gottverfluchte Gegend, diese verdammte Ödenei! Was einem hier alles
passieren konnte! Wie in Südwestafrika; schlimmer war’s in den Wüsten
und bei den Hottentotten auch nicht, als hier in der Heide und im Moor.
Vielleicht daß der Leutnant nicht hatte schlafen können vor Hitze –
’s war ja auch in den Käfterchen unter dem Wellblech zum Ersticken –
er mochte wieder aufgestanden und ungesehen hinauspassiert sein, um
sich draußen Erquickung zu holen. Diese verdammten Venn-Löcher, die
zugewachsen waren mit Wollgras, die man nicht eher merkte, als bis
man drin steckte! Er mochte eingebrochen sein im Halbdunkel, der arme
Kerl, in ein tiefes Loch, vielleicht bis an den Hals. Er hatte sich
nicht mehr herausarbeiten können. Oder ob ihn einer überfallen hatte,
Geld bei dem Offizier vermutend? Vielleicht lag er irgendwo erschlagen
hinter einem Busch, war ins Dickicht einer Tannenschonung verschleppt
worden! Die Kolonie der Verbrecher, zwischen Lager und Dorf, war nicht
weit. Was hat so ein Kerl denn noch zu verlieren?! Wenn er entdeckt
wurde, Kopf ab; das war auch nicht viel schlimmer, als da oben zu
hacken und zu roden!
Die abenteuerlichsten Gerüchte schwirrten durchs Lager. Wer zuerst
solch grausige Befürchtung ausgesprochen hatte, wußte man nicht.
Aber wo Zwei, Drei zusammenstanden, sprach man davon. Jetzt war die
Befürchtung fast zur Gewißheit geworden: krank war Leutnant Abeking ja
nicht gewesen, nein, ganz normal bei Kräften und bei Sinnen! Gesund und
munter war er gestern mit Schmidt und Scheffler und dem Stabsarzt zum
Diner in den Schwan gefahren, mit Schmidt und dem Stabsarzt auch wieder
gesund und munter heraufgekommen. Nicht mit dem Krümperwagen waren
sie gefahren, mit dem Break vom Bahnhofswirt. Ob der vielleicht etwas
wüßte? Man mußte doch einmal hören. Einige eilten dorthin.
Aber der Bahnhofswirt zuckte die Achseln: er wußte nichts.
Dienstbeflissen wollte er aber gleich einmal seinen Knecht fragen, den
Kutscher, der die Herren gefahren hatte. Vielleicht daß der eine Ahnung
hatte! Die Herren tranken derweil am Büfett einen Cognac, der Wirt
ging in den Stall zum Knecht.
Er blieb lange aus, endlich kam er mit einem ganz eigentümlichen
Gesicht wieder. Er war blaß, und heftige Erregung zitterte in seiner
Stimme: da wäre ihm ja bald sein Pferd ruiniert worden, sein bestes
Pferd! Eben hatte der Wallone es eingestanden, als er das Tier
zerschunden und blutrünstig im Stall stehen fand, ganz lahm und
abgetrieben. Bei den Ohren hatte er den Burschen gepackt, es aus
ihm herausgeschüttelt: was war mit dem Gaul passiert? Da hatte der
Junge geheult: der Herr Leutnant, den er gestern abend bis vors Lager
gefahren hatte, der war noch einmal umgekehrt, gerade als er die Pferde
in den Stall führen wollte, hatte ihm, ehe er sich dessen versah, den
einen Gaul aus der Hand gerissen, selber Decke aufgeschnallt, Halfter
angelegt, sich aufgeschwungen – heidi, auf und davon. Vergebens war er
ihm nachgelaufen, vergebens hatte er ›Halt‹ geschrieen. Die ganze Nacht
hatte er nicht schlafen können deswegen: was geschah mit dem Pferd?
Aber am Morgen, eine Stunde nach Sonnenaufgang, zur ersten Futterzeit,
da hatte der Gaul sich wieder vorm Stall eingefunden – und so sah er
aus! Er hatte dem Tier schon die geschrammten Stellen gekühlt.
Nun verlangte der Wirt sehr energisch eine Entschädigung: das ging denn
doch nicht an, daß ihm die Herren Offiziere die Pferde so kujonierten
und zurichteten! Schwer genug mußte man sich’s hier werden lassen,
alles anschaffen für die Bedürfnisse der Herren, und wenn sie dann
zuletzt abzogen, blieb man mit dem übrigen sitzen, und doch wurde immer
und immer noch geredet über ›hohe Preise‹ und ›Geldschneiderei‹!
Die Herren vom Lager bekamen einige sehr unangenehme Wahrheiten zu
hören. Der Bahnhofswirt wurde ausfallend; daß man ihm sein Pferd so
mir nichts dir nichts entführt hatte, das brachte ihn aus der Fassung.
Die Herren straften ihn mit der gebührenden Verachtung; aber sie
schrieben ihren Ärger Abeking aufs Konto: wie konnte der Mensch
solch unglaubliche Geschichten machen! Sie waren geradezu wütend:
erst betrank sich der Junge und benahm sich dann wie ein Toller!
Wahrscheinlich lag er nun irgendwo und schlief seinen Rausch aus.
Fast hätte man Lust gehabt, das Suchen aufzugeben. Patrouillen waren
ja schon längst ausgeschickt worden, ein paar Trupps suchten den
Schießplatz ab und das ganze anstoßende Gelände; zwanzig Mann waren ins
Venn hinaufmarschiert mit der Order, jede Schonung zu durchstöbern,
jeden Tümpel zu durchforschen, besonders in der Nähe der Strafkolonie.
Aber es war nichts gefunden worden.
Scheffler mußte jetzt zu seiner Braut, der Krümperwagen wartete schon.
Aber der Stabsarzt wollte sich doch noch nicht zufrieden geben: man
hatte so oft mit dem jungen Kameraden fröhlich zusammengesessen, sollte
man ihn nun in irgend einer Patsche stecken lassen?! Er war ein guter
Radfahrer, Leutnant Schmidt auch. Die beiden befuhren nun jede Strecke,
die nur irgendwie zu befahren war; rechts vom Lager, links vom Lager,
und in weitem Bogen um dasselbe herum. Sie riefen, sie schrieen:
»Abeking! A–a–beki–i–ing!«
Das Echo am Krummen Ast spottete ihnen nach; auch aus den Tannen äffte
es sie. Es wurde dunkel, sie konnten nicht überall fahren, sie mußten
absteigen und schieben; sie fluchten und schwitzten. Wie verflogene
Glühwürmer irrten ihre Laternen durch die totstille Einsamkeit. – –
Auch sie hatten ihn nicht gefunden. Nun waren sie noch einmal nach
Heckenbroich gekommen.
»Meine Herren, waren Sie dann als nach der Stadt erunter?« fragte
Leykuhlen, als sie jetzt erhitzt, die dampfenden Stirnen sich wischend,
in einer gewissen Nervosität vor ihm standen.
Nach der Stadt?! Sie belächelten fast die Frage. Da war der Kamerad ja
gerade hergekommen! Und überdies hätte man von dort längst Nachricht
erhalten; Abekings Verschwinden war jedenfalls dort ebenso bekannt
geworden wie hier.
Der Bürgermeister schüttelte den Kopf: die Herren irrten, hier im Dorf
erregte das auch weiter kein großes Aufsehen, die Leute saßen hinter
ihren Hecken. Aber wenn es den Herren darum zu tun war, wollte er wohl
noch einmal mit ihnen suchen gehen.
Er rief nach seiner Frau: »Bring mir en Latern, Mariechen!«
Und dann gingen sie, die Offiziere ihre Räder führend, er ihnen vorab
mit starkem Schritt. Er schlug die Richtung nach der Stadt ein.
Die Nacht war sternenlos, das zuckende Leuchten am Himmel kam näher und
näher. War es so schwül, daß ihnen immer wieder und wieder der Schweiß
von den Stirnen rann, oder machte eine seltsame Unruhe, die wohl durch
das lange Umherirren hervorgerufen worden war, ihnen so unangenehm
heiß? Die beiden Offiziere sprachen flüsternd zusammen.
»Fangen Sie auch an, was unruhig zu werden, Doktor?« fragte leise
Schmidt.
»Na, und ob!« Der Dicke wischte sich den Schweiß ab. Dann sagte er
lauter: »Herr Bürgermeister, wirklich sehr freundlich von Ihnen, daß
Sie mit uns gehen!« Und der andere setzte hinzu: »Ja, ganz famos!«
Der Bürgermeister gab keine Antwort. Er hatte von dem Verschwinden
des jungen Offiziers heute vormittag schon gehört, nun war es
Nacht, derselbe noch nicht wieder da – sollte wirklich ein
ernstlicher Unfall ihm zugestoßen sein? Oder steckte da irgend eine
Weibergeschichte dahinter? Seine Mundwinkel zogen sich herab in einem
leis-geringschätzigen Lächeln: kein Mädchen von Heckenbroich würde
sich zu so etwas hergeben. Aber es gab ja noch andere Frauenzimmer?!
Es durchzuckte ihn plötzlich, er schlug sich vor die Stirn: die
Helene?! Fast hätte er’s laut herausgeschrieen: zu der mußte man
gehen, die einmal ordentlich ins Verhör nehmen! Aber er biß sich auf
die Lippen: still, was ging’s ihn an, mochten sie selber ihre Klugheit
erweisen, die Herren vom Lager, er hatte sie nur zu führen. Jetzt
war es nicht an der Zeit, harte Worte zu sprechen – warum mußten sie
immer herunterfahren und erst zurückkommen bei Nacht und Nebel und
den Frieden des Dorfes stören mit Rädergerassel und Hallo? – Nein,
jetzt nichts davon! Jetzt galt es, einen Menschen zu suchen, der
sich verloren hatte, der – er stockte in seinen Gedanken – war der
Leutnant am Ende doch verunglückt?! Ein toller Ritt bei der Nacht auf
ungesatteltem Pferd! Er schüttelte nachdenklich den Kopf.
Sie waren jetzt bei der ersten scharfen Biegung der zu Tal führenden
Straße angelangt. Heut schimmerte das sich windende Band der Chaussee
nicht so weiß wie gestern im Mondenschein. Unsicher ging man durchs
Dunkel, die Laternen warfen nur einen kleinen Lichtkreis; fratzenhaft
tauchte für Momente irgend ein abgehauener Strunk darin auf oder ein
Meilenstein am jäh abstürzenden Rande. Unten rauschte das Wildwasser,
heute lauter denn sonst, weil kein Windhauch die Tannenwipfel rührte.
Regungslos standen sie, Urwaldbäume, gewaltige Riesen, die Dunkelheit
noch verdunkelnd durch ihre schwarz ragende Wand.
»Glauben Sie, daß ihm etwas Ernstliches zugestoßen sein könnte, Herr
Bürgermeister?« fragte plötzlich der Stabsarzt. Beklommenheit war
in der Frage. Und gleich darauf erhob er seine Stimme: »Abeking!
A–a–beki–i–ing!«
»Schreien Sie doch nicht so! Warum schreien Sie denn so wie ein Kind im
Dunkeln!« wollte Schmidt spötteln. Aber der Spott kam nicht heraus; in
seinen Ton mischte sich etwas anderes. War es Angst?
Ein Huhuhen ging durch die Tannen. Jetzt ein schriller Pfiff. Man sah
nichts, aber man hörte etwas. Allerlei Nachtgevögel, durch den Ruf
aufgeschreckt, ließ sich vernehmen.
»A–a–beki–i–ing!«
»Doktor, was fällt Ihnen de – –«
»Halt!« sagte plötzlich Leykuhlen. Seine Hand legte sich mit eisernem
Griff dem Offizier auf den Arm. Er hatte seine Laterne gehoben und
dann wieder gesenkt; ihr Strahl fiel auf den weißen Meilenstein, der
gespenstisch ragte wie ein Grabmal, auf das der Mond scheint. Er
leuchtete rundum und bückte sich dann nieder. Die schmale Grasnarbe,
die noch zwischen Straße und Absturz läuft – hier an der schärfsten
Biegung wie ein Vorsprung über der Bergschlucht hängt – war aufgewühlt.
Hier hatte ein Pferd gescharrt – gescheut! Man sah noch den Schlag des
Hufes wider den Meilenstein.
Alle drei Männer sahen es und schwiegen. Es durchfröstelte die
Offiziere. Das Wildwasser rauschte herauf durch die Dunkelheit.
Jetzt ein Brechen, ein Knacken von Zweigen. Leykuhlen fing an, von
der Chaussee die senkrechte Böschung abwärts zu klettern. Die anderen
folgten ihm.
»Hören Sie nichts?« Leykuhlen drehte den Kopf nach den ihm Folgenden.
Nein, sie hörten nichts! Aber der Ton ihres Führers machte sie stutzen.
Ihre Räder hatten sie am Chausseerand hingeworfen, die Laternen waren
erloschen; des Bürgermeisters Laterne allein leuchtete ihnen notdürftig
durch Gestrüpp und Dornengerank und Strünke und Schiefergeröll. Immer
steil abwärts ging es, ein böser Absturz. Sie rutschten und kletterten.
Hätte man sich nicht an den tiefhängenden Ästen der Tannen anhalten
können, man wäre unbarmherzig gestürzt.
»Donnerwetter!« ächzte der Stabsarzt. Aber dann wurde sein Ton
plötzlich noch besorgter, er stieß hastig heraus: »Hier scheint schon
mal einer vor uns heruntergerutscht zu sein – Achtung! A–a–be–king!«
»Rufen Sie, rufen wir noch emal,« befahl Leykuhlen. »All zusammen!«
Sie schrien jetzt alle drei: »A–a–be–ki–i–ng! A–a–be–ki–i–ng!«
Langgezogen und fragend erklang es. Langgezogen und klagend hallte
die jenseitige Steilwand der Talschlucht ihre Rufe zurück. Nachtvögel
fuhren um sie auf, hinter ihnen prasselten dumpf die Steine und
schossen dann nieder, bis sie aufklatschten unten im Bach.
Aber jetzt vernahmen die Offiziere noch etwas anderes; es klang wie ein
schwacher Ruf. Ein Stöhnen hintennach. Ihr Kamerad, war er das?!
»Abeking, sind Sie da? Wo? Geben Sie Antwort! Wo?«
In rücksichtsloser Eile stürzten sie abwärts, die Mützen wurden ihnen
durch die Zweige von den Köpfen gerissen, an ihren Uniformknöpfen
zerrten die Dornranken. Eine fieberhafte Aufregung hatte sich ihrer
bemächtigt: war’s Abeking? Er gab jetzt keine Antwort mehr. Wo, wo?
»Hier,« sagte jetzt Leykuhlen und kniete rasch nieder.
Seine Laterne beleuchtete den Gestürzten – das Gesicht war totenbleich,
die Augen geschlossen, das blonde Haar klebte an der Stirn. Als
Leykuhlen den Kopf des Leutnants ein wenig hob und ihn sich in den
Schoß bettete, rann es ihm feucht über die Finger.
Und jetzt kam das Gewitter herauf, das schon lange gedroht hatte. Aber
es war doch wie eine Erlösung, die Beklemmung wich, es brachte Licht.
Der Schein der Blitze leuchtete ihnen, als sie den Besinnungslosen
ein Stück weiter bach-abwärts trugen, um ihn dann hinauf zu schaffen
zur Chaussee an einer weniger steilen Stelle. Sie brachten ihn zu
den Rädern; diese wurden mit Taschentüchern zusammengebunden, der
regungslose Körper quer über die Sättel gelegt. Die Riesenkraft
Leykuhlens hielt ihn da fest; der eine Kamerad führte, der andere schob.
»’ne traurige Fuhre,« murmelte der Stabsarzt. Lebte der Junge? Ja,
er lebte. Aber, ob er sich nicht so ernstlich verletzt hatte, daß
er sein Leben lang daran zu tragen hatte, das war in der Eile, bei
der nur flüchtigen Untersuchung unter unsicherer Beleuchtung, nicht
festzustellen. Eine niederdrückende Bestürzung lag über den Kameraden
und eine quälende Ungeklärtheit: wie war das nur zugegangen?! Abeking
war doch ein so guter Reiter! Aber freilich, bei Nacht und auf einem
fremden Gaul ohne Sattel – Herr des Himmels, wie war der Junge
überhaupt auf die Idee zu einem solchen Ritt gekommen?! Warum?!
Leykuhlen sagte kein Wort. Er fühlte ein Mitleid, das er sich selber
nicht eingestehen mochte. Dies hier war ja noch schlimmer, am Ende viel
schlimmer noch, als die beiden, die sich jetzt mit Fragen bestürmten,
ahnten! Wer weiß, ob es nicht besser wäre, der Mund des jungen
Offiziers, der jetzt so stumm war, bliebe für immer geschlossen? Was
würde man zu hören bekommen? Nicht viel Gutes!
O du Frauenzimmer! Der Bürgermeister ballte die Faust im Sack. Aber
neben seinem geheimen Zorn regten sich auch Stolz und Scham in ihm:
nein, nichts von diesen Vermutungen sagen, Fremde brauchten es nicht zu
erfahren, was die da unten für ein Schandfleck war im Land!
Stumm und langsam rückten die Männer mit dem Gestürzten die Chaussee
hinan. Die Offiziere sprachen jetzt auch nicht mehr; die Lust zum Reden
war ihnen vergangen. – –
Als Adjutant von Scheffler um Mitternacht mit dem Krümperwagen von
seiner Braut zurückkehrte, rief ihn auf der Dorfstraße jemand an.
Hinter seiner Hecke kam der Bürgermeister hervor – er mußte da gewartet
haben – und trat an den Schlag.
»Steigen Sie aus, Herr Oberleutnant, wir haben als auf Sie jelauert.
Sie können ihn mitnehmen, er liegt da drin!« Er nickte nach seinem
Hause hin.
»Was – wer – Abeking?!« Hastig sprang Scheffler aus dem Wagen; er
war bleich und nervös. Als er jetzt in die Stube trat, wo auf dem
Kanapee, den Kopf mit nassen Kompressen belegt, die von Frau Leykuhlen
unablässig erneuert wurden, der junge Leutnant lag, zuckte er zusammen.
Am Tisch saßen der Stabsarzt und Schmidt, die Köpfe gesenkt; sie
sagten kein Wort. Scheffler nickte ihnen zu, und dann trat er näher
zum Kanapee und betrachtete das scheinbar leblose, entstellte Gesicht
mit seltsamen Blicken unter halb-geschlossenen Lidern. »Bös, bös!«
Er runzelte die Brauen. Und dann winkte er dem Stabsarzt: »Einen
Augenblick, Doktor, wenn ich bitten darf!«
Sie gingen hinaus vor die Hecke und wandelten dann, außer Hörweite des
wartenden Kutschers, langsam auf und nieder. Sie sprachen heimlich.
»Zu unangenehm, mir riesig fatal,« sagte zuletzt der Adjutant lauter.
»Wenn nur mein Schwiegerpapa nichts davon erfährt! Er könnte ja sonst
einen netten Begriff kriegen!«
»Hoffentlich spricht der andere Herr Schmölder – nicht wahr, es ist
der Vetter von Ihrem Herrn Schwiegervater, der es Ihnen erzählt hat? –
nicht weiter darüber?«
»Ich habe sein Ehrenwort verlangt!«
»Na, hoffen wir denn das beste! Sonst –« der Stabsarzt zuckte die
Achseln und machte ein bekümmertes Gesicht – »sonst ist der arme Junge
geliefert. Dann wäre es besser gewesen, er hätte gleich den Hals
gebrochen!«
* * * * *
Josef Schmölder hätte sich prügeln können, daß er heute wider Willen
den Verräter gespielt hatte. Wer hatte ihn nur geheißen, als er den
Bräutigam sein Spätkommen damit entschuldigen hörte, daß ein Kamerad
verloren gegangen sei – Leutnant Abeking, man hatte ihn den ganzen
Tag gesucht, in der Furcht, er sei verunglückt – was hatte ihn da nur
angetrieben, ein wenig zu lächeln und eine jener Bemerkungen zu machen,
die ihm schon so oft einen vorwurfsvollen Blick der Cousine und von
Heinrich ein ›Donnerwetter‹ eingetragen hatten?! »_Cherchez la femme!_«
Weiter hatte er nichts gesagt. Aber Scheffler hatte ihn bald nachher
bei Seite gezogen und ihn dringend gebeten, wenn er nur irgend welche
Vermutung habe, sie ihm, ihm ganz allein, anzuvertrauen – des Kameraden
wegen, den sie alle sehr lieb hätten, der fast noch ein Knabe sei, und
um den sie sich aufs schwerste beunruhigten.
Josef konnte freilich nicht sagen, ob der, den er gestern in der Nacht
in einer so seltsamen Situation gesehen hatte, der Leutnant Abeking
gewesen war. Aber er fühlte sich doch jetzt verpflichtet, seine
Beobachtungen mitzuteilen. Fast ein Knabe noch – wer weiß, ob er da
nicht helfen konnte?! Und er hatte erzählt. Aber als er alles erzählt
hatte, fortgerissen von der eigenen Schilderung, war ihm das kalte
Gesicht des Offiziers auf einmal wieder so unangenehm gewesen, daß
er es bereute, nur ein Wort verloren zu haben. Arme Hedwig, dummes,
kleines Mädchen, so kalt, so kalt war dieses Gesicht! Würde dieser
jetzt so liebenswürdige Mann einst rauh und hart zu der kleinen Frau
sein und – würde er sie vielleicht auch noch betrügen?!
Josef fühlte einen immer mehr sich steigernden Widerwillen gegen den
Bräutigam. Vom ersten Tage an hatte er diese Abneigung gehabt, vom
ersten Abend an, als er dem lächelnden, sich an den Händen haltenden
Brautpaar gegenüber gesessen hatte. War denn Heinrich ganz verblendet?
Merkte er denn nicht, wie geschmeidig der Leutnant sich den Interessen
des Hauses anzupassen suchte? Tappten denn Vater und Mutter blind zu?
Und das sollte man mit ansehen, alle Tage?
Es war Josef, als sei die Enge des Hauses noch unerträglicher geworden
durch den Eintritt dieses neuen Elements. Nun kam zu allem auch noch
die Berechnung dazu.
»Du machst ja ein Jesicht, ein Jesicht – wahrhaftig, dat ’s doch
kein Jesicht, wenn sich Hedde verlobt hat!« schrie Heinrich, als der
Bräutigam sich endlich verabschiedet hatte. »Wat soll denn der Mann von
unserer Familie denken? Massakriert dich hier einer?«
»Gute Nacht,« hatte Josef gesagt und war aufgestanden. »Ich will mich
heut nicht mit dir zanken – ein andermal!«
»Bleib,« schrie der Vetter und versuchte, ihn am Rock festzuhalten.
»Sag mal, wie jefällt dir denn eigentlich der Scheffler?!« Und als
keine Antwort kam, setzte er gereizt hinzu: »Mir sehr jut!«
»Leider!« Es hatte Josef förmlich auf der Zunge geprickelt, er hatte
dieses ›leider‹ aussprechen müssen.
Heinrich hatte es sehr übel genommen. ›Neidisch‹, ›hämisch‹,
›vielleicht selber auf Hedwig spekuliert‹, das alles hatte sich Josef
an diesem Abend sagen lassen müssen. Und dann war er hinausgegangen;
er hatte sich nicht aufregen wollen; und doch hämmerte es ihm in den
Schläfen.
»Ah!« In einem tiefen, erlösenden Seufzer dehnte sich seine Brust, als
die Luft des Gartens ihn bestrich. Aber sie war ihm noch nicht frei
genug. Mehr Luft, freiere Luft, hinaus aus der Enge, höher hinauf! Er
schloß ein Seitenpförtchen auf und trat auf die Straße; er ging sie
zu Ende und ging immer weiter, bis in die Au hinein, schlug dann, ehe
er an die Fabrik kam, den Fußpfad nach Heckenbroich ein und stieg ihn
langsam, öfter stehen bleibend und tief atmend, hinan.
Wie herrlich! War das eine Nacht! Eine Nacht, wie geschaffen zum Lieben
und Glücklichsein. Ein Hauch von Erinnerungen war in der linden Luft –
von süßen Erinnerungen – ach, das war jetzt alles vorbei, er war alt
geworden, wenigstens zu alt für die Torheiten der Liebe!
Er seufzte auf und sah sich um. Weit hinten, in ihrem Kessel schon ganz
versunken, lag die Stadt; nur die Burg war noch im Mondlicht zu sehen
und die Felsen, die wie ein Tor die Chaussee umbauen. Noch stand der
Mond nicht hoch, aber nicht lange mehr, und er würde ganz hinter der
jenseitigen Höhenwand hervorgewandelt sein, senkrecht über dem Tale
stehen und es übergießen mit vollem Licht. Dann mußte die Nacht noch
herrlicher werden, noch traumhafter schön, noch überirdischer. Es galt
zu warten. Wer vermißte ihn denn auch?! Die im Hause schliefen, er
konnte hier nächtigen, wenn er wollte, keiner wurde es gewahr.
Eine schier jungenhafte Seligkeit überkam ihn, heute noch einmal seine
Freiheit auszukosten. Wenigstens hier war er frei, frei! Hier durfte er
ganz er selber sein!
Mit einem tiefen Aufatmen warf sich Josef auf den Boden und dehnte sich
lässig in fauler Wonne. Als Kopfkissen diente ihm das Moospolster, das
sich zwischen den herausstehenden Wurzeln einer Riesentanne eingebettet
hatte. Von dem glatten Schiefergerutsch, auf dem er lag, fühlte er es
warm aufsteigen. Oben auf der Höhe mochte es wohl schon kühl sein,
aber hier zwischen den Talwänden saß noch die ganze Wärme und Lauheit
der Sonne. Eine köstliche Behaglichkeit überkam ihn, wie er sie lange
nicht gefühlt hatte – da noch nie! Er drehte den Kopf dorthin, wo das
Städtchen versunken lag. Gott sei Dank, man sah nichts mehr davon!
Hier war er allein, allein mit der Natur, die er immer geliebt hatte,
geliebt und begehrt wie eine, um die man wirbt, und die man doch nie
ganz besitzen kann. Er seufzte, lächelte, verschränkte die Arme hinter
dem Kopf und blinzelte in den Mond. Daß die Welt so schön sein kann! Er
hatte das ganz vergessen. Aber jetzt war alle Bitterkeit weggespült,
alles Häßliche, Niedrige und Gemeine, alles, was ihn quälte, und auch
das, was ihn traurig machte.
Unten in der Au lag die Fabrik jetzt still, ohne Dampf und Gestank;
nur das einsame Lichtchen des Wächters, der die Runde durch die Säle
machte, flinzelte wie ein Sternchen zu ihm herauf. So weiß glänzte die
rußige Stätte der Arbeit, so ruhevoll und freundlich, als sei sie eine
Stätte der Freude. Traumhaft ragte darüber die jenseitige Talwand;
der Mond beglänzte die Leyen, daß sie alles Krasse und Fratzenhafte
verloren und zu Gesichtern wurden von wohlwollenden Riesen, die über
den Tannenwald herüberlugten. Tief unten rauschte der Bach. Sein
Rauschen, das immer stark war, denn er fließt ständig bergab mit
starkem Gefälle, hatte jetzt etwas unsagbar Mildes, Einlullendes.
»Rausche, rausche,« murmelte Josef und schloß die Augen. Er hörte die
Stimme der Natur. Ah, sie sprach zu ihm, zu denen, die Ohren haben,
zu hören, und Herzen, um noch zu glauben an alles Schöne und Gute! Es
war Josef, als sei er auf einmal wieder stark und jung und gesund und
stände noch einmal an jenem Punkt, da das Leben noch jauchzt um den
jungen Menschen und willenskräftig frohlockt sein starkes ›Es werde!‹
Wie lange er so dagelegen und geträumt hatte, wußte er nicht. Als er
die Augen wieder aufschlug, stand der Mond ganz voll überm Talgrund. Es
war so hell, so hell, daß jeder Tannenzweig sich abhob, daß man jede
Welle im silbernen Bergwasser hüpfen sah, jeden Stein im Bachbett zu
erkennen glaubte – oder sah man ihn wirklich? Da war noch ein zweiter
Mond. Der droben am Himmel stand, spiegelte sich tief drunten im Bach –
Mond oben, Mond unten. Josef lächelte: in New-York hatte er herrliche
Theaterdekorationen gesehen, aber keine von ihnen wäre dieser gleich
gekommen. Und sieh, die Staffage fehlte ja auch nicht!
Das wundersame nächtliche Landschaftsbild hatte sich belebt.
Josef reckte den Hals, eine plötzliche Neugier war in ihm erwacht: wer
war denn das?! Wie im Märchen! Träumte er oder wachte er?! Er rieb sich
die Augen. Und dann richtete er sich aus seiner lässigen Lage ein wenig
auf, um besser hinabblicken zu können auf die beglänzte Straße zwischen
den Tannenwänden.
Langsam, fast feierlich, trottete ein schwerer Ardennengaul daher. Als
trüge er Prinz und Prinzessin ins Zauberreich. Der Mann saß hinten,
die Frau hatte er vor sich; man sah ganz deutlich, daß er den Arm um
ihren Leib hielt, daß er sie jetzt an sich preßte und küßte, und daß
sie den Kopf an seine Schulter legte und das weiße Gesicht zu ihm
aufhob, und daß er sie noch einmal küßte, und noch einmal, und noch
einmal.
Der Mond beschien hell die Reitenden. Ein Bauernbursche und sein
Mädchen waren das nicht! Der Beobachtende sah blanke Uniformknöpfe
unter neugierigen Strahlen aufblinkern. Aha, ein Soldat! Aber wie kam
der jetzt hierher? Nein, so saß kein gemeiner Soldat zu Pferde! Es
war ein Offizier, schlank und biegsam. Und sie saß auch gut, keck und
unerschrocken.
Ein leises Lachen klang herauf, es mischte sich in das Rauschen des
Baches und verklang.