Was kümmerte es ihn, ob Helenchen dick oder dünn war? Er legte sich

in Gedanken eine Liebeserklärung zurecht. ›Um fünf,‹ hatte ihm Helene

vorhin zugeflüstert, ›um fünf is Hedwig Schmölder janz allein im

Jarten. Dat Tor steht offen. Ran, immer ran an die Jewehre! Die Kleine

is verliebt bis über die Ohren. Na, nu macht schon voran, ihr zwei!‹

Ja, in der Tat, Helene hatte ganz recht, es war Zeit! Wie lange noch,

und das Kommando auf dem Platz hatte ein Ende, er kam in die Garnison

zurück; und wenn er auch wohl nächstes Jahr wiederkam, dann schwamm der

kleine Goldfisch vielleicht schon in eines anderen Teich. Verdammt! Er

zerknickte einen Zahnstocher in winzige Stückchen und grübelte vor sich

hin. Es war doch schwer, schwerer als er sich’s gedacht hatte, sich so

hinterrücks der Tochter zu versichern, wenn man weiß, daß einem der

Vater nicht grün ist. Es vertrug sich nicht so recht mit dem Begriff

der Ehre. Aber was half’s, machten’s andere Kameraden nicht auch so?

Wie sollte man sonst zu einer reichen Frau kommen? Und die mußte er

haben!

Energisch den Stuhl zurückstoßend, stand der Offizier auf. Er zog

die Uniform stramm herunter, preßte die Brust heraus und zwängte die

Handschuhe an. »Ich komme nachher wieder,« murmelte er gepreßt zwischen

den Zähnen. »Es ist mir zu heiß hier – unerträglich! Adieu, auf

Wiedersehen – nein, Kaffee will ich nicht, nachher Bowle!« Er schlug

die Hacken zusammen, er hatte nicht den Mut, die Kameraden anzusehen.

Leutnant Schmidt machte einen seiner Witze hinter ihm drein. Der

Stabsarzt lächelte ein wenig malitiös. Sie wußten schon, wohin

Scheffler stapelte.

Der kleine Abeking blieb ganz ernsthaft: das war doch immerhin eine

Sache, sich so für’s Leben zu binden, ein großer Schritt, ein gewagter

Schritt! Auch er hatte einstmals von Verloben geträumt, mit einem

jungen Mädchen im weißen Kleid. Er hatte sich das immer entzückend

gedacht, jetzt langweilte ihn das zum Sterben. Er gähnte und trommelte

auf den Tisch: wie konnte Scheffler nur?! Sein Blick suchte Helene.

Ob sie denn nun nicht bald Zeit fand, hierher an den Tisch zu kommen?

Er winkte ihr mit den Augen – sie sah gerade her zu ihm und lachte –

eine stürmische Bitte sprach aus seinem hübschen Gesicht. War er denn

dazu hier heruntergekommen, gab er denn dazu soviel Geld aus, noch dazu

Geld, das nicht einmal das seine war, um sie mit so vielen zu teilen?!

Die Röte des Zorns und der Eifersucht schlug ihm zu Kopf; er hatte auch

hastig getrunken, bei der Hitze wirkte alles doppelt. Er hätte alle

diese hier, die sie mit den Blicken verfolgten, niederknallen mögen,

und sie dann in seine Arme reißen und küssen – ha, küssen! Seine Blicke

verschlangen sie.

Schelmisch abwehrend schüttelte die schöne Frau den Kopf. Dabei

spitzte sie aber doch den Mund wie zum Kusse. Ihre Lippen bewegten

sich jetzt leise, er glaubte ein ›Nachher‹ oder ›Später‹ von ihnen

abzulesen. Unruhig rutschte er auf seinem Stuhl. Es war unsagbar öde;

die Anekdoten von Schmidt kannte er schon alle, oder wenn er sie noch

nicht kannte, wußte er doch, worauf sie hinausliefen – wie konnte der

Stabsarzt nur so darüber lachen?! Zu blöd! Seine Gedanken folgten

wieder Scheffler: der verlobte sich nun – auch gräßlich – wie konnte

sich ein Mann, ein Offizier, mit solch einer törichten, kleinen Person

verloben, die noch von nichts eine Ahnung hatte, die kalt war wie eine

Blüte im Schnee, ohne Glanz, ohne Duft?!

Sein Blick suchte wieder die schöne Frau. Jetzt sah er sie an

einem Tisch stehen und mit ein paar Belgiern scherzen. Unerhört,

unerträglich! Er hielt es nicht mehr aus. Wie Scheffler vorhin, so

stieß auch er jetzt seinen Stuhl zurück und hörte nicht darauf, daß die

Kameraden sagten, er solle doch noch sitzen bleiben, sie kämen nachher

auch mit an die Luft. Er rannte aus dem Saal.

Ah, diese Qualen! Er glaubte nie ähnliche empfunden zu haben. Er hätte

weinen mögen. Und doch konnte er ihr nicht böse sein, ihr nichts

vorwerfen, es lag ja in ihrem Geschäft, mit jedem freundlich sein zu

müssen. Ach, daß sie dazu verdammt war, Wirtin im Weißen Schwan zu

sein! Würde sie denn nicht auch wo anders hin passen? Nein, nein – ja

natürlich – ja, ja, ganz entschieden! Wer sagte da: nein?! Wie ein

Wilder sah er sich um. Auch in anderer Lebenslage, in jeder Situation

würde Helene am Platze sein. Besser als hier; für hier war sie viel zu

schade! – –

Wenn sie nun herauskäme aus dieser Sphäre?! Ein Gedanke, so groß und

ungeheuerlich schoß ihm plötzlich durch den brausenden Kopf, daß er vor

sich selber davonrannte.

Er rannte die Gasse zu Ende, über Treppen und Treppchen, den steilen,

schmutzigen, zwischen zerbröckelnden Mauern verborgenen Engpaß hinan,

der zur Burgruine hinaufführte. Dort war er ganz einsam. Aus dem

Städtchen herauf kam ein Sumsen, aber es wirkte hier oben nicht anders

wie Bienengesumm.

Den Kopf in die Hand gestützt, saß der Leutnant auf einem Mauerrest

und blickte starren Auges hinab in die Enge der Gäßchen, die unter

ihm lagen. Auf das hochgegiebelte Schieferdach des Weißen Schwans –

die Wetterfahne, ein sich ringelndes Weib mit dem Fischschwanz, stand

gerade auf ihn gerichtet – hätte er spucken können. Er stierte auf den

im Nachmittagssonnenlichte glitzernden und glimmenden alten Schiefer.

Da unten wohnte sie – ah, eine Nymphe, eine Nixe, von den Drachen

bewacht, die an den Ecken der Dachrinnen auf die Straße spieen! Er

seufzte und starrte, bis ihm die Augen übergingen. Wenn er nun den

Abschied nähme, ihr zuliebe –?!

Das war ein abenteuerlicher Gedanke, ein ganz verrückter Gedanke, der

nirgendwo anders entspringen konnte, als auf dem Moorgrund des öden

Schießplatzes, als hier in der Enge der versunkenen Stadt. Er hatte ihn

behext, das fühlte er wohl. Er wurde ihn nicht los. Und ihm war, als

hätte er erzählen hören, der schönen Helene wegen hätten sich schon

einmal zwei Offiziere duelliert. Warum auch nicht? Sie konnte schon

junges Blut dazu bringen. Man war doch kein Fisch, wenn man auch hier

kaltgestellt war – ah, so kalt! Mit einem Laut des Unmuts reckte sich

der junge Offizier und heftete dann seinen Blick auf seine blanken

Stiefelspitzen; er konnte nicht mehr dahinabsehen, es zog ihn sonst

hinunter mit Allgewalt.

Es war doch schon manches Mal vorgekommen, daß Offiziere einer Heirat

wegen den Abschied nehmen mußten! Erst kürzlich war ein Bekannter von

ihm zu Krupp gegangen – es ging ihm da sehr gut – sie lebten sehr

glücklich. Warum sollte nicht auch er bei Krupp ankommen?!

Wahrheit und Dichtung vermischten sich in des jungen Mannes Kopf; dabei

war er benommen vom hastig getrunkenen Wein, seine Augen sahen nicht

klar mehr, der blinkernde Schein, der auf dem besonnten Schieferdach

lag, machte ihn ganz verdreht. Er schloß die Augen, um nicht mehr

hinsehen zu müssen. Er schlief ein, aber in seinen Träumen spukte

die schöne Helene, viel schöner, viel hübscher noch, als sie in

Wirklichkeit war. Mit einem lauten Ruf fuhr er auf und streckte die

Arme aus – ah, eben war sie ihm an die Brust gesunken!

* * * * *

Es war nicht möglich, noch länger auf Scheffler zu warten. Abeking

war zwar dafür gewesen, noch eine Stunde sitzen zu bleiben. Er war so

unbefriedigt, so unglückselig – sollte er wirklich =so= gehen?! Helene

hatte noch immer nicht Zeit gefunden, sich zu ihnen zu setzen; nur

einen zärtlichen Blick hatte sie ihm dann und wann zuwerfen können, und

es war ihm gelungen, ihr hinter dem hohen Büfett, das gegen die Blicke

aus dem Saal schützte, einen flüchtigen Kuß zu rauben. Er hätte bis zum

Morgengrauen geharrt.

Aber die beiden anderen, die übergenug hatten, fanden es rücksichtslos

von Scheffler, so unpünktlich zu sein. Sie bestanden darauf, anspannen

zu lassen; Schwiegervater würde Egonchen schon in der Equipage nach

Hause schicken.

Wie ein Träumender bestieg Abeking den Wagen: Helene hatte ihm eben

noch ein Zeichen gegeben, ein Zeichen! Was meinte sie damit? Als sie

aufgebrochen waren, an den Kellner gezahlt und mit Geklirr und Gerassel

das Lokal verlassen hatten, war sie ihnen gefolgt in den Hausflur. Dort

brannte nur eine einzige Lampe; es war viel zu wenig Beleuchtung für

den tiefen und hohen, wie in einem Kloster gewölbten Gang. Aber ihm

war’s heut gerade recht so. Während der Stabsarzt und Schmidt scheltend

nach ihren Mänteln suchten, hatte sich Helene dicht an ihn geschmiegt,

er fühlte ihre weiche Hand an seiner Wange. Sie war heiß und erregt,

er roch den Weindunst ihres Atems, aber das, was ihn bei einer anderen

zurückgestoßen haben würde, fiel ihm bei ihr nicht auf, oder es störte

ihn doch nicht. Arme Frau – sie hatte so vielen zutrinken müssen! Er

fühlte sich plötzlich wie ihr Erretter, ihr Ritter.

Und sie hatte heute nichts von der Schnippischkeit, von dem

neckend-überlegenen Ton, mit dem sie sonst die jungen Leutnants

abzufertigen pflegte. Der kleine Abeking mit den treuherzigen Augen

gefiel ihr gut: so jung, so jung, ah, so ein ganz junger war doch

tausendmal netter, als so ein alter ›Knopp‹ wie Schmölder zum Beispiel!

Netter auch als der Stabsarzt seligen Angedenkens, netter selbst als

der schöne Egon, netter als viele, viele andere. Er war schüchtern, er

traute sich nicht so wie die anderen, das gefiel ihr am allerbesten

an ihm. Ein Gesicht hatte er fast wie ein Mädchen, fein und zart,

trotzdem er schon braun gebrannt war wie eine Haselnuß. Und was

er für ein niedliches Schnurrbärtchen hatte! Sonst, wenn er daran

herumzwirbelte, während seine Blicke an ihr hingen, hätte sie immer

sein hübsches Gesichtchen zwischen beide Hände nehmen mögen: ›Da haste

en Bützken, lieber Jung!‹ – aber heute kam er ihr männlicher vor,

unternehmender. Als er ihr heute hinter dem hohen Büfett einen heftigen

Kuß aufdrückte, hatte sie etwas von einer Leidenschaft gefühlt, die

auch ihr immer bereites Herz gleich mit in Flammen setzte. Als sie sich

jetzt im dunkelnden Flur an ihn drückte, mit weichen Fingern seine

Wange streichelte, war Verliebtheit in ihrem Tun: wahrhaftig, das war

kein dummer Junge mehr, mit dem man ein bißchen liebäugelte, den man

hinhielt von einem Mal zum andern, das war ein Mann, ein richtiger

Mann! »Komm wieder,« flüsterte sie und streifte mit ihren Lippen sein

Ohr.

Weiter hatte sie nichts sagen können. Die Kameraden rissen ihn mit

fort: »Kommen Sie, kommen Sie, Abeking, wollen in die Klappe!«

Nun fuhren sie alle drei schweigsam zum Lager hinauf. Solange sie noch

übers Pflaster des Städtchens holperten, hatten sie von Scheffler

gesprochen – der übte sich ja nun in Bräutigamsgefühlen – aber als

der Wagen ruhiger und langsamer die steigende Chaussee hinanrollte,

verstummte die Unterhaltung. Die beiden gähnten und wickelten sich in

ihre Mäntel. Abeking, ihnen gegenüber, machte einen langen Hals und

spähte ihnen ins Gesicht: aha, sie schliefen schon! Wenn er nun aus dem

Wagen spränge, das Endchen zurückliefe? Eine halbe Stunde kaum, und er

wäre bei ihr! Nein, es war noch zu früh, längst noch nicht Mitternacht,

der Schwan war noch voller Lärm und Lichter. Schade! Eine glühende

Sehnsucht packte ihn, die schöne Frau zu umarmen. ›Komm wieder,‹ hatte

sie in sein Ohr geflüstert – was meinte sie damit? Morgen? Übermorgen?

Oder – heute noch?!

Während die Kameraden schon fest schliefen, fand er keinen Schlaf,

obgleich die Augen ihm fast zufielen und der Kopf ihm verworren war.

Sie hatten ihm so oft eingeschenkt; sie hatten’s gut damit gemeint,

aber er konnte nicht viel davon vertragen. Nun hörte er in einem

fort, wie aus weiter Ferne und doch nah, ganz nah, das ›Komm wieder!‹

Verdammt noch mal, wie sollte er das denn machen?! Er schätzte den

Sprung, vom Wagen herab auf die Straße. Merken würden die beiden es

jetzt nicht, aber nachher, wenn sie ausstiegen; nachher. Nein, jetzt

ging es nicht!

Mit einem Seufzer der Ungeduld zwirbelte der junge Mann sein Bärtchen.

Er atmete zitternd-beklommen, in seinen Adern floß es wie Feuer, er

hatte kaum die Beherrschung, ruhig sitzen zu bleiben. Mit brennenden

Augen stierte er über den Wagenrand. Aber er sah nichts von dem Zauber

der schönen Nacht, er sah nur gespenstische Umrisse. Daß da links vom

sich windenden Band der Straße tief unten im Tälchen der silberne Bach

glänzte, und goldene Sterne sich in ihm spiegelten, sah er nicht.

Er sah nur immer die begehrlichen Augen der schönen Frau. In dem

Murmeln und Plätschern, das der über Steine herabfallende Bach zu ihm

heraufsandte, hörte er nur die flüsternde Stimme: ›Komm wieder!‹

In dieser Nacht brauchte es keiner Nachtigallen-Lockung. – – ›Komm

wieder!‹ – –

Der junge Mensch fieberte. Es klopften ihm alle Pulse. Er mußte zu ihr

– ›Komm wieder!‹ – er mußte, es litt keinen Aufschub! Wenn er nun mit

den Kameraden hinaufführe bis vors Lager, wenn er dann, während sie

schlaftrunken davonwankten, dem Kutscher ein Zeichen machte, ihm einen

Taler in die Hand drückte, sich einen Gaul beim Zügel langte, sich

hurtig aufschwang und noch einmal hinuntergaloppierte ins Städtchen? Zu

ihr!

Und hurre hurre, hopp hopp hopp,

Ging’s fort in sausendem Galopp,

Daß Roß und Reiter schnoben

Und Kies und Funken stoben.

Dies Gedicht fiel ihm immerwährend ein, er konnte den Rhythmus gar

nicht loswerden: hurre hurre, hopp hopp hopp. Drunten war’s still, die

Lichter waren alle erloschen, an den Laden schlug er, klirrend stieg

er ab – trapp trapp trapp – des Rosses Hufe dröhnten – sie würde ihn

hören. Sie wartete ja schon auf ihn. Hurre hurre, hopp hopp hopp –

haha, das war eine Idee, ein toller Streich! Ein toller Ritt, aber –

– wenn die Sonne aufging, war er wieder oben im Lager. Niemand merkte

etwas, das Pferd stand im Stall, er selber lag in seinem Bette; nur

zum Schein, was braucht es der Rast, wenn man beim Liebchen gewesen

ist?!

»Und hurre hurre, hopp hopp hopp!« Er murmelte es in das dumpfe Rollen

des Wagens, in das gleichmäßige Schnarchen der Kameraden hinein.

Die Pferde schnauften; der müde Kutscher trieb sie nicht mehr an,

aber sie trabten von selber, sie witterten den Stall. Der Mond fing

an zu scheinen. Jedes Hälmchen am Wege zitterte tau-beperlt. Die

großen Tannen am Chausseerand, die, riesenhaft, vom Bachtal bis hier

heraufragen, schimmerten silberig und fingen den Mondglanz mit ihren

Ästen auf.

Weitoffenen Auges fuhr der Trunkene in den huschenden Glanz hinein,

aber er sah nicht. Wie Leichensteine, weiß und gespenstisch, ragten

die Meilensteine am Rand der steil-abstürzenden Böschung. Sein Gesicht

schimmerte geisterbleich; er lächelte in sich hinein.

X

Egon von Scheffler war glücklicher Bräutigam. Es hatte schwere Mühe

gekostet, den Alten herumzukriegen; vieler Tränen des Töchterchens

hatte es bedurft, und vieler Versicherungen des Offiziers. Aber die

Helene hatte das höchst schlau eingefädelt – was sollte der Vater jetzt

noch machen?!

Es war eine unangenehme Überraschung für Heinrich Schmölder gewesen,

als am hellen Pfingstnachmittag seine Hedwig plötzlich zu ihm in

die Stube stürmte, wo er auf dem Sofa lag und rauchte, hastig, mit

glühenden Wangen und glänzenden Augen sich auf ihn stürzte, die Arme

um seinen Nacken schlang und ihr Gesicht an das seine preßte: »Ach,

Papa, Papachen, ich bin ja so glücklich!« Was hatte sie sich denn so?

Er wußte nicht, wie ihm geschah. Aber als er, sich ein wenig vom Sofa

aufrichtend, Herrn von Scheffler in der Tür stehen sah, etwas verlegen

lächelnd, aber doch mit einer gewissen Siegermiene, da wußte er alles.

Zum Donnerwetter, wie war der denn hereingekommen? Er hatte es doch gar

nicht klingeln hören!

Auch Frau Schmölder war, trotzdem ihr der Offizier so wohl gefiel,

von der Plötzlichkeit der Sache nicht sehr erbaut: Hedwig war doch

noch so jung, man hätte doch noch erst überlegen sollen! Sie sah ihre

Tochter so böse an, wie sie nur konnte: fragt man nicht erst seine

Mutter um Rat? Und Heinrich sah wiederum seine Frau böse an: sie war

an allem schuld, sie hatte die Sache protegiert! Aber Hedwig schien

so glückselig, und sie war das einzige Kind. Schulden hatte übrigens

Scheffler nicht. Er hatte sofort, nachdem ihn Schmölder zu einer

Unterredung in sein Privatkontor gebeten hatte, seine Verhältnisse

unumwunden klargelegt: Vermögen hatte er keins, nur eine Zulage gehabt,

aber ein gutes Avancement hatte er vor sich, und er war auch niemandem

etwas schuldig. Dies gab den Ausschlag.

Mit umwölkter Stirn sagte der Fabrikant ja. Er hätte lieber jeden

anderen zum Schwiegersohn gehabt, als einen Offizier; aber wenn er

gerecht sein wollte, mußte er sich eingestehen, daß der, an dem er

so gern etwas zu tadeln finden wollte, untadelig aus seinem Verhör

hervorgegangen war. Die beiden Männer reichten sich die Hände.

»Machen Sie meine Hedwig jlücklich,« sagte der Vater. Es lag eine Bitte

in dem sonst so trockenen Ton Heinrich Schmölders, und zugleich ein

leis-bange Frage, die der Bräutigam wohl heraushörte.

Er verbeugte sich gehalten: »Ich werde alles tun, was in meinen

Kräften steht, Ihr Fräulein Tochter glücklich zu machen. Mein

Ehrenwort!«

Ein paar Stunden später nannte man sich schon ›Egon‹ und

›Schwiegerpapa‹, wenn auch vorerst das ›Sie‹ noch beibehalten wurde.

Heinrich Schmölder hatte einen feinen Wein heraufbringen lassen; es

wurde ein ganz fröhliches Abendbrot. Die Eltern sahen immer wieder ihr

Kind an, und das Kind den Bräutigam.

Scheffler selbst war in einer strahlenden Laune. Es war alles so glatt

gegangen, es hatte gar nicht vieler Worte bedurft in dem blühenden,

lauschigen Garten zwischen den Felsen, und das kleine Mädchen war ihm

an die Brust gesunken, errötend, zitternd, und er hatte ihr einen

zarten Kuß aufgedrückt. Nun hielt er die Hand der Braut beständig in

der seinen. Er sah wohl den immer wiederkehrenden ängstlich-forschenden

Blick des Vaters, der ihn über den Tisch weg fast durchbohrte, aber

er lächelte zuversichtlich: ja, er hatte dies kleine Mädchen wirklich

lieb, herzlich lieb, viel lieber, als er eigentlich gedacht hatte. Es

würde schon ganz gut mit ihr gehen!

Es wurde spät, bis der Bräutigam sich verabschiedete, und als ihm dann

die Braut das Geleit bis zur Gartentür gab, und er sie da noch einmal

küßte, seine Lippen auf die warmen jungen Lippen drückte, mischte sich

in diesen Kuß ein aufflackerndes Begehren: wahrhaftig, das hatte er

sich doch nicht so reizend gedacht, so ein junges Ding die Liebe zu

lehren!

Der Schwiegervater hatte ihn mit der Equipage heraufgeschickt. In der

bequemen, weichgepolsterten Ecke lehnte träumerisch der Offizier; er

dachte daran, daß der Alte doch eigentlich ein famoser Kauz sei, der,

der Tochter zuliebe, auch dem Schwiegersohn so leicht nicht etwas

abschlagen würde. Oh, wie klug hatte er doch daran getan, der kleinen

Hedwig Schmölder, die die anderen Kameraden etwas unbedeutend fanden,

den Hof zu machen! Zufrieden lächelte er in sich hinein. Nun würden

sie ihn beneiden! Er strich sich den schönen Schnurrbart. Gedanken,

angenehme Gedanken strömten ihm in Menge zu; er war ganz darein

vertieft.

Da merkte er doch plötzlich auf. Wie ein Schatten flog etwas an ihm

vorüber, ein beschlagener Huf sprühte Funken, ein Pferdeatem, heiß und

keuchend, schnob am Wagen vorbei. Was war das?! Er wollte sich erheben,

sich umsehen – da – da war auch schon alles verschwunden. Ein Traum,

eine Halluzination, eine Täuschung der Sinne. –

* * * * *

Am folgenden Morgen pochte der Bursche vergebens an Abekings Tür.

Der Herr Leutnant hatte mal einen festen Schlaf, aber wenn auch noch

Festtag war, er mußte doch Appell abhalten! Der Bursche räusperte und

scharrte mit den Füßen, zuletzt donnerte er mit der Faust gegen die

Tür. Diese war nicht verschlossen; als er sich endlich ohne ›Herein‹

hineintraute, war sein Leutnant nicht da, das Bett gar nicht berührt.

Er stieß unwillkürlich einen Laut des Erstaunens aus, der die ganze

Enge der Offiziersbaracke durchhallte.

Adjutant von Scheffler steckte den Kopf mit der Schnurrbartbinde und

den mit Creme gesalbten Wangen zu seiner Tür heraus, aus einer anderen

fuhr der Stabsarzt; Leutnant Schmidt und noch mehrere zeigten sich im

Negligé. Was war denn los? Was brüllte der Kerl denn so und glotzte wie

ein abgestochenes Kalb?! –

Wenige Stunden später erschienen verschiedene der Herren in

Heckenbroich. Die Leute, die in Hemdsärmeln in ihrem Heckenausschnitt

standen, den zweiten Pfingsttag anrauchten und sich des warmen Wetters

freuten, wurden ausgefragt: hatten sie heute nicht etwa einen Herrn

vom Lager gesehen, einen Unterleutnant von der Artillerie? So und so

sah er aus! Man gab ein genaues Signalement. Aber keiner der Bauern

wollte ihn gesehen haben.

Kopfschüttelnd kehrten die Herren wieder ins Lager zurück.

Donnerwetter, wo steckte der Abeking denn? Vom Platz konnte man sich

doch nicht mir nichts dir nichts entfernen. Heute gegen Mitternacht war

er mit Schmidt und dem Stabsarzt heimgekommen, sie hatten sich alle

schlafen gelegt, und nun war er auf einmal nicht mehr da, und kein

Posten hatte ihn sich entfernen gesehen! Es ging nicht anders, man

mußte Meldung machen.

Scheffler übernahm diese heikle Mission. Er entledigte sich ihrer mit

der ihm eigenen Gewandtheit und Delikatesse, aber er entging doch

nicht dem Donnerwetter der Ungnade. Man liebte es so wie so nicht,

daß die Herren soviel umherstreiften und in der Nacht erst nach Hause

kamen – der Offizier hat ein Vorbild zu sein, sowohl was Pünktlichkeit

anbelangt als Solidität – und nun diese Geschichte! Erst als es

Scheffler gelang, die vertrauliche Mitteilung seiner Verlobung beim

Höchst-Vorgesetzten anzubringen, wurde dieser gnädiger. Er gratulierte

seinem Adjutanten in schmeichelhaften Worten: war wirklich nett, sehr

nett, diese Verlobung. Schmölders sehr nette Leute, alt-eingesessenes

Patriziergeschlecht. Wenn nur alle Kameraden immer so das Richtige

träfen!

»Aufrichtigen Glückwunsch, lieber Scheffler. Nun, wenn Sie Hauptmann

sind, wird wohl geheiratet, was?«

»Zu Befehl, Herr Oberst!«

Der kleine Abeking war wieder in den Hintergrund gerückt. Die Verlobung

von Scheffler wurde allgemein besprochen. Aber als es Mittag wurde

und Nachmittag, und der Leutnant noch immer nicht da war, fingen die

Kameraden wieder an, und zwar besorgter, auf ihn zu harren. Es war ihm

doch wohl nichts passiert?!

Eine glühende Sonne, viel heißer noch als die gestrige, brannte

dörrend aufs Lager herab. Die Wellblechbaracken sprühten. Die meisten

der Offiziere lagen bei verhängten Fensterchen auf ihren Betten und

druselten, einige gähnten im Kasino. Alle hatten sie noch einen

gewissen Katzenjammer von gestern, es war das beste, man schlief

erst einmal ordentlich aus; zu morgen war ohnedies Felddienstübung

anberaumt. Keinem Menschen war es behaglich. – –

Es war schon spät, als es an Bürgermeister Leykuhlens Tür klopfte. Ein

paar erhitzte Radfahrer standen draußen.

Bis zum Dunkelwerden hatte man im Lager noch geduldig auf Leutnant

Abeking gewartet, aber nun es Nacht zu werden anfing, zudem ein

Gewitter drohte – fernes Wetterleuchten durchzuckte ab und zu

den sternenlosen Himmel – hatte man plötzlich Angst bekommen. Es

mußte Abeking irgend etwas passiert sein, nicht anders war sein

unerklärliches Verschwinden möglich. Sämtliche Leute wurden ausgefragt,

Unteroffiziere wie Gemeine, Infanterie wie Kavallerie und Artillerie;

sie kannten ihn längst nicht alle, aber wenn sie ihn auch nicht gekannt

hatten, jetzt kannten sie ihn, bis aufs Tüpfelchen wurde er ihnen

beschrieben. Das ganze Lager war aufgestöbert.

Das Kreuz im Venn · 第 14 / 27 段