Bild, ein ganz wunderbares Bild. Man brauchte kein Wort von dem zu
vernehmen, was sie flüsterten, man wußte es, sie sprachen von Liebe.
Und Liebe atmete die ganze Natur: die Mondnacht, die Tannen, der
Wildbach. Niemand auf der Welt, als nur diese zwei. So mochte es damals
im Paradiese gewesen sein, so einlullend-schön, so verführerisch-still,
als Adam den Apfel nahm, den Eva ihm bot, und davon aß.
Jetzt waren die Reitenden gerade unter dem Lauscher, er beugte sich
über den Rand des Felsens mit weitgeöffneten Augen.
Der Mond beschien zwei blonde Köpfe, die ohne Mütze, ohne Hut, ohne
Tuch, die Stirnen dem kühlenden Atem der Nacht preisgaben. Ihnen machte
die Liebe heiß. Es trabte der Gaul – trapp, trapp – er hatte einen
Hackenstoß bekommen, sein Huf schlug so hart aufs Gestein der Straße,
daß Funken sprühten. Trapp, trapp. Jetzt ein jäher Halt. Der Reiter
hatte sich abgeschwungen. Da war ein kleines, verstecktes Pfädchen,
das von der Chaussee zum Bach niederwärts führte, zu samtigem, duftigem
Gras, zu weicher Ruhestatt. Der Reiter hob die Geliebte herab.
An eines der kleinen, neugepflanzten Ahornbäumchen wurde der Gaul
gebunden. Er scharrte ungeduldig, man hörte die Hufe klappern; es
plagten ihn die Mücken in der lauen Nacht. Ah, sie würden ihn noch
lange plagen, der hatte gut warten! Hoch erhoben, wie ein Sieger die
Beute, hatte der Liebende die Geliebte ins Versteck getragen – zusammen
schlugen die Äste, man sah nichts mehr von Adam und Eva.
Wie vordem lag die nächtliche Landschaft wundersam beschienen, ein
herrliches Bild, die schönste Dekoration zum schönsten Spiel. Aber
Josef behagte sie jetzt nicht mehr. Was klapperte der Gaul denn so
ungebärdig und schlug nach den Mücken und stampfte und schnaufte! Das
störte den Frieden.
Langsam, zögernd machte sich Josef auf den Heimweg. Noch ein paar Mal
schaute er sich um: der Gaul stand noch immer einsam, riesenhaft groß
im Märchenschein, und scharrte die Straße. Die Glücklichen! Eine Nacht,
geschaffen für die Jungen und Begehrenden. Mochten sie leben, genießen!
Was ging’s ihn an, wer sie waren, woher sie kamen, wohin sie gingen?!
Sie gehörten in diese mondbeglänzte Nacht, die Netze spinnt, in die
alle Kreatur sich verstrickt. Er aber gehörte nicht mehr hierher.
»Josef, geh du nach Haus, leg du dich ins Bett,« sagte er, jetzt
plötzlich ernüchtert, laut zu sich selber. Da – er nieste – schon ein
Schnupfen! Mit lächelnder Selbstironie zuckte er die Achseln: das
Liegen im Tau bekam einem eben nicht mehr!
Er beschleunigte seinen Schritt, bald war er im Städtchen. Die Turmuhr
schlug Zwei. Alle Lichter waren längst erloschen, unter dunklen Dächern
schliefen die Bürger. Der Nachtwächter schlief, auch der Mond ging
jetzt schlafen. Josef hatte leise die Haustür hinter sich zugemacht.
Kein Mensch war mehr draußen.
Aber einsam stand noch immer der Ardennergaul auf der dämmrig und
dämmriger werdenden Chaussee. Immer ungeduldiger schlug sein Huf die
Steine, er zerrte am Halfter, daß das junge Bäumchen sich bog, nicht
viel fehlte, und er hätte es ausgerissen. Er wollte nach Haus, in den
Stall, er wollte an die Raufe. Wütend schlug er mit Schwanz und Huf
nach dem Geziefer. Er konnte nicht traben, nicht galoppieren, es durch
den Luftzug verscheuchen; es bohrte sich ihm ins Fell, bald vorn an
der Brust, bald hinten auf den Schenkeln, unterm Bauch, auf der Krupp.
Er schnaufte, er brustete, seine Flanken schäumten. Er blähte die
Nüstern, sie schienen Feuer zu sprühen durch die Nacht. Jetzt stieß
er ein Wiehern aus, daß die Stille sich erschreckte, und machte einen
entsetzten Satz, bei dem er die Hinterfüße hoch in die Luft warf, den
Kopf fast vorn bis zur Erde stieß. Ein Wiesel war vor ihm hergehuscht,
ein Fuchs, ein Iltis, oder sonst irgend ein Nachtgetier.
Er zitterte schreckhaft und zerrte am Halfter in nervöser Ungeduld.
– – –
XI
Nun war das Pfingstfest vorüber. Vater Huesgen war mit dem Arbeiterzug
in aller Frühe um vier schon nach Aachen gefahren; er kam erst nächsten
Samstag wieder, aber wenn er dann heimkehrte, fand er die Mutter gewiß
ganz munter, denn die Bäreb kehrte ja heut zurück. Darauf hofften sie.
Gestern war sie gesprungen zu Echternach, und heute schon glaubte Frau
Huesgen die wohltätige Wirkung zu verspüren. Sie fühlte sich frischer;
was sie lange nicht getan hatte, sie schürzte ihr Kleid und fing an,
den Melkeimer zu scheuern, und dann die Eimerbank und das Fäßchen,
in dem sie so lange keine Butter mehr gedreht hatte. Wer weiß, wenn
das weiter so ging, konnte sie bald Butter machen, ein paar Klütchen
hinuntertragen zum Verkauf in die Stadt.
Von dem Sonnenschein des Festes lag noch über Hecken und Halden. Die
Kinder zirpten noch lose wie sommerfrohe Spatzen zwischen den Hecken,
sie hatten erst morgen Alltag, wenn die Schule anfing. Die kleinen
Huesgens waren zur Eisenbahn gerannt, die Schwester zu holen; sie
belagerten den Bahnsteig, bis der Zug aus St. Vith ankam. Aber Bäreb
war nicht darin. Das war eine Enttäuschung. Ein Teil der Kinder lief
heim, um der Mutter zu verkünden, daß die Bäreb nicht gekommen sei;
die anderen blieben unten am Bahndamm sitzen, flitschten Steine in den
vorüberquirlenden Fluß und warteten geduldig. Es kam ja noch ein Zug
von St. Vith, freilich erst gegen Abend. Hei, wer zuerst die Bäreb sah
und den Dores, und das der Mutter verkündete, der war König!
Kathrinchen war nicht bei den Geschwistern. Sie hütete. Bartholomäus
Adams, der Nachbar am grünen Klee, hatte viel Vieh, und der hatte sie
gedungen für den ganzen Sommer. Nun brauchte sie nicht wie sonst in die
Schule; das tat ihr eigentlich leid, es war so schön da, und sie lernte
gern, aber der reiche Bauer gab fünfundzwanzig Mark für den Sommer und
was zu essen, und zum Herbst ein paar neue Schuh. Und schön war’s ja
auch draußen, wo die Bienen am Rain summten und die Hirsche, wenn der
Abend kam, ganz dreist aus dem Dickicht traten und unterm Vieh grasten.
Der Bauer hatte Kathrinchen die Kühe besonders auf die Seele gebunden,
war ihm doch die schöne braune Kuh gestorben, trotz Doktor Dreiborn,
und trotzdem man das Kalb in Stücke geschnitten hatte. »Paß op, dat se
net zo viel loofe on schlag se net mö’m Stecke! De Dreiborn, de Esel!
Verklagen müßt ich de Kerl! Äwer de kümmt jo su wie su in de Höll.
Jibst du äwer net Aacht, dat roden ich dir, da krißte de Huck jeschurt!«
Kathrinchen hatte verständnisvoll genickt: ach ja, das war ein Verlust,
die braune Kuh, da konnte man wohl drüber weinen. Aber sie würde schon
Obacht geben, der ›Uehm‹ konnte ganz ruhig sein, ihr kam keine zu
Schaden, der liebe Gott war ja immer bei ihr und den Kühen. Der Bauer
hatte geschmunzelt: »Da krißte ooch jet, wann Markt is!«
Kathrinchen hatte sich aufgemacht, als noch der Morgentau lag, und
hatte seine sieben Stück vor sich hergetrieben zum Venn hinauf. Die
Wiese des Bauern war noch nicht gemäht, drum hütete es so lange hier
oben.
Die Marienley war nicht fern, auf dem großen Kreuz blinkerte so
hell die Sonne, daß es strahlte wie in einem Glorienschein. Der
Eisenbahndamm war von hier oben gesehen ganz niedrig, die Schienen
waren nicht dicker als Haare, und der Fluß, der am Damm vorbeilief, war
wie ein Faden. Und es war so still hier, gerade noch, als sei es hoher
Feiertag. Vom Dorf herüber kam kein Laut, nur vom Truppenübungsplatz
hörte man das dumpfe Schießen.
Jetzt sah Kathrinchen auch etwas von den Soldaten: Pferde trabten
geschwind – Fähnchen flatterten im Morgenwind – Staubwirbel ballten
sich zu Wolken – mächtige Gäule galoppierten, Karren auf hohen Rädern
schleppten sie hinter sich her. Das waren die Geschütze. Ei, das war
lustig anzusehen hier aus sicherer Entfernung! Kathrinchen setzte
sich behaglich auf einen der Felsbrocken unweit der Ley. Sie fühlte
sich so wohl hier in der Einsamkeit, von niemandem gesehen und selber
die Menschen nur sehend, als seien es Puppen. Kein Gedanke von Furcht
beschlich sie, die Mutter Gottes war ja so nah dort im großen Stein,
den dunklen Felsspalt erhellend mit ihrer Lieblichkeit. Wer sollte ihr
hier wohl was tun?! Und Wölfe gab’s schon seit vielen Jahren nicht
mehr hierzuland; früher, ja früher, wie der Herr Lehrer erzählte, da
waren sie aus den Ardennen herübergelaufen gekommen in die Eifel,
verhungert und gierig, und hatten Hühner gefressen und Lämmer gewürgt.
Weinen hatte Kathrinchen müssen, als der Lehrer das erzählt hatte – so
ein Lamm, so ein armes weißes Lämmchen zu Tode gewürgt!
Jetzt zog sie ihr Strickzeug aus der alten Strohtasche, die auch Bäreb
schon umgehängt hatte, als sie noch hüten gegangen war. Kathrinchen war
immer fleißig, es hatte dem Vater schon ein paar Strümpfe gestrickt
und den Brüdern der Reihe nach. Nun war der Dores daran, aber für den
brauchten die Strümpfe nicht so lang und weit zu sein; das ging rasch.
Ehe Kathrinchen anfing, mit den groben Nadeln zu rasseln, richtete sie
die Augen zum Himmel auf, daß ihre samtige Schwärze sich erhellte vom
goldigen Licht, das in sie herniederfloß, und hub ein Morgenlied zu
singen an:
»Im Namen Jesu wach ich auf,
Im Namen Jesu steh ich auf
Und ziehe sittsam an mein Kleid,
Im Namen der Dreifaltigkeit.
Hochheiligste Dreifaltigkeit,
Gott Vater, Sohn und heilger Geist,
Ach schütze mich in aller Not,
Vor Feuer, Wasser, schnellem Tod!«
Die klare Stimme klang hell und weit übers Venn. Es war, als ob ihr
alles lauschte. Der Morgenwind hatte sein Wehen eingestellt, die Kühe
hoben die Köpfe, guckten mit den schönen dummen Augen nach der Hirtin
und ließen das kurze, harte Rupfen sein, mit dem sie das zähe Gras vom
Boden abrissen.
Immer höher stieg die Kinderstimme in die Luft, immer weiter klang sie
hinaus:
»Auch bitt ich dich, o Gott, verleih
Mir gnädiglich der Engel drei,
Die heute mir und jederzeit
Geleiter sei’n zur Seligkeit.
Der erste mög mir Führer sein,
Der zweite Kraft im Kampf verleihn,
Der dritte schütz mich immerdar,
Daß mir nichts Böses widerfahr!«
Kathrinchen kannte viele solche schönen Lieder, aber dieses Lied
liebte sie am meisten. Sie hatte es heute beim Aufstehen, und während
sie im Herd das Feuer anblies, schon vor sich hin gesagt, aber der
Rauch war ihr in die Kehle geschlagen, sie hatte es nur in sich
hineinmurmeln können, schon um die Mutter nicht zu wecken, die sich
noch einmal niedergelegt hatte, nachdem der Vater fortgegangen war.
Hier aber konnte sie laut nach Herzenslust singen. Hier kamen auch die
Geschwister nicht immerfort gerannt, zupften sie hier, zupften sie
da, wollten bald dieses, bald jenes. Ach, die Jungens! Kathrinchen
schüttelte altklug das Köpfchen, wenn sie daran dachte, daß sich die
großen Jungen noch immer nicht selber einen Hosenknopf annähen konnten
und ihr das Bein hinstreckten: »Bind mer ens de Rieme!«
O, hier war es gut sein, hier hatte sie Ruh! Die Kühe fingen wieder an
zu rupfen, aber es war, als ob sie im Takt rupften und dazu nickten,
das machte Kathrinchen Spaß. Sie sang voller Lust und sang immer lauter
und heller der Reihe nach alle Lieder, die sie konnte und warf dabei
den groben Wollfaden auf dem gestreckten rechten Zeigefinger über die
langen eisernen Nadeln, die sie unter die Arme gesteckt hatte, so
flink, daß das Strümpfchen zusehends wuchs. Ei, der Dores hatte ja so
dünne Bein’, das war ihm bald maß!
Das Strümpfchen vor sich hinhaltend und es freudig anblinzelnd, saß
sie sonnenbeschienen auf dem Stein, mit ihren Füßen baumelnd. Man sah
ihr Figürchen schon von weit her. Sonst war nichts ragendes auf der
Hochfläche, als die Ley mit ihrem Kreuz im schwarzen Dickicht der
Tannen.
Simon Bräuer kam von der Strafkolonie her. Deren tiefgehendes neues
Ziegeldach schrie wie Blut aus dem Braun des Moorlands; noch blühte
das Venn nicht überall, seine Farbe war noch eintönig. Zögernd
hatte sich der Aufseher erst noch ein paar Mal nach dem Hause
zurückgewendet: würde der Hilfsaufseher auch gut aufpassen? Er war
erst kürzlich eingetreten, und die Kerls waren jetzt so renitent; am
ersten Pfingstfeiertage war der Süßchenbäcker frech geworden. Der Kerl
protzte wohl auf seine Kraft? Hei, den hatte er aber zu Boden geduckt
mit einem Blick, daß er sich nicht mehr muckte. Der Rotfuchs, der war
auch wie ein Toller gewesen, wollte nicht mit zur Kirche, hörte auf
kein Kommando, lief herum wie ein wildes Tier im Käfig, hatte sich auf
sein Bett geschmissen, den Kopf gegen die Wand gekehrt, so daß er ihn
zum Sich-besinnen mal ins Kaschöttchen hatte führen müssen, in das
enge, stockdunkle Käfterchen hinter der schweren Bohlentür mit den
eisernen Haspen. Ohne Licht, ohne Beschäftigung, ohne Suppe hatte er
darin gesessen, bis er zahm geworden war am andern Tag. Was fiel den
Kerlen denn ein, steckte ihnen der Frühling im Blut, der auch aus den
elendesten Knorren Schößlinge treibt? Freilich – Simon Bräuer sah sich
um, ließ seine Falkenaugen schweifen von Ost nach West, von Süd nach
Nord – arme Teufel, jetzt war es lockend! Die Ferne blaute im Duft, aus
dem Moorgrund stieg ein kräftiger Geruch; bald würde hier alles rosa
blühen von den Glöckchen der Vennheide. Jetzt hieß es aufpassen!
Er setzte die Zähne aufeinander. Aber seine Frau brauchte keine Angst
zu haben – sie war gestern hier oben gewesen, er hatte ihr rund
ums Haus alles gezeigt – es passierte schon nichts! Was die Weiber
so schreckhaft sind! Er hatte mit ihr draußen gestanden, ihr etwas
erklärt, sie hatte an seinem Arm gehangen, da hatte sie plötzlich
aufgeschrieen und den Kopf an seiner Brust versteckt. Nun, was war denn
los? Sie hatte nachher selber darüber gelacht und sich geniert, daß sie
so furchtsam gewesen war. An die Gitterstäbe des Schlafsaals hatte der
Rotfuchs seine Nase gedrückt – nun ja, schön war der gerade nicht, es
gab Schönere, aber zum Fürchten war er doch auch nicht. Aber sie hatte
sich immer wieder geschüttelt: buh, sah der einen an! Sie war gar nicht
davon abzubringen, immer wieder fing sie an von dem Kerl zu sprechen.
Verwünscht! Beinahe hätte der verdammte Kerl ihren ganzen schönen
Entschluß wieder über den Haufen geworfen. Auf einmal wollte sie sich
nicht mehr recht entschließen, mit den Kindern herzuziehen: es wäre
doch gar zu verlassen, zu einsam hier oben. Sie fürchtete sich aufs
neue. Und sie hatte doch fest versprochen gehabt, zum ersten August
spätestens oben zu sein! Er wollte dann darum einkommen, daß er ein
Häuschen für seine Familie gebaut bekam, nicht allzuweit ab, etwa auf
halbem Weg zwischen Heckenbroich und der Strafkolonie, sodaß man doch
Weib und Kind sehen konnte, wenn es einem gar so gelüstete. Er hatte
sich das so schön gedacht – und nun?!
Bräuer zog die Stirn zusammen, sein Gesicht wurde streng: sie =mußte=
herauf. Sie waren Mann und Weib, und das Weib hatte dem Mann zu folgen.
Das wollte er ihr heut sagen zum Abschied.
Er zog die Uhr und sah finster darauf: elf Uhr. Nur noch eine Stunde,
und Thereschen war fort! Dann rollte sie da unten hin in dem schwarzen
Zuge über die Geleise, und er hatte das Nachsehen. Er seufzte auf.
Unwillkürlich beschleunigte er seine Schritte: je früher er zum Bahnhof
kam, desto länger hatte er noch was von ihr. Er lief fast Trab, und
dabei grübelte er in sich hinein: wie sollte er’s nur anstellen, sie
sobald als möglich wieder hier oben zu haben? Es dünkte ihn jetzt
viel unmöglicher, ohne sie zu sein, als da er das erste Mal von ihr
geschieden war.
Eine bittende Stimme schreckte ihn auf. »Könt Ihr mir saone, wie vill
Uhr et is?« Die kleine Hirtin saß auf einem Stein, nicht weit von den
Tannen. Jetzt rutschte sie von ihrem Sitz herab, legte ihr Strickzeug
sorglich nieder und kam mit trippelnden Schrittchen lächelnd auf ihn zu.
Sein finsteres Gesicht wurde ein wenig freundlicher: so würde sein
Töchterchen vielleicht auch einmal aussehen, nur daß es Flachszöpfchen
hatte, nicht so dunkele Haare wie die hier. Er antwortete: »Elf Uhr!«
»Merci. Da moß ich baal no hem driwe. Dä Küh weiden äwer noch esu jot!«
Sie nickte und wollte wieder zu ihrem Sitz zurück, zierlich durch das
Heidekraut trippelnd trotz der plumpen, schwergenagelten Schuhe, die
aufs Wachstum berechnet, viel zu weit um ihre zarten Knöchel schlorrten.
Er sah sie flüchtig an, dann betrachtete er sie interessierter; das
ernsthafte Gesichtchen unter dem weißen, rot-gepunkteten Kopftüchelchen
gefiel ihm wohl. Daß die Eltern dies junge Kind so ganz allein in die
Einsamkeit schickten! Er vergaß ganz, daß er selbst einst auch draußen
im Venn, noch viel weiter draußen, noch viel ferner von jedem Menschen,
das Vieh gehütet hatte. Aber er war ein Junge gewesen, dies hier war
ein Mädchen. »Biste nit bang?« fragte er.
Sie sah ihn groß an und schüttelte, ganz verwundert, verneinend den
Kopf.
»Wem biste?«
»Huesgens – ich bin jo dat Kathrinche!« Sie nahm es als ganz
selbstverständlich an, daß er sie nun kannte; jeder im Dorfe kannte sie
ja.
Aber er sagte: »Huesgen – Huesgen?«
»Huesgen-Jörres, am jrünen Klee, wo dir immer vorbeijeht, wenn dir nor
Kirch jeht!«
»Kennste mich denn?«
»Oh, ich kennen Uech siehr jot, dir sed der Herr Bräuer von dem Huhs
do!« Sie nickte nach dem roten Dach hin, das über eine Erdwelle
hervorleuchtete. »Dat sieht mer jo esu wiet. On wann dir möt Uehre Leut
vorbeikott, da kieken ich ömmer hinger der Heck eruhs.«
»Schmeißt du auch mit Steinen oder streckste de Zung eraus?«
Sie wurde ganz dunkelrot und sagte kein Wort.
»No, dann adjüs,« sagte er gutmütig und streckte ihr die Hand hin.
Aber sie gab ihm die ihre nicht. »Adjüs,« sagte sie nur und nickte; sie
war gekränkt: wie konnte er nur denken, sie würde die armen Leute mit
Steinen schmeißen?!
Er sah noch einmal nach ihr zurück, ehe er in die Senkung zur Bahn
hinabstieg. Ein Trupp seiner Strafgefangenen näherte sich jetzt der
Ley, die Schaufeln geschultert; sie fingen nicht weit von dem Platz der
Hirtin zu arbeiten an. Bräuer krauste die Stirn: er mußte doch wirklich
den Huesgens mal sagen, daß die ihr Mädchen wo anders zum Hüten
hinschickten. Es gab ja noch Plätze genug. Warum denn gerade hier, so
nahe der Kolonie?!
Aber er dachte nicht mehr weiter daran, als er jetzt an der Station
stand und sein Thereschen im Arm hielt. Die Frau weinte bitterlich,
viel heftiger, als da er fortgezogen war im Februar. Jetzt war ihr Herz
geteilt: sie hatte ihn ja so lieb und fürchtete sich doch so sehr. Ihr
schöner, stattlicher Mann – ach, würde sein starker Arm sie doch bald
wieder umfassen! Und doch – der Rotfuchs, die Kerle alle! Und dann das
Venn!
Er sprach kein Wort von ihrer Übersiedlung hierher. Er stieß nur
heraus: »Jrüß die Kinder, jrüß die Kinder,« und preßte ihr die Hand
dabei so fest, daß sich ihr der Trauring schmerzhaft ins weiche Fleisch
drückte. Als sie schon im Coupé saß, stand er noch auf dem Trittbrett
und drückte ihr die Hand. Er sprang erst ab, als der Zug schon in
Bewegung war. »Jrüß die Kinder!« Ein Ruf, ein Winken, ein lautes
Aufschluchzen im Coupé – fort war die Frau, und der Aufseher Simon
Bräuer wieder allein mit seinen Vierzig auf einsamem Venn.
Festen Schritts, aber den Kopf gesenkt, verließ der Mann den Bahnhof.
Nun fiel es ihm ein, nun, da es zu spät war, was er ihr hatte sagen
wollen: sie =mußte= herkommen, sie =mußte=. Spätestens zum ersten
August! Er machte eine Handbewegung: egal, es gab ja auch Feder und
Papier, er würde es ihr sofort schreiben. Und er glaubte auch zu fühlen
– ja, er hatte es gefühlt an ihrem letzten Kuß – daß er sie kaum zu
treiben brauchte. Sie kam her, sie kam bald her, so schwer es ihr auch
wurde!
Die Traurigkeit abschüttelnd, überlegte Simon Bräuer, daß, nun er
den Hilfsaufseher doch einmal bestellt hatte, es ganz gut wäre, wenn
der sich schon mit den Kerls ein wenig einlebte. Wenn die Frau erst
da war, würde er doch öfter fort sein; und auch nachts. Er beschloß,
auf einem anderen Wege, in einem Bogen durchs Dorf, nach der Kolonie
zurückzugehen. Bei dieser Gelegenheit konnte er sich gleich einmal nach
einer Wohnung für Thereschen umsehen. Bis das Häuschen für sie gebaut
war, würde es doch zu lange dauern.
Oben auf dem Venn hatten sich die Strafgefangenen zerstreut. Heute
waren sie nicht unter so strenger Hut. Der Roßschlächter und der
Schuster hatten sich zusammengefunden. Sie arbeiteten nebeneinander,
stachen aber nur blindlings mit ihren Spaten drauf los; ihre Augen
funkelten, sie wisperten hastig miteinander.
»Los, los, lassen mir jetzt auf und davonrennen!« flüsterte der
Süßchenbäcker. Pah, der Hilfsaufseher war nur ein schwacher Kerl, den
schlug er mit einem Spatenhieb nieder!
Der andere wurde blaß und rot. Auch seine Nüstern blähten sich, er
witterte schon die Freiheit. Frei, frei! Er stöhnte, seine Hände
umklammerten den Spaten wie eine Waffe; aber er erhob ihn noch nicht,
er stürmte noch nicht los wie ein Wilder. Er traute sich doch nicht.
»Los, los!« hetzte der andere. »So jut treffen wir dat nie mehr wieder.
Der Bräuer is sein Frau fortbringen – voran, – voran – bald kömmt de
retour!«
Sein Flüstern hatte etwas Anfeuerndes. Und etwas Betörendes hatte die
Luft, die heute so selten warm, so lind wehte, als wollte sie Wangen
und Stirnen umschmeicheln. Und es war alles hell, man konnte sehen,
wohin man trat, man brauchte nicht die Sumpflöcher zu fürchten. Ehe es
dunkelte, war man bereits über die Grenze. Da – da – sah man sie denn
nicht?!
Der Süßchenbäcker machte »Pst!« und winkte dem Genossen mit den Augen,
kaum merklich mit dem Kopfe hinnickend: da, wo das Venn und der Himmel
zusammenflossen, als wären sie eins, – alles wie blaue Luft – da, wo
der winzige Würfel in der blauen Luft sich abzeichnete und daneben drei
Strichelchen standen, wie Haare so dünn, da war das Grenzhaus, die
Baraque mit den drei Bäumen! Daran mußten sie sich vorbeischleichen.
Vorsicht, Grenzjäger patrouillierten da herum, um alles Zollpflichtige
aufzuschnappen. Haha! Heimliches Lachen stieß den starken Mann: wofür
war er denn ein Schlächter? Einen Knüttel hatte er sich unterwegs
aufgelesen, mit dem gab er dem Störenfried, der ihnen in den Weg trat,
eins vor die Stirn, daß er betäubt zu Boden fiel. Und dann eins, zwei,
drei über die Grenze weg! Da, da! Er puffte den Kameraden in die Seite
und sagte fast laut: »Da is Belligen, da sind wir frei!«
Niemand hatte es gehört. Der Hilfsaufseher hatte nicht so scharfe Ohren
wie Bräuer und auch nicht so scharfe Augen. Er hatte genug zu tun mit
dem Rotfuchs; der arbeitete nicht, wie sich’s gehörte.
Der Roßschlächter lachte: »Dat is jut, dat is jut, der Rotkopp kriegt
de Huck voll! Los, Kamerad, nu lasse mir käpernicken!« Er hob den
Spaten, er wollte davonstürmen, er öffnete den Mund, als wollte er
›Hurra‹ schreien, da hemmte ihn ein unterdrückter Fluch des anderen.
Ohligs hatte den Kopf gehoben – frei sein, nur frei, schon atmete
er die Freiheit – aber der Strahl in seinen Augen erlosch jäh. Ein
unterdrückter Schrei der Wut und der Enttäuschung entfuhr ihm: da
kribbelte es ja plötzlich in der Weite des Venns wie ein Bienenschwarm.
Es schwärmte dahin, es schwärmte dorthin – Fähnchen wimpelten –
Lanzenspitzen blinkerten – Pferdebeine trappelten und stampften Staub
aus dem Heidegrund – Kommandos schallten, scharf und schneidig – der
Trupp schwenkte ab. Aber andere Trupps tauchten auf, tauchten unter:
woher, wohin? Und Fußvolk marschierte in einer Kolonne heran, man hörte
aus der Ferne das dumpfe Stampfen; schnell formierte sich eine lange
Linie: Seitengewehre vor – bum, ein Kanonenschuß von irgendwo her – und
nun Geknatter. Kleingewehrfeuer. Eine Gefechtsübung.
»Verflucht!« Der Süßchenbäcker schleuderte den Spaten hin, daß er vom
Stiel abflog: nun war nichts mehr zu wollen! Mit einem Wutgebrüll
schmiß er sich auf den zerbrochenen Spaten nieder und rührte sich nicht.
Der Hilfsaufseher kam eilig herbeigelaufen: was ging denn hier vor?
Nun hatte er doch etwas gehört. Aber er war kein Simon Bräuer; wenn
er auch die Flinte umfaßt hielt, ganz umsonst gebot er, der Sträfling
stand nicht vom Boden auf, gehorchte auch keinem Fußtritt und keinem
Rippenstoß. Vergebens fluchte er und schrie, der Süßchenbäcker wälzte
sich am Boden und heulte wie ein Besessener. Verzweifelt blickte der
Hilfsaufseher aus: wenn doch Bräuer zurückkäme! Aber der war noch
nirgend zu sehen. Es blieb ihm nichts übrig, als den sich Wälzenden von
ein paar stämmigen Genossen an Armen und Beinen packen und nach dem
Hause hinschleifen zu lassen.