Es war so. Bürgermeister Leykuhlen mußte es ja wissen, und er wußte

es bereits seit zwei Tagen: drei Fälle von Typhus waren im Lager.

Man hatte erst Hitzschlag angenommen; die Leute waren bei einer

Gefechtsübung gewesen, die Sonne hatte geprallt, als schösse sie mit

mörderischen Pfeilen. Aber nun schüttelten die Ärzte die Köpfe: wo

hatten sich die Kerls den Typhus geholt?! Jedenfalls außerhalb des

Lagers. Es war ja bekannt, diese Gegend war verseucht; es gab ein Dorf

hier, nicht allzu weit, dort hatte der Typhus in einem Jahre so gemäht,

daß der Kirchhof zu klein geworden war, und man flugs einen neuen

anlegen mußte. Und Tage waren es jetzt, so heiß wie unterm Äquator,

und die Nächte trotzdem eisig kalt. Eine Gegend wie Sibirien! Dazu die

ablehnende Verschlossenheit der Bevölkerung gegen alle Neuerungen. Wer

weiß, wo die Soldaten sich herumgetrieben hatten?!

Die strengsten Absperrungsmaßregeln wurden auf dem Platz durchgeführt.

Urlaub gab’s nicht, kein Soldat durfte das Lager verlassen, die

Posten wurden verdoppelt. Auch das Sitzen abends vor den Baracken,

unter deren Wellblech keiner gern hineinging, wurde den Leuten nicht

mehr gestattet. Es war die einzige Annehmlichkeit gewesen, abends wenn

die Dämmerung aufs rote Heidekraut sank und die Nebel vom Moorland

aufstiegen, sich draußen abzukühlen. Weit, weit bis ins Venn hinein war

der Gesang der Soldaten erklungen.

»Es waren drei Soldaten,

Dabei ein junges Blut,

Sie hatten sich vergangen,

Der Graf nahm sie gefangen

Setzt sie bis auf den Tod!«

Der junge Leutnant Abeking hatte den Leuten oft zugehört, gern

zugehört. Schön waren die Lieder, mehrstimmig, von den starken Kehlen

gesungen, deren Ungeschultheit hier nichts das Ohr Verletzendes hatte.

In der großen Unbegrenztheit klangen die Sänge weich und getragen.

»Des Abends kann ich nicht schlafen gehn,

Ich muß erst meine Herzliebste sehn –

Steh auf, mein Schatz, und laß mich ein« –

Das war wie ein Anruf, das pflanzte sich fort von Baracke zu Baracke;

das ganze Lager war voll davon. Naturlaute, Sehnsuchtsklänge. Sie

wurden eins mit dem Locken des Bächleins, mit dem leidenschaftlichen

Liebeskonzert der Frösche.

Nun war auch das Singen verboten. Wer draußen gesehen wurde nach

Sonnenuntergang, bekam drei Tage Mittelarrest.

Auch die Offiziere fuhren längst nicht mehr so oft hinunter ins

Städtchen, Leykuhlen brauchte sich nicht über unausgesetztes

Rädergerassel und spätes Heimkehren bei Nacht zu kränken; die

Geschichte mit Abeking hatte ihnen die Lust dazu etwas benommen.

Der junge Leutnant war fort. Seine Kopfwunden gingen nicht ans Leben,

aber er war doch fort; nicht in seine Garnison zurück, er hatte Urlaub

bekommen – auf unbegrenzte Zeit. Und der Abschied würde nachfolgen, das

wußten alle mit den Verhältnissen Vertraute. Das legte einen Druck auf

die Gemüter.

Kein Mensch wußte zu sagen, wie die Geschichte eigentlich ruchbar

geworden war – was wäre denn sonst so Schlimmes dabei gewesen: ein

junger Mensch reitet im Dusel einmal zum Liebchen, unvorsichtig,

tollkühn, er stürzt – aber nun, nun?! Es war alles zu offenkundig. Es

war unmöglich, Abeking konnte nicht bleiben.

Leutnant Schmidt und der Stabsarzt hatten sich bis jetzt noch immer

nicht entschließen können, wieder im Schwan zu kneipen. Aber die

Neugier plagte sie: was mochte die schöne Helene wohl für ein Gesicht

machen?! Es war ein Jammer um den Abeking, ein so netter Junge, ein

so lieber Mensch, und Offizier dazu mit Leib und Seele! Was fing er

jetzt an? Er saß nun zu Hause bei Muttern. Eine verkrachte Existenz,

ein zerstörtes Leben, ehe es noch eigentlich recht angefangen hatte.

Als Mann konnte man ihn voll und ganz verstehen: es war ja nur

eine Dummheit gewesen, eine verliebte Torheit. Diese Helene, dies

Teufelsweib! Daß sie es gewesen war, die der verliebte Junge zu einem

Schäferstündchen im Waldesdunkel entführt hatte, von dem er dann, wie

im Rausch, davongesprengt war, so blind und toll, daß der Gaul, erregt

durch die Erregung des Reiters, wild wurde und scheute, das zirpten

alle Spatzen von den Dächern. In den Augen ihrer Freunde hatte die

schöne Frau darum aber nicht verloren: im Gegenteil; sie war nun mal

so! Und sie hielt schadlos für manches andere. Was hätte man denn

sonst machen sollen, in dieser völligen Weggesetztheit?!

»Ich seh et schon, lang dauert et nit, und wir sind wieder am

Herunterfahren,« sagte der Rheinländer. Und der Stabsarzt sagte ganz

ernsthaft: »Dann wollen wir aber alle drei an Abeking ’ne Postkarte

schreiben. Der arme Kerl!«

Vorläufig fuhr nur Scheffler herunter, so oft der Dienst es erlaubte;

er war ein sehr verliebter Bräutigam. –

»Bärtes, es ist nicht mit anzusehen,« sagte Josef Schmölder, als

er heute heraufkam, den Freund zu besuchen. Er hatte es nicht

mehr ertragen können, unten nur von der Ausstattung, von Wäsche –

Leibwäsche, Tafelwäsche, Bettwäsche – von Silber und von Möbeln

reden zu hören. Scheffler drängte darauf, daß die Hochzeit schon zum

Winter sein sollte, aber – »Gott sei Dank, da ist Heinrich doch fest

geblieben,« sagte Josef. »Er gibt Hedwig allerfrühestens nächstes

Frühjahr fort. Der Herr Bräutigam ist zwar ganz unparlamentarisch

geworden, und die kleine törichte Person hat geweint; aber es hilft

ihnen alles nichts. ›Mai frühestens, so wahr ich Heinrich Schmölder

bin‹, hat er gesagt. ›Und wenn Ihnen das nicht paßt, so lassen Sie’s

bleiben!‹ Dabei hat er dem Monsieur ganz unverfroren ins Gesicht

gesehen!« Josef lachte. »Das hat mir ordentlich gefallen vom Heinrich –

er ist doch ein Kerl! Es sei ihm darum manches verziehen, was er mir an

den Kopf geworfen hat, der Grobian!«

Leykuhlen lachte nicht mit. Er war heut nicht wie sonst, seine Frische

war fort. Josef glaubte auf dem glatten, braunroten Landmannsgesicht

Furchen zu sehen, die ein Kummer gepflügt hatte.

»Was ist das heute mit dir, Bärtes,« sagte er herzlich und sah dem

großen Mann, der vor dem Kanapee stand, in dessen ausgesessene weiche

Ecke er sich bequem hineingedrückt hatte, von unten her in die Augen.

»Hast du Ärger gehabt? Du bist auch traurig; das paßt gar nicht zu dir!«

»Er macht zu viel Jedanken,« sagte Frau Mariechen, die aus dem Schrein

die buntblumigen Kaffeetassen hervorholte und auf den mit weißer

Serviette gedeckten Tisch stellte. Auch sie sah von unten her ihren

Mann an; es war eine demütige Besorgnis in ihrem Blick. »Ach, sagen Sie

et ihm doch, Herr Schmölder, dat er recht dran jetan hat, die Kirch zu

bauen. Und dat er doch nit dafor kann, dat die Krankheit nu auch im

Dorf is!«

Wie, war hier auch Typhus? Josef machte ein betroffenes Gesicht. Aber

ehe er etwas sagen konnte, sagte Leykuhlen schon: »Wir haben bereits

zwei Fäll im Dorf. Vorjestern der Peter Jans, unten in der Lämmerjaß;

jestern der Mechernich am jrünen Klee. Torfarbeiter, arme Leut mit

vielen Kindern. Und wer kömmt nu an die Reih?« Mit einem tiefen Seufzer

setzte er sich schwer auf den Stuhl an den Tisch und stützte den Kopf

in die Hand.

Die Frau trat dicht neben ihn, sie legte den Arm um seinen Nacken.

»Bärtes, wat machste dir für Jedanken – o, ich kenn se all!« Sie

klopfte ihm gegen die heiße Stirn. »Du denkst, wenn die Leut sterben,

die Männer von ihren Frauen weg, die Ernährer von ihren Kindern, dann

bist du dran schuld, weil wir noch kein Wasserleitung haben im Dorf.

Weil die Leut immer noch aus ihren Pötzen trinken. Ach, dat is ja all

dumm Zeug!« Sie versuchte zu lächeln; es gelang ihr auch, ihre Stimme

klang heiter: »Bärtes, du hast zu schwer Blut! Herr Schmölder« – sie

wandte den Blick ihrer klaren Augen jetzt Josef zu – »ich kenn meine

Mann jetzt jar nit mehr, er is doch sonst auf ’m Platz, zu juter wie zu

böser Zeit. Und er hat doch auch sonst immer jewußt, dat über uns einer

is, der alles so macht, wie et jut is. Laß se doch reden, Bärtes, laß

se doch schimpfen, laß se doch schreien: en Wasserleitung hätt jebaut

werden müssen! Laß se doch, Bärtes! Ich, dein Frau, ich sag dir: recht

haste jetan, janz recht!« Sie reckte ihre Gestalt mit dem sonst immer

ein wenig geneigten Kopf zu ihrer schlanken Höhe auf: »Recht haste,

Bärtes!«

War das eine Energische! Josef hätte das gar nicht von der

zurückhaltenden, sonst immer wenig Worte machenden Frau erwartet.

Jetzt floß ihr ja die Rede vom Mund – und aus dem Herzen; und das war

die Hauptsache. Eine prächtige Frau, auch eine schöne Frau! Das war

ihm vordem nie aufgefallen. Aber auf diesem Gesicht mit den einfachen

Linien lag jetzt soviel Hingabe, soviel felsenfestes Vertrauen, daß es

schön wurde und auch jung, ohne doch eigentlich jung mehr zu sein. Und

ihre Stimme klang frisch.

Als Frau Mariechen jetzt ihre Wange auf die Stirn ihres Mannes legte,

schien sie des Fremden Anwesenheit völlig vergessen zu haben. »Bärtes,«

flüsterte sie in ihn hinein, »Bärtes, sei doch nit esu bang!« Und dann

wurde ihre Stimme ermutigend; das Anfeuernde lag noch mehr im Ton als

in den Worten. Sie faßte ihn bei beiden Schultern und sah ihm tief in

die Augen: »Mann, Mann, wer ein rein Jewissen hat, der braucht doch

keine Mensch zu scheuen. Und du hast en rein Jewissen, Bärtes, so wahr

ein Jott lebt!«

»Deine Frau hat ganz recht, Bärtes,« sagte Josef und nickte dem Freund

zu. Er wollte auch Frau Mariechen zunicken, aber sie hatte sich

losgemacht und war rasch hinausgeeilt, errötend wie ein Mädchen, dessen

Liebesgeständnis ein Unbefugter belauscht hat. »Du hast ’ne famose

Frau, Bärtes!«

»Dat weiß ich, dat weiß ich!« Der Bürgermeister lächelte, aber es war

nur ein flüchtiger Glanz, der über sein Antlitz huschte. »Sie jlaubt an

mich. Sie weiß ja auch, wie ich’t jemeint hab – wenn ich nur andere

davon auch überzeugen könnt! Oft mein ich jetzt, ich hab doch nit

dat Richtge jetan. Jott, Jott –« er verstärkte plötzlich seinen Ton,

stützte beide Arme auf den Tisch und den schweren Kopf zwischen sie –

»wenn ich dächt, dat durch en Wasserleitung die Typhusjefahr abjewendt

wär, ich könnt mir die Haar aus ’m Kopf reißen, dat se noch nit jebaut

is!« Er faßte sich mit beiden Händen in die Haare und riß daran. »Ich

Esel, ich Schafskopp, ich Doof-Uehl!«[22] Er stöhnte auf und schloß die

Augen wie in einem Schwindel.

[22] Scheltwort: taube Eule.

Es war heiß und still in der Stube, man hörte das Fliegengesumm.

»Josef!« Etwas ruhiger geworden, hob der Bürgermeister jetzt wieder

von neuem an: »Siehste, Josef, mer meint et so jut und macht et doch

immer all verkehrt – und dat macht eso traurig. Is et dir auch als so

erjangen?« Fast hilflos sah er den andern an, auf seiner Stirne perlte

der Schweiß.

»Und ob!« Josefs Mund verzog sich zu einem leicht-ironischen und doch

auch bitter-traurigen Lächeln. »Ob’s mir so ergangen ist?!« Er sagte

mehrmals rasch hintereinander: »Immer! Öfter als dir, Bärtes, das kann

ich dir sagen. Du bist doch ein anderer Kerl. Dich möchte ich beneiden

– jetzt doppelt, weil ich weiß, was du an deinem Mariechen hast. Ich

habe niemanden!« Er seufzte. Aber rasch die Bewegung abschüttelnd, die

ihn erfaßt hatte, lachte er auf. »Wir leben nun einmal, alter Junge,

leben, um alles verkehrt zu machen. Das ist nicht anders. Wie’s uns

ergeht, geht es noch vielen; ich könnte dir Exempel von Beispielen

erzählen – oh! Aber ich denke, wenn wir wenigstens das Gute anstreben,

das, was wir als das Gute erkannt zu haben glauben, das ist doch schon

immer etwas!«

»Dat is nit jenug,« sagte der Bürgermeister langsam und stand

schwerfällig auf. »Ich will dir wat sagen, Josef! Et jibt en Lied in

der Kirch – du kennst et jewiß nit mehr – dat lernt mer auch schon in

der Schul. Et heißt drin:

›Unser Wissen und Verstand

Ist mit Finsternis umhüllet,

Wenn nicht deines Geistes Hand

Uns mit hellem Licht erfüllet.‹

Und dat is gewißlich wahr, Josef! Dat is die einzige Erkenntnis, die

wir haben!«

XII

Überall rührte sich der alte Feind. Die Fälle von Typhus im Lager und

die Fälle zu Heckenbroich waren der Anfang; andere folgten nach in

den Dörfern, die wie Oasen, grünen Tellern gleich, im roten Heidemeer

schwimmen. Da und dort. Noch war es keine Epidemie, wie sie zu früheren

Zeiten wohl geherrscht hatte, aber doch ging ein Grausen durch alle

Gemüter.

Der Kreisphysikus erstattete Bericht nach Aachen; der Landrat runzelte

die Stirn.

Bei der schönen Helene im Weißen Schwan kamen die Herren zusammen;

sie waren ganz ein und derselben Meinung, auf Leykuhlen wurde viel

geschimpft. Dieser dickschädelige Bauernbürgermeister! Es war kaum zu

glauben, daß ein sonst doch ganz intelligenter Mann sich so gegen alle

Neuerungen verschloß! Der Kreisphysikus kannte die Bauern: natürlich

soffen sie aus den geschlossenen Brunnen! Am grünen Klee, wo das Wasser

am schlechtesten war, war ja auch der erste Fall gewesen. Diese

unvernünftigen Leute konnten es nicht lassen, sie glaubten es eben

nicht; nachts wurde geschöpft, weil es am Tage des Verbotes wegen nicht

möglich war, und der Bürgermeister, der doch sicher drum wußte, drückte

nicht nur ein Auge, nein, alle beide zu. Unerhört!

Es war an einem heißen Vormittag, als Kreisphysikus und Landrat beim

Frühschoppen im Schwan saßen und durchs geöffnete Fenster drüben auf

der anderen Gassenseite den Bürgermeister von Heckenbroich vorübergehen

sahen. Er ging langsam mit gesenktem Kopf und suchte den Schatten; sein

Gesicht war hochrot, das Taschentuch, mit dem er den Schweiß wischte,

hielt er in der Hand.

Helene mit ihren Luchsaugen war die erste gewesen, die ihn erspäht

hatte. Sie machte »pst!« und winkte ihm mit dem Finger. Er mußte das

wohl bemerkt haben, aber er tat, als hätte er nicht Auge noch Ohr. Erst

als der Landrat ans Fenster trat, und auch der Kreisphysikus diesem

über die Schulter weg rief: »Hela, Leykuhlen! Guten Morgen! Hören Sie

denn nicht?« blickte er zum Schwan hinüber.

Die Herren winkten; nun konnte er nicht anders. Unwillkürlich hob er

den Kopf: nein, das sollten sie nicht denken, daß er ihnen auswich! Mit

ein paar großen Schritten war er über der Gasse; nun stand er unter dem

Fenster: »Tag zusammen!«

»Kommen Sie denn nicht herein?«

»Ich bin et nit gewohnt, hier ’ne Frühschoppe zu trinken!« Aber wenn

die Herren ihm etwas zu sagen hatten, kam er schon herein. Er trat ein

und setzte sich zu ihnen an den Tisch.

Der schönen Wirtin Augen funkelten; sie machte sich am Büfett zu

schaffen und räumte, was sie sonst nie tat, zwischen den Gläsern auf.

Das wollte sie doch auch gern mal hören, wie die den Bürgermeister

zwischennahmen. Das gönnte sie ihm. Es regte sich etwas wie

instinktiver Haß in ihr gegen diesen Mann, der ihr abgeneigt war;

und daß er das war, das fühlte sie seit langem schon. Was hatte sie

ihm eigentlich getan? Er war doch ein stattlicher, ansehnlicher Mann

– warum war er denn so eklig gegen sie?! Eine starke Röte stieg ihr

in die weiße Stirn: der, der hätte am liebsten alle abgehalten, hier

herunter zu kommen! Der, der war gar am Ende dran schuld, daß der

arme Junge, der Abeking, geschaßt worden war?! Ob er sie und Abeking

wohl auf dem Gaul hatte reiten sehen als verliebtes Pärchen in der

Mondscheinnacht?! Mit unsicheren Blicken lauerte sie zu ihm herüber.

Leykuhlen saß das Gesicht ihr zugekehrt, aber er achtete ihrer gar

nicht. Das war sie nicht gewohnt, das boste sie gewaltig. Wenn sie ihm

nur ordentlich die Hölle heißmachten! Sie hob sich unwillkürlich auf

den Zehenspitzen und reckte den Hals lang, ihre Zungenspitze züngelte

im Lächeln zwischen den Zähnen vor: aha, jetzt kriegte er’s aber mal!

Der Landrat hatte gesprochen: »Wie steht’s bei Ihnen oben,

Bürgermeister? Noch sind mir keine neuen Fälle gemeldet worden, aber

mit dem einen Ihrer Erkrankten soll’s ja sehr schlecht stehen. Ist dem

so?«

»In der Tat!« Leykuhlen hatte den Rücken von der Stuhllehne gehoben und

saß nun da, ohne Lehne, kerzengerade. Aha, ein Verhör! »In der Tat,

Herr Landrat, dem Mechernich wird et wohl an den Kragen jehen!« Er tat

gleichgültig, aber die Stimme konnte seine innere Erschütterung nicht

verhehlen.

»Das ist der Fall am grünen Klee, da, wo die Brunnen besonders schlecht

sind, Herr Landrat,« erklärte der Kreisphysikus.

»Ja ja, ich weiß, ich weiß, ich bin ganz genau orientiert!« Der

Landrat zog die Brauen hoch. »Es ist sehr bedauerlich. Das brauchte

nicht zu sein. Die Familie brauchte nicht des Ernährers beraubt zu

werden!« Er wechselte einen raschen Blick mit dem Kreisphysikus und

neigte sich dann mit einer impulsiven Bewegung zu Leykuhlen hinüber:

»Bürgermeister, Bürgermeister, warum habt ihr nicht längst eine

Wasserleitung gebaut?! Nun heißt es wieder: Venn, Venn, Sumpf – aber

das schlimmere, viel schlimmere Übel ist eure Verbohrtheit! Ohne

gesundes Wasser keine gesunde Bevölkerung. Und Licht, Luft in die

Häuser! Die Hecken nieder, die Fenster auf, und Wasserleitung in jedes

Haus!«

»Und ein Krankenhaus an den Ort,« ergänzte der Physikus. »Wie oft ist

unser städtisches Spital überfüllt, so überfüllt, daß wir unbarmherzig

abweisen müssen!«

»Und –« der Landrat wollte noch etwas sagen, um wiederum den

Kreisphysikus zu ergänzen, aber der Bürgermeister schnitt ihm gegen

alle Regeln der Höflichkeit die Rede ab.

»Ich denk, wenn wir en Wasserleitung hätten, wären wir all so gesund,

dat wir kein Krankenhaus mehr gebrauchten,« sagte er ohne allen Hohn,

aber mit Nachdruck. Und dann stand er auf: »Nu weiß ich ja Bescheid,

nu kann ich wohl jehen, meine Herren!« Er reckte sich in seiner ganzen

Größe; dann ließ er seine blauen, jetzt so feurigen Augen rasch nach

dem Büfett hinblitzen: wer hatte da gekichert?!

Die schöne Helene wurde dunkelrot. Ein Blick der Verachtung hatte

sie getroffen, einer so sprechenden, einer so deutlichen Verachtung,

daß ihre Kniee zu beben anfingen. Sie stahl sich zum Türchen hinaus.

Draußen im kleinen Gang, der zu ihrem Privatgemach führte, stand sie,

zitternd vor Wut, und preßte doch die Fäuste gegen den Mund, um nicht

laut herauszuweinen. Sie schämte sich auf einmal so – warum? Sie wußte

es selber nicht. Unklare Empfindungen stürmten auf sie ein. –

Die drei Männer am Stammtisch waren aufgestanden. Es war eine

gewisse Kühle in dem Händedruck, mit dem die beiden Herren Leykuhlen

verabschiedeten. Er fühlte die Kälte. Den Nacken hielt er steif. Nun

noch das Letzte gesagt! Und er sagte mit einem tiefgeschöpften Atemzug,

ohne mit der Wimper zu zucken: »Nu will =ich= Ihnen auch not wat sagen,

Herr Landrat, und Ihnen, Herr Kreisphysikus! Ich bin herunterjekommen,

weil, weil – ich hab et dem Doktor mitjeteilt – mich wundert, dat Sie

et nit schon zu wissen jekriegt haben – seit heut morgen ist auch ein

Knabe vom Weber erkrankt. Der wohnt auch am jrünen Klee. Et wird wohl

auch Typhus sein. Morgen zusammen!«

Er ging, ohne sich noch einmal umzusehen. Sie riefen ihn auch nicht

zurück. Sie standen ein paar Augenblicke da und sahen sich stumm an,

und dann setzten sie sich stumm wieder nieder zu ihrem Wein. Aber er

schmeckte ihnen nicht mehr.

Bleiern lastete der Himmel über der Gasse. Unter dem bleiernen Himmel

schritt Leykuhlen hin. Solange er noch in der Stadt war, behielt

er seine aufrechte Haltung bei; aber nun, da die hochgegiebelten

Schieferdächer hinter der Felsnase des Burgfelsens untergetaucht waren,

veränderte sich seine Haltung. Er sank förmlich in sich zusammen. An

der steinernen Brüstung der Straße, hinter der große, rundgewaschene

Felstrümmer das Flußbett füllen, stand er still. Ein Zittern war in

seine starken Knie gekommen, er lehnte sich gegen das Steinmäuerchen.

Sie hatten ihn doch nicht klein gesehen! Aber kein Triumph war in

seinem Innern – denn hier war er allein, und hier war er, ach, so klein!

Einen schweren Blick ließ er rundum gleiten. Da war die liebliche

Au, und über die Tannen der Höh guckten die Leyen. Aber heute atmete

er hier nicht auf, wie sonst, wenn er der Stadt entronnen war. Heute

dünkte ihn der Sommertag unerträglich. Diese Hitze! Hier unten gaben

die Talwände noch einigen Schatten, am Wasser war das Grün sogar

noch grün, aber oben, oben waren die Matten ja längst gelb, das

Gras verdorrt bis in die Wurzeln. Wie sollte das noch werden?! In

diesem Jahr gab es keine Weide mehr; und wenn man jetzt schon vom

eingebrachten Heu zehrte, womit sollte man das Vieh denn durchfüttern

den langen, endlosen Winter? Und wenn die Regierung auch aushalf,

wie in anderen futterarmen Jahren, viel Vieh würde doch verkauft

werden müssen, losgeschlagen um jeden Preis. Zu helfen stand nicht in

Menschenmacht – einzig helfen konnte nur der, der da droben!

Er richtete seine Augen zum Himmel. Wenn er regnen lassen wollte!

Tagelang, nächtelang, daß sich der vertrocknete Boden vollsog, daß die

Wurzeln noch einmal ausschlugen, daß die Weiden sich neu begrünten, daß

die geborstene Erde ihr durstig geöffnetes Maul schloß. Dann konnte

noch alles gut werden. Nur Regen, Gott im Himmel, nur Regen!

Die Sonne hatte sich für wenige Augenblicke hinter bleierne Wolken

verzogen. Ha, da war sie schon wieder! In geradezu quälender Helle

strahlte sie nieder. Es schwamm Leykuhlen vor den Augen, mit einem

Seufzer drückte er die Lider zu: und wie sollte es mit der Krankheit

werden? In dieser Luft wurde es damit nicht besser. Nun war der Knabe

erkrankt, der Dores – war es auch Typhus? Noch wußte man es nicht

bestimmt, der Doktor sollte es erst feststellen; aber die völlige

Bewußtlosigkeit, in der das Kind lag, ließ wohl kaum eine andere

Deutung zu. Der blöde Knabe kroch überall herum, wer weiß, was er sich

in den Mund gestopft hatte! Mariechen war gleich zu den Huesgens

gegangen, als Kathrinchen die Krankheit melden gekommen war, und er

war herunter zum Doktor gelaufen. Ach, es war doch eine Wohltat, sich

wenigstens in etwas zu betätigen! Zu viel, allzuviel hatte er schon

versäumt – konnte er es je wieder einbringen?!

Mit heftiger Gebärde riß der Mann die Lider wieder auf, seine Augen

fuhren umher: ›Gott Vater, Sohn und heiliger Geist, seht uns arme

Sünder, seht mich armen Sünder zumal, erbarmt euch!‹

Die Hände vor sich gefaltet, die Augen groß und starr geradeaus

gerichtet, schritt der Bürgermeister bergan. Ein Kummer war in seiner

Seele und ein Verzagen.

Die Sonne gloste ob seinem Haupt, wie ein tiefgefärbtes blaues Tuch

spannte sich der Himmel, kein Regen war in Sicht über Heckenbroich;

ausgedorrt alles Land, so weit das sehnende Auge reichte. Wie stickiger

Dunst stieg’s empor vom Venn, ein Brodem kroch übers Moorland; schwer

und befangend legte er sich auf Gemüt und Körper. Müdes Schweigen

zwischen Himmel und Erde. Da plötzlich ein Läuten – horch, das

›Angelus‹!

Der Wanderer hielt an. Sieh, da war ja der Turm von Heckenbroich! Und

sieh, da war sie auf einmal voll da, sie, die Kirche, die man noch

nicht hatte sehen können vom letzten Aufstieg! Zwischen hohen Tannen

ragte sie, schöner noch, und viel höher als diese. Vom Dorf war noch

nichts zu entdecken, das lag versunken hinter den Hecken, aber hier,

im Ausschnitt der Tannen, die wie lebende Pfeiler das schöne Bild

einrahmten, stand die Kirche von Heckenbroich, klar und deutlich auf

dem Goldgrund der ewigen Sonne und grüßte weit übers Hochland hin.

Mit einem tiefen Aufatmen nahm der vom raschen Aufstieg Keuchende den

Hut ab. Er neigte den Kopf; ein Aufleuchten ging dabei über sein

bekümmertes Gesicht: da war sie ja, die Kirche, die neue Kirche von

Heckenbroich, der Eifler Dom!

* * * * *

Es war am Tage des ewigen Gebetes. Feierabend – Mitternacht – die ganze

Nacht hindurch das gleiche murmelnde Beten.

Sie füllten das dämmernde Schiff der Kirche, sie knieten auf den

schmalen Betbänken, die Hände mit dem Rosenkranz an die leis sich

bewegenden Lippen gehoben, und beteten das Gebet der Bittwoche:

»Heilige Maria, du Hilfe der Christen, bitte für uns! Ihr Heiligen

insgesamt, flehet für uns am Throne Gottes!«

Auf seiner Betbank kniete der Bürgermeister. Wenn die anderen einmal

wieder sich niedersetzten, um auszuruhen, kniete er immer noch. Ohn

Unterlaß betete er auf dem bretternen Bänkchen, das viel zu schmal war

für seine Knie und viel zu niedrig für seine Größe. Er fühlte nicht,

daß die gekrümmten Füße ihm abstarben, und daß seine Knie steif wurden.

Das Gesicht hielt er in die Hände gedrückt, in seiner Seele schrie es:

›Der du ins Verborgene siehest,

der du deine Sonne aufgehen lässest über Gute und Böse,

der du regnen lässest über Gerechte und Ungerechte,

du unsere einzige Zuflucht und Hoffnung, sei uns gnädig!‹

Seine Augen schmerzten. Er hob das Gesicht aus den Händen, er bohrte

den brennenden Blick durchs Dämmerlicht der Kirche, bis er haftete

auf dem Fenster überm Hochaltar, durch dessen Glas die Gestirne

hereinleuchteten in unumwölkter Klarheit.

Am Dach der Kirche stand der Mond, nicht silbern, wie sonst, nein, rund

und voll und rot, eine zweite Sonne, die die Sonne des Tages ablöste

auf ihrer Bahn. Und um sie her stand der Chor der Sterne, flinzelnd

vor blankem Glanz, wie sonst nur in eiskalter Winternacht.

Das Kreuz im Venn · 第 18 / 27 段