wieder
früh auf, so früh, daß sie bereits zur Fabrik gegangen war, als die
Mutter erwachte. Und am Abend kam sie so spät wieder, daß es schon
dunkel war in der Hütte, als sie eintrat. Und so ging es Tag für Tag,
Woche um Woche; immer war’s so.
Und es war, als sei Bäreb nie fortgewesen, als sei kein Echternach in
ihr Leben getreten. Nur am Sonntag, wenn auch der Vater daheim war,
dann hatte Bäreb Zeit, an Echternach zu denken; dann erzählte sie wohl
auch – Wunderdinge – ihre blassen Wangen röteten sich dabei, und Eltern
und Geschwister lauschten, die Augen aufgerissen, in einer andächtigen
Scheu.
* * * * *
Der Juli war auf seiner Höhe, die Matten um Heckenbroich in die Halme
geschossen; zartes Reihgras mit tausenden von Blumen durchsetzt, stand
in leuchtenden Farben. Bunten Teppichen gleich, in allen Schattierungen
von rot und blau, von gelb und weiß, säumten die Wiesen den Fluß-Grund
und stiegen an den Hängen hinauf, bis hoch zum Venn.
Das dörrte jetzt schweigend im Sonnenbrand. Wo sonst grünes Gras aus
feuchtem Grund gewuchert hatte, war es jetzt trocken und das harte
Sauergras war gelb und schilfig geworden. Die Rinnsale alle, die das
Venn durchschleichen, die Bächlein, schmal, zweihandbreit, die man
kaum sieht im buschigen Grund, unterm Grün der Preißelbeere zwischen
den Moospolstern, wollten jetzt versiegen. Nur der Fluß im Tal und der
Bach in der Au hatten noch Wasser; aber auch sie rauschten und sprangen
nicht mehr in sprudelnder Frische über die Steine, langsamer zogen sie
hinab, wie müde geworden.
Das Venn tat sein Maul auf. Der moorige Grund schrumpelte ein in
unzählige Falten und Fältchen, wie ein runzliges, altes Gesicht; und
dann riß die Erde in handbreite Spalten. Stundenweit konnte man jetzt
trockenen Fußes gehen, wo man sonst hatte waten müssen; nur die ganz
tiefen Löcher hatten noch Wasser, aber es war von einer trügerischen
Grasnarbe zugedeckt. Die ganze Fläche war besetzt mit den schwarzen
Haufen der Torfstücke, die die Torfstecher aufgesetzt hatten zum
Dörren; Totenhügeln glichen sie nach einer mordenden Schlacht.
Ab und zu ragte ein Kreuz, verwittert, kohlschwarz, schief auf
die Seite gesunken, einem Toten zum Gedächtnis gesetzt in dieser
schattenlosen, angeprallten, atem-anhaltenden Einsamkeit.
Regungslos standen die Grenzen der Tannenwälder. Das Wild trat heraus
am hellichten Tage, es wartete nicht mehr den Abend ab; in Rudeln kam
es bis dicht vors Dorf, um in den beblümten Matten zu äsen. Es hatte
Hunger, denn die zarten Farrenwedel, die unter den Tannen grünen,
waren längst geknickt von der Hitze, Moos und Gras versengt von den
Strahlenschwertern, die an den nackten Tannenstämmen niederfuhren bis
zum Grund. Erbarmungslos war jeder Stengel geköpft. Die Preißelbeere
zeigte die Notreife, und die Heckenbroicher besprachen schon die
Aussichten dieser Beerenernte. Aber vorerst hatten sie noch ihre erste
Ernte einzubringen: das Heu.
Überall wurden die Wiesen gemäht, überall duftete es nach Heu. Zu rasch
fast trocknete es, wie Pulver zerrieb es sich zwischen den Fingern, man
konnte nicht eilends genug es wenden; das war ein jähes Dörren, fast
dem Verkohlen gleich. In der glühenden Luft ging aller Saft verloren,
alle Kraft, die doch darin bleiben muß, soll das Vieh sich gut nähren.
Und es wurde noch heißer, immer noch heißer. Jeden Tag die gleiche
eintönige Bläue, die nicht vom kleinsten Wölkchen durchsegelt ward;
ein Himmel von eherner Monotonie. Die Augen sehnten sich nach Grau,
nach trüber Beleuchtung; es tat ihnen weh, immer in diese blinkernde,
blendende Weite zu sehen.
Balthasar Adams vom grünen Klee kratzte sich bedenklich den Kopf. Er
hatte die meisten und besten Wiesen, aber auch er hatte dies Jahr zu
klagen: das Heu hatte gar keinen Gehalt. Und noch immer keine Aussicht
auf andere Witterung. Sonst hatte man den Regen in der Heuernte
immer gefürchtet, jetzt hätte man ihn gern haben mögen; acht Tage
hintereinander, das wäre nicht zuviel gewesen. Was sollte man machen,
wenn das Wetter so blieb?! Dann verbrannte auf den gemähten Wiesen
die Grasstaude bis in die Wurzel, sie trieb nicht mehr aus; es gab
eine erbärmliche Weide fürs Vieh diesen Herbst. Und man hatte selber
bald kein Wasser mehr; tief, tief mußte man jetzt schon den Eimer
hinablassen in den Brunnen, so tief als die Kette reichte, und brachte
dann doch nur trübes und grundiges Wasser herauf. Eine Dummheit war’s
von dem Leykuhlen gewesen, fast eine Fahrlässigkeit war’s zu nennen,
daß er, anstatt den Kirchenbau so zu betreiben, nicht lieber eine
Wasserleitung gebaut hatte! Er war Bürgermeister – der geistliche
Herr war schon alt – er, er mußte es doch wissen, was der Gemeinde am
nötigsten tat. Wie lange würde es noch dauern, und man hatte, wenn das
Wasser so schlecht wurde, die Krankheit hier, die wie ein Gespenst sich
zuzeiten immer wieder sehen ließ im Land.
Der Bauer Adams trank längst wieder aus seinem Brunnen. Was kümmerte es
ihn, daß es verboten war?! Sein Nachbar Zumstädtchen tat es ja auch.
Aber ein gutes Gewissen hatte er doch nicht dabei. Ja, hätte man nun
eine Wasserleitung, wie man sie hätte haben können, vom reinen Wasser
des Aubachs, man wäre aller Unruh und allen Ärgers ledig gewesen. Der
Leykuhlen, der Leykuhlen mit seiner Kirch, der Teufel sollte ihn holen
mitsamt seinem Frommsein!
Ein grimmiger Zorn gegen den Bürgermeister faßte den Bauer. Ein um
so größerer, als er klug war, um sich nicht selber auch einen Teil
Schuld beizumessen. Er war die gewichtigste Stimme, hatte die meisten
Weiden, das meiste Vieh, warum hatte er denn nicht das Maul aufgetan
und dagegen gesprochen, als sie alle schrieen: En neue Kirch, en neue
Kirch, und dem Bürgermeister zustimmten?!
Seitdem man dem Adams seinen Brunnen verschlossen hatte – seinen
eigenen Brunnen, auf seinem eigenen Grund und Boden, so daß er nur
nächtens daraus schöpfen konnte, heimlich daraus stehlen mußte wie
ein Dieb! – seitdem hatte sich seine Meinung völlig geändert. Eine
Wasserleitung mußte sein, eine Wasserleitung hätte längst sein müssen,
daß man nicht solchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt war! Seine Hände,
die er in beiden Taschen der Buckskinhose stecken hatte, ballten sich
unwillkürlich zu Fäusten. Er sah den Leykuhlen da hinten durch die
Wiesen schreiten – aha, der sah nach seinen Knechten, die dort mähten –
der kam ihm gerade recht!
»Hela!« Er schrie ihn an, und als der andere nicht gleich hörte, weil
selbst die starke Männerstimme in der großen Weite verflatterte wie ein
schwacher Kinderruf, legte er die beiden Hände als Schallrohr an den
Mund und brüllte hinein mit Aufbietung aller Kräfte: »Hela!«
Da stutzte Leykuhlen und sah sich um.
Jetzt hatten sie sich ins Auge gefaßt. Der dürre Adams schwenkte die
Arme und gestikulierte. Sie kamen aufeinander zu.
»Burjermeester,« sagte der Bauer, »da ’s jot, dat ich Uech ens treff!
Wie is et dann mit der Wasserleitung? Solle mir noch lang dat Wasser
saufe uhs oß Pötze? De Frösch springen drin!« Er sah den andern
blinzelnd an: das war ja ein bißchen übertrieben, aber das schadete
nichts, der Bürgermeister sollte merken, daß es ihnen nun Ernst war,
daß sie nicht damit einverstanden waren, daß das Geld, das schöne Geld
der Gemeinde so verbaut worden war! Er knurrte grimmig: »Hm, is dat en
Trockenheit – Jeses, en Hitz! – und wann mir keen Wasser mieh hant, wat
dann?«
Leykuhlen war blaß, aber eine heiße Röte trat ihm jetzt auf die Stirn.
»Bin ich der liebe Herrjott? Kann ich rejnen lassen über Nacht und
am Tag die Sonn scheinen? Akkurat esu, wie et Uech passend wär?!« Er
zuckte die Achseln und sah niedergeschlagen und abgespannt aus.
»Davon is jo keen Red!« Adams brauste auf: was stellte der
Bürgermeister sich denn so dumm? »En Wasserleitung hätt’r baue solle,
dozumal, wie m’r esu jot bei Kass’ wore! Wat fange mir mit der jruße
Kirch an? Die alt war noch lang jot. Do bruchte mir keen Angst ze han,
dat oß Pötze zu End jonn. Der Zumstädtchen hat heut nühst wie Schlamm
eropjehollt!« Mit bösen Augen sah er dem Bürgermeister ins Gesicht.
Leykuhlen hielt den Blick ruhig aus. »Wat regt Ihr Uech esu op, Adams,«
sagte er dann. »Et is wahr, et is en schlimm Zeit, äwer de Sonn hat
oß noch nie jeschadt!« Er legte dem Bauern die Hand auf die Schulter
und versuchte ein Lächeln. »Ihr seid doch ’ne kloge Mann, laßt doch
nit jlich der Mut falle! Et hat noch immer, immer jot jejange. Wenn et
esu bleibt, müsse wir uns eben Wasser fahren, aus dem Aubach erop, in
Fässern. Dat is dann nit angersch!«
»So?« Zornsprühend sah ihn der sonst so ruhige und gehaltene Bauer
an. »So, un wer soll dann in dieser Zeit oß Heu einfahre? Et hat nit
jeder esu vill Ochse, wie Ihr habt. Un noch zwei Perd. En halev Stund
erunter, en Stund erup – wat sollen die Leut dann maache, die kee
Fuhrwerk han?«
»Wir werden ihnen aushelfen, dafür sind wir Heckenbroicher. Mer soll
von uns nit sagen, dat wir Brüder im Stich jelassen hätten!«
»Jo woll, jo woll,« höhnte Adams, »predigt Ihr nur esu weiter, dat hört
sich alles siehr schön an. Ihr hätt oß nur früher nit im Stich losse
solle. Jo, Ihr, Ihr!« Er fuchtelte dem andern mit seinem Finger immer
vor der Nase herum. »Et is jot fromm sein in anger Leuts Tasch. So’n
Dommheit, so’n Unsinn, esu en jruße Kirch zu baue, wenn et Nötigste im
Dorf fehlt!« Er räusperte sich zornig und spuckte aus in großem Bogen.
Sie standen in der Prallsonne, die Hecke, die hinter ihnen die Weide
abschloß, gab nur einen schmalen Streifen Schatten. Die Röte, die der
Bürgermeister vordem nur auf der Stirn gehabt hatte, zog sich immer
tiefer herab über sein ganzes Gesicht. Er schwitzte und dabei fror ihn.
Der starke Mann schüttelte sich wie in innerem Frost: der Bauer hatte
so unrecht nicht, ja, es war schlimm, sehr schlimm jetzt, daß sie keine
Wasserleitung hatten!
Unbarmherzig fuhr Adams fort: »So, un wenn mir nu de Krankheit kriege –
mer soll doch dat Wasser nit trinke, et wär unjesund – die is doch nit
et erschte Mol he. Wenn se nu wiederkömmt?!« Er sah dem Bürgermeister
mit einem gewissen Triumph ins Gesicht: »Wenn se nu wiederkömmt, he?«
»Se is schon da,« sagte der andere erbleichend.
* * * * *